
(Northeim) „Love isn’t always on time“, singt Bobby Kimball in Totos erstem Welthit: „Liebe kommt nicht immer zur rechten Zeit.“ Manchmal braucht sie Jahrzehnte – bis Kinder und Enkel der ersten Fans dieselben Songs für sich entdecken. Toto erleben genau das. Die Band, deren Musiker den Sound vieler Weltstars mitprägten, musste selbst um Anerkennung kämpfen, Freunde begraben und immer wieder neu zusammenfinden. 2027 führt die Tour zum 50-jährigen Bestehen auch auf die Waldbühne Northeim.
Am Sonntag, 25. Juli 2027, spielen Toto dort im Rahmen ihrer „50th Anniversary Tour“. Gitarrist Steve Lukather und Sänger Joseph Williams führen die angekündigte Besetzung an. Hinter dem Konzert steht die Geschichte einer musikalischen Wahlfamilie, deren Freundschaften teilweise bis in die Schulzeit zurückreichen.
Toto: Biografie einer Band, die mehr konnte als ihre Kritiker hören wollten
Los Angeles in den 1970er-Jahren: Wer hier als Studiomusiker bestehen wollte, musste schnell verstehen, präzise spielen und einer Aufnahme etwas geben, das vorher fehlte. Ein guter Ruf entstand selten im Rampenlicht. Er entstand zwischen Mikrofonen, Notenblättern und dem nächsten Aufnahmetermin.
In diesem Umfeld fanden Toto zusammen. David Paich, Jeff Porcaro und David Hungate hatten bereits auf Boz Scaggs’ Erfolgsalbum „Silk Degrees“ von 1976 mitgewirkt. Paich schrieb mit Scaggs unter anderem „Lowdown“ und „Lido Shuffle“. Steve Lukather und Steve Porcaro gehörten ebenfalls zum miteinander verflochtenen Musiker- und Tourumfeld.
Die gemeinsame Vorgeschichte war wichtig: Hier trafen keine sechs Unbekannten aufeinander. Freundschaften, Schulbands und professionelle Zusammenarbeit hatten längst Verbindungen geschaffen. Am 7. Januar 1977 kam die Gründungsbesetzung in den Davlen Studios in North Hollywood zusammen, um Demos für das spätere Debüt aufzunehmen. Auf diese Session bezieht sich die Jubiläumsfeier 2027.
Sechs Gründer, sechs besondere Stärken
David Paich brachte einen Sinn für Harmonien und Arrangements mit, der auch mit seiner Herkunft zusammenhing: Sein Vater Marty Paich war Jazzmusiker und Arrangeur. Der Sohn konnte musikalisch anspruchsvolle Ideen so verdichten, dass am Ende ein Song entstand, den man nach wenigen Takten wiedererkannte. „Hold the Line“ und „Rosanna“ stammen aus seiner Feder; „Africa“ schrieb er gemeinsam mit Jeff Porcaro.
Jeff Porcaro war dabei weit mehr als der Mann, der das Tempo hielt. Sein Schlagzeugspiel gab den Songs Charakter. Wie viel Raffinesse in einem scheinbar mühelosen Rhythmus stecken kann, zeigt der berühmte Shuffle von „Rosanna“: ein federnder Groove, der Schlagzeuger bis heute beschäftigt und auch ohne jede Erklärung sofort funktioniert.
Sein Bruder Steve Porcaro erschloss eine andere Klangwelt. Während Paich stark vom Klavier und vom Songwriting her dachte, tüftelte Steve an Synthesizern, elektronischen Texturen und ungewöhnlichen Sounds. Später schrieb er „Human Nature“ mit, einen der prägenden Songs auf Michael Jacksons „Thriller“. Ihr Vater Joe Porcaro, selbst Jazzschlagzeuger und Perkussionist, hatte den Brüdern das professionelle Musikerleben vorgelebt.
Steve Lukather verband druckvolle Rockgitarre mit melodischem Gespür und der Beweglichkeit eines erfahrenen Studiomusikers. Er konnte ein Arrangement mit wenigen passenden Tönen stützen und im nächsten Moment ein Solo spielen, das den Song aufriss. Dazu kamen seine Stimme und zunehmend eigene Kompositionen.
David Hungate lieferte am Bass das belastbare Fundament. Seine Kunst bestand darin, den Songs Raum zu geben und selbst komplexe Arrangements zusammenzuhalten. Wichtig für die Bandgeschichte: Auf „Toto IV“ spielt noch Hungate den Bass. Mike Porcaro, der später mit seinen Brüdern Jeff und Steve zur Band gehörte, war kein Gründungsmitglied.
