5/5 - (3 votes)

  Lesedauer: 7 Minuten

 

Schon bald schlägt man auf dem Kasseler Friedrichsplatz wieder das gelb-schwarze Zelt auf. Zumindest gibt es ab dem 5.9. Tickets für die Weihnachts-Show des Circus Flic Flac. Beim 4. Festival der Artisten wird das Publikum wieder zur Jury, wenn unter ihnen Mützen verteilt werden und sie über die Sieger abstimmen können. Derjenige, der von den Artisten aus 10 Nationen zum Sieger gekürt wird, erhält eine Siegprämie. Im letzten Jahr fanden sich 55.000 Zuschauer auf dem Friedrichsplatz ein, dem laut Pressesprecherin Meike Schütte schönsten Theaterplatz der Welt. Nebenbei gibt es in Dortmund und Saarbrücken die Weihnachts-Themenshows „Highligabend“ und „Schrille Nacht, eilige Nacht“.

Beim Festival der Artisten verspricht Flic Flac „Topstars aus Akrobatik, Artistik und anarchischer Komik.“ Das Programm, bei dem sich „Tollkühnes mit Tempo abwechselt“, steht unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Bertram Hilgen und ist in Kassel schon zu einer Institution geworden. „Für unser viertes Festival haben wir wieder in aller Welt außergewöhnliche Darbietungen verpflichtet. Die Künstler kommen aus zehn Nationen – und einer sogar aus Kassel, so Direktor Benno Kastein.

Topstars aus Akrobatik, Artistik und anarchischer Komik.

Zum 5.9. geht dann auch der neue Internetauftritt online. Schon jetzt gehen unter der angegebenen Telefonnummern dutzende Anfragen nach Tickets ein. In den letzen Jahren waren die Veranstaltungen ausverkauft und es wurden sogar zwei Sondervorstellungen gemacht.

» 20.12. – 13.1.2012, 4. Festival der Artisten, Friedrichsplatz Kassel
» [ Zirkus Flic Flac im Web ]

Hand-auf-Hand-Akrobatik bieten A & A dem Publikum

Handstreich: Adam trifft Anton, USA trifft Ukraine: Adam Vazquez und Anton Makuhin sind als A & A mit ihrer sensationellen Hand-auf-Hand-Balance schon mehrfach im berühmten Cirque du Soleil und anderen großen Shows auf der ganzen Welt aufgetreten. Die Muskelmänner mit der kraftvollen Ausstrahlung können auf eine beachtliche Ausbildung und sportliche Erfolge verweisen. Adam, Spross einer legendären Circusfamilie, ließ sich zehn Jahre lang bei den Las Vegas Flyers trainieren, gehörte zur Elite im Power Tumbling (Kunstturnen und Trampolin) in den USA. Er ist nicht nur Hand-auf-Hand-Akrobat, sondern beherrscht auch Pole-Akrobatik, die russische Schaukel und vieles mehr, unter anderem das Violinenspiel. Anton verfügt nicht nur über ein Diplom des Olympic Lyceum Kiew, sondern ist auch studierter Jurist. Ganz nebenbei erturnte sich das Supertalent zehn erste und vorderste Plätze bei akrobatischen Sportwettbewerben in Russland und der Ukraine.

Voll am Ball: Ausnahmejongleur Pavel Evsukevich aus Weißrussland war erst 20, da war er schon Weltmeister. Zunächst errang er 2010 den „Bronze-Elefant“ beim Internationalen Festival in Moskau und dann gewann der Ballkünstler die Weltmeisterschaft der World Juggling Federation in Las Vegas. Schon im zarten Alter von 15 Jahren zog Evsukevich aus seiner kleinen Heimatstadt ins große Moskau. Dort besuchte er die Circusschule, erlernte akrobatische Gymnastik, Handstand und Choreographie. In Moskau entstand auch seine außergewöhnliche Jonglage-Darbietung. Die Fachwelt überschlägt sich in ihren Lobeshymnen über den sympathisch-bescheidenen Perfektionisten.

