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Niels Frevert: Interview & Tourtermine | (c) Dennis Dirksen
Niels Frevert: Interview & Tour-Termine | (c) Dennis Dirksen

Niels Frevert hat mit seinem aktuellen Album „Pseudopoesie“ ein weiteres Meisterwerk veröffentlicht. Dreieinhalb Jahre nach dem umjubelten „Putzlicht“ überzeugt der Pop-Cansonnier aus Hamburg wieder mit wunderschönen Popsongs. Und Frevert, Held aller Lieddichter/innen deutscher Sprache, hat sich weiterentwickelt. „Pseudopoesie“ ist tanzbarer als der Vorgänger. Natürlich stellt der 55-Jährige sein jüngstes Werk auch live vor. Nach der erfolgreichen Band-Tour im Frühjahr folgt jetzt im Oktober/November die akustische Reise.

Niels Frevert und Reinhard Franke - (c) Reinhard Franke
Niels Frevert und Reinhard Franke – (c) Reinhard Franke

Niels Frevert im Interview

Der Journalist Reinhard Franke sprach vor der Akustik-Tour im Herbst mit Frevert.

Herr Frevert, demnächst kommt die abgesteckte Version als Trio beziehungsweise als Duo. Mit welchen Gedanken gehen Sie es an?

Ich bin so froh, dass ich beides kann und darf: die große Show und den intimen Rahmen. Und tatsächlich kommen manche Hörer/innen lieber zu den Akustik-Abenden. Wahrscheinlich, weil diese in besonderen Locations stattfinden, sie noch näher bei den Songs sind, es mehr Storytelling gibt – und mehr Geplapper von mir zwischendurch. (lacht)

Wie sehr hat es geschmerzt, als die Band-Tour zu Ende war?

Darf ich Konfuzius zitieren? „Leuchtende Tage. Nicht weinen, dass sie vorüber. Lächeln, dass sie gewesen.“ Es war eine tolle Tour – und ja, ich wäre gerne noch weitergefahren. Aber mit fast 20 Konzerten von Flensburg bis Zürich hatten wir die Landkarte vorerst abgedeckt und alle Städte besucht, in denen ein Band-Konzert möglich war.

Niels Frevert - (c) Dennis Dirksen
Niels Frevert: Interview & Tourtermine | (c) Dennis Dirksen

Sie lieben Melancholie und Poesie. Warum heißt Ihr aktuelles Album dann „Pseudopoesie“?

Es ist ein schönes Wort, klingt nicht nur gut, sondern sieht geschrieben auch noch gut aus. Es geht sicher um die Zweifel des Autoren und bestimmt auch um den Meta-Mittelfinger Richtung Mainstream. Den Begriff Poet kann man ganz verschieden interpretieren. Und er ist in den vergangenen Jahren sehr inflationär benutzt worden.

Und ich höre in dem Wort sogar etwas Kitsch heraus und ich mag Kitsch, wenn er gut gemacht ist. Den Begriff Pseudo empfinde ich in diesem Zusammenhang als positiv. Auch meine Plattenfirma fand den Titel gut. Ich könnte mir das erlauben, sagten sie. (lacht)

Die Produktionsphase dauerte nur sechs Wochen. Nach Ihrem Solodebüt war das der kürzeste Zeitraum für die Aufnahmen. Sie waren immer jemand, der etwas langsamer ist, warum ging es jetzt so schnell?

Durch die Pandemie hatte ich viel Zeit zum Schreiben. Dann habe ich den Produzenten Tim Tautorat kennengelernt und ich wusste, dass er nicht nur zwei Platten im Jahr macht, sondern sieben bis acht. Er arbeitet zügig, ist entscheidungsfreudig und mutig.

Ich habe so intensiv an meinen Demos gearbeitet wie bei meinem Solodebüt 1997. Ich wusste, dass ich all meine Teilchen zusammen haben muss, wenn wir loslegen. Ich wäre sonst in Teufelsküche gekommen. Es war schon viel da und ich wusste, wenn ich mit Tim arbeite, muss ich schnell sein. Das hat geholfen. Ohne Druck lasse ich mir ewig Zeit.

Wie zufrieden sind Sie eigentlich mit dem jüngsten Werk?

Können Sie mir die Frage nochmal in einem Jahr stellen? So richtig einordnen kann ich es noch nicht. Ich weiß, dass es wirklich ein gutes Album geworden ist. Aber ich brauche Abstand, um diese Frage beantworten zu können. Ich wusste jedenfalls früh, dass ich textlich in der richtigen Spur bin. Es ist ein besonderes Album.

Mit „Putzlicht“ wurde 2019 ein Wandel vollzogen.

Ja, da gab es mehr E-Gitarren und die Produktion war größer. Jetzt folgte der nächste Schritt. Auf der neuen Platte gibt es noch mehr E-Gitarren und es ist etwas tanzbarer. Das hat sich so ergeben mit den Songs, aber es gab von vornherein die Motivation wieder auf Tour zu gehen. Anfang 2020 musste ich wegen Corona eine Tour absagen, das war sehr unschön. Ich will jetzt erreichen, dass man Bock hat das neue Album live zu erleben.

Der Song „Weite Landschaft“ steht für eine gewisse Veränderung. Ist es wirklich solch eine krasse Wandlung?

