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 Lesedauer: 9 Minuten

(Kassel) Es war ein fantastischer Abend – aber auch einer der tief in meiner Seele nachhallt und mich zum Denken bringt. Ich bin kein Theaterkritiker aber biographisch mit der in der Aufführung dargestellten Geschichte eng verwoben. Deshalb werden die Gedanken und Beobachtungen nicht neutral sein können. 

Die Premiere von Welcome to the Bates Motelfand  am 6. Februar in Kassel im Theater im Fridericianum statt. Der österreichische Regisseur Dominique Schnizer hat mit diesem Stück eine Geschichte auf die Bühne des Theaters gebracht,  die man dichter, emotionaler und tragischer kaum in einer griechischen Tragödie finden kann:  Es ist die Geschichte von Markus Zimmer genannt „Zimbl„, Sänger der legendären Eschweger Kultband The Bates.

Schnizer hat diese genial verknüpft mit der Figur des  Namensgebers der Band: Norman Bates ist die Hauptfigur des Kultfilms von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1960. Der schizoide Mörder wird als „alter Ego“ von Zimbl inszeniert: „Ich bin du und du bist ich…“  flüstert der Schauspieler Nicolas Sidiropulos dem „Mann ohne Erinnerung“ zu: Es ist Zimbl, der von Justin Hibbeler so überzeugend gespielt wird, dass mir bereits sein erster Auftritt die Tränen der Erinnerung in die Augen trieb. 

Zimbl ist einer meiner ältesten Freunde. Wir haben begonnen Musik zu machen als wir 15 Jahre alt waren, wir haben zusammen gelacht, gefeiert, wir waren auf Touren eng an eng, verschwitzt auf der Bühne in ein Mikrophon gesungen und haben die gleichen Frauen geliebt. Er war ein fantastischer Sänger, ein charismatischer Frontmann auf der Bühne und man konnte viel Spaß haben mit ihm haben.

Aber gleichzeitig musste man in die Abgründe einer Seele blicken, die nach Anerkennung, Freundschaft und Liebe strebte, aber immer wieder an sich selbst und der Sucht scheiterte: Die gespaltene Persönlichkeit von Norman Bates haben wir als „lieber-Zimbl-böser Zimbl“ gekannt: „Ich bin du, und du bist ich..“  

Der Abend war wunderbar, viele alte Freunde der Band waren gekommen. Die noch lebenden „historischen“ Bandmitglieder fast vollständig. Zimbls Mutter, alte Wegbegleiter*innen und jüngere Fans der Band, aber auch treue Theaterbesucher*innen mit Dauerkarten. 


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Die Atmosphäre im TIF ist fantastisch und zieht mich als Zuschauer durch die räumliche Nähe des kleinen Thaters förmlich mit hinein in die Handlung. Bereits beim Betreten des Zuschauerraums wird deutlich, dass diese Inszenierung kein klassisches Erzähltheater ist. Das Bühnenbild ist reduziert, beinahe karg, und entwickelt gerade daraus eine starke symbolische Kraft.

Überall kleine versteckte „Easter-Eggs“, die sich dem in Film und Bandgeschichte Eingeweihten erschließen. Das Motel erscheint weniger als realer Ort denn als mentaler Zustand — ein Raum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und innere Erinnerungen ununterscheidbar ineinanderfließen. 

Das Theaterstück beginnt mit Zitaten aus dem Film Psycho: Norman Bates und seine imaginäre Mutter, der Privatdetektiv, die zwölf Zimmer, die alle noch frei sind, die Ansage auf dem Band:  „Welcome to the Bates Motel“, der stürmische Regen draußen und die junge Frau mit dem Koffer voll Geld, die ein Zimmer sucht – Du sollest vor einem Besuch des Theaters unbedingt noch einmal den Film sehen. 

Und dann erscheint der „Mann ohne Erinnerung“: Die Szene kommt ihm bekannt vor „Das habe ich doch schon mal erlebt, aber wer bin ich?“ Und dann beginnen sich Musik, Film und Bandgeschichte zu verweben. Die Band spielt viele der bekannten Songs: „Lips of Jayne Mansfield“, „Going for the show“, „Gone tomorrow“ „Runaway, „Billy Jean“, „Say it is´nt so“. Die Darsteller sind schauspielerisch und musikalisch überzeugend.  

„Der Mann ohne Namen“ nimmt  immer mehr das typische Zimbl-Outfit an: Er spielt in der Strumpfhose, das Gesicht ist geschminkt und weiß gepudert. Zerbrechlich sitzt er später wieder in seinem Zimmer mit seiner Akustikgitarre und spielt Lieder aus Zimbl´s beiden Soloalben. 