Bobby Kimball brachte eine hohe, kraftvolle Stimme mit hörbarer Soul- und R&B-Prägung ein. Der in Louisiana aufgewachsene Sänger gab den frühen Toto-Aufnahmen ihren unverwechselbaren Druck.
INFO: Hier gibt's ab Freitag, 23.10., 11 Uhr die Tickets zur Toto Tour. Und natürlich auch zum Konzert in Northeim!
„Hold the Line“, „Rosanna“, „Africa“: Wie Toto weltberühmt wurden
1978 erschien das Debütalbum „Toto“. „Hold the Line“ machte aus gefragten Musikern eine international bekannte Band. Das markante Pianoriff, die schwere Gitarre und Kimballs Stimme passten zusammen, ohne sich gegenseitig den Platz wegzunehmen. Der Song klingt ausgearbeitet und unmittelbar zugleich – eine Verbindung, die Toto noch oft gelingen sollte.
Toto im Video: „Hold the Line“ – der Durchbruch von 1978
Mit „Hydra“ von 1979 und „Turn Back“ von 1981 wurde der Weg allerdings nicht automatisch leichter. Der kommerzielle Druck wuchs. Die Antwort folgte 1982 mit „Toto IV“: „Rosanna“, „Africa“ und „I Won’t Hold You Back“ standen auf einem Album, das die Band endgültig in die erste internationale Liga führte.
Bei den Grammy Awards 1983 erhielten Toto „Album des Jahres“ für „Toto IV“, „Aufnahme des Jahres“ für „Rosanna“ und den Produzentenpreis. Einschließlich der Auszeichnungen für Arrangement und Tontechnik wurden das Album und die zugehörigen Aufnahmen mit insgesamt sechs Grammys gewürdigt.
Die späteren Erfolge zeigen, wie viel hinter den drei allgegenwärtigen Klassikern steckt: „I’ll Be Over You“, „Pamela“, „Stop Loving You“ oder „I Will Remember“ gehören ebenfalls zu einem Katalog, der Rock, Soul, Pop und anspruchsvolle Instrumentalpassagen zusammenführt.
Steve Porcaro beschrieb die Zutaten im MusicRadar-Interview vom 4. Oktober 2025 so: „Harte Gitarren mit diesem R&B-Gefühl, ein wenig Steely-Dan-Jazz, starke Hooks, gewaltige Refrains.“ (Eigene Übersetzung.)
Mehrere Bandmitglieder wirkten daneben an Michael Jacksons „Thriller“ mit. 1984 komponierten Toto außerdem Musik für David Lynchs „Dune“. Ihre Fähigkeiten reichten weit über den eigenen Bandnamen hinaus.
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Neue Stimmen, schwere Verluste und die Frage, wie es weitergeht
Der große Erfolg schützte Toto nicht vor Brüchen. Hungate zog sich 1982 zurück, Mike Porcaro übernahm den Bass. Nach Kimballs Ausscheiden sang Fergie Frederiksen auf „Isolation“. Für „Fahrenheit“ kam 1986 Joseph Williams, dessen Stimme auch das folgende Album „The Seventh One“ prägte.
Steve Porcaro beendete 1987 seine feste Mitgliedschaft, blieb aber als Gast verbunden. Auch Williams’ erste Phase endete. Nach einem kurzen Kapitel mit Jean-Michel Byron rückte Lukather stärker als Leadsänger nach vorn. Das gitarrenbetonte „Kingdom of Desire“ zeigte 1992 eine rauere Seite der Band.
Dann starb Jeff Porcaro am 5. August 1992, erst 38 Jahre alt. Für seine Mitmusiker war das der Verlust eines Freundes und eines musikalischen Bezugspunkts. Mit Simon Phillips fanden Toto einen Schlagzeuger, der die Aufgabe übernahm und die Band anschließend rund zwei Jahrzehnte mitprägte.
Wie präsent die fehlenden Weggefährten blieben, machte Lukather im Gespräch mit Nick DeRiso für Something Else! vom 28. Mai 2014 deutlich: „Da fehlen ein paar Kumpel auf der Bühne.“ Gemeint waren Jeff und Mike Porcaro. Mike lebte damals noch, konnte wegen seiner ALS-Erkrankung aber nicht mehr mitspielen. Er starb 2015.
Es gab Rückkehrer und neue Anläufe: Kimball kam 1998 wieder, 1999 erschien „Mindfields“. Nach dem Ende der damaligen Formation 2008 fanden Toto 2010 erneut zusammen, auch zur Unterstützung des erkrankten Mike und seiner Familie. Williams und Steve Porcaro waren wieder dabei. Später folgten weitere personelle und geschäftliche Brüche; seit 2020 führen Lukather und Williams die Band mit neu zusammengestellten Musikern weiter.
