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Nino de Angelo im Interview - Auf dem Bild: Autor Reinhard Franke und Nino de Angelo | (c) Reinhard Franke für Wildwechsel
Nino de Angelo im Interview – Auf dem Bild: Autor Reinhard Franke und Nino de Angelo | (c) Reinhard Franke für Wildwechsel

(Leipzig) Nino de Angelo hat auf der einen Hand das Wort Gesegnet und auf der anderen das Wort Verflucht tätowiert. Dies ist eine Art Lebensmotto für ihn. Sein Leben verlief wie auf einer Achterbahn. Suizid-Versuche, wilde Partys, Exzesse, drei gescheiterte Ehen. Drogen bestimmten 30 Jahre seinen Alltag. Heute ist er nach eigener Aussage clean. Sogar mit der Musik wollte er brechen. Mehr über all diese Themen jetzt hier im Interview mit de Angelo!

Nino de Angelo im Interview mit Reinhard Franke

„Ich bin depressiv auf die Welt gekommen“

Mit der Album-Triologie „Gesegnet und Verflucht“ legte er 2021 ein fulminantes Comeback hin. Es war zugleich das mutigste und polarisierendste Werk seiner gesamten Karriere. Ab dem 30. September kommt der Sänger erstmals mit Band auf Tour – mit dem aktuellen Album „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ im Gepäck.

Herr de Angelo, was ist die Message des neuen Albums?

Nino de Angelo: Es ist mystisch und düster, weil meine Erfahrungen im Leben auch dementsprechend waren. Und ich habe mich aus dieser Dunkelheit immer wieder aufgerafft. Man kann sein Leben auf verschiedene Arten leben und ich habe anscheinend den harten Weg gewählt. Ich habe vieles richtig gemacht und genauso viel falsch, aber ich habe mich nie als Looser gesehen.

Ich wandel’ von einer Ewigkeit zur nächsten. All meine Erfahrungen spielen eine große Rolle in meinen Songtexten und in meiner Musik. Ich bin sehr froh, dass ich diese Musik jetzt machen darf. Schon vor 20 Jahren habe ich mich gegen mein Schlagerdasein gewehrt.

Warum?

Weil ich unterfordert war. Hinter 90 Prozent meiner Songs habe ich nie richtig gestanden. Ich habe immerhin 250 Lieder und 20 Alben aufgenommen und war dennoch nie der Schlagertyp.

Meine Wandlung war eine Befreiung

Nino de Angelo
Aber „Jenseits von Eden“ war ein Schlagerhit.

Der Song war etwas Neues, da war Schlager überhaupt nicht angesagt. Ich bin damals durch meine Art und den Song aufgefallen. Ich habe danach zu wenig Einfluss genommen auf das, was wichtig war für meine Karriere. Ich habe die Kohle genommen, habe gefeiert und auf andere gehört. Doch das hat mir auf Dauer nicht gut getan. Aber es hatte alles seinen Sinn, so zu werden, wie ich jetzt bin.

Die Album-Trilogie „Gesegnet und Verflucht“ von 2021 war das mutigste und polarisierendste Werk in Ihrer Karriere. Hätten Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Ich habe es mir gewünscht. Wenn man im Leben etwas macht, was man selber gut findet, ohne sich vorher Gedanken zu machen, dann ist das großartig. Ich hatte keinerlei Erwartungen. Simone, meine Freundin, steht sowieso nicht auf Schlager, sondern auf Rockmusik.

Sie konnte mit meiner früheren Musik nichts anfangen und dachte, ich wäre längst tot. Ich war in gewisser Hinsicht mehrmals tot. Dieses reine Schlagerding passte nie zu mir. Ich saß immer zwischen den Stühlen.

Und was haben Sie dann gemacht?

Nach dem letzten Plattenvertrag hatte ich überhaupt keinen Bock mehr auf Musik. 2018 wollte ich fast schon eine Pizzeria oder eine Piano-Bar eröffnen. Dann habe ich mir während der Pandemie in Ruhe ein kleines Studio eingerichtet und an neuen Songs gearbeitet. Und mit der Zeile „Gesegnet und Verflucht“ bin ich fünf Jahre schwanger gegangen.

Ohne dieses Lied hätte ich nicht überlebt

Nino de Angelo
Treffen diese beiden Worte für Ihr Leben in der Achterbahn zu?

Absolut. Deswegen fand ich den Titel auch so faszinierend. Vor sieben Jahren lernte ich eine Frau kennen, die eine Modefirma hatte mit dem Namen „Blessed & Cursed“. Ich musste erstmal nachschauen, was cursed heißt.

Und dann wusste ich, dass ich daraus einen Song machen werde. Und als ich keinen Gedanken mehr an die Musik verschwendet hatte, kam ein Anruf von einem Produzenten, der meinen Song irgendwie geil fand.

