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(Kassel) Stille Körper, laute Aussagen – zwischen Spannung und Schönheit entfaltet sich eine ganze Welt aus Bewegung. Vom 21. bis 25. Januar 2026 wird Kassel zur Bühne für den internationalen Dialog im Tanz: Mit dem Festival EMBODIED DISSENT feiert das Staatstheater Kassel ein außergewöhnliches Programm mit Fokus auf zeitgenössischen Tanz aus Israel.

EMBODIED DISSENT: Vielfalt als choreografische Sprache

In Kooperation mit dem renommierten Suzanne Dellal Centre for Dance and Theatre, Tel Aviv, und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Kassel versammelt EMBODIED DISSENT eine Vielzahl künstlerischer Handschriften – ausdrucksstark, differenziert und jenseits plakativer Zuschreibungen. Das kuratorische Konzept stammt von Naomi Perlov, künstlerische Leiterin des Suzanne Dellal Centre, gemeinsam mit Thorsten Teubl, Tanzdirektor von TANZ_KASSEL.

Die zentrale Frage, die das Festival durchzieht: Wie kann Tanz auf gesellschaftliche Krisen reagieren, ohne sich in politischen Parolen zu verlieren? Die Antwort zeigt sich in den Körpern, Bewegungen und choreografischen Entscheidungen der beteiligten Künstler:innen. Tanz wird hier zur Form von Erinnerung, zur Praxis des Dialogs – zur Kunstform, die Raum für Differenz schafft.

Zeitgenössischer Tanz aus Israel – mutig, vielseitig, persönlich

Die israelische Tanzszene zählt seit Jahren zu den spannendsten weltweit. Künstler:innen wie Hofesh Shechter oder Eyal Dadon stehen für expressive, rhythmische, körperlich intensive Stücke, die immer wieder neue ästhetische Horizonte ausloten. Mit dabei sind auch Arbeiten von Yossi Berg und Oded Graf sowie eindrucksvolle Kreationen von Roni Chadash, Klil Ela Rotshtain und Michael Getman. Alle zeigen sie, wie sehr Bewegung als Ausdrucksmittel kultureller Zugehörigkeit, Identität und Widerstandskraft dienen kann.

Festivalhöhepunkt: Die Nachwuchsplattform 1|2|3

Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Gastspiel 1|2|3, das am Samstag, 24. Januar, um 18 Uhr im Schauspielhaus gezeigt wird. Die Plattform ist ein Herzstück der Nachwuchsförderung am Suzanne Dellal Centre. Ziel ist es, aufstrebenden Choreograf:innen Raum, Zeit und professionelle Begleitung zu geben, um eigene künstlerische Sprachen zu entwickeln.

Hila Nachshonov, Naya Binghi, Naomi Kats, Rotem Viner Tchaikovsky und Daniel Ben Ami präsentieren dabei ihre neuesten Arbeiten. Sie zeigen, wie facettenreich und mutig sich junge Stimmen im israelischen Tanz positionieren. Getanzt wird unter anderem von Hila Nachshonov, Rotem Viner Tchaikovsky, Naya Binghi, Itai Meir, Naomi Kats, Tamar Razin und Daniel Ben Ami.

„1|2|3 begleitet die Teilnehmer:innen auf einer Reise durch verschiedene choreografische Techniken und fördert ihre individuelle Handschrift“ (Suzanne Dellal Centre). Neben Probenzeit und Präsentationen erhalten die Beteiligten Unterstützung durch internationale Mentoren und Workshops mit Künstler:innen aus Musik, Architektur, Film und Bildender Kunst. Der kreative Austausch steht im Mittelpunkt – und macht 1|2|3 zu einem starken Impulsgeber für neue Entwicklungen im Tanz.


What’s up Kassel? – Aktuelle Eventbeiträge

Drei Stufen – eine Entwicklung

Das Besondere an der Plattform 1|2|3 ist ihre systematische Struktur: Sie ist in drei Phasen gegliedert – Solo, Duo, Trio. Diese Staffelung hat einen klaren didaktischen Ansatz:

  1. Solo – Die Choreograf:innen beginnen mit einem Solostück, das es erlaubt, die eigene künstlerische Handschrift zu schärfen.
  2. Duett – Im zweiten Schritt treten zwei Körper in Beziehung zueinander – ein Raum für Kontraste, Dialoge und Bewegungsdynamik.
  3. Trio – Die dritte Phase ermöglicht komplexere dramaturgische Konstruktionen: Es geht um die Interaktion dreier Tänzer:innen, um Beziehungsgeflechte, Raumgestaltung und Gruppendynamik.

Diese Struktur ist kein Selbstzweck. Sie fördert ein tiefes choreografisches Verständnis – nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf Kommunikation, Timing und emotionale Dichte. Die Plattform wurde bewusst so konzipiert, dass sie als Katalysator für eine eigenständige choreografische Stimme wirkt – mit Wirkung über Israel hinaus.

Viele Produktionen aus 1|2|3 waren bereits international zu sehen, unter anderem in Deutschland, Frankreich und Tschechien. Auch der aktuelle Gastspielabend in Kassel ist Teil dieser weltweiten Sichtbarkeit neuer choreografischer Stimmen.

Doppelschlag am Samstag: EMBODIED_IMAGES

Noch am selben Abend – um 20:15 Uhr im TiF, Theater im Fridericianum – folgt der zweite Gastspielblock EMBODIED_IMAGES, der Arbeiten von Roni Chadash, Klil Ela Rotshtain und Michael Getman zeigt. Auch diese drei Künstler:innen stehen exemplarisch für die komplexen, oft introspektiven Wege, die der israelische Tanz einschlägt.