Auch Kimballs Geschichte hat eine traurige Wendung genommen. Seine offizielle Website berichtet von einer frontotemporalen Demenz, die ihm weitere Auftritte unmöglich macht. Die ursprüngliche Besetzung lässt sich heute nicht mehr zusammenbringen. Ihre gemeinsame Arbeit bleibt in den Aufnahmen hörbar.
Warum „Africa“ eine neue Generation zu Toto brachte
Auch jenseits ihrer frühen Welthits hielten Toto ihr Publikum mit Konzerten und neuen Veröffentlichungen. „Africa“ entwickelte zusätzlich ein Eigenleben: in sozialen Netzwerken, als Meme und als Song, den Menschen entdeckten, die bei seiner Veröffentlichung noch lange nicht geboren waren.
Ein besonders sichtbarer Moment war Weezers Cover von 2018, angestoßen durch eine Fankampagne. Steve Porcaro spielte mit Weezer bei „Jimmy Kimmel Live!“. Toto antworteten ihrerseits mit einer Version des Weezer-Songs „Hash Pipe“. Aus einer Internetidee wurde ein musikalischer Austausch.
Die Größenordnung dieser Wiederentdeckung lässt sich inzwischen auch beziffern. Laut der Bandmitteilung zur Jubiläumstour kommt „Africa“ allein bei Spotify auf mehr als zwei Milliarden Streams, „Hold the Line“ auf mehr als eine Milliarde. Über die Hälfte der jährlichen Streams stamme von Menschen bis einschließlich 34 Jahren.
Die Zahlen stammen aus der Bandmitteilung vom 19. Oktober 2026. Sie zeigen, wie sehr Toto inzwischen auch ein junges Publikum erreichen: Die Songs werden innerhalb von Familien weitergegeben und unabhängig davon neu entdeckt. Auf einer Party genügen oft schon die ersten Takte von „Hold the Line“.
Toto im Video: „Africa“ – ein Welthit für neue Generationen
Toto Tour 2027: Deutschland feiert unter freiem Himmel
Die Toto Tour 2027 durch Deutschland umfasst nach der bisherigen Ankündigung sieben Open-Air-Konzerte im Juli. Tourneeveranstalter Wizard Live bestätigt die deutschen Stationen und den Vorverkaufsstart.
Für das Jubiläumsjahr sind neben Lukather und Williams Warren Ham an Blasinstrumenten, Perkussion und Gesang, John Pierce am Bass, Keith Carlock am Schlagzeug sowie Dennis Atlas und Rai Thistlethwayte an Keyboards und Gesang angekündigt.
Die Verbindung zur frühen Bandgeschichte reicht dabei über die beiden Frontleute hinaus: Pierce spielte bereits mit Lukather und Steve Porcaro in der Schulband Still Life. Auch die heutige Besetzung führt damit Freundschaften weiter, die lange vor der Jubiläumstour entstanden.
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Toto in Northeim 2027: Welthits zwischen alten Buchen
Für das Konzert am 25. Juli 2027 auf der Waldbühne Northeim liefert die Umgebung eine passende Kulisse: Die amphitheaterartig angelegte Freilichtbühne liegt am östlichen Stadtrand, umgeben von alten Buchen. Statt Hallendach gibt es Sommerhimmel über einem Abend, der ein halbes Jahrhundert Bandgeschichte zusammenbringt.
Einlass ist um 17:30 Uhr, Konzertbeginn um 19:30 Uhr. Living Concerts nennt einen Vorverkaufspreis von 75 Euro zuzüglich Gebühren. Laut Wizard Live beginnt der exklusive Myticket-Vorverkauf am 21. Oktober 2026 um 11 Uhr, der allgemeine Vorverkauf am 23. Oktober 2026 um 11 Uhr. Informationen zum Konzert bietet die Veranstaltungsseite von Living Concerts.
Für die Planung wichtig: Auf dem Gelände gibt es Stufen und auf dem Weg zum Eingang Steigungen. Rollstuhlplätze werden über einen gesonderten Vorverkauf angeboten; die Hinweise dazu veröffentlicht ebenfalls der Veranstalter.
Vielleicht stehen an diesem Abend Menschen nebeneinander, die „Hold the Line“ schon 1978 gehört haben, und andere, die über ein „Africa“-Cover zu Toto kamen. Das Pianoriff kennen sie gemeinsam.
Toto
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