Wildwechsel-Plattenkritiken
Plattenkritiken aus dem Wildwechsel 1999


THE BUSTERS
Make A Move
Dogsteady Records
Auf ihrem mittlerweile 7. Studioalbum versucht der wohl bekannteste deutsche Exportartikel in Sachen Ska gewohnt gekonnt sein Publikum zum Tanzen zu animieren. Die zwölfköpfige Band, bereits seit 1987 unterwegs, hat erstmalig eine CD in Eigenproduktion aufgenommen, um die Intensität ihrer Liveauftritte in die Produktion ihrer Studioarbeit einfließen zu lassen. Dabei herausgekommen ist ein abwechslungsreiches Album, das keine Langeweile aufkommen läßt und sich stets bemüht, dem Ska neue Facetten abzugewinnen. Ihre Erfahrung von unzähligen Auftritten im Ausland nutzte die Gruppe und verewigte hier erstmals neben den herkömmlichen englischen Texten auch welche in italienischer, spanischer, deutscher, französischer und russischer Sprache. Dabei bleiben die 22 Songs jedoch alle hochgradig tanzbar und die hervorragenden Bläser tun ein übriges, um die Stimmung zu heben. (stb)

PSYCHOTIC YOUTH
Stereoids
Wolverine Records
Die Könige des skandinavischen Power-Surf-Punkrocks melden sich mit einem grandiosen neuen Album zurück. Man sieht die Sonne aufgehen, man sieht sie wieder untergehen und hat gar nicht gemerkt, daß man den ganzen Tag faul mit dieser Scheibe verbracht hat. Eine CD, die nach einem Tag am Strand, einem hübschen Mädchen im Arm und einem kühlen Bier nur so schreit. Hochmelodiöse Uptempo-Songs wechseln sich mit ruhigeren Passagen ab und zwingen einem unweigerlich ein idiotisches Gute-Laune-Grinsen auf. Wenn man sich vorgenommen hat, den gesamten Tag tapfer-mißmutig durch die Gegend zu ziehen, ist dieser Tonträger ein frustierend-gutes Medikament dagegen. Man kann also von Glück sagen, daß sie sich nicht wie erst angedroht aufgelöst haben, sondern auch weiterhin die Menschheit mit ihren kleinen Hits unterhalten. (stb)

NOE VENABLE
No Curses Here
Intuition/Schott
Das Debütwerk dieser 21jährigen Newcomerin aus San Francisco ist mehr als vielversprechend. Sie mischt Rhythmen und Instrumente so erfrischend unkonventionell gegeneinander, daß man unwillkürlich an Lisa Loeb oder gar Björk erinnert wird. Erstaunlich ist das Ergebnis: Nur selten - wie in »Starboy Coming Soon« - vergreift sie sich dabei, zumeist entstehen filigrane Songperlen, die zwar ein wenig sperrig aber dafür um so nachhaltiger in die Gehörnerven gehen. Die reife kompositorische Kompetenz ist erstaunlich. Anspieltips in diesem Sinne sind: »Jawbone Canyon« und »Am Call«. Mit ihrer klaren Stimme, die sich irgendwo zwischen Suzanne Vega und Björk einpendelt und ihren lyrischen, anspruchsvollen Texten wird sie wohl in Zukunft zur ersten Garde amerikanischer Songschreiberkunst zu rechnen sein. (pw)

THE HEARTBREAKERS
auf wiedersehen...
Scumfuck Tradition - Das Label
Die Marburger HEARTBREAKERS veröffentlichten auf dem sehr umstrittenen Dinslakener Label Scumfuck ihr Debüt. Dem Hörer wird auf diesem 9 Songs umfassenden Mini-Album melodischer Punkrock mit stark britischer Prägung geboten, der durch die ausgefeilte Soloarbeit des Gitarristen Andreas eine besondere Note bekommt. Die deutsch-englischen Texte beschäftigen sich mit all den hochkarätigen Problemen, die dem Punkrocker von heute auf den Fußnägeln brennen und ihnen bei der täglichen Lebensplanung helfen. Die Liste der Songs auf der Rückseite wurde übrigens auf den nackten Oberkörper einer jungen Dame geschrieben. Insgesamt ein vielversprechendes Debüt, das allerdings den Spaß, den die Band live verbreitet, nicht ganz widerspiegelt.       stb

IGOR KOSHKENDEY
Music From Tuva
amiata records
Das Leben in Tuva, einer von zwei mächtigen Höhenzügen umschlossenen autonomen Republik zwischen Sibirien und der äußeren Mongolei, ist immer noch stark agrarwirtschaftlich geprägt. Die Hirten mongolischer Abstammung hüten aber nicht nur ihre Schaf-, Ziegen-, Rentier-, Kamel-, Yak- und Pferdeherden, sondern auch eine spezielle Gesangsform. Mittels Obertontechniken wird erreicht, dass der eigene Gesang zugleich von Obertönen umgeben wird. Auch die Instrumentierung läßt aufhorchen. Die Oshpuluur, eine Art Laute die manchmal stark den Klang eines Banjos heraufbeschwört. Dann die Igil, eine zweisaitige Violine, die über eine stark asiatische Stimmung verfügt. Der Rhythmus der Dymbra  gleicht einem Donnergrollen. Ist das der Sound aus der Urzeit, oder klingt der Schlag auf der Dymbra nur zufällig nach den Trommeln der nordamerikanischen Indianer? (om)

COLLECTIVE SOUL
Dosage
Atlantic/eastwest
Ungefähr zur gleichen Zeit wie Candlebox (siehe Kurz&Klein) lieferte 1993 eine weitere Nachwuchsband in Sachen Rock ihr Debüt ab. Sechs Jahre später ist die Entwicklung beider Gruppen doch erheblich auseinandergedriftet. Collective Soul, mit dem damaligen »Shine« nicht zum One Hit Wonder mutiert, ist heute zu einer reifen Band mit satten Rockgitarren-Sounds herangewachsen. Nachdem sie in den USA von Album zu Album immer wieder Erfolge feiern konnte, nahm in Deutschland fast keiner Notiz von ihnen. Das könnte sich mit »Dosage« ändern. Beinhaltet das Album doch mit der ersten Single »Run« eine herausragenden Ohrwurm mit sanften Streicher Arragements und lummt sich nicht noch weitere Singlehits hervorzuzaubern. Glückwunsch. (hs)

SAINKHO
naked spirit
amiata records
SAINKHO NAMTCHYLAK, `57 in Tuva geboren,  legt mit NAKED SPIRIT ein fast mystisch klingendes Werk vor. Mühelos überschreitet sie konventionelle Grenzen und läßt dabei in ihrer Vokalkunst sowohl traditionelle wie moderne, teils freejazzartige Elemente, ineinander fließen. Es entstehen unglaublich bizarre Klangbilder. Mittels moderner Technik spielt sie mit ihrer Stimme, singt SAINKHO mit sich selbst im Duett (TESTAMENT), oder zerlegt den Klang ihrer Stimme in einzelne Laute. In der Instrumentierung, meist minimalistischer Prägung, gleicht NAKED SPIRIT einem Windhauch der durch die Saiten einer Harfe schlüpft. So wandert SAIKHO NAMTCHYLAK durch die Welt unserer Ahnen, mal als Avantgardvokalistin, mal als asiatische Tempelsängerin,  hinweg über die nun bestehenden Kontinente um den Ursprung aller Sangeskunst erneut aufglimmen zu lassen. (om)

DIVERSE
From Afrocuban Music to Salsa
piranha
In den Jazz- und Folkmagazinen trifft man schon auf den ein oder anderen Nörgler, da die top-ten der Weltmusik einzig vom Kubafieber gepackt scheint. In dieser Zeit eine  Zusammenstellung kubanischer Prägung auf den Markt zu bringen verwundert. Doch PIRANHA liefern mit dieser CD etwas einzigartiges. Zum einen legt das kleine Berliner Label ein auf über 170 Seiten wissenschaftlich fundiertes Werk vor, betreut durch Dr. Olavo Alén Rodriguez. In ihm werden die Wurzeln der Afrokubanischen Musik aufgezeigt, ganz gleich ob es beispielsweise um den Son, Rumba oder dem Danzón  geht. Auf der CD finden sich dann 26 hervorragende Beispiele, sortiert nach Musikrichtungen, die den Theorien Leben einhauchen. Als Sampler im eigentlichen Sinn möchte man diese CD aber eigentlich nicht einordnen, da der Rhythmus ein alle Stücke verbindendes Element darstellt. (om)
 

The Black Madonna - Pilgrim Songs from the Monastery of Montserrat (1400-1420)
NAXOS
Die hier festgehalten Lieder und Tänze stammen aus dem Libre Vermell de Montserrat, ein aus fünf Teilen bestehender Kodex der Benediktinergemeinschaft von Montserrat. Es handelt sich um byzantinische Musik, in der sich die weltlich-höfische Musik mit der Kirchenmusik vermischte. Einflüsse aus allen Teilen des byzantinischen Reiches, das in seinen Anfängen den Balkan bis zur Donau, Kleinasien, Syrien, Ägypten und Libyen umfaßte, finden sich in diesen phantastischen Liedern und Gesängen wieder. Das Ensemble Unicorn läßt dabei die  Vergangenheit in Sequenzen wieder aufleben. Es ist als würde man die Tänzerinnen und Tänzer vor sich sehen, während die Pilger ihrem stillen Gebet an die Schwarze Madonna nachgehen. Die NAXOS-Serie EARLY MUSIC hält noch viele Edelsteine bereit, die unter anderem Titel wie »Sephardic Romances« und »Tugend und Untugend« tragen. (om)

RYKER'S
Life's a Gamble...
Century Media Records
Deutschlands bekannteste Hardcore-Band meldet sich mit ihrem 4. Album zurück. Nach der zweijährigen Studio-Pause scheint die Band viel Energie getankt zu haben, denn von Ermüdungserscheinungen ist auf dieser CD nichts zu spüren. Die Instrumente werden malträtiert, als hätte es noch nie einen anderen Output der Kasseler zu hören gegeben. Kid D. schreit sich in den Songs seine Seele aus dem Hals und Highspeed-Passagen kämpfen mit den groovenden Attacken um die Gunst der Ohrmuscheln des Hörers. Es gibt einfach keine Atem-Pause auf diesem Album. Frisch und unverkrampft gehen die Herren an's Werk und festigen erneut ihre Pole-Position in der deutschen Hardcore-Szene. Gecovert wurde u.a. die Fußball-Hymne "You never walk alone" von GERRY AND THE PEACEMAKERS. Die RYKERS spielen am 10.4. im AKKU Immenhausen zusammen mit HITCHER ein Wohltätigkeitskonzert. (stb)

YETI GIRLS
Spring
WEA Records
Tanz den Schach! Mal eine etwas andere Aufforderung, um mit Mädchen in Kontakt zu kommen. Auf ihrem mittlerweile 3. Album präsentieren sich die lustigen Kölner Punkrocker mit solchen Empfehlungen und einem mutigen Mix aus NDW-Klängen und Indi-Gitarrenrock mit dazu passenden Coverversionen von CINDY & BERT und TRIO. Die Punkelemente sind eindeutig in den Hintergrund getreten, was schon bei der Vorabsingle "Die mag ich" zu bemerken war. Neu ist vor allen Dingen, daß man erstmals ein Album komplett in deutscher Sprache aufgenommen hat und dabei gar nicht mal eine schlechte Figur macht. Die wie gewohnt ausgezeichnete Produktion schließlich, könnte den 4 männlichen Damen zum großen Durchbruch verhelfen. Sämtliche Erfolgsrezepte wurden jedenfalls angerührt... Ist das noch Punkrock? Nein, aber äußerst unterhaltsame Popmusik! Live am 17.4. auf dem Rock gegen Regen-Festival in Warburg/Scherfede. (stb)

VELOCETTE
Fourfold Remedy
Intercord Tonträger GMBH
Seit 1997 in Sachen Alternative-Pop  unterwegs, malen die Damen auf ihrem Debut-Album ein stimmiges Bild voller bunter Klangfarben und Ideen. Bereits die Single »Get yourself together« erzielte in der britischen Presse  Aufsehen. Mit dem neuen Material wird es wohl kaum weniger Rummel um die Band geben. VELOCETTE setzen auf ruhiges Songwriting mit viel Melodie und Herz. Sie verstehen es gekonnt, eine angenehme Athmosphäre zu schaffen, ohne den Hörer mit "gepflegter Langeweile" in das Reich der Träume überzusiedeln. Akustische Passagen werden durch dezente Gitarrenattacken angereichert und Sängerin Sarah bekommt mit ihrer traumhaften Stimme schon jetzt einen Ehrenplatz im Brit-Pop Himmel. Es ist der Band zu wünschen, daß sie bald in einem Atemzug mit Größen wie OASIS oder BLUR genannt wird. Das Potential dafür ist jedenfalls allemal vorhanden, und gute Girl-Bands sind seit den Bangles selten geworden. (stb)

AYNSLEY LISTER
Aynsley Lister
Ruf Records
Nach Jonny Lang und Kenny Wayne Sheperd beginnt ein weiterer Stern am Himmel der junger Bluesmusiker zu scheinen. Mit gerade mal 20 Jahren brilliert der Engländer Aynsley Lister auf seinem dritten Album mit Songs die mit dem Herzen geschrieben wurden.  Ein abwechslungsreiches Album mit Bluesstandards (»She's A Woman«), Midtempo Stücken die Dank Ausflügen zum Mainstream Rock zu Ohrwürmer werden (»Angel 'O' Mine«, »Without You«), einem Duett mit Walter Trout, der voll des Lobes über den jungen Gitarristen und Sänger mit der ausgeprägten Stimme ist. Weiterin darf man bei radiotauglichen Bluesrock Stücken wie »Won't Take You Back« oder seiner eigenen Version des Bob-Dylan-Stücks »All Along The Watchtower« aufhorchen. Von ihm wird man sicherlich noch einiges hören. (hs)
FISH
Raingods With Zippos
Roadrunner
Der stimmgewaltige ehemalige Frontmann der Prog-Legende Marillion meldet sich nach zwei, eher schwächeren Alben auf denen er experimentelle Ausflüge in die verschiedenen Stilrichtungen des Prog Rocks unternahm, mit einem wahren Knülleralbum zurück. »Raingods With Zippos« beinhaltet all das, was die Fangemeinde seit den Alben »Vigil In A Wilderness Of Mirrors« und »Internal Exile« in weiterentwickelter Form erwartet hat. Jedoch kopiert Fish sich nicht selbst. Nein, vielmehr liefert er neben mehreren Balladen (u.a. der ersten Single »Incomplete« im Duett mit Elisabeth Antwik), gitarrenorientierten Stücken, dem Alex Harvey Cover »Faith Healer«, mit dem 25 minütigen »Plague Of Ghosts« auch wieder ein Konzeptstück vor. Da werden fürwahr Erinnerungen wach. (ap)

ACROSS THE BORDER
If I can't dance, it's not my revolution
Wolverine Records
Die Folk-Punker aus den badischen Landen entstammen ursprünglich der Hausbesetzer-Szene. Ihre hochgradig tanzbaren Songs arbeiten mit den tradionellen irischen Songstrukturen, ohne sich in altbackenen Klischees zu verlieren. Die besondere Energie gibt es durch den Stilmix mit dem agressiven Drive des Punkrocks, den die Band hervorragend zubereitet und verabreicht. Besondere Mühe geben sie sich mit ihren kritischen Texten, die ohne Zeigefinger zum Nachdenken anregen und jeweils mit besonderen erläuternden Linernotes versehen sind. Handgemachte Musik als Gegenpol zum massentauglichen und inhaltsleeren Allerwelts-Pop der Gegenwart. Diese Gruppe will ihr Publikum nicht für dumm verkaufen, sie hat etwas zu sagen. Dabei verliert sie sich jedoch nicht in hohlen Phrasen und Parolen, sondern das mittlerweile 3. Album der LEVELLERS-Liebhaber zeugt von fundierter Überzeugungskraft und Intensität. Gut so! (stb)

