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Im Interview: Annett Louisan – Kleine Lady ganz groß!

am 27 Dezember 2007 von Wildwechsel

Im  Interview: Annett Louisan - Kleine Lady ganz groß!

Annett Louisan

Die zierliche Grande Dame (sie ist nur 1,52 m groß) des deutschen Chansons meldet sich wieder zurück – verzückt, verspielt und verrucht. Nach einer wohl verdienten Pause philosophiert Annett Louisan über „Das optimale Leben“. Am Donnerstag, 31.01. 2007, macht sie im Zuge ihrer Tour durch Deutschland, die Schweiz und Österreich Halt in der Kasseler Stadthalle. Vorab verriet die zugezogene Hamburgerin im Ww-Interview nicht nur wie sie sich zu ihren neuen Songs inspirieren ließ, sondern spricht u.a. auch über ihre Kindheitserinnerungen an die DDR.

Ww: Dein neues Album heißt das optimale Leben. Was sieht denn für dich das optimale Leben aus?
Annett Louisan: Perfektion gibt es nicht und einen optimalen Zustand kann man nur in ganz kleinen Momenten haben. „Das optimale Leben“ ist natürlich ironisch gemeint!

Ww: Also bist du wie jeder andere Mensch noch bei der Selbstfindung?
Ja, natürlich. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre schon da angelangt, wo ich sein möchte – das wäre ziemlich dramatisch. Ich habe ja noch ein paar Jahre vor mir habe.

Ww: Was können deine Fans von deinem neuen Album erwarten. Gehst du neue Wege oder bleibst du deinem Stil treu?
Natürlich will ich mich nicht wiederholen – tue ich auch nicht! Was die Themen angeht ist es schon eine andere Gedankenwelt als noch bei „Bohème“. Zu der Zeit habe ich versucht die Welt noch etwas überzogen darzustellen. Mit dem „Optimalen Leben“ bin ich eher in der Realität gelandet, die auch entwaffnend ist.

Ww: Also ist das Album erwachsener als die anderen?
Das Wort „erwachsen“ passt mir eigentlich nicht so. Ich denke es ist wichtig, dass man offen bleibt für neues, und es ist mein Ziel auch noch mit 60 Jahren die jüngeren Generationen zu verstehen.

Ww: Was verarbeitest in deinen neuen Songs?
Nach zwei erfolgreichen Alben, habe ich mich natürlich gefragt „oh Gott, was kommt da jetzt noch? Was musst du machen, um dich nochmal so zufrieden zu stellen?“. Es ist nicht ganz einfach, sich immer wieder übertreffen zu müssen. Die vielen Ängste, der Druck und die Erkenntnisse daraus habe ich auf dieses Album gepackt.

Ww: Wie kommt man eigentlich dazu wieder Chanson zu singen? In Zeiten von Techno, R‘N‘B und Hip-Hop ist das ja schon gewagt?
Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Die Philosophie der deutschen Musikindustrie halte ich zum großen Teil für komplett falsch. Immer eine amerikanische Kopie anzufertigen und als deutsches Pendant anzubieten ist keine Nische, in der man sich dauerhaft bewegen kann. Man muss sich als Musiker immer selbst definieren, auch mit einer Stimme, die erstmal speziell ist und die anders klingt.
Es war auch nicht von Anfang an klar, dass ich Chansons machen will. Das hat sich entwickelt. Ich hatte einfach das Bedürfnis handgemachte Musik ohne „crash-boom-bang“ zu machen – klein und fein.

 

Also wenn man nichts zu sagen hat, darf man nicht auf deutsch singen!

 

Im  Interview: Annett Louisan - Kleine Lady ganz groß!

Annett Louisan

Ww: Oft ist es so, dass wenn jemand was neues ausprobiert und damit Erfolg hat, dass auf einmal ganz viele kommen und das gleiche machen. Warum glaubst du ist das bei dir nicht so?
Einerseits gehen momentan viele ihren eigenen Weg und andererseits ist es auch nicht so leicht kopierbar. Aber genau kann ich mir das nicht erklären, ich hätte auch damit gerechnet, dass es mehr in der Richtung geben würde.

Ww: Haben Männer eigentlich nach deinem Debüt-Song „Das Spiel“ anders auf dich reagiert? Männer haben doch oft Angst vor starken Frauen, sagt man. Oder ist das ein Gerücht?
Da ist schon was wahres dran, aber das ist durchaus nicht bei allen Männern der Fall. Was viel überraschender für mich war, ist die Tatsache, dass Männer darauf viel positiver reagiert haben als Frauen. Eigentlich habe ich „Das Spiel“ immer für einen Frauensong gehalten. Das war komplett falsch! Man darf den Song natürlich auch nicht überinterpretieren. Es ist eine Geschichte von vielen, die dann ein Hit geworden ist. „Das Spiel“ hat mir natürlich unheimlich geholfen und eine Tür aufgemacht. Viele meiner Fans habe ich aber nicht wegen, sondern trotz des „Spiels“, muss ich sagen.

