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ACKERBAU & VIEHZUCHT
Neue Ernte
5 mal Punkwave mit einprägsamen, melodiösen deutschen Texten.
Gut geeignet zum Mitgrölen bei schlechter Laune sowie zum Frust-Ablassen!
(vr)
AEROSMITH
Pandora's Toys
Sony
Ein Ableger der Pandora's Box ist der aktuelle Hitsampler der Luftschmiede.
Wer den Backkatalog von Steven und Co. noch nicht kennt, liegt hier genau
richtig!
ALAN PARSONS
Try Anything Once
Arista
Nach sechsjähriger Pause meldet sich Alan Parsons zurück - Kenner
bemerken sofort, daß der Zusatz "Project" diesmal fehlt. In der
Tat, der britische Sound-Bastler hat sich erstmals ohne seinen Partner
Eric Woolfson ans Werk gemacht. Weiterhin fällt beim Blick aufs Cover
sofort der Bezug auf alte PINK-FLOYD-Plattenhüllen auf - der Toningenieur
von »Dark Side Of The Moon« möchte also "back to the
roots". Kein Wunder, die 70er sind voll in Mode! Wenn man davon absieht,
daß man alles in ähnlicher Form schon von Floyd, Oldfield,
Genesis, Tull und natürlich Parsons kennt, ist das Werk das Beste,
was man seit »Pyramid« vom Meister gehört hat. Die gähnende
Langeweile der »Don't answer me«-Ära scheint endgültig
abgelegt. Dazu trägt vor allem ein Mann bei: Der 10cc-Sänger
Eric Stewart, der dem tiefgängig-behäbigen Parsons ab und zu
mit einer kräftigen Prise britischem Humor auf die Sprünge hilft.
Anspieltip: »Wine From The Water«. Empfehlung: Die Platte
unter Kopfhörer genießen - am meisten versteht Klang-Zauberer
Alan Parsons, der in diesem Jahr auch in Deutschland auf Tour geht, immer
noch vom Mischen! (lj)
ALANNAH MYLES
A-LAN-NAH
Atlantic
Nach dem Superhit »Black Velvet« ist es ziemlich still um
die aparte Hardrockerin geworden. Ihr zweites Album »Rockinghorse«
(1992), das mit »Song Instead Of A Kiss« eine der poetischsten
Rockballaden überhaupt enthielt, verschwand unverständlicherweise
in der Versenkung. Jetzt ist sie mit einem hervorragenden dritten Album
auf dem Markt, mit dem ihr nun hoffentlich die Annerkennung zuteil wird,
die ihr eigentlich gebührt. Denn ihre Stimme hat hohen Wiedererkennungswert,
ihre Songs sind perfekt, vielleicht zu glatt arrangiert. Aber es ist nicht
nur der Starter »Mistress Of Erzulie«, der hinreißend
in die Tanzbeine geht, sondern auch die Balladen und Bluesnummern, die
beweisen, wieviel kompositorische Substanz hinter den Oberflächenreizen
steckt und so die CD sogar als Alannahs bisher beste auszeichnet. (pw)
ALEXANDER HACKE
Filmarbeiten
RTD
Alexander Hacke, Gitarrist der Einstürzenden Neubauten, legt mit
den Filmarbeiten sein erstes Soloalbum vor, das Überblick über
sein Engagemant im Film gibt. Wie nicht anders zu erwarten ist Hackes
Musik sperrig, besteht aus ungewöhnlichen Collagen, die sich zu Musik
fügen. Gelingt es seinem Kollegen FM Einheit diese Collagen völlig
stimmig zu produzieren, so schleicht sich bei Hacke manchmal ein etwas
alberner Beigeschmack ein, den man wohlwollend auch als Selbstironie bezeichnen
kann. Trotzdem, wenn man sich darauf einläßt, ist Hackes Musik
nicht nur Filmmusik sondern auch für Musik für Filme im Kopf,
und diese sind abwechslungsreich und ungewöhnlich.
ALIEN SEX FIEND
Open Head Surgery
spv
Sie wären gern die schlechteste Band der Welt, nein: des Universums,
und inszenieren sich selbst stets gern in exzessiver Merkwürdigkeit.
Die Veteranen der "Gothic"-Music haben aber genug spirituelle Power und
elektronisches Know-How, um ihre überdrehte Mystik ein weiteres Album
lang zu halten! Dabei fehlt glücklicherweise der blutige Ernst von
Fields und Konsorten. Im Gegenteil - voll Selbstironie widmen sich die
Jungs eine eigenartige Hymne namens "Alien Sex Fiend". Fazit: Im bewährten
Stil geht's weiter, die Alien Sex Friends wird's freuen.Marilyn L.
ANNIHILATOR
King Of The Kill
Music for Nations/Rough Trade
Nach diversen Querelen hat ANNIHILATOR-Mastermind JEFF WATERS seine gesamte
Mannschaft gefeuert. Auf seinem vierten Longplayer hat er nicht nur bis
auf die Drums alles alleine eingespielt, sondern erstmals seit seligen
Demotagen wieder selbst gesungen. Und das macht er bravourös - Hut
ab! Die Songs stammten eh immer aus seiner Feder, und so enthält
auch »King Of The Kill« alle Elemente, die für Jeff gute
Musik ausmachen, in wohlausgewogener Mischung: Power (»Hell Is A
War«, »21«), Melodie (»Catch The Wind«!),
Aggressivität (»The Box«, »Fiasco«) und Gefühl
(»Only Be Lonely« - leider nur auf dem Japan-Import enthalten).
All diese Qualitäten vereint mein Favorit »Second To None«
auf's Gelungenste, gekrönt vom besten Solo des Albums. Gerade diese
Sahnekomposition zeigt überdeutlich, daß Mr. Waters, der live
keinen Blick auf das Griffbrett seines Paddels verschwendet, nicht nur
ein Spitzenmusiker ist, sondern auch ein begabter Schreiber und exzellenter
Arrangeur. Fazit: Durch besagte Mischung und Jeffs Anspruch, in einem
Song nie zweimal dieselbe Notenfolge zu spielen, sind und bleiben ANNIHILATOR
die einzige Band, die auch bei Nicht-Speedfreaks Begeisterungsstürme
auslösen kann. Jeff Waters sei Dank! (ms)
APHEX TWIN
Selected Ambient Works Vol. II
Rough Trade/WARP
»Treten Sie näher, meine Damen und Herren, nur keine Angst.
...Entspannen Sie sich und vergessen Sie am besten alles, was Sie bis
heute an Musik gehört haben. Denn dies ist die Welt des APHEX TWIN.
Hier gehen die Uhren anders,...«, so die Einleitung zum Presse-Info.
Eine bessere Formulierung fiel mir zu dem neuen Werk des Techno-Stars
APHEX TWIN alias Richard James auch nicht ein. »Selected Ambient
Works Vol. II« ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmeproduktion: es
gibt keine Titel, sondern nur Symbole, obwohl James' Heimat der Techno
ist, findet sich kein Beat in den Stücken. Kein Wort erreicht unsere
Ohren. Ein weiteres Merkmal betrifft den unglaublichen Umfang dieser Arbeit.
Fast drei Stunden können wir uns in der Welt von APHEX TWIN bewegen.
Während unseres Aufenthaltes in diesem Kosmos von Klängen und
Geräuschen werden unserer Fantasie Flügel verliehen. Richard
James erzeugt mit den teils selbstgebastelten Instrumenten Sounds, um
die ihn so mancher Science-Fiction-Autor beneiden würde. Obwohl es
ein Fluß zu sein scheint, der durch unseren Kopf fließt, so
kommt nicht eine Sekunde der Langeweile auf. Wer bisher geglaubt hat,
die Arbeiten eines Brian Eno seien nicht zu übertreffen, der sollte
unbedingt seinen Horizont mit dieser Doppel-CD oder dem 3-LP-Set erweitern.
Bitte das Rauchen einstellen (??), anschnallen und zurücklehnen.
(om)
ARLID ANDERSON
If You Look Far Enough
ECM
Arlid Anderson hat sich mit seinem naturalistischen Bass-Spiel in der
Jazzszene bereits einen festen Platz gesichert. Grund genug, eine Soloproduktion
in Angriff zu nehmen. Während der Konzeptionsphase jedoch traf Anderson
mit Ralph Towner, Audrun Kleive und Nana Vasconcelos zusammen. Aus diesen
Treffen entwickelte sich eine fruchtbare Zusammenarbeit, die schließlich
Eingang in Andersons CD fand. Die Musiker bieten ein reichhaltiges Programm,
daß von schwimmenden Soundgebilden bis zu vollständigen Songs
reicht. Vor allen Dingen die atmosphärischen Stücke haben ihren
Reiz, was nicht heißt, daß der Rest der CD reizlos wäre.
So ergeben sich zwischen den lyrischen Basstönen Andersons und den
Percussions Vasconcelos Freiräume, die der Gitarrist Ralph Towners
gekonnt melodisch auszufüllen versteht. Selten nur fällt die
Spannungskurve ab, gleitet die Musik ins Seichte. Die Musiker bieten zwar
nichts umwerfend neues, dafür schöne Musik, die dem aktuellen
Akustiktrend folgt. Das Ganze ist sehr audiophil produziert, einen solch
trockenen und lebendigen Kontrabassound hat man selten gehört.
ARUNA
Thousand Names Of The Divine Mother
Lichthaus Musik
Christian Bollmann ist aus der Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken.
In den vergangenen 10 Jahren hat er sich zu einem der profiliertesten
Obertonmusiker unserer Zeit entwickelt. Sowohl seine Arbeiten als "Leiter"
des Oberton-Chores Düsseldorf, als auch seine Projekte bzw. Solo-Produktionen
fanden internationale Anerkennung. Mit großem Erfolg hat er gerade
seine dritte Komposition »Con-Sequenzen« für den Oberton-Chor
uraufgeführt. Der Oberton-Chor Düsseldorf ist einer von zwei
solcher existierenden Ensembles und Bollmann studierter Musiker und Komponist,
ist wohl der erste Komponist, der in diesem Bereich konsequent arbeitet.
ARUNA ist die jüngste Veröffentlichung, an der Bollmann mitgewirkt
hat. Wie schon auf »Evolution« spielt er hier mit dem Obertonmusiker
MICHAEL REIMANN zusammen. Dritte im Bunde ist die indische Sängerin
ARUNA SAYEERAM. Seit einer Begegnung bei einem Konzert hat sich eine fruchtbare
Zusammenarbeit ergeben. Wie auch »Evolution« ist »Aruna«
in der Benedektinerabtei Meschede entstanden. Die einzigartike Akkustik
dort ist ein idealer Ort, das schillernde Spiel der Obertöne zur
Geltung zu bringen. ARUNA zeigt drei Musiker, die sich eines Vokabulars
der Stille bedienen, die scheinbar aus dem Nichts Harmonien erzeugen.
Da wird Ruhe verdichtet zu Tönen, die sich schwerelos ausbreiten,
wie mit einer selbstverständlichen Übereinkunft zwischen den
Musikern. Auch dem, der (wie ich) den esoterischen Hintergrund dieser
Musik nicht teilt, wird diese (wie andere Bollmann Produktionen) CD eine
beeindruckende Ruhe vermitteln und Ausflüge in ungeahnte Gefilde
ermöglichen. (ce)
AVALON
Free Your Mind
Butlers Records
Die in unserer Region recht bekannte Folkformation AVALON bringt mit »Free
Your Mind« nun ihre erste CD-Produktion auf den Markt. Mit Akustikgitarren,
spärlichen Percussions und vor allem dem mehrstimmigen Gesang gelingt
dem Quartett ein ungemein positives Album. Es erfrischt und gibt einem
neue Kraft. Hört man zwar in manchen Passagen Anleihen an PETER,
PAUL & MARY oder ein klein wenig SIMON & GARFUNKEL heraus, weist
die Platte gerade für eine Erstproduktion eine sehr hohe Professionalität
auf. Wer handgemachte, ehrlich Musik mag, dürfte an dieser Platte
seinen Gefallen haben, zudem der Titeltrack des Albums von seiner Aussage
und der Stimmung her auch 1969 hätte Woodstock eröffnen können
- »Free Your Mind«! (hs)
BADESALZ
Alles Gute Von Badesalz
Sony Music
Wer kennt sie nicht, die beiden hässischn Laberköpp von Flatsch
und den Rodgau Monotones (Gerd Knebel und Henni Nachtsheim)? Auf ihrem
neuen Album ist wirklich alles Gute drauf: 36 mal mundartlicher Schwachsinn,
immer am Abgrund der Dummheit. Zusätzlich zu den Sahnestückchen
von BADESALZ gibt's fünf neue Stücke, die der Öffentlichkeit
bisher noch nicht zugemutet wurden. Das zischt wie Abbelsaft! (sh)
BAP
Pik Sibbe
Electrola
Nach drei Jahren veröffentlichte Deutschlands Kölschband Nr.1
ihr elftes Album. Textlich äußert sich W.Niedecken diesmal
ziemlich pessimistisch und richtet sich mit "Widderlich" scharf und eindeutig
gegen unfähige Politiker. Musikalisch bleiben BAP ihrer Linie treu:
Rock und R&B prägen wieder ihr Album, das mit den Songs "Wofür"
und "Queen vun dä Ihrestrooss" aber auch Folk- bzw. Jazz-angehauchte
Stücke enthält. "Pik Sibbe" eignet sich gut zum Entspannen und
Frustablassen... (ome)
BAP
Wahnsinn - Die Hits von 79-95
EMI
Es ist mir wohl nicht vergönnt, mich mit dieser »Best of BAP«
anzufreunden, denn es ist eben nicht nur einfach Rockmusik. Alle Platten
von BAP transportieren eine Stimmung, auch wenn es mit den letzten Veröffentlichungen
in dieser Hinsicht nicht allzuweit her war. Die mir vorliegende Zusammenstellung
ist mir eine Nummer zu kühl, zu lückenhaft, zu chaotisch. Auch,
wenn diese CD über 70 Minuten Spielzeit bietet, wird sie dem Gesamtwerk
von BAP nicht gerecht, macht zu große Sprünge, läßt
zu viele alte Highlights vermissen. 16 Jahre BAP-History sollte schon
eine Doppel-CD wert sein. Na, es ist halt bald Weihnachten und da will
man eben noch das eine oder andere Milliönchen auf den Gabentisch
bekommen. (om)
BAREFOOT SERVANTS
Barefoot Servants
Sony
Mein Wunsch war es schon immer, in einen Musikclub zu kommen und dann
eine Liveband zu hören, die so klingt wie die Musik der CD, die sich
gerade im Laufwerk dreht. Laute Slidegitarren und eine Power-(Whiskey)-Röhre,
die zum abtanzen einlädt. Was die Amerikaner BAREFOOT SERVANTS auf
ihrer gleichnahmigen CD servieren ist einfach guter Blues Rock. Gleich
der Opener »Jealous Man« würde jeder Open Air Party am
Lagerfeuer einen Hauch aus den Südstaaten beigeben. Tonnenschwerer
Blues Rock und dann wieder diese einfühlsamen Balladen! Für
mich das absolute Highlight der CD ist das in einem Take aufgenommene
»Blackbird«, eine Ballade, die verträumt, aber auch richtig
aufbrausend in die Gehörgfänge geht! Ohne große Durchhänger
kann man diese CD jedem Musikfan aus dem Bereich Blues bis melodiöser
Hardrock ans Herz legen. Ideal für Feten!!! (hs)
BE-ZET
Blue lllusion
Eye-Q-Records
Steve Be-Zet, als Producer und Remixer aus Frankfurter Gefilden wohlbekannt,
hat hier "old school france" allererster Güteklasse produziert. Klangvolle,
voluminöse Flächen, die Dich wegschieben bzw. wegblasen, schließt
Du zu lange die Augen beim Hören.
BEASTIE BOYS
Ill communication
Capitol
Mit Hits wie »Fight For Your Right« und no »No Sleep
Till Brooklyn«, die auf dem Erfolgsalbum »Licensed To Ill«
1986 erschienen, sind die BEASTIE BOYS wahrscheinlich jedem hinreichend
als weiße Rap-Band bekannt. Obwohl die Band seit ihrem Erstling
mittlerweile zwei weitere Alben herausbrachte, konnte sie bislang keine
ähnlichen Erfolge erziellen. Ihr neues Werk knüpft nahtlos an
den Vorgänger »Check Your Head« an und läßt
eine positive Entwicklung erkennen. Die New Yorker haben einen harten,
zum Teil aggressiven Sound auf ihr Album gebracht, und arbeiten
mit einer Vielzahl von Instrumenten. Beim Anhören dieser sehr lebendigen
Musik spürt man regelrecht, welchen Spaß die BEASTIE BOYS bei
der Produktion von »Ill Communication« hatten. (ar)
BECK
One Foot In The Grave
semaphor/Klp
Mit »I'm A Loser Baby, So Why Don't You Kill Me« enterte er
unerwartet die Charts der Welt. Dem Debütalbum »Mellow Gold«
folgt nun eine Scheibe, die allen eventuellen Vorwürfen der Kommerzialisierung
entgegensteht. Da wird mit verstimmter Gitarre der Blues gezupft oder
mit minimalistischen Mitteln ein phantastisches »Sleeping Bag«
gesungen. Nichts scheint Beck Hansen heilig, und so hagelt es nur so musikalische
Zitate. Dieser kreative Hang zum Dilettantismus ist eine längst überfällige
Erfrischung für die vor sich hin lullende Rockwelt. (om)
BELPHEGOR
The Last Supper
INCANATION
Mortal Throne Of Nazarene
Nuclear Blast
Kaum, daß das Hardcoreding in der Metalszene unübersehbare
Spuren hinterläßt, bildet sich schon eine Gegenbewegung: extremer
satanistischer "No Fun" Death Metal. Zwei Exemplare dieser besonderen
Form der Ambient Music sind BELPHEGOR und INCANATION. BELPHEGOR kommen
aus Österreich. Ihr »Last Supper« fand seinen Weg aufs
Band im Bühner Stage One Studio. Tiefschwarze Brühe, mal schnell,
mal langsam gerührt, gelegentlich stockt die Soße mächtig,
um dann so richtig ins Rotieren zu geraten, was der Sänger (sonst
eher in gutturalen Grunzegefilden aktiv) meist mit frostigen Schreien
quittiert. Hat was und ist sowohl für Gelegenheitssatanisten als
auch für Fanatiker ein heißer Tip. INCANATION kommen aus New
Jersey, sie nahmen »Mortal Throne Of Nazarene« in den Exello
Studios in New York auf und wurden dabei von Garris Shipon verarztet,
der auch schon BRUTAL TRUTH und COC versorgte. Hier dominieren sengende
und zermalmende Gitarren, die sich auch immer wieder zu eigenartigen Melodien
versteigen, der Sänger bleibt seiner Dickdarmtonlage treu, und überhaupt
geht alles sehr schnell. Mächtiges Geratter, hart dran am Chaos und
wunderbar blasphemisch. (ce)
BIOHAZARD
Urban Discipline
Roadrunner
Schon mit ihrem Debut war klar, daß Biohazard die kommende Metalcore
Band ist. Mit Urban Discipline stellen sie dies noch einmal eindrucksvoll
unter Beweis. Die Songs von Biohazard führen einem plastisch vor
Augen was die vier Musiker bewegt, eindrucksvolle Songs uber den Verlust
von Freunden, über Rassismus, über den Ärger mit Plattenfirmen,
und natürlich über Brooklyn. Das ganze ist musikalisch wahnsinnig
mitreisend verpackt, so geniale Grooves und Mitgrohl-Refrains gibts sonst
nirgendwo. Geniales Teil!!!
BITTY MCLEAN
Just To Let You Know
Intercord
"... denn das ist alles nur geklaut". Frei nach den Prinzen die kurze
Inhaltsangabe eines ansonsten ordentlich produzierten Albums mit viel
Gefühl in der Stimme.
BJÖRK
Post
Polydor
Björk ist die Ausnahmemusikerin der 90er, postmodern bis zum Abwinken,
ihrer Zeit um Meilen voraus. Mit ihrer Mischung aus Techno, Dancefloor-Jazz
und fabrikgrauer Synthie-Avantgarde hat sie den Nerv heutigen Zeitgeistes
derart getroffen, daß selbst Pop-Größe MADONNA verzweifelt
ihre innovativen Sounds zu kopieren sucht. Dabei erfindet sich die kluge
Isländerin ständig neu, die Presse hetzt ihrem blumenreichen,
stupsnasigen, haarknotigen Erscheinungsbild rat- und erfolglos hinterher
mit Bezeichnungen wie "Troll", "Kindfrau", "Pumuckl des Pop", ohne jedoch
jemals ihr clever ersonnenes Image einzufangen. Ihre zweite Platte unterscheidet
sich von dem 1993 erschienenen »Debut« durch vielseitigere
Sounds und Songs, lebt aber wieder vom produktiven Kontrast zwischen sterilen
Synthie-Rhythmen und einer Stimme, die von Flüstern bis hin zu wildestem
Kreischen jede Nuance menschlicher Gefühle glaubwürdig zum Ausdruck
bringt. Björk: ein hilfloser Schrei nach menschlicher Wärme
in einer anonymen technisierten Welt. Ihre neue CD ist schon jetzt ein
Klassiker! (pw)
BLINK
Original Soundtrack
Milan/BMG
Der Soundtrack ist mir eine ganze Ecke zu lasch, so daß die einzigen
Lichtblicke die Songs der Indi-Band »The Drovers« sind. Leider
sind aber nur drei Stücke dieser Folk-Rock-Formation auf der Platte
zu finden, so daß ich eher den Longplayer dieser Band empfehlen
würde. Mag sein, daß die Musik, nachdem man den Film gesehen
hat, besser kommt, aber bis dahin.. (om)
BOB DYLAN
The Born Again Music
Flashback
Was wäre die Rockszene ohne den näselnden Großmeister
Bob Dylan. FLASHBACK veröffentlichte mit dieser Doppel-CD einen Mitschnitt
aus dem Jahr 1980, auf dem die starke Verbundenheit Dylans zum christlichen
Glauben belegt wird. So hält sich Dylan während dieser über
130 minütigen Konzertaufzeichnung auffallend stark zurück, was
schon zu Beginn eher den Eindruck eines gelungenen Gospelkonzerts mit
Dylan als Gaststar aufkommen läßt. Qualitativ auf jeden Fall
empfehlenswertes Material. (om)
BOBBY McFERRIN
Paper Music
Sony
Aufgepaßt! Hier können sich Jazz-Fans leicht verkaufen. Zwar
ist der vielseitige Sänger stets für ein Experiment gut, das
hat er originell auf der 1992er CD »Hush« zusammen mit dem
klassischen Cellisten Yo-Yo Ma nachgewiesen. Mit seiner neuen CD ist er
nun aber endgültig ins E-Musik-Fach hinübergewechselt. Seine
Stimme tritt auffällig zurück; dafür betätigt er sich
erstmals als Dirigent. Und so findet sich plötzlich auf der vermeintlichen
Jazz-CD Mozarts »Eine kleine Nachtmusik«; oder ein Menuett
von Boccherini mit Gesangseinlage frei nach McFerrin. Und die klingt dann
- gerade im letztgenannten Stück - noch so, als ob unsereiner die
»Königin der Nacht« in der Badewanne intoniert. Zugegeben:
Nach mehrmaligem Abspielen gewinnt der aufmerksame Hörer vielleicht
auch diesem merkwürdigen Grenzgang zwischen U- und E-Musik noch etwas
ab, mein Wunsch für '96 aber lautet: Bobby, komm zurück zum
Jazz! (pw)
BOLTTHROWER
...For Victory
Earache
Sie verstehen es immer noch am besten, Pathos und donnernde Dynamik zu
akustischen Szenarien epischer Schlachten zu kombinieren. Hammerscheibe!
*****
BRICOLEURS
Welcome To The World Of ...
Butlers Records
Ursprünglich sollte diese CD so gar nicht erscheinen, geplant war
nur, zwei Exemplare zu pressen, um einfach die Stücke zusammenzutragen,
welche das Frankfurter Duo Erbel und Schmidt Eggert in den letzten Jahren
produziert hatten. Auf massiven Widerstand der Fans erschien nun doch
eine komplette Auflage. Musikalisch bewegen sich Bricoleurs im Indiependent-Pop-Rock-Bereich,
von schräg bis liebevoll. Überwiegend ruhigere Stücke bestimmen
die CD, mit Verzicht auf sämtliche Drums oder Percussion gelingt
es Ihnen, in jeden Song Atmosphäre zu stecken. Besonders gelungen
ist Ihnen das bei dem Stück »Drowning«, (Pink Floyd meets
The Cure). Eine wahrhafte Indiepop-Perle! (hs)
BRIGHTSIDE
Face The Truth
Lost & Found
Eigentlich tue ich mich ja schwer bei der Besprechung von Hardcoreplatten.
Es liegt mir einfach nicht, was nicht heißt, daß ich Hardcore
nicht mag. Ich finde ihn sogar saumäßig geil. Er bezieht politisch
Position, hat Neues ins Brachialmusikgenre gebracht und ist vor allen
Dingen hervorragende Unterhaltung. Bei Hardcoreplatten muß man sehr
genau aufpassen, was man sagt und dementsprechend besteht die typische
Hardcoreplattenrezension (einer guten Platte) aus folgenden Floskeln:
Beim ersten Anhören wollte die Scheibe noch nicht so richtig zünden,
aber es hat dann nicht lange gedauert, bis das Teil mein Auto-Tape blockiert
hat. Saugeilen HC liefert die Band, mit Brett und Melodie, vor allem getragen
durch lebendiges Riffing und effektives, groovendes Drumming. Die Chemie
der Band stimmt. Fette, zehrende Riffs, Melodien und Abgehparts stehen
in geilem Verhältnis, ein paar Übergänge kommen noch nicht
ganz so locker daher. Nach dem mittelmäßigen Opener (geiler
Text aber) gibt's Brett, das in die Beine geht und Songs, die im Ohr bleiben
etc. etc.. Das alles trifft auch auf BRIGHTSIDE zu. Die Band kommt aus
der Warburger Umgebung und legt mit »Face The Truth« ihr Debüt
vor. Und es hat alles, was eine gute HC-Scheibe ausmacht. Wenn BRIGHTSIDE
das live bringen würde, was sie auf der Platte abfackeln, dürfte
es kein Halten mehr geben. Unter Beweis stellen werden sie das hoffentlich
auf ihrer anstehenden Eurotournee (so schnell geht das) mit den Detroiter
HC Recken PITBULL, die auch schon den RYKERS aus Kassel als Karrieresprungbrett
gedient haben. Wenn das so weitergeht (ich seh' COUNTERPOINT am Horizont,
BARTS REVENGE sind auch da), haben wir bald einige Prachtstücke der
HC-Szene vor der Haustür! Support Your Local Scene!! (ce)
BRIGHTSIDE
Punchline
Lost&Found
"Oops, Schnellschuß", hätte ich beinahe gesagt. Knapp anderthalb
Jahre ist es her, daß BRIGHTSIDE ihre Debüt-Mini-CD »Face
The Truth« veröffentlichten und gleich anschließend mit
Detroits Hardcore-Helden Pitbull auf Tour gingen. Binnen zwei Monaten
hatten sich BRIGHTSIDE als zweiter großer Hoffnungsträger der
Kassler Hardcoreszene etabliert, die gerade mit den Ryker's eine überragende
Band ausgespuckt hatte. »Face The Truth« war eine kleine feine
HC-Scheibe, gerade die richtige Mischung aus Brett, Groove und diesen
netten Melodien, die das Ganze so eingängig machten. Genau das aber
bringt »Punchline« nicht. Klar, hier geht's zur Sache. Old
School HC mit 90ies Frischzellenkur. Viel Message, viel Groove, geht ins
Blut und an den entsprechenden Stellen wird Mitgrölen leicht gemacht.
But, where's the melody? Wo ist diese augenzwinkernde Mitsummgeschichte
von »Face The Truth«? Immerhin 'ne gute Scheibe, aber vielleicht
sind BRIGHTSIDE den Ryker's doch ähnlicher als man denkt. Deren erste
komplette LP war auch nicht so genial wie sämtliche Singles und Mini-CDs
vorher und nachher. (ce)
BRUCE COCKBURN
Dart to the Heart
Sony Music
Auf innovativen Bahnen bewegt er sich nicht gerade, der sanfte kanadische
Riese mit der poetischen Ader. Auf seiner neuen Platte finden sich 12
markante Songs im Spannungsfeld von Folk, Chanson und Rock'n' Roll. Dennoch
ist es erstaunlich, wie abwechslungsreich diese Mischung präsentiert
werden kann. Grooved noch der Starter ganz im Stil der besseren DIRE STRAITS,
zeigt sich Cockburn schon ab dem zweiten Lied von der zahmen Seite:
Der Liebesballade "All The Ways I Want You" und dem noch gefühlvolleren
"Bone In My Ear" gebührt sicher ein Ehrenplatz in der Kuschelecke.
Dagegen erinnert "Southland Of The Heart" sowohl stimmlich als auch vom
Bläserarrangement her an Van Morrisons beste Zeiten. Mit zwei beachtenswerten
Instrumentals bewährt sich Cockburn darüber hinaus als Meister
des Fingerpickings vom Rang eines Stefan Grossman oder Leo Kottke. Die
Gitarrenarrangements der übrigen Lieder sind bis ins Detail ausgefeilt.