REINHARD MEY
Lampenfieber
Intercord Tonträger
Frenetischer Jubel eröffnet diese Live-CD von Reinhard Mey. Alte und neue Stücke aus der Feder des bekanntesten deutschen Liedermachers finden sich auf dieser Zusammenstellung, die aufwendig als Dreier-CD aufgemacht wurde. Dies ist eine Bestandsaufnahme eines einzigartigen Musikers, der es wie kaum ein anderer beherrscht, punktgenau und unpeinlich mit der deutschen Sprache umzugehen. Ein Mann, seine Gittarre und 100.000 Zuschauer auf 60 Konzerten, und es macht einfach Spaß zuzuhören. Dabei bleibt es immer bei einer intimen Athmosphäre zwischen Künstler und Publikum. Nicht altklug, aber weise, keine Besserwisserei, sondern ehrliche Sozialkritik. Der Mitt-Fünfziger Mey erzählt Geschichten und das Publikum hört ihm zu. Ein Konzert kann bis zu drei Stunden dauern. Welcher Musiker schafft es sonst, alleine und ohne großen Show-Aufwand seine Zuhörer solange zu fesseln?  (stb)

BLUR
13
(EMI)
Sie ist eine mystische Zahl, die 13. Glück und Unglück werden mit ihr verbunden, je nach Betrachtung. Und so verhält es sich auch mit dem neuen BLUR-Album »13«. Manchen Fan wird es beim ersten Hören ratlos machen, daß die vorgeblichen Protagonisten des Brit-Pop sich nun plötzlich, neben traditionellem Punk, an Gospel, Post-Rock- und Dubklängen versuchen. Diese Stilvielfalt ist jedoch die konsequente Weiterentwiclung des Blur-typischen Sounds in das nächste Jahrtausend. Programmatisch ist der ursprünglich für den »South Park« - Soundtrack geschriebene Song »Trailer Park« zu nennen, dessen entrückte Krautrock- und Dub-Anleihen, plus die zynisch-ironische Textzeile »I lost my girl to the Rolling Stones«, die mystische Glückseligkeit, die dieses Album umgibt, belegt! Einzig das Instrumentalstück »Optigan« will sich nicht so recht einfügen, in dieses Überalbum - der verflixte dreizehnte Song! (ks)

PRODIGY
The Dirtchamber Sessions Volume One
(XL Recordings/INT)
Neil Tennant von den PET SHOP BOYS hat einmal etwas Kluges von sich gegeben, nämlich folgendes Paradigma: "Auf Dauer sind zwei Plattenspieler und ein Mischpult aufregender als fünf Gitarrensaiten". Zweifel, Entsetzen und Protestschreie in der Schrammel-Fraktion? Muß nicht sein! Die »Dirtchamber Sessions Volume One« sollten Beweis und Beruhigungsmittel genug sein. PRODIGY-Mastermind Liam Howlett mixed, scratched und crossfaded mal eben fünfzig Songs zu einem gigantischen 50-minütigen Non-Stop-Dance-Rave, daß keine Fragen mehr offen bleiben. Und nun passen sie endlich zusammen, die SEX PISTOLS und FATBOY SLIM; auch die BEASTIE BOYS und JANES ADDICTION sind plötzlich aus einem Guß. Und wenn dann noch das Original von »Smack My Bitch Up« auftaucht, ist klar, daß PRODIGIY teuflisch gut sind. Und: Gott ist ein DeeJay. Amen! (ks)

RADIOTRON
Dangerous Love Songs
(Vielklang/EFA)
Das hätte sicherlich niemand mehr erwartet, daß Nikolai Tomás nach der Auflösung der legendären Folkpopper POEMS FOR LAILA noch einmal richtig durchstarten würde. Er tut es! Und wie! Nach zwei eher unrühmlichen Soloplatten verbirgt er sich nun hinter dem Projektnamen RADIOTRON, was nicht bedeutet, er müsse sich verschämt verstecken. Im Gegenteil: Alles blubbert und rockt herrlich schön vor sich hin, Casio-Beats und Gitarren-Samples paaren sich einträchtig und über all dem schwebt die unbeschreiblich eindringliche Stimme von Nikolai Tomás. Wunderbar relaxte Songs, irgendwo zwischen melancholischem Drum'n'Bass und TripHop verortet, die keine Vergleiche zu scheuen brauchen, zeugen von der klassischen Zeitlosigkeit der gefährlichen Liebeslieder. Dies ist kein Comeback, es ist ein unglaublicher Geniestreich!!! (ks)

IGOR KOSHKENDEY
Music From Tuva
amiata records
Das Leben in Tuva, einer autonomen Republik zwischen Sibirien und der äußeren Mongolei, ist immer noch stark agrarwirtschaftlich geprägt. Die Hirten mongolischer Abstammung hüten aber nicht nur ihre Schaf-, Ziegen-, Rentier-, Kamel-, Yak- und Pferdeherden, sondern auch eine spezielle Gesangstechnik, bei der man die Obertöne zum Klingen bringt. So wird der eigene Gesang von glockenähnlichen, harmonisch passenden Tönen umgeben. Auch die Instrumentierung läßt aufhorchen. Die Oshpuluur, eine Art Laute, die manchmal stark den Klang eines Banjos heraufbeschwört. Dann die Igil, eine zweisaitige Violine, die über eine stark asiatische Stimmung verfügt. Der Rhythmus der Dymbra  gleicht einem Donnergrollen. Ist das der Sound aus der Urzeit, oder klingt der Schlag auf der Dymbra nur zufällig nach den Trommeln nordamerikanischer Indianer? (om)

DIVERSE
Down & Out
trikont
Die laufende Tour von James Brown, TEMPTATIONS und SLY & THE FAMILY STONE ist ein deutliches Anzeichen für ein anhaltendes Interesse an Soul Music. Daß der Ursprung so mancher Musikrichtung allerdings oft mit harten Schicksalen verbunden ist, gerät oft aus dem Blickfeld. Gut daß es da  Plattenfirmen wie TRIKONT aus München gibt. Die vorliegende Sammlung von Songs stellt zum Beispiel den Großstadtsoul des Südens Amerikas vor, noch bevor die großen Vermarktungswelle durch das berühmten Motown-Label  aus Detroit einsetzte. Künstler wie George Perkins,, Johnny Copeland, Doris Allen und viele andere lassen auf dieser CD die Zeit einen Moment zurückspulen. Was Jonathan Fischer hier zusammengestellt hat, geht nicht nur wegen des hervorragenden Beiheftes weit über einen schlichten Sampler hinaus. Seelenleben pur!  (om)
 

SILVERCHAIR
Neon Ballroom
Epic
Kurt Cobain, der tote NIRVANA-Übervater der Grungeszene, scheint nicht umsonst auf diesem Planeten verweilt zu haben. Sein musikalischer Einfluß wirkt noch bis heute. So zu genießen auf dem neuen SILVERCHAIR-Album, daß sich zum Ziel gesetzt hat, neben den typischen harten Grunge-Sounds, möglichst vielseitige Klangfarben und futuristische Untertöne zu bieten. Wenn man bedenkt, daß die drei Australier gerade mal alle 19 Jahre alt sind und das dieses bereits ihr drittes Album nach weltweit 4 Millionen verkaufter Tonträger ist, ist »Neon Ballroom« eine beachtliche Leistung. Up-tempo Songs tanzen mit spärischen Balladen durch die Nacht und haben teuflischen Spaß dabei. So z.B. der Song »Spawn again«, er klingt wie ein nie veröffentlichtes Werk von Marilyn Manson. Die Ltd. Edition des Albums kommt mit unveröffentlichten Songs und einem Video. (stb)

VISIT VENUS
The Endless Bummer
Yo Mama
Visit Venus, der Name ist Programm. Das Album gleicht einem Soundtrack zu einem imaginären Future-Film: Egal ob man durchs Weltall jettet, oder sich in einem kleinen Ort zwischen Kassel und Marburg vefährt. Die zweite gemeinsame Produktion der beiden Hamburger Mario Cullmann (Fünf Sterne-DJ) und Mario von Hacht (Fettes Brot-Produzent) sollte dabei sein, enn man neue Welten endeckt. Blubbernde Electronic-Beats mit sphärischen Klängen - der Weltraum-Trip Hop aus deutschen Landen lädt ein zum Relaxen. Oder zum Cocktail schlürfen, zum Autofahren oder zum Sex. Eine Steigerung zum ersten Album der beiden Marios, das eher konventionell wirkte. Deutlich dunklere Töne werden diesmal angschlagen. Die beiden Hamburger bezeichnen ihren Sound als "Electronic Noir", und haben es damit auf den Punkt gebracht! Angenehm relaxed! (nn)

DOG FOOD 5
No Future
High Society International
Kassels Helden des 60er Garagenrock melden sich mit einem neuen, bisher leider nur auf Vinyl erschienenen 3. Album zurück, und alles ist gut. Die best- gekleidetste Band Nordhessens macht einfach das, was sie am besten kann: Rocken! Mit von der Partie ein großes Aufgebot von Gastmusikern: Steffi Love, Reb von den BATES, Brezel Göring von STEREO TOTAL u.v.m. Der Opener ist gleich das Highlight dieses Tonträgers. »Living in Slow Motion« spricht mal wieder für die Treffsicherheit der Band beim Finden cooler Songtitel. Das Songwriting ist erneut ausgefeilter und abwechslungsreicher geworden. DOG FOOD 5 haben einen sehr eigenen Stil, der in seiner charismatischen Manifestierung des Sängers King Kranz seine perfekte Umsetzung gefunden hat. Coverversionen diesmal von Brad Shephard und den ROCKATEENS. Kommt bald wieder und bringt den Rock'n Roll back to town! (stb)

VELOCETTE
Fourfold Remedy
Intercord Tonträger GMBH
Seit 1997 in Sachen Alternative-Pop  unterwegs, malen die Damen auf ihrem Debut-Album ein stimmiges Bild voller bunter Klangfarben und Ideen. Bereits die Single »Get yourself together« erzielte in der britischen Presse  Aufsehen. Mit dem neuen Material wird es wohl kaum weniger Rummel um die Band geben. VELOCETTE setzen auf ruhiges Songwriting mit viel Melodie und Herz. Sie verstehen es gekonnt, eine angenehme Athmosphäre zu schaffen, ohne den Hörer mit "gepflegter Langeweile" in das Reich der Träume überzusiedeln. Akustische Passagen werden durch dezente Gitarrenattacken angereichert und Sängerin Sarah bekommt mit ihrer traumhaften Stimme schon jetzt einen Ehrenplatz im Brit-Pop Himmel. Es ist der Band zu wünschen, daß sie bald in einem Atemzug mit Größen wie OASIS oder BLUR genannt wird. Das Potential dafür ist jedenfalls allemal vorhanden, und gute Girl-Bands sind seit den Bangles selten geworden. (stb)

FISH
Raingods With Zippos
Roadrunner
Der stimmgewaltige ehemalige Frontmann der Prog-Legende Marillion meldet sich nach zwei, eher schwächeren Alben auf denen er experimentelle Ausflüge in die verschiedenen Stilrichtungen des Prog Rocks unternahm, mit einem wahren Knülleralbum zurück. »Raingods With Zippos« beinhaltet all das, was die Fangemeinde seit den Alben »Vigil In A Wilderness Of Mirrors« und »Internal Exile« in weiterentwickelter Form erwartet hat. Jedoch kopiert Fish sich nicht selbst. Nein, vielmehr liefert er neben mehreren Balladen (u.a. der ersten Single »Incomplete« im Duett mit Elisabeth Antwik), gitarrenorientierten Stücken, dem Alex Harvey Cover »Faith Healer«, mit dem 25 minütigen »Plague Of Ghosts« auch wieder ein Konzeptstück vor. Da werden fürwahr Erinnerungen wach. (ap)

ACROSS THE BORDER
If I can't dance, it's not my revolution
Wolverine Records
Die Folk-Punker aus den badischen Landen entstammen ursprünglich der Hausbesetzer-Szene. Ihre hochgradig tanzbaren Songs arbeiten mit den tradionellen irischen Songstrukturen, ohne sich in altbackenen Klischees zu verlieren. Die besondere Energie gibt es durch den Stilmix mit dem agressiven Drive des Punkrocks, den die Band hervorragend zubereitet und verabreicht. Besondere Mühe geben sie sich mit ihren kritischen Texten, die ohne Zeigefinger zum Nachdenken anregen und jeweils mit besonderen erläuternden Linernotes versehen sind. Handgemachte Musik als Gegenpol zum massentauglichen und inhaltsleeren Allerwelts-Pop der Gegenwart. Diese Gruppe will ihr Publikum nicht für dumm verkaufen, sie hat etwas zu sagen. Dabei verliert sie sich jedoch nicht in hohlen Phrasen und Parolen, sondern das mittlerweile 3. Album der LEVELLERS-Liebhaber zeugt von fundierter Überzeugungskraft und Intensität. Gut so! (stb)

BLUR
13
(EMI)
Sie ist eine mystische Zahl, die 13. Glück und Unglück werden mit ihr verbunden, je nach Betrachtung. Und so verhält es sich auch mit dem neuen BLUR-Album »13«. Manchen Fan wird es beim ersten Hören ratlos machen, daß die vorgeblichen Protagonisten des Brit-Pop sich nun plötzlich, neben traditionellem Punk, an Gospel, Post-Rock- und Dubklängen versuchen. Diese Stilvielfalt ist jedoch die konsequente Weiterentwiclung des Blur-typischen Sounds in das nächste Jahrtausend. Programmatisch ist der ursprünglich für den »South Park« - Soundtrack geschriebene Song »Trailer Park« zu nennen, dessen entrückte Krautrock- und Dub-Anleihen, plus die zynisch-ironische Textzeile »I lost my girl to the Rolling Stones«, die mystische Glückseligkeit, die dieses Album umgibt, belegt! Einzig das Instrumentalstück »Optigan« will sich nicht so recht einfügen, in dieses Überalbum - der verflixte dreizehnte Song! (ks)

RADIOTRON
Dangerous Love Songs
(Vielklang/EFA)
Das hätte sicherlich niemand mehr erwartet, daß Nikolai Tomás nach der Auflösung der legendären Folkpopper POEMS FOR LAILA noch einmal richtig durchstarten würde. Er tut es! Und wie! Nach zwei eher unrühmlichen Soloplatten verbirgt er sich nun hinter dem Projektnamen RADIOTRON, was nicht bedeutet, er müsse sich verschämt verstecken. Im Gegenteil: Alles blubbert und rockt herrlich schön vor sich hin, Casio-Beats und Gitarren-Samples paaren sich einträchtig und über all dem schwebt die unbeschreiblich eindringliche Stimme von Nikolai Tomás. Wunderbar relaxte Songs, irgendwo zwischen melancholischem Drum'n'Bass und TripHop verortet, die keine Vergleiche zu scheuen brauchen, zeugen von der klassischen Zeitlosigkeit der gefährlichen Liebeslieder. Dies ist kein Comeback, es ist ein unglaublicher Geniestreich!!! (ks)

STEVE HACKETT
Darktown
SPV
Der ehemalige Genesis-Gitarrist passt in keine Schublade! Selbst wenn Titel und Cover sich der Grufti-Szene anzubiedern scheinen: Mystische, dunkle Klänge (z.B. »Darktown«) sind nur ein Element seines ungemein weit gespannten musikalischen Bogens. Man muss schon einen Gary Moore bemühen, um jemanden zu finden, der ihm an Flexibilität und Können das Wasser reichen könnte. Bombastische Genesis Sphärenflüge (»Twice Around the Sun«), latin-isierend  psychedelische Ausflüge (»Dreaming with Open Eyes«), aber auch experimentell-rhythmische Reißer (»Omega Metallicus«) und beinahe Orffsche Ohrwürmer (»The Golden Age of Steam«) sind zwar zunächst gewöhnungsbedürftig, fügen sich aber bei mehrmaligem Hören zum Gipfelpunkt in der Karriere eines Ausnahmegitarristen erster Sahne. (pw)

