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Skateboarder Christoph Reinhardt

„Skater ist nicht gleich Skater“ stellt Christoph Reinhardt gleich klar, als Ww ihn zum Interview in Bühne-Borgentreich trifft. Der 23-jährige Skateboarder pflegt seit zehn Jahren ein inniges Verhältnis zu seinem brettrigen Freund. Das brachte ihn nicht nur ins Fahrerteam der Hamburger Skateboard-Firma Trap, sondern verschaffte ihm auch einen Sponsoren-Vertrag mit dem Sportartikel-Giganten Adidas. Vor kurzem stand er für den Film „Traces“ vor der Linse, aber verliert dabei sein persönliches Ziel nicht aus den Augen: Sein Produktdesign-Studium…und ganz nebenbei verwirklicht er mit seinen Kollegen die Mission „Skater-Paradies“ und errichtete in Eigenregie einen Beton-Skate-Park in Borgentreich.

Ich nenne das nur noch das ‘Spot-Auge‘!

Ww: Du hast mit den anderen Trap-Teamfahrern den Film „Traces“ gedreht. Worum geht es darin?!
Christoph Reinhardt: Der Film zeigt das beste der Teamfahrer aus den letzten zwei Jahren. Es ist ein Mix aus Doku und Fiktion. In der Geschichte wacht der Hauptdarsteller in einer Straße auf und weiß nicht wo er ist. Es ist eine Art Spurensuche nach sich selbst. Am Anfang findet er ein Skateboard, das zu seinem treuen Begleiter wird.

Was ist die Message?
Es ist witzig, soll aber auch zum Denken über den Zustand der grauen Alltäglichkeit anregen & ob man derjenige ist, der daraus flieht oder ob man derjenige ist, der mit dem Strom schwimmt.

Wo hat dich das Skaten schon überall hingeführt?
Das krasseste war Kroatien. So Locations wie dort findest du hier nicht. In Deutschland gibt es kaum Treppen ohne ein dickes Geländer an den Seiten. Außerdem findest du Zagreb auch noch viele zerballerte Häuserfronten. Das ist schon echt heftig zu sehen! Du gehst da lang, denkst dir nichts böses und auf einmal siehst du Einschusslöcher!

Hast du dir mal was gebrochen?
Ja, mein Kahnbein (Handgelenk). Die im Krankenhaus dachten es wäre ein Kapselriss und ich habe zwei Wochen einen Gips getragen. Nach drei Jahren hatte ich immer noch Probleme und bin in  in anderes Krankenhaus gegangen. Die haben festgestellt, dass mein Handwurzelknochen seit drei Jahren gebrochen ist und einen halben Zentimeter auseinander gewachsen war. Sie konnten das nur noch zusammenflicken, indem sie mir aus dem Beckenknochen ein Stück entnommen haben und das einsetzten. Also eine echt üble Sache!

An was für Turnieren nimmst du so teil?
Momentan bin ich viel unterwegs mit Fotografen, um schöne Bilder zu machen oder um Videos zu drehen. Gerade z.B. drehen wir für das Adidas Europavideo. Ansonsten nehme ich an der deutschen Meisterschaftsserie, das ist der C.O.S. Cup, teil, dem Adidas Clash in Berlin und jetzt (Ende August) fahre ich nach Osijek in Kroatien.

Sind die Contests eine wichtige Komponente für dich?
Ich sehe die Contests schon mit anderen Augen als ein zum Beispiel der klassische Wettkampf-Typ. Es gibt halt Leute, die machen ihre sicheren Standard-Tricks, was für die Qualifizierung von Vorteil ist. Mir ist es halt zu stupide die Tricks nur abzuspulen. Ich bin eher einer, der auch mal das schwerere Zeug probiert und es dann halt auch mal „bailed“, das heißt nicht weiter schafft.

Was ist deine Spezialität?
Street-Skaten mit extremer Tendenz zum Beton-Park-Junkie!

Ist es eigentlich so, dass man nur noch durch die Gegend läuft und denkt „oh, da und da könnte ich diesen und jenen Trick machen“?
Absolut. Mittlerweile nenne ich das nur noch das „Spot-Auge“. Wenn ich durch eine mir unbekannte Straße gehe, muss ich hinter jede Ecke gucken, ob da nicht vielleicht die abgefahrenste Schräge mit einem Geländer ist. Das ist wie ein Zwang!