Auch die Texte sind poetische Sonderklasse. Die häufig aus der Natur
entlehnten Metaphern zeigen Cockburns Sensibilität für deren
Schönheit und Bedrohtheit zugleich, eine Sensibilität, die ihre
konsequente Verlängerung in seiner Mitarbeit bei den "Friends Of
The Earth" findet, einer Organisation, die sich für den Erhalt der
Ozonschicht einsetzt. Bei allem Lobenswerten wird man allerdings das dumme
Gefühl nicht los, daß dieses Album mindestens 15 bis 20 Jahre
zu spät kommt. Trotzdem: Eine gute Platte kommt zu jeder Zeit
recht. (pw)
BRUCE SPRINGSTEEN
The Ghost Of Tom Joad
Sony
Heimlich still und leise (wie auch das Album), bringt unser aller Bruce,
ohne riesigen Werbefeldzug, sein neuestes Album auf den Markt. Springsteen
schlägt wieder einmal einen Brückenschlag - nicht die rockigen
E-Gitarren haben Oberhand, sie finden sich überhaupt nicht wieder.
Begleitet mit Akustikgitarre zeigt uns der American Hero sein persönlichstes
Werk. Still, leise, nachdenklich, sehr einfühlsam. Beim Titelstück
lies sich Bruce von John Steinbecks Novelle "Früchte des Zorns" beeinflußen.
Durchgängig kann man dieser Platte zuhören, entspannen und dahin
träumen! (hs)
BRUTAL TRUTH
Perpetual Conversion
RTD
Mit ihrer Debüt Lp "Extreme Conditions Demand Extreme Responses"
handelten sich Brutal Truth völlig zurecht den Ruf ein, eine der
extremsten Noisecore Bands zu sein. Die vorliegende EP darf als Nachschlag
betrachtet werden, und enthält einige Schmankerln. Zunächst
das Titelstück "Perpetual Conversion", ein wohlfeiles Stück
NY Deathcore. Selbiges liegt auch in einer Techno Rave Version vor (ich
weiß, macht jetzt jeder, vor allem Dingen auf Earache), doch diese
Version ist die einzige die mir
wirklich gefällt, eine genial brutale Techno Death Fusion. Das dann
folgende "Walking Corpse" kennt man schon vom Debütalbum, mit abstand
der schnellste Song den es gibt. Oberschmankerl ist allerdings die
Coverversion des Black Sabbath Songs " Lord of this world". Das Teil erhält
wirklich eine ganz eigene Note, die Riffs dröhnen in den untersten
Frequenzbereichen, ziehen einen regelrecht unter die Erde, nen üblen
Blastbeat in der Mitte und Mr Lommi verliert den Glauben an die Menschheit,
böse, böse. Den Abschluß bildet "Bedshet" (mixed by the
Cannabis activated hands of Danny Lilker), eine abgefahrene Mischung aus
immer wiederkehrenden Housegrooves und komischen Expiditionen in psychedelische
Gebiete (klingt wie ein Trip durch die Klospülung einer Hip Hop Disco).
Fünf Facetten einer Band die vorschnell Platz in einer Schublade
gefunden hat, bedenkenlos zugreifen. 7-93
BUFFALO TOM
Big Red Letter Day
SPV/Beggars Banquet
Elf große rote Briefe schicken uns Buffalo Tom auf ihrem neuen Album.
Manchen Liedern hört man an, daß sie mit Blut geschrieben sind.
Blut, Tränen und Kirschlikör mischen sie zu bitter-süßen
Klängen. Instrumentiert mit Gitarre, Baß, Schlagzeug, Chor
und Orgel rühren Buffalo Tom an deinen verschütteten Gefühlen
herum und ermöglichen einen tiefen Blick in die Seele. Du mußt
nur zuhören. Vorbei am Mainstream von SOUL ASYLUM, die Exzentrik
von Dinosaur Jr. belächelnd spielen sie eine ruhigere Struktur, der
Horizont aber ist weiter. So weit wie das Nirgendwo, wohin die Kleine
mit dem großen Kopf auf der Hülle blickt. Empfindsam, lieb,
dann wieder explosiv. Bill Janovitz kann außerdem im Gegensatz zu
den vielen Bands mit Gröhl- und Gurgelgeräuschen richtig singen.
Was für's Herz! Hübsche Hülle auch. Auch vier Monate nach
der Veröffentlichung. (tb)
BUFFALO TOM
Let Me Come Over
spv
Nach MTV-Euphorie und supersofter "Akustik - Sitzung" bei John Peel erscheint
das dritte Album des Trios BUFFALO TOM mit dreizehn Stücken und 50
Minuten Spielzeit. Das erste Album wurde noch von Ober-Dinosaurier J.
Maslis produziert und auf diesem Vinyl klangen sie wie Epigonen erster
Wahl. Im zweiten Lied auf der ersten Seite der dritten LP fühlte
sich der Sänger wie ein Dinosaurier, singt er - wie weit sich das
sensorisch und psychisch bewerkstelligen läßt, steht im Zweifel,
zumal es auch Verwechslungen mit dem Sitz des Gehirns geben könnte...
Die Gruppe hat durch den Indiefleischwolf ihr amerikanisches Gitarrenfleisch
verloren, schafft jetzt durch expressive Melancholie höchstens noch
Blumenkohl al dente. Einige fiepelige Overdubs tönen ganz nett, trotzdem
fällt die Mischung mager aus. Zwei Känguruhs. Matti "steady
nöhling" Bachmann
CANDLEBOX
Candlebox
Warner
Obwohl bereits 1993 erschienen und 1994 mit der Hitsingle »Far Behind«
vor allem in den USA durchgestartet, kennt doch immer noch nur der größere
Insiderkreis die aus Seattle stammende Band CANDLEBOX. Keine Angst: Nicht
alles, was aus der neuen Musikmetropole Seattle stammt, spielt Grunge.
Candlebox kick ass wäre die einfachste Umschreibung ihrer Musik.
Ehrlicher Rock, der gleichermaßen in Beine und Bauch geht. Fast
berauschend, wenn sich ihre Balladen in unendliche Rocksongs steigern.
Beispiele gibt's genug, da wäre »You«, die Smash Single
»Far Behind« oder das blues-durchdrängte »Rain«,
bei dem man sich anfangs zurücklehnen möchte, doch dann aus
dem Sessel gerissen wird, um seinen plötzlichen Tanzanfall zu stillen.
Neben diesen Songs sind weiterhin grundsolide Rockstücke zu finden,
bestes Beispiel der Opener »Don't You«. Bei dieser Songauswahl
auf dem Album ist es kein Wunder, daß sich CANDLEBOX schon über
50 Wochen in den Billboard-Charts tummeln und mittlerweile zurecht auch
mit Platin belohnt wurden. Man wird sicherlich noch mehr von ihnen hören.
(hs)
CARCASS
Heartwork
Rough Trade
Traurig, nur noch Monster-Metallica Sound, vorbei die Zeiten von "Genital
Grinder" und anderem phatologischen Gemetzels, leider irgendwie edel.
Dillon
CHERALEE DILLON
Pull
Glitterhouse
Qualitätsmäßig gefährlich in TORI AMOS-Nähe,
kommt Cheralee ohne Piano aus und singt auch viel wütender ihre eigenen
Melodien, die mit der Musik nur scheinbar nichts zu tun haben. Ein Wechselbad
der Gefühle von traumhaft bis traumatisch.
CHRIS CACAVAS AND
JUNKYARD LOVE
New Improved Pain
Normal
Für die Ewigkeit eingebrannt hat sich Cacavas schon 1983, als er
und seine Mitsteiter Chuck Prophet, Dan Stuart u.a. unter dem Bandnamen
GREEEN ON RED die völlig abgedrehte Psycho-Folk-Rock-Scheibe »Gravity
Talks« auf den Markt brachten. Während GREEN ON RED immer stärker
in seichtere Gewässer abdrifteten, blieben die Solo-Trips von Chris
der Gemeinde um GRAVITY TALKS treu. Ein bißchen Nils Lofgren, etwas
Crazy Horse, so wie die Wildheit und Intensität von Chris Cacabas
& Junkyard Love lassen auf »New Improved Pain« ein kleines
Feuerwerk der Gefühle explodieren. Ein kleiner Tip am Rande: Live
is das alles noch viel verrückter. (om)
CHRIS DE BURGH
Beautiful Dreams
A&M Records
Chris goes Classic. Mit 4 neuen und 9 alten Hits bewegt er sich hart an
der Grenze zur Schnulze, und rutscht auch nicht selten ab in jene schmalzigen
Regionen, in denen die geneigte Zuhörerin dann unweigerlich zum Taschentuch
greifen muß, um sich die viel beschworene Träne der Rührung
zu verdrücken. Auch wenn Chris selbst sich damit einen langgehegten
Wunsch erfüllt hat, so kann doch der abgebrühteste Fan spätestens
nach dem 5. Song nicht länger umhin, eine der alten Platten auszupacken,
um endlich mal wieder mit einer seiner hinreißenden Rocknummern
gegen diesen Rührungs-Dauer-Streß anzustinken. Es mag ja anerkennenswert
sein, daß Chris die Platte in nur 10 Tagen sozusagen "live" mit
dem Londoner Session Orchestra eingespielt hat: ich hätte diese Platte
lieber auf 10 andere verteilt gesehen. Tut mir leid, Chris, gut gemeint
ist manchmal eben das Gegenteil von gut. (pw)
CHRIS DE BURGH:
This Way Up
A&M Records
Mittlerweile ist es amtlich: Der irische Rocksänger Chris de Burgh
ließ sich für seinen Hit »Blonde Hair, Blue Jeans«
von seinem Kindermädchen Merrissa inspirieren, die ihn im Februar
über den beinahe tödlichen Reitunfall seiner Frau hinwegtröstete.
Daß dies nachts und hautnah zuging und er sich in alter Macho-Manier
vornahm, sie am nächsten Morgen um mehr betteln zu lassen, läßt
sich schwarz auf weiß im Beiheft seiner neuen CD nachlesen, wird
aber vermutlich den Genesungsprozeß seiner Frau kaum beschleunigt
haben. Inzwischen hat er über die Presse ("Sun") dieser Beziehung
abgeschworen und seine »Lady In Red« bußfertig um Verzeihung
gebeten. Der Qualität des Songs sowie der ganzen CD hat dieser Seitensprung
zumindest nicht geschadet. Auch wenn das Cover recht altväterlich
geraten und seine Stimme schon immer Geschmackssache gewesen ist, die
drei Balladen - besonders »Here Is Your Paradise« - sind so
gefühl- und gehaltvoll, wie man es nur von irischen Balladen kennt.
Chris de Burgh beschreibt in seinen Songs ungebrochene Gefühle wie
zärtliche Liebe, freundschaftliche Treue und Wut über sensationsgeile
Nachrichten. Alles paßt bei ihm zusammen: redet er in »Oh
My Brave Hearts« kämpferischem Patriotismus das Wort, spricht
er in »Up Here In Heaven« als gewissenhafter Kriegsgegner.
Ebenso abwechslungsreich wie seine Emotionen und Überzeugungen sind
aber - abgesehen vom durchgängig klotzig-brachialen Schlagzeug -
auch die Arrangements seiner allesamt hörenswerten Songs. Also: Alles
klar auf dem "Weg nach oben" für den sympathischen Ehebrecher! (pw)
Bollmann
CHRISTIAN BOLLMANN
Drehmomente
zweitausendeins/Network
CHRISTIAN BOLLMANN ist neben Michael Vetter der wohl renommierteste deutsche
Obertonmusiker. Seit 20 Jahren beschäftigt er sich mit der faszinierenden
Welt der Obertöne. Bekannt geworden ist Bollmann vor allen Dingen
mit dem Obertonchorprojekt Düsseldorf, mit dem er zwei CDs veröffentlichte.
Obertonmusik ist etwas, das die wenigsten kennen dürften. Diese Musik
konzentriert sich darauf, mit Hilfe der in jedem Ton enthaltenen Obertöne
Melodien zu erzeugen - ein Obertonsänger ist in der Lage, mit mehren
Stimmen gleichzeitig zu singen. Man kann das schlecht beschreiben, man
muß diese Musik einfach gehört haben, um den Zauber zu begreifen.
Obertongesang erinnert an gregorianische Choräle, ist aber wesentlich
facettenreicher. Mit »Drehmomente« liegt nun die erste Soloproduktion
von Bollman vor. Nur mit Hilfe seiner Stimme und einigen archaischen Instrumenten
gelingt es ihm, einen unvergleichlich dichten Klangteppich zu flechten.Es
ist einfach faszinierend, was man mit der menschlichen Stimme machen kann.
Zeitweise hat man den Eindruck, ein ganzes Orchester würde spiel
en. Aber Drehmomente faszieniert nicht nur durch das riesige und ungewöhnliche
Klangspektrum, sondern vor allem durch Bollmanns wunderschöne Kompositionen.
Reinhören lohnt sich wirklich für jeden. Fedor: bitte in 3-93
abdrucken (ce)
CHRISTIAN BOLLMANN
Echoes Of Ladakh
audio/Bauer Musikverlag
Mit seiner letzten Platte »Evolution« hatte CHRISTIAN BOLLMANN
den endgültigen Beweis angetreten, das "Medidationsmusik" ( so könnte
man Bollmanns Musik bezeichnen) nicht leeres Geleier für Fluchtbedürftige
sein muß, sondern eine musikalisch und vor allem emotional gehaltvolle
Alternative zum allgemeinen Musiktreiben sein kann. "Musik zur Ruhe" eben
in der Lage einen eigenen Raum, eine eigene Stimmung zu erzeugen, der
Gelegenheit bietet, zur Ruhe zu kommen, ohne eingelullt zu werden (von
den "psychonautischen" Aspekten ganz zu schweigen). Groß also die
Erwartung an »Echoes of Ladakh« und leider bin ich ein wenig
enttäuscht, denn diese CD erreicht icht die immense Dichte, die »Evolution«
hatte oder auch seine Produktionen mit dem Oberton-Chor Düsseldorf
hatten. Der Opener »Prayer« vermag zwar mühelos alles,
was heutzutage unter dem Namen "Ambient" läuft in den Schatten zu
stellen, der Rest allerdings nicht. Etwas substanzlos fließt die
Musik dahin, freilich nicht ohne schöne Momente, oder ohne dann und
wann den Blick freizugeben in eine Tiefe, die zum Fallenlassen einlädt.
»Echoes« wirkt nicht so hochaufgeladen mit Ruhe, als das diese
überspringt, aufgeladen ist sie sicherlich mit Erinnerungen BOLLMANNS,
stellt »Echoes« doch eine Remenizens an seine Hochzeitsreise
in den Tibet dar (dort entstanden auch die Aufnahmen), dem Hörer
jedoch bleibt diese Ebene (naturgemäß) weitgehend verschlossen.
Wer BOLLMANN kennt, sollte ein Ohr riskieren, doch empfehle ich eher den
Griff zu »Evolution« oder »Rise My Soul«, obendrein
erscheint bald BOLLMANNS nächste CD »Aruna« und was da
kommt, klingt wirklich vielversprechend. (ce)
CHRISTIAN BOLLMANN
& MICHAEL REIMANN
Evolution
Zweitausendeins/Network
Die beiden Koryphäen der Obertonmusik haben mit »Evolution«
ihre erste gemeinsame Aufnahme vorgelegt. Um einen möglichst komplexen
Klang zu erzielen, fanden die Aufnahmen, für Bollmann altbekannt,
im Turm der Benediktiner Abtei Meschede, der einen natürlichen Nachhall
von 12 Sekunden aufweist, ihren idealen Standort. Enstanden bei dieser
denkbar interessanten Produktion ist ein scharfer Kontrast zur disharmonischen
Kultur der Musik unserer Gegenwart. Bollmann und Reimann verstehen es
wie von selbst, das klangliche Potential des Turmes auszuloten, der Hall
wird zum unsichtbaren Dritten. Zu hypnotischem Gesang finden exotische
Harmonien ststt, ein Digeridoo wetteifert mit der Faszination sprudelnder
Quellen. Esoterik projeziert sich in den Perlen des klaren Wasser, »Evolution«
von Entspannung und Meditation. Die Suche nach innerer Ruhe wird zu einer
Reise durch tiefe Täler unkontrollierter Konzentration. Verselbstständigung
des gemachen Geistes, unvorstellbare Macht einer befriedigten, durch und
durch satten, perfekten Komposition von Schwindel. Die Kraft der Ruhe
fordert ein andächtiges Schweigen. Ein Fest der Sinne zum Training
der Wahrnehmung. Das Persönliche der Kunst für entspannten Seelenfrieden
und geschluckte Obertöne für abgespacte Psychonauten.(tb)
CHRISTIAN BOLLMANN
& MICHAEL REIMANN
Evolution
Zweitausendeins/Network
Die beiden Koryphäen der Obertonmusik haben mit »Evolution«
ihre erste gemeinsame Musikaufnahme vorgelegt. Aufnahmeort war wieder
der Turm der Benedektiner Abtei Meschede, der 12 Sekunden natürlichen
Nachhall aufweist. Neben dem Obertongesang finden hier verschiedene archaische
Instrumente Verwendung (u.a. ein Digeridoo der Aborigienes). Ein scharfer
Kontrast zum Alltag, ein scharfer Kontrast zur Musikkultur unserer Tage.
Musik zur Ruhe, unwirkliche Harmonien, die man von Menschen unserer Zeit
nicht erwartet. Bollmann und Reimann produzieren abseits vom allem esoterischen
Kitsch meditative Klänge, die ein tieferes Verständnis von Musik
verraten und an verloren geglaubte Gefühle appelieren. »Evolution«
fesselt und entspannt zugleich. Die Musiker verstehen es, das klangliche
Potential des Turmes auszuloten, der Hall wird zum unsichtbaren Dritten
im Spiel: Klänge perlen ab, steigen auf, lassen den Hörer glauben,
selbst der riesige Resonazraum zu sein. Wunderschöne Melodien entstehen
aus dem Zusammenspiel zwischen Musik und Raum. Eine faszienierende Platte,
für wahre Psychonauten! (ce)
COWBOY JUNKIES
200 More Miles
BMG
Kalte Monate, ruhige Musik. Zum zehnjährigen Bestehen der Junkies
fanden die Amerikaner um Sängerin Margo Timmins, es sei Zeit, ein
Livealbum zu veröffentlichen. Die Zweitzeile des Albumtitels verrät,
was Programm ist: »Live Performances 1985 - 1994«. Aufnahmen
von den ersten Clubgigs bis zu den großen Hallen (die Cowboy Junkies
sind in den USA um Längen berühmter als bei uns) beschert die
Doppel-CD. Wer auf feinen, ruhigen Rock und dezenten Blues, auf Cranberries
oder Sinead O' Conner steht, dürfte getrost die Cowboy Junkies für
sich entdecken. Steht Margo Timmins stimmlich, Dolores oder Sinead in
Sachen Feingefühl und Zerbrechlichkeit in nichts nach. Beide CD's
jedoch am Stück durchzuhören wirkt auf die Dauer etwas langatmig,
trotz Covers von Lou Reed, Hank Williams oder John Lee Hooker. (hs)
CREME 21
Creme 21
Sony
Das Quartett aus Oberursel gießt subtile Bosheiten und skurrile
Beobachtungen in raffiniert gefertigte Ohrwürmer. Dabei wird schamlos
geklaut, wenn das hilft, die jmeist ironisch überspitzte "message"
herüberzubringen. Egal, ob bei John Lennon oder den Prinzen, bei
der Neuen Deutschen Welle oder den inzwischen schon legendären Nirvana!
Teen Spirit la CREME 21 ist die fettig-heiße Anti-Vegetarier-Hymne
»Tiere«; Kostprobe: "Sojaburger machen nicht satt. Ich eß
nur, was ein Gesicht hat." Der schräge Humor ist fast schon
britisch und erinnert manchmal an die legendären 10 cc. Egal,
ob sie sich der "Liebe in den 90ern" zuwenden, ob der Sänger ein
schmachtendes Liebeslied auf sich selber singt oder ob es um die
»Traumfrau« geht: diese Creme hat ihre ganz eigene Würze.
Kostprobe: 17.10. Spot! (lj)
CROSBY, STILLS AND
NASH
After The Storm
Atlantic
Da sind sie wieder, pünktlich zum 25jährigen Jubiläum von
Woodstock, und trotz des süßlichen Mehrstimm-Gesangs so rockig
wie noch nie. Nicht nur die 4 Stills-Kompositionen erfrischen mit erdiger
Rhythmik, auch Crosby bringt 2 markige Rocksongs la »Long
Time Gone« bei. Nash sorgt für die harmonisierenden Balladen,
die aber meist durch Stills wühlende E-Gitarre klug am Kitsch vorbeiklingen.
Insgesamt ist ein reifes und sehr abwechslungsreiches Album entstanden,
das nicht mehr nach den frischen 68ern klingt, nicht mehr klingen will.
Es ist in jeder Beziehung ein Album "nach dem Sturm". Da sind selbst 180
-ige Kehrtwendungen möglich: Nicht mehr Freie Liebe (»Love
The One You're With«) ist das Motto von Stills, sondern Treueschwüre
wie »Only Waiting For You«. Wie sich die Zeiten doch ändern,
wenn man älter wird... Trotzdem: Beachtlich, was die Väter des
kalifornischen Rock noch alles zu bieten haben! (pw)
CROWDED HOUSE
I Take The Weather With Me
Flashback
Daß Crowded House aus Australien nicht umsonst zu den besten Bands
auf diesem Erdball zählen, belegt diese Liveaufzeichnung des FLASHBACK-Labels.
Auf über 67 Minuten wird hier ein toller Auftritt im Tinley Park
in Chicago dokumentiert, der im September '91 dort stattfand. Erste Sahne!
(om)
CYPRESS HILL
III - Temples Of Boom
Ruffhouse/Columbia
Der Joint als Allheilmittel für eine kranke Gesellschaft? Auch beim
neuen Album der beiden Hispano-Amerikaner von CYPRESS HILL dreht sich
wieder alles um die Kraft des Grases. Von vielen schon als das beste Hip-Hop
Album des Jahres '95 gelobt, kommt »III - Temples Of Boom«
aber nicht an die Originalität der Debüt-Scheibe »Cypress
Hill« ran. Doch die quälend nasale Stimme von Freese - unverwechselbares
Markenzeichen der Kiff-Hopper aus L.A. - verfehlt auch diesmal ihre Wirkung
nicht. Sie nörgelt sich ins Ohr und geht nicht mehr raus. Vor allem,
wenn man der Forderung des letzten Stückes nachkommt. »Everybody
Must Get Stoned« könnte auch als Motto über dem Gesamtwerk
stehen. Musikalisch fällt besonders der sphärische Klang einer
Sitar auf, jenem indischen Saiteninstrument, das jede Bluba-Romantik perfekt
macht. Als kleine Dreingabe gibt es außerdem noch auf einer Extra-Scheibe
einen »Buddha-Mix« der besten Stücke der letzten LP.
DAVID DARLING
Dark Wood
ECM
Schön, und so traurig. Ein Cello und die Bearbeitungsmöglichkeiten
eines Tonstudios dienen dem Cellisten DAVID DARLING als Ausgangspukt,
um ein dichtes Gespinst traumatisch ruhiger Stimmungen zu weben. Die Melodiestrukturen
sakraler Musik (gregorianischer Choräle etwa) bilden den musikalischen
Hintergrund der 14 Stücke und DARLINGS Kompositionen leben von dem
"ergreifenden" Aspekt solcher Musik. Der Hörer befindet sich schnell
in einer Art Raum, den die Musik aufbaut. DARLING gibt diesem Weite, haucht
den Atem vo Stücken wie »Beginning« in die Ferne. Verdichtet
ihn aber auch in zehrenden Streicherfiguren, die sich unvermittelt erheben
zu heftigen Strömen anzuschwellen vermögen. Fein gestrichenes
braust auf zu kreisenden Strudeln und versinkt wieder in Stille, die plötzlich
gezupfte Melodien preisgibt, auf denen sich wiederum schreitende Figuren
entfalten (Medieval Dance). Dunkel, fast schwarz, sind die Farben, die
DARLING "verstreicht", doch versteht er es nicht, übertrieben rumzukleckern,
vielmehr legt er Schattierungen an, zeichnet Verläufe, kurz, sich
simplen Nihilismus zu verschreiben, liegt ihm fern. DARLING gelingt das
Kunststück, den Hörer dicht bei der Musik zu halten, ihn mitzunehmen,
in das Auf und Ab seiner melancholischen Träumereien. Der Lust an
Einsamkeit und Besinnlichkeit vermag die CD einen Raum bieten, in dem
sich intensiv fühlen läßt, keine Platte allerdings, die
man in depressiven Momenten hören sollte, denn hinter der dichten
Wolke von »Dark Wood« kann der letzte Sonnenschein zu verschwinden.
(ce)
DE/VISION
Unversed In Love
Strange Ways Records
In der Waver-Szene sind die drei Bensheimer Jungs mittlerweile bestens
bekannt. Ihr melodischer, etwas düsterer Synthie-Sound begeistert
vor allem die Fans aus Depeche-Mode-Kreisen. Mit »Unversed In Love«
legt das Trio ein Konzeptalbum über die Liebe vor. Zwischenmenschliches,
Mensch und Umwelt und alles, was damit zu tun hat, wird in anspruchsvolle
Klänge verpackt. Alles andere also als seicht dahinplätschernder
Schmalzpop mit triefenden Texten. Spätestens mit dem neuen Album
haben DE/VISION bewiesen, daß sie absolut professionell sind. Ihre
Stücke sind einfach toll arrangiert, klingen ergreifend düster
aber trotzdem sanft und warm. »Unversed In Love« ist eine
Mischung aus eingängigen poppigen Dance-Beats und melancholisch-gruftigen
Klängen: Musik zum stillen Genießen und zum Tanzen gleichermaßen.
Gelungen! (sh)
DEAD CAN DANCE
Into The Labyrinth
Rough Trade/4AD
Die nunmehr 12 Jahre währende Zusammenarbeit von Brendan Perrys und
Lisa Gerrard als DEAD CAN DANCE scheint noch fruchtbarer zu werden. Das
läßt zumindest "Into The Labyrinth" vermuten, ihr inzwischen
sechstes Album. Heute beschreiten Dead Can Dance mehr denn je einen
schmalen Grat zwischen mittelalterlicher Liedkunst, um es nicht eine Art
Folklore zu nennen, und fast meditativen PopKompositionen. Während
uns Perrys Stimme oft in die Dunkelheit zu führen scheint, vermag
uns die glasklare Gesangskunst von Lisa Gerrard förmlich ins Sonnenlicht
zerren zu wollen und durch die Kontinente vergangener Tage zu führen.
Alles in allem eine Platte, die nur bei genauem Hinhören ihre volle
Pracht entfalten kann! (om)
DEAD CAN DANCE
Toward The Within
Rough Trade Records
Das ist genau das Richtige, um sich zurückzulehnen, zu relaxen, zu
träumen. Fremde Instrumente mit Namen wie "yang ch'in" oder "irish
bouzouki" zaubern ungewohnte, orientalisch anmutende KIänge hervor.
Man denkt an fremde Kulturen, Einsamkeit und Morgenröte. Sogar die
englischen Texte klingen exotisch, dank der klaren, atmosphärischen
Stimmen von Lisa Gerrard und Brendan Ferry. "Toward The Within" ist ein
ganzheitliches Klangerlebnis, obwohl es auf seine Art abwechslungsreich
ist. Wer es lieber etwas spritzig hat, wird sich bei 15 Songs und einer
Spieldauer von insgesamt fast 68 Minuten aber schnell langweilen. Die
Stimmung muß schon passen, und die Zeit muß da sein, wenn
man dieses Werk genießen will, denn es bietet alles andere als Fastfood-Musik.