SNOWY WHITE & THE WHITE FLAMES
Keep Out - We Are Toxic
BMG
Ein frischer Wind weht von den späten Sechzigern herüber. Snowy White hat mit seinen WHITE FLAMES ein Album eingespielt, das nach CREAM, FLEETWOOD MAC (zur Ära Peter Green) und Co. schmeckt. Das heißt vor allem: satter Rock mit Blues-Touch ohne viele Schnörkel, geprägt durch das mal straighte, dann wieder erstaunlich gefühlvolle Gitarrenspiel des Meisters. Doch er kann auch andere Register ziehen: Der »Flamingo Lake« ist durchzogen vom Geist des Flamenco und gleichzeitig eine Hommage an DIRE-STRAITS-Chef Mark Knopfler. Hier brilliert Snowy auf der spanischen Gitarre. Dann geht's aber wieder mit knackigen Synchronläufen von Baß und E-Gitarre straight in Richtung Rock, pur und kernig. Von den Blues-Großvätern hat Snowy gelernt, daß es auch mal einem Innehalten bedarf, um seinen Schmerz umso wirkungsvoller herauszuschreien.  Ein hervorragendes Album für Freunde von »handmade music«, bei dem nur das häßliche Cover stört. (lj)
 

WIGLAF DROSTE
Mariscos y Maricones
Mundraub/RTD
Die Texte von Wiglaf Droste zu lesen, ist eine Sache, Droste beim Vorlesen seiner Polemiken, Satiren und Gedichten zuhören zu dürfen, ist eine andere. Gemeinsam mit Boni Koller hat er deshalb einen weiteren Tonträger herausgebracht, der dies eindringlich dokumentiert - und den Daheimgebliebenen und Zuspätgekommen ein schwacher Trost ist. Gläubischen Katholen, friedensbewegten Sandsacksoldaten und bindegewebsgeschwächten resp. hirnamputierten Fit-for-dumm-Girlies werden hier die Leviten gelesen, daß es eine wahre Freude ist. Es gibt also doch noch ein richtiges Leben im falschen. Es gibt Wiglaf Droste! Das Glück kann nun nicht mehr weit sein, wenn auch noch das Hohelied auf »die rauchende Frau« angestimmt wird, der Gelegenheitssänger Droste gar »Hotel Calfornia« in der verdummdeutschten Version von JÜRGEN DREWS intoniert. "Hier werden Träume wahr, die Welt ist wunderbar..." Genau!
(ks)

LOST LYRICS: Seniorenresidenz
(Hulk Räckorz)
So alt sehen sie doch noch gar nicht aus. Die LOST LYRICS aus Wolfhagen präsentieren ihr 5. Album und alles ist gut. Die plakativ-coolen Texte der Vergangenheit sind anspruchsvolleren und erwachseneren Themen gewichen, die nicht mehr nach dem Einfluß der bekannten Band TERRORGRUPPE klingen. Da sie immer gerne covern, findet sich diesmal neben IDEALs »Erschießen« und Joachim Witts »Goldenem Reiter« auch Roy Orbisons »You got it«. Musikalisch verlassen sie sich auf ihr bewährtes Konzept, das aus melodischen Punkrock ohne viel Schnörkel gestrickt wurde. Passend dazu die Neuaufnahme mit neuem Text von »God's Country«, einem der ältesten Songs der Gruppe. Treffender als in »Nicht genug« kann man die kleinen Sorgen und Ängste einer Band wohl kaum beschreiben - breites Grinsen garantiert! Es ist immer gut, wenn man sich selbst nicht zu wichtig nimmt und auch über sich selbst lachen kann. (stb)

PIZZICATO FIVE
Playboy & Playgirl
matador
Was für uns Deutsche James Last, stellt Pizzicato Five für die Japaner dar. Das Tokyoer Pop-Duo ist im Land der aufgehenden Sonne der Inbegriff des Easy Listening. Daß das ganze auch bei uns funktioniert, ist allein der Musik zu verdanken: Grooviger Sound der gute Laune macht. Pop- und Discobeats treffen auf Big-Band-Arrangements und Jazz-Anleihen und vermischen sich zu einem Cocktail vergnüglicher Melodien. P5 knüpfen mit ihrem 4. Album dort an, wo sie 1994 mit ihrem Erstlingswerk "Made in USA" aufhörten - lockerer und unverkrampfter Humor. Die zwischenzeitliche Drum'n'Bass-Area schimmert nur noch sporadisch durch. Für alle, die wissen wollen, was Sängerin Maki Nomiya von sich gibt, befindet sich die englische Übersetzung im Booklet. Hip! (nn)

TODD THIBAUD
Little Mystery
Blue Rose/Ruogh Trade
Man mag es fast vergleichen: Was bei Glitterhouse Neal Casal, ist bei Blue Rose Todd Thibaud. Songwriter Kunst in seiner schönsten Form gepaart mit unwiderstehlichen Melodien. Allen voran findet man auf Todds langerwartetem zweiten Album nicht nur Neal Casal als Gastmusiker wieder, auch deren beider Produzent Jim Scott (u.a. auch Tom Petty oder Rolling Stones) leistet hervoragende Arbeit. Einfacher, warmer Rock mit Ohrwurm Qualitäten, kleinen Country Ausflügen und luftiger Unbeschwertheit. Die Presse feierte 1997 das Solo Debüt (nach 6 Jahren als Frontman bei den COURAGE BROTHERS) des 36 jährigen Bostoners, welches sich auch bei Blue Rose zum Liebelingsalbum vieler Fans entwickelte. Ein feines Album, um endlich den Frühling zu beginnen. (hs)

KING TUBBY & FRIENDS
Dub like dirt 1975-1977
Blood & Fire/Indigo
10 Jahre ist es her, daß KING TUBBY vor seinem Haus erschossen wurde. Angesichts dieses traurigen Jubiläums veröffentlicht Blood & Fire mit »Dub like dirt« eine tiefe Ehrerbietung an diesen Pionier des Dub. 16 Versionen der Aggrovators sind auf diesem Silberling versammelt. Gemixt wurden sie neben King Tubby von Prince Jammy, Prince Phillip und Pat Kelly. Tubby gilt im allgemeinen als der Erfinder des Dub und sticht durch seine Experimentierfreudigkeit beim Remixen hervor. Gerade vom Dub gingen die weitreichendsten Impulse aus, die nicht nur fürj den Reggae, sondern auch für die gesamte westliche Musikproduktion bis heute von großer Bedeutung sind. Spielerisch wird mit den einzelnen Spuren des ursprünglichen Materials umgegangen: Baß und Schlagzeug treten meist in den Vordergrund, der Gesang in den Hintergrund. Weitere Zutaten waren etliche Effekte, die dem Ganzen eine psychedelische Tiefe verliehen. Durch King Tubby wurde das Mischpult zum Instrument und der Tontechniker zum Musiker. »Dub like dirt« präsentiert 16 handverlesene Dub-Versionen, die auch Neulingen einen sehr guten Einstieg in die Bandbreite des klassischen Reggae ermöglichen. (kf)

SEIJI OZAWA
Bach: Matthäus Passion
Polygram (Philips)
Nach Solti legt nun auch Ozawa eine nicht-historische Matthäus-Passion vor und siehe da: Noch deutlicher als Solti bedient sich Ozawa der historischen Erkenntnisse: flüssiges Musizieren, geschärfte Rhythmen, flotte Tempi. Wenn da nicht die groß besetzten Ensembles der Tokyo Opera Singers und des Saito Kinen Orchestras wären, diese Interpretation könnte Mastbe setzen. Mit großem Ernst in den Rezitativen und Temperament in den Chorälen wird auf hohem Niveau musiziert. Ainsleys Evangelist, Quasthoffs Jesus, Oelze, Olsen und besonders Bassist Michael Volle überzeugen. So gibt es eigentlich nur zwei Minuspunkte: Altistin Nathalie Stutzmann agiert mit mächtigem Vibrato doch zu opernhaft, und die Choräle erklingen reichlich unterkühlt. Da wäre weniger mehr gewesen. Doch auch so: eine positive Überraschung! (gum)

DOG FOOD 5
No Future
High Society International
Kassels Helden des 60er Garagenrock melden sich mit einem neuen, bisher leider nur auf Vinyl erschienenen 3. Album zurück, und alles ist gut. Die best- gekleidetste Band Nordhessens macht einfach das, was sie am besten kann: Rocken! Mit von der Partie ein großes Aufgebot von Gastmusikern: Steffi Love, Reb von den BATES, Brezel Göring von STEREO TOTAL u.v.m. Der Opener ist gleich das Highlight dieses Tonträgers. »Living in Slow Motion« spricht mal wieder für die Treffsicherheit der Band beim Finden cooler Songtitel. Das Songwriting ist erneut ausgefeilter und abwechslungsreicher geworden. DOG FOOD 5 haben einen sehr eigenen Stil, der in seiner charismatischen Manifestierung des Sängers King Kranz seine perfekte Umsetzung gefunden hat. Coverversionen diesmal von Brad Shephard und den ROCKATEENS. Kommt bald wieder und bringt den Rock'n Roll back to town! (stb)
 

STEVE HACKETT
Darktown
SPV
Der ehemalige Genesis-Gitarrist passt in keine Schublade! Selbst wenn Titel und Cover sich der Grufti-Szene anzubiedern scheinen: Mystische, dunkle Klänge (z.B. »Darktown«) sind nur ein Element seines ungemein weit gespannten musikalischen Bogens. Man muss schon einen Gary Moore bemühen, um jemanden zu finden, der ihm an Flexibilität und Können das Wasser reichen könnte. Bombastische Genesis Sphärenflüge (»Twice Around the Sun«), latin-isierend  psychedelische Ausflüge (»Dreaming with Open Eyes«), aber auch experimentell-rhythmische Reißer (»Omega Metallicus«) und beinahe Orffsche Ohrwürmer (»The Golden Age of Steam«) sind zwar zunächst gewöhnungsbedürftig, fügen sich aber bei mehrmaligem Hören zum Gipfelpunkt in der Karriere eines Ausnahmegitarristen erster Sahne. (pw)

SNOWY WHITE & THE WHITE FLAMES
Keep Out - We Are Toxic
BMG
Ein frischer Wind weht von den späten Sechzigern herüber. Snowy White hat mit seinen WHITE FLAMES ein Album eingespielt, das nach CREAM, FLEETWOOD MAC (zur Ära Peter Green) und Co. schmeckt. Das heißt vor allem: satter Rock mit Blues-Touch ohne viele Schnörkel, geprägt durch das mal straighte, dann wieder erstaunlich gefühlvolle Gitarrenspiel des Meisters. Doch er kann auch andere Register ziehen: Der »Flamingo Lake« ist durchzogen vom Geist des Flamenco und gleichzeitig eine Hommage an DIRE-STRAITS-Chef Mark Knopfler. Hier brilliert Snowy auf der spanischen Gitarre. Dann geht's aber wieder mit knackigen Synchronläufen von Baß und E-Gitarre straight in Richtung Rock, pur und kernig. Von den Blues-Großvätern hat Snowy gelernt, daß es auch mal einem Innehalten bedarf, um seinen Schmerz umso wirkungsvoller herauszuschreien.  Ein hervorragendes Album für Freunde von »handmade music«, bei dem nur das häßliche Cover stört. (lj)
 

LOST LYRICS: Seniorenresidenz
(Hulk Räckorz)
So alt sehen sie doch noch gar nicht aus. Die LOST LYRICS aus Wolfhagen präsentieren ihr 5. Album und alles ist gut. Die plakativ-coolen Texte der Vergangenheit sind anspruchsvolleren und erwachseneren Themen gewichen, die nicht mehr nach dem Einfluß der bekannten Band TERRORGRUPPE klingen. Da sie immer gerne covern, findet sich diesmal neben IDEALs »Erschießen« und Joachim Witts »Goldenem Reiter« auch Roy Orbisons »You got it«. Musikalisch verlassen sie sich auf ihr bewährtes Konzept, das aus melodischen Punkrock ohne viel Schnörkel gestrickt wurde. Passend dazu die Neuaufnahme mit neuem Text von »God's Country«, einem der ältesten Songs der Gruppe. Treffender als in »Nicht genug« kann man die kleinen Sorgen und Ängste einer Band wohl kaum beschreiben - breites Grinsen garantiert! Es ist immer gut, wenn man sich selbst nicht zu wichtig nimmt und auch über sich selbst lachen kann. (stb)

KING TUBBY & FRIENDS
Dub like dirt 1975-1977
Blood & Fire/Indigo
10 Jahre ist es her, daß KING TUBBY vor seinem Haus erschossen wurde. Angesichts dieses traurigen Jubiläums veröffentlicht Blood & Fire mit »Dub like dirt« eine tiefe Ehrerbietung an diesen Pionier des Dub. 16 Versionen der Aggrovators sind auf diesem Silberling versammelt. Gemixt wurden sie neben King Tubby von Prince Jammy, Prince Phillip und Pat Kelly. Tubby gilt im allgemeinen als der Erfinder des Dub und sticht durch seine Experimentierfreudigkeit beim Remixen hervor. Gerade vom Dub gingen die weitreichendsten Impulse aus, die nicht nur fürj den Reggae, sondern auch für die gesamte westliche Musikproduktion bis heute von großer Bedeutung sind. Spielerisch wird mit den einzelnen Spuren des ursprünglichen Materials umgegangen: Baß und Schlagzeug treten meist in den Vordergrund, der Gesang in den Hintergrund. Weitere Zutaten waren etliche Effekte, die dem Ganzen eine psychedelische Tiefe verliehen. Durch King Tubby wurde das Mischpult zum Instrument und der Tontechniker zum Musiker. »Dub like dirt« präsentiert 16 handverlesene Dub-Versionen, die auch Neulingen einen sehr guten Einstieg in die Bandbreite des klassischen Reggae ermöglichen. (kf)

SEIJI OZAWA
Bach: Matthäus Passion
Polygram (Philips)
Nach Solti legt nun auch Ozawa eine nicht-historische Matthäus-Passion vor und siehe da: Noch deutlicher als Solti bedient sich Ozawa der historischen Erkenntnisse: flüssiges Musizieren, geschärfte Rhythmen, flotte Tempi. Wenn da nicht die groß besetzten Ensembles der Tokyo Opera Singers und des Saito Kinen Orchestras wären, diese Interpretation könnte Mastbe setzen. Mit großem Ernst in den Rezitativen und Temperament in den Chorälen wird auf hohem Niveau musiziert. Ainsleys Evangelist, Quasthoffs Jesus, Oelze, Olsen und besonders Bassist Michael Volle überzeugen. So gibt es eigentlich nur zwei Minuspunkte: Altistin Nathalie Stutzmann agiert mit mächtigem Vibrato doch zu opernhaft, und die Choräle erklingen reichlich unterkühlt. Da wäre weniger mehr gewesen. Doch auch so: eine positive Überraschung! (gum)

DOG FOOD 5
No Future
High Society International
Kassels Helden des 60er Garagenrock melden sich mit einem neuen, bisher leider nur auf Vinyl erschienenen 3. Album zurück, und alles ist gut. Die best- gekleidetste Band Nordhessens macht einfach das, was sie am besten kann: Rocken! Mit von der Partie ein großes Aufgebot von Gastmusikern: Steffi Love, Reb von den BATES, Brezel Göring von STEREO TOTAL u.v.m. Der Opener ist gleich das Highlight dieses Tonträgers. »Living in Slow Motion« spricht mal wieder für die Treffsicherheit der Band beim Finden cooler Songtitel. Das Songwriting ist erneut ausgefeilter und abwechslungsreicher geworden. DOG FOOD 5 haben einen sehr eigenen Stil, der in seiner charismatischen Manifestierung des Sängers King Kranz seine perfekte Umsetzung gefunden hat. Coverversionen diesmal von Brad Shephard und den ROCKATEENS. Kommt bald wieder und bringt den Rock'n Roll back to town! (stb)
 