Ww: Was findest du an einem Mann besonders sexy?
Intelligenz und Humor – Ende! Das macht ihn einfach schön, unabhängig vom Aussehen.

Ww: Momentan kursiert eine regelrechte DDR-Nostalgie-Welle? Wie hast du deine Kindheit in der ehemaligen DDR in Erinnerung?
Ich habe meine Kindheit in positiver Erinnerung. Das liegt aber allein an meiner Familie und nicht an der DDR. Ich bin sehr froh, dass das ostdeutsche Regime zusammengebrochen ist und das mir die Möglichkeit gegeben hat als freier Mensch aufzuwachsen. Wenn man nicht frei sprechen und denken kann, dann beeinflusst das einen Menschen. Gott sei Dank hatte ich früh genug diesen Bruch.

Ww:…sonst wärst du wahrscheinlich heute auch nicht da wo du jetzt bist, oder?
Ganz bestimmt nicht! Aufgrund dessen weiß ich Freiheit auch viel mehr zu schätzen als vielleicht andere Menschen.

Ww: Deine Songs drehen sich oft um die Liebe. Ist das auch privat ein zentrales Thema, das dich beschäftigt?
Ich bin schon ein politischer Mensch und habe viele Themen, aber die Liebe ist für mich ein sehr zentrales Thema! Ich lege sehr viel Wert auf Zwischenmenschlichkeiten. Ich liebe es mit Menschen intensive Gespräche zu führen, um zu erfahren, was sie wirklich bewegt. Das ist das schönste Thema für Musik. Die Liebe ist das Thema dieser Welt. Alles, was wir tun – Macht, nach der wir streben, Anerkennung, Karriere, etc. – wird von dem Wunsch nach Liebe und Zuneigung gelenkt.

Ww: Die Öffentlichkeit verpasst dir immer verschiedene Images. Mal ist es die Femme fatale, die Lolita, der Vamp oder die Romantikerin. Wären die Leute manchmal überrascht, wenn sie dich privat sehen würden? …vielleicht wie du bei Chips und Bier und in voller Fan-Montur das Fußball-Spiel von St.Pauli verfolgst?
Klar. Wenn man eine bekannte Person ist, können viele Menschen nicht dahinter gucken. Das ist aber auch gut so. Wenn ich im goldenen Käfig sitzen würde, könnte ich auch nicht diese Lieder schreiben. Ich mag es mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen und nicht nur Ja-Sager um mich herum stehen zu haben. Es gibt einen kleinen Zirkel des Vertrauens und bei den Leuten weiß ich Bescheid und kann mich auf sie verlassen.

Ww: Das sind meistens auch die Leute, die man vor dem Erfolg kennengelernt hat, oder?
Genau. Es gibt natürlich auch Leute, die ich danach kennengelernt habe und die ich sehr schätze. Das sind aber auch Leute, die mit dem Business zu tun haben und hinter die Kulissen schauen können. Aber es ist nicht wirklich schlimm. Ich habe bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht, auch nicht mit Journalisten.

Ww: Man sagt, dass es schwieriger ist auf deutsch zu singen und deshalb viele deutsche Künstler auf englisch zurück greifen. Stimmt das und stand für die schon immer fest, dass du auf deutsch singen willst?
Nicht immer, das war eine Entwicklung. Nicht die Sprache an sich ist schwierig (denn Deutsch ist eine sehr poetische Sprache), sondern die Tatsache, dass es in Deutschland die Muttersprache ist, die jeder versteht. Da muss man natürlich Qualität bringen. Also wenn man nichts zu sagen hat, darf man nicht auf deutsch singen!

Ww: Ist dir eigentlich auf der Bühne schon mal etwas richtig peinliches passiert?
Gott sei Dank noch nicht. Ich hatte noch nie einen Totalausfall, aber der kommt bestimmt – einmal im Leben kommt der! Gerade wenn sich die Routine einschleicht passieren die größten Fehler! Den Respekt vor der Bühne habe ich nach wie vor und das hat mich bisher vor großen Fehlern bewahrt.

» Das Interview führten wir für die Wildwechsel-Ausgabe 12-2007

» [ www.annettlouisan.de ]


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