Auch wenn man eigentlich keine Anspieltips geben kann, "Don't Fade Away"
setzt dem Ganzen die Krone auf, finde ich. (sh)
DEAD WORLD
The Machine
Nuclear Blast
Endlich - eine Fusion aus dem klaustrophobischen Medienwahnsinn
la G.G.F.H und dem rollenden Industrial-Grunge la SCORN: für
Beobachter des Genres ein logischer Schritt, für Außenstehende
erklärungsbedürftig. DEAD WORLD ist keine Death-Band und auch
keine DEAD WORLD
The Maschine
Nuclear Blast
Endlich, eine Fusion aus dem klaustrophobischen Medienwahnsinn
la G.G.F.H und dem rollenden Industrial-Grunge la Scorn, für
Beobachter des Genres ein logischer Schritt, für Außenstehende
erklärungsbedürftig. Dead World ist keine Death-Band und auch
keine elektronische Wave-Combo, sondern irgendetwas dazwischen, das den
logischen Zusammenschluß der beiden Gebiete leistet. Tonnenschwere
Todesgitarren mahlen über pumpende Elektronik-Beats. Industriell
monotone Gerauschkulissen wirken stimmungsbildend, gehen nahtlos über
in horrormoviemäßige Soundtracks. In der Endkontrolle gibt
es bei DEAD WORLD leider Beanstandungen, nicht immer ist die Stimmung
homogen und fangend, monotone und dumpfe Momente treten auf. DEAD WORLD
sind ein hörenswerter Wegweiser, der ahnen läßt, was kommen
mag. (ce)
DEAD WORLD
The Machine
Nuclear Blast
Nah an der Fusion von Industrial Grunge und Industrial-EBM bewegen sich
DEAD WORLD, tief mahlende Gitarren, monotone Drumcomputergrooves und dichte
Stimmenwirbel beschwören eine Klausrophobie herauf, die das Zeitalter
der Information als Zeitalter der Konfusion entlarvt. Ein längst
überfälliger Genremix wird angedeutet, aber leider nicht immer
konsequent durchgezogen; atmosphärische Löcher tun sich auf,
und Spannung will sich nicht immer einstellen, da einzelne Songparts zu
lange aus den Boxen quellen. Furios sind die Soundtrack-artigen Passagen,
spährisch Flächen öffnen sich, die Peripherie ist mit Angst
besetzt, Haltlosigkeit wird zur bestimmenden Erfahrung, und wenn plötzlich
Wasser gluckernd ins Geschehen tritt, scheint auch der letzte Rest Luft
zu schwinden. Insgesamt bleibt das Bild gespalten, DEAD WORLD haben zweifellos
Potential, doch ihre Intensität ist vom Maximum noch ein gutes Stück
entfernt. (ce)
DEAD WORLD
The Machine
Nuclear Blast
Nah an der Fusion von Industrial Grunge und Industrial-EBM bewegen sich
DEAD WORLD, tief mahlende Gitarren, monotone Drumcomputergrooves und dichte
Stimmenwirbel beschwören eine Klausrophobie herauf, die das Zeitalter
der Information als Zeitalter der Konfusion entlarvt. Ein längst
überfälliger Genremix wird angedeutet, aber leider nicht immer
konsequent durchgezogen; atmosphärische Löcher tun sich auf,
und Spannung will sich nicht immer einstellen, da einzelne Songparts zu
lange aus den Boxen quellen. Furios sind die Soundtrack-artigen Passagen,
spährisch Flächen öffnen sich, die Peripherie ist mit Angst
besetzt, Haltlosigkeit wird zur bestimmenden Erfahrung, und wenn plötzlich
Wasser gluckernd ins Geschehen tritt, scheint auch der letzte Rest Luft
zu schwinden. Insgesamt bleibt das Bild gespalten, DEAD WORLD haben zweifellos
Potential, doch ihre Intensität ist vom Maximum noch ein gutes Stück
entfernt. (ce)
DEBILE MENTHOL
Emile A La campange
RecRec
Zappa Fans aufgepasst, DEBILE MENTHOL (welch Name), sieben Schweizer,
machten sich Mitte der 80er auf, mit unglaublicher Spielfreude und der
festen Überzeugung, daß Humor zur Musik gehört, ähnlich
skurriles auf Band zu bannen wie es der selige Meister zu Lebzeiten mit
seinen Mothers tat. Drei Gitarren, zwei Bässe, Schlagzeug, Violine,
Sax, Clarinette, Percussion und Piano kommen zum Einsatz, ohne daß
die Übersichtlichkeit in dieser Melange aus Zitaten und eidgenössischen
Exotica verlorengeht. Trotz aller Respektlosigkeit ist das Ganze bloße
Posse, DEBILE MENTHOL haben musikalisch das Zeug, Hörer moderner
Ensemblemusik in ihren Bann zu ziehen. Einige Stücke erinnern gar
an Industrial und Verwandtes, was umso mehr verwundert, da diese DoCD,
eine Wiederveröffentlichung von '86 ist. (ce)
DEBORAH HENSON CONANT
Naked Music
Laika Records
Sätze wie: "Die Nr 1 der Jazz Harfe" machen erstmal skeptisch, man
erwartet hochvirtuoses Tongeplänkel, das zumeist schwer zugänglich
ist. Doch Naked Music ist mehr, Musik eben, die hochbesetzt mit Stimmung
ist, in der Virtuosität selten um ihrer selbst willen verwandt wird.
Frau Henson macht Musik, die schön ist, die man genießen kann,
als Musiker, als Harfenfan, als Jazzer oder einfach als jemand, der sich
zurüchlehnen möchte, um sich auf eine Reise durch swingende
und perlende Melodien zu begeben. Einige Songs begleitet Frau Conant mit
Gesang, über den man sich streiten kann, zugegeben irgendwie kitschig,
aber Schnulzbienen la Mariah Carey immer noch meilenweit überragend
und stellenweise frappierend an Hair erinnernd, vermögen gerade diese
Songs Menschen, die mit Instrumentalmusik nichts anfangen können,
zu fesseln. Am 8.6 wird Deborah Henson Conant in Immenhausen zu sehen
sein, man darf gespannt sein.
DEEP PURPLE
Purpendicular
BMG
Der Stern des einstigen Flagschiffs des Rock scheint immer mehr zu sinken.
Nach einer enttäuschenden Tour (noch mit Satriani) liegt nun das
neueste Werk der Band vor, die einst Klassiker an der Zahl geschrieben
hatte. Diesmal mit Art-Rock Gitarrero Steve Morse, der zweifellos einer
der größten seines Faches ist, aber leider nicht so richtig
zu Purple passen will. »Purpendicular« klingt auf langen Strecken
viel zu glatt, was auch an den zu sauberen Gitarrenläufen liegt.
Mittelmäßige Songs mit altbekannten Riffs beherrschen das Bild.
Keines der Stücke kann vergangenen Standard erfüllen. Einmal
hätte es trotzdem fast geklappt: das balladeske »Sometimes
I Feel Like Screaming« wird dann jedoch durch den Hauruck-Refrain
völlig zerrissen. Schade, wenn sich die Rockdinosaurier selbst ihren
Legendenstatus zerstören! (hs)
DEF LEPHARD
Vault
Mercury
Für gewöhnlich sind Best Of's nur dazu gut, die Wartezeit bis
zum nächsten Studioalbum zu überbrücken. Bei den "Tauben
Leoparden" greift dieses Argument nicht. Ihr neues Werk (Arbeitstitel:
»Slang«) ist seit Juli im Kasten. Diese 16-Track-CD ist vielmehr
als Ende eines Abschnitts und Sprung (»Vault«) in eine neue
Dekade zu verstehen. Der dokumentarische Wert allein rechtfertigt einen
Kauf nicht, und musikalisch ist »Vault« nur für Neulinge
und Komplettisten mit viel Geld interessant. Alle anderen sind mit der
Maxi-CD des einzigen neuen Songs »When Love And Hate Collide«
weit besser bedient. Die nur dort erhältlichen Remixes von ROCKET
und ARMAGEDDON H machen den kleinen Silberling im Gegensatz zum großen
zu einem Muß. (ms)
DEL AMITRI
Twisted
A&M Records
Ihr Hit »Nothing Ever Happens« ist noch jedem im Ohr. Seither
haben DEL AMITRI bewiesen, daß sie Songs schreiben können,
Folk-Rocksongs von einer melancholisch-melodischen Schönheit, wie
sie niemand sonst im ganzen Königreich komponiert. Das neuste Album
der Schotten aus Glasgow setzt den Trend fort, ist jedoch nicht ganz so
glatt arrangiert wie seine Vorgänger. Es scheint als wollte das bewährte
Songwriter-Team Currie/Harvie bei den zwei Eingangstiteln auf den Grunge-Modezug
aufspringen: verzerrte Gitarren, durch einen Vocoder geschickter, stark
angerauhter Gesang, daß man glaubt, sein CD-Player müßte
mal zur Kur. Ab »Here And Now« jedoch geht es - zum Glück
- im gewohnten Schottenrock weiter. Die cleveren Gitarrenlicks von Ian
Harvie und David Cummings sind hier präsenter und abwechslungsreicher
denn je, erinnern an die BYRDS (»Roll To Me«), die EAGLES,
manchmal an die frühen TASTE. Curries Gesang kommt manchmal weich
und süffig wie Baileys Milk Cream und manchmal schneidend herb wie
ein Teachers Whiskey, immer aber originell und mit einem hohen Wiedererkennungswert.
Aber Vorsicht: nach mehrmaligem Hören dieses Albums besteht hochgradig
Suchtgefahr! (pw)
DEL THE FUNKY HOMOSAPIEN
No Need For Alarm
Elektra
Hip-Hop für die Trüben unter den Fröhlichen und die, die
Musik hören, damit sie nicht merken, daß sie genau am großen
Highway wohnen, mit einem Schnitt von 100 Autos pro Minute. Ein stagnierender
Groove wälzt sich über 60 Minuten verlorengegangene Spielfreude
und saugt mit einer Kraft von 1000 Watt den Funk aus dem Körper in
die Dose. Damit ist eigentlich auch schon alles gesagt. (tb)
DEPECHE MODE
Songs of faith and devotion
Mute Records
Mit neuem Lebensmut des Daddys Martin Gore, neuem Glauben und neuer Liebe
starten die vier Jungs ihre Tour diesen Monat und stellen die 10-Song-starke
Platte vor. Erstmals spielen sie mit einem Gospel-Chor zusammen und distanzieren
sich somit ein wenig von der Elektronik - unerwartet, von den coolen Musikern
soviel Leidenschaft zu spüren. Auch wenn die Wuppertaler Band Diesel
Christ von Depeche Mode Klänge wie vor 2 Jahren erwartet haben mab,
das neue Album ist ungewohnte Spitze! Übrigens: Diesel Christ hat
eine 6-Song-lange Synthie-Coverversion neuer Depeche-Stücke auf den
Markt gebracht. Auch nicht schlecht!
(vr)
DES'REE
I Ain't Movin'
Sony Music
So mancher, der ihr ästhetisch faszinierendes Video von »You
Gotta Be« gesehen und sich dabei an Tasmin Archer erinnert gefühlt
hat, wird wie ich auf die CD gespannt gewesen sein. Aber schon das Wiederhören
des Hits, der immerhin Englands Top 20 erreichte, enttäuscht. Offensichtlich
war der visuelle und nicht der musikalische Eindruck das Entscheidende.
Dabei hätte ich ja gewarnt sein sollen: Schon die Debüt-CD »Mind
Adventures« hielt nicht, was der gleichnamige Hit versprach. Nicht
anders beim neuen Album: Die ansprechende Aufmachung täuscht wieder
einmal über die musikalische Schwachbrüstigkeit hinweg. Das
scheint an der Kompositionsmethode zu liegen. Des'ree legt wohl die Melodien
und die Texte vor, und erst dann versieht die versierte Studiocrew um
Ashley Ingram den Song offensichtlich mit einem zugegebenermaßen
vielseitigen instrumentalen Background, wie man an den 2 Versionen des
Titelstücks erkennen kann. Aber schon Des'rees begrenzter Alt-Stimmumfang
legt diesem Unternehmen starke Zügel an. Zwar entstehen manchmal
auf diese Weise jene unnachahmlich beschwörenden und eingängigen
Melodien, oft genug geraten sie aber auch monoton (besonders schlimm im
Song »Trip On Love«). Immer dort, wo musikalische Grenzgänge
gewagt werden, wie z.B. in »Little Child« ins Lateinamerikanische
oder bei »Love Is Here« ins Balladeske, gewinnt ihre Stimme
jenen gurrend-exotischen Reiz, den auch ihre Hits haben. Des'ree ist wahrscheinlich
eine der Künstlerinnen, die erst auf einer »Best of«-Platte
so richtig zur Geltung kommen. (pw)
DIAMANDA GALAS
JOHN PAUL JONES
The Sporting Life
Intercord
Irgendwie macht die Scheibe des Led Zep Bassers Jones und der Avantgarde-Sängerin
Galas (3 Oktaven) den Eindruck eines kalkulierten Marktgangs, haben beide
doch schon Beeindruckenderes vorgelegt. ****
DIAMANDA GALAS
Vena Cava
Intercord
Komich, komich, das Teil, welches mir da ins Haus flog. Infernalisch zerstörerisches
und zugleich unglaublich anmutendes (ekelerregendes) vokalistisches Manöver,
Futter für tausend neue Halluzinationen und einzige Verbindung zwischen
Hörspiel und den verbalen Attacken einer besessenen Orgienfrontfrau.
Eine Platte, die zugleich Euphorie und Schnelligkeit vermittelt, Depressionen
heraufbeschwört und krank macht (weil sie krank ist), unmittelbar
anregt zum angespannten Zuhören. Eine strapaziöse Ergebnissuche
beginnt: Was hat diese Platte für 'ne Message und was ist das überhaupt?
Mutig erweist sich die Musik GALAs, denn gegenüber anderen Vertretern
des Genres wie CHRISTIAN WOLZ erleben wir hier den nackten Gesang. Voll
von Angst und Wut, mit irgendwie disharmonisch wirkender Harmonie, tauchen
Interpret und Hörer ein in die Kunst, aus der Stimme ein Instrument
zu machen (Vocal-Art). Das Spiel mit Echo und Hall läßt die
Sängerin zeitweise mitten im Raum stehen oder auf einem Hügel
eben in Sichtweite; Unbeteiligten erscheint die Sangeskunst Galas fast
wie eine Unterhaltung. Eine Untermalung durch diverse Instrumente fehlt
gänzlich, lediglich ein Herz (!) klopft zur Begleitung der Akustikorgien.
(tb)
EINSTÜRZENDE
NEUBAUTEN
Tabula Rasa
Die Einstürzenden Neubauten liefern mit ihrer 13ten Lp gleich
zwei Beweise ab. Erstens nämlich das sie auch jetzt noch spannend
und innovativ sind ohne sich ständig selbst zu kopieren, und zweitens
daß eine kommerzialisierung nicht mit einem Niveauverlust einhergehen
muß. Textlich bewegt sich "Tabula Rasa" zwischen Politischen und
dem Blixa Bargeld typischen Egotrips. Vorbei jedoch die Zeiten der total
Ichzentrierten Texte, den neuen Bargeld versteht man auch ohne Vorkenntnisse.
In"12305 Nacht" seziert Bargeld distanziert und kühl sein Leben,
hinterlegt wird das ganze mit einer ungewohnt ruhigen Klangcollage. Doch
neben politischem und persönlichen bietet "Tabula Rasa" aber auch
zwei ungewöhnlich schöne Liebeslieder.In diesen Songs gelingt
es Bargeld weg vom einfachen Sprechgesang zu kommen, und seiner Stimme
Ausdruck zu verleihen. In Kombination mit den eindrucksvollen Texten und
der harmonisch schönen Musik erweisen sich diese beiden Songs als
ware Kleinodien. Aber auch der Rest von "tabula Rasa" braucht sich nicht
zu verstecken, das Niveau der Stücke ist durchweg hoch. Schon allein
die Neubauten typischen Klangforschungen und die wie immer ungewöhnliche
Instrumentierung lohnen den Kauf dieses Werkes.
DIE ALLERGIE
Psalm in Blei
Spin Records/EMI
Sogar einer wie ich, für den Trends nichts weiter sind als eine Krücke
für phantasielose Spinner ohne eigenen Geschmack, muß erkennen:
»Die Allergie« sind das nächste große Ding! Spin
Records aus München haben einen goldenen Riecher bewiesen, auch wenn
sich die "Betroffenen" selbst nicht erklären können, wie sie
gleich mit ihrem Debüt bei einem Unterlabel der EMI gelandet sind.
Die Musik der Schwäbisch Haller geht einem nicht so schnell auf den
Sack wie die anderer angesagter Kapellen; dennoch haben mich die Texte
zuerst fasziniert. »Psalm in Blei« besteht aus 11 lyrisch
hochbrisanten Versen. So läßt »Paß auf (Selbstjustiz)«
vordergründig auf eine "Rübe ab!"-Einstellung zum Thema Kindesmißbrauch
schließen. In Wahrheit wollte Drummer Vlocky die erste Reaktion
eines verzweifelten Vaters beschreiben, ohne eine Wertung vorzunehmen.
Hut ab, der Bursche kann echt gut mit Worten umgehen! Auch beim Selbstverständnis
seiner Gang trifft er den Nagel ohne Schwierigkeiten auf den Kopf: »Mit
Worten und mit Reimen werden wir euche exekutieren!« Dies ist das
wahre Abenteuerland - verstörend, betörend, hundsgemein, faszinierend,
gefährlich, schön. Im März mit »Napalm Death«
(Hi, ce!) und »Crowbar« auf Tour! (ms)
DIE BRAUT HAUT INS
AUGE
Was nehm ich mit?
RCA
Der Name täuscht: Hier kommt keine wüst um sich schlagende Girliehorde
und schon gar keine feministische Kampftruppe. Auch die zweite Vermutung
ist falsch: Die »Braut« ist kein Blödelverein, der den
zweitausendsten badegesalzenen, mief-miefigen Katzenklo-Aufguß eingespielt
hat. Die vier Damen beherrschen zwar auch die witzige Tour, dosieren ihre
Gags aber eher sparsam. Viel eher beherrscht ein nachdenklich-melancholischer
Ton die raffinierten Beat-Miniaturen, die musikalisch vor allem von Karen
Dennigs Doors-angehauchtem Orgelspiel geprägt werden. Nicht zu vergessen
natürlich der subtil und abwechslungsreich eingesetzte Gesang, bei
dem sowohl die Thematik als auch die Interpretation entfernt an Ulla Meinecke
erinnern. Und dann verschiebt sich die Perspektive plötzlich ganz
weg von poppigen Gefilden, hinein in die Welt von Edith Piaf und Jacques
Brel. Die Beat-Chansons der vier sind manchmal so wahr und so voll der
süßen Melancholie, daß man weinen möchte... (lj)
DIE GOLDENEN ZITRONEN
das bißchen Totschlag
Sub Up Records
Die ZITRONEN gelten als Mitbegründer des bierseligen Fun-Punks, fühlen
sich aber gründlich mißverstanden. Damals wollten sie die Bierseligkeit
deutscher Festzelte persiflieren, stattdessen erreichten die feuchtföhlichen
Punk-Sauforgien selbst Jahrmarktniveau. »das bißchen Totschlag«
geht neue Wege: Es ist eine wütende Abrechnung mit dem Rechtstrend
in der Bundesrepublik, musikalisch rauh, aber klug durchdacht, einfallsreich
und auf der Höhe der Zeit. RAGE AGAINST THE MACHINE treffen TON,
STEINE, SCHERBEN. Nein, nicht nur ein fantasieloses Gerotze zusammengehauner
Aggressivtexte. Stattdessen eine Klangcollage aus Geräusch- und Medienschnipseln,
Schlagerzitaten, schmutzigen Gitarren und Orgeln, funkigen Grooves und
gerappten, deklamierten, herausgeschrienen und im persiflierenden Tonfall
gesungenen Kommentaren zur Lage der Nation. Das interessante Album aus
deutschen Landen seit langem - wird mit Sicherheit Kult in der linken
Szene!
(lj)
DIVERSE
A Mission Into Drums
EYE-Q/Warner
Immer kürzer werden die Zwischenräume, in denen ich ohne die
nächlichen Ausflüge in fremde Galaxien auskomme. Diesmal begleitet
vom Sound des EYE-Q Sublabels »Recycle Or Die«. »A Mission
Into Drums« nennt sich der Sampler, der auf rhythmische Weise einige
Arbeiten aus dem Hause EYE-Q vorstellt. An Bord befinden sich Stevie Be
Zet, Oliver Lieb und Ralf Hildenbeutel, die allesamt als Vertreter
der Ambient-Scene gelten. Relaxen ist deshalb auch das oberste Gebot.
Schweb!!
(om)
DIVERSE
Artificial Intelligence II
warp/rtd
Nur wenige Sekunden nach Einlegen des Datenträgers »Artificial
Intelligence II« öffnet sich die Tür zum Warp-Weltraumbahnhof
und eine freundliche Gestalt (Mark Franklin) nimmt die Begrüßung
vor (»Release to the System«). Über 75 Minuten lang habe
ich nun die Chance, mir dieses phantastische Gebilde zu betrachten. Kaum
aklimatisiert erfolgt z.B. schon eine Führung durch das künstliche
Biotop (The Higher Intelligence Agency), welches mit allerlei seltsamen
Wesen gefüllt ist. Wem das nicht zusagt, der kann sich auch direkt
in das Zentrum der Kommunikation bewegen (Link), obgleich es viel stimulierender
ist, den Wegweisern der Besucherkarte zu folgen. Schlag auf Schlag werden
dem Besucher Sounds und Bilder ins Hirn projiziert, die bewirken, daß
nicht eine Sekunde lang so etwas wie Langeweile aufkommt. Grüße
aus dem space shuttle! (om)
DIVERSE
BritPop (Vol. 1)
Sony
Nachdem OASIS es nun endlich geschafft haben, wirkt der BritPop-Hype ein
wenig glaubwürdiger. Um die englische Musikszene nach jahrelangem
Dahindümpeln in der Welt wieder zu etwas zu machen, dienen dann auch
solche Sampler. Diesen kann man aber aus zwei Blickrichtungen betrachten.
Auf CD 1 findet man zwar noch die jungen Brit-Pop-Bands der Stunde (OASIS,
BLUR, ECHOBELLY oder ELASTICA), auf CD 2 hingegen findet man Gruppen mit
Hits aus vergangenen Tagen (EMF, JESUS JONES, SHAMEN oder NEW ORDER),
die mit der heutigen BritPop-Bewegung reichlich wenig zu tun haben. Aufgrund
der wirklich guten Zusammenstellung der Songs, mit Hits, die man schon
immer mal auf einer Scheibe haben wollte, kann man aber über den
»Ausverkauf« hinwegsehen! (hs)
DIVERSE
Celtic Circle Sampler
semaphore
Noch unausgereifte Tracks junger Combos im Entwicklungsstadium gesellen
sich zu hochkarätigen Songs bereits etablierter Bands wie LACRIMOSA,
GOETHES ERBEN oder DAS ICH, um die beiden CD's des düsteren Celtic
Circle Labels mit spannungsreichem Elektro zu füllen. Leider bleibt
es aber bei wenigen wirklich hörenswerten Tracks. Äußerst
simpel stukturierte Songs bilden das Gros der Platte, wirken peinlich
und behäbig und lassen dich die Skip-Taste ganz fest durchdrücken.
Jedoch, fast jedes Stück trägt diesen düsteren Schleier,
blauer Nebel ist real und mag die Eingeweide zuschnüren - atmosphärisch
einfach so, wie ein Wave-Sampler sein muß, den Tod celebrierend.
(tb)
DIVERSE
CELTIC CIRCLE SAMPLER
semaphore
Noch unausgereifte Tracks junger Combos im Entwicklungsstadium gesellen
sich zu hochkarätigen Songs bereits etablierter Bands wie LACRIMOSA,
GOETHES ERBEN oder DAS ICH, um die beiden CD's des kleinen Celtic Circle
Labels mit spannungsreichem Elektro zu füllen. Leider bleibt es aber
bei wenigen wirklich hörenswerten Tracks. Äußerst simpel
stukturierte Songs bilden das Gros der Platte, wirken peinlich und behäbig,
und lassen dich die Skip-Taste ganz fest durchdrücken. Jedoch, fast
jedes Stück trägt diesen düsteren Schleier, blauer
Nebel ist real und mag die Eingeweide zuschnüren - atmosphärisch
einfach so, wie ein Wave-Sampler sein muß, den Tod celebrierend.
(tb)
DIVERSE
Global Celebration
ellipsis arts/veraBra, 4-CD-Box
"Global Celebration" hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen,
da diese Sammlung schon fast meiner Wunschvorstellung entspricht. Nachdem
das erste Set "Global Meditation" in der Mehrzahl die Stars der World-Beat-Scene
auf ebenfalls vier CDs präsentierte, wodurch es sich dem Einsteiger
anbot, bewegt sich "Global Celebration" stark Richtung Roots. Auch diesmal
hat man sich bei ellipsis arts für eine Themenaufteilung mit je einer
Platte entschieden: »Dancing with the Gods«, »Earth
Sprit«, »Passages« und »Gatherings«. Die
Vielfalt, die dabei zustande kam, ist kaum zu beschreiben. So folgen den
Gesängen der Hopi-Indianer Szenen aus einem Irish Pub, werden alte
Inka-Gesänge von marrokanischen Opferungsgebeten abgelöst, oder
es folgt nach balinesischer Folklore Musik aus Mozambique. Alles bildet
eine Gefüge und strahlt selbst über die Konserve noch Wärme
aus, so daß der Reise durch die Kontinente nichts im Wege steht.
Auch hier liegt übrigens wieder ein ausführliches booklet bei,
in dem die Geschichte jedes einzelnen Titels nachzulesen ist. Ein kleiner
Wehmutstropfen ist dennoch vorhanden. Obwohl das Label ellipses arts auf
seine Mitgliedschaft in der "Rainforest Alliance" verweist und auch ein
teil des Verkaufserlöses zu dessen Gunsten gehen, werden die CDs
in 08/15 CD-Hüllen ausgeliefert. Ob das dem Regenwald wohl so gefällt?
(om)
DIVERSE
In The Name Of The Father
Original Motion Soundtrack
Island Records
Der Soundtrack zu dem überaus gelungen Polit-Film »In the Name
of the Father«, der bei der diesjährigen Berlinale überraschend
den Goldenen Bären gewann, serviert ein Querschnitt alter Hits, aber
genau solche, die man schon immer im Schrank haben wollte, z.B. »Voodoo
Chile« vom Altmeister Hendrix und Stücke von Bob Marley, den
KINKS oder THIN LIZZY. Die eigens für diesen Film geschriebenen,
neuen Songs steuert TREVOR JONES mit seinen Instrumentalwerken bei sowie
der schmerz-fühlende Song von Sinead O'Connor. Das Titelstück
geht aus dem Duett des U 2-Sänger Bono mit Gavin Friday hervor. Ein
ebenfalls schmerzbeladenes Stück, welches sich im Mittelteil stark
des irischen Folks bedient. Eindeutig ein Highlight der Scheibe! Ein weiteres
Duett der beiden klingt wesentlich pop-orientierter, ein Mix aus dem Rhythmusgefühl
der STEREO MC`S mit einer Affäre der Zooropa-Sessions. Fazit: Diese
CD ist nicht nur ein Aufhorchen der U2-Fans wert. (hs)
DIVERSE
Kiss My Ass
Phonogram
"Aus alt mach neu": Unter diesem Motto hat sich eine Legion von Musikern
zusammengefunden, um eine Band zu ehren, die sie in ihrem musikalischen
Werdegang beeinflußt, ja sogar geprägt hat. Die Rede ist nicht
von den BEATLES, den STONES oder von den DOORS, nein, KISS sind gemeint.
Es versteht sich von selbst, daß 12 höchst eigenwillige Interpretationen
herauskommen, wenn sich Musiker wie Lenny Kravitz (im Duett mit Stevie
Wonder), ANTHRAX, THE LEMONHEADS, DIE ÄRZTE, EXTREME oder THE GIN
BLOSSOMS an den Stücken der Altmeister versuchen. Besonders Lenny
Kravitz (Gesang) und Stevie Wonder (Harmonica) gelingt es meisterhaft,
die guten alten 70er aus dem KISS-Klassiker »Deuce« herauszukitzeln.
Viel härtere Töne schlagen ANTHRAX bei »She« an.
Auch SHANDIS ADDICTION (bestehend aus Musikern von RAGE AGAINST THE MACHINE,
FAITH NO MORE und TOOL) drücken dem Ur-Alt-Kiss-Song »Calling
Dr. Love« ihren typischen Industrial-Stempel auf. Andere Ländere,
andere Sitten: DIE ÄRZTE verewigen sich mit einer wortwörtlich
übersetzten Version von »Unholy« (Unheilig) auf dem Sampler,
und last but not least befleißigt Garth Brooks, seines Zeichens
Country- und Western-Guru, seine Slide-Guitar, um die Ballade »Hard
Luck Woman« zum richtigen Trucker-Schmachtfetzen zu mutieren. Ganz
außergewöhnliche Blüten scheint das KISS-Revival in Japan
zu treiben. Klassik-Star Yoshiki arrangierte den KISS-Knaller »Black
Diamond« für Orchester und Klavier. Wenn das Mozart wüßte!
(ps)
DIVERSE
My Generation Rockin' Through The 80's
Intercord
Mit Samplern ist das ja immer so eine Sache... Oft kauft man sie wegen
5 oder 6 guter Stücke und der Rest der CD ist dann entweder ganz
nett oder der allerletzte Schrott. Das genaue Gegenteil davon ist ein
Sampler aus dem Hause Intercord, der ungelogen das Beste vom Besten aus
den 80er Jahren von der Musikgattung Rock präsentiert. 33 fast ausnahmslos
gute Stücke auf der Doppel-CD bringen mehr als 2 1/2 Stunden Rock
pur. Ein kleiner Auszug aus dem Inhalt: TOTO »Hold The Line«,
ASIA »Heat Of The Moment«, FOREIGNER »Urgent«,
BOSTON »More Than A Feeling«, EUROPE »The Final Countdown«,
HOOTERS »All You Zombies« und SNIFF'N'THE TEARS »Driver's
Seat«. O.k., DM 45,- sind eine Menge Geld, doch bei dem Inhalt dieser
Doppel-CD gut angelegt. Wer noch auf der Suche nach ein paar Stücken
für seine Sammlung ist, der ist mit diesem Sampler gut bedient. (cr)
DIVERSE
Naive
Earache
Billig-Sampler des Earache Labels. Je 2 Songs von 7 progressiven Earache
Bands (u. a. PAINKILLER, FUDGE TUNNEL, SCORN). Lohnt sich!!
DIVERSE
Pop
Do we not like that?
too pure/rtd
Noise-Pop, Gitarren- oder Spacerock bis hin zur Avantgarde, so läßt
sich die Vielseitigkeit des too pure-Labels umschreiben. Anläßlich
der Vertriebsübernahme durch Rough Trade gibt es einen Sampler, der
die Bandbreite recht gut aufzeigt, und Leckerbissen wie etwa MOUSE ON
MARS mit ihrem Renner »Frosch« enthält .
DIVERSE
Spirit Of `73
Sony
The Nineties meet the Seventies. Daß das nicht nur Neil Young und
Pearl Jam vermögen, zeigen die hier versammelten Songs, die allesamt
aus dem Jahr 1973 stammen, z.B. von den Bee Gees, den Bangles, Patti Smith
oder Joni Mitchell. "Gecovert" wurden sie von z.Z. aufstrebenden amerikanischen
Frauenbands und Sängern wie LETTERS TO CLIO, INDIGO GIRLS, THAT DOG,
L7 oder SARAH McLACHLAN. Nach mehrmaligem Hören erstaunt die musikalische
Geschlossenheit des Albums, daß es immerhin fertigbringt, so unterschiedliche
Musikstile wie Disco, Soul, Rock und Folk im typischen Sound der 90er
zu vereinen: Grunge-Gitarren neben Unplugged-Sounds, stampfendes Schlagzeug
neben subtil gebrochenen Stimmen. Besondere Leckerbissen sind SOPHIE B.
