Bitte bewerte diesen Artikel

 Lesedauer: 5 Minuten
Extrabreit live beim Hause-Rock Festival | (c) Fedor Waldschmidt
Interview mit Kai Havaii | Auf dem Archivfoto mit Stefan Kleinkrieg von Extrabreit live on stage! | (c) Fedor Waldschmidt

Extrabreit kommen aus Hagen im Ruhrpott, was auch die Heimat von Nena ist. Ein Rock’N’Roll–Phänomen aus der Provinz, das in 45 Jahren legendär geworden ist. Aktuell sind „die Breiten“, wie sich die Fünf nennen, auf ihrer beliebten Weihnachts-Blitz-Tour – auch in unserer Region. Der Journalist Reinhard Franke hat mit Sänger Kai Havaii (66) über das heutige Tour-Leben, die aktuelle Lage in Deutschland und Weihnachten gesprochen.

Kai Havaii im Interview

Reinhard Franke: Was macht Extrabreit nach 45 Jahren für Sie immer noch zu einer Herzensangelegenheit, Herr Havaii?

Kai Havaii: Unsere Kameradschaft und Freundschaft untereinander, die Zuneigung unserer Fans und das Vergnügen daran, immer noch ganz guten Lärm machen zu können.

Sie sind aktuell wieder auf Weihnachts-Blitz-Tour. Was ist eigentlich das Besondere an dieser Reise zum Jahresende?

Es sind eben Clubkonzerte, bei denen es eine große Nähe zu unseren Fans gibt. Die ganze Tour ist ein bisschen wie ein Familientreffen. Man sieht da viele Gesichter, die man schon seit ewiger Zeit kennt. Ich mag auch dieses ganze Weihnachtsflair unterwegs: die Lichter, dieses Gefühl zum Jahresende, überhaupt die ganze, ein bisschen verzauberte Stimmung in dieser Zeit.

Gibt es eine Anekdote von einem Weihnachts-Konzert?

Vor etwa zwanzig Jahren haben wir im Rahmen der Tour ausnahmsweise mal bei einem sogenannten  NDW-Festival in der ausverkauften Westfalenhalle in Dortmund gespielt. Man hatte uns quasi mit Geld gezwungen.

Als wir auf der Bühne standen, mussten wir feststellen, dass sämtliche Verstärker und Mikros streikten. Da hat Rolf (Schlagzeuger Rolf Möller, d. Red.) die ersten zehn Minuten allein mit einem wüsten Drum-Solo bestritten. Das mehr auf Bonbon-Pop vom Playback eingestellte Publikum war, gelinde gesagt, ziemlich verstört…

Proben ist wie Sex mit Kondom

Kai Havaii im Interview
Es gibt auch einige neue Songs? 

Oh ja, vier an der Zahl. Und die fügen sich, wie wir gesehen haben, wunderbar in das Klassikerprogramm ein. 

Die Klassiker hat die Band sicher drauf. Sie sollen kein Fan von Band-Proben sein. Stimmt das?

Sagen wir mal so: Proben ist für mich ein bisschen wie Sex mit Kondom. Manchmal muss es sein, aber das Wahre ist es nicht. Nee, im Ernst: Wir mischen unser Programm immer mal durch, aber eigentlich haben wir alles längst in unserer DNA.

Ich bin außerdem in der glücklichen Lage, Abläufe und Texte immer noch schnell abrufen zu können. Deshalb komme ich vor einer Tour mit einem Probetag gut aus. Die Band probt ohne mich in der Tat häufiger, aber das liegt auch daran, dass ich eben weit weg lebe von Hagen und nicht ständig reisen will und kann. 

Der Journalist Reinhard Franke (l.) traf Kai Havaii vor dem Konzert in München zum Interview | (c) Reinhard Franke für Wildwechsel
Der Journalist Reinhard Franke (l.) traf Kai Havaii vor dem Konzert in München zum Interview | (c) Reinhard Franke für Wildwechsel
Was ist heute bei Extrabreit anders auf Tour, außer, dass es keine Drogen mehr gibt? 

Alles hat seine Zeit und vieles, das früher dazugehörte, braucht man jetzt nicht mehr. Im Rückblick ist es für mich manchmal unvorstellbar, wie wir das früher durchgehalten haben. Heute gibt’s vor dem Gig ein, zwei Bier und danach auch mal einen Wodka Kirsch. Und das war’s. 

Was nervt auf Tour auch mal ganz schön? 

Der Reisestress. Ich bin ja ständig mit der Bahn unterwegs, und Eingeweihte wissen, was das bedeutet. Verspätungen, Zugausfälle – geht auch alles ohne Streik. Und außerdem merke ich inzwischen, dass drei Shows am Stück ohne Pause – das ist der übliche Rhythmus – hart an meine Substanz gehen. Sowohl physisch als auch mental.

Weil die anderen in der Band das ähnlich empfinden, haben wir beschlossen, in Zukunft ein bisschen kürzer zu treten und auf der Tour fast nur noch Zweierblöcke zu spielen. Und auf die eine oder andere kleinere Show zu verzichten.