STEVE HACKETT
Darktown
SPV
Der ehemalige Genesis-Gitarrist passt in keine Schublade! Selbst wenn Titel und Cover sich der Grufti-Szene anzubiedern scheinen: Mystische, dunkle Klänge (z.B. »Darktown«) sind nur ein Element seines ungemein weit gespannten musikalischen Bogens. Man muss schon einen Gary Moore bemühen, um jemanden zu finden, der ihm an Flexibilität und Können das Wasser reichen könnte. Bombastische Genesis Sphärenflüge (»Twice Around the Sun«), latin-isierend  psychedelische Ausflüge (»Dreaming with Open Eyes«), aber auch experimentell-rhythmische Reißer (»Omega Metallicus«) und beinahe Orffsche Ohrwürmer (»The Golden Age of Steam«) sind zwar zunächst gewöhnungsbedürftig, fügen sich aber bei mehrmaligem Hören zum Gipfelpunkt in der Karriere eines Ausnahmegitarristen erster Sahne. (pw)

SNOWY WHITE & THE WHITE FLAMES
Keep Out - We Are Toxic
BMG
Ein frischer Wind weht von den späten Sechzigern herüber. Snowy White hat mit seinen WHITE FLAMES ein Album eingespielt, das nach CREAM, FLEETWOOD MAC (zur Ära Peter Green) und Co. schmeckt. Das heißt vor allem: satter Rock mit Blues-Touch ohne viele Schnörkel, geprägt durch das mal straighte, dann wieder erstaunlich gefühlvolle Gitarrenspiel des Meisters. Doch er kann auch andere Register ziehen: Der »Flamingo Lake« ist durchzogen vom Geist des Flamenco und gleichzeitig eine Hommage an DIRE-STRAITS-Chef Mark Knopfler. Hier brilliert Snowy auf der spanischen Gitarre. Dann geht's aber wieder mit knackigen Synchronläufen von Baß und E-Gitarre straight in Richtung Rock, pur und kernig. Von den Blues-Großvätern hat Snowy gelernt, daß es auch mal einem Innehalten bedarf, um seinen Schmerz umso wirkungsvoller herauszuschreien.  Ein hervorragendes Album für Freunde von »handmade music«, bei dem nur das häßliche Cover stört. (lj)
 

LOST LYRICS: Seniorenresidenz
(Hulk Räckorz)
So alt sehen sie doch noch gar nicht aus. Die LOST LYRICS aus Wolfhagen präsentieren ihr 5. Album und alles ist gut. Die plakativ-coolen Texte der Vergangenheit sind anspruchsvolleren und erwachseneren Themen gewichen, die nicht mehr nach dem Einfluß der bekannten Band TERRORGRUPPE klingen. Da sie immer gerne covern, findet sich diesmal neben IDEALs »Erschießen« und Joachim Witts »Goldenem Reiter« auch Roy Orbisons »You got it«. Musikalisch verlassen sie sich auf ihr bewährtes Konzept, das aus melodischen Punkrock ohne viel Schnörkel gestrickt wurde. Passend dazu die Neuaufnahme mit neuem Text von »God's Country«, einem der ältesten Songs der Gruppe. Treffender als in »Nicht genug« kann man die kleinen Sorgen und Ängste einer Band wohl kaum beschreiben - breites Grinsen garantiert! Es ist immer gut, wenn man sich selbst nicht zu wichtig nimmt und auch über sich selbst lachen kann. (stb)

KING TUBBY & FRIENDS
Dub like dirt 1975-1977
Blood & Fire/Indigo
10 Jahre ist es her, daß KING TUBBY vor seinem Haus erschossen wurde. Angesichts dieses traurigen Jubiläums veröffentlicht Blood & Fire mit »Dub like dirt« eine tiefe Ehrerbietung an diesen Pionier des Dub. 16 Versionen der Aggrovators sind auf diesem Silberling versammelt. Gemixt wurden sie neben King Tubby von Prince Jammy, Prince Phillip und Pat Kelly. Tubby gilt im allgemeinen als der Erfinder des Dub und sticht durch seine Experimentierfreudigkeit beim Remixen hervor. Gerade vom Dub gingen die weitreichendsten Impulse aus, die nicht nur fürj den Reggae, sondern auch für die gesamte westliche Musikproduktion bis heute von großer Bedeutung sind. Spielerisch wird mit den einzelnen Spuren des ursprünglichen Materials umgegangen: Baß und Schlagzeug treten meist in den Vordergrund, der Gesang in den Hintergrund. Weitere Zutaten waren etliche Effekte, die dem Ganzen eine psychedelische Tiefe verliehen. Durch King Tubby wurde das Mischpult zum Instrument und der Tontechniker zum Musiker. »Dub like dirt« präsentiert 16 handverlesene Dub-Versionen, die auch Neulingen einen sehr guten Einstieg in die Bandbreite des klassischen Reggae ermöglichen. (kf)

MARK FOGGO'S SKASTERS
St. Valentines Day Massacre
Shanky'Lil Production
Bereits 1979 gegründet, kann man die Band um den excentrischen Sänger Mark Foggo als eine Ska-Institution bezeichnen. Das neue Album ist schon das neunte in der Geschichte des in Eindhoven lebenden englischen Frontmann der SKASTERS. Geboten wird das, was man am besten kann: Offbeat in all seinen Variationen. So klingt es einmal schön laid-back, um beim nächsten Song schon wieder in flotten Upbeat zu verfallen. Foggo zieht alle Register seines Könnens und man merkt ihm seinen Spaß deutlich an. Der popige Sound des Vorgängeralbums ist einer rockigeren Produktion gewichen, die streckenweise an die grandiosen TOASTERS errinnrt. Bessere Laune als nach dieser CD kann man eigentlich  nicht bekommen. Jetzt wo der Sommer ansteht, ist das die perfekte Einstimmung. Am 17.6. in Barracuda in Kassel. Nicht verpassen! (stb)

KING SIZE DUB
Chapter 5
Echo Beach Indigo
1995 veröffentlichte das Hamburger Label Echo Beach den ersten KING SIZE DUB Sampler, der noch ganz und gar dem NeoDub gewidmet war. Mittlerweile liegt der 5. Teil dieser exclusiven Reihe vor, auf dem eindrucksvoll die musikalisch progressive Entwicklung des Dub demonstriert wird. Dabei hat sich das Spektrum spätestens seit seinem Vorgänger deutlich erweitert. Neben deutlichen Bezügen zum Reggae finden sich Anklänge an Soul, Pop, House, Dancehall, Trip Hop etc. - eben Dope beats! Die 14 Titel garantieren eine spannende, klangvolle Reise durch die endlosen Weiten des Dub. Versammelt sind die angesagtesten Namen der Szene: Smith&Mighty, Ballistic Brothers, Earl 16 sowie die altbekannten Bim Sherman, Junior Delgado, Zion Train und Massive Attack feat. Horace Andy. Herausragende Titel sind »Final Resistance« von Dr. Israel aus Brooklyn und »Lego Blues« von Seven Dub, die Dub Band in Frankreich. Mick Hucknall von Simply Red auf einem Dub-Sampler zu finden, mag etwas ungewöhnlich erscheinen, dennoch besticht seine Coverversion von Dennis Brown's »Ghetto Girl«, remixt von dem Blood & Fire Soundsystem aus Manchester! Das fünfte Kapitel der King Size Dub-Reihe knüpft nahtlos an seine ausgezeichneten Vorgänger an und dokumentiert die »Logical Dubgression«, wie es der Untertitel vorgibt. (kf)

JAMIROQUAI
Synkronized
Sony
Mit »Deeper Underground" verkürzte JAMIROQUAI die Wartezeit auf das neue Album und lieferte gleichzeitig den besten Beitrag zur neuen Godzilla-Verfilmung. Jetzt ist das neue Album da, aber der Godzilla-Song fehlt. Schade, aber das ist gleichzeitig der einzige Wehrmutstropfen. »Back to the Seventies« lautet das Motto der neuen Scheibe: John Travolta's Disco-Beats treffen auf Jazz-Anleihen und treibenden Rhythmen-Guitars. Daneben ausschweifende Musiktrips, die mit sphärischen Klängen Drogenerfahrungen umsetzen und zum Relaxen einladen. JAMIROQUAI kehrt mit diesem Album zurück zu den Anfängen seiner Musikerkarriere; das Partykonzept von »Travelling without Moving« blinzelt nur noch vereinzelt durch. Aber die Hauptsache ist: es grooved - und das tut es. Kaufen! (nn)

POTHEAD
Fairground
BMG Goldrush
Zwei Musiker aus Seattle taten sich Anfang der 90er in Berlin mit einem Sauerländer zusammen, um im Trio kernigen, aber ideenreichen Rock'n'Roll zu zelebrieren. Die Mischung der Temperamente stimmte sofort, nun legt das ideenreiche und wild entschlossene Trio bereits den 5. Longplayer vor. Der Titel »Fairground« verspricht nicht zuviel: Hier lockt ein Jahrmarkt lebensfroher Songs! Die freundlich-bunte Atmosphäre traditioneller Volksfeste wechselt ab mit der wilden Action modernsten Amüsements. Mitten im lustvollen Gedröhne von Seventies und Grunge fliegen bunte Folk-Luftballons davon, darf man auch mal Zuckerwatte schleckern oder beim verrauchten Blues im Festzelt sein Bier abkippen. Um dann gestärkt wieder zu einer rasendschnellen Achterbahnfahrt durch Schlagzeug- und Gitarrengewitter zu starten! Aber vom Kinderkarussell klingelt es fröhlich herüber, und so manche raffinierte Gaukelei verschmitzter Harlekine erreicht das Ohr. Ein Feuerwerk für die Sinne! (lj)

DIE FANTASTISCHEN VIER
4:99
Four Music
Waren nun sie als erstes da oder der d eutsche HipHop? Eine leidige Frage, die im Grunde nicht interessiert: den FANTASTISCHEN VIER kann sowieso keiner mehr! Die Pioniere des deutschsprachigen Sprechgesangs melden sich nach vier Jahren Pause zurück und zeigen eindeutig, wer das Sagen hat. Wohl keine deutsche Platte wurde von den Fans und von den Medien so sehnsüchtig erwartet wie »4:99«. Beim ersten Reinhören die Enttäuschung. Das Vorgängeralbum zeigte sich geschlossener und eingängiger. Doch nach und nach zeigt auch dieses Werk seine Qualitäten. Die Schwaben geben sich wie immer: Coole Checker mit fetten Beats, eingängigen Melodien und den typischen Texten über Frauen, die Liebe, das Verlassenwerden, das Feiern und den HipHop. Die Vier machen halt das, was sie am besten können. Pop - HipHop für alle! (nn)

REEF
Rides
Epic
Die erfolgsverwöhnten Engländer legen nach »Replenish« und »Glow« ihr drittes Album vor. In England erreichte ihr Debüt Gold und »Glow« Platz 1 der Charts sowie Doppel-Platin. Mittlerweile werden die Retro Rocker auch in den USA gefeiert. Musikalisch gibt es bei REEF erwartungsgemäß keine große Veränderung, immer noch bieten sie schweißtreibenden, bluesgetränkten Retro Rock mit charismatischer Stimme Gary Stringers. Leider nur fällt »Rides« etwas schwächer aus als das Glanzstück »Glow«, wo vor Gottes Gnaden gerockt wurde. Mittlerweile haben REEF auch nichts gegen ein Popstück oder Streicharrangements einzuwenden, welches aber beileibe nicht der Grund ist. Eher sind es zuviele mittelmäßige Songs auf dem Album. Erstklassige Stücke, wie die Single »I've Got Something To Say«, »Sweety« oder das Laidback Stück »Locked Inside«, machen aber immer noch große Freude. (hs)
 
PARADISE LOST
Host
EMI
Währlich: PARADISE LOST sind keine gewöhnliche Rockband mehr! Die Band aus der nordenglischen Stadt Halifax galt unter Heavy-Metal-Hörern als die Kultband schlechthin. Und nun? "Man hat mich einmal gebeten, unsere Musik zu definieren", gibt PARADISE LOST-Frontmann Nick Holmes zu Protokoll: "Dark Rock lautete meine Antwort..." Dieser Einordnung kann man nur freudig zustimmen. Dark Rock, genau das ist der Sound des neuen Albums »Host«, welches wiederum eine konsequente Weiterentwicklung des Electronic-Stils vom Vorgänger »One Second« darstellt. Bleibt nur die Frage, weshalb eine Band aus der Hau-drauf-Fraktion eine derartige Wandlung vollzieht. Schaut man sich jedoch die Reverenzen an, die Holmes benennt, so ist man wenig verwundert über den neuen PARADISE-LOST-Sound. Größtes Vorbild ist MORRISSEY von THE SMITHS und es fallen auch noch die Namen von NEW ORDER; DURAN DURAN und THE CURE. Und schließlich gesteht Leadsänger Holmes: "Die Achtziger waren für die Musik eine tolle Zeit, und wir waren zu jung und engstirnig, das zu erkennen." Vorbei! Nun leben die Achtziger erfreulich innnovativ im Sound von PARADISE LOST weiter. (ks)

MARK FOGGO'S SKASTERS
St. Valentines Day Massacre
Shanky'Lil Production
Bereits 1979 gegründet, kann man die Band um den excentrischen Sänger Mark Foggo als eine Ska-Institution bezeichnen. Das neue Album ist schon das neunte in der Geschichte des in Eindhoven lebenden englischen Frontmann der SKASTERS. Geboten wird das, was man am besten kann: Offbeat in all seinen Variationen. So klingt es einmal schön laid-back, um beim nächsten Song schon wieder in flotten Upbeat zu verfallen. Foggo zieht alle Register seines Könnens und man merkt ihm seinen Spaß deutlich an. Der popige Sound des Vorgängeralbums ist einer rockigeren Produktion gewichen, die streckenweise an die grandiosen TOASTERS errinnert. Bessere Laune als nach dieser CD kann man eigentlich  nicht bekommen. Jetzt wo der Sommer ansteht, ist das die perfekte Einstimmung. (stb)

THE KENNEDY EXPERIENCE
The Kennedy Experience
Sony Classical
Passend zur Deutschlandtour gibt "Punkgeiger" Nigel Kennedy seine persönlichen Vorstellungen zum besten, wie Jimi Hendrix-Songs  zu klingen haben. Insgesamt 6x adaptierte er Klassiker des verstorbenen Genies an der Gitarre, um sie in ungewöhnlichen  Versionen darzubieten, die in spannungsreichen Bögen von einem Höhepunkt zum nächsten eilen. Dabei nutzte er alle Möglichkeiten elektronischer Verfremdung seiner Geige und arbeitete somit ganz im Geiste des Gitarrengottes. Oft enstannt aus der ursprünglichen Vorgabe etwas völlig neues und fazienierendes. Kennedy sicherte sich bereits mit seiner Fassung von Vivaldis »Vier Jahreszeiten« einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde für das meistverkaufteste Klassikalbum aller Zeiten. Mit seinen eigenwilligen Interpretationen setzte Kennedy schon immer neue Impulse in der als angestaubt geltenden Klassik-Szene. So sind seine Hendrix-Interpretationen nicht nur eine tiefe Verbeugung vor einem großen Künstler, sondern eine völlig neue Auseinandersetzung der Klassik mit diesem Genre. Mehr davon, so bleibt Klassik jung! (stb)