HAWKINGS schauderhaft-schöne Version von »The Night They Drove
Old Dixie Down« (auch als »Conny Kramer bekannt«) und
PETs melancholischer Ohrwurm "Have You Ever Been Mellow". (pw)
DIVERSE
Techno Trax Vol. 10
Zyx Music
Die Serie der »Techno Trax« scheint nicht abzureißen.
Wir befinden uns mittlerweile bei Vol. 10: Mehr als 145 Min. Musik zum
"Abraven".
DIVERSE
The Jefferson Family
BMG
Was hier im Gewand einer Best-Of-Zusammenstellung daherkommt, ist in Wirklichkeit
eine überaus aufschlußreiche Darstellung der musikalischen
Spannbreite der Gruppen und Musiker, die irgendwie und irgendwann einmal
im Zusammenhang mit der Westcoast-Rockband JEFFERSON AIRPLANE zu tun hatten.
In San Francisco galten sie dank ihrer politisch engagierten Texte als
die Stimme der Love-Generation, bereits 1967 hatten sie zwei Singles in
den Top Ten Amerikas. JEFFERSON AIRPLANE, das waren vor allem Grace Slick,
Amerikas Rock-Röhre Nr.1 der späten 60er, Sänger und Hippie-Poet
Paul Kantner und Jorma Kaukonen, einer der damals genialsten Gitarristen.
Natürlich auch Papa John Creach, der mit seinem funkigen Gefiedel
den Sound der späten JEFFERSON AIRPLANE nachhaltig prägte. Die
vorliegenden Aufnahmen wollen nun belegen, wie vielseitig die musikalischen
Aspirationen der Gruppe und ihrer Mitglieder waren. Von Kaffeehausmusik
über gepickten Folk, gezeterten Blues, unerträgliches Hippie-Harmoniegesülze,
dreckigen Funk und biederen Country-Song bis hin zum kommerziellen STARSHIP-Absahner
"Sarah" (1985) ist alles vertreten. Natürlich auch dabei: die beiden
typischen AIRPLANE-Klassiker »Somebody To Love« und »Have
You Seen The Saucer«. Auf diesem einzigartigen Zeitdokument ist
alles vertreten, was an musikalischen Experimenten bis zur Mitte der 80er
vorstellbar ist. Ein originelles Denkmal für eine noch zu entdeckende
Legende der Rock-Musik! (pw)
DIVERSE
The Moon Revisited
Magna Carta/Road Runner
Es wird eng auf dem Mond: Nachdem die 3 übriggebliebenen Pink-Floyd-Veteranen
um den feisten David sich seit Jahren wieder und wieder zur dunklen Hälfte
aufmachen, macht sich nun auch der Nachwuchs auf zum Erdtrabanten. CAIRO,
SHADOW GALLERY, ROB LAVAQUE, ENCHANT, ROBERT BERRY und einige andere Freunde
der einstigen Kult- und späteren Bombast-Truppe haben das Raumschiff
bestiegen, um »Dark Side Of The Moon« neu einzuspielen. Leider,
leider haben die Psycho-Youngsters viel zuviel Respekt vor den alten Herren!
Die ersten vier Stücke sind bemüht, Ton für Ton die Original-Atmosphäre
von einst einzufangen. Das gelingt bis auf das mißglückte Frauenstimmen-Solo
ganz gut, doch: Wozu das ganze? Schließlich liegt das Original doch
inzwischen in einer excellenten Digital-Abmischung auf CD vor! Erst MAGELLAN
machen mit einer swingenden Cover-Version von »Money« deutlich,
daß es auch mit Witz und Ideen gegangen wäre. ENCHANT machen
dann aus »Us And Them« eine respektable Depri-Pop-Nummer.
Dann gibt es noch ein zu Herzen gehendes All-Star-Chor-Finale - doch reicht
das alles, um diesen teuren Trip ins All zu rechtfertigen??? Nein: Eine
»Money«-Single hätte gereicht! (lj)
DIVERSE
Wo ist zu Hause, Mama # 1
trikont/indigo
Perlen deutschsprachiger Popmusik verspricht der Untertitel dieser Zusammenstellung,
und das trifft ausnahmsweise genau ins Schwarze. Was der Schriftsteller
Franz Dobler (u.a. "Tollwut", "Bierherz", "jesse james und andere Westerngeschichten")
hier zusammengestellt hat, birgt eine Überraschung nach der anderen
in sich. Allein der Titelsong "Wo ist zu Hause, Mama", die digitalisierte
Originalversion aus dem Jahr 1959 von Johnny Cash, ist schon fast Grund
genug zum Kauf dieser Scheibe. Einfach klasse! Aber, wie schon erwähnt,
es geht Schlag auf Schlag weiter. Da sind DIE STERNE mit »Es möchte
echt sein«, oder F.S.K., die sich mit ihrem folkigem »Dieseloktoberfest«
fast wie die legendären TELLER BUNTE KNETE anhören. Aber auch
die Stars der Scene, wie ELEMENT OF CRIME oder die FLOWERPORNOES, fehlen
nicht. Doch lassen wir uns lieber überraschen, etwa von DANNY DZIUK
mit "Männer unter sich" oder FANNY VAN DANNEN und seinem »Nana
Mouskouri« (oberschräg). Alles in allem eine Bandbreite die
vom Pop über Folk bishin zum Punk keinen Wunsch offen läßt.
Zusätzlich gibt's Texte, die das Hirn in Bewegung versetzen, und
nich lähmend wirken. Endlich! Dobler zitiert im Booklet Karl Bruckmaier
mit: "Etwas besseres als das Gute haben wir nicht im Kampf gegen die Verblödung."
So isses. (om)
DIVERSE
yo mama's nature
yo mama rec./ewm
CUNNY WILLIAMS, REALITY BRO-THERS oder POETS OF PEEZE sind nur einige
Namen, um die unsere Musikszene bereichert wurde, seit es das Yo Mama
Label in Hamburg gibt. Yo Mama stehen für erstklassigen Acid-Jazz
und feinsten Hip Hop, für guten Raggae-Stuff sowie wunderbaren seventys
Funk. Wer alles das liebt oder aber erste Schritte in diese Richtung unternehmen
möchte, für den führt kein Weg an YO MAMA'S NATURE vorbei.
(om)
DOORS
An American Prayer
wea Elektra
Endlich ist sie da, die Versilberung der LP "An American Prayer" von JIM
MORRISON. Fast zwanzig Jahre ist es her, daß die Vinylversion mit
aufwendigem Klappcover auf den Markt kam. Auch für die CD-Version
haben sich Manzarek, Krieger und Densmore einiges einfallen lassen. So
gibt es 3 bisher unveröffentlichte Titel. Außerdem wurde ein
Großteil des Materials von den DOORS-Musikern neu überarbeitet,
was eine erstaunliche Qualität zur Folge hat. Verwendet wurdenGedichte
und Songvorlagen, die Jim vor seinem Tod im Studio aufgezeichnet hatte.
Über eine wunderschöne Collage der DOORS-Songs wurde einfühlsam
die Stimme von Jim Morrison gelegt. »An American Prayer« entstand
vier Jahre nach dem Tod von Jim Morrison, der am 25. April `74 in Hollywood
an einer Überdosis Heroin starb, und wirkt, als habe er seinen eigenen
Nachruf produziert. (om)
DORAN, STUDER, MINTON,
BATES, ALI
Play The Music Of Jimi Hendrix
vera Bra/Call It Anything
"Hendrix-Coverversion, die hundertste...", könnte man meinen. Trotzdem
bringt die Scheibe etwas ganz Neues. Haben sich schon viele, aus dem Bereich
der Rock-Musik, mit dem Ausnahme-Gitarristen beschäftigt, so warten
hier versierte Jazzer mit Hendrix-Interpretationen auf. Kompetente Musiker
waren am Werk: Gitarrist Christian Doran, Drummer Fredy Studer, Amin Ali
am Bass, Django Bates an den Keyboards und Vokalist Phil Minton. Aufgegriffen
wurden mehr oder weniger die bekanntesten Stücke von Hendrix. Die
improvisatorischen Behandlungen gehen aber des öfteren ihre eigenen
jazzigen Wege, welches ja eine Eigenart der Jazz-Musik ist. Da kommt es
schon vor, daß aus dem jeweiligen Thema eine ganz neue Interpretation
heraus kommt. Eine interessante Platte die aber für den normalen
Hörgenuß etwas zu weit in die Jazz-Ecke geht. Der eingefleischte
Fan der Gitarristen-Legende sollte vor dem Kauf lieber eine Hörprobe
machen, um nicht später enttäuscht zu sein. Trotzdem eine gelungenes
Werk mit einem interessanten Ansatz für ein musikalisches Konzept,
das Entwicklungsmöglichkeiten offen läßt. (jü)
DORO
Machine II Machine
Mercury/Phonogram
Mit gehöriger Skepsis vernahm ich, daß auf dem neuen Werk von
Deutschlands bekanntester (nicht bester!) Rocksängerin Industrialeinflüsse
zu finden sein würden. DORO goes Trend, oder was!? Mit entsprechend
angelegten Ohren ging ich an »Machine II Machine« heran. Doch
schon bei den ersten Takten von »Tie Me Up« gerieten selbige
gewaltig ins Rotieren. Obgleich bei weitem nicht der stärkste Track
des Albums, nimmt der neue Sound der Düsseldorferin sofort gefangen
und läßt für mehr als 70 (!) Minuten nicht wieder los.
Okay, sammeln wir Pluspunkte: Natur- und Computerklänge wurden aufs
Vortrefflichste verknüpft, daß selbst beinharte Traditionalisten
diese Platte lieben müssen. Besonders angetan haben es mir die afrikanischen
Rhythmen, die regelrecht süchtig machen. Und da Exotik stets mit
Erotik zu tun hat, singt DORO sexy - über Sex! Das kam bisher nur
von außen, für die zierliche Blondine war das so direkt nie
ein Thema. Doch die Dreißigjährige ist deutlich gereift: »The
Want«, das den lyrischen Stein ins Rollen brachte, klingt zu keiner
Sekunde billig la LITA FORD. DORO's Interpretation ist dem
Standard angemessen. Der Wahl-New Yorkerin geht es darum, Gefühle
rüberzubringen und auszulösen; Reime sind auf »M II M«
eher spärlich vertreten. Für die Tour im Herbst hoffe ich, daß
DORO Meistergitarrist Earl Slick (DAVID BOWIE, JOHN WAITE) bezahlen kann,
trägt er doch maßgeblich dazu bei, daß die 14 bzw. 15
Songs wie in Eisen gegossen dastehen, DORO's Neunte zu ihrer Besten machen
- neben dem ultrapersönlichen »True At Heart« von 1991.
(ms)
DUB WAR
Dub War
Earache/Intercord
Für Earache etwas ungewöhnliche Töne produzieren DUB WAR
aus England. Nicht das übliche Ultrageschmetter oder sonstwie finstre
Ergüsse finden sich auf diesem Debüt, sondern ein orgineller
Mix aus Club-Beats, soll heißen so Raggamuffin-, Hip Hop-, Jungle-,
irgendwas-Grooves und Trashriffs. Garniert ist das Ganze mit 'nem Haufen
Sampels und ruhelosen Vocals, die mal gerappt, mal gesungen und mal sonstwie
daherkommen. Keine einfach zu beschreibende Scheibe, aber 'ne originelle,
die in eine Richtung geht, die noch gar nicht richtig gedacht ist, aber
'ne Menge verspricht. DUB WAR halten das Versprechen nicht ganz, einige
Songs haben Längen, einige wirken unausgegoren. Vieleicht wird das
näxte Album so richtig geil, bis dahin sollte man aber DUB WAR schon
mal gehört haben. (ce)
DWHAL KHUL
Schächtungskind
Antiphon/Apollyon
Schon seit geraumer Zeit beherbergt Kassel Apollyon Records, deren Releases
immer wieder die Zillo-Rezensionsseiten besiedeln. Eines der Projekte,
das über Apollyon den Weg dorthin fand, ist DWAHL KHUL, deren CD
»Victim Or Murderer« vor drei Jahren noch unreife Gehversuche
im Land des dunklen Industrials beinhaltete. Anders »Schächtungskind«,
die neueste Geburt der beiden namenlosen Kassler Soundmonteure. DWAHL
KUHL ist es diesmal gelungen, einen eigenen Ort zu besetzen, zwischen
Scorn und G.G.F.H., zwischen Foetus und SPK. Manchmal nah dran am Techno,
doch immer mit genug Abstand, um nicht hineinzugeraten in die arglose
Partylaune dieser Szene. Vielmehr legt »Schächtungskind«
tiefe Schichten frei, bringt sie in Bewegung, bis der Hörer erfaßt
wird, in einen 55-minütigen Strudel gerät, der immer weiter
hinabführt. Dabei den Dingen ihre Schönheit raubt, nur Groteskes
und Bizarres stehenläßt. 13 mal finden dunkle Farben neue Formationen
in DWAHL KHULS Kaleidoskop der Grausamkeit. Menschen, die Endzeitstimmungen
huldigen, liefert die CD zweifelsfrei ein Faszinosum. (ce)
EARTH
Earth 2
Subpop
Einige werden austöhnen, wenn sie sehen, daß EARTH auf Subpop
erscheint. Doch aufgepaßt: EARTH entsprechen nicht unbedingt dem,
was man von Subpop gewöhnnt ist, ihre Musik ist kein Grunge und auch
kein Retro-Rock. Dennoch gehört die Band auf Subpop, weil sie kompromißlos
die Stimmung erzeugt, die Subpop und den Seattle-Sound prägen: dichte,
düstere regen- und smogverhangene Melancholie und Klaustrophobie,
kompromißlos und gnadenlos. Das fängt schon bei der Besetzung
der Band an - EARTH bestehen aus einem Gitarristen und einem Bassisten,
deren Maxime lautet: so langsam wie möglich spielen. Earth, das ist
ein dichtes, fettes schleichendes Feedback-Dröhnen, das entsteht,
wenn Speedmetalriffs bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, so langsam wie
möglich gespielt werden. Die 73 Minuten lange CD besteht aus drei
Stücken, bei jedem Stück werden weniger Töne benutzt, der
letzte Song besteht aus nur einem dichten klaustrophobisch dröhnendem
Ton, der sich zwanzig Minuten lang in jede Ritze drückt. "Earth"
ist eine Stimmungsmaschine, die keine Ausetzer kennt, stoisch weiter arbeitet...(ce)
EARTH NATION
Terra Incognita
Eye-Q Records
Der Frankfurter Ralf Hildenbeutel, der vor allem mit seinen Produktionen
für Sven Väth Erfolge feierte, veröffentlicht nun den zweiten
Longplayer seines Projektes EARTH NATION. Im Gegensatz zum Ersten wird
hier fast völlig auf Gesang und ausgefallene musikalische Experimente
verzichtet und ein reines, zum Tanzen mitreißendes Techno-Album
präsentiert. Entgegen dem im Trend liegenden Minimalismus ist es
allerdings äußerst aufwendig produziert. Mit immer wieder übereinandergelegten
sphärischen Klängen und mitreißenden Rhythmuselementen
werden komplexe, oft bombastisch wirkende Spannungsbögen erzeugt,
die zwar den sagenumwobenen Trance-Effekt beim Tanzen eventuell eintreten
lassen, zu Hause hingegen aber schnell "totgehört" werden könnten.
(md)
EINHEIT, BRÖTZMANN
Merry Christmas
RTD
Zwei Avantgarde-Koryphäen beim Versuch zu musiziren, irgendwie über
meinem Horizont, bzw. nichts geworden, einige Sounds für sich sind
interessant, die Songs an sich unhörbar, da Krach, dem Koordination
fehlt (danke Andy), der nicht fließt oder fesselt, sondern vor sich
hin mutiert, ohne Sinn, und Struktur, der interessante Namen hat, vielleicht
das eine oder andere Aha oder Oho provoziert, irgendwie nervt und langweilt
und kein Ende findet, genau wie dieser Satz.
ELOY
Chronicles I
spv
ELOY verbanden verträumten Synthie-Rock vom Schlage PINK FLOYD mit
der ganzen Schwere der deutschen Seele. Sie waren geradezu die idealtypischen
Exponenten von dem, was man nicht immer besonders freundlich gemeint als
"Kraut-Rock" bezeichnete. ELOY hatten damit aber im Gegensatz zu vielen
Kollegen Ende der siebziger Jahre auch auf internationalem Terrain beachtliche
Erfolge. Rund 2 Millionen Mal gingen ihre Alben mit so ehrfurchtsgebietenden
Titeln wie »Silent Cries And Mighty Echoes«, »Ocean«
oder »Time To Turn« über den Verkaufstisch. Da im Moment
wehmütig auf die Siebziger zurückgeblickt wird und die Aufnahmetechnik
das Recyclen alter Aufnahmen in digitaler Klangqualität möglich
macht, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich Bornemann &
Co. ihrer Sternstunden erinnerten. Nun kommen sie also, die »Chronicles«
- ausgedehnte Epen im Stil der guten alten Zeit knallen und schwimmen
im Sound der neuen aus den Boxen. Nostalgikern sei die geschmackvoll zusammengestellte
Chronik durchaus ans Herz gelegt. Wer diese Musikrichtung allerdings wirklich
liebt, ist mit den wesentlich originelleren und spieltechnisch brillanteren
Frühwerken von YES, FLOYD und GENESIS weit besser bedient. Die ganz
Hartgesottenen können sich schon auf »Chronicles II«
freuen, die mit Sicherheit folgen soll. (lj)
ENERGY ORCHARD
Shinola
Essential Records
ENERGY ORCHARD aus Irland haben sich dem handfesten Blues-Rock verschrieben.
Kennzeichnend für die Band sind der virtuose Gitarrist Paul Toner,
die rauchige Stimme von Bap Kennedy sowie die überall zu findenden
Hammond-Sounds des Keyborders Kevin Breslin. Während die Mid-Tempo
Songs eher unauffällig sind, gehen das schnelle »Atlantic City«
und die Ballade »In My Room« mit Background-Chor ins Ohr.
Absolute Highlights der Scheibe sind jedoch die Irish Folk-Stücke
»The Star Of The County Down« und »I`m No Angel«,
wo E.O. ihre irische Heimat offenbaren. Der Klang der Platte ist an sich
o.k., stellenweise hätte er ein bißchen dynamischer ausfallen
können. Alles in allem aber eine überaus empfehlenswerte Platte.
(mr)
ENIGMA
The Cross Of Changes
Virgin
Sicherlich wird vielen noch das erste Enigma-Album mit seiner besinnlichen
Gregorianik in Erinnerung sein. Immerhin verkaufte der clevere Klangzauberer
Michael Cretu von dieser Scheibe weltweit über sieben Millionen Exemplare.
Nun folgt mit "The Cross Of The Changes" Teil 2 der schier unendlichen
Erfolgsgeschichte. Besonders deutlich wird auf dem neuen Werk der Einfluß
der Bombast-Veteranen Pink Floyd, was aber nicht negativ zu hören
ist. Ebenfalls kommt ganz deutlich heraus, daß Cretu einen offensichtlichen
Hang zur Mystik hat. Zwar hat der Musiker diesmal nicht die Gregorianik
geplündert, doch bedienen sich die Texte samt und sonders der Esoterik
und teilweise auch der Religion. Neben mittelalterlichen Motiven finden
sich auf dem Album auch einige hörenswerte Elemente aus dem Bereich
der ethnischen Musik. Der ein oder andere Titel wird mit ziemlicher Sicherheit
wieder in den Charts auftauchen. Denn Cretu hat es geschafft, Klang-Collagen
aus sphärischen Tönen und aktuellen Dance-Grooves homogen zu
mischen. (jü)
ERASURE
I Say, I Say, I Say
Intercord
...und wieder der Beweis, wie wichtig Strom aus der Steckdose ist. Andy
Bell und Vince Clarke knüpfen an ihre bekannte Disco-Tradition an.
Der Computer ist und bleibt eben ihr liebstes Instrument!!!
ERIC BURDON &
BRIAN AUGER BAND
Access all Areas - live
spv
Nachdem der Ex-Animals-/War-Boß und Mr. 60's-Organ zueinandergefunden
hatten, war es nur eine Frage der Zeit, daß dieses Ereignis auf
CD dokumentiert werden mußte. Hier kommt die Doppel-CD der beiden
alten Herren mit Live-Aufnahmen vom zurückliegenden Sommer. Da sind
sie wieder, die zeitlosen Klassiker: "When I Was Young", "Tobacco Road",
"River Deep Mountain High", "Spill The Wine" - und natürlich das
unvermeidliche "House Of The Rising Sun" (in 11-MinutenVersion, mit 2-minütigem
Gitarren-Intro). Ehrlich gesagt stelle ich es mir ja etwas trist vor,
jahrzehntelang die selben alten Schinken hoch- und runterdudeln zu müssen.
Während Brians Finger allerdings gelenkig und virtuos wie eh und
je die Läufe heruntersprudeln und den manchmal etwas monoton-klobigen
Songs Burdons einen jazzigen Kick verpassen, kann der Meister selbst die
Jahre nicht mehr verleugnen. Einst klang er wie ein Jagger mit tiefschwarzem
Timbre. Sicher, irgendwie hat er noch den Blues, aber es klingt nur noch
traurig und abgefuckt - heute glaubt man kaum noch, daß das strahlende
Timbre seiner Stimme die Lautsprecher zum Strahlen und die Herzen zum
Schmelzen bringen konnte. Da nützt es auch nichts, daß er ab
und zu auf Louis Armstrong macht. Wer allerdings bis zum Schluß
durchhält, wird mit einer funkig angehauchten Studio-Version des
Working-Blues-Klassikers "Sixteen Tons" entschädigt, bei der Eric
noch einmal fast zur alten Form aufläuft. Erwähnt werden muß
auch noch die originelle, ja skurrile Reggae-Version von "Don't let me
be missunderstood". Ansonsten: aufgewärmte Hausmannskost! (lj)
ERIC CLAPTON
From The Cradle
Reprise Records
Nach »Unplugged« hätte man es ja eigentlich ahnen können...
Aber welcher noch so eingefleischte Clapton-Kenner, bitte, hätte
vorauszusagen gewagt, daß Mister Slowhand je den Mut zu einer derartigen
Konsequenz aufbringt: rückhaltlose Rückkehr zur Wiege des Blues...
- nichts weniger mutet uns der Gitarrengott mit seiner neusten Platte
zu: 16 verstaubte Blues-Titel, darunter keiner von Clapton selbst geschrieben
- das ist schon, was man eine ausgewachsene Sensation nennen darf. Eine
Huldigung an den Blues mitten in den Techno-90ern, die mich fassungslos
mit der Frage zurückläßt, welche Überraschung uns
die lebende Rocklegende das nächste Mal servieren wird. Zur Platte
selbst: Das Konzept, bei den Aufnahmen weitestgehend auf Overdubs oder
Gesampeltes zu verzichten, also alles mit der Band in einem Durchgang
- sozusagen "live" - einzuspielen, verleiht dem Blues den notwendigen
"dreckigen" Sound, der dem Swing und dem Feeling der meisten Bluesnummern
am ehesten gerecht wird. Erstaunlich, was Clapton dabei selbst so abgelutschten
Blues-Klassikern wie »Hoochie Coochie Man« oder Dixons »Groaning
the Blues« abzugewinnen vermag, besonders was seinen früher
vielgescholtenen Gesang betrifft. Freilich werden bei 16 Bluestiteln in
Folge selbst die Hörgewohnheiten des gutwilligsten Hörers arg
strapaziert. Bin gespannt, wie die CD in den Charts abschneidet. Nach
dem Tode von Alexis Korner ist Clapton mit diesem Album jedenfalls vorerst
erster Anwärter auf den Erbtitel "King of the Blues". (pw)
EXUMA
Do Wah Nanny/Snake/Reincarnation/Life
Buddah Rec./Castle Communication
Bei Castle Communication-Deutschland sind jetzt vier Platten der afroamerikanischen
Percussionband EXUMA erschienen, die Anfang der 70er Jahre bei Buddah/Kama
Sutra-Records
erstveröffentlicht wurden. Obwohl beispielsweise Do Wah Nanny/'71
ihre meistverkauften LPs in Venezuela waren, handelt es sich hier nicht
um EXUMA's stärksten Scheiben, die unter "Obeah Man" Tony McKay entstanden.
Der Erstling "EXUMA" und der Nachfolger II, beide bei Mercury erschienen,
werden dagegen auch heute noch in einem Atemzug mit den besten und auffälligsten
Platten der 70ger genannt. Außer, daß ich diesen CD-Veröffentlichungen
schon lange entgegengefiebert habe, zähle ich diese Platten immer
noch zu den schönsten aus den Anfängen dessen, was heute unter
"Weltbeat" kursiert. Vielleicht erwacht man ja bei Mercury auch noch.
(om)
EYEHATEGOD
Take As Needed For Pain
spv
Ziemlich langweiliger doomiger Aufguß des ersten Werks. Industrial
und Hardcore - Zeichen unserer Zeit -hielten auch hier Einzug in die spannungslosen,
teils tristen Kompositionen einer Band ohne Format.
FANTASYY FACTORYY
Ode To Life
Ohrwaschl Rec.
Hendrix wird nie sterben. Zu groß war sein Einfluß auf die
Rockszene! Auch bei den Paderborner Psychedelic-Rockern von FANTASYY FACTORYY
hat das Gitarrengenie seine Spuren hinterlassen - große Spuren:
"Watching You" könnte spieltechnisch wahrlich aus Jimis flinken Fingern
stammen. Soll aber noch lange nicht heißen, daß "Ode To Life"
ein weiterer Hendrix-Abklatsch ist. Das in den Londoner Sun Dial Studios
aufgenommene Album entpuppt sich als eine interessante Psychedelic-Scheibe.
Fans dieser Spartenmusik dürfte es auf jeden Fall ein Aufhorchen
wert sein, auch Liebhaber von Pink Floyd aus früheren Tagen sollten
ihm ruhig mal ein Ohr leihen ("Spooky"). Einziges Manko: der Gesang Alan
Teppers ist stellenweise doch gewöhnungsbedürftig. (hs)
FEAR FACTORY
Soul Of A New Machine
Roadrunner
Hölle, Hölle die "Angst Fabrik" macht ihrem Namen alle Ehre,
die Double Base drückt dich an die Wand, die Gitarren fräsen
sich gnadenlos den Weg frei, der verzehrte Bass bohrt sich ins Schmerzzentrum,
und die Hasserfüllte Stimme von Burton C. Bell (Dry Lung Vocal Matyr,
sagt das Cover) gibt zu denken: "Every 25 Seconds someone is brutally
violated", doch dann schwebende Sounds, langsame Grooves und Mr Bell zeigt
sein anderes Gesicht, eine Engelsgleiche Stimme! Hat man sich gerade auf
die unverhofften Harmonien eingelassen, gibts gleich Rache, mitten im
Abschweben trifft einen die Double Bass wie Atllerie in die Fresse. Was
die vier Jungs aus ihren (mit bedacht) total verstimmten Instrumenten
rausholen ist wohl die härteste und brutalste Musik die es zur Zeit
gibt, aber die immer wieder eingeschobenen spährischen Parts (einfach
genial) zeigen das die vier auch anders können. Kaufen! (Übrigens,
ende April bringen Fear Factory eine 5 Track Mini-CD, mit 5 hammerharten
Dancefloor Titeln, kanns kaum erwarten)
FRANK BLACK
The cult of Ray
Sony Music
Welch exzellentes Werk! Der Ex-Pixies-Frontman Frank Black hat sein zweites
Solo-Album vorgelegt - und überzeugt mit einer sägenden Mischung
aus frühem Punk, postmodernen Independent und progressiven Metal.