Krass nicht, aber eine Wandlung. Man hört meine Stimme und meine Geschichten, aber es ist mir schon wichtig, dass eine Weiterentwicklung erkennbar ist. Ich weiß nicht, wie man sich neu erfinden kann, aber man kann Neues ausprobieren. Das macht es auch spannend. Das neue Album klingt noch elektrischer, da frage ich mich schon, ob mir alle noch folgen. Aber ich will eben auch nicht langweilig werden.

Niels Frevert: Interview & Tourtermine | (c) Dennis Dirksen
Niels Frevert: Interview & Tourtermine | (c) Dennis Dirksen

Mit „Putzlicht“ sollen Sie das Korsett des Liedermachers abgestreift haben. Wollen Sie keiner mehr sein?

Doch. Ich sehe mich nach wie vor als Liedermacher. Das sind die, die ihre Songs alleine spielen können und damit einen ganzen Abend bestreiten können. Es muss nicht nur die gezupfte Gitarre sein. Ich kann mir auch vorstellen, dass es auf den nächsten Platten wieder akustischer wird. „Pseudopoesie“ ist jetzt der logische, nächste Schritt nach „Putzlicht“.

Haben Sie sich selbst etwas unter Druck gesetzt „Putzlicht“ toppen zu müssen? Wenn ein neues Album von Ihnen angekündigt wird, dann ist das schon eine Wucht.

Toppen würde schwierig werden, dachte ich. „Putzlicht“ war ein schöner Erfolg, der mir gut getan hat und etwas bewegt hat. Ich setze mich nicht unter Druck, höchstens unter Zeitdruck. Woran soll man es fest machen? Die neue Platte sollte nicht schlechter werden. Das hat funktioniert.

Wo sehen Sie sich mit dem aktuellen Werk?

Leider leben wir in Zeiten mit Klickzahlen und Vergleichen. Das finde ich schwierig. Ich habe meine Zweifel, dass das der Popmusik gut tut. Ich bin ein Album-Künstler, mag Romane und Filme. Ich finde es schön, wenn sich etwas entwickelt.

Was ich sagen will: Das mit dem Erfolg ist relativ. Da gibt es verschiedene Parameter. Ich bin schon länger unterwegs und bei mir definiert sich das anders. Ich bin erfolgreich, weil ich regelmäßig Platten veröffentlichen kann. Bei mir geht es nicht um eine Chart-Positionierung. „Pseudopoesie“ ist mein siebtes Soloalbum. Das ist mein persönlicher Erfolg. Ich bin ganz okay im Rennen.

„Die Abendsonne auf deiner Haut entgleitet dir sanft“ Wie entstehen so schöne Textzeilen?

Die kommen mir zugeflogen. Wenn sie bei mir landen, schreibe ich sie schnell auf. Ich bin tatsächlich immer im Einsatz. Ich sammel’ immer, auch die Sachen, von denen ich im ersten Moment gar nicht so überzeugt bin.

Und ich singe diese Worte so, dass sie nicht konstruiert klingen. Songtexte zu schreiben das ist der schönste Beruf der Welt. Man muss nicht mit Ende 40 noch genauso singen, wie man es mit Anfang 20 getan hat. Dazu kommt, ich habe schon einige Geschichten erzählt und möchte mich nicht wiederholen. Diese Herausforderung erfüllt mich. Ich will mich nicht auf Lorbeeren ausruhen.

Hören Sie noch Songs von Ihrem Solodebüt oder haben Sie sich davon völlig losgesagt?

Ich mich von meinem Solodebüt lossagen? Niemals. Allerdings habe ich es lange nicht mehr angehört. Dabei denke ich gern an die Zeit zurück – nach den Jahren mit der Nationalgalerie eine neue Arbeitsweise kennenzulernen, war wie eine Befreiung.

In den 90er-Jahren wollte ich wie meine Vorbilder klingen, habe diese aber nie erreicht. Davon habe ich mich irgendwann frei gemacht, bin erwachsen geworden, muss jetzt auch nicht mehr fünf Platten in sieben Jahren veröffentlichen, wie zu Beginn meiner Karriere.

Bei Themen wie Pseudopoet sprechen Sie sicher gewisse Leute an. Denken Sie da an bestimmte Menschen oder wird das frei assoziiert?

Ich tue mich immer schwer mit der Interpretation meiner Texte, denn ich will da niemanden enttäuschen. Da überlasse ich den Hörerinnen und Hörern ihre eigene Sicht. Natürlich geht es in meinen Texten viel um mich. Sorry, ist so. Es ist halb biografisch, halb erfunden.

Eine Geschichte haben Sie im Song „Kristallpalast“ beschrieben. Wo ist der?

Das ist ein Jazzclub, den ich eröffne, wenn ich mit der Popmusik reich geworden bin. Aber bis dahin habe ich noch etwas Zeit und werde noch einige Platten veröffentlichen.

Autor: Reinhard Franke

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Von Wildwechsel

Online-Redaktion des Printmagazin Wildwechsel. Wildwechsel erscheint seit 1986 (Ausgabe Kassel/Marburg seit 1994). Auf Wildwechsel.de veröffentlichen wir ausgewählte Artikel der Printausgaben sowie Artikel die speziell für den Online-Auftritt geschrieben wurden.

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