Nicolai Kuntz am Seil

Luftikuss: … nein, kein Schreibfehler: wenn Nicolai Kuntz so federleicht an seinem Trapez durch die Luft fliegt, dann fliegen dem jungen Künstler die Herzen nur so zu. Herzklopfen verursacht der Nachwuchs aus dem Hause FlicFlac aber vor allem mit riskanten Sprüngen und Abfallern hoch in der Zeltkuppel. Nicolai lebt seit seinem neunten Lebensjahr im Circus Flic-Flac und gehört zur Familie Kastein. Gemeinsam trainierte er zunächst mit Bennos Kasteins Töchtern Larissa und Tajana akrobatische Finessen, später wagte er sich an die Kunst der Diabolo Jonglage. 2010 trat er erstmals in der FlicFlac Show „artgerecht“ am Trapez auf. Zum FlicFlac-Festival in Kassel reist Nicolai direkt von einer Gastpielreise mit dem renommierten Cirque Arlette Gruss aus Frankreich an.

Großer Wurf: Handvoltigen nennt man in der Welt der Akrobaten die ausgesprochen riskanten und komplizierten Würfe und Sprünge, die auch die Spezialität der Godfathers sind. Das Quartett aus der Ukraine sorgt mit seiner Variante für großes Staunen. Schnell und souverän katapultieren sich Jurii Karpliuk, Serhij Nemtsev, Volodymyr Potaychuk und Maksym Tsvietkov kraft ihrer Hände (und starken Arme) in ungeahnte Höhen – und fangen einander sicher wieder auf. Beim 5. Internationalen Circusfestival im spanischen Albacete räumte das Kleeblatt gleich zwei Preise ab.

Robert Muraine, der menschliche Knoten

Auf Biegen und Brechen: Zu behaupten, Tanz wäre sein Leben, reicht einfach nicht: Was „Mr. Fantastic“ Robert Muraine an Bewegung drauf hat, ist Körperbeherrschung pur. Der sympathische Westcoast-Boy aus Los Angeles setzt die Anatomie außer Kraft, wenn er sich wie eine Aufziehpuppe selbst zum Leben erweckt, die Arme bewegt, dann die Schultern, schließlich den Kopf bis Richtung Hüfte wandern lässt … Der Mann mit der schrillen Brille verbiegt sich für seine Körperskulpturen mit wellenförmigen Bewegungen, die die Elastizität des Körpers in den Mittelpunkt stellen. Dass der einstige Straßenkünstler aus dem sonnigen Kalifornien darin eine Extra-Klasse entwickelt hat, befand auch die Casting Show „So You Think You Can Dance“ (SYTYCD) im amerikanischen Fernsehen, die Robert Muraine zum Sieger kürte.

An der Wand lang: Wer könnte nicht manches Mal „die Wände hochgehen?“ Diese sechs Stehaufmännchen und -mädchen haben daraus eine spektakuläre Bühnendarbietung gemacht: Die aus Kanada stammenden Catwall Acrobats turnen, springen, tanzen hinter, vor und auf einer sechs Meter hohen und vier Meter breiten Mauer. Dabei laufen sie Wände hoch, verschwinden plötzlich in ihnen und tauchen wenig später auf der anderen Seite wieder auf – um sich gleich darauf in den freien Fall zu begeben. Für den entsprechenden Schwung sorgt ein großes Trampolin. Die kanadischen Springwunder traten schon beim Circusfestival in Monte Carlo auf, bekamen Gold beim Internationalen Circusfestival in Grenoble und sind gern gesehene Gäste in großen Fernsehshows.

Mit dem Diabolo ist Phil Os kaum zu schlagen

Rockt die Bühne: Das wird ein Heimspiel für den teuflisch schnellen Jongleur aus Kassel: Mit elektrisierender Energie, krasser Dynamik und faszinierendem Charme begeistert Phil Os sein Publikum. Ein Künstler wie ein Rockkonzert – in rasanten Arrangements wirbelt er seine Diabolos über die Bühne, die jedoch wie von Geisterhand immer zu ihm zurückkehren. Für diese freche, laute und moderne Jonglage gibt’s nicht nur Applaus, sondern auch schon einen Preis beim internationalen Circusfestival in Kiew (Ukraine).

Spuren im Sand:Ihre filigrane Kunst ist auf Sand gebaut und nur für einen kurzen Augenblick ein Vergnügen für die Sinne. Liliyana „Lili“ Chistina war die erste Sandmalerin in Russland und motivierte viele weitere Künstler, sich mit diesem Genre zu befassen. Auf einer beleuchteten Glasplatte kreiert sie aus einem Häufchen Sand Geschichten, Gesichter und Gesten, die auf eine Wand projiziert werden. Immer ist es nur ein einfacher Handstreich, der das kleine Kunstwerk zerstört und ein neues schafft. Mit ihrer körnigen Kunst trat sie bereits überall in Russland, Europa, Asien und dem Mittleren Osten auf. Lili weiß übrigens auch Mehl, Salz und Kaffee wunderbare Geschichten zu entlocken.