Roni Chadashs Werk »Victims & Images – Vol. 2« untersucht die Mechanismen körperlicher Wahrnehmung und stereotype Vorstellungen. Ihr Stück bewegt sich zwischen Erwartung und Auflösung – körperlich und inhaltlich. In Klil Ela Rotshtains Choreografie »I could also be a black swan« begegnen sich verschiedene innere Stimmen. Ihre Bewegungen sind wie Spiegelungen einer zersplitterten Identität, die auf der Bühne wieder zusammengesetzt wird.

Ergänzt wird der Abend durch Michael Getmans »Song Cycle (Liederkreis)«, das musikalisch auf Kompositionen von Pavel Haas basiert. Getman verwebt Elemente seiner früheren Werke – darunter Ausschnitte aus »Passion Is a Lonely Hunter« (2025) und »String Quartet«, einer Auftragsarbeit zum Internationalen Holocaust-Gedenktag 2022 – zu einem choreografischen Triptychon über Erinnerung, Geschichte und deren körperliche Einschreibung.

Getanzt wird dieser bewegende Abend von Romi Lahav, Shira Ben Uriel, Klil Ela Rotshtain, Lieli Elkon, Ben David, Mor Ben Bassat, Maayan Nossan und Yotam Wildstein.

Weitere Höhepunkte des Festivals

EMBODIED DISSENT beginnt bereits am Mittwoch, 21. Januar, mit einem Tanz-Salon in der Stadtbibliothek: TANZ_Mittwoch: Embodied Dissent – Tanz in Zeiten des Krieges – Körper im Widerstand eröffnet das Festival mit Reflexion und Gespräch.

Am Freitag, 23. Januar, folgt die offizielle Festivaleröffnung um 18 Uhr im INTERIM-Foyer. Direkt im Anschluss (19 Uhr) zeigt TANZ_KASSEL im INTERIM zwei Stücke: »tHE bAD« von Hofesh Shechter und »Shuv« von Eyal Dadon – zwei Arbeiten, die durch Energie, Präzision und choreografische Kraft bestechen.

Am Sonntag, 25. Januar, bietet das Festival um 11 Uhr eine offene Masterclass im SoZo Visions in Motion mit Hila Nachshonov und Rotem Viner Tchaikovsky. Der Abschlussabend um 20:15 Uhr im TiF bringt schließlich das Stück »Season 3 – Let’s Talk About Sacre: Letzter Frühling | Last Spring | אביב אחרון« von Yossi Berg und Oded Graf auf die Bühne – eine poetische, berührende Auseinandersetzung mit Wandel, Aufbruch und dem Echo der Vergangenheit.


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Fragen, die das Festival stellt

  • Was kann Tanz in Zeiten des politischen Umbruchs leisten?
  • Wie reflektieren Körper kulturelle Zugehörigkeit?
  • Welche Rolle spielt Nachwuchsförderung für die Zukunft des zeitgenössischen Tanzes?
  • In welcher Form lassen sich Erinnerungen choreografieren?
  • Wie entsteht Vielfalt in künstlerischen Bewegungen?

FAQs zum Thema
  • Was ist das Besondere an EMBODIED DISSENT?
    Das Festival zeigt ausschließlich zeitgenössischen Tanz aus Israel und setzt auf inhaltliche Tiefe sowie künstlerische Bandbreite.
  • Was bedeutet der Titel EMBODIED DISSENT?
    Er lässt sich übersetzen mit „verkörperter Widerspruch“ und verweist auf Tanz als Ausdrucksform für Widerstand, Differenz und Reflexion.
  • Wer steht hinter dem Festival?
    Die künstlerische Leitung teilen sich Naomi Perlov (Suzanne Dellal Centre) und Thorsten Teubl (TANZ_KASSEL). Veranstalter ist das Staatstheater Kassel.
  • Wo finden die Veranstaltungen statt?
    An verschiedenen Spielorten in Kassel, darunter Schauspielhaus, TiF, SoZo Visions in Motion, Stadtbibliothek und das Foyer des INTERIM.
  • Wie komme ich an Tickets?
    Einzeltickets und Festival-Pässe sind online und an der Theaterkasse erhältlich: www.staatstheater-kassel.de oder Tel. (0561) 1094-222.

Was zeichnet das Staatstheater Kassel besonders aus?

  • Es verbindet langfristige Theatertradition mit einem breiten Spektrum an künstlerischen Feldern: Von klassischer Oper über Schauspiel bis hin zu zeitgenössischem Tanz und Jugendtheater.
  • Der Standort und die Architektur tragen zur Bedeutung in der Stadt bei: Das Theater am Friedrichsplatz bildet einen sichtbaren Kultur‑Ankerpunkt in Kassel.
  • Die Institution versteht sich nicht nur als Bühne für Aufführungen, sondern auch als Ort der gesellschaftlichen Begegnung und kulturellen Identifikation – ein wichtiges Moment für Kooperationen, die über das klassische Publikum hinaus wirken.
  • Neuere Entwicklungen zeigen, dass das Haus auch offen für Wandel und Experiment ist: So etwa mit dem Auslagerungsort „INTERIM“, der neuen Spielstätte in der Nachbarschaft.

Nützliche Links zum Thema

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Die nächsten Termine von EMBODIED_IMAGES


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Von Wildwechsel

Online-Redaktion des Printmagazin Wildwechsel. Wildwechsel erscheint seit 1986 (Ausgabe Kassel/Marburg seit 1994). Seit 2021 erscheint Wildwechsel ausschließlich online. Laut Auswertung hat sich dadurch die Zahl der Leser noch mal deutlich gesteigert.

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