DIVERSE
Rosebud Red
SPV (Do-CD)
Anläßlich des 250. Geburtstags von Goethe präsentiert die Kulturstadt Weimar gemeinsam mit Viva 2 und der Volkswagen Sound Foundation diese Doppel-CD, auf der mehr oder weniger bekannte deutsche Musiker »Songs Of Goethe and Nietzsche« zum Besten geben. Rs zeigt sich, daß der feinsinnige Goethe weit mehr Freunde in der heutigen Musikszene hat als Übermensch Nietzsche, den wohl nur ein Joachim Witt ernstnehmen kann. PANKOW ziehen die frauenfeindlichen Tiraden des Peitschenschwingers verdientermaßen durch den Kakao. Ansonsten gibt Goethe den Ton an. Gut sind die Dichterwort-Adaptionen immer dann, wenn die geschliffene Sprache des Meisters Raum zur Entfaltung hat: etwa beim Faust-goes-HipHop von ZENTRIFUGAL oder beim Prometheus-goes-Industrial von Ben Becker & Alexander Hacke. Daß Goethe un Konstantin Wecker zusammenpaasen, hatte man erwartet, aber auch Blixa Bargeld läuft zu Höchstform auf. Höhepunkt ist allerdins die »Erlkönig«-Adaption: HYPNOTIC GROOVES fangen die grausige Stimmung genau ein, während Jo van Nelsen das Meisterwerk kongenial rezitiert. (lj)

CHEMICAL BROTHERS
Surrender
Virgin
Es gibt Entwicklungen und Veränderungen sind erfrischend und notwendig. Dann gibt es welche, die will man eigentlich nicht wahr haben. Bei wiederum anderen merkt man erst nach und nach, wie gut das Neue eigentlich ist. Lange Rede, kurze Sinn: die neue Scheibe der Chemical Brothers ist da, und sie ist anders als das Vorangegangene! Statt markantem Big Beat wird uns nun Techno um die Ohren gehauen. Das ist weniger tragisch, als es sich anhört: Chemical-typisch sind die Bässe phatter, die Beats treibender und die Hooks mitreißender. Zwar erinnert der Opener »music: response« noch an alte Tage, doch danach geht es richtig zur Sache. Hämmernder Techno und houselastige Tracks. Für den nötigen Ausgleich sorgen ruhige Chillout-Stücke. Trotz aller Veränderungen ist eines gleich geblieben: Die Brothers nutzen wieder das gesamte Spektrum des elektronisch Machbaren. Poppiger als die Vorgänger, aber dennoch - fett! (nn)

FREDDY FRESH
The last true family Man
Epic
Freddy Schmidt - der Name erinnert eher an einen braungebrannten Ferienclub-Animateur als an einen Soundtüfftler. Der Entschluß, sich Freddy Fresh zu nennen, fällt nicht gerade unter die Kategorie orginell, aber der Künstlername bleibt im Gedächnis haften - vor allem bei einem solchen Album. Hier wurde alles mit allem kombiniert: Big Beat, HipHop, Techno, Jazz, Latino, Easy Listning. Eine abenteuerliche Mischung, die funktioniert. Mit freundlicher Unterstützung solche Musikgrößen wie den FREESTYLERS, GRANDMASTER FLASH und FATBOY SLIM wurden dann auch die Medien aufmerksam. Die erste Singleauskopplung »Badder Badder Schwing« (feat. FATBOY SLIM) landete schon in der Heavy Rotation der Musiksender. Der nächste Track, der sich anschickt ausgekoppelt zu werden, ist »It's about groove«: eine funkige Housenummer mit Latino-Attitüde. Wer sich auf keinen Musikstil festlegen will, ist mit dieser Scheibe richtig beraten. Abwechslungsreich! (nn)

THE SWINGVERGNÜGEN
Road Rage
Dogsteady/SPV
Schon das relaxt gesungene Intro macht klar, was einen erwartet: Swing, der zwar in höchster Perfektion, aber eben doch mit einem leichten Augenzwinkern dargeboten wird. Erfreulich, daß man sich für Eigenkompositionen entschieden hat! Die neue amerikanische Swing-Welle ist endgültig in Deutschland angekommen. Der Musik der Band merkt man allerdings an, daß sie sich nur an einen fahrenden Zug anhängt. Feeling gehört ebenso dazu wie knallharte Präzision und ein gnadenloses Studium der großen Meister von Benny Goodman über Glenn Miller bis hin zum jetzt so erfolgreichen Brian Setzer. Die Synkopen sitzen goldrichtig, die Klavierläufe perlen nur so dahin, und alles groovet, groovet, groovet. Die gekonnt eingestreuten Rock- und Blues-Elemente werten das ganze noch weiter auf.  Selten hat der Name einer Gruppe so ins Schwarze getroffen wie hier! (lj)

POETA MAGICA
Ferox
Verlag der Spielleute
Poeta magica sind schon seit Jahren nicht aus der Szene der mittelalterlichen und mittelalterlich inspirierten Musik vertreten, ihre erste CD, "Minne, Mystik, Meistersang" erschien 1994. Von Anfang an haben die "Poetas", wie man sie in der Szene oft nennt, einen eigenen Stil entwickelt,  der geprägt ist von abwechsungsreichen Arrangements und gerne sowohl skandinavische als auch orientalische Einflüsse aufnimmt. Poeta magica ist kein akademisches Ensemble, das mittelalterliche Musik akribisch museal nachspielt, sondern lebt in der Tradition der Spielleute des Mittelalters und setzt teilweise auch in den Eigenkompositionen diese Tradition ins heute um, wobei dann auch mal - sparsam verwendet - neuzeitliche Instrumente Verwendung finden oder das australische Didgeridoo erklingt. Ansonsten hört man neben der keltischen Harfe, dem Dudelsack und diversen Schlaginstrumenten auch ein altes skandinavisches Streichinstrument, die Nyckelharpa. Der Kern von Poeta magica besteht derzeit aus Holger und Friederike Funke, Johnny Robels, Kira Langlott und Stefan Blickhan, dazu kommen noch einige Gastmusiker. Nach »In Taberna ... mori« (1996), auf der thematisch die Vaganten- und Tavernenlieder dominierten und »Raben, Runen, Raukar« (1997), das in die skandinavische Welt führte, kommen mit der neuen CD »Ferox« (= »wild«) wieder ein paar Stücke aus klassischen mittelalterlichen Liedersammlungen (z.B. »Madre Deus« aus dem Codex princeps), dazu ein paar skandinavische Stücke ( »Polska fran Haverö«, »Halling«) und Eigenkompositionen, die teilweise auch einen deutlich orientalischen Einfluß haben (z.B. »Jalla Jalla«).

ALTIN ELLIS
Arise Black Man 1968 - 1978
Moll Selekta/EFA
Moll-Tonträger und der Selekta Reggae Shop aus Hamburg legen als Moll-Selekta mit dieser hervorragenden CD von ALTON ELLIS ihre zweite Veröffentlichung vor. Die »Dancehall Days« von Joseph Cotton, das Debüt auf Moll-Selekta, zählt mittlerweile zu den Perlen unter den Reggae-Scheiben. Eine entsprechende Beachtung dürfte auch ALTON ELLIS zuteil werden. »Arise Black Man 1968 - 1978« vereint nahtlos 16 wunderschöne Meilensteine des Jamaica-Soul-Genres. Bislang waren die zusammengetragenen Titel fast ausschließlich nur auf Singles zu haben (z.B. »(If loving you is wrong) I don't want to be right«, »Sh-Boom«) bis hin zu erstklassigem  Roots-Reggae im Soulgewand (absolute Tips: »Rasta Spirit«, »We a feel it«) - »Mr. Soul of Jamaica« von seiner besten Seite! Die leicht rauchige Stimme von ALTON ELLIS (erinnert mich ein wenig an Otis Redding) dürfte einem den Sommer verschönern! Auch die elegante Gestaltung des Covers macht »Arise Black Man 1968 - 1978« zu einem Sammlerstück. (kf)

INES
The Flow
Tempus Fugit/Point
Eine Zeit lang mußte man sich ja in dunklen Kellern verbarrikadieren, um die Musik, die man in den 70ern Art-Rock nannte hören zu dürfen, ohne ausgelacht zu werden. Doch sieh an, mit der Ausbreitung der neuen Prog-Rock-Szene ist es wieder ganz kultig, sich die frühen GENESIS, GENTLE GIANT oder JETHRO TULL reinzuziehen. Die deutsch-italienische Band INES bedient sich gekonnt aus diesem Steinbruch und erzielte damit in Italien schon beachtliche Erfolge. Mit dem dritten Album »The Flow« könnte auch hierzulande der Durchbruch gelingen: Ein sehr stimmungsvolles, raffiniert aufeinander abgestimmtes Werk, das die Tiefe und Schwermut mit locker-folkigen Einschüben belebt. Erinnert ein wenig an die fast schon vergessenen STRAWBS oder an GROBSCHNITT zur Rockpommel-Ära. Hörenswert! (lj)

TOM NEWMAN
Faerie Symphony And Other Stories
Tempus Fugit/Point
Tom Newman wirkte bislang eher als Mann im Hintergrund. Er gründete einst mit Richard Branson das Label »Virgin« und produzierte so unterschiedliche Künstler wie Cat Stevens, John Cale und Mike Oldfield, darunter das Meisterwerk »Tubular Bells«. Anfang der 90er hatte er einen Nr. 1-Hit mit der Band BABYLON ZOO und dem Song »Spaceman«. Der Mischpult-Zauberer zeigt mit dieser raffiniert zusammengestellten Best-Of-Compilation mit Musik aus 2 Jahrzehnten, daß er auch als Komponist einiges zu bieten hat. Das Spektrum seiner farbenreichen Instrumentalmusik reicht von folkigen Klängen über schrullige improvisatorische Parts bis hin zu entspannten Ambient-Klängen. Vor allem seine Liebe zu akustischen Instrumenten hebt ihn aus der Masse der meist zu weit in Synthetik-Welten abdriftenden Soundtüftler heraus. Das Werk enthält Newmans Perlen aus 2 Jahrzehnten, neben vielen anderen Gästen ist auch Kollege Oldfield an der Gitarre dabei. (lj)

VIVID
Sundown To Sunrise
Virgin
Niemand hätte je vermutet, daß aus dem eher beschaulichen Salzgitter richtig gute Rockmusik herkommen würde. Nicht gute deutsche Rockmusik, sondern im Sinne von internationalem Standard. 1997 überaschten VIVID mit ihrem Debüt »Go«, darunter der Singlehit »Still«. 1998 erhalten sie bei der Echoverleihung den Hamburger Nachwuchspreis und 1999 folgt nun das langerwartete zweite Werk. Bereits die erste Single »Off We Go« chartete, leider nur zu kurz. Ihren immer noch typischen VIVID Sound haben sie, im Vergleich zum Debüt, um einige Loops reduziert, was der Band ganz vorzüglich steht. Gleich mehrere Songs überzeugen auf ganzer Linie, u.a. das fantastische »Up To Me«, der Kracher »Is It Worth It« in bester PEARL JAM Manier oder in »Music« eine leichte Anlehnung an RADIOHEAD. Tip: VIVID werden am 13.8. das SUMMERROCK Festival in Schrecksbach headlinen! (hs)

DIVERSE
No Boundaries - A Benefit For The Kosovar Refugees
Epic
Um dem Elend der Kosovo Flüchtlinge Einhalt zu bieten, hat sich das Sony Label Epic als eines der ersten Labels entschlossen einen exklusiven Sampler, mit zum größten Teil unveröffentlichen oder raren Material zu veröffentlichen. So covern RAGE AGAINST THE MACHINE covern Springsteens »Ghost Of Tom Joad«, Neil Young und Alanis Morisette steuern Liveaufnahmen bei, MANIC STREET PREACHERS, BLACK SABBATH und KORN lassen Remixe sprechen, ansonsten findet man weitere hochkarätige Acts wie BUSH, OASIS, WALLFLOWERS, JAMIROQUAI, Peter Gabriel oder Tori Amos. Leider hauen die Songs keinen sofort vom Hocker, herausragend sind lediglich die zwei äußerst raren PEARL-JAM-Stücke. Der Zweck heiligt wie so oft die Mittel. (hs)

8 6 CREW
Bad Bad Reggae
Mad Butcher Records
Die Pariser Skaband 8 6 CREW spielen Original Ska mit deutlichen jamaikanischen Einflüßen. Bei Konzerten haben sie das Publikum nach wenigen Songs in der Hand und verwandeln es in einen tanzwütigen Mob. Ein großer Teil der Band kommt aus der linken Skinheadszene. Die Band diztanziert sich in ihren Texten deutlich vom gesellschaftlichen Vorurteil, daß jeder Skinhead ein Nazi ist. Die ausgezeichnete Produktion sorgt dafür, daß dieses Album durchweg großen Spaß macht. Das Zusammenspiel der Rhythmusgruppe ist hervorragend und sehr groove-orientiert, eine ausgezeichnete Bläsersektion sorgt für frischen Wind und gute Laune. Der Titelsong jagt mit Highspeed durch die Gehörgänge und will auch gar nicht mehr hinaus. So entstehen echte Ohrwürmer und ein wirklich innovatives Ska-Album. Als Bonus zur Vinyl-Ausgabe gibt es 3 alte Oi-Punk Songs der Band. Weiter so! (stb)

RINOCEROSE
Installation Sonore
V2
Ob DAFT PUNK oder CASSIUS - French House hat aus Paris zu kommen. Wie in fast allen anderen Bereichen gibt die Hauptstadt in Frankreich den Ton an. Doch auch abseits der Lichter der Großstadt können sich gute Sachen entwickeln - RINOCEROSE gehört dazu. Das Electronic-Projekt aus Montpellier vermischt Dub-House-Beats mit richtigen Instrumenten zu einer aufregenden Kombination. Der elegante Gitarrensound ist das letzte Überbleibsel einer Indieband, der Jean Phillipe und Patou, die beiden Macher dcieses Projekt einmal angehörten. RINOCEROSE gehört zu den Gruppen, den man den kommerziellen Erfolg mißgönnt, weil sie dafür einfach zu gut sind. Man will sie ganz für sich alleine besitzen! Aber ob das so bleibt, ist zu bezweifeln. »La guitaristic house organisation« zum Beispiel hat alles, was ein Clubhit braucht: treibende Beats und eine hinreißende Melodie. Eigentlich schade! (nn)

MR. GENTLEMAN
Trodin On
Four Music
Bei Reggae kommt einem unweigerlich Jamaika in den Sinn. Und Reggae ist Mr. Gentleman's Ding, doch dessen Wurzeln legen weder in Jamaika, noch irgendwo anders in der Karibik. Gentleman ist ein echt kölsche Junge und das neuste Kind aus dem Hause Four Music, dem Recordlabel der FANTASTISCHEN VIER. Rechtzeitg zum Sommer kommt das Debütalbum »Trodin on« auf den Markt. Der Opener (gleichzeitig erste Singleauskopplung) »In The Heat of the Night« bringt erstaunliches Hitpotential mit, was nicht umsonst der Einsatz in den Medien zeigt: ein schneller Track mit Dub-Anleihen. Während Mr. Gentleman rauhe Lyrics ins Micro presst, bringen Richie Stephens und Mighty Tolgas souligen Gesang mit ein - eine wirklich gelungene Kombination. Doch danach macht sich Langeweile bereit, nur wenige Stücke können noch ansatzweise mit dem Opener mithalten. Nicht mehr als Mittelmaß, aber ganz nett für den Sommer. (nn)