Sie lieben den Kontrast aus Licht und Schatten. Können Sie das näher erklären?

Mein Leben besteht aus Licht und Schatten. Je heller du scheinst, desto mehr Schatten wirfst du. Diese Gegensätze wie gesegnet und verflucht oder glücklich und unglücklich ziehen mich an. Ich habe in meinem Leben immer versucht, alles richtig zu machen, aber es ging nicht. Ich fühle mich von der Dunkelheit angezogen, dann will ich wieder ins Licht. Es ist teuflisch.

„Memento Mori“ – sei dir deiner Sterblichkeit bewusst. Eine Maxime, nach der auch Sie Ihr Leben ausrichten?

Ja. Bedenke, dass du sterblich bist. Das bedeutet ja eigentlich, dass Du leben sollst und irgendwann gehen musst. Mit dem Tag, an dem wir geboren werden, fangen wir an zu sterben. Ohne Leben, kein Tod. Der Sinn des Lebens ist das Leben.

Sie sagten mal „Ich rechne immer mit dem Tod, manchmal spüre ich ihn ganz stark.“ Sind Sie denn dem Tod schon mal von der Schippe gesprungen?

Alles, was ich sage oder worüber ich schreibe, ist wirklich authentisch und autobiografisch. Ich hatte Suizid-Versuche und fühlte mich irgendwie vom Tod angezogen.

Ich habe meinen Sohn nur als Baby gesehen

Nino de Angelo
Sie wollten sich umbringen?

Ja, ich war quasi schon tot. Ich hatte mich mit 34 erhängt und meine Ex-Frau, die Mutter meiner Kinder, schnitt den Strick durch. Ich bin depressiv auf die Welt gekommen. Als 7-Monats-Kind. Aber was mich immer befreit hat, war das Singen.

Mit neun Jahren habe ich schon gesungen wie ein Baumwoll-Pflücker, um meine Seele zu befreien. Die Depressionen hatten natürlich damit zu tun, dass ich viele Drogen konsumiert habe. Ich habe mich selbst misshandelt, so kam mir das vor. Und dann wollte ich einfach nicht mehr und habe mich am Springseil meines Sohnes aufgehängt. Ich war schon weg.

Heute leben Sie.

Und darüber bin ich froh. Ich bin aber Gefahren eingegangen, die es nicht gebraucht hat. Mit 19 hatte ich einen schweren Auto-Unfall. Ich bin mit 250 km/h in einen Tunnel reingefahren bin, in dem 80 erlaubt war. Das war so bescheuert. Und es war die Basis für den Text von „Jenseits von Eden“. Ich hätte mich fast tot gefahren wie James Dean.

Irgendwann war Schluss mit den Drogen…

Das hat lange gedauert. Wenn du so lange Drogen konsumierst, dann hast du immer Angst rückfällig zu werden. Speziell beim übermäßigen Genuss von Alkohol kommen wieder die alten Gedanken. Die Drogen haben meine Depressionen extrem verschlimmert.

Ich will das nicht mehr erleben und will auch nachts nicht mehr die Decke anstarren und nicht schlafen können. Ich versuche das so gut es geht von mir weg zu halten und meide auch die Kreise an Personen, wo es gefährlich wird. Bis zum Ende meines Lebens wird es diesen Nervenkitzel geben.

Wenn man Sie im Video zu „Ich sterbe nicht nochmal“ sieht und dann in „Zeit heilt keine Wunden“, dann sind da zwei verschiedene Menschen. Warum diese krasse Wandlung?

Ich konnte mich nicht leiden. Ich habe in den Spiegel geschaut und gedacht ‚Das bist Du nicht!‘. Irgendwann dachte ich mir, dass ich mir alles, was mir wichtig ist, tätowieren lassen muss. Mein erstes Tattoo hatte ich mit 27.

Die Hände mit „Gesegnet und Verflucht“ kamen vor drei Jahren dazu. Das war ein Statement. Ich habe mir auch mal ein Tattoo für eine Ex stechen lassen, komischerweise haben sich die Frauen nie meinen Namen tätowieren lassen. (lacht)

Diese krasse Wandlung war gewollt?

Schon. Ich war zweimal pleite und dachte mir ‚Nino, dein Leben verlief so hart, du brauchst eine Veränderung.‘ Dieses Guter-Junge-Image passte einfach nicht zu mir, weil das Leben auch nicht freundlich zu mir war.

Ich wollte einfach so sein und so aussehen, wie ich bin. Ich habe viele Narben, habe zweimal den Krebs besiegt und habe drei Bypässe. Wenn du dich gefunden hast und dazu stehst, anstatt dir etwas vorzumachen, dann fühlst du dich wohler. Deshalb diese krasse Wandlung.