Kühn konstruiert und dennoch mit einer ungestümen Extremität
schleppen sich 13 Songs dahin, die ganz im Zeichen der straighten und
starken Vocals von Frank Black stehen. Aufreizend langsam zerbröseln
anfangs die Akkorde, um dann in einen stoisch-wilden Gitarren-Sound zu
verfallen - beispielsweise bei »Kicked in the taco«. Nicht
genug: die ruhigen Songs auf dem Album (»The creature craling«,
»I don't want to hurt you«) sind so wunderschön egozentrisch,
daß sie schon fast Ruhe und Entrücktheit ausstrahlen. Ein Album,
das mal butterweich, dann wieder steinhart ist. Mit Finesse gebastelte
Arrangements zeigen Reife statt Lärm, die Songs sind geprägt
von dem spontanten und scheinbar unfertigen Charme eines schrammeligen
Garagen-Rocks. Turn up the volume! (tl)
FRANK ZAPPA
The Yellow Shark
Intercord
Lang haben wir diskutiert: Ist ZAPPA jetzt ein Spinner, der sich ein Denkmal
setzen will, oder ist er ein Genie? Ich plädiere für letzteres,
denn was ZAPPA auf "The Yellow Shark" zusammen mit dem renommierten ENSEMBLE
MODERN präsentiert, mag zwar sperrig klingen und unbedarfte Hörer
zunächst einmal verschrecken, offenbart aber ein tiefes, mit Humor
gesegnetes Verständnis für Musik. Die virtuos-komplexe
Komposition ist polystilistisch, ein erkenntnisreicher Trip durch die
musikalische Gegenwartskultur, die schwanger geht mit den Traditionen
europäischer und amerikanischer Musik. »The Yellow Shark«
zu hören bedeutet Arbeit für den Kopf, jedoch ohne die klassische
Anstrengung und Mühe. Man lauscht ZAPPAs Geschichten voller Interesse,
verfällt launischen Tempo- und Themenwechseln und sucht sich ein
harmonisches Ende, bis man, bedingt durch den einsetzenden Beifall, aus
allen Wolken fällt. "The Yellow Shark" offenbart nicht nur ZAPPAs
kompositorisches Talent, sondern zeigt einmal mehr das ungemeine Können
des ENSEMBLE MODERN, dem es trotz aller technischen Schwierigkeiten gelingt,
die Musik sehr emotional zu interpretieren. (ce)
FRED FRITH
String Quartets
RecRec
Seit FRED FRITH Anfang der achtziger Jahre auf der Bildfläche der
Avantgarde aufgetaucht ist, hat er an unzähligen Projekten unterschiedlichster
Couleur mitgearbeitet. Koryphäen wie John Zorn begleitete er in seinem
Schaffen ebenso, wie er Rocktheater mit 40 arbeitslosen Musikern organisierte
(Helter Skelter). Er ist ein postmoderner Musiker im besten Sinne, versteht
es, in verschiedenen Stilen souverän zu wirken. Mit solchem Können
gesegnet liegt es nicht fern, sich ans Komponieren zu wagen (bringt ja
auch 'ne Menge Reputationen). Frith komponierte insgesamt 20 "Stücke",
zehn für ein Streichquartett und zehn für ein Gitarrenquartett,
in dem Frith selbst mitspielt. Auf der CD machen die Stücke des Streichquartetts
den Anfang, ein Auf und Ab von Melodien und Noises, mal spannend, mal
enervierend, Spezialisten des Genres sollten mal ein Ohr riskieren. Die
zweite Hälfte der CD nimmt das Gitarrenquartett ein, und dieser Teil
begeistert mich immer wieder. Hier werden die vielfältigen Klangnuancen
der E-Gitarre in einen spannenden Klangkörper verwandelt. Stimmungsvoll
und überraschend, zwischen zarten Melodien und gewaltigem Krach (in
kleinen Dosen) bewegt sich das Quartett spielerisch. Fans von Sonic Youth
und Artverwandten ist diese Scheibe wärmstens zu empfehlen. (ce)
FRIGG
Dönerfressing Woman
99 Records
Ist der Titel nun politisch korrekt oder nicht, was ist das überhaupt
für 'ne Platte aus Berlin von 'ner Band namens FRIGG - obendrein
mit Klarinette, Cello, Bass, Schlagzeug und Gitarre? Schenkt man, dem
Titel zum Trotz, »Dönerfressing Woman« das Ohr, so wird
man, nicht gerade schmerzlos, mit Jazz-Rock konfrontiert. Nein, nicht
dieser abgegriffene Dudel-Jazz-Rock aus den 70ern, der heute allenfalls
noch für die Kaufhausberieselung brauchbar ist. Eher eine rockigere
Variante von New Yorker Avantgarde Jazz, überzeugend, montiert aus
John Zorn, Bill Frisell und ECM-Jazz la Gabarek, John Abercrombie
und Paul Montain. Eine Schnittmenge also, aus allem, was in den 80ern
gut und teuer war und in den 90ern hochgelobt wird. Von Plagiat muß
keine Rede sein, auch wenn sich schnell Assoziationen zu genannten Musikern
einstellen. Es ist erfrischend und rockig, was FRIGG da zaubern, ein wenig
gitarrenlastig vielleicht. Das mag den Jazzer stören. (Grunge-)Rock-Freunden
fällt es dafür wahrscheinlich um so leichter, mit »Dönerfressing
Woman« ihren Horizont zu erweitern. (ce)
FRONT 242
Live Code
Play It Again Sam Records
Im ersten Moment ist die Vorstellung etwas seltsam, die doch eher sterilen
Klänge von 242 mit Liveatmosphäre zu verbinden, aber die Stimmung
kommt gut rüber und ist absolut unaufdringlich. Nicht das Publikum
steht im Vordergrund, wie bei so manch anderem Live-Album, sondern einzig
und allein die Musik. Für Freunde melodiöser eingängiger
Musik wird »Live Code« wahrscheinlich ziemlich schnell nervend
und so aufdringlich wie die grellgelbe Hülle werden. Aber gerade
der treibende, aggressive Sound macht FRONT 242 aus. Bei genügender
Lautstärke packt es einen. Am Besten macht man dann nur noch die
Augen zu und läßt sich von der Musik schütteln. »Live
Code« hat das Potential, einen in Trance zu versetzen. Wenn man
sich erstmal darauf einläßt, kann man sicher auch als Nicht-Fan
den Zugang finden. Vor allem die Intros sind teilweise ziemlich geil -
trancig, sphärisch, spacig. Die völlig unsphärische Stimme
des FRONT-Frontmanns ist allerdings ein krasser Gegensatz dazu und führt
das Ganze wieder in eine völlig andere Richtung. Strange. (sh)
FUDGE TUNNEL
Creep Diets
RTD
Fudge Tunnels Debüt Album "Hate Songs in E Minor" wird oft mit Nirvanas
"Bleach" verglichen und das auch nicht zu Unrecht, doch schon damals machten
Fudge Tunnel klar, das es mit einfachem Grunge nicht getan ist. Das ganze
war doch wesentlich härter und, der Name ist Programm, Hasserfüllter.
Mit der neuen LP verhält es sich ähnlich wie von Nirvanas"Bleach"
zu "Nevermind", die Scheibe ist etwas harmloser geworden, in diesem Fall
heißt das etwas weniger Death mäßig. Trotzdem, Fudge
Tunnel schmieren den Grunge mit ihren megatonnenschwerem Gitarrenlärm
einfach in die Fuge, aber leider nicht mehr so intensiv wie beim ersten
mal. Das ganze klingt, für meine Ohren, etwas schlapp, hat Längen.
Irgentwie haben sich die Jungs zu sehr am Erfolg Nirvanas orientiert.Grunge
und Nirvanafans sollten dem Album trotzdem Gehör schenken, aber nicht
erschrecken.
FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE
The Hearing And The Sense Of Balance
spv
Mit 12 neuen Songs präsentieren sich FURY I.T.S. endlich wieder in
guter Form. In dem ansprechenden Papp-Cover verbergen sich melodische
Stücke, die zwar etwas kommerzieller als früher klingen, dafür
aber umso eingängiger sind - viel Schräges ist da nicht mehr
dabei. Der Gehörgang in variierter Gestaltung auf dem Cover und im
Inlet ist wohl symbolisch zu verstehen, denn die Musik geht wirklich ins
Ohr - nicht unbedingt zum Tanzen, aber ideal als unaufdringliche Hintergrundmusik.
Wer hinter dem Titel »Hang The DJ« eine Coverversion von THE
SMITHS erwartet, wird wohl enttäuscht sein, denn außer dem
Namen haben die Songs nicht viel gemeinsam. Dafür gestehen die Jungs
aber: "THE POLICE is the only kind of police we like". »Next To
You« ist ziemlich gut gespielt, Stings Stimme zu imitieren klappte
aber nicht so gut, wodurch das Stück doch etwas von dem alten Zauber
verliert. »Dancing In The Sunshine Of The Dark« ist mit 5:07
min. nicht nur längster Song, sondern auch als Auskopplung erhältlich
- es ist allerdings nicht unbedingt das Highlight der Platte. Ein besonderes
Bonbon für alle, die sich die Texte gern durchlesen: Unter jedem
Song steht eine Widmung, Warnung, Aufforderung oder Lebensweisheit der
Furies. »Rainy April Day« ist zum Beispiel eine traurige Widmung
an Kurt Cobains Tochter Frances Bean Cobain. Leider haben uns die Jungs
all ihre Gedanken in englisch mit auf den Weg gegeben - warum nur?! (sh)
G. G. F. H.
Disease
RTD
G. G. F. H. das steht für Global Genocide Forget Heaven, genauso
krank wie der Titel ist auch die Musik der beiden Musiker aus San Francisco.
Kategorien für diese Musik müssen erst noch gefunden werden,
G. G. F. H. lassen sich wohl am besten mit Psycho Ultra Trance Industrial
Techno beschreiben, wobei das Psycho groß geschrieben ist. Was Brian
Walls und Ghost( nennt sich echt so) zusammensampeln, mit Effekten garnieren
und genialen Grooves unterlegen ist so ziemlich das abgefahrenste was
es zur Zeit gibt, und dürfte für einige Zeit zur Meßlatte
werden. Expititionen zwischen blubbernden Ölteppichen, quatschenden
TV-Sendern und gespenstisch groovenden Drumcomputern, atmospharisch, abgefahren.
Electronic, Techno, Trance etc Fans, aber auch alle anderen die irgendwie
auf der Schattenseite stehen sollten reinhören das Teil ist Genial!
GANZ SCHÖN FEIST
Pille Palle
Rough Trade
Wer Freude hat an den Konzerten des Göttinger Trios, wird sicher
auch diese CD mögen. Obwohl die "Feisten" hier ein wenig den Versuchungen
der Studiotechnik erlegen sind, indem sie ihren minimalistischen Pop mit
allerhand Effekteschnickschnack aufpolieren. Das verkleinert den Abstand,
den die live höchst originellen Drei zum Rest der Pop-Welt haben!
Wie dem auch sei: Sie beweisen stets Geschmack und Stil, wenn sie die
schrägen Seiten unserer Gesellschaft ins Visier nehmen. Egal, ob's
um Gummipuppen-Liebe, Kiffer-Debilität, Tablettensucht oder Sektensumpf
geht - man findet zu allen Themen frotzelnde Verse im dezenten Arrangement.
Wut, Verzweiflung oder Aggressivität schleichen sich allerdings nie
in Musik und Texte ein. Man bewahrt sich eine freundlich lächelnde
Distanz zum Rest der Welt! So richtig unter die Haut geht es deshalb auch
nur beim Thema Nummer 1: Mit »Sieben lange Jahre« gelingt
ihnen das bittere Psychogramm einer gescheiterten Beziehung, mit »Der,
der den Honig sammelt« setzen sie dem bindungsunfähigen Verführer
sein lang verdientes Denkmal. (lj)
GARY FLOYD
World of Trouble
Glitterhouse
Der Sister Double Happiness-Leader präsentiert das brutalste Akustik-Album,
das ich je gehört habe. Eigentlich logisch. Denn: "Die Seele dieser
Platte ist Punk."
DROM: The Final Corporate Colonization Of Uncouncios
Dream- and Drone-Trancetrips aus den unbewußten Untiefen globaler
Computernetze, hochgradig psychoaktiv und entspannend, komischerweise
in Kassel an die Oberfläche geholt und aufgenommen.
GERD KÖSTER
Alles im Griff
BMG
Kölsche Lebens- und Binsenweisheiten, die Gefühle des Rocks
und des Blues: irgendwie schmierig, das Ganze. *
GILRAIN
Hallelujah
Autonom
Die Kasseler Band GILRAIN weiß jetzt etwas genauer, wo's hingehen
soll: "Folk? Rock? Folk-Rock!" wurde ganz programmatisch auf den Silberling
aufgedruckt. Auf diesem Tonträger klingen die Jungs, die auch live
immer wieder für prima Stimmung sorgen, als hätten sich die
HOOTERS zu einer Session mit BOB DYLAN verabredet. DYLAN ist unüberhörbar
das Vorbild des Sängers, bei dem er sich dann auch mit einer Cover-Version
von »Farewell Angelina« bedankt. »Hallelujah«
kommt locker und erfrischend originell über die Boxen. Eine Gute-Laune-Platte,
um morgens auf Touren zu kommen! Ab und zu weht dann noch ein Hauch Melancholie
durch die Melodien. Die Produktion kommt allerdings recht ungeschliffen
daher - doch was macht's angesichts der vielen blitzblank aufpolierten
Digital-Kacke. (lj)
GOLDIE
Timeless
Metalheads/FFRR
"GOLDIE wird der erste Superstar der Hardcoreszene...", schrieb Ende letzten
Jahres das Szeneblatt "Frontpage". Egal, ob man es nun Hardcore, Breakbeat
oder Jungle nennen will, fest steht, daß der Engländer mit
dem Goldzahn über den Underground hinaus die Dance-Szene mit diesem
Album nicht nur aufrüttelt, sondern ihr eine nötige "Innovationsspritze"
verpaßt. Natürlich gibt es diese komplizierten, wilden Drum-
& Bassrhythmen, sogenannte Breakbeats in England schon seit dem Ende
der kurzen Acid House Bewegung 1989 (Smiley-Boom). Sie wurden allerdings
schon lange nicht mehr so interessant präsentiert und bieten eine
Abwechslung zum ewigen 4/4-Stakkato der üblichen Techno-Musik. Die
scheinbar unmögliche Verbindung zwischen den brutalen Beats und Trance-typischen
Flächen, zusätzliche die ungewöhnlich häufigen Vokals
machen den Hardcore/Jungle angenehm, ohne ihm besonders an Härte
zu nehmen. Ein geniales Werk, das sicherlich nicht ohne Einfluß
auf die Dancefloor-Szene bleiben wird. (md)
GOREFEST
False
(Nuclear Blast/SPV)
"Kommt echt brachial" stand in der Presseinfo. Kein Wort zuviel versprochen,
brachial ist wohl der Begriff, der auf die neue Gorefest am besten zutrifft.
Die Band errichtet mächtige "schwarze" Soundwälle, mit druckvollen,
fast megatonnenschweren Drums. Dazu gibt es ordentlichen Leichenfledderergesang
und dicke, fette Rhythmusgitarren. Gut durchgebreakt und mit dieser und
jener Melodie versehen ist das Ganze obendrein. Ein geiles Teil, vor allen
Dingen nicht so langweilig wie das übliche Deathgeballere - doch
keine Angst, die Songs sind ordentlich schnell! (ce)
GOREFEST
False
Nuclear Blast/SPV Incubator Mc Gillroy The Housefly SPV/ West
Virginia
Genial, was da im Bördekaff Bühne, 200 Meter von der Dorfkirche,
verbraten wurde!
Psychedelischer Death'nDoom Metal erster Güteklasse. Wabernde, düstere
Gitarrenriffs und Melodien, groovender Bass und Drums, dazu ein Sänger
der vom tiefen Grunzen bis zu hohem psychedelischen Gesang alles Beherscht,
ein wahnsinniges, atmosphärisches Gebräu. Dabei driftet das
ganze aber nie in Geknüppel oder Gezanke ab. Die Texte von" Mc Gillroy
The Housefly" befassen sich mit den (Drogen ? ) Fantasien des Sängers.
Den fünf Musikern gelingt es hervorragend die zugrundeliegende, morbide,
wahnsinnige Stimmung zu fangen. Es mag ja vermessen, sogar blasphemisch
klingen, aber für mich hat diese Musik eine ähnliche Dimension
wie die der Doors.
GOREFEST
The Eindhoven Insanity
Nuclear Blast
So ziemlich jeder Freak aus der Region war vom 29. bis 30. Mai letzten
Jahres in Eindhoven anzutreffen - ich hab mich fast schon verfolgt gefühlt!
Aber egal, den meisten dürfte GOREFEST in Erinnerung geblieben sein.
Neben FEAR FACTORY waren sie wohl der härteste Act on Ground. Nebenbei
haben sie auch einen hervorragenden Gig abgeliefert, der jetzt als CD
vorliegt. Der Sound ist okay, und sogar einige kleine Verspieler sind
dokumentiert. Im Booklet steht ein Märchen über den Drummer,
der angeblich 2 Tage vor dem Gig an der Hand operiert worden ist, aber
das müssen wir ja nicht glauben, auch so sind die Jungs ganz schön
hart. Fazit: Wer im Mai dabei war, sollte sich die CD als Andenken gönnen,
für GOREFEST-Fans ist das Teil eh ein Muß, liegen doch die
besten Stücke hier live vor. (ce)
GOREFEST
The Eindhoven Insanity
Nuclear Blast
So ziemlich jeder Freak aus der Region war vom 29. bis 30. Mai dieses
Jahres in Eindhoven anzutreffen - ich hab mich fast schon verfolgt gefühlt!
Aber egal, den meisten dürfte GOREFEST in Erinnerung geblieben sein.
Neben FEAR FACTORY waren sie wohl der härteste Act on Ground. Nebenbei
haben sie auch einen hervorragenden Gig abgeliefert, der jetzt als CD
vorliegt. Der Sound ist okay und sogar einige kleine Verspieler sind dokumentiert.
Im Booklet steht ein Märchen über den Drummer, der angeblich
2 Tage vor dem Gig an der Hand operiert worden ist, aber das müssen
wir ja nicht glauben, auch so sind die Jungs ganz schön hart. Fazit:
Wer im Mai dabei war, sollte sich die CD als Andenken gönnen, für
GOREFEST-Fans ist das Teil eh ein Muß, liegen doch die besten Stücke
hier live vor. (ce)
GREAT WHITE
Sail Away + Anaheim Live (DoCD)
BMG
Die vor einigen Jahren besonders in den USA sehr erfolgreichen GREAT WHITE
landeten mit ihrem letzten Album einen Riesen-Flop. Mit neuer Plattenfirma
soll nun alles anders werden, man zielt wieder auf die großen Erfolge
vergangener Tage. Neuland betreten die US-Rocker mit ihrer aktuellen Scheibe
zwar nicht, doch ist sie trotzdem anders als alle früheren LP's.
Das Material besteht fast ausschließlich aus Balladen, teils akustisch,
teils mit rockendem Gitarrensound unterlegt. Wollen GREAT WHITE nun noch
in den letzten Wagen des längst fahrenden Unplugged-Zuges aufspringen,
um die Kurve zum Erfolg wieder zu kriegen? Zwar sind die Hardrocker allgemein
in Balladen fast immer stark, doch diesmal fehlen irgendwie die Ideen.
Nicht mehr zeitgemäß nennt man das wohl? Gut hingegen ist das
gelegentlich auftauchende Saxophon. Wer sich beeilt, der erhält die
Scheibe als Doppel-CD. Denn die Erstauflage enthält zusätzlich
eine Live-CD, aufgenommen in Anaheim/ USA. Dort kann man wieder hören,
welch gute Liveband GREAT WHITE sind. Vor allem bei dem tollen LED
ZEPPLIN-Cover »Babe, I'm Gonna Leave You«. (hs)
GREEN DAY
Insomniac
Reprise
Der Aufsteiger des letzten Jahres, die beste Mischung zwischen BEATLES,
WHO und SEX PISTOLS, die es je gab, hat zum zweiten Schlag ausgeholt.
Schon der Opener läßt keinen Zweifel zu: Selten ist es einer
Band gelungen, eine so gradlinige Verlängerung ihres Vorgängers
hinzulegen. Schon dort wiederholten sich die Fun-Punk-Riffe, Born-to-be
wild-Akkordfolgen und Mitgröl-Melodien ständig, bis sie - und
MTV verstärkte durch permanente Ausstrahlung ihrer Songs diesen Trend
- aus den Gehörgängen nicht mehr wegzulöschen waren. Immerhin:
die Variation des immer Gleichen gelingt dem Kopf der Gruppe, Billie Joe
Amstrong, auch auf "Insomniac" perfekt - und das ist keine geringe Kunst!
Also ein programmierter Millionenseller mit totsicherer Erfolgsgarantie,
als dessen ambitionierteste Kompositionen wohl "Panic Song" und "Brain
Stew" gelten dürfen. (pw)
GRIP INC.
Power Of Inner Strength
Steamhammer/SPV
"Wenn es nach den Pressereaktionen ginge, müßten wir schon
Millionen verkauft haben." Gitarrist Waldemar Sorychta ist geknickt. Zuletzt
als Komponist und Musiker maßgeblich an Philip Boas Metal-Projekt
»Voodoocult« beteiligt und als Produzent gefragt (VC, TIAMAT),
muß er wie jeder Musiker feststellen, daß Talent in Deutschland
weit hinten rangiert. Sollte sich wider Erwarten Qualität auf Dauer
doch durchsetzen, haben GRIP INC. jedoch allerbeste Chancen. Die ewigen
Vergleiche mit SLAYER sind freilich total daneben. Natürlich drückt
deren Ex-Drummer DAVE LOMBARDO »Power Of Inner Strength« seinen
krachenden Stempel auf. Das Ganze ist aber viel rhythmischer als bei den
exzentrischen Totschlägern, quasi ein Lehrbuch für intelligentes
Powerdrumming. Daß die Songs über jeden Zweifel erhaben sind,
ist ebenso ein Verdienst von Shouter Gus Chambers. Seine Lyrics gehören
zu den besten, die ich dieses Jahr lesen durfte: Nicht eine nichtssagende
Zeile. Bravo! In punkto Ausdruckskraft ist noch mehr drin, doch für
den Anfang ist die Interpretation vollauf gelungen. Doppelbravo! Ein Granitblock
von einem Album, dessen animalischer Anziehungskraft auch zahlreiche Fans
gemäßigterer Klänge erliegen werden. (ms)
GRÖNEMEYER
Cosmic Chaos
EMI
Herbert Grönemeyer ist immer zu Experimenten bereit. Diesmal hat
er ausprobiert, wie seine Lieder im Techno-Arrangement klingen. An den
Stücken seines Chaos-Albums durften sich erfahrene Remixer wie Felix
J. Gauder, Matiz/AC 16, Alexx Antaeus und Tony Catania/Ingo Kays versuchen.
Besonders angetan hat es den Technoten die Ballade »Morgenrot«:
Gleich 4 Versionen dieses Stückes sind auf der CD enthalten. Daneben
gibt es noch »Chaos«, »Land unter« und »Die
Härte« mit abgefahrenen Synthie-Sounds, wildem Gezirpe, herrlichen
Klangflächen und durchlaufenden Bass-Drums. Insgesamt knapp 50 Minuten
Herbie, wie man ihn noch nicht kennt! Wer's gerne durch die Boxen knallen
und zischen läßt, um sich den ultimativen Adrenalin-Kick zu
geben, liegt goldrichtig: die Mischung stimmt nämlich. Einige Remixe
sind zudem recht lang ausgefallen! Der Höhepunkt steht gleich am
Anfang: Felix J. Gauders Trance-Mix von »Morgenrot« läßt
einem die wohligen Schauer nur so den Rücken herunterfließen.
(lj)
GURU
Jazzmatazz
Chrysalis
Rapper Guru alias Keith E von GANG STARR hat illustre Jazzer ins Studio
gebeten, um eine Fusion von Jazz und Hip-Hop jenseits des schnellen Sample-Zitats
zu wagen. Neben vielen anderen schauten Spitzenmusiker wie Donald Byrd,
Roy Ayers und Zachary Breaud sowie der französiche Star-Rapper MC
Solaar beim Ober-Guru vorbei. Der gab meist lediglich einen coolen Groove
vor und dann hieß es: Bühne frei zur Improvisation. Die Mixtur
irritiert und stimuliert zugleich - perlende Vibraphonläufe und virtuose
Bläserausbrüche über monoton treibenden Beats und nüchternen
DJ-Kommentaren. Da wird deutlich, daß die Grundform des Rap im amerikanischen
Talking Blues bereits vor Jahrzehnten gelegt wurde - oder war's gar vor
Jahrhunderten bei Onkel Tom? Die schwarzen Wurzeln beider Stile treten
deutlich zutage. Ein Cross-Over, das Sinn macht! (ml)
HAL RUSSEL NRG ENSEMBLE
The Hal Russel Story
ECM
Ist es nun der wohlverdiente Erfolg der Hal Russel posthum zuteil wird,
oder ist es wieder einmal die übliche kommerziele Leichenflederei,
wenn ECM eine Art musikalische Autobiographie Russels 1 Jahr nach seinem
Tod veröffentlicht? Guten Gewissens kann man "The Hal Russel Story"
als endlich erfolgte Würdigung eines Jazz-Musikers verstehen, der
Zeit seines Lebens im Schatten jener Größen (u.a. Miles Davis
u. John Coltrane) gestanden hat, deren Erfolg er als ungemein vielseitiger
Multiinstrumentalist begleitet hat. Russel hatte Ende 92 sein Soloalbum
"Hals Bells" vorgestellt, das ihm zum ersten Mal breitere Aufmerksamkeit
zuteil werden ließ. Gleich in Folge stellte er sein NRG Ensemble
zusammen, dessen erstes Projekt eine Art Reise durch das musikalische
Leben Russels war. Kurz nach Abschluß der Aufnahmen verstarb Russel.
Sein musikalisches Testament ist ein schriller Trip durch die Epochen
des Jazz, die Russel mitgestaltet hat. Russels Humor und Spielfreude läßt
es allerdings nicht zu bloßer Reminiszens treiben, vielmehr balanciert
er geschickt Kitsch, Kunst und Verballhornung. Die hektischen Bläserarrangements
und die Verwendung kurioser Instrumente stellen jenen Phatos und jene
Ernsthaftigkeit in Frage, die Intellektuelle dem Jazz immer unterstellen,
darüber hinaus offenbart sie Russels Respektlosigkeit vor den Dogmen
des Jazz.
HAL RUSSELL
Hal`s Bells
(ECM)
Traurig, daß manche Künstler erst nach ihrem Tod bekannter
werden. Hal Russell war gerade dabei aus dem Schatten der Jazzgrößen
(Miles Davis, John Coltrane, etc) mit denen er gespielt hatte, herauszutreten,
als er starb. Die traurige Nachricht erreichte die Plattenfirma gerade
bei der Europaveröffenlichung seiner neuen CD Hal`s Bells.
Auf seiner ersten und wohl auch letzten Soloproduktion profiliert sich
Russell als humoriger Multiinstrumentalist. Sämtliche Instrumente
(Sax, Trompete, Drums, Percussion etc, etc) wurden von ihm selbst gespielt.
Russell tritt gekonnt mit sich selbst in Dialog, pflicht dichte Soundteppiche
ohne sich in Spielerreien zu verlieren. Traurig das es seine letzte Scheibe
ist. (A. D.)
HALBTROCKEN
Good Morning
ADD
Am Anfang scheint es so, als sei der CD-Player kaputt. Ist er aber nicht,
ist nur eine Spielerei der ulkigen Göttinger Jungs mit verzerrten
Gitarrenklängen, die per Pitch-Regler stufenlos von langsam auf schnell
gezogen werden. Dann klingt es ein wenig nach DYLANS oder CHARLATANS,
sprich: Der Doors-Einschlag ist unüberhörbar! Nur hört
sich das auf den 6 Stücken der Einstiegs-CD von HALBTROCKEN wesentlich
rauher an als bei den Heroen der ravigen Sixties-Revival-Sounds. Mit Studio-Schnickschnack
haben sie nicht allzuviel im Sinn, mit glatter Spieltechnik auch nicht.
Das klingt sympathisch frisch - der Titel »Good Morning« verspricht
nicht zuviel, hier sind echte Muntermacher am Werk. Fazit: Für ein
Debüt gar nicht so übel, allerdings hätte noch ein bißchen
mehr Spielwitz der live wirklich umwerfenden Combo in die Studioproduktion
einfließen können. (lj)
HAMID BAROUDI
City No Mad
Vielklang
Kenner aus dem Kasseler Raum werden Hamid Baroudi noch von den DISSIDENTEN
her kennen. Jetzt hat er ein beachtliches Solo-Debüt vorgelegt. Ganz
im Stil der DISSIDENTEN sind noch die typisch afrikanisch-algerischen
Melodien, die aber - klug in moderne Sound-Gewänder gekleidet - durchaus
hitverdächtige Qualitäten besitzen. Die wortwörtlich internationale
Besetzung - Musiker aus 8 verschiedenen Ländern rechtfertigen das
Label "World Music" - läßt keinen Zweifel daran aufkommen,
daß hier arabische und europäische Klangwelten zu einer gelungenen,
ja, genialen Synthese verarbeitet worden sind. So braucht Baroudi in den
meisten Songs seiner Produktion keineswegs Vergleiche mit MTV-Preisträger
Youssou N'Dour (»7 Seconds«) zu scheuen. Wenn auch sein auf
dem Beiblatt dreisprachig abgedruckter Werdegang stark nach einem orientalischen
Märchen klingt, so ist doch unverkennbar, daß Hamid Barudi
in seinen Texten gewagt kritische Töne hinsichtlich der politischen
Entwicklung seines Vaterlandes anschlägt, so z.B. in dem Song für
den von algerischen Fundamentalisten ermordeten Politiker Boudiaf. Seine
politischen und musikalischen Visionen sind allemal hörenswert, zumal
man sich den magischen afrikanischen Rhythmen, die einen Peter Gabriel
schon immer fasziniert haben, kaum entziehen kann. (pw)
HANS SÖLLNER
Grea Göib Roud
Trikont/Indigo
Ein alter Reggae-Freak ist er, daher auch der farbige Titel. Ehemals tourte
Söllner mit BAYERMANN VIBRATION durchs Land und gab den ersten Bayern-Reggae
zum besten. Immer schon hat er sich Gegner und Freunde gleichermaßen
durch sein freches Mundwerk geschaffen, hat sich die intensive Fürsorge
des Verfassungsschutzes gesichert. Jetzt, mit seiner Soloscheibe »Grea
Göib Roud« steigt er auf aus dem bayerischen Underground, präsentiert
sich als erstklassiger Mundart-Liedermacher des Südens mit anarchistischer
Ader. »He was is« oder »Wos kon i mera verlanga«
sind nur zwei von 15 teils zynischen, humorvollen, nachdenklichen und
immer wieder direkten Song. Klasse! (om)
HAPPY CADAVRES
Seelenbinder
EFA
Nachdem das "Autumn" Debüt in Eigenproduktion überzeugender
als so mancher vielbeworbener "Highseller" eine große Fangemeinde
mit seiner ungeschliffenen charmanten Direktheit
gewinnen konnte, ist die Meßlatte hoch, die sich die Magdeburger
Gitarrenformation um die stimmgewaltige Heike Seipel selbst gesetzt hat.