TOCOTRONIC
K.O.O.K.
Lado/Motor
TOCOTRONIC haben mit dieser Welt Frieden geschlossen. So erscheint es zumindest bei einem ersten Blick auf »Let There Be Rock«, der ersten Single-Auskopplung. Dort heißt es: "Alles was wir hassen seit dem ersten Tag, wird uns niemals verlassen, weil man es ja eigentlich mag." Weshalb die TOCO-typischen Haßsongs fehlen, die man so schön mitgrölen konnte. Die dissidente Haltung gegenüber den Zumutungen der Angestelltenkultur besteht jedoch weiterhin. So ist die Textzeile "das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut" als die zynische Einsicht in die Ohnmacht zu lesen, die kontrollgesellschaftliche Mechanismen selbst in der Jugendkultur evozieren. Und in »Die Grenzen des guten Geschmacks 2« wird mittels des Schlußsatzes aus Foucaults »Ordnung der Dinge« gänzlich die Richtung vorgegeben: "Unsere Worte werden leiser, sie verschwinden in der Weise einer Zeichnung hier im Sand. Es gibt kein Leben ohne Schande." Knock-out? Okay! (ks)

PETER J. TSCHAIKOWSI
Dornröschen
DGG
Da ist sie die Reverenzaufnahme aus der Heimat des Komponisten! Mikhail Pletnev dirigiert »The Sleeping Beauty« mit einer unglaublichen Rasanz und rhythmischen Perkektion, das einem Hören und Sehen vergeht . Fragt sich nur, ob ein Ballettcorps danach noch tanzen kann/will. Doch das kann und soll wohl auch gar nicht die Absicht des Russian National Orchestras und seines Dirigenten sein. Vielmehr führen die Interpreten auf zwei prall gefüllten CDs vor, wie die Musik klingen kann und sollte, wo sie doch so oft lieblos in Opernhäusern heruntergenudelt wird. Diese CD-Box ist bestens geeignet, dem Werk, das so häufig im Schatten von »Schwanensee« steht, neue Freunde zu gewinnen. Eine tolle Veröffentlichung! (gum)

THE GENTLE PEOPLE
Simply Taboo
Rephlex
Da blubbern, gluckern und zischen die Synthies zu relaxten Rhythmen, dazu gibt es funky guitars und coole Vocals: THE GENTLE PEOPLE melden sich zurück. Auch der zweite Schlag kommt so entspannt und stilsicher wie ihr Debüt »Soundtracks For Living« daher. Eben noch ein Sade-Groove, dann schon wieder ein paar James-Last-Geigen, Electronic Pop der frühen 80er oder ein Ausflug in französische Chanson-Melancholie: Die GENTLE PEOPLE sind Klangzauberer, die die unterschiedlichsten Elemente zu einer leicht bekömmlichen Mischung zusammenrühren. Ab und zu driften sie gar ab in psychedelische Sphären, doch keine Angst: Bald schon landen sie wieder sicher auf der Erde und bringen den trendigsten Pop, den dein Autoradio seit langem gesendet hat. Und dank eines britischen Humors, der immer an den richtigen Stellen für ein Augenzwinkern sorgt, verzeiht man ihnen noch die übelsten Kitsch-Zitate. (lj)

THE BATES
Right Here, Right Now
Virgin
Schon hört man das Geschrei: "Die BATES haben den Punk verraten!" Die BATES lassen sich eben nicht mehr reduzieren auf fröhliches Gegröle zu deftigen Akkorden und schnell dahingeknüpppelten Rhythmen. Das gibt's auch noch, klar, das können sie immer noch besser als die meisten! Darüber hinaus gibt es aber den Mut zum Ausprobieren der unterschiedlichsten Soundelemente und die Bereitschaft, sich auch einmal davontragen zu lassen von den Wogen der Klänge und Gefühle. Das führt aus der eng gewordenen Nische heraus, in der die meisten Kollegen des Pop-Punk-Genres unbeweglich feststecken. Ein Feuerwerk aus bluesigen Bläsern wird abgebrannt, folkige Flöten funkeln fröhlich, und dann gibt es gar noch eine Ballade am Klavier zum Klingen, die gar nicht in Schmalz abgleitet. Auch die wachsende Zahl deutscher Texte klingt nicht peinlich - sie beherrschen eine Sprache, die auf den Punkt kommt, und stecken damit locker Campino in die Tasche. Weiter so: Schließlich haben die BEATLES Anfang der 60er ja auch den Rock'n'Roll "verraten"! (lj)

IN EXTREMO
Verehrt und angespien
Mercury
Einer der kometenhaften Aufsteiger des letzten Jahres sind IN EXTREMO: Jahrelang tingelten die Vaganten als Insider-Tip über die Mittelaltermärkte. Seit sie ihre rauhen Gesänge zu Schalmei, Dudelsack und Trommeln ganz in Tradition der Spielleute mit Rock-Sound verbanden, geht es in Riesenschritten voran. Erst füllten sie die Clubs, dann die Stadien, denn ihre Live-Shows reißen jeden vom Stuhl. 1998 wurden von den Lesern so unterschiedlicher Magazine wie »Rockhard« und »Karfunkel« gefeiert. Das neue Album zeigt, daß sie sich nicht auf dem Erfolg ausruhen. Es ist weit bunter, abwechslungsreicher und raffinierter gestrickt als der ungestüme Erstling »Weckt die Toten«, ohne an Power einzubüßen. Merseburger Zaubersprüche, altprovencalische Gesänge, spanische Marienlieder und deutsche Spielmannsflüche - dazu knallharte Drums und Rammstein-Gitarren. Deren nihilistische Haltung und deren Selbstmitleid teilen IN EXTREMO allerdings gar nicht: Hier wartet wilde Lebensfreude pur! (lj)

RED HOT CHILI PEPPERS
Californication
Warner Bros.
Nach vier Jahren Pause sind sie zurück: Nicht mehr ganz so hart wie zuvor, aber immer noch mit dem ewig slappenden Flea und den gleichen obszönen Texten, die erst durch Sänger Anthony Kiedis eigenwilligen Gesangsstil an Tiefe gewinnen. Es ist diese Mischung aus der Härte des Funkrock und gefühlvollen Klängen, die den Stil der vier Musiker aus Los Angeles ausmacht. Mit »Californication« sind sie ihrem Stil treu geblieben. Der Erfolg der Ballade »Scar Tissue« zeigt aber, daß sie gerade mit ruhigeren und eingängigeren Stücken eine noch größere Zielgruppe erreichen können. Nicht zuletzt dank des zurückgekehrten Gitarristen John Frusciante schufen RHCP ein Album, das qualitativ annähernd an ihr Kult-Album »Blood Sugar Sex Magic« anknüpft. (ah)

WOLF MAAHN
Soul Maahn
EMI
Mut hat er! Nicht unbedingt selbstverständlich, daß seine Fans den Weg vom Deutschrock in ein anderes musikalische Terrain mitbeschreiten. Maahn, der schon immer eine Vorliebe zum Rythm'n'Blues hatte, erfüllt sich einen Traum und spielt unter Mithilfe von Londons Szenemusikern wie Phil Palmer, der sonst bei Clapton oder George Michael Gitarre spielt, Programmierer Martin Wallis aus der Szene von East 17 oder Goldie, ein komplettes Album mit erheblichen Souleinflüssen ein. Reinen Soul sollte man jedoch nicht erwarten, daß er vom Rock kommt merkt man bei »Rebellion«, balladeske Stücke wie »In Deinem Bett« oder »Nimm Mein Herz Zurück« könnten auch auf seinen Vorgängeralben sein. Echte Experimente geht Maahn lediglich mit dem schwachen Reggae  »Heut' Nacht Will..« oder der Stevie-Wonder-Hommage »Sir Stevie« ein. Wirklich peinlich wird's jedoch beim Titelstück! (hs)

MELLOWBAG
Bipolar Opposites
Wea
Zuerst tauchte ihr Name nur in Zusammenhang mit den Intellekt-HipHoppern des Stuttgarters FREUNDESKREISES auf. Der gemeinsame Track »Tabula Rasa« ließ ihren Namen zum ersten Mal von einer breiten Masse bemerkt über den Bildschirm der Musiksender schimmern. Mit »Bipolar Opposites« legen MELLOWBAG bereits ihr zweites Album vor. Internationaler HipHop aus deutschen Land: fetter Beat ohne Aufdringlichkeit, Jazz-Zitate, Streichereinheiten sowie Soul- und Funkanleihen vermischen sich hier zu einer freundlichen Kombination; ein smoother Sound statt HellyHansen-Jacken-tragende-"Wir-sind-die-Coolsten"-Proll-Attitüden. »Props«: mit der ersten Singeauskopplung haben sich die Berliner HipHoper gleich den Track mit Hitqualitäten rausgepickt. Ein Song, der groovt und auch im Club funktiert. Ansonsten heißt es, immer schön locker bleiben. Angenehm! (nn)

DIVERSE
The State of e:motion
EFA
Eine Platte wie eine Party: langsame Töne zur Einstimmung am Anfang, zum Auftakt agressiver Drum'n'Bass-Sound, bevor dann die fette House-und Techno-Tracks das Kommando übernehmen: das Hamburger Label EFA zeigt mit »The State of e:motion« ihren aktuellen Stand der Dinge in Sachen elektronische Musik und das alles zum kleinen Preis. »e:motion« ist netterweise eine Low-Price Compilation. Waren die ersten Ausgaben nur als Giveaways für Musikjournalisten gedacht, ist Volume 7 auch endlich für die breite Öffentlichkeit zugänglich. Das Doppelalbum ist einfach unterteilt: auf der einen Seite "leicht konsumierbare Hits", wie sich EFA auszudrücken vermag, auf der anderen experimentelle und innovative Musik, die herzlich willkommen ist - nur sollte sich dann so etwas interessant anhören und nicht in unwirklichen Beats und Klang-Konglomeraten untergehen und in den Bereich der Langeweile entschwinden. Trotzdem: Kaufen! (nn)

FU MANCHU
King of the road
edel records
Sie sind wieder da. Der Wüstenrock von FU MANCHU wirbelt noch immer tüchtig Staub auf. Knochentrockene Arrangements jagen durch einen akustischen Roadmovie, wie er amerikanischer nicht klingen kann. Der Geist von Legenden spiegelt sich in den wenigen Wasserstellen auf diesem Wüstentrip. Man sieht sie alle wieder vor sich: DEEP PURPLE, LED ZEPPELIN, und BLACK SABBATH sitzen in einem geräumigen Van auf einer seltsamen Reise, die Musikanlage ist bis zum Anschlag aufgedreht, der Geruch von illegale Substanzen liegt in der Luft. Dieses Retro-Universum voller Zitate und Verbeugungen kommt ohne jegliche Peinlichkeiten aus. Dies ist kein Cover-Rock, sondern cooles Wellenreiten auf einem Surfbrett, daß nicht untergehen kann. Hier werden keine musikalischen Innovationen geboten, aber es ist lässig zurückgelehnt und hat die Nase im Fahrtwind. Leise hören ist eine Beleidigung... (stb)

WOHLSTANDSKINDER
Delikatessen 500 SL
Vitaminepillen
Auf ihrem mittlerweile dritten Longplayer haben sich die Deutsch-Punker langsam von ihren einstigen Vorbildern WIZO verabschiedet und eine anspruchsvollere Richtung eingeschlagen. Selbstbewußt bewegt man sich auf Pfaden, die bisher musikalisch RANTANPLAN oder textlich BOXHAMSTERS vorbehalten waren. Es is nicht einfach, deutsche Sprache zu benutzen, ohne in eine Liedermacher-Peinlichkeit zu verfallen. Diese Gruppe beherrscht es und erfreut sich zurecht einer ständig wachsenden Beliebtheit. Ihr Midtempo-Punkrock verfällt immer häufiger in angenehme und wunderbar tanzbare Ska-Passagen, die durch dezente Bläser abwechslungsreich und kontraststark untermalt sind. So lasset uns unser Tanzbein schwingen und mit dem anderen fleißig Pogo tanzen! Wer das noch nicht kennt, kann es hier lernen! Von den Jungs wird man hoffentlich in Zukunft noch einiges hören. (stb)

FINK
Mondscheiner
L'age D'Or
Ich habe dieser Band nicht über den Weg getraut, als sie zwei wunderschöne Alben lang von sich behaupteten, sie würde keine Country-Musik spielen, in ihrer Gesamtheit aber dennoch dem allgemeinen Verständnis und Sound der originären Country-Idee entsprachen. Letztlich stand einzig die Tiefgründigkeit ihrer Texte der Zuschreibung Country entgegen und machte FINK undefinierbar. Kein Rock, aber auch kein Pop, Folk schon lange nicht. Sicherlich auch gedacht als die Behauptung gegen die Vereinnahmung durch den Mainstream. Die Band bekam somit eine eigene und undurchdringbare Aura, die zum Zuhören und Analysieren der Texte zwang, die von so mancher Ungereimtheit im menschlichen Dasein erzählen. So auch auf »Mondscheiner«. Doch plötzlich gibt es auch einen echten Country-Song. Und zwar eine Cover-Version von Kraftwerks »Autobahn«, welcher wohl niemals zuvor so herrlich "ent-deutscht" wurde. (ks)

PAUL KUHN TRIO
My World Of Music
in-akustik
Angeblich ist Harald Juhnke der letzte große Entertainer Deutschlands. Das glauben jedoch nur Saufnasen und die Bild-Zeitung. Vergessen wird darüber, dass es Paul Kuhn war, der lange vor Juhnke zeigte, was gutes Entertainment ist. Ihren Anfang nahm die einmalige Karriere von Kuhn in den Vierzigerjahren, als er die verbotenen Programme der BBC hörte und so seine Liebe für den Jazz entdeckte. Nach dem Kriegsende tingelte er durch diverse amerikanische Clubs, welche sich im Umfeld der Alliierten in Deutschland etabliert hatten. Wenn der ehemalige Leiter der SFB-Bigband heutzutage verächtlich in die Schlagerecke gedrängt wird, so liegt dies u.a. an seinen Hits »Es gibt kein Bier auf Hawaii« oder »Der Mann am Klavier«. Zu Unrecht! Der Mitschnitt aus dem Frankfurter »King Kamehameha«-Club belegt, dass Kuhn wie kein Zweiter singt, swingt, groovet und Jazz-Evergreens interpretiert. Und verdammt jung geblieben ist! (ks)

DONNA SUMMER
Live & More Encore!
Epic
Die schönste Liebeserklärung, die der Ausnahmekünstlerin Donna Summer bisher gemacht wurde, steht in dem Roman »Gut laut« von Andreas Neumeister. Demnach ist »I Feel Love« nicht nur "das tollste Stück, das je in Mjunik [München] produziert wurde", es waren darüber hinaus Giorgio Moroder und eben Donna Summer, die aus dem Disco-Sound der Siebzigerjahre den ganz speziellen »Sound of Munich« kreierten. Und somit gemeinsam Popgeschichte schrieben! Nun lebt Donna Summer nicht mehr in München - aber immerhin noch sehr gut vom Mythos jener Zeit. Die Liveaufnahme aus dem New Yorker »Hammerstein Ballroom« ist daher nicht nur das Dokument eines großartigen Konzertes, es ist zudem der Beleg für die Zeitlosigkeit und Brillanz ihrer Hits. Und hätte sie dem Gitarristen ihrer Liveband die sinnlosen und selbstverliebten Solo-Einlagen verboten, so wäre es das perfekte Album geworden. Gitarrenwichser dieser Welt, ich verachte euch! (ks)