Und dann spitzt sich die Handlung zu – wie im echten Leben.  In einer historisch so geschehen hochdramatischen Schlüsselszene versucht versucht seine Freundin, gespielt von der großartigen Katharina Brehl, ihn vergeblich vom Alkohol fernzuhalten.  Später ist es der „Der Fahrer“ , dem Schlagzeuger der Bates Frank Klbescheidt nachempfunden, Zimbl zur Musik und zum Entzug zu ermutigen. Alles ist vergebens.  Zimbl stirbt.  

Aus einem Fernseher kommentieren die engsten Menschen: „Was würdest du Zimbl sagen, wenn er plötzlich wieder vor dir stehen würde?“ Klube: „Ich würde ihm eine in die ****** hauen.“ Wir, die Bandmitglieder, gestehen unsere Hilflosigkeit ein. Ulla Zimmer bricht in  Tränen aus: Nichts kann den geliebten Sohn wiederbringen und nichts den Verlust ersetzen.  

Die Tränen laufen nicht nur bei der anwesenden Ulla Zimmer, sondern bei allen Anwesenden, auch bei mir. Nach einem letzten Stück der Bates und vielen Aufzügen mit „Standing Ovation“ geht das Theaterstück zu Ende. Es gibt noch eine After-Show Party und ein Danke an alle Beteiligten des Intendanten, die nächsten Vorstellungen sind bereits jetzt alle ausverkauft.    

Drei Gedanken treiben mich um, wenn ich das Erlebte reflektiere: 

Bravo!

Das war wirklich eine Meisterleistung! Dominque Schnizer hat sich ein Jahr lang intensiv mit dem Material auseinandergesetzt, hat alle historisch Beteiligten gesprochen oder besucht, hat mit uns gefeiert und es hat sich sogar eine freundschaftliche Beziehung zu uns als dem „historischen Material“ entwickelt.

Mit seinen Schauspieler*innen und dem Theaterteam hat er eine eindrückliche Inszenierung ins Leben gerufen die alles das hat was ein gutes Theaterstück haben soll: Es nimmt den Betrachter hinein in eine andere Welt. Zwei Stunden lang erlebt man eine Geschichte,  sieht hört und fühlt man mit den handelnden Personen, man lacht, tanzt, jubelt, leidet und weint.

Ich durfte nach der Ausführung direkt mit einigen der Schauspieler sprechen und habe gemerkt, wie sehr sie sich selbst mit der Musik der Geschichte den handelnden Personen auseinandergesetzt und identifiziert haben. Professionalität und Leichtigkeit, Spaß und Brillanz waren im Team zu spüren  „Welcome to the Bates Motel“ erzählt die Geschichte von Zimbl von den Bates als moderne Tragödie — allerdings ohne kathartischen Moment, ohne „Happy End“.

Das Publikum bleibt am Ende mit einer Leerstelle zurück, mit der unbequemen Erkenntnis, dass nicht jedes Leiden aufgelöst, nicht jede Biografie gerettet werden kann. Gerade aber darin liegt die Stärke dieser Inszenierung. Sie verweigert Trost und zwingt zur Auseinandersetzung mit der Frage, wie viel Verantwortung die Familie, die Freunde und das unbarmherzige Rock-Business für individuelle Abgründe tragen. Danke für diesen wunderbaren Abend: „Bravo!“

Der „Wurmloch“-Effekt

Nach dem Tod von Zimbl, und nach der Beerdigung im kleinen Kreis gab es ein von uns Freunden und Weggefährten organisiertes Tribute-Konzert in der damaligen Diskothek Spot in Kassel. Es kamen befreundete Bands und viele Fans aus ganz Deutschland.  Freunde und Weggefährten zusammen zu einem unvergesslichen Abend unter dem Titel „Bates and Friends“. Der Abend bildete den Rahmen für die Filmdokumentation: „Zimbl – a real cool time“ von Sascha Nölke.

Bates waren der Soundtrack meiner Jugend!

An diesem Abend lag ein Gästebuch aus und dort schrieb jemand: „Die Bates waren der Soundtrack meiner Jugend“.  An diesem Theater-Abend 20 Jahre danach hörten wir ihn wieder, den Soundtrack unserer eigenen Jugend. Das galt für uns Musiker genauso wie die Weggefährten von damals und die Fans aus verschiedenen Generationen. Die Psychologen sprechen von einem therapeutischen von Musik, die uns zurück in eine vergangene Zeit katapultierte und nennen das den „Wurmloch- Effekt“. 

Der Theaterabend im TIF versetzte uns Jahrzehnte zurück und brachte alle Schönheit und allen Schmerz der eigenen Jugend zurück. Das Schöne am Theater ist, dass am Ende der Vorhang hochgeht und die Schauspieler und die Zuschauer wieder entlassen werden in die Realität. Beides, Vergangenheit und Gegenwart machen uns als Menschen aus und geben uns ihren Wert. „Welcome to the Bates Motel“ führt uns durch das Wurmloch und wieder hinaus.