"Seelenbinder" glänzt durch unerschöpflichen Ideenreichtum von
Klang und Komposition, Dynamik und Ausdruck. Die mal rotzig lärmende,
mal sanft einlullende Stimme kennt nur die Grenzen der eigenen Intimität,
kanalisiert die Ängste und Schwächen ungekünstelt. Dumpf
rollende Drumsequenzen phrasieren die kompakte und kraftvolle Gitarren-
und Bass-Sektion, die die eindrucksvolle Homogenität dieser Combo
untermauert. Ultimatives Crossover aus Sentiment und Härte, irgendwo
zwischen Siouxie und Sonic Youth. tb
HARDFLOOR
Mr. Anderson - Fish & Chips
Harthouse
Wer hätte es gedacht, endlich nochmal eine HARDFLOOR, die sich von
ihren letzten üblichen 303- und 909- (Bezeichnungen von Roland Drumcomputern,
mit denen herrliche ACID-Sounds erzeugt werden) Tracks oder Remixen deutlich
abhebt. Der Anfang erinnert ein wenig an Jaydee's "Plastikdream" (Sommerhit
'93), was sich aber nach kurzer Zeit schlagartig ändert. Langsam
baut sich da was mit kreisenden Hi-Hats auf, die sich mit ineinander aufpeitschenden
Acidgewittern verbinden. Die B-Seite braucht man daher auch gar nicht
zu besprechen, weil die A-Seite sowieso schon zum Kauf verpflichtet. (pb)
HEINER GOEBBELS
Shadows, Landscape With Argonauts
ECM
Schon zu Zeiten, in denen es noch keine Sampler gab, montierte HEINER
GOEBBELS aus Fetzen der akustischen Umwelt Klangkollagen. Damals, in den
Achtzigern, operierte er noch im avantgardistischen Untergrund, von wenigen
Kennern geschätzt erarbeitete er sich einen wohlverdienten Kultstatus.
GOEBBELS' Beiträge zur akustischen Erfassung und zur Kartographierung
der Medienzivilisation beschränkten sich nicht nur auf Klänge,
auch Lyrik und Prosa fanden immer wieder Niederschlag in seinen Werken,
was ihm die Aufmerksamkeit von Literaten wie Heiner Müller bescherte.
So ergab sich eine Zusammenarbeit, deren neueste Frucht die vorliegende
CD ist, die zudem auf dem renommierten Jazzlabel ECM erschien. GOEBBELS
verarbeitete Texte von Heiner Müller und Edgar Allen Poe zu einer
Art musikalisch-akustisch unterlegtem Hörspiel. Doch die umfangreichen
Texte werden nicht von professionellen Sprechern vorgetragen, sondern
hundert willkürlich gewählte Passanten auf Bostoner Strassen
wurden gebeten, jeweils einen Teil vorzutragen. Diese Episoden werden
von Musik- und Noise-Collagen unterbrochen. Spannung entsteht schon allein
dadurch, wie unterschiedlich die Texte vorgetragen werden. Heiner Müllers
Text ist reich an Metaphern und Anspielungen, eine Fundgrube, die Kleinodien
aus Mythologie, Menschheitsgeschichte und Psychoanalyse enthält.
Dazu gesellt sich die ungewöhnliche Musik. Der orientalische orientierte
Gesang Sussan Deihims ist von ergreifender Intensität und streckenweise
beneidenswerter Leichtigkeit. Sie wird von einer Band begleitet, die auf
gefällige Art sperrige Musik macht und dabei tierisch groovet. Keine
Scheibe, die nach dem ersten Hören abgehakt ist, aber auch keine,
die ihre Klasse sofort verrät. (ce)
HELLOWEEN
Chameleon
Sieh da, sieh da, auch die gibt's noch. Nach langer Pause melden sich
die Jungs zurück. »Chameleon«!! Treffender kann man ihren
Wandel gar nicht beschreiben... Die neue HELLOWEEN ist softer, melodiöser
und ausgefeilter geworden. Ein paar alte Fans werden wohl enttäuscht
die CD verachten, aber dafür wird es mit Sicherheit viele neue Freunde
geben. Es war wohl auch nach dem Flop mit »Bubbles« Zeit für
einen Wechsel und neue Ideen. Diese Stimmung schlägt sich in »Revolution
now« und »I believe« nieder. Die Kürbisse haben
sich zusammengerauft und präsentieren einen excellenten Mix an Rock,
Balladen und unverwechselbarem HELLOWEEN-Sound. Helloweenial! Warnung:
Nichthören wird mit einer Strafe nicht unter 10 Kürbissen belegt!
(mk)
HELMET
Betty
Atlantic Records
Mit »Meantime« holten sie Gold. Spätestens seit diesem
Zeitpunkt kennt jeder Freund des groovenden Metals die bestechenden Merkmale
der Musik, die HELMET kreiert: kurze Songkonstruktionen, die sowohl vom
brachialen Sound der Rhythmusgitarre als auch von extrem harten Schlagzeugrhythmen
leben. Um den Erwartungen der Fans gerecht zu werden, mußten sich
HELMET für ihren Neuling schon etwas Neues einfallen lassen. Doch
die aktuelle Produktion der New Yorker übertrifft sämtliche
Erwartungen. Neben den weiter vorhandenen Markenzeichen haben es HELMET
geschafft, songinterne Melodiebögen zu spannen, die aus den zusammengesetzten
Rhythmusfiguren richtige Lieder machen. Page Hamiltons Gesang hat sich
ebenfalls stark verbessert. Wie beim Vorgänger ist HELMET auch bei
»Betty« eine harte und druckvolle Produktion gelungen. Ein
herausragendes Werk, das jedoch noch nicht das Endstadium der Fähigkeiten
der Musiker zeigt. (ar)
HELTER SKELTER
Same
Freibank
Helter Skelter, das ist eine "Oper" die aus der Zusammenarbeit von Theaterregisseur
Francois-Michel Pesenti und dem Jazz, No Wave Musiker Fred Frith entstand.
5 Monate arbeiteten die Musiker von den Schauspielern getrennt, erst zwei
Wochen vor der Premiere traf man sich um die Zusammenarbeit zu koordinieren.
Ursprünglich aufgeführt in Brüssel, liegt nun die Musik
dieser eigenwilligen "Oper" auf CD vor. Für die Musik war natürlich
Fred Frith zuständig, zusammen mit 16 arbeitslosen Rockmusikern und
drei außergewöhnlichen Sängerinnen arrangierte er ein
Konglomorat sämtlicher Stile, die Musik steckt voller Wiederspruche,
hat Risse, Narben, wechselt ständig ihr Gesicht. Selbst wenn man
sich reingehört hat, wenn es gelungen ist die wiedersprüchlichen
Fragmente zusammenzusetzen, wird man immer wieder überrascht, neue
Details tun sich auf neue Brüche offenbaren sich, und immer wieder
der Schreck wenn eine der Sängerinnen erschossen wird. Diese CD braucht
Zeit, man muß der Sperrigkeit der Musik mit viel Geduld begegnen,
nur dann wird man Helter Skelter schätzen lernen.
HEMPELS UNTERM SOFA
Knapp daneben
Twin
Na also, es geht doch: knackiger Blues-Rock mit bissigen deutschen Texten.
Egal, ob es um Autobahn-Raser, Muttersöhnchen, frustrierte Altkommunisten,
larmoyante Selbsthilfegruppen oder gar die deutsche Einheit geht - die
HEMPELS begegnen dem Zeitgeist mit gnadenlosem Witz genau dort, wo er
"knapp daneben" liegt. Dabei können sie ihre Herkunft aus'm Ruhrpott
nie verleugnen - solch ein abgeklärter Blick auf unser Land gedeiht
wohl nur zwischen Schalke, Currywurst, Fabrikschloten und sozialdemokratischen
Dauermief. Und obwohl die Gruppe viel zu sagen hat, kommt sie niemals
so message-schwanger oder aufklärungs-bemüht auf den CD-Teller
wie die Freunde von der Liedermacher- oder Polit-Rock-Front. Das Werk
explodiert vor Spielfreude - vorwärtreibende Groove, fetziger Chorgesang
und zupackende Gitarren-Soli. Die Plattenfirma hatte der Gruppe drei Monate
Pult und Tape in den Probenraum gestellt -der Produktionsprozeß
ohne Zeitdruck macht sich positiv bemerkbar. (lj)
HOLGER CZUKAY
Moving Pictures
SPV
Can waren eine der erfolgreichsten und besten deutschen Rockbands, Holger
Czukay gehörte auch dazu, seit etlichen Jahren ist er auch Solistisch
aktiv. Moving Pictures erhebt den Anspruch Musik für Filme im Kopf
zu sein, für solche die noch nicht gedreht worden sind. Diesem Anspruch
wird die Scheibe auch gerecht, Moving Pictures nimmt einen an die Hand
und entführt in imaginäre Landschaften, ohne zu Langweilen.
Czukay hat es nicht nötig zu erschrecken, (doch aufgepasst auf die
Schritte), seine Klanggemälde sind fast schon gefällig, stets
harmonisch und auch faszinierend vom Anfang bis zum Ende. Nicht unbedingt
Meditativ aber nahe dran. Außerdem gibt es reichlich Zitate und
Remisenzen an die Geschichte der Psychedelischen Musik. Ein Panoptikum,
für jeden selbst zu entdecken. 7-93
Czukay
HOLGER CZUKAY
Moving Pictures
SPV
CAN waren eine der erfolgreichsten und besten deutschen Kraut-Rockbands
der 70er, Kenner haben noch ihre geniale Musik zu Durbridge- und Tatort-Krimis
im Ohr. Holger Czukay gehörte maßgeblich zur experimentierfreudigen
Kölner Combo. Seit etlichen Jahren ist er auch solistisch aktiv.
Sein neues Werk »Moving Pictures« erhebt den Anspruch, Musik
für Filme im Kopf zu bieten. Für solche, die noch nicht gedreht
worden sind. Diesem Anspruch wird die Scheibe voll gerecht: »Moving
Pictures« nimmt einen an die Hand und entführt in imaginäre
Landschaften. Czukay hat es nicht nötig, zu erschrecken - doch aufgepaßt
auf die Schritte -, seine Klanggemälde sind fast schon gefällig,
stets harmonisch. Doch sie langweilen nie, bleiben faszinierend vom der
ersten bis zur letzten Minute. Nicht unbedingt meditativ, aber nahe dran!
Der Elektronik-Veteran geizt darüberhinaus nicht mit Anspielungen
an die Geschichte der psychedelischen Musik. Ein interessantes Panoptikum
fürs Hirn-Kino! (ce/lj)
HOLY MOSES
No Matter, What's The Cause
SPV
Vergeßt alles, was ihr bis jetzt von HOLY MOSES gehört habt,
»No Matter...« ist anders. Den Part des Bassisten übernahm
kein geringerer als S.O.D./BRUTAL-TRUTH-Mitglied Danny Lilker, ergänzt
durch Ausnahmedrummer Meff, hauptberuflich bei den RYKERS tätig (allein
schlagzeugmäßig ist das Ganze schon 'ne gute Jazzscheibe).
Für die Gitarren war wie immer Andy Claasen zuständig, der erstmals
neben Sabina auch einen Großteil der Vocals bestritt. »No
Matter...«, das ist präzise kalkulierte Brutalität in
teilweise irrsinnigen Geschwindigkeiten, fast schon in Sichtweite der
Chaosgrenze. Doch die irgendwie fesselnden Grooves, die diese Scheibe
prägen, sorgen dafür, daß diese Grenze nie passiert wird.
»No Matter...« ist keine Musik, die im Hintergrund läuft,
man ist gezwungen zuzuhören, das Album beansprucht sämtliche
mentalen Kapazitäten, und obwohl »No Matter...« strapaziert,
entwickelt man neuen Hunger auf diesen Mahlstrom aus Beats, Grooves, Riffs
und "Ich-spring-dir-ins-Gesicht-"Grunts. Diese Scheibe zeigt, was fähige
Musiker aus dem Vokabular der Brachialmusik machen können, ohne dabei
die Basis, die Brutalität, auch nur einen Millimeter zu verlassen.
Trotzdem keine frickelige progressive Scheibe für Spinner, Brillenträger
und Musikjournalisten, "No Matter..." ist Post-Industrial-, Post-Hardcore-,
Post-Death-Metal. Nicht zu vergessen: die beiden grandiosen Coverversionen
auf der Scheibe - »Hate Is Just A Four Letter Word« von SHOCK
THERAPY ist den "Vieren" einmalig gelungen (Lilker spielt Piano). Jeder,
der das Orginal kennt, wird beeindruckt sein. Den Abschluß bildet
»Bomber« von Motörhead, ebenso grandios getroffen. Ein
solches Werk hat man von MOSES wohl nicht mehr erwartet, aber »Just
Because« zeigt, daß die "Band" mehr als ein Wörtchen
mitzureden hat in der Szene der Brachialmusikanten. Anspieltip: »Acceptance«.
(ce)
HOLY MOSES
Reborn Dogs
SPV
Mit ihrer neuen LP machen Moses da weiter, wo sie bei der letzten aufhörten:
Death mit Trash- Anteilen. Dabei haben sie ihren eigenständigen Stil
weiter verfeinert, was nicht zuletzt an der Stimme Sabinas liegt, die
ihrem Organ wirklich Beeindruckendes entlockt. Auch Andys Rhythmusgitarre
weiß wieder zu überzeugen. Reborn Dogs bietet 10 Songs aus
der Feder der Band und obendrein, in alter Moses Tradition, ein geiles
Cover. Diesmal vom D. R. I. Song "Five Year Plan". Die eigenen Songs dampfen
mächtig los, gelegentliche Doom Parts lockern das Ganze auf! Hoffentlich
kommt diese Power auch am 17. im Spot rüber! (ce)
HUBERT VON GOISERN
UND DIE ALPINKATZEN
Wia die Zeit vergeht
BMG Ariola
Ein Live-Album als Abschiedsgabe der bayrischen Kultband, die die erstaunlich
glaubwürdige Kombination von Ländler und Rock, Jodler und Blues,
Ziehharmonika und Zerrgitarre zuwegebrachte: mal erfrischend schräg,
mal so richtig zu Herzen gehend, doch niemals kitschig. Man bedauert das
Ende der unkonventionellen Combo schon; vor allem der kernige zweistimmige
Gesang von Sabine Kapfinger und Hubert von Goisern klingt stets zupackend.
Selbst politische Anspielungen wie im kernigen Steirer »Iawaramoi«,
der auf den Krieg in Jugoslawien Bezug nimmt, kommen bei Goisern und den
Katzen nie peinlich belehrend daher. Wenn Sabinchen dann auch noch engelsgleich
das Deutschlandlied anstimmt, bis es in punkigen Soundgewittern untergeht
wie weiland der »Star Spangled Banner« im Hendrix-Gitarrenbombardement,
dann geht jedem, der sein Vaterland soa richtig liab hat, das Herz auf!
(lj)
HYPOCRISY
The Fourth Dimension
Nuclear Blast
Hypocrisy werden erwachsen, die Band - sonst eher mit pubertärem
Aggressionshabitus und kopflosen Knüppelorgien aufgefallen - produziert
jetzt durch Doom, Gothic und Mystic gezeichneten Deathmetal. Echt gut
gemacht!
ICE CUBE
Lethal Injection
BMG
Nachdem ICE CUBE auf der 91 erschienen Scheibe »Death Certificate«
in drastischer Weise gegen Schwule und Koreaner mobil machte, hat er sich
auf dem gerade erschie-nenen neuen Werk eine andere Minderheit (?) ausgesucht.
Diesmal erklärt er allen hellhäutigen Frauen den Krieg. In dem
Stück "Cave Bitch" warnt er diese Damen, ihm bloß nicht zu
nahe zu kommen. Für einen Afro-Amerikaner kämen nur schwarze
Frauen in Frage. Diese nennt er zwar auch wenig liebevoll "bitches", rühmt
aber im selben Atemzug ihr Händchen im Umgang mit seinem besten Freund!
Jaja, da lacht das Sexisten-Herz, und die Rassisten-Fraktion kann sich
wieder gemächlich zurücklehnen und ihre dicken Bäuche streicheln.
Der überwiegende Teil seines neuen Albums handelt auch wieder von
Gangstern hier, Huren dort und Ice Cube immer vorneweg. Trotzdem unterscheiden
sich zwei Stücke vom Gros der übrigen Songs. In "When I Get
Heaven" setzt sich der sonst so rabiate Rapper mit religiösen Vorstellungen
auseinander. Und in dem Stück "Bob Gun" bekennt er sich zum weißen
Mann im Weißen Haus. Irgendwie hat aber der rüde Reimer nicht
begriffen, daß dumpfe Texte den Spaß am Groove verderben.
(sw)
INCUBATOR
Hirnnektar
spv
Nach ihrem Doom-Metal-Film »Mc Gillroy The Housefly« liefern
uns INCUBATOR in neuer Bandbesetzung nun ihr 3. Werk. Vollkommen mutierter
Sound präsentiert sich in gewohnter Brillanz! INCUBATOR experimentieren
in den verzwicktesten Verästelungen des Hardcore und in allen vom
Metal geborenen Genres (Anspieltip: "SKS - Syndrome" - Only Incubatorcore!),
spielen mit Fragmenten aus Jazz und Weltmusik, bleiben dabei aber eine
Hardcore-Metal-Combo - doch mit Anspruch und Sinn für Kultur und
Humor. Hirnnektar sickert nur langsam an die richtigen Stellen, entfacht
dafür aber eine umso größere Halbwertszeit. Als Schmankerl
bieten uns INCUBATOR eine völlig abgefahrene Version des PINK-FLOYD-Klassikers
"Set The Control For The Heart Of The Sun": einem Trip in ungeahnte Atmosphären,
die verschleiertes Sonnenlicht resorbieren, um die Mondgöttin mit
unerforschten Dimensionen der Psychedelia zu speisen. Kim pumpt einen
taumelnden Ölfaß-Groove, und Sven bedient Gitarren, die es
gar nicht gibt. Aber da ist nicht nur Sonne im Leben. Durch das individuelle
Crossover erscheinen einige wenige Parts der Platte irgendwie gestelzt,
man strauchelt ein wenig bei dem Versuch, Unmengen von Ideen zu verarbeiten.
Das musikalisch freie Assoziieren müssen die vier in dieser Besetzung
noch üben, um das Meisterwerk abzuliefern, das sie ständig andeuten.
Trotzdem, "Hirnnektar" ist eine Hammerscheibe die die Mühe des Hörens
spätestens nach dem dritten mal reich belohnt! (tb/ce)
INSTANT KARMA
Grammy
BMG
Der abgewandelte "Buy British" Aufkleber am Cover zeigt daß die
Osnabrücker Briten einen ausgeprägten Humor haben. Könnten
doch gerade sie von der Gitarrenpop-Welle aus Great Britain profitieren.
Die ausgewanderten Gebrüder Ivison (gleich 3!) präsentieren
überdurchschnittliches Songmaterial mit dem letzten fehlenden Quentchen
zum Hit. Groovepotential hingegen ist genügend vorhanden, welches
besonders bei Livekonzerten ständig zum Tanzen auffordert. Ihre Livequalitäten
konnten sie erst kürzlich in Texas mit SELIG und RAUSCH unter Beweis
stellen. Würde auf "Grammy" eine echte Hitsingle vertreten sein,
würden INSTANT KARMA andere Weihen zu Gute kommen! Jeder der dem
Britpop zugeneigt ist, sollte mindestens mal reingehört haben. Anspieltips?
"Tattoo", "Silver Whale" oder "Invertebrate". Mehr Infos gibts im web:
http://www.rock.de\karma\karma.htm (hs)
JAN GABAREK GROUP
Twelve Moons
ECM
Mit "Twelve Moons" liegt die 500. ECM-Produktion vor, eine Scheibe, die
den hohen Anspruch des Jazz-Labels dokumentieren sollte. Der Jan Gabarek
Group, ihre 20. Scheibe übrigens, gelingt es auf ihre Art. Twelve
Moons bezaubert mit melancholischem Jazz, die Band hat es aber nicht nötig,
in virtouse Spielereien abzuschweifen. Die Scheibe ist deshalb auch für
Nicht-Jazzer gut zugänglich, wird aber auch die Freaks begeistern.
Unheimlich schöne Melodien wachsen aus zunächst nur angedeuteten
Tönen, verlieren sich, setzen zu solistischen Höhenflügen
an und finden sich unverhofft wieder zusammen. Gerade Gabarek gelingt
diese Aufgabe, sein voller, nie scharfer Ton begibt sich dabei immer wieder
in den Vordergrund, ohne die anderen Instrumente zu verdrängen (hervorragende
Produktion auch). Hier ist vor allem der Drummer Manu Katche zu erwähnen.
Mit sparsamen Mitteln, ohne die Dynamik des Drumsets zu strapazieren,
untermalt er mit erdigen, getragenden Grooves das Geschehen. Eine Meisterleistung
auch von den beiden Enuit (Eskimo) Sängerinnen, die Traurigkeit mit
einer unglaublichen Intensität vermitteln können, dabei aber
mit der Band wunderbar harmonieren. Musik, die sich Kategorien widersetzt,
aber sonst alle Qualitäten auf ihrer Seite hat. Dem Zauber dieser
Platte wird sich kaum jemand entziehen können. (ce)
JAN SCHABERG
Zauber und Zunder
Long Island
JAN SCHABERG ist eine arme Sau. Der Mann hat Talent, doch das zählte
noch nie weniger als heute. Wenn SCHABERG und WESTERNHAGEN nebeneinander
im Regal stehen, kauft der Durchschnitts-MTV-Zombie MARIUS' Neue lieber
zweimal, als einmal den Newcomer zu entdecken. Dabei spielt es überhaupt
keine Rolle, daß man ihm sein Bekenntnis »Ich tu' was ich
will« weit eher abnimmt als Phrasendrescher MARIUS. Der brachte
Ähnliches vor einer halben Ewigkeit auch mal glaubhaft rüber,
gibt sich heute jedoch damit zufrieden, hartnäckig Volksnähe
zu heucheln und Kohle zu raffen. Da kann JAN noch soviel Herzblut in seine
Songs voll Seele und Tiefe packen. Zumindest in diesem Teil der Republik
hört ihm keiner zu, egal was ich schreibe. »Was soll's«,
geht »Zauber und Zunder« eben nur mir »unter die Haut«!
(ms)
A.D.
Rage Records
Jazz-Basser Melvin Gibbs (jetzt ROLLINS BAND) tut's dem Herrn Laswell
gleich und gründet sein eigenes Label "Rage Records". Ziemlich progressiv
soll das Ganze sein, und das erste Release hält, was man verspricht.
A. D. - das sind vier New Yorker Musiker (zwei schwarz, zwei weiß),
die eine einzigartige Fusion aus Hardcore und Hip Hop, Grunge und Rap,
Blues und Street-Groove zustande bringen. Allen voran Rapper Anthony Demore,
dessen Initialen auch für American Dream stehen könnten. Diesen
demontiert Demore jedoch, indem er anschaulich und überzeugend Facts
und Paradoxien des amerikanischen Alltagslebens in seinen Versen verarbeitet.
Demore beschränkt sich nicht nur auf Rap, auch einfühlsamen
Gesang (mal eher bluesig, mal eher rough) hat er in seinem Repertoire.
Demore sinniert, denkt nach und wenns in packt missioniert er. Stilistisch
ebenso variabel ist der Gitarrist, der sich der Sounds der modernen Gitarre
bedient. Bluesmelodien illustrieren Grunge und Metalriffs, dazu gesellt
sich Funkiges. Zu Rap gehört Groove, und den serviert die Rhythm-Section
(no Drum-Machine). Funkig treibende Bassparts und packende Streetgrooves,
aber auch polyrhythmisch Jazziges, in einer Stimmigkeit, die atemberaubend
ist und einen unweigerlich zum Tanzen treibt! Das Ganze ist eher laidback
als treibend, man wird von den Grooves getragen, fällt in sie hinein.
Eine Band, die irgendwie in den Dunstkreis von RAGE AGAINST THE MACHINE
und RED HOT CHILLI PEPPERS gehört, aber mehr als eigenständig
ist! (ce)
JERRY GOLDSMITH
Bad Girls
Milan
BAD GIRLS ist ein Western, und zwar einer, in dem die Frauen einmal den
Spieß umdrehen. Vier Huren steigen aus und legen die um, die ihnen
ans Leder wollen. Der Soundtrack zu diesem ungewöhnlichen Western
stammt aus der Feder von JERRY GOLDSMITH, der auch schon zu Filmen wie
POLTERGEIST, DAS OMEN oder STAR TRECK die Musik lieferte. Kaum eine Sekunde
vergeht, in der Langeweile aufkommt. Die typischen Westernthemen wirken
nicht einfach kopiert, sondern frisch. Auch ohne den Film läuft hier
ein Western ab, der wirklich Klasse hat. (Original Soundtrack) (om)
JETHRO TULL
Nightcap
Chrysalis
Nicht jedermanns Sache bzw. Tasse Tee, aber ein lang gereifter, exquisiter
Schlaftrunk für eingeschworene Tull-Fans. So faßt Ian Anderson
die Herausgabe des unveröffentlichten Songmaterials der Jahre 1973
- 1993 selbst zusammen. Und in der Tat: Wer den Werdegang der Gruppe ein
wenig verfolgt hat, für den wird dieses Doppelalbum einen spannenden
Blick hinter die Kulissen bereithalten. Dies gilt besonders für die
erste CD, den sogenannten "Chateau D'Isaster Tapes", eine Vorstufe des
1974 herausgegebenen Konzeptalbums "A Passion Play", wie unschwer an dem
Song "Critique Oblique" zu erkennen ist. Die im Steuerexil Frankreich
entstandenen Aufnahmen wurden aus diversen Gründen abgebrochen und
später nicht mehr fortgesetzt. Zwar klingen die Aufnahmen allesamt
recht zahm: Da explodiert nichts, es fehlt der Pep, der später in
"Passion Play" durch die unzähligen Tempowechsel, Breaks und ulkigen
Interludien erzielt wurde. Aber hörenswert sind die Aufnahmen schon
durch hervorragende Klangqualität und die für Fans der Gruppe
leicht zu erkennenden, später verwerteten Ideen und Themen. Das gilt
auch für die zweite CD, die "Unreleased Rare Tracks", die meist den
veröffentlichten Songs zu ähnlich oder aber zu unähnlich
waren und deshalb zurückgehalten wurden. Insgesamt ein durchweg hörenswertes
Doppelalbum, dessen Erlös zudem einem Museum für schottische
Folkmusic und dem "Animal Health Trust" zukommen soll. (pw)
JOACHIM-ERNST BERENDT
Chöre der Welt
Zweitausendeins, 3-CD-Box
Dieses über zweieinhalb Stunden umfassende Hörwerk von J.-E.
Berendt bietet dem Hörer einen einmaligen Einblick in die Chormusik
der Welt. Dabei bleibt es dem Zuhörer überlassen, sich entspannt
zurückgelehnt zu genießen oder sich des 72-seitigen Beihefts
zu bedienen, um sich mit der jeweiligen Entstehungsgeschichte auseinanderzusetzen.
Egal, wofür man sich letztlich entscheidet, eine Bereicherung ist
diese Zusammenstellung von über 30 Chören auf jeden Fall. (om)
JOAN ARMATRADING
What's Inside
RCA/BMG
Sie ist um Längen vielseitiger als Tracy Chapman, um einiges ernsthafter
als Tasmin Archer. Ihre Songs sind ehrliche Bekenntnisse, niemals anmaßend,
weder musikalisch noch hinsichtlich der Texte. Da mag mancher verächtlich
die Nase rümpfen und einwenden, daß sie noch nicht einen einzigen
wirklich bedeutenden Song abgeliefert hat. Mag sein. Ihr eigentliches
Geheimnis ist Unaufdringlichkeit. Ihre Songs wühlen sich eben nicht
rücksichtslos in die Gehörgänge, um deren Besitzer tagelang
mit Klang-"Mief" zu quälen, sondern sperren sich geradezu gegen den
harmlosen Konsum. Wer sie entdecken will, der muß sich "Aufmerksamkeit
nehmen" für die leisen Nuancen ihrer heiseren Stimme, ihres exzellenten
Sologitarrenspiels (das in »Lost in Love« lässig den
Standard Claptons erreicht), der muß sich die dezent gesetzten Metaphern
öfter auf der Zunge zergehen lassen. Selbst ihre illustren Studiogäste
z.B. (STONES-Aushilfe) Darryl Jones, das Kronos-Quartett, der langjährige
STING-Drummer Manuel Katche fügen sich entsprechend unauffällig
in die schlichten Arrangements ihrer Songs ein. Offensichtlich weiß
JOAN ARMATRADING: Sie wird nicht die erste und auch nicht die letzte Songwriterin
sein, aber diejenige, an die man sich erinnert. (pw)
JOAN JETT
Pure And Simple
SPV
Meine Güte! Vor »Pure and Simple« würden selbst
die RAMONES den Hut ziehen. Joans bestes Album seit mindestens 5 Jahren.
Dieser Baß! Diese Grooves! Bravo, JJ!
JOHNNY HEARTSMAN
& THE BLUES COMPANY
Made in Germany
Inak
Ich zähle nun wirklich nicht zu den eingefleischten Bluesfans, sondern
neige eher dazu, die ewig wiederkehrenden Themen beim Blues zu bemäkeln.