DIVERSE
Music For Our Mother Ocean
edel
Es soll Menschen geben, die immer schon Mitglied bei der »Surfrider Foundation« in Californien werden wollten, aber nicht wussten, wie sie es anstellen sollten. Nun, diesen Zeitgenossen kann geholfen werden. Man muss nur den mehr als merkwürdigen Benefiz-Sampler zur Rettung von Haifischen, zur Verhinderung von Überfischung und Meeresverschmutzung käuflich erwerben, der auf das Kürzel »Mom 3« hört. Denn: Dem Ding liegt ein Anmeldeformular bei! Damit das Ausfüllen und Ankreuzen nicht zu langweilig wird, darf man sich derweil mehr oder minder gelungene Coverversionen und als »new songs« getarntes Ausschussmaterial von PEARL JAM, BECK, RED HOT CHILI PEPPERS usw. antun. Ich empfehle, sich aus taktischen Gründen für die Auswahl der Beitragssumme (Studenten und Rentner zahlen nur 15 Dollar) das erste Stück der CD aufzubewahren. Bei diesem wirklich genialen Song, den Brian Setzer mit dem Beach-Boy Brian Wilson zum Besten gibt, kommt man garantiert auf andere Gedanken  - und lässt den Unsinn! (ks)

SWOONS
Magnetsignale aus dem Nichts
Vitaminepillen
Die SWOONS werden erwachsen! Es gibt musikalische Fortschritte und Neuerungen - vor allem in Form von lockeren Ska-Einflüssen inklusive fetziger Bläser-Arrangements. Aufmerksame Zuhörer werden durch unerwartete Zitate wie eine »Dust-in-the-Wind«-Gitarre, eine Santana-Hammond oder eine schmachtende Geige verblüfft. Doch etwas fehlt: die naive "Leck-mich"-Haltung zur Welt, die im Zusammenspiel von Tinas (EX-Sängerin) Teenie-Vocals und rotzigen Gitarren einst so schamlos charmant daherkam. Statt dessen gibt's meist deutsche Texte, bis zum Anschlag voll mit Assoziationen, Philosophie, Sprachspielerei. Jutta trotzt dem Silbensturm, indem sie mit der Stimme experimentiert. Dann erzählt Stefan noch ein makabres Märchen zur Nacht.  Eine Band auf der Suche...  (lj)

DIE FIRMA
Das Zweite Kapitel
V2
Der Kampf Gut gegen Böse - DIE FIRMA ficht diesen Kampf schon in der zweiten Runde aus. Auf ihrem neuem Album vertonen die Kölner HipHopper Texte mit Tiefgang, zwischen Phantasie und Realität, Botschaften für eine Welt, die schlecht geworden ist. Na ja, oder in der es zuminestens sozial nicht gerecht zu geht. Leider ist die Weltuntergangsstimmung mit zunehmend gehäufter Klugscheißerei in oft langweilige Beats und laue Sampels verpackt. Mit vielen Vorschusslobeeren bedacht, kann DIE FIRMA nicht wirklich überzeugen. Warum die wahre Klasse nur bei wenigen Tracks wie "Kap der guten Hoffnung" oder "Illusionen" durchschimmert, bleibt unbegreiflich. Mit 21 Stücken ist das Album aber konsumerfreundlich ausgestattet. Dennoch: diesmal schafft der Kölner Sprechgesang den Sprung vom Underground in die Charts. (nn)

BREAKBEAT ERA
Ultra Obscene
Intercord
Die Drum'n'Basser halten sich für die Jazzer von morgen - was ihnen oft zum Verhängnis wird. Intelligente Musik ist nicht gefragt: der gemeine Pöbel schwingt die Hüfte lieber zum einfachen 4/4-Beat eines Dancefloor-Smash Hits als zu den hektischen Trommel und Bass-Sounds. Der ist zudem anstrengend und in diesen Landen nicht chartkompertibel. Da bleibt es nicht aus, dass einige musikalische Perlen am Allgemeinverbraucher vorbeirauschen - wie das zweite Album der BREAKBEAT ERA. Hinter diesem Namen stehen die englischen Drum'n'Bass-Größen Roni Size und DJ Die, die sich diesmal eingängiger, ja fast "poppiger", als bei bisherigen Projekten präsentieren: massiv krachene Beats treffen auf eine soulige Stimme, diesmal von der Sängerin Leonie Laws. Im Hintergrund agieren schräge Electro-Sample und mal wilde, mal beruhigende Jazzrhythmen als Bindeglied. Aufregend! (nn)

ZENTRIFUGAL
Tat oder Wahrheit
Jive
Weimar - ein Ort von Literatur und Lyrik durchtränkt. Doch dort gibt es mehr als Goethe und Schiller. Seit drei Jahren ist die Kulturstadt Heimat des HipHop-Duos ZENTRIFUGAL. Und obwohl die Bremer Bastian Böttcher und DJ Loris Negro diese Nähe verneinen, gilt das Zweigespann als die Dichter des deutschen HipHop - nicht umsonst durch die Rap-Poesie des MCs. Böttcher ist der Star der deutschen Poetry-Slam-Szene, die Disziplin des schnellgesprochenen Wortes. Und die Musik des DJs verpackt die intelligente Lyrik in angenehme Sounds. Der Beat swingt, jazzige Elemte regieren im Hintergrund von Böttchers Wortspielen. Mit dem Erstling "Poesiealbum" (1996) noch als Insidertip gehandelt, kann das Zweigespann zum Aufsteiger des Jahres werden - genügend Potential bietet "Tat oder Wahrheit". Nebenbei lieferte Zentrifugal mit "Faust geballt" mit den besten Beitrag zum VW-Rosebud-Sampler (vertonte Goethe- und Nietzsche-Texte). Literatur zum Hören, oder nenn es einfach: Kunst!
(nn)

DIE FIRMA
Das Zweite Kapitel
V2
Der Kampf Gut gegen Böse - DIE FIRMA ficht diesen Kampf schon in der zweiten Runde aus. Auf ihrem neuem Album vertonen die Kölner HipHopper Texte mit Tiefgang, zwischen Phantasie und Realität, Botschaften für eine Welt, die schlecht geworden ist. Na ja, oder in der es zuminestens sozial nicht gerecht zu geht. Leider ist die Weltuntergangsstimmung mit zunehmend gehäufter Klugscheißerei in oft langweilige Beats und laue Sampels verpackt. Mit vielen Vorschusslobeeren bedacht, kann DIE FIRMA nicht wirklich überzeugen. Warum die wahre Klasse nur bei wenigen Tracks wie "Kap der guten Hoffnung" oder "Illusionen" durchschimmert, bleibt unbegreiflich. Mit 21 Stücken ist das Album aber konsumerfreundlich ausgestattet. Dennoch: diesmal schafft der Kölner Sprechgesang den Sprung vom Underground in die Charts. (nn)

BREAKBEAT ERA
Ultra Obscene
Intercord
Die Drum'n'Basser halten sich für die Jazzer von morgen - was ihnen oft zum Verhängnis wird. Intelligente Musik ist nicht gefragt: Der gemeine Pöbel schwingt die Hüfte lieber zum einfachen 4/4-Beat eines Dancefloor-Smash Hits als zu den hektischen Trommel und Bass-Sounds. Der ist zudem anstrengend und in diesen Landen nicht chart-kompatibel. Da bleibt es nicht aus, dass einige musikalische Perlen am Allgemeinverbraucher vorbeirauschen - wie das zweite Album der BREAKBEAT ERA. Hinter diesem Namen stehen die englischen Drum'n'Bass-Größen Roni Size und DJ Die, die sich diesmal eingängiger, ja fast "poppiger" als bei bisherigen Projekten präsentieren: massiv krachende Beats treffen auf eine soulige Stimme, diesmal von der Sängerin Leonie Laws. Im Hintergrund agieren schräge Electro-Samples und mal wilde, mal beruhigende Jazzrhythmen als Bindeglied. Aufregend! (nn)

THE TEA PARTY
TRIPtych
EMI
Man stelle sich im fernen Orient einen Basar vor. Tausend Gerüche schweben über den Ständen, Hunderte von Geräuschen und Stimmen mischen sich mit orientalische Klängen. Hier pulsiert das Leben, und irgendwie finden viele Einzelteile zu einem großen Ganzen zusammen. Ähnlich praktiziert Jeff Martin, Sänger und Kopf der kanadischen Tea Party, seine Musik. Überlagerte Gitarrenspuren, überbordende Ideenfülle und zahllose Overdubs prägen den kraftvollen Sound der platinveredelten Band, die viele immer noch als Art Doors der 90er handeln. Entscheidende Kennzeichen des Sounds ist Martins Faible für verschiedenste kulturelle (eben auch stark orientalische) Einflüsse, dazu gehört auch die Verwendung exotischer Saiteninstrumente. THE TEA PARTY befreien mit ihrer kraftvollen Art das Genre Heavy Rock von jeglichen Klischees. (hs)

RICH HOPKINS & LUMINAROS
Devolver
Blue Rose/Zomba
Immer mehr bekommt man das Gefühl, Rich Hopkins könnte der legitime Nachfolger Neil Youngs werden! Nach den recht erfolgreichen Alben »El Paso« und »The Glorious Sounds Of«, dem Hammer Album »Return Of The Living Dead« seiner alten Stamm-Band SAND RUBIES, folgt nun sein persönliches Masterpiece. Er nennt es gar "my St. Pepper". Hiermit meint er sicherlich die Reife und Abwechslungsfreudigkeit in diesem Album. Traumhafte Balladen gesellen sich zu Gitarrenkrachern und Klang-Experimenten. So findet man neben einem Song in spanisch gleich vier Instrumentals! Nach mehrmaligen Hören wird man von »Devolver« keineswegs satt, geschweige denn überdrüssig. Unbedingt Ausschau sollte man nach der limitierten Doppel-CD halten: Auf der über 40minütigen Bonus CD findet man u.a. eine faszinierende Version des Neil Young Klassikers »Like A Hurricane« sowie diverse Liveaufnahmen. (hs)

OCEAN COLOUR SCENE
One From The Modern
mercury
In Zeiten von Millennium-Sounds, von Rock- und Electro-Fusionen, wünscht man sich gerne mal wieder den "good old handmade rock". Die Engländer OCEAN COLOUR SCENE feiern mit ihrer Art British Retro Rock bereits ihr 10-jähriges Bandjubiläum. Nachdem sie mit dem 92er Album »Moseley Shoals« eines der besten britischen Rockalben der vergangenen Jahre eingespielt haben, ist das vorliegende »One From The Modern« ihr viertes Werk. In ihrer Heimat werden sie zurecht als Superstars gefeiert, hierzulande jedoch ist die Band immer noch gerade mal einem erweiterten Insiderkreis ein Begriff. Eine Band, die die himmlische Gabe hat, aus etlichen Vorbildern der Rockgeschichte ihren eigenen Sound mit solch großen Melodien zusammenzubasteln, sollte man unbedingt kennenlernen. Was hier der Hörer geboten bekommt, ist grundehrliche Rockmusik. Nicht neu, aber schlicht und einfach: GUT! (hs)

QUARKS
Königin
(Monika Rekords/Indigo)
Es ist Sonntagmorgen. Es ist Herbst. Es ist nebelig und kalt. Die richtigen Voraussetzungen den Tag im Bett zu verbringen, sich zu löffeln und die Decke über die Nase zu ziehen. Es ist die beste Zeit, um die neue Platte der QUARKS in den CD-Player zu legen, die Repeat-Taste zu drücken und immer wieder den wunderlich schönen Dingen zu lauschen, die sodann passieren werden. »Ich wünschte der Schlaf würde mich holen/doch alle Schafe wurden gestohlen/und hinter den Sternen ausgesetzt...« Willkommen im www.quarksland.de! Jetzt werden Geschichten erzählt. Und die Monarchie der Elektronik regiert den Pop. »Halt die Luft/zähl bis drei/gleich wird es hell/dann sind wir frei«. Ja genau. Lauter! Toastscheiben wollen bebuttert werden und Kaffee bemilcht. »Bleib wo du bist/glaub was du willst/lach - wenn du kannst/sei doch froh...« Bin ich. Es ist Sonntag, der 14. November und die QUARKS spielen in der Lolita Bar (Kassel) (ks)

ANTONIO LOTTI
Requiem
BMG
Mit großem (Werbe-)Aufwand wurden der Veröffentlichung des Requiems von Antonio Lotti (1667- 1740) Vorschusslorbeeren verpasst. Nun steht außer Frage: Dieser Schatz der Kirchenmusik musste gehoben werden und es ist anerkennenswert, dass dem Balthasar-Neumann- Chor und -Ensemble unter Thomas Hengelbrock auch eine Interpretation gelang, die konkurrenzlos und beispielhaft ist. Dieses Werk in die Nähe von Mozarts Requiem zu rücken, scheint jedoch recht mutig. Lotti war sicherlich ein Komponist, der Beachtung verdient. Zu den ganz Großen möchte man ihn jedoch kaum zählen. Sein Requiem, das Credo und Miserere sind schöne Beispiele ihrer Epoche. Mehr wohl kaum! Als Erstveröffentlichung und Interpretationssternstunde mag diese CD dennoch zu überzeugen. (gum)

EAT NO FISH
Greedy For Life
Virgin
Die Gewinner des »Local-Heroes«-Wettbewerbs von Radio FFN haben schon mehrfach Karriere gemacht: Man denke an BE, CULTURED PEARLS und GUANO APES. Auch die 98er Sieger EAT NO FISH aus Eimen (bei Einbeck) mischen nun ganz oben in der deutschen Musikszene mit. Zunächst wunderte man sich, daß eine Band, die erst wenige Monate bestand, 900 Mitbewerber hinter sich lassen konnte. Das Album zeigt, warum: Die Crossover-Combo ist das aufregendste, was seit Jahren aus deutschen Landen frisch auf den Tisch kommt. Ihre Musik bringt auf den ersten Blick Unvereinbares zusammen: Die Pole reichen von erdigem Grunge, Funk und Blues bis hin zu Trip Hop und Drum'n'Bass. Doch bei EAT NO FISH wird daraus kein Gemischtwarenladen, sondern ein eigener Stil. Das ideenreiche Zusammenspiel der Musiker und der cleveren Einsatz von Loops legen das Fundament, doch das eigentliche Leben in die Musik bringt die Spitzensängerin Maria Koch. Ihr unglaubliches Spektrum reicht vom zärtlichen Flüstern und laszivem Stöhnen bis hin zum musikalischen Wutausbruch. Erinnerungen an CRANBERRIES, Suzanne Vega, Nico bis PORTISHEAD blitzen auf: Doch sie imitiert nicht, sondern setzt selbst Maßstäbe. (lj)

CROSBY, STILLS, NASH & YOUNG
Looking Forward
Warner/wea
Wer von den alten Harmonie-Veteranen noch völlig neue Töne erwartet, sollte diese neue Reunion-Platte sogleich wieder ins Regal zurücklegen. Wer aber CSNY schon immer mochte, der wird diese Platte durchaus gern hören. Selten haben die vier so relaxt und harmonisch geklungen. Natürlich hat Neil Young wieder die meisten Songs beigesteuert, 4 aalglatte Folksongs im getragenem Midtempo, die nur von den drei süßlichen Nash-Ohrwürmern getoppt werden. Das Album wird aber klug in der Waage gehalten von den bluesig-rockig groovenden Songs von Stills und Crosby. Crosbys »No Tears Left« rockt so kompromisslos aufrüherisch daher wie damals es nur »Almost Cut My Hair« vermochte.  Bei weitem kein »Déj  vu«, ist »Looking forward« durchaus nicht das schlechteste Album von CSNY. (pw)

BUT ALIVE
Hallo Endorphin
B.A.Records/Indigo
Trotz der inzwischen bestätigten Auflösungsgerüchte gibt es noch etwas Neues von Hamburgs Polit-Punkband Nr.1. Das neue Album ist abwechslungsreich wie nie und stellt in der bisherigen Diskographie der Band einen Bruch dar. So entsagte man zu großen Teilen den Pogo-Zwängen des Punks und widmete sich der primären Aufgabe, hervorragende Songs mit deutschen Texten zu schreiben fernab von Parolen und Weltverbesserungswahn. Dabei richtet sich der Blick von Sänger Marcus mehr ins Innere, weg von den politischen Statements der frühen Tage. Dezente Ska-Klänge wechseln sich mit groovigen Gitarren-Attacken ab. Es gibt sogar eine musikalische Hommage an die B-52'S. Neu sind auch die verstärkt eingesetzten Keyboards und Samples. Gastbläser von RANTANPLAN und NO RESPECT verfeinern die Songs und geben den letzten Schliff. Ein mutiger Schritt auf neues Territorium. Ausgezeichnet! (stb)

