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Nacht im Babylon | Kiril Stankow - Staatsorchester Kassel - (c) Qinglin Meng
Nacht im Babylon | Kiril Stankow – Staatsorchester Kassel – (c) Qinglin Meng

Wenn die Vergangenheit lebendig wird, entsteht Magie. Diese Magie erwartet die Besucher des Nacht im Babylon – Filmkonzert Spezial im Opernhaus des Staatstheater Kassel. Unter der musikalischen Leitung von Kiril Stankow und Peter Schedding, begleitet von der szenischen Einrichtung Vivien Hohnholz, entführt das Event sein Publikum in das pulsierende Berlin der 1920er-Jahre.

Die Nacht im Babylon: Eine Ära voller Glanz und Schatten

Die 1920er-Jahre in Berlin, eine Zeit voller Lebenslust, Laster und Exzesse, bilden den Hauptschauplatz dieses außergewöhnlichen Filmkonzertes. Die UFA, damals eine der wichtigsten Filmfabriken der Welt, und die großen Filmpaläste wie das Titania, das Xenon und das Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, waren Magneten für ein Publikum, das von großen Träumen, Schauermärchen und Zukunftsvisionen angezogen wurde.

Nacht im Babylon | Cynthia Cosima Erhardt - Staatstheater Kassel - (c) Nils Klinger
Nacht im Babylon | Cynthia Cosima Erhardt – Staatstheater Kassel – (c) Nils Klinger

In dieser Ära, an der Schwelle zwischen Stumm- und Tonfilm, entstand die Filmmusik – zunächst als Mittel, um das laute Rattern der Filmprojektoren zu übertönen, später entwickelte sie sich zu einem eigenständigen, faszinierenden Genre.

Das Staatsorchester Kassel bringt diese Epoche mit Werken von Erich Wolfgang Korngold, Max Steiner, Richard Heymann und Charlie Chaplin zurück. Die Musiker:innen begleiten live einige Filmsequenzen aus Stummfilmklassikern wie »Nosferatu« und »Berlin – Die Sinfonie der Großstadt«.

INFO: Friedrich Wilhelm Murnaus »Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens« (1922), eine Adaption von Bram Stokers 'Dracula', ist ein Meilenstein des Stummfilmkinos. Der Film erzählt die Geschichte des Vampirs Graf Orlok, der in die Stadt Wisborg kommt und dort Unheil verbreitet. Besonders bemerkenswert ist die Filmmusik, die eine Schlüsselrolle in der atmosphärischen Gestaltung des Films spielt. 
Die ursprüngliche Musik von Hans Erdmann, betitelt als 'Fantastisch-romantische Suite', umfasst zehn Stücke und bietet eine eher romantische als schaurige Interpretation des Vampirthemas. Diese Musik wurde im Laufe der Jahre mehrfach neu interpretiert und rekonstruiert. Dazu zählen moderne Adaptionen von José María Sánchez-Verdú und Christopher Young, die dem klassischen Film neue musikalische Dimensionen hinzufügen. Diese musikalischen Neugestaltungen betonen die enge Verbindung zwischen der visuellen Erzählung und der musikalischen Untermalung, die 'Nosferatu' zu einem unvergesslichen Erlebnis im Horrorfilmgenre machen.Hier bei Youtube anschauen!
Nacht im Babylon | Cynthia Cosima Erhardt - Staatstheater Kassel - (c) Nils Klinger
Nacht im Babylon | Cynthia Cosima Erhardt – Staatstheater Kassel – (c) Nils Klinger

Die Nacht im Babylon: Die Brücke zur Gegenwart

Das Nacht im Babylon – Filmkonzert Spezial schlägt jedoch nicht nur eine Brücke zur Vergangenheit, sondern verbindet diese auch mit der Gegenwart. Aktuelle Filmmusiken, inspiriert von den Zwanzigern, wie jene aus der Erfolgsserie »Babylon Berlin«, mit ihren legendären Musikszenen im fiktiven Nachtclub Moka Efti, werden ebenfalls Teil des Programms sein. Diese moderne Interpretation der 20er-Jahre Musik zeigt, wie lebendig und zeitlos die Klangwelten dieser Dekade sind.

