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Fury In The Slaughterhouse im Interview mit Reinhard Franke | (c) Ronja Hartmann
Fury In The Slaughterhouse im Interview mit Reinhard Franke | (c) Ronja Hartmann

Fury in the Slaughterhouse gehörte in den 1990er-Jahren zweifelsohne zu den erfolgreichsten deutschen Musikgruppen. 2008 löste sich die Hannoveraner Band aufgrund von internen Streitereien auf. 2017 dann das Comeback. Das erfolgreiche Album „Now“, das während Corona 2021 erschien, war dann das endgültige Startsignal für die fünf Musiker weiterzumachen. Interview mit Reinhard Franke

Fury in the Slaughterhouse-Interview

mit den Gründungsmitgliedern Thorsten und Kai Wingenfelder

Reinhard Franke: Was ist gerade Ihre große Hoffnung?

Kai Wingenfelder: Es bleibt einem nichts anderes übrig, als zu sagen, dass dieser dämliche Idiot (Russlands Präsident Vladimir Putin, d. Red.) im Osten mal gerade geht und mit diesem Scheiß aufhört. Aber da bin ich ein wenig skeptisch. Leider.

Global ausgedrückt: Dass die Intelligenz doch vor der Blödheit siegt. Aber ich glaube auch das wird nicht passieren. Es ist gerade sehr schwierig für mich. Wenn wir nichts dazu lernen und nicht das Eigen-Wohl hinter das Allgemein-Wohl zurück stellen, werden wir nicht weiterkommen. Man ist ein bisschen hilflos.

Und worauf hoffen Sie?

Thorsten Wingenfelder: In den vergangenen drei Jahren sind so viele Dinge aus der Balance geraten. Menschen sind in komischen Gedanken abgedriftet und wir als Band versuchen mit diversen Projekten und auch im privaten Bereich ein Gleichgewicht zu erzeugen, in dem man leben kann.

Ich mache mir keine großen Illusionen, dass ich die Welt retten werde, aber mit der Balance, Gesprächen, Authentizität, Offenheit und Freunden lässt sich eine Menge machen. Wir müssen im emotionalen Sinn wieder Boden unter die Füße kriegen. Das ist mein Ziel. Da bin ich ganz bescheiden.

Wie machen Sie das im privaten Bereich?

Kai Wingenfelder: Wir geben nicht auf. Das ist auch meine größte Hoffnung, dass wir alle nicht aufgeben und die Ziele, die wir haben, weiter verfolgen und das Gute, das wir machen wollen, voran treiben. Für das, was wir für richtig halten, müssen wir einstehen. Wir versuchen privat die Dinge zu verändern, die wir verändern können. Wir dürfen nicht stehen bleiben.

Wir dürfen nicht stehen bleiben

Kai Wingenfelder
Kann Musik wirklich die Welt verändern?

Thorsten Wingenfelder: Ich glaube schon. Musik ist so etwas wie Benzin für ein Auto und Energie, die du brauchst, damit die ganze Chose läuft. Mit bestimmter Musik kann man schon sehr viel bewegen und das verändert etwas.

Kai Wingenfelder: Als Musiker hast du erst dann etwas erreicht, wenn du Menschen bewegen kannst. Ansonsten drehst du dich im Kreis. Wir brauchen jetzt positive Gefühle und die Kraft, um Dinge zu verändern. Da kann Musik helfen. Sie kann die Welt mit verändern.

Da kann Musik helfen

Kai Wingenfelder
Fury In The Slaughterhouse im Interview mit Reinhard Franke | (c) Ronja Hartmann
Fury In The Slaughterhouse im Interview mit Reinhard Franke | (c) Ronja Hartmann
Wieviel können Sie mit Ihren Konzerten jetzt erreichen? Können Sie es nach Corona anders genießen?

Kai Wingenfelder: Wir machen das, was wir vorher auch gemacht haben. Es gab immer irgendwo Krieg. Egal, wann wir gespielt haben. Es gab auch Kriege in Afrika, da sind viel mehr Menschen gestorben als in der Ukraine.

Auch haben wir nicht erst seit heute Klima-Probleme. Wir können wieder Konzerte spielen und das tun, was wir lieben. Wir wollen Menschen mit unserer Musik eine gute Zeit bereiten. Es ist nicht so anders, wir haben es nur zwei Jahre nicht machen können.

Thorsten Wingenfelder: Corona ist für mich noch nicht vorbei. Die Nachwirkungen sind extrem. Wir sind nicht da, wo wir vorher waren und da kommen wir auch nicht mehr hin. Du weißt gerade nicht, was für ein Wetter ist.

Eine Menge Künstler kämpfen sich durch das Unterholz. Wir haben unser letztes Album während Corona „Now“ genannt und jetzt „Hope“. Das hätten wir vor 20 Jahren nicht gemacht, weil beides ganz profane Album-Titel sind, die aber jetzt ganz wichtig sind.

„Hope“ ist das zweite Studioalbum nach der Réunion 2017. Ist Fury jetzt dauerhaft wieder da?

Thorsten Wingenfelder: Wir sind damals mit dem Swingerclub-Motto „Alles kann, nichts muss“ gestartet und waren plötzlich in einem kreativen Prozess drin, den wir noch nie hatten. Nach „Now“ hatten wir das Gefühl, dass unsere Geschichte nicht zu Ende erzählt ist. Dann bekamen wir die Chance für ein neues Album. Wir haben uns nach vorne bewegt. Es macht echt wieder Bock.

Hier gibt's das neue Fury in the Slaughterhouse Album "Hope" als Vinyl (Ltd. Coloured, Signed, Recycled), Mp3 oder CD!
Und da, wo Fury drauf steht, ist weiter auch Fury drin?

Kai Wingenfelder: Schon, aber Fury hat sich in den vergangenen Jahren verändert – nicht immer zum Positiven. Die beiden jüngsten Alben waren für uns wichtig. „Now“ war der Test-Ballon und sehr rockig mit kurzen, knackigen Nummern.

Dieses Mal rocken wir auch, aber der Rest vom Album hat einen großen Pop-Anteil. Und es ist auch experimentell. Es ist eine sehr abwechslungsreiche Platte. Wir sind wieder mutiger geworden.

Wir sind wieder mutiger geworden

Kai Wingenfelder
Wer hatte die Idee zum Album-Titel „Hope“?

Thorsten Wingenfelder: Wie bei „Now“ auch Christof (Stein-Schneider, d. Red.). Er saß irgendwann da und meinte, dass viele Texte das Thema Hoffnung behandeln. Und dann sagte er aus dem Bauch raus ‚Lass und das Album „Hope“ nennen.‘ Ich dachte dann, dass Hoffnung echt krass ist.

Die Fußball-Fans wissen, was ich meine. Manchmal stirbt die Hoffnung auch zuletzt. Aber gerade jetzt ist das ein wichtiger Begriff. Wir dürfen nicht die Nerven verlieren und müssen uns selber vertrauen. Wir müssen einfach hoffen. Genießt dabei die kleinen Momente. Nur Vernunft ist doof.

Nur Vernunft ist doof

Thorsten Wingenfelder
Haben Sie sich gewundert, dass die Fury-Réunion eine Art Selbstläufer wurde?

Thorsten Wingenfelder: Es ist kein Selbstläufer. Corona bedingt konnten wir viele Konzerte lange gar nicht spielen. Wir konnten nur die Auto-Konzerte spielen. Dann gab es die Strandkorb-Reihe und dann gab es die Nachhol-Gigs.

Dieser Über-Nacht-Erfolg war zwar da, wir mussten ihn uns aber auch hart erarbeiten. Jetzt kommen wir gut durch. Man mag uns weiterhin. Wir haben eine treue Fangemeinde. Andere Künstler haben leider nach wie vor Probleme.

Zoff gibt es nicht mehr? Das war ja früher öfter der Fall.

Kai Wingenfelder: Wir hatten uns seit 2016 nicht mehr in der Wolle. Das gab es in der ganzen Bandgeschichte nie. Wir sind einfach älter geworden, wissen, was wir jetzt besser machen wollen und haben festgestellt, was wir einander haben. Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich mit Fury verbracht. So etwas tritt man nicht einfach in die Tonne.

Würden Sie eigentlich bei der Sendung „Sing meinen Song“ mitmachen?

Kai Wingenfelder: Es gab die Überlegung, aber ohne mich. Bei mir würde es hängen bleiben. Ich möchte dieses Format nicht machen. Bei mir ist nicht immer gute Laune angesagt und ich finde auch nicht alles toll. Es gibt Versionen von Songs, die nicht besser als das Original sind und dann kann ich mich da nicht hinsetzen, ein bisschen weinen und sagen ‚Wow!‘ Ich finde das nicht so cool.

Ich würde da auch mal sagen: ‚Das war jetzt so wie, wenn im Zeugnis steht, dass man stets bemüht war.‘ Außerdem werden Sachen rausgeschnitten, die für mich vielleicht drin bleiben sollen. Ich bin halt nicht der Typ für Friede, Freude, Eierkuchen.

Autor: Reinhard Franke

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Von Wildwechsel

Online-Redaktion des Printmagazin Wildwechsel. Wildwechsel erscheint seit 1986 (Ausgabe Kassel/Marburg seit 1994). Auf Wildwechsel.de veröffentlichen wir ausgewählte Artikel der Printausgaben sowie Artikel die speziell für den Online-Auftritt geschrieben wurden.

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