Im Video zu „Zeit heilt alle Wunden“ sieht man Die mit schwarzer Kapuze überm Kopf. Das war nicht künstlich gewollt, oder?

Meine Wandlung war eine Befreiung. Ich konnte im Video endlich mal meine dunkle Seite zeigen, sie zieht mich magisch an. In der Schlagerszene darfst du alles zeigen, nur nicht deine dunkle Seite.

Ich fühle mich von der Dunkelheit angezogen

Nino de Angelo
Gibt es den fröhlichen Nino de Angelo gar nicht mehr?

Doch. Es gibt dieses Riesen-Kind in mir, das nie sterben wird. Ich mache manchmal nur Blödsinn und bin schon fröhlich, auch, um mich selbst zu motivieren. Mir gefallen zudem Ironie und Sarkasmus sehr. Ich habe einen sehr schwarzen Humor. Das Mystische brauche ich aber auch.

Was hat Sie am früheren Nino am meisten gestört?

Dass ich immer in die Kameras lachen sollte. Da hätte ich immer kotzen können. Ich fand mich dann immer scheiße, finde mich eigentlich viel cooler, wenn ich nicht lache. Ich habe aber auch mal schlechte Laune, weil mein Kopf wird oft ganz schön gefickt.

Privat sind Sie seit fünf Jahren mit Simone sehr glücklich.

Ganz genau. Mit Simone klappt es deshalb so gut, weil sie mich nicht verändern will. Sie lässt mich so, wie ich bin. Meine Ex-Frauen wollten mich verbiegen. Das ist der größte Fehler, den man bei mir machen kann. Simone akzeptiert mich mit meiner Vergangenheit.

Was war Ihr größter Fehler in den vergangenen Jahren?

Es gibt einen Riesenfehler. Es geschah nach der Trennung von meiner letzten Frau. Ich war drei Tage mit einer Frau zusammen und daraus ist ein Kind entstanden. Ich kenne meinen Sohn nicht. Ich werde leider nie ein Vater für ihn sein können. Ich habe damit sehr zu kämpfen und das verzeihe ich mir nicht. Ich habe meinen Sohn nur als Baby gesehen.

Warum suchen Sie jetzt nicht den Kontakt?

Es ist doch nie zu spät. Weil die Mutter des Kindes mir nicht gut tut! Wenn der Junge etwas älter und selbstständig wird, steht meine Tür jederzeit für ihn offen.

Ich war rastlos und gierig nach Leben

Nino de Angelo
Würden Sie heute noch „Jenseits von Eden“ singen?

„Jenseits von Eden“ singe ich tatsächlich immer noch, aber in einem anderen Kleid mit mehr Gitarren. Ich kann nicht von der Bühne gehen, ohne diesen Song gesungen zu haben. „Jenseits von Eden“ hat 40 Jahre meine Miete bezahlt. Ohne dieses Lied hätte ich nicht überlebt.

Ist es eigentlich ein Lob für Sie, wenn Sie in die Ecke Unheilig gesteckt werden?

Ich bin meine eigene Marke. Für das neue Album habe ich extra das Produzenten-Team gewechselt, weil mir das mit Unheilig auf die Nerven geht. Natürlich ist meine Musik dark, aber es hat mit Unheilig nichts zu tun.

Sie waren früher nicht der liebe Junge von nebenan. Wieviel Arschloch steckt noch in Ihnen?

Ich wollte es würde noch viel mehr Arschloch in mir stecken. Weil dann hätte ich in meinem Leben nicht so viele Enttäuschungen erleiden müssen. Ich war immer wie eine Zielscheibe. Frauen gegenüber war ich aber stets ein Gentleman. Ich bin kein Macho.

Ich habe mich nie als Looser gesehen

Nino de Angelo
Was wünschen Sie sich?

Dass ich meinen Seelenfrieden finde. Ich wünsche mir, dass meine Eltern noch länger leben und ich will auf jeden Fall weiter mit Simone glücklich sein. Ich bin froh, dass sie den alten Nino nicht kennengelernt hat. Ich war rastlos und gierig nach Leben. Ich möchte erfolgreich sein und gesund bleiben. Jetzt freue ich mich erstmal auf die Tour. Zum ersten Mal in 40 Jahren bin ich mit einer Rockband auf Tour. Das wird geil.

Autor: Reinhard Franke

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Von Wildwechsel

Online-Redaktion des Printmagazin Wildwechsel. Wildwechsel erscheint seit 1986 (Ausgabe Kassel/Marburg seit 1994). Auf Wildwechsel.de veröffentlichen wir ausgewählte Artikel der Printausgaben sowie Artikel die speziell für den Online-Auftritt geschrieben wurden.

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