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Prinz Pi im Interview

am 03 Januar 2012 von Wildwechsel

Prinz Pi im Interview

Prinz Pi im Interview

Er bezeichnet sich selbst in seinen Texten als “den Begründer deutschen Dandyraps” und brachte im Januar dieses Jahres sein 11. Soloalbum „Rebell ohne Grund“ raus. Das erschien über sein Independent Label „Keine Liebe Records“. Mit einem Nachholkonzert am 6.8.2012 im Kasseler Hot-Spot, beendete Prince Pi seine „Tour de Prince“ wo ihn die Fans kräftigst feierten. Vorab gab er  dem Wildwechsel ein exklusives Interview!

Ww: Gab es einen besonderen Moment auf deiner Tour?

PI: Es gab krass viele besondere Momente, wir waren ja ewig lang auf Tour, ich kann aber nur 2 Wochen am Stück reisen, weil ich ja eine kleine Tochter habe, die ich sehen will.
Man trifft halt immer die unterschiedlichsten Leute. In eurer Region gab es einen unfassbar irren Typen der nennt sich der Neckar-Caruso. Und das ist ein etwa 50 jähriger Typ, der singt und fährt Stocherkrahn. Der hat eine Freundin, die erst 20 ist und er zeigt ihre Fotos ohne Aufforderung. Auf jeden Fall ein interessanter Charakter.

Ww: Wie würdest du die Tour insgesamt bewerten?

Pi: Super! Wir haben insgesamt über 50 Gigs gespielt. Es ist ja so: wenn du Musiker bist, gibt es eine Zeit, in der du du im Studio sitzt und Gedanken hast wie: „Ah keiner mag meine Musik“ und dann wieder denkst„ich bin der größte Künstler der Welt“. Du befindest dich immer zwischen diesen beiden Extremen. Aber wenn du auf Tour bist dann kommen die Leute sagen, dass sie dich kennen und deine Texte mögen und das ist einfach geil!

Ww: Du hast gerade erwähnt dass es im Studio gewisse Stimmungsschwankungen geben kann. Wie motivierst du dich zum weiter arbeiten?

Pi: Meistens hör ich mir alte Platten vom meinem Vater an. Oder einfach Musik, die mich in gute Stimmung bringt, wie zum Beispiel „Light my fire“ von „The Doors“ oder ihr Album „L.A. Woman“ . Natürlich„Times they are a changing“ – ein krasser Motivationssong.

Ww: Hast du ein Lebensmotto? Oder gibt es ein Leitmotiv in deinem Leben?

Pi: Eine Konstante die sich durch mein Leben zieht ist, dass wenn ich die Wahl habe etwas leichtes oder etwas ganz schweres, abwegiges zu tun, entscheide ich mich immer für das unnötig schwere. Weil ich das langweilig finde einfach normal zu handeln. Ich mag Dinge die nicht konform sind.

Prinz Pi im Interview

Prinz Pi im Interview

Ww: Deine Fans sind offensichtlich nicht die typischsten Hip-Hopper. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Pi: Ich glaube meine Fans sind deswegen nicht so die typischen Hip-Hopper, weil ich selbst nicht der typische Hip-Hopper bin. Ich glaube ich bin eingentlich ein krasser Durchschnittstyp. Straßenköter-blond. Mittel groß. Mittel hübsch. Mittel schlau -aber ich gebe mir immer mühe wahnsinnig schlau rüber zu kommen.

Ich glaube die Fans sind immer so ein bisschen wie der Künstler selber. Es gibt diesen einen Typus von Künstler der ist eine strahlende Kunstgestalt, sieht aus wie ein ätherisches Fantasiewesen wie zum Beispiel Lady Gaga. Keiner will wirklich so sein wie Lady Gaga. Das liegt daran, dass das sie ein Kunstprodukt ist und man gar nicht „an sie rankommen kann“.

Und dann gibt es Künstler wie Bob Dylan. Der ist eher so der Typ von neben an. Er lästert über die gleichen Probleme, die jeder kennt. Nur schafft er es sie etwas cooler auf den Punkt zu bringen. Alle Künstler, die ich wirklich bewundere, sind eher Durchschnittstypen – weder krass gut aussehend und noch nicht mal krass gute Musiker. Es gab viel größere Sänger als Bob Dylan, aber er hat es geschafft, Dinge zu Sagen, die andere nicht sagen konnten.