BOB MARLEY AND THE WAILERS
Wailers & Friends
Heartbeat
Diese Zusammenstellung besteht aus bekannten, seltenen und unveröffentlichen Aufnahmen der WAILERS aus den Jahren 1964 - 1966, als sie in dem berühmtem Studio One in Kingston, Jamaica oft als Backing-Sänger für Freunde und Nachbarn engagiert waren. So finden sich unter den 18 Songs wahre Kleinode des Jamaica Ska, jener hochgradig tanzbaren Musik, aus der später der Reggae wurde, dem Bob Marley seinen Weltruhm verdankt. An den Mikrofonen tummelten sich neben den WAILERS selber die Stars des Studio One und so finden sich hier Bob Andy, Delroy Wilson, THE SOULETTES, Jack Sparrow, Marcia Griffiths, die SKATALITES als Rhythmus-Sektion und auch seine damals noch zukünftige Ehefrau Rita Marley wieder. Alles in allem eine wunderschöne Compilation, die einen guten Überblick über die Hits dieser Ära und das frühe Schaffen Marleys und seiner Freunde gibt. Mehr davon. (stb)

RAGE AGANIST THE MACHINE
The Battle Of Los Angeles
Epic
Lange schon erwartet kehren die Wegbereiter der kompromisslosesten Form des Crossovers zurück. RATM liefern ein fulminantes Album ab, das sich nicht hinter dem bisherigen Output der Band zu verstecken braucht. Die amerikanische Politband, die wie immer kein Blatt vor den Mund nimmt, ist auch nach über drei Millionen verkaufter Platten kein bisschen müde geworden und versteht es, in brillanter Weise die Gehörgänge durchzupusten. Sie sind die Hardcore/Punk-Ausgabe der RED HOT CHILI PEPPERS und doch trotzdem ein Unikat, das einen enormen Einfluß auf den Nachwuchs an den Gitarren dieser Welt hat. Ein Wunder, daß nach all den weltweiten Touren und Benefiz-Konzerten für z.B. Mumia Abu-Jamal und die Freiheit Tibets auch hier wieder ein großes Maß an Experimentierfreude die knallige Produktion regiert. Hochachtung für soviel Feuer im Blut! (stb)

FELIX DRAESEKE
1.Sinfonie
Naxos
Man muss nicht nur im Ausland suchen, um in Sachen musikalischer Romantik fündig zu werden. Dem audiophilen Label MDG aus Detmold ist zu danken, dass der Musikfreund mit der 1. Sinfonie und dem Klavierkonzert von Felix Draeseke Bekanntschaft schließen kann. Die kraftvolle und virtuose Musik lässt aufhorchen und belegt wieder einmal, wie lebendig das kompositorische Leben abseits der großen Stars  war. Pianist Tanski, das Wuppertaler Symphonie-Orchester und der amerikanische Dirigent George Hanson betätigen sich  vortrefflich als musikalische Schatzgräber, wobei die orchestrale Leistung lediglich beim Klavierkonzert steigerungsfähig scheint. Dafür ist der Pianist gut in Form. Gut in Form waren auch die Produzenten: Das Booklet ist mustergültig informativ und die Aufnahmetechnik tadellos. Ein guter Fund in deutschen Landen! (gum)

DIE WAHRHEIT
Nichts als die Wahrheit
Mutabor
Voil , die Kasseler Crossover-Truppe DIE WAHRHEIT präsentiert ihr Debüt-Album. Wer krachige Knaller vom Kaliber RATM und CHILI PEPPERS erwartet, wird nicht enttäuscht. Die Jungs haben aber noch mehr zu bieten. Ein kräftiger Schuss Retro-Sound erfreut die Herzen der Freunde des Spät-60er-Jahre-Rocks. So findet sich mit »Break On Through« eine gelungene DOORS-Coverversion, die laut Auskunft der Band von den alten Herren persönlich autorisiert wurde. Die Band läuft zu Höchstform auf, wenn sie gekonnt mit Laut-leise-Kontrasten arbeitet und durch den bewussten Einsatz von Klangeffekten raffinierte Spannungsbögen aufbaut.  Mit »Leben« gelang ihr eine mitreißende Hymne gegen die Anpassung, sehr stark ist auch das liebevolle »Du & ich« mit der Drehleier-Virtuosin Silke Reichmann. Nicht zu vergessen die HipHop-Version von »Die Gedanken sind frei«! Also: Der Wahrheit eine Gasse... (lj)

RODGAU MONOTONES
Adrenalin
ULTRAX/eastwest
Sie sind wieder da nach über 5 Jahren Pause. Und sie haben noch immer Adrenalin im Blut. Lange vor Rödelheim war Rodgau der Nabel des Deutschrock, mit coolen Texten aus Hessen, immer mit einem Schuss Ironie und Witz. Der Weggang von Henny Nachtsheim zu BADESALZ vor 9 Jahren war natürlich schwer zu verkraften. Mittlerweile hat sich die stimmgewaltige Sängerin Kerstin Pfau aberr glänzend eingelebt. Als echte Rodgauerin singt sie im Duett mit Peter »Osti« Osterwold, als wär das schon immer so gewesen. Bereits der Opener »Halldemaldeballflach« rockt und groovet wie in alten Zeiten! Mit ihrer Stimme begeistert sie besonders bei der ersten Singleauskopplung »Vielen Dank für gar nix«, das Lied hat Hit-Qualitäten. Die gesamte CD steht für Party-Stimmung pur. Volle Lotte los, sofort kaufen und abfeiern! Die RODGAUS spielen am 15.1. im Chinapark Schwalmstadt. (mm)

GROOVE ARMADA
Vertigo
Jive
Trip Hop, HipHop, House, Disco, Funk, Jazz in einer ungeahnten Kombination breiten sich vor dir aus, bekannte Fragmente werden zu einem großen Ganzen geformt. Angenehm groovt die Platte durch die Lautsprecher in dein Ohr. Schlägt dich in ihren Bann, bezaubert dich, lässt dich mitwippen. Ein ungeheuerliches Wohlfühlgefühl macht sich in deinem Körper breit. Plötzlich merkst du, dass es geht dir gut geht! Schuld an deinem Zustand ist die GROOVE ARMADA und ihr zweites Album "Vertigo", das in seiner liebevollen Detailierung an AIR erinnert. Soviel gute Musik muss belohnt werden, der Ritterschlag für die englische Elektro-Combo folgte prompt. Fatboy Slim himself remixte die neuste Singelauskopplung »I see you baby«, die jetzt auf den Markt gekommen ist. Innovativ, groovig, wunderschön. (nn)

RÜDIGER GLEISBERG
elysium
bsc
Wer sich etwa an "The Lamp Lies Down On Broadway" von GENESIS erinnert weiß wie verwirrend das Seelenleben sein kann, wenn zig Türen Rael das beruhigende Ziel verheißen. Gleisberg klinkt sich ebenfalls ins Seelenleben ein, zeichnet Landschaften gleich innerer Zustände auf. Kaum Anklänge an esoterische Phantastereien machen sich breit,  sondern viel mehr Reflexionen gleich innerer Spiegel bilden sich ab. Alle Facetten unseres Innenlebens können in Töne gewandelt wahrgenommen werden, bieten Raum für eigene Projektionen. Dem Hörer bleibt es indes unbenommen ob er sich, dem Titel  nacheifernd, an die Griechische Sagenwelt erinnert fühlt oder eigenen Entwürfen folgt. Die starke Emotionalität mit der "elysium" daher kommt knüpft an dieser Jahreszeit an, ob gewollt oder nicht, und lädt ein sich von dem Sound tragen zu lassen. (om)

DIVERSE
Lullabay
ellipsis arts
In unseren Breiten sind sie fast ausgestorben, trugen ehemals Titel wie "Schlaf mein Prinzchen" oder  "Die Blümlein, sie schlafen". Gemeint sind die Lieder von denen am ehesten unsere Großeltern noch voller Leidenschaft gepaart mit einem Schuß Scham zu berichten wissen: die Schlafliedchen. In Afrika tragen diese Lullabys Namen wie "Omo"(Mein Kind) oder "Webake"(schlaf kleines Wesen) und strotzen allesamt vor Schönheit. Die Erinnerungen an Aussagen in denen Afrika als die Wiege der Menschheit gesehen wird bekommen ein neues Gewicht, da die Intensität dieser Lieder ungebrochen ist. Songs wie der von SADIO KOUYATE, "Diriyo Nakana",  zeigen nicht nur zurück zu den  Anfängen, sondern lassen für einen kleinen Augenblick alles umher in den Hintergrund treten. Die Aufmachung der CD betont ihrerseits deren Wert: Klappcover und Schuber. (om)

ANDREAS VOLLENWEIDER
Cosmopoly
SONY/Columbia
Wie Phoenix aus der Asche so taucht in diesen Wochen ein Mann wieder aus der Versenkung auf der den meisten unter uns aus den 80ern bekannt ist: ANDREAS VOLLENWEIDER.  Gegenüber den ersten Alben - "Behind The Garden ..." oder "White Wind" - geht "Cosmopoly" tatsächlich neue Wege. VOLLENWEIDER selbst redet von einer Ansammlung von Kurzgeschichten. Während Storys wie "Stella" dabei noch den typischen Sound bieten nimmt sich  VOLLENWEIDER in den anderen Titeln ungewöhnlich weit zurück. Zum ersten Mal bekommt man wirklich mit wie stark er sich in andere Kulturen einfinden kann. Die Spannweite reicht dabei von der Irischen Saga über  Afrikanische Epen bis hin zur Armenischen Trauer in Form von "Hush, My Heart, Be Still...". All das klingt wirklich kosmopolitisch und bietet Gästen aus aller Welt, etwa BOBBY MCFERRIN, viel Raum. (om)

ULLI BÖGERSHAUSEN
Sologuitar
LAIKA
In Bielefeld zählte er einst zu den Lokalmatadoren dessen Konzerte in Szenekreisen Pflicht waren. Zwar wohnt ULLI BÖGERSHAUSEN immer noch in Bielefeld, ist aber musikalisch weit über die Stadtgrenzen hinaus gewachsen. Sein neues Album "Sologuitar" stellt nun eine Art Rückschau dar, ohne das sie als "Best of..." verstanden werden darf. Überwiegend sind hier Titel versammelt die es bisher nur in Form der guten alten LP zu kaufen gab, gepaart mit vergriffenen und neuen Titeln. Alles neu eingespielt scheint BÖGERSHAUSEN direkt im Raum zu sitzen.  Hinzu kommt das seine Titel nicht nur künstlicher Angelpunkt sonder Aussage sind; höre "Es wäre schön gewesen". ULIS spiel erinnert zwar an YES oder DE GRAS, behält aber immer eine eigene Note. Im Terminkalender findet Ihr Tourtipps sowie Infos zum WELTKLANG-Radio-Termin am 20.12. (om)

METALLICA
S&M
Mercury
Wenn zwei Urgewalten zusammenknallen bleibt entweder nur Schutt und Asche oder es entsteht aus beiden Mächten eine gemeinsame Neue. Die Rede ist nicht von Planeten die aufeinander prallen, sondern von zwei Musikgrößen, wie sie unterschiedlicher, paradoxerweise aber auch ähnlicher nicht sein könnten. Metallica, die wohl größte Heavy Metal Band unserer Zeit, spielt ihre größten Hits gemeinsam mit dem San Francisco Symphony Orchester ein! Unter der Leitung keines Geringeren als Michael Kamen kommen dort die roheste Gewalt des Rock mit majestätischen Klängen zusammen. Erstaunlich gut, von den (wenigen) Momenten abgesehen, wo die Klassiker von den Rockern soundtechnisch völlig überrumpelt werden, ergänzen sich das 108-köpfige Orchester mit den Herren um James Hetfield. Metallica unterstreichen auf diesen 2 Stunden und 20 Minuten dauernde Doppelalbum beeindruckend ihren Status und führen uns neben zwei neuen Songs durch unzählige Hits von »Ride The Lightning«-Zeiten bis Heute. (hs)

LIVE
The Distance To Here
Polydor
Live sind eine waschechte Rockband, soviel nur vorab. Nachdem viele Bands im Rockbereich in den Neunzigern ihre Fusion mit Electronic gesehen haben, sind die vier aus York, Pennsylvania ihrer Linie strickt treu geblieben, was aber keinesfalls heißt sie wären in ihrem Schaffensprozess stehengeblieben. Im Gegenteil: Live verkörpern zum Ende des Jahrtausends regelrecht modernen, energiegeladenen, melodischen Rock der amerikanischen Art. In ihrer mittlerweile 15jährigen Bandgeschichte stellt ihr vorliegendes viertes Album eine der herausragenden Veröffentlichungen des vergangen Jahres dar. Neben der Single »The Dolphins Cry« gesellen sich mindestens drei weitere Singleanwärter, die höchste Notierungen anstreben könnten, zumindest in den USA, wo das Album bereits in den Top Ten verweilt. Jeder der in der nächsten Zeit einen Plattenladen aufsucht, sollte in das fantastische »They Stood Up For Love« reinhören. (hs)

DIVERSE
Pop 2000 - Die Compilation
EMI/Grönland
Mit seiner Fernseh-Doku versucht der WDR mehr oder weniger recht, die Stimmungen und die Geschichte von 50 Jahre Popmusik und Jugendkultur in Deutschland einzufangen. Auf einer weiteren Compilation zu diesem Thema covern Einzelkünstler und Bands 18 Titel: Während manche Versionen unfreiwilligen Charme entwickeln (Peter Maffay entdeckt Grönemeyers "Alkohol"), manche einfach belanglos (Toten Hosen "Schiffe") sind, führt Xavier Naidoos mit seiner Interpretation von "Flugzeuge im Bauch" eindeutig die Negativ-Liste an. Doch die Demontierung der deutschen Musik - in erster Linie der 80er Jahre - wartet auch mit einigen positiven Überaschung auf. Mit seiner Version des NDW-Klassikers "Da Da Da" hat Grönemeyer selbst die beste Leistung dieses Samplers erbracht. Auch Nina Hagen, die dessen "Männer" in neue Gewänder hüllt, Smudo, der "Rudi" von Herbert Mitteregger eindrucksvoll präsentiert und der unsägliche Eisfeldt, der (AB) Nenas "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" im Reggae-Style, ins Mikro näselt, können den völligen Verzicht auf diese Scheibe verhindern. (nn)

MIKOLAJEWICZ
Sven die Gondeln Trauer tragen
Indigo
Nach seinem Austritt aus der Hamburger HipHopCombo FISHMOB, die drohte, gerade richtig erfolgreich zu werden, nimmt sich der Sven Mikolajewicz alias der Schreckliche Sven nun Zeit für andere musikalische Projekte. Vor der Fertigstellung eines Solo-Rap-Albums veröffentlichte er unter seinen richtigen Namen ein entspanntes Elektro-Album - bereits sein zweites - auf dem es vorwiegend TripHop zu hören gibt. Garniert wurde die Scheibe mit einigen Ausflügen in die Area der Housemusic. Einigen! Denn hier stehen eindeutig die chillig fetten Beats und die atmosphärischen Sounds im Mittelpunkt. Support bekommt der Hamburger u.a. vom Ortsnachbarn Mario von Hacht (5-Sterne de Luxe-Produzent), der seine Vorliebe für elektronische Klänge bereits bei seinem eigenem Projekt VISIT VENUS unter Beweis stellte. Sehr nett! (nn)