Was jetzt jedoch mit »Made In Germany« von JOHNNY HEARTSMAN
& THE BLUES COMPANY auf den Markt kam, ist einfach top. Daß
Johnny Heartsman laut Info in frühen Tagen häufiger Gastgeber
und Jam-Partner von Jimi Hendrix war, geht mir ziemlich am Hintern vorbei.
Zu solch platten Hinweisen sollte sich Inak-Rec. nun wirklich nicht verführen
lassen, da es sich hierbei ohne Frage um einen der Besten seines Genres
handelt. Johnny Heartsman nutzt neben der Gitarre auch noch die Querflöte,
Orgel und den Gesang, um seine Interpretationen von »Cold Cold Feeling«
(Albert Collins) oder »I Don't Want No Woman« von Junior Parker
rüberzubringen. Immer wieder hört es sich an, als seien die
Stücke aus seinem Leben. THE BLUES COMPANY nimmt bei diesem Konzertmitschnitt
den Platz ein, den eine einfühlsame Begleitband einzunehmen hat.
Sie stellt das Gerüst, auf dem sich Johnny Heartsman austoben kann,
und das erledigt sie verdammt cool. (om)
JOSHUA KADISON
Deliah Blue
EMI
Eines der Überraschungs-Debüts des letzten Jahres war eindeutig
»Painted Desert Serenade« von Shooting Star JOSHUA KADISON.
Der Beautyboy, der immer wieder Erinnerung an Elton John weckt, aber zum
Glück nicht soviel Schmalz in seine Songs legt, bringt nun sein Nachfolgewerk
auf den Markt. Und - ehrlich gesagt - mit solch einem ausgereiften Longplayer
hätte wohl niemand gerechnet. Musikalisch ist »Deliah Blue«
tief im Soul verwurzelt, keine Hitsingles a la »Jessie«, die
sofort jedem Teenie ins Ohr hüpfen, sondern Songs, die zum Zuhören
auffordern. Joshua zaubert mit Piano, dem hervorragenden Gospelchor und
seiner unverkennbaren Stimme eine unheimlich warme Atmosphäre zum
Genießen. Der Titelsong entpuppt sich nach mehrmaligem Hören
als eine wahre Pop-Perle. Daß er kein One-Hit-Wonder war, beweist
er hier mehr als eindeutig! Man wird in den nächsten Jahren noch
viel von ihm hören! (hs)
Oliver Kalkofe
Onkel Hottes 10 kleine Glatzenköpp
FSR
Onkel Hotte vom Bremer "Frühstyxradio" hat eine Maxi-CD zugunsten
der Organisation SOS-Rassismus produziert. Der musikalische Teil des Ganzen
wird bestimmt von einer umgedrehten Version des rassistischen Kinderliedes
"Zehn kleinen Negerlein" - statt der Schwarzen sind es hier "10 kleine
Glatzenköpp", die sich aus lauter Dummheit und Streitsucht nach und
nach selbst dezimieren. Von diesem Song gibt zu Anfang eine spärlich
instrumentierte Version mit Banjo und Gitarre, aber auch einen MultiKultiPogoRaveWaveLatinAfro-Mix
mit Drum-Groove, wilden Bläsern und noch wilderen Tieren. Zwischen
den beiden Versionen erzählt Onkel Hotte das "Märchen vom kleinen
Skinhead", welches der aufmerksamen Zuhörerschar das Motto "Wer wirklich
Arbeit sucht, findet auch welche" nahebringt. Als Zugabe folgt noch eine
nicht ganz zum Thema passende Episode: Das Märchen von "Dudel, der
Drecksau", deren Lebenstraum sich erfüllt, als sie als Spanferkel
beim Sommerfest der Jungen Union endet. Wer sich die Wut auf die braunen
Blödmänner von der Seele lachen möchte, liegt hier richtig.
Erkenntnis oder Tiefgang hat man von Onkel Hotte eh nicht erwartet! (lj)
KATE BUSH
The Red Shoes
IBM
Eines vorweg: Ich mußte dies Album einige Male hören, bevor
es mir seine Reize enthüllte. Dann aber - langsam und gewaltig -
haben mich die 12 neuen Songs gefangengenommen. Ganze 4 Jahre hat Kate
Bush daran gearbeitet! Inzwischen halte ich ihr Album für das herausragende
Ereignis dieses Herbstes. Wie experimentell kommerzielle Pop-Musik sein
kann, kann bei ihr ein weiteres Mal gelernt werden. Paradestücke
dafür: "Big Stripey Lie" und Titelstück "The Red Shoes". Dagegen
kann ich die fünf lyrischen Balladen allesamt nur wärmstens
für die nächste Kuschelrock-Zusammenstellung empfehlen. Kate
Bushs hingehauchte flehende Seufzer zu zauberhaft melancholischen Tonfolgen
bestricken und werden sicher so manchem Zuhörer die eine oder andere
Gänsehaut entlocken. Das liegt nicht zuletzt an so prominenten Gastmusikern
wie Eric Clapton, Jeff Beck und Prince. Letzterer arrangierte zusammen
mit Kate Bush einen merkwürdigen Song über Jesus: "Why should
I love you?". Mag dieser eher Geschmacksache sein, so ist "And So Is Love"
mit Eric Claptons genialen E-Gitarren-Einwürfen ganz sicher ein Anwärter
für einen zweiten Hit nach "Rubberband Girl". Originell ist neben
der Musik übrigens auch das Beiheft: Beim Auseinanderfalten entsteht
ein kleines Poster mit einladenden Fruchtlandschaften. (pw)
KRISTIN HERSH
Hips and Makers
Rough Trade
Melancholie ist "in". Nach REMs neustem Album scheint sich Kristin Hersh,
eine weitere Vertreterin der neuen weiblichen Singer-/Songwritergeneration
aus Amerika, diesem Motto völlig verschrieben zu haben. Wen wundert
es da, das REMs Sänger Michael Stipe sich als zweite Stimme bei ihrer
Single-Auskopplung "Your Ghost" zu ihr gesellt hat. Kristin Hershs leicht
brüchiger, mitunter auch bis zu einem Viertelton neben der Melodie
liegender Gesang trägt neben der minimalistisch gemeinten, häufig
jedoch nur stupide geratenen Gitarrenbegleitung dieser Absicht vorzüglich
Rechnung. Wer immer also sich gern in Trauerorgien ergeht, ist mit diesem
Album bestens bedient. In Grufti-Kreisen könnte jedes ihrer Lieder
es zu einer Hymne bringen. Dem Durchschnittshörer wird bereits nach
wenigen ihrer einlullenden Lieder nach etwas Handfestem, Abwechslungsreicherem
zumute sein. Zumal es der Songwriterin eindeutig an unterstützenden
Musikern und Abwechselung der Instrumente mangelt. Der Klang ihrer Collings
Akustikgitarre, so kristallklar er auch sein mag, vermag die Hörer
nicht auf Dauer zu fesseln. Daneben kommen gerade einmal ein Klavier und
ein Cello zum recht seltenen Einsatz. Bei der Cover-Version des Folksongs
"Cuckoo" wird sich so mancher sehnsuchtsvoll an die entsprechende PENTANGLE-Version
erinnert fühlen. In England allerdings scheint sich kaum jemand an
ihrer selbst auferlegten musikalischen Kargheit zu stören. Da hat
ihr Album bereits die Top-10 erreicht... (pw)
KROKUS
To Rock Or Not To Be
Steamhammer/SPV
Bis auf den heutigen Tag sind KROKUS die erfolgreichste Schweizer Hardrockkapelle,
die bis Mitte der Achtziger in den USA Arenen füllte. Beim Versuch
einer völligen Anpassung an den dortigen Markt brach sich die Gruppe
dann aber den Hals, was eine jahrelange musikalische Irrfahrt zur Folge
hatte. 1995 sind KROKUS, wer hätte das gedacht, in alter Frische
wieder da. Von der Originalbesetzung fehlt nur Chris "Ein Name, ein Körperteil"
von Rohr. Für ihn zupft der frühere ASIA-Gitarrist Many Maurer
die vier dicken Saiten. Meiner Meinung nach wird sein Talent hier etwas
unter den Scheffel gestellt. Kein laues Lüftchen, um nochmal abzusahnen,
und schon gar nicht ein zweiter Frühling welker Schweizer Blüten.
Vielmehr ein ausgereiftes Heavy-Album voller Saft und Kraft, das die Jungspunde
der Rockwelt in tiefe Verzweiflung stürzt. (ms)
KYOTO JAZZ MASSIVE
Kyoto Jazz Massive
99 Records
Mit Musik aus Japan verbindet man allgemein blutjunge Klassikvirtuosen
oder Bubblegum-Pop. Freaks kennen vielleicht noch die Boredoms oder andere
Noise-Expediteure. Es scheint, als hatte das Land zwar allerlei Skurilitäten
zu bieten, doch so richtig ernstzunehmendes? Fehlanzeige! Weit gefehlt,
die Japanische Musikszene, vor allem die Popszene sucht an Kreativität
und Unverbrauchtheit ihresgleichen. Hierzulande stolpert man in angesagten
Großstadtclubs immer öfter über ein extrem tanzbares Produkt
japanischer Unbefangenheit und Kreatitvät: Acid Jazz. Musik, die
im besten Fall so richtig musiziert ist, Lust an Melodie hat, vor Lebensfreude
sprüht und absolut tierisch grooved. Genau wie bei KYOTO JAZZ MASSIVE,
einer Musiker-Kooperative aus »Kyoto«, die auf diesem "Sampler"
(eigentlich ist es keiner, denn hier musiziert jeder mit jedem) ihren
Arbeitsstand dokumentiert. Ein Trip durch die Nuancen des Acid-Jazz:.
Songs wie »The Habit« tendieren in die HipHop Ecke bei »Mas
Que Nada« wird einem wirr im Kopf vor lauter Musikalität, warm
ums Herz vor lauter Meldoie (geniales Piano) und obendrein ist das so
tierisch tanzbar. Selbiges trifft auf »City Folkore« zu, während
»Sleep Walker« geradezu melancholisch daherkommt. Bei all
dem Jazz gibts hier keine Virtuosen-Exzesse oder anstrengend antonale
Experimente, irgendwie hat diese Scheibe den "goldenen Schnittt". Es ist
einfach für jeden was dabei und vor allen dingen macht die CD auch
zuhause tierisch Laune, meinen CD-Player blockiert sie jedenfalls schon
seit Wochen. (ce)
LA FLOA MALDITA
Dedication! Separation!
EFA/Kodex
Sphärenklänge und Melancholie aus Marburg: Enya meets Dead Can
Dance. Was die Marburger Gruppe hier auf CD gebannt hat, steckt voll süßer
Magie und lädt ein zum Chill-Out auf der Frühlingswiese. Schwebende
Klangflächen treffen auf archaische Melodik. Die wechselweise englisch
und französisch gehaltenen Texte pinseln darüber wunderschöne
Silbengemälde von fließender Kraft. Doch nicht nur das: Die
Songs sind konzeptionell miteinander verbunden, spinnen die Fäden
des besonders in Frankreich erfolgreichen Debütalbums »The
Concealed Spell« weiter und sprechen von unerfüllter Liebe,
von Trennung und Neuanfang. Das Ganze wurde auch noch ausgezeichnet produziert
und in ein bildhübsches Cover gepackt. Jetzt wissen wir, daß
Romantik im Computerzeitalter noch Chancen hat. Und daß es in unseren
Breiten verdammt originelle Musik gibt! (lj)
LACRIMOSA
Inferno
eastwest
Nach wie vor Dark Sounds auf der inzwischen 4. CD: Bombastischer Artrock
wie die ganz frühen GENESIS, symphonische Elemente aus spanischer
und russischer Klassik, »Quadrophenia«- und Mike Oldfield-Einsprengsel
bis zum Abwinken, Gitarrengeschrammel, das eher für Pfadfinder beim
Lagerfeuer taugt - das alles ist ja noch ganz anhörbar. Aber welch
ein Gebrummel - von Gesang kann man ja nicht ganz reden -, was für
Texte? Düstere Pseudo-Metaphern verbinden sich zu merkwürdig
archaischen Wendungen wie z.B. in »Versiegelt glanzumströmt«.
Wahrscheinlich besteht der Kundenstamm von LACRIMOSA aus verkappten Satanisten,
sind seine CDs die Hintergrundmusik, die zu schwarzen Messen läuft.
Jedenfalls ist das Inferno, das Texter/Komponist T. Wolff heraufbeschwört,
kein gewaltiges, sondern ein vor Tragik triefendes SynthieErlebnis in
Moll, in das sich Engelsgesang und schmalzige E-Gitarren-Soli verirrt
haben, getragen vom schleppenden Rhythmus eines Schlagzeugs, das nur höchst
selten einmal in schnellere Gangarten wechselt (z.B. in »Copycat«).
Selbstbeweihräuchernder Genuß am Untergang: hier wird er musikalisch
vorgeführt. Tut mir leid, Leute, nichts für mich. (pw)
LASSIE SINGERS
Sony
Wer behauptet, daß es heute keine gute deutsch singende Frauenband
gibt, der hat immer noch nichts von den Lassie Singers gehört. Die
3 Mädels aus Berlin, die von zwei Männern am Schlagzeug und
der Gitarre unterstützt werden, labern und plappern munter über
ihre Alltagsprobleme, Katastrophen und Schicksalsschläge (Beispiel:
Mein zukünftiger Ex-Freund"). Sie singen deutsche Popsongs, die hauptsächlich
im Tourbus entstanden. So spiegeln ihre Texte Tourneelust und -frust (Beispiel:
"Hamburg", "Leben in der Bar") wieder. Wer also den freien Lauf der Gedanken
bevorzugt, sollte sich die Platte anhören und ein gogo sein.
(vr)
1-93
LIMINAL
Nosferatu
Knitting Factory Works
Jeden Montag im New Yorker Avantgarde Jazz-Schuppen »Loud Music
- Silent Film«; ein Stummfilm wird gezeigt und live spielen bekannte
Größen der Szene-Musik dazu. Ein Podukt einer solchen Performance
ist die vorliegende CD. Zu F.W. Murnaus Stummfilmklassiker »Nosferatu«
(1922) spielte die NYer Ambientband um den Lounge Lizards Gitarristen
Danny Blume eine 70 Minuten lange psychoaktive Tonkonserve ein. Klarer
Fall, daß hier kein Weichspül-Ambient abgefahren wird, aber
»Nosferatu« ist keineswegs stressig, eher auffordernd. Der
Hörer wird in einem angenehmen Schwebezustand zwischen Aufmerksamkeit
und Zurücklehnen gehalten, ständig tauchen da Sounds auf, machen
neugierig, was das ist, wo es herkommt, wo es hinfließt. Alles ist
Bestandteil des Flows, der Fließbewegung dieser Musik. »Nosferatu«
ist keineswegs eine Horrorscheibe, sondern Ambient, wie er sein sollte:
anregend und entspannend zugleich. (ce)
LISA LISA
LL 77
EMI
Schon lange vor Gloria Estefan und Sheila E. war Lisa Lisa mit ihrer Band
CULT JAM Identifigationsfigur und Superstar der jungen US-Hispaniacs.
Doch schon kurze Zeit nach dem Erfolg brach die Band auseinander. Mit
dem neuen Album »LL 77« hat sich Lisa Lopez alleine aufgerafft
und zu ihrer alten Form zurückgefunden. Ihre Stimme ist im Laufe
der Zeit weiter gereift und hat nichts an der Erotik verloren, die sie
ausstahlt. Die Texte auf der Platte sind dezent doppeldeutig. Die ebenfalls
verschollen geglaubte Funk-Lady Nona Hendryx sowie House-DJ Junior Vasquez
lieferten der Latin-Loverin adäquates Songmaterial. Dabei handelt
es sich in erster linie um Funk. (sw)
LORIAN
Virginal Mind
Tricolor/Edel
Stolze 2 Jahre gingen ins Land, bis diese fabelhafte CD endlich das Licht
der Welt erblickte. Für »Lorian« brachte das Vertragsdilemma
immerhin den Vorteil, daß alle Songs nochmal gründlich überarbeitet
werden konnten, so daß beim Ergebnis der Begriff "Perfektion" angemessen
ist. hier sitzt jeder Part, jedes Break, jede Note - jede Sekunde hat
ihre Berechtigung. Auf »Virginal Mind« stimmt einfach alles
von vorne bis hinten, Schwachstellen lassen sich nichtmal mit der Lupe
und viel bösem Willen ausmachen. Abgerundet wird das Hörvergnügen
durch anspruchsvolle, verträumte Texte, ein Spitzencover und einen
kristallklaren Sound, der alles zunagelt. Moderne Rockmusik in Vollendung.
Schon lange sind mir 65 Minuten nicht mehr so kurz vorgekommen. Kontakt:
Christian Göwert, Am Waldessaum 10B, 49811 Lingen. Tel. 0591-76686.
(ms)
LOST LYRICS
Rotzlöffel
Hulk Räckorz
Die LOST LYRICS sind mutig: Nachdem sie mit ihrem letzten Album ein durch
und durch rundes Werk hingelegt hatten, wagen sie sich mit »Rotzlöffel«
in stilistisches Neuland vor.
Gleich geblieben ist das geschliffene Zusammenspiel im ungeschliffenen
Sound, wie's der Punker gern hat. Soundschmankerl wie raffiniert eingesetzte
Feedbacks und Fingersnaps setzen das Sahnehäubchen obendrauf. So
weit, so gut. Neu ist vor allem die deutsche Sprache. Die moralisierenden
Statements zum täglichen Elend markieren eine bislang noch unbekannte
Stilrichtung, die man als "Liedermacher-Punk" bezeichnen könnte.
Und tatsächlich grüßt bei »Hier, heut und jetzt«
Hannes Waders »Heute hier, morgen dort« unüberhörbar
vom Lagerfeuer herüber. Die von Akustikgitarren dominierte »Pin
Up Lady« verläßt ganz die Punk-Regionen und bietet mit
Gaststars Thomas Möse (Geige) und Elke (Gesang) eine nette Neuauflage
von 70er-Jahre-DDR-Rock. Der nur zur Gitarre gesungene Rausschmeißer
»Das Arschloch der Woche« geht dann schon gefährlich
weit in Richtung Mike Krüger. Was das ganze mal werden könnte,
wenn die Band endlich die verlorene Lyrik findet und ihre Texte in den
musikalischen Fluß bekommt, läßt das Stück »S.O.S.«
ahnen: Melancholie und Härte. Am besten klingen die LYRICS aber dort,
wo's ans letzte Album erinnert: »Sidekick Radio« geht gnadenlos
gutgelaund nach vorne los. Ist aber ein Fremdkörper auf dem Album
- von wegen »Rotzlöffel«: Die LOST LYRICS sind die Gymnasiasten
des Punk! (lj)
LUCHTEN
Was?
Butler's
Jazzig groovender Funk-Rock, meist tierisch vorwärtstreibend, manchmal
aber auch relaxed oder melancholisch zurückgenommen: das sind LUCHTEN
aus Berlin, auch in unseren Breiten bereits bestens bekannt durch furiose
Live-Konzerte. Die Musik des experimentierfreudigen Quintetts klingt auf
dem aktuellen Album abwechslungsreich und trotzdem wie aus einem Guß.
LUCHTEN scheuen sich nicht, ganz tief in der Kiste zu graben und alles,
was in den 80ern, vor allem aber den 70ern gut klang, zu recyclen und
mit aktuellen Trends und Grooves zu verbinden. Doch hier gibt es nicht
den siebenhundertsten Aufguß derselben abgestandenen Soße,
dazu sind LUCHTEN viel zu eigenständig - vor allem die irren Breaks
und der grelle Spielwitz sorgen für Freude beim Hören. Dazu
gibt es deutsche Texte, die sich nur selten an Bedeutung klammern, sondern
vor allem klangliches Material liefern, das der wilden Mischung den letzten
Kick gibt. Aufpassen müssen LUCHTEN nur, wenn sie der Moralische
überkommt: Da lauern nämlich die Untiefen der Perlenfischer
unter sieben Brücken. Sicher, Berlin lag mittendrin im Mutterland
der PUHDYS - doch dieser weinerliche Ton paßt einfach nicht zum
Rest! (lj)
LUNAR
Lunar
Horny Hell Records
Bis vor kurzem war die Region, musikalisch gesehen, ein toter Fleck auf
der Landkarte, und jetzt schießen sie wie Pilze, die Bands. LUNAR
stammen aus der Provinz zwischen Kassel und Warburg. Anfang letzten Jahres
stellten sie mit dem Song »Goose Flesh« das Highlight auf
dem »What Is Wrong With Modern Youth?« Sampler des Kassler
Labels Horny Hell Records. »Goose Flesh«, das war eine trippige
Jamsession durch Sonic Youth Gefilde. Den damals eingeschlagenen Weg setzen
LUNAR auf ihrem selbstbetitelten Debüt fort. Sonic Youth tauchen
allenthalben auf, allerdings auch fette Riffs, die das Ganze eher zu Sonic
Youth-Core mutieren lassen. Diese ständige Nähe zu den New Yorkern
ist wohl das einzige Manko, das man der Band anhängen kann, denn
irgendwie hat LUNAR was. Da kommen einige Songs (leider nicht alle) daher,
die von thigthen Riffs und dronigen Gitarren, von verlorenen bis wütenden
Vocals und groovenden Drums leben, die in sich stimmig sind und Appetit
auf mehr machen. Die Songs stellen eine gelungene Mischung aus Noise und
(Hard-) Core dar, trotz der teilweise heftigen Breaks und zornigen Gitarren
überwiegt die bittersüße Melancholie des Noise. Auch soundmäßig
ist das stimmig, Lo-Fi mit Punch! »Goose Flesh« ist wieder
dabei, leider nicht ganz so abgespaced wie beim letzten Mal, dafür
sind »Mescalin Dream« und »I Hate Hate« umso geiler.
Gute Songs sind das Potential von LUNAR, das auf Weiterentwicklung hoffen
läßt; deutlich mehr Abstand zu den Vorbildern ist gefragt.
Aber vielleicht präsentiert sich die Band demnächst so, wie
sie es jetzt schon verspricht! (ce)
M. WALKING ON THE
WATER
La Louisianne
EMI
Ach, sie läßt einen einfach nicht los, diese merkwürdige
Musik. Süffig und sumpfig wie das schwärzeste Bayou soll's wohl
klingen, doch in M.'s Adern pulsiert viel mehr vom irischen Folk als vom
amerikanischen - warum also nicht La Dublienne oder Le Belfastien? Wohl,
weil das Studio, wo das bislang beste M.-Album entstand, nun mal in Louisianna
steht und diesen merkwürdigen Namen in Erinnerung an einstige französische
Immigranten trägt. Und obwohl es im Mutterland des Showbiz liegt
und die Mastertapes in der Pop-Metropole London ihre endgültige Form
erhielten, klingt dieses Album weder glattgeschliffen noch geradegebügelt.
Nein, es klingt, als wäre es eigentlich überhaupt irgendwie
produziert. Diese Folk-Punk-Truppe ist so mit Kneipenluft und Fußgängerzone
verwachsen, daß sie im sterilsten Aufnahmeraum noch nach Rauch,
Bier und Straßenstaub klingt. Immer gerade so angeschrägt,
daß es noch schön ist - M.'s Ohrwürmer formen eine ganz
eigene Kunst, die direkt in die Seele zielt. (lj)
MANDRAGORA
Temple Ball-Live 94
Mystic Stone/Fire Engine
Und wieder etwas für Mondsüchtige, die des Nachts lieber im
Milchstraßensystem herumstreunen statt zu schlafen. MANDRAGORA haben
ihre Wurzeln in der selben Scene wie OCZRIC TENTACLES, die in Großbritanien
und Holland schon Kultstatus haben. Simon Williams gründete MANDRAGORA
1984 mit einigen Freunden, die allesamt heiß darauf waren, in Stonehenge
aufzutreten. Was als Sessionband begann, nahm immer professionellere Formen
an. Auf der aktuellen CD bieten MANDRAGORA einen phantastischen, farbenprächtigen
Spacerock. Selten gibt es Bands, die eine so gelungene Mixtur aus Space,
Jazz, Reggae und Ethnic zusammenbringen, ohne auf ausgetretenen Pfaden
zu wandeln. Nach dem spirituellen Einsteiger TEMPLE BALL bewegt sich alles
sehr schnell in Richtung Rock. Es scheint, als würden Sci-Fi-Filmdialoge
eingespielt. Nach drei überwiegend instrumentalen Stücken kommt
die erste große Überraschung: Caroline Davey durchbricht mit
ihrer Stimme in »This is...« den Himmel. Im Anschlußtrack
»Jazz Message From The Mothership« scheint das legendäre
Mahavishnu Orchestra wieder aufzuerstehen, und Ron Williams gibt sich
zudem alle Mühe, an Miles Davis zu erinnern. Alles scheint, als würde
man beim Gläserrücken Kontakt zu einer vergangenen Welt aufnehmen.
(om)
MANIC EDEN
Manic Eden
SPV
DAS erwartet man todsicher nicht von alten WHITESNAKE-Recken: Statt Perfektion
und Kalkül gibt's Power und Groove satt mit etlichen Songperlen.
Wurde in Japan bereits vergoldet - zu Recht!
MARILLION
Brave
EMI
MARILLION kehrt mit ihrem siebten Album zu den Wurzeln der Rockmusik zurück.
Auch ohne den einstigen Sänger Fish will die britische Band wieder
für Aufmerksamkeit sorgen. Das Konzeptalbum »Brave« behandelt
textlich vor allem die Thematik der Kommunikationsverweigerung. Steve
Hogarth, Sänger und kreativer Kopf der Band liest einen Zeitungsartikel:
"27.11.1988; Polizei greift auf der Autobahnbrücke ein umherirrendes
Mädchen auf. Auf Fragen antwortet die junge Frau mit Schweigen und
bleibt auch sonst regungslos. Sie wird in ein Krankenhaus eingeliefert,
ist weder taub, stumm oder sonstwie körperlich krank. Sie leidet
unter Depressionen." Diese Geschichte fesselt die Band. Sie geht mit ihrem
Produzenten Dave Meegan in eine zweimonatige Klausur. In einem kleinen
Schloß im französischen Bordeaux entstehen elf epische, atmosphärisch-dichte
Songs, die fließend ineinander übergehen. Ein Opus, das unsere
Welt kritisiert, Ursachen für jugendliche Kommunikationsverweigerung
sucht und findet. Dazu Steve Hogart selbst: "Seit meiner Geburt bin ich
stetig mit einer Unmenge von Informationen bombardiert worden, doch es
hat nicht das bewirkt, was man sich eigentlich davon erhoffte, nämlich
das ich daraus etwas lernen sollte. Ich denke, daß wir mehr und
mehr mit der Gefahr konfrontiert sind, unseren Glauben in alles und jeden
zu verlieren, und die Songs von Brave handeln vor allem von diesem Glaubensverlust."
Diese CD, eine musikalische Reise, die Gefahren und Höhepunkte menschlichen
Lebens mit größter Sensibilität instrumental und gesanglich
umsetzt, erfordert Muße und Zeit zur Auseinandersetzung. Übrigens:
Im Frühjahr startet die Deutlandtour 19.03. Hannover, 05.04. Neu
Isenburg. (bm)
ENIGMA
The Cross Of Changes
Virgin
Sicherlich wird vielen noch das erste ENIGMA-Album mit seiner besinnlichen
Gregorianik in Erinnerung sein. Immerhin verkaufte der clevere Klangzauberer
Michael Cretu von dieser Scheibe weltweit über sieben Millionen Exemplare.
Nun folgt mit "The Cross Of The Changes" Teil 2 der schier unendlichen
Erfolgsgeschichte. Besonders deutlich wird auf dem neuen Werk der Einfluß
der Bombast-Veteranen Pink Floyd, was aber nicht negativ zu hören
ist. Ebenfalls kommt ganz deutlich heraus, daß Cretu einen offensichtlichen
Hang zur Mystik hat. Zwar hat der Musiker diesmal nicht die Gregorianik
geplündert, doch bedienen sich die Texte samt und sonders der Esoterik
und teilweise auch der Religion. Neben mittelalterlichen Motiven finden
sich auf dem Album auch einige hörenswerte Elemente aus dem Bereich
der ethnischen Musik. Der ein oder andere Titel wird mit ziemlicher Sicherheit
in den Charts wieder auftauchen. Denn Cretu hat es geschafft, Klang-Collagen
aus sphärischen Tönen und aktuellen Dance-Grooves homogen zu
mischen. (jü)
MARK KNOPFLER
Screenplaying
Phonogramm
Eine ganz andere Seite des Dire- Straits-Gitarristen ist auf diesem neuen
Sampler zu hören. Auf der neuen Scheibe »Screenplaying«
finden sich ausschließlich Film-Musiken. Geboten werden über
70 Minuten selbstkomponierte Musik aus den Filmen »Cal«, »Local
Hero«, »The Princess Bride« und »Last Exit Brooklyn«.
Einige der Tracks gefallen durch Knopflers filigranes Gitarrenspiel, andere
zeigen den Musiker als orchestralen Komponisten, ganz ohne die geliebte
Gitarre. Wer die Filme gesehen hat, weiß wie eindrucksvoll die Musik
Handlung und Bilder untermalt. Aber auch ohne bewegte Bilder verbreitet
"Screenplaying" eine überaus schöne und ruhige Atmosphäre,
die zum Entspannen und Träumen einlädt, ohne die sonst üblichen
"Klings" und "Klongs". Wer den typischen Dire-Straits-Sound liebt, wird
hier allerdings vergeblich danach suchen. (tr)
Frey
MATTHIAS FREY
Liquid Crystal
Inak
Recht leichte Kost serviert uns der Pianist MATTHIAS FREY mit seiner aktuellen
Produktion »Liquid Crystal«. Unter Mitwirkung so renommierter
Kollegen wie dem Saxophonist Büdi Siebert oder dem Perkussionist
Rameh Shotham entstand eine lockere Mixtur aus Jazz, Folk und Klassik.