Rest in Peace!

Und noch ein letzter, auch selbstkritischer Gedanke: Der echte Zimbl starb im Sommer 2006 an den Folgen des auslaufenden, ausufernden und zerstörerischen Lebens eines Musikers auf der Überholspur. Wir haben alle auf Zimbl´s Beerdigung und beim schon erwähnten Tribute Konzert geweint und unserem Schmerz über den Verlust ausdruck gegeben: Zimbl singt einmal: 

Ich will dich seh’n
Du musst versteh’n
Es ist nicht schön ohne dich
Ich will dich spür’n
Will dich berühr’n
Es ist nicht einfach ohne dich   

„Ohne Dich“- The Bates

Die Idee im Jahre 2006 war: „Zimbl und seine Musik dürfen nicht vergessen werden.“ Was folgte, waren weitere Konzerte und Aktivitäten unter dem Titel „Bates and Friends“. Andere sprangen dann auf diesen Zug auf: Der Dokumentarfilm, Bücher, ein Podcast, musikalische Bates-Cover und bereits eine weitere Erwähnung  der Bates in Buch und Theaterstück „Panikherz“ von Benjamin von Stuckrad-Barre. 

In „Welcome to the Bates Motel“ kommt am Ende der Satz vor: Solange sich jemand an uns erinnert, sind wir nicht wirklich gestorben. Dieser Satz ging mir nahe und ich denke, dass er nur zur Hälfte wahr ist. Wer gestorben ist, ist gestorben. Mein Glaube sagt mir,  dass jede Seele in einer größeren Unendlichkeit Gottes seinen Frieden findet. 

TIPP: Entdecke in unserem Artikel zur Ankündigung von „Welcome to THE BATES Motel“, wie das Stück nicht nur das Leben und Wirken der Punk-Legende Zimbl auf die Bühne bringt, sondern gleichzeitig spannende Hintergrundgeschichten zur Band The Bates liefert. Neben Infos zur Inszenierung erwarten dich dort auch historische Anekdoten und originale Fotos von Auftritten der Band – ein echtes Stück Musikgeschichte, das weit über eine reine Terminvorschau hinausgeht.

Was in uns als Erinnerung lebt, sind die Resonanzen dessen, was wir mit dem Verstorbenen erlebt haben. Bis heute erscheint mir Zimbl immer wieder in meinen Träumen. Da ist vieles noch da, und ich höre das von vielen, die die Geschichte nah oder ferner miterlebt haben. 

Vielleicht ist es auch irgendwann mal gut.

Im erwähnten Gästebuch von 2006 findet sich oft der Wunsch: R.I.P. – Rest in Peace.  Es geht um Frieden für die Seele. Bei aller Freude und aller Schönheit des Abends hörte ich auch den Wunsch: „Vielleicht ist es auch irgendwann mal gut.“ Diesen Frieden wünsche ich Zimbl und uns noch Lebenden.

Feels like I’m in heaven, oh I feel so fine. If you were only here my friend, you would have a real cool time.

– Songtext von The Bates „A Real Cool Time“

Autor: Armin Beck – Gründungsmitglied der Bates, der früh ausstieg, aber nach einer Zeit des Abstands bis heute mit der Band verbunden ist. Heute ist er u.a. als Pfarrer und Theologischer Referent in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck tätig.


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INFO: Markus „Zimbl“ Zimmer wurde 1964 in Eschwege geboren. Schon früh zog ihn die Musik magisch an. Erste Bands, erste Auftritte, erste Gitarrengriffe. Mit Freunden gründete er 1987 die Punkrock-Band The Bates, die in Europa vor allem für ihre druckvollen Coverversionen bekannt wurde – etwa von »Hello«, »Billie Jean« oder »Independent Love Song«. Mit seinem unverwechselbaren Stil und einem Gespür für Melancholie, Lebenslust und Sehnsucht prägte Zimbl eine ganze Subkultur.
Doch hinter der Rampenlichtfassade verbarg sich ein fragiler sensibler Mensch. Zimbl kämpfte mit Suchtproblemen, zog sich zunehmend zurück. 2006 starb er mit nur 41 Jahren in seiner Wohnung in Kassel – allein. Zwei Tage später wurde er gefunden.


    Nützliche Links zum Thema

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    Online-Redaktion des Printmagazin Wildwechsel. Wildwechsel erscheint seit 1986 (Ausgabe Kassel/Marburg seit 1994). Seit 2021 erscheint Wildwechsel ausschließlich online. Laut Auswertung hat sich dadurch die Zahl der Leser noch mal deutlich gesteigert.

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