Wir brauchen einfach mehr Zeit zur Regeneration als früher. Das liegt auch daran, dass wir verdammt intensiv musizieren und meistens auch nicht im gemütlichen Foxtrott-Tempo. Wir werden ja auch nicht die ganze Zeit auf Sänften herumgetragen wie die Stones. (lacht)

Wie denken Sie über die aktuelle Lage in der Welt? Der Krieg im nahen Osten erschüttert nur noch. Man spürt, dass der Antisemitismus wieder aufflammt. Oder? 

Ja, die älteste Verschwörungstheorie der Welt boomt gerade wieder. Allerdings muss man nicht unbedingt jede berechtigte Kritik an Israel als Antisemitismus diffamieren. Aber das Existenzrecht Israels zu bestreiten und ihm einen gezielten Genozid an den Palästinensern zu unterstellen, ist einfach unanständig.

Die Hamas ist auch keine Befreiungsorganisation

Kai Havaii im Interview

Die Hamas ist auch keine Befreiungsorganisation, sondern keinen Deut besser als der IS. Es sind eben leider auch die Radikalen auf der palästinensischen Seite, die sich oft genug hoffnungsvollen Kompromissen verweigert haben. Mich beschäftigt das Thema sehr, was man ja an meinem letzten Thriller „Hyperion“ sehen kann. 

Hyperion - Kai Havaii von Extrabreit - (c) Aufbau Digital
Hyperion – Kai Havaii von Extrabreit – (c) Aufbau Digital | hier bei Amazon ab 0,- €
Worum geht es?

Darin geht es um antijüdischen Terror und auch um die unheilvolle Verbindung zwischen linksextremem, rechtsextremem und islamistisch motiviertem Juden-Hass. Als der Roman vor gut einem Jahr erschien, konnte ich allerdings nicht ahnen, wie allgegenwärtig das Thema in diesen Tagen sein würde.

Wie sehen Sie die aktuelle Situation in Deutschland? Macht es Ihnen Angst, dass wieder antisemitische Parolen rausgebrüllt werden und die Politik schaut nur zu?

Außer Symbolpolitik geht da sowieso nichts mehr. Der Zug ist abgefahren. Die politischen Fehler, die bei der Migration gemacht worden sind, lassen sich nun mal nicht rückgängig machen. Der unsinnige Glaube, dass die vielen Muslime, die zu uns gekommen sind, unsere westlichen Werte übernehmen, fordert jetzt seinen Tribut.

Wie werden uns daran gewöhnen müssen, in einer kulturell, politisch und moralisch vollkommen zerrissenen und zersplitterten Gesellschaft zu leben. Lummerland ist abgebrannt. 

Ein Recht auf ein bisschen Glück

Kai Havaii (Extrabreit) im Interview
Der Krieg in der Ukraine rückt irgendwie erschreckend in den Hintergrund. Stumpfen die Leute mehr und mehr ab? 

Das war nicht anders zu erwarten. Es wäre auch eine kognitive und emotionale Überforderung, das ganze Elend der Welt ständig auf den eigenen Schultern zu tragen. Dennoch wäre es wichtig, diesen Krieg nicht aus den Augen zu verlieren und die Ukraine weiter zu unterstützen.

Putin ist eine sehr reale Bedrohung für die Freiheit Europas. So wie auf der ganzen Welt autoritäre und totalitäre Mächte auf dem Vormarsch sind. Es gab da in den 1980er-Jahren ein Album der von mir sehr geschätzten Band Abwärts mit dem Titel „Der Westen ist einsam.“ Damals war das reinste Ironie, heute ist es blanke Realität.

Kann man in diesen Zeiten überhaupt entspannt Weihnachten feiern?

Man sollte es jedenfalls – sich einfach aus stöpseln und offline gehen. Spazierengehen, sich den Himmel anschauen. Und daran denken, dass das Leben kurz ist und dass man ein Recht auf ein bisschen Glück hat.

Gab es bei Ihnen ein schönes Weihnachtswunder?

Das schönste Wunder ist für mich an jedem Weihnachten, dass ich es bei guter Gesundheit erleben darf. Das war bei meiner Vergangenheit nicht unbedingt garantiert und ist es mit sechsundsechzig sowieso nicht. Allzu viele alte Weggefährten sehen sich die Radieschen schon von unten an.  

Wie feiern Sie Weihnachten? Stichwort: Feste Rituale…

Ich werde Weihnachten wie immer mit meiner Frau bei der Familie meiner Schwester verbringen. Sie kocht dann immer was Feines, manchmal aber auch ich beziehungsweise mein Schwager. Es wird viel mit den Neffen gequatscht, von denen der jüngere – der ist sechzehn – ein echt begabter Gitarrist ist.

Er steht erstaunlicherweise – und ohne mein eigentliches Zutun – total auf klassischen Rock wie Black Sabbath oder Guns N’ Roses. Ich bin sehr gespannt, was mal aus ihm wird. Mit meiner Schwester kann ich auch immer gut politisieren. Da geht es oft hoch her, es bleibt aber immer fair.

Autor: Reinhard Franke

Extrabreit: Auf Tour durch Deutschland
Surftipps zu Kai Havaii & Extrabreit

Fünf interessante Ww-Interviews

Von Wildwechsel

Online-Redaktion des Printmagazin Wildwechsel. Wildwechsel erscheint seit 1986 (Ausgabe Kassel/Marburg seit 1994). Auf Wildwechsel.de veröffentlichen wir ausgewählte Artikel der Printausgaben sowie Artikel die speziell für den Online-Auftritt geschrieben wurden.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.