Anspieltip: »Caravan Of Dreams« (om)
MEAT LOAF
From Hell To Paradise
RSM
Der Fleischklops gab am Broadway im letzten September sein furioses Comeback-Konzert.
Dieser Bootleg-Mitschnitt vereinigt sieben ausgedehnte Songs - Länge
zwischen 8 und 15 Minuten -, darunter »Bat Out Of Hell«, »You
Took The Words Right Out Of My Mouth« und natürlich den letzen
Superhit »You Took The Words Right Out Of My Mouth«. Kurzum:
die besten Nummern aus Steinmans Feder und Meat Loafs Kehle - in frappierend
guter Tonqualität! Man spürt den Einsatz des Sängers und
seiner Truppe zu einem Zeitpunkt, als noch nicht ganz absehbar war, ob
das Comeback-Konzept wirklich aufgeht! So hat man die spontane Unmittelbarkeit
und das fiebrige Feeling eines echten Konzertereignisses in ungefilterter
Form. So etwas gönnen einem eitle
Rock-Stars, detailbesessene Produzenten und risikoscheue Plattenfirmen
auf regulären Live-CD's fast nie. Das ganze kommt dann noch in
wirklich schöner Klangqualität auf den CD-Player - keine
Ahnung, wie die Jungs von RSM das bewerkstelligt haben! Bleibt das schlechte
Gewissen, weil die Urheber vom Erlös nichts abkriegen. Doch - ausnahmsweise
- trotzdem kaufen! (lj)
MEATHOOK SEED
Embedded
RTD
Napalm Death scheinen ein erhebliches Reservior an kreativen Musikern
zu beherbergen, entstanden doch Bands wie "Painkiller", "Scorn", "Terrorizer",
"Godflesh" und weiß ich noch wer aus dem Umfeld der Band. Diesmal
hat NP Gitarrist Mitch Harris das Kind aus der Taufe gehoben um seinen
eigenen Ideen besser nachgehen zu können, getauft hat er das ganze
"Meathook Seed" und zur Seite stehen ihm zwei hochkarätige Mitstreiter,
namentlich Trevor Perez (voc) und Ronald Tardy (drums) die Hauptberuflich
bei Obituary beschäftigt sind. Beste Voraussetzungen also und Meathook
Seed entäuschen den geneigten Hörer auch nicht. Die drei machen
mit dem Hardcore das was "Fudge Tunnel" mit dem Grunge machen, sie ziehen
ihn in den Dreck, gnadenlos. Unterwegs wird der Grindcore Generator angeschmissen,
auch die Industrial Hölle wird nicht ausgelassen, nicht zu vergessen
die ständige Kreuzung des düster Psychedelischen Gebiets. Alles
nichts neues könnte man behaupten, stimmt auch, "Embedded" stellt
keinen Meilenstein der Rockgeschichte dar, dafür ist es aber eines
der Intensivsten Alben der letzten Zeit. Die Krönung wäre gewesen
wenn die Jungs nen Song von Biohazard gecovert hätten, doch man kann
ja noch Hoffen. Also Reinhören und Abfahren!
MELISSA ETHERIDGE
The Power In Me
Flashback
Das Cover spielt auf wenig geschmackvolle Weise auf Bruce Springsteens
Album "Born In The U.S.A" an. Wer aber jemals einen der mit- und hinreißenden
"Live"-Auftritt MELISSA ETHERIDGEs erlebt hat, ahnt schon, daß diese
CD dennoch etwas besonderes sein muß: ein Klassiker in "Best-of"-Qualität.
Trotz Bootlegging solide Tonqualität und gediegene Songauswahl! Tatsächlich
fehlt keines ihrer Highlights, bis auf - leider! - "Like The Way I Do".
Dafür gibt es Cover-Versionen von Kristoffersons "Me And Bobby McGee"
und Rod Stewarts "Maggie Mae". Letzteren Song singt sie allerdings - wie
auch "Bring Me Some Water" - mit Höchstpower ohne die nötigen
feinen Nuancen, die für langsam sich vorbereitende Emotionsausbrüche
stets nötig sind. Dieses Live-Album beweist erneut die Klasse von
Melissa Etheridge! (pw)
KEVIN COYNE
The Adventures Of Crazy Frank
Rough Trade
Original KEVIN COYNE - Musiker, Zeichner, Schriftsteller - hat ein Konzeptalbum
vorgelegt: Das Leben des drittklassigen Sängers namens Crazy Frank
zwischen Suff und miesen Gigs zieht an uns vorbei. In einer wahrhaft einzigartigen
Mischung aus schrägem Country und rauhem Blues nöhlt, röhrt
und quengelt COYNE sich durch seine Szenerie. Mal klingt es amerikanisch-folkig
wie beim alten Dylan, dann wieder hört man den frühen Bowie
heraus. Dem Thema angemessen ist das Ganze gnadenlos underproduced und
schrappt in seiner Genialität manchmal nur um Haaresbreite am Abgrund
der Peinlichkeit vorbei: Der Sound billiger Hotelzimmer wird voll lebendig.
COYNE droht, das Ganze auch als "Musical" aufzuführen. Der Broadway
wimmert um Gnade. (lj)
MELISSA ETHERIDGE
Yes I am
Island
Das Gerücht hat's, daß Melissa Etheridge sich inzwischen als
lesbisch geoutet haben und mit der langjährigen Nummer 1 des
Damen-Tennis, Martina Navratilova, zusammenleben soll. In der Tat lesen
sich die Texte ihres bislang 4. Albums als die Geschichte einer Selbstbefreiung
aus traditionellen Verboten, Erziehungsstrickmustern und Hemmungen. Besonders
treffend ist ihr das in dem Song "The Silent Legacy" (Das stille Erbe)
gelungen, der sich mit den unausgesprochenen moralischen Regeln auseinandersetzt,
die uns alle bis heute unbarmherzig piesacken. Musikalisch aber bieten
die Songs nichts Neues: Das bekannte Repertoire an Akkorden wird leicht
variiert abgespult, die Gitarren-Riffs werden vielen Melissa Etheridge-Kennern
bekannt vorkommen. Von einem gleichzeitigen Ausbruch aus musikalischen
Strickmustern ist also bei "Yes I am" nichts zu spüren; die Arrangements
sind eher noch glatter, ganz im Gegensatz zu dem bewußt bruchstückhaft
gehaltenen Layout des Beihefts. Was bleibt, sind ein paar eingängige
Songs wie "I'm The Only One", "Come To My Window", "All American Girl"
und die Hoffnung auf ein musikalisches Outing, das den leidenschaftlichen,
kraftvollen Texten zu wünschen wäre. (pw)
MELISSA ETHERIDGE
Your Little Secret
Island
Das Schlüsselloch-Cover ist mit Sicherheit das originellste des Jahres.
Und die Musik? Auch hier verdient die musikalische Verpackung Anerkennung:
Nie zuvor waren die Gitarrenarrangements und Spannungsbögen der einzelnen
Songs so ausgefeilt. Mit völlig ausgewechselter Crew und einem explodierenden
John Shanks an der E-Gitarre fühlt man sich an zuweilen angenehm
an U2 oder ROD STEWART (Maggie Mae) erinnert. Wenn auch Melissas Songmaterial
selbst nicht durchgängig auf der Höhe seines Dekors ist, so
ist »Your Little Secret« immer noch um Längen besser
als Melissas letzte CD »Yes I Am«. Nie zuvor waren ihre Songs
so profilgenau auf die Charts zugeschnitten: »Your Little Secret«
hat mit seinen eingängigen Riffs bereits Amerikas Top 30 erreicht.
Und »I Could Have Been You"« hat ganz das Zeug zu einem Kultsong
im Stil von NIRVANAs »Smells Like Teen Spirit«. (pw)
Members of Mayday
The Judgement Day
Hammer! Der Track zeigt das Westbam immer noch die Nase vorne hat und
auf wundersame Weise Techno und House meisterhaft in Einklang bringt!
Weiter so!
MERCURY REV
Boces
SPV
Mercury Rev wollen die Nachfolge der großen 70ties Psychedelia Bands
antreten, ihr Debüt "Yerself is Steam" war auch ein vielversprechender
Anfang. Die Band, mit drei Gitarren, Bass, Schlagzeug und Querflöte
fett besetzt, verstand es einen abheben zu lassen. Der Nachfolger "Boces"
entäuscht allerdings. Klar gibt es auch hier massenweise Abgefahrene
Songs mit heftigen Space Faktor, aber irgentwie hat die Scheibe einen
verdammt albernen Touch. Da nüzt es auch nichts wenn man Songs in
einem Labor der Nasa aufnimmt. Obendrein haben die Songs längen,
und werden allzuoft zu verspielten Langeweilern. Die Band hat unzweifelhaft
Potential, aber diesmal sind die wohl auf 'nem Lachflash hängengeblieben.
MERCURY REV
Yerself Is Steam, Lego My Ego
(SPV)
Im Zuge des schleichenden Seventies Revival lebt auch die Psychedelia
auf. Mercury Rev ist eine der Bands, die diesem Trend vorauseilen. Ihre
Musik liegt irgendwo zwischen PINK FLOYD, BUTTHOLE SURFERS, SONIC YOUTH
etc.. Den sechs Musikern (3 Gitarren, eine Flöte, ein Bass, ein Schlagzeug)
gelingt es auch, mächtig abgefahrene Songs voll wummernder Töne,
zwitschernder Laute und blubbernder Sounds zu schaffen. Das Ganze hat
zwar durchaus seinen Reiz, doch hier und da wird doch allzu heftig zitiert.
Trotzdem - wer auf Psychedelia steht, sollte reinhören, gibt es doch
eine Doppel-CD zum Preis von einer. sb
MESZADA
Anepigrapha
Blue Noise Records
Sanfte Jungs mit düsterem Art-Wave, das sind MESZADA. Seit gut vier
Jahren waven die fünf Jungs aus Paderborn im eigenen Proberaum -
der "Hölle". Und als Kunst-Wave kann man die melodischen Darkwave/Gothicmischung
der Paderborner Waver durchaus einordnen. Nach zwei Demobändern (»Traum
der Vernunft erzeugt Ungeheuer« - 1991 und »Der Illusion beraubt«
- 1993) haben MESZADA nun ihre erste CD publiziert: »Anepigrapha«
(Schriften ohne Titel). Ein Debüt-Album mit acht Tracks, das trotz
des Low-Budget eine dem Industriestandard entsprechende Tonqualität
vorzeigen kann. Die Thematik der Songs beschreiben extreme Situationen
menschlichen Zusammenlebens. Mal sehr persönlich - mal kritisch beobachtend.
Der Mensch, »Aus Psyche gebaut« erzählt von der zerstörenden
Vergangenheit, die einen jeden einholt. »Liquid thinking«,
ein Stück vom alten Demo, handelt von der allgemeinen Orientierungslosigkeit
in sozialen Bereichen. »Dictator's good bye« greift zerrend
den gewünschten Liberalisierungsprozeß des politisch umbrochenen
Kuba auf. Untermalt sind die acht Tracks mit sphärischen Klängen
vibrierender Synthesizertöne, die manchmal an Michael Cretu's Enigma
erinnern. Vibrierend, verzerrend und aus dem Klischee des Tonhaltens ausbrechend,
ist auch die Stimme des Sängers und Songwriter MARKUS KURSCHEID.
Hell, aber expressiv, jongliert der Tonleiterngesetzbrecher mit seinen
Worten. Lang gezogen ist der »Abschied«, das abschließende
Stück der titellosen Schriften. Fast 21 Minuten zieht der Synthesizer
den Hörer in die Welt der verlorenen Liebesseelen, die schmachtend,
frustrierend den Abschied der Liebsten düster betrauern. Spielerisch
und weit ab von der manchmal monotonen Indiemusik bewegt sich der Art-Wave
von MESZADA. Wave-Balladen, die sich auch durch ihre dreisprachigen intellektuellen
Texte (deutsch, französisch und englisch) von der herkömmlichen
Indiemusik absetzen. (mcb)
MICHAEL JACKSON
HIStory
Epic (Do-CD)
Größenwahnsinnig war er ja schon immer. Nun präsentiert
er uns nicht nur riesige Statuen in den Großstädten der Welt,
nein, ER will uns gar in biblischer Gottes-Schreibweise SEINE Geschichte
offenbaren. Klein-Michael glaubt offensichtlich, die durchgemachten Qualen
aufgrund der liebevolle Hinwendung zu seinen kleinen Jüngern stelle
ihn in direkte Nachfolge von Jesus Christus. Gelitten unter TV und Times,
gekreuzigt von Moralisten und Familienvätern, auferstanden am dritten
Tage? Haltet ein, ihr Apostel, mit der Auferstehung ist es so eine Sache.
Zwar liefert ER uns SEINE Geschichte auf der ersten CD mit einer beeindruckenden
Greatest-Hits-Compilation in satter Tonqualität. Nichts gegen »Dirty
Diana« und »Billy Jean«, SEIN Wirken auf unserer armseligen
Erde war nicht vergebens. Doch, ihr Engel des Herren, ich frage Euch:
Wo war Euer Beistand bei den Aufnahmen zur CD 2 mit neuen Stücken
aus SEINER Feder? Klagegesänge einer gestörten Seele, das hat
schon so oft zu brtillanter Musik geführt - warum ausgerechnet bei
IHM nicht? Obwohl die Rhythmen knallen und die Schnulzen nach allen Regeln
zu Herzen gehender Sangeskunst dargeboten werden, stehen unterm Strich
nur Selbstplagiate mit weinerlichen Texten. Nein, das ist nicht UNSER
Michael, weiß Gott! Da muß wohl doch der Satan, bzw. die Scientologin
die Hand im Spiel gehabt haben - Jesus wußte eben, warum ER nicht
geheiratet hat! (lj)
MIKE OLDFIELD
Elements
Virgin (EMI)
Nach der spielfreudig-lebendigen Tour im Frühjahr jetzt also logischerweise
der Sampler mit "The Best Of Mike Oldfield" - appetitliche Häppchen
aus den 20 Jahren von "Tubular Bells" bis "Tubular Bells II"! Schön,
daß hier die Hit-Singles mal zusammen sind - "Shadow On The Wall",
"Five Miles Out" und "Family Man" peppen wie eh und je, "To France" und
"Moonlight Shadow" wecken wehmütige Erinnerungen an Maggie Rileys
glockenhellen Gesang, "Portsmouth" und "In Dulci Jubilo" bieten folkige
Pub-Atmosphäre. Auf Entgleisungen wie das müde "Islands" (mit
Bonnie Tyler) und das dümmliche "Foreign Affair" hätte man verzichten
können - statt dessen fehlen kitschig-schöne Klassiker wie "On
Horseback", "Pictures in the Dark" und vor allem "Mike Oldfield's Single"
mit der einschmeicheld sanften Version des Tubular-Bells-Themas. Und wo
ist der Disco-Fetzer "Guilty"??? Eine Schwierigkeit stellt es auch dar,
ausgedehnte Werke von "Ommadawn" bis "Amarok" in Kurz-Ausschnitten vorzustellen,
schließlich leben sie von weitgespannten musikalischen Bögen!
Trotzdem: Nett-bunte Kollektion von echten Perlen und manchem Modeschmuck!
(lj)
MIKE OLDFIELD
Tubular Bells II
(WEA)
Originell ist die Idee ja: 20 Jahre später noch einmal nach dem selben
Schema ein Album aufnehmen - gleicher Ablauf, gleiche Sounds, nur Themen
und Motive variieren, umspielen, verfremden. Mike Oldfield tut's! Der
Mega-Seller "Tubular Bells" dient dem Meister der schmeichelnden Klangfarben
und des folkig angehauchten Kitsches als Vorlage für ausgedehnte
Sessions mit sich selbst. Schon das Röhrenglocken-Cover im peppigen
Gelb-Blau signalisiert: Hier wurde Altbekanntes neu eingefärbt. Und
doch, die Differenz zum Original ist überdeutlich! Damals war Oldfield
ein unbekannter Musiker voller verträumter, versponnener und witziger
Ideen, der alles auf eine Karte setzte (und nebenbei die Home-Recorder-Bewegung
begründete). Seine auf fast allen Instrumenten selbst im Mehrspur-Heimstudio
eingespielte Musik fiel so aus dem Rahmen, daß niemand sie herauszubringen
wagte - bis die Kleinfirma Virgin einstieg und damit den großen
Durchbruch hatte! Heute ist Oldfield Multimillionär mit Zeit und
Cash, Trevor Horn produziert und Warner Brothers verlegt sein Werk. Doch
wie viele, die reich, satt und selbstzufrieden geworden sind, rennt er
nur noch den verlorenen Ideen - und Idealen? - seiner Jugend nach. Perfekt
gemacht, angenehm zu hören - weckt aber vor allem die Sehnsucht nach
dem Original. Und den alten Zeiten... lj
INCUBATOR
Hirnnektar
spv
Nach ihrer letzten Scheibe "Mc Gillroy The Housefly" (einer vom Wahsinn
geschwängerten Doom-Metal Definition), liefern uns INCUBATOR mit
neuer Bandbesetzung nun ihr drittes Werk "Hirnnektar". Zu Chris (Voices,
Grunts, Howls, Cries) und Sven (Guitar) gesellten sich Marcel (Bass) und
Kim (Drums, Rythmic Noises) - entstanden ist eine Platte, die eigenständig
neben den ersten beiden steht, aber ebenso brillant ist. INCUBATOR experimentieren
in den verzwicktesten Verästelungen des Hardcore und mit sämtlichen
jemals vom Metall geborenen Genres - spielen förmlich mit Fragmenten
aus Jazz und belangloser (weird Hawaiguitars will haunt you) Weltmusik
- schaffen es bei alldem aber eine Hardcore-Metal-Combo zu bleiben, anspruchsvoll,
mit einem ausgeprägten Sinn für Kultur und Humor. Hirnnektar
sickert nur langsam an die richtigen Stellen, entfacht dafür aber
eine umso größere Halbwertszeit. Als Schmankerl bieten uns
INCUBATOR zum Schluß eine völlig abgefahrenen Version des PINK
FLOYD Klassikers "Set the control for the heart of the sun", einem Trip
in ungeahnte Atmosphären, die verschleiertes Sonnenlicht resorbieren
um die Mondgöttin mit unerforschten Dimensionen der Psychedelia zu
speisen. Kim pumpt einen taumelnden Ölfassgroove, und Sven bedient
Gitarren die es gar nicht gibt. Obwohl man sich strikt an die kultige
Vorlage hielt, trägt das Ding den INCUBATOR-Stempel, so psychedelisch
wie FLOYD in den besten Tagen. Aber es gibt nicht nur Sonne im Leben.
Durch das individuelle Crossover erscheinen einige wenige Parts der Platte
irgentwie gestelzt/unfertig, man strauchelt bei dem Versuch Unmengen von
Ideen zu verarbeiten. Das musikalisch freie Assoziieren müßen
die vier in dieser Besetzung noch üben, um das Meisterwerk abzuliefern
das sie ständig andeuten. Außerdem vermisse ich Chris' brainstorming
Grunt-Akrobatics (Kult, Kult) die noch die McGillroy prägten und
zu einem psychedelischen Meisterwerk machten. (Legt Morrison ne Platte
ins Grab) Aber auch ohne Grunts fasziniert ein schreiender Chris, der
sich mit jedem Stück erneut in deine Seele katapultiert, dir verbal
hammerhart in die Fresse tritt. Haßerfüllter Hardcoregesang,
ängstliches Wimmern, Industrial-Appelle, schüchterner Gesang,
der Themen von Wahnsinn und Politik, von Tot und Leben mal mit dem INCUBATOR
typischen Surrealismus (Taste Yourself) und mal ganz konkret (SKS Syndrome)
illustrieren. Man kommt nicht los vom Groove, der die Beine mit Blut und
Speichel füllt, und das Hirn aktiviert. INCUBATOR kategorisiert sich
selbst am Besten: "INCUBATORCORE". (tb/ce)
MINIMAL MAN: Treatment
Feel (VS-Vinyl Solution)
"...you feel so good" - einziges weibliches Vocalsample, beendet mit einem
tiefen Jauchzer, reißt jeden mit. Tiefe Drums, abwechslungsreiches
Hi-Hat-Gespiele lassen dieses Stück nach einem Wirbelsturm aussehen.
Besser noch: purer Sex!
MINIMAL MAN: Treatment
Feel (VS-Vinyl Solution)
"...you feel so good" - einziges weibliches Vocalsample, beendet mit einem
tiefen Jauchzer, reißt jeden mit. Tiefe Drums, abwechslungsreiches
Hi-Hat-Gespiele lassen dieses Stück nach einem Wirbelsturm aussehen.
Besser noch: purer Sex!
MISS SAIGON
Dt. Originalaufnahme
Polydor
Nachdem das Musical von Claude-Michel Schönberg in Stuttgart gut
angelaufen ist (Tickets: 0180-54444), gibt es nun auch die CD-Fassung
in der Übersetzung von "Brille" Heinz-Rudolf Kunze: Orchester-Pomp
und Herz-Schmerz-Schmalz nach allen Regeln der Webberschen Kunst! Leider
fehlt die eigene, unverwechselbare Handschrift. Gleiches gilt für
die Handlung: Puccinis "Madame Butterfly" wurde in die Zeit des Vietnamkrieges
verpflanzt - GI liebt Asiatin und läßt sie mit einem Kind sitzen!
Angesichts des dramatischen Hintergrundes bleibt das Stück aber sehr
an der Oberfläche. Trotzdem gibt es starke Momente: an erster
Stelle die Chöre des befreiten Volkes! Die Auftritte des raffgierigen
"Chefs im Ring" entfalten bösen Witz. Und in lyrischen Momenten
nähert sich Miß Saigon Aura Deva fast schon ihrem Vorbild Angelika
Milster. (lj)
MOON MARTIN
Bad News Live
Fnac Music
Er sieht aus wie eine unvorteilhafte Mischung aus Andy Warhol und Woody
Allan, seine Stimme dagegen klingt wie eine gelungene Synthese aus Bryan
Adams und Curtis Stigers. Seine Songs aber - obwohl sehr populär
in den USA - sind so originell wie die letzten Scheiben der Stones. Das
alles gab's schon zweihundertmal und um etliches besser! Immerhin: Zum
Tanzen dürfte die CD ganz geeignet sein. Sorry, Moon, deine recht
gute Stimme allein macht's leider noch nicht... (pw)
MOTÖRHEAD
Sacrifice
Steamhammer
Die Zeit der Balladen ist vorbei. Auf dem neuen Album schlagen MOTÖRHEAD
wieder in altbewährter Speed-Metal-Manier zu und legen sogar noch
einen drauf. Gleich der Titelsong »Sacrifice« zeigt, wo's
langgeht: schnelle Riffs, rasende Beats, Double Bass und Lemmy's Röhre
in ganz neuer Konstellation - MOTÖRHEAD goes Thrash! Dennoch, im
Verlauf der Scheibe zeigen die Engländer wieder, aus welcher Ecke
sie kommen. Der gute alte Rock'n' Roll läßt sie nicht in Ruhe
- auf eine ganz eigene Art. »Sex And Death« und »Don't
Waste Your Time« sind die besten Beispiele dafür, wie man aus
einer Chuck Berry-Gitarre, einem Elvis-Beat und einem Piano einen potentiellen
Motörhead-Knaller machen kann. Mit »Fade To Black« und
»Over Your Shoulder« zeigen sie einmal mehr, daß der
kultige MOTÖRHEAD-Sound nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt
hat. Lemmy und Konsorten bleiben sich treu, obwohl sie auch neue Elemente
ihrem "Way of Rock and Roll" unterwerfen. In dieser Form werden sie wohl
auch noch in zwanzig Jahren die Kultfiguren des Schraddel-Speed sein.
(ps)
MOTORPSYCHO
Mountain (EP)
Die dänischen MOTORPSYCHOS präsentieren die erste Auskopplung
ihres aktuellen Albums »Demon Box«. Sofort gefiel mir die
Platte, geprägt von lockeren Hippie-Attitüden, individuell,
interessant und abgefahren.
Melodie und Melancholie verschmelzen zu einem wahren Seventies-Revival,
werden verfolgt, gefoltert von dumpf rollenden Bassequenzen. Feedbacks
schultern manische Vibes in einer Landschaft voller zerriebener Substanzen
unter der Herrschaft des Overcross. Eine Mixtur aus Psychedelic-Grunge
und Industrial-Melodic-Rock'n`Roll, die unendlich weich erscheint. Zur
Krönung des Ganzen gibt es zum Schluß mit "Sister Confusion"
eine bittersüße Ballade, die dann doch brutal die eigens erzeugte
unschuldige Atmosphäre sprengt. (tb)
MOTORPSYCHO: Mountain
(EP) (semaphore)
Melodie und Melancholie verschmelzen zum 70's-Revival, Baß-Sequenzen
zwischen Himmel und Endzeitvisionen schultern manische Vibes in einer
Landschaft voller zerriebener Substanzen unter der Herrschaft des Overcross.
Eine Mixtur aus Psychedelic-Grunge und Industrial-Melodic-Rock'n'Roll,
die unendlich soft erscheint und dann mit ungeahnter Macht brutal die
unschuldige Atmosphäre sprengt.
Oberton Chor Düsseldorf
Rise My Soul
Network
Der Oberton Chor Düsseldorf ist ein Projekt des Oberton Musikers
Christian Bollmann,mit dem er bereits eine CD veröffentlicht hat.
Der Obertonchor besteht aus einer wechselnden Zahl von Sängern die
sich unter bollmanns Regie zusammenfinden. Diesmal wurde die CD im Sakralturm
der Benedektiner Abtei Meschede aufgenommen. Der Turm ist 32 Meter hoch
und hat einen natürlichen Nachhall von 12 Sekunden. Dieser enorm
lange Nachhall stellt ein ideales Betätigungsfeld für den Chor
da, der die Akustik des Turms auch virtous zu benutzen weiß. Die
Kompositionen lassen die naturliche Schonheit und Vielfalt der menschlichen
Stimme voll zur Geltung kommen. Obendrein sind sie unheimlich schön,
laden ein zum Träumen, zum Abschweben. Dabei gleiten die Stücke,
die großtenteils fliesend ineinander übergehen, niemals ins
Spannungslose ab, im gegenteil die minimalistischen Kompositionen offenbaren
immer neue Überraschungen, vermögen Emotionen zu erregen, reißen
mit, werden aber niemals hektisch. Den genau das wollen die Musiker verhindern,
ihre Intention heißt "Musik zur Ruhe", als Gegenpol zum hektischen
Alltagsleben. Für die meisten klingt das Abschreckend, aber man sollte
Reinhören, es lohnt sich.
NAILBOMB
Point Blank
(Roadrunner)
Willkommen an der Front. Ich hoffe ihr seid nur als Besucher hier (mit
viel Bauch und Strandkorb in Südafrika). Alex Newport, Sänger
und Gitarrist der Combo FUDGE TUNNEL und Max Cavalera, seines Zeichens
Front(!)mann bei SEPULTURA, fanden sich im Hause Cavalera in Brasilien
ein, um gemeinsam ihren Frust auf Vinyl zu kotzen, denn Haß ist
das Lebenselixir dieser beiden Gentlemen, Leichen die Droge, nach der
man täglich verlangt, um die Coolness eines Metallmannes zu bewahren.
Wir prügeln und ackern und machen Krach. Eine Kiste randgefüllt
mit schaumiger Hefeware ist genau das, was die Bauherren dieses Hammersplits
vor ihrem geistigen Auge (sowie blubbernd in der Blutbahn) gehabt haben
müssen, als sie begannen, im Kinderzimmer der Cavaleras jenes brachiale
Bombardement zu kreieren. Das Gewitter und Gedonner dieser tragischen
Flugzeugträger-im-Pazifik-Atmosphäre weckt auch tatsächlich
eine gewisse "Sauflust". So richtig geil sind dann auch erst die Parts,
die weder nach FUDGE TUNNEL noch nach SEPULTURA klingen. Dann gibt es
die Breitseite der Bauschüppe und satte Haß-injektionen. Ein
kannibalischer Monstergroove hippt und bollert blasphemisch, dazu bemerkt
man die Eingebungen des FEAR FACTORY-Gitarristen Cazares, der es gut versteht,
das Ganze mit blutrünstigen und gefrusteten Bilder zu bespicken (Anspieltip:
»24 Hours Bullshit«). Ergo ist das ganze ein bißchen
an sich selbst zugrunde gegangen, denn die beteiligten Musiker (fünf
an der Zahl) hatten zweifelsohne mehr Spaß als Ideen. (tb)
NAPALM DEATH
Diatribes
Intercord
Da ist sie, die neue ND, nach der letzten Scheibe »Fear, Emptiness
...« war die Erwartung groß, wie es weiter gehen würde,
denn sie hatte einen Richtungswechsel angekündigt. ND waren plötzlich
vertrackt, verschachtelt, rhythmisch unberechenbar, aber immer am Groove
dran. Die Stimmung war von kopfloser Raserei zu Nachdenklichkeit umgeschlagen,
und es gab sogar Sonic Youth Einflüsse. Man durfte also hoffen, daß
die Band auf »Diatribes« ihr innovatives Potential auslebt,
das sonst nur in Projekten wie »Meathook Seed« (genial!!!)
Ausdruck fand, bzw. zum Tragen kam, wenn die Musiker ihr eigenes Teil
durchzogen (SCORN, GODFLESH, CