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Interview mit der Band Kytes: "Social Media bringt ein enormes Suchtpotenzial mit sich."
Interview mit der Band Kytes: „Social Media bringt ein enormes Suchtpotenzial mit sich.“ | (c) Max Bublak

Die Band Kytes sind eine der relevantesten, deutschen Vertreter der Indie-Musik. Sie wurden international ein heißes Thema und haben bereits ausverkaufte Europatourneen gespielt. Mit dem aktuellen Album „To Feel Something At All“ sind die Vier demnächst wieder unterwegs. Ein optischer Hingucker: Neuerdings treten Kytes in rosa Anzügen auf. Schlagzeuger Timothy Lush hat mit unserer Redaktion gesprochen.

Kytes im Interview mit Reinhard Franke

Reinhard Franke: Kytes gibt es seit acht Jahren. Wie blicken Sie zurück?

Wow! Acht Jahre. Es fühlt sich definitiv kürzer an. Auf jeden Fall mit einigen Highs und Lows aber so muss das auch sein. Vielleicht kann man die Zeit in die drei Alben Zyklen einteilen. Beim ersten Album war alles neu aber auch einschüchternd und wir mussten schnell verstehen, dass unser Team damals nicht optimal war. Das zweite Album wurde leider komplett von Corona eingedämmt. Jetzt stehen wir beim dritten Album mit einem tollen Team, ohne Corona und viel Dankbarkeit für das, was wir machen dürfen.

Es ging alles rasend schnell. Wie haben Sie das realisiert?

Das was du beschreibst ist ein Blick von außen. Wenn man mittendrin steckt, sieht man das oft nicht so klar. Wir wollten immer mehr, haben uns immer mit größerer KünstlerInnen verglichen. Mit der Zeit und auch mit Corona haben wir gelernt dankbarer zu sein und alles in eine gesunde Relation zu setzten. Wir sind wirklich sehr dankbar dafür, dass wir Touren & Festivals quer durch Europa spielen dürfen und unsere Musik überall auf der Welt gehört wird.

Im Video zu „Out Of Time“ und auch auf der Bühne tragen Sie neuerdings Anzüge, zum Beispiel in rosa. Wie kam es zu der Idee?

Die Idee zu Out Of Time ist, dass wir Zeitreisende sind. Out Of Time heißt für uns vor allem aus der Zeit gefallen. Das passt auch ganz gut zu unserem back to the roots Indie Album in 2023. Die rosa Anzüge waren die Idee von Joyce Eder. Sie hat sich die Kostüme fürs Video überlegt und wir fanden die so gut, dass wir sie den ganzen Sommer auf den Festivals getragen haben.

Interview mit der Band Kytes: Angst vor TikTok? „Wir halten generell nicht viel von Verboten“ | (c) Max Bublak
Interview mit der Band Kytes: Angst vor TikTok? „Wir halten generell nicht viel von Verboten“ | (c) Max Bublak
Optisch bildet Sie auf der Bühne eine Einheit. Wie ist es im richtigen Leben?

Wir sind auch in real life beste Freunde. Kerim und Michi seit der Krabbelgruppe. Tim kam mit 7 Jahren im Fußball Verein dazu. Thommy etwas später. Wir haben schon zusammen als Schülerband gespielt und konnten so langsam zusammen wachsen. Wir verbringen so viel Zeit gemeinsam, das ist schon sehr wichtig.

Sie haben 2020 mal an einem Tag drei Konzerte in München gespielt. Was war da los? Erzählen Sie doch mal?

Das Triple M war am 28.02.2020. Am gleichen Tag haben wir unser zweites Album „good luck“ veröffentlicht. Das mit dem Namen war wohl keine so gute Idee. Zwei Wochen darauf war lockdown. Der Tag wird aber immer sehr besonders bei uns in Erinnerung bleiben. Das war eine tolle Energie und eine verrückte Idee mit den drei Konzerten an einem Abend. Am Ende waren wir aber auch gut durch.

Trotz der Corona-Pandemie wuchs Ihre Fangemeinde organisch – bis heute gibt es mehr als 100 Millionen Streams und mehr als 50 Millionen Plays auf TikTok. Hat die digitale Welt die Band gerettet?