Die Bühne und Kostüme, gestaltet von Sibylle Pfeiffer, zusammen mit der Mitarbeit von Lara Belén Jackel, das Lichtdesign von Jürgen Kolb und die Videokunst von Konrad Kästner und Christopher Fromm, vervollständigen das immersive Erlebnis. Die Moderation und Dramaturgie liegen in den Händen von Tobias Geismann, Anne Breitenberger und Laura Wikert, die das Publikum durch diesen außergewöhnlichen Abend führen werden.

INFO: »Berlin – Die Sinfonie der Großstadt« ist ein wegweisender deutscher experimenteller Dokumentarfilm von Walther Ruttmann aus dem Jahr 1927. Der Film, der das alltägliche Leben in Berlin der 1920er Jahre einfängt, gilt als ein Meisterwerk der filmischen Darstellung urbaner Dynamik und Rhythmen.
Besonders hervorzuheben ist die innovative Filmmusik, die eine zentrale Rolle in der filmischen Gestaltung spielt. Edmund Meisel, der Originalkomponist, schuf eine Musik, die die Stimmung und Atmosphäre des städtischen Lebens untermalt. Diese Musik ist heute nur in einer Klavierfassung erhalten. Im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche Neubearbeitungen und Interpretationen der Filmmusik. So schrieb Günther Becker 1982 eine orchestrierte Version, und Mark-Andreas Schlingensiepen komponierte 1987 eine große Orchesterpartitur, die bei den Berliner Festspielen aufgeführt wurde.
Zum 80-jährigen Jubiläum des Films wurde eine neue Orchestrierung von Bernd Thewes in Auftrag gegeben und vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin aufgeführt. Weitere bemerkenswerte Neuinterpretationen stammen unter anderem von Timothy Brock (1993) und der belgischen Band We Stood Like Kings (2012). Tobias PM Schneid präsentierte 2016 beim Internationalen Dokumentarfilmfestival München eine frische Komposition.
Diese musikalischen Bearbeitungen unterstreichen die anhaltende Relevanz und den Einfluss von Ruttmanns Werk, das nicht nur filmisch, sondern auch musikalisch eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt.Hier bei Youtube!
Nacht im Babylon | Cynthia Cosima Erhardt - Staatstheater Kassel - (c) Qinglin Meng
Nacht im Babylon | Cynthia Cosima Erhardt – Staatstheater Kassel – (c) Qinglin Meng

Das Nacht im Babylon – Filmkonzert Spezial verspricht eine unvergessliche Reise in die Welt der Filmmusik, die sowohl die goldenen 20er-Jahre als auch ihre moderne Resonanz feiert. Es ist eine Hommage an die Zeit, in der die Filmmusik geboren wurde und zugleich eine Anerkennung ihrer zeitlosen Bedeutung in der heutigen Kultur.

INFO: »Babylon Berlin« ist eine deutsche Kriminal-Fernsehserie, produziert seit 2017 von X Filme Creative Pool in Koproduktion mit ARD Degeto, Sky und Beta Film. Unter der Regie von Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten, spielen Volker Bruch als Kommissar Gereon Rath und Liv Lisa Fries als Charlotte „Lotte“ Ritter. Die Serie basiert auf Volker Kutschers Roman "Der nasse Fisch" und spielt im Berlin der Weimarer Republik. Mit einem Budget von rund 40 Millionen Euro ist sie die teuerste deutsche und nicht-englischsprachige Fernsehproduktion.
Die Filmmusik, komponiert von Johnny Klimek und Tom Tykwer, wurde vom MDR-Sinfonieorchester unter Kristjan Järvi eingespielt. Das Moka Efti Orchestra interpretierte Titel im Tanzpalast. Severija lieferte mit "Zu Asche, zu Staub" den Titelsong der ersten beiden Staffeln, basierend auf einer Komposition von Nikko Weidemann, Mario Kamien und Tykwer. In der vierten Staffel übernahm Max Raabe als Emil Engel mit "Ein Tag wie Gold" diese Rolle. Der Soundtrack umfasst auch Beiträge von Meute und LaBrassBanda, die Gastauftritte in der Serie hatten.Hier auch bei Youtube!

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Von Wildwechsel

Online-Redaktion des Printmagazin Wildwechsel. Wildwechsel erscheint seit 1986 (Ausgabe Kassel/Marburg seit 1994). Auf Wildwechsel.de veröffentlichen wir ausgewählte Artikel der Printausgaben sowie Artikel die speziell für den Online-Auftritt geschrieben wurden.

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