Helden der Höhe: Sie lieben Fliegen, diese sechs Trapezkünstler aus Russland. Die Flying Heroes kommen aus dem Moskauer Nikulin Circus und präsentieren die klassische kühne Form des Fliegenden Trapezes mit all seinen Salti, Passagen und waghalsigen Fangaktionen. Das Sextett bringt zudem eine gehörige Portion Reck-Akrobatik zwischen Himmel und Erde auf den Weg. Seit 2008 fliegen die Russen durch Manegen ihrer Heimat, Chinas, Spaniens und Deutschlands. Truppenchef Stanislav Bogdanov stehen als Fänger Sergey Mayorov (Moskauer Circusschule) und als FliegerInnen Daria Kuzmina, Evgeny Iovchu, Ivan Kartavyy und Yuriy Sharavin zur Seite – allesamt Profi-Meister in artistischer oder rhythmischer Gymnastik.

Hugo Noel in seinem Ring

Dreht am Rad: Der Kreis ist die perfekte Form. Nicht nur in der Geometrie. Er steht für Unendlichkeit, Kontinuität, für das Leben … Diesen Kreislauf interpretiert Hugo Noel aus Kanada auf seine Art und nutzt dazu das noch gar nicht so lange in der Manege beheimatete Cyr. Das Riesenrad ist vergleichbar mit dem Rhönrad, aber um einiges riskanter zu bewegen. Der ehemalige Cirque du Soleil Artist macht daraus mit Leichtigkeit und einem Schuss Poesie eine runde Sache. Dafür gab es bereits Edelmetall bei Festivals in aller Welt. Neben seinem Auftritt mit dem Cyr zeigt Hugo Noel sein Können auch bei den Darbietungen der Catwall Acrobats, entwickelt Darbietungen für andere Künstler und konstruiert Requisiten vom Schleuderbrett bis zum zerlegbaren Cyr.

Peacemaker: Sein Markenzeichen: die zum „Peace“-Zeichen geformten Finger. Jigalovs Clownerie ist Gold wert und er hat einen Silbernen Clown. Den gab’s beim Cirusfestival in Monte Carlo aus den Händen von Prinzessin Stephanie persönlich. Schminke hat er nicht nötig, aber ohne seine unförmige Hose und das enge Jäckchen würde man den schmächtigen Mimen auf der Straße wohl nur schwer wieder erkennen. Jigalov verkörpert den sympathischen kleinen Fiesling ebenso brillant wie den wichtigen Rock’n Roller oder die musikalische Nervensäge im Duett mit Partner. Andrej Jigalov ist Absolvent der berühmten Moskauer Circusschule. Er war zweimal bester Schauspieler der Sowjetunion, bekam beim Circusfestival Paris die Goldmedaille und hat sogar, das erzählt er besonders gerne, schon einen Psychologenkongress zum Weinen gebracht.

Palmzweige sind Rigolos Spezialgebiet

A question of balance: Balance ist kein Zustand – Balance ist Bewegung. In seiner begnadeten Sanddornbalance legt der Schweizer Rigolo 13 Palmäste zu einer schwebend leichten Skulptur zusammen. Hier trifft archaisch-ritueller Tempeltanz auf Zirkuspoesie. „Die Welt gerät aus den Fugen, wird aus den Angeln gehoben. Zwischendurch, nur selten, geschieht oder gelingt uns ein Moment des Gleichgewichts, des Glücks – Balance…“ Die Faszination dieser Momente hat Mädir Eugster, so der bürgerliche Name des Künstlers, nie losgelassen. Der moderne Schamane ließ mit Schweizer Präzision fantastische Objekte entstehen, die in genialer Einfachheit die tiefe Symbolik des Gleichgewichts darstellen. Schon seit Jahrzehnten befasst sich der Begründer und Leiter der Schweizer Tanztheater-Formation Rigolo mit dem Phänomen der Ausgeglichenheit.

Schleuder-Gang: Kanada steht seit einigen Jahren für junge, innovative Circuskunst. Große Circusschulen, unter anderem in Montreal, bilden jedes Jahr hochqualifizierte Artisten aus, die klassische Circuskunst mit modernen, kreativen Elementen verbinden. Aus dieser Schule stammen auch die Teaterboys, die das klassische Schleuderbrett um eine fetzige Variante erweitern.

Von Maria Blömeke

Ehemaligen Ww-Redakteurin

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.