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Der deutsche Bassist Hellmut Hattler ist bekannt für sein „energischen“ Bassspiel (c) Peter-Vössing

 

Nicht nur für Hellmut Hattler wird die VELOCITY TOUR 2019 eine besondere sein, sondern auch für die Anhänger des gehobenen Jazz Rocks. Hintergrund ist ein rein menschlicher:

Fast alles stand auf der Kippe, auf Messers Schneide. Hellmut (ja, mit zwei L!) Hattler, der lange Blonde von der Kultband Kraan, Tab Two und der Namens- und Impulsgeber von HATTLER, hätte eine schwere Blutkrebserkrankung beinahe nicht überlebt. An Musik war zunächst nicht zu denken. Die Chemie lähmte sogar zeitweise die Motorik seiner Finger und drückte sein Lebenselixier Richtung Vergangenheit. Mehrere Wochen Isolation auf einer Intensivstation brachten das neue Album schließlich ins Rollen.

Musik musste sein. Sterben oder sich deren heilender Kraft bedienen, waren die Alternativen, zwischen denen Hellmut Hattler wählen konnte. Sein Körper war buchstäblich am Ende, aber sein Spirit verlangte da­nach, musikalische Grußbotschaften nach draußen zu schicken. Aber wie? Alles, sogar sein Bass war wegen drohender Keime verboten. Nach langem Tauziehen mit der Ärzteschaft, durfte das besaitete Holz schließlich unter strengen Auflagen aufs Zimmer getragen werden.

„Da lag ich dann damit im Bett, musste ihn alle zwei Tage desinfizieren, konnte aber testen, ob ich motorisch über­haupt noch in der Lage war, spielen zu können“, erinnert sich Hellmut Hattler. „Die vier Wochen vorher war ich zum allerersten Mal seit meiner Jugend vom Bass getrennt gewesen. Wenn meine Hände lahm geblieben wären, hätte ich vermutlich alles aufgegeben. Mir wurde während dieser Zeit noch mal ganz deutlich klar, wie sehr die Musik Teil meiner Lebenskraft war. Zum Glück ertappte ich mich ganz langsam wieder beim Finden von Themen, aber nicht beim Gedanken an deren Verwertung, denn ich war ja mit Überleben beschäftigt.“

Stück für Stück gab die Musik schließlich mehr Kraft als sie raubte. Und sie führte raus aus der Isolation, aus der permanenten Beschäftigung mit der Krankheit. Plötzlich sah Hellmut Hattler wieder Licht, Helligkeit und empfand Wohlbefinden.

Die ersten Skizzen, die im Krankenhaus entstanden waren, hießen sinnigerweise „Aplasie I“ und „Aplasie II“, was davon zeugte, dass Hattlers Humor den Schläuchen, die aus seinem Hals ragten, nicht zum Opfer gefallen war. Das erste komplett im Hospital ausgeheckte Stück war die popsarkastische Soulbotschaft „Teaser“. Von Fola Dada warm gesungen, von Moritz Müllers knackiger Schlagzeug-Liebe funky getaktet und von Hellmut Hattlers charakteristischer Orchestrierung veredelt, hat die Song-Fraktion der Platte mit dieser Nummer eine extrem frisch klingende Calling Card. Der zweiten Geburt im Krankenbett durfte sich ein eindeutiger Monolith im gesamten Schaffen Hellmut Hattlers erfreuen: „Anthem For Approaching Starships“.

Man möchte vor Ehrfurcht auf die Knie gehen beim Hören des freundlich-versöhnlichen Grundthemas der Instrumental-Nummer, das sich auch gut auf den Kraan-Klassiker-Alben „Flyday“ oder „Let It Out“ gemacht hätte. Aber es kommt noch besser, wenn Jürgen Schlachter gemeinsam mit Joo Kraus zur herrlichen Xylophon- und Bläser-Geschwätzigkeit im Geiste Frank Zappas ansetzen. Die wird von Hattlers jazzrockigem Fretless-Verständnis und Moritz Müllers grandiosem Sinn für Fills und gegenläufige Metren flankiert.

Was nach dieser Großtat eigentlich noch kommen soll, fragt man sich unweigerlich-skeptisch und wird umgehend eines Besseren belehrt. Das Titelstück „Velocity“ beschreibt als Metapher die Unstimmigkeit des Lebenstempos, den Wechsel zwischen Zeitraffer-Empfinden und Slow Mo im lebensbedrohlichen Zustand. Das wenig Konkrete, das Kryptische, mit dem das Stück aufwartet, die Abstraktion im Wechselspiel zwischen Handgemachtem und lupenreiner Elektronik, ziehen wie ein Sog in eine Traumsequenz.

Die klingt nicht nach Schmerz oder Endzeitstimmung, sondern bemerkenswerterweise wie der Geruch von Frische nach einem Regenschauer im Frühling. Der Umkehrwille, der Drang zurück ins Leben wird in VELOCITY zur begeisternden Nabelschau. Die bietet gleichzeitig so viele Anknüpfungs­punkte, dass jedes individuelle Schicksal einen revitalisierenden Perspektivwechsel erfahren kann. Sofern man sich auf die Platte einlässt…

Also: Reißt die Fenster auf, Leute, und spielt das neue HATTLER-Album VELOCITY so laut und so oft wie möglich!

Am Sonntag den 10. März 2019 wird HATTLER im Theaterstübchen, Kassel im Rahmen des 11. Kasseler JazzFrühling auftreten.

 

LINE-UP

  • Hellmut Hattler – bass
  • Fola Dada – vocals
  • Oli Rubow – drums
  • Torsten de Winkel – guitar

FOTO:  © Peter Vössing

 

AKTUELLES ALBUM

Velocity (Oktober 2018)

Label: bassball Recordings/36 music, Vertrieb: Broken Silence

» Veranstaltungsbeginn: 19.30 Uhr

» Tickets: 25 € im VVK, Abendkasse 30 €

» Website des Theaterstübchen Kassels

» Kommende Termine im Theaterstübchen

Von Heiko Schwalm

Seit der allerersten Ww Süd Ausgabe 1994 am Start!

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