Ww: Wie nimmst du den Wandel der Gesellschaft allgemein wahr?

Pi: Die auffälligste Veränderung unserer Zeit, hängt vor allem mit unserem Verständnis von Reaktionszeit zusammen: Früher, vor noch nicht all zu langer Zeit, war es so, dass wenn man zum Beispiel jemandem anrief und der nicht da war, man sich drauf einstellen musste zu warten. Man hat zum Beispiel auf den Anrufbeantworter gequatscht oder einen Brief geschrieben. Damals war es üblich ein oder zwei Wochen auf eine Antwort zu warten.

Heutzutage ist es so, dass diese Zeitverzögerung die wir noch zulassen, immer mehr gen Null tendiert. Also wenn ich jetzt zum Beispiel eine SMS schreibe, oder Facebook-Chat oder Whatsapp benutze und derjenige nicht sofort (!) zurückschreibt, dann ist er entweder auf Klo oder irgendetwas stimmt da nicht. Diese Erwartungshaltung die wir haben – dass Dinge sofort geschehen, wenn wir das wollen – zieht sich durch alles.

Ww: Zum Beispiel ?

Pi:…wenn wir Musik konsumieren: Früher hast du dir eine Platte angehört oder eine Kassette, und die Songs darauf waren in einer Reihenfolge, die wir nicht direkt beeinflussen konnten. Vielleicht war ein Song am Ende der B-Seite. Heutzutage nimmst du einen Song aus der Playlist oder wenn du ihn nicht kaufen willst dann hörst du ihn dir bei Youtube an. Du erwartest dass jeder Content, egal was – ob Musik, eine Fernsehserie oder ein Kinofilm – innerhalb eines Fingerschnippens für dich da ist.

Und dieses Haltung ist, was meiner Meinung nach den Zeitgeist dieses Jahrzehnts ausmacht. Diese Haltung ist es auch, die bedingt, dass wir mit vielen Dingen anders umgehen. Zum Beispiel mit Freundschaften oder Beziehungen. Wir erwarten immer, dass es auf einen Impuls, den wir geben, sofort einen Effekt gibt. Wir erwarten, dass es sofort eine Reaktion ohne Zeitverzögerung gibt.

Diese Veränderung ist so umwälzend, dass wir zum Beispiel gar nicht mehr wissen, was diese Haltung für unsere Gesellschaft bedeutet. Die Generation unserer Eltern zum Beispiel war eine Kultur des Wartens. Sie haben gewartet bis sie 18 waren und Saufen durften. Sie haben ewig gewartet bis sie zum ersten mal als erwachsener Mensch gegolten haben, oder darauf das erste mal mit dem Partner oder der Partnerin zu schlafen. Viele haben sogar auf die Ehe gewartet, weil sie gläubig waren. Man würde es heute allerdings als Einschränkung der Freiheit sehen oder als ganz bewusste Askese; als Verzicht. Aber uns wird ja immer gepredigt, dass Verzicht etwas ganz schlimmes sei.

Heutzutage würde keiner mehr bis zur Ehe warten. Die meisten Religionen sind ja auf das Jenseits konzentriert. Das bedeutet, dass das Ziel vom Leben ist ins Jenseits überführt wird. Man hat nie gesagt: „Jetzt heute muss alles richtig sein!“ Diese Einstellung hat sich aber radikal geändert. Das ist für mich der Zeitgeist heutzutage.

Ww: Welche Ideale würdest du in unserer Gesellschaft gerne sehen?

Pi: Ich glaube was unserem Land helfen würde, wäre ein positiveres Zukunftsbild. Speziell die jungen Leute sind etwas demotiviert, weil sie permanent demotiviert werden. Mit Sprüchen wie: „Deiner Generation wird es viel schlechter gehen als der Generation deiner Eltern. Die Chinesen kommen und machen alles hier weg.“
Die Amerikaner, die wirtschaftlich viel schlechter da stehen als wir, haben ein viel positiveres Selbstverständnis. Da würde keiner, der von der schule geht, denken: „Scheiße, ich hab keine Zukunft, alles ist abgefuckt und mir wird es viel schlechter gehen als meinen Eltern, sondern man sagt: „Ja man, wir sind Amerikaner und wir packen’s an und kaufen irgendwie einen LCD und dann wird alles perfekt!“ Das ist einfach eine bessere Einstellung.


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