Wir haben in 2018 unser eigenes Label „Frisbee Records“ gestartet. Nach viel trouble und Ablehnung von verschiedenen kleinen und großen Labels. Das war damals also mehr aus der Not heraus geboren. Rückblickend eine der besten Entscheidungen, die wir bisher getroffen haben, denn so konnten wir auch etwas herausziehen aus der digitalen Welt. Wir sind für all die Streams natürlich sehr dankbar.

Die Anzüge sind in jedem Fall auch TikTok würdig. Ist die Plattform denn überhaupt kein Thema bei Kytes?

Die Plattform ist natürlich auch relevant für uns. Jede Plattform, mit der wir wachsen können und mit der wir unsere Musik den Menschen näher bringen können, ist gut für uns. Natürlich sind wir jetzt nicht aus der GenZ und TikTok fühlt sich erstmal nicht vertraut an. Allerdings gilt auch, wer auf Instagram-Reels schaut, kann sie sich auch zwei Wochen vorher auf TikTok anschauen.

Ohne die digitale Welt wären Sie vielleicht gar nicht so durchgestartet. Ist Streaming und TikTok Fluch und Segen zugleich? Gerade TikTok geriet zuletzt in die Kritik. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Für uns ist Streaming auf jeden Fall ein Segen. Durch Playlisten und Algorithmen gelangt unsere Musik an neue HörerInnen und die kommen im besten Fall auf das nächste Konzert. Durch unser eigenes Label hat uns Streaming auch wirtschaftlich durch schwere Zeiten gebracht. Und als Konsumenten sind wir auch Fans von Streaming.

Es muss Platz für Kultur und Subkultur geben

Kytes
In den USA grassiert die Angst vor TikTok, für Deutschland sieht Innenministerin Nancy Faeser in der Debatte um den Kurzvideo-Dienst TikTok keine Grundlage für ein generelles Verbot der App. Für Sie als Band ist diese Plattform sehr wichtig, Sie dürften daher froh sein, dass es kein Verbot gibt.

Wir halten generell nicht viel von Verboten. Natürlich muss man das Thema bewusst angehen. Social Media bringt ein enormes Suchtpotenzial mit sich und kann natürlich ein sehr toxischer Ort sein, wo sich alle ständig miteinander vergleichen. Da ist viel Aufklärung wichtig und ein bewusster Umgang damit essenziell.

Was schätzen Sie an der TikTok-Generation?

Wir finden es toll, dass es einen Trend zur Authentizität gibt. Umso weniger Filter, umso echter, desto besser funktionieren oft die Videos. Das ist prinzipiell erstmal eine gesunde Entwicklung.

Kytes | (c) Max Bublak - 11
Interview mit der Band Kytes: „Clubs dürfen nicht aussterben“ | (c) Max Bublak
Das Thema des Albums war, dass Sie Indie-Musik in einer Zeit machen, wo Sie eigentlich strategisch gesehen Musik für TikTok machen sollten. Oder?

Eins der Themen ist sicher, dass wir jetzt unsere Musik machen können, weil wir nicht mehr denken müssen: Passt das zu den Playlists? Passt das zu dem Algorithmus? Passt das zu den Radiostationen? Das fühlt sich sehr befreiend an. Natürlich ist das ein Privileg und deshalb sind wir so dankbar, dass wir das tun können.

Was bringt die Zukunft für Kytes?

Dieses Jahr soll noch eine Single rauskommen und nächstes Jahr folgt dann das vierte Album. Wir spielen im März 10 Shows in Deutschland und hoffen, dass wir viele von euch dort sehen werden.

Werden wir Sie in den kommenden Monaten noch in Clubs und Bars sehen, oder bleibt es bei den großen Bühnen?

Bei unserer nächsten Tour spielen wir keine Festivalbühnen. Wir spielen genau da, wo es uns am meisten Spaß macht. In den Clubs. Da haben wir unsere Karriere angefangen und das ist der Ort, wo wir am meisten genießen können.

Es war ein Vergnügen, dieses Interview mit Ihnen zu führen. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihren künftigen Projekten!

Danke für das Interview. Wir freuen uns über jeden, der unsere Musik hört. Sehen wir uns bei der nächsten Show!

Autor: Reinhard Franke

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Von Wildwechsel

Online-Redaktion des Printmagazin Wildwechsel. Wildwechsel erscheint seit 1986 (Ausgabe Kassel/Marburg seit 1994). Auf Wildwechsel.de veröffentlichen wir ausgewählte Artikel der Printausgaben sowie Artikel die speziell für den Online-Auftritt geschrieben wurden.

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