Anders als bei Fußballern od. Basketballern, sieht man Skatern auch privat irgendwie immer an, welche Sportart sie betreiben, oder?
Es gibt schon Leute, die nachmittags die dreckigsten Skater sind und sich dann morgens einen Anzug überstülpen, weil sie die Brötchen verdienen müssen. Also Skater ist nicht gleich Skater! Ich z.B. habe überlegt….“mmhh, Vater
könnte Recht haben (schmunzelt), was ich habe, habe ich in der Tasche“ und so machte ich erstmal meine Lehre zum Tischler. Das ist auch ein gutes Standbein für mein Studium.

Was willst du studieren?
Produktdesign an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Die haben mich direkt angenommen und im Oktober geht es dann los.

Was ist an dir eher „untypisch“ für einen Skater?
Ich begeistere mich dafür, Inneneinrichtungen auszudenken. Daher auch mein Studium für Produktdesign! Ich habe auch vor, meine Produkte über eine Internetseite zu verkaufen.

Was ist an dir total typisch für einen Skater?
Ich bin, wie fast jeder Skater, ein Schuh-Fanatiker! Noch ein Faible von mir ist, dass die Rollen an Boards auf jeden Fall weiß sein müssen! Ich könnte niemals mit bunten Rollen fahren! An ein Skateboard gehören verdammt nochmal nur weiße Rollen (lacht)!

Wie ist das eigentlich mit dem Gemeinschaftsgefühl bei Skatern?
Früher war es so, dass man jemanden mit einer bestimmten Hose (z.B. waren es Anfang der 90er Chino Pants) gleich gegrüßt und sich mit ihm unterhalten hat, selbst wenn er auf der anderen Seite einer vierspurigen Straße stand. Wenn wir einen Spaß draus machen und mal „Moin“ sagen, gucken die meistens nur und zeigen keine Reaktion. Da ist einfach nicht mehr diese Identifikation vorhanden!

Wie kann man dieses Gefühl der Identifikation beschreiben?
Da gibt es eine nette Anekdote. In der Schule fragt die Lehrerin ihre Schüler, was sie in ihrer Freizeit machen. Der eine sagt: „Ich spiele Fußball!“ Der andere: „Ich spiele Basketball!“ „Und was machst du?“, fragt die Lehrerin den dritten: „Ich BIN Skater!“ Daran erkennt man auch die Leute, die mit Herzblut dabei sind!

Die Mädels finden Skater doch fast alle cool. Verschafft dir das eigentlich einen Vorteil?
Ja, schon…(lacht)! Es gibt schon Mädels, die extra auf die Parties nach den Skateboard-Shows gehen und es darauf anlegen. Da hat man natürlich ein leichtes Spiel! So geshapte Bodies, wie es beim Skaten gibt… die sind ja auch nicht bei einem jedem zu finden! (lacht)

Das hast du aber nett formuliert! Danke für das Gespräch! (Christina Merkel für Wildwechsel)


Skate-Jargon für Anfänger

Bail: Kontrollierter Sturz, bei dem der Skater schon während der Trickausführung den Trick abbricht, um einen Sturz zu vermeiden.
Catchen: Wenn man das Skateboard nach einem Fliptrick mit den Füßen „einfängt“ und Richtung Boden drückt.
Curb: Engl. für Bordstein/Kante, an dem/ der man mit einem Slide/Grind entlang rutscht.
Flip: Trickkategorie bei welcher das Skateboard eine Drehung um eine oder mehrere Achsen vollzieht.
Griptape: Schleifpapierartiges Material, das auf der Oberseite des Skateboards für mehr Halt sorgt.
Mr. Wilson: Typische Sturz-Art. Das Board schießt durch Gewichtsverlagerung vorne weg & reißt dem Fahrer den Boden unter den Füßen weg. Der Name entstammt der TV-Serie „Dennis“, in der sich Mr. Wilson oft so verletzte..
Ollie: Die Kurzform für „Ollie Pop“: Hochspringen mit dem Board durch spezielle Fußtechnik. Wurde ‘79 von Alan „Ollie“ Gelfand erfunden.
Poppen: Schnelles Dücken der Tail auf den Boden um dem Skateboard Aufschwung zu verleihen.
Scorpion: Ein Sturz, bei dem man auf Brust, Bauch und Gesicht fällt.
Transition: Engl. für Übergang. Meint die Rundung in Halfpipes, Miniramps oder Pools.


» Diese Interview erschien urprünglich in der Wildwechsel-Ausgabe 09-2007 (Print)

Von Wildwechsel

Online-Redaktion des Printmagazin Wildwechsel. Wildwechsel erscheint seit 1986 (Ausgabe Kassel/Marburg seit 1994). Auf Wildwechsel.de veröffentlichen wir ausgewählte Artikel der Printausgaben sowie Artikel die speziell für den Online-Auftritt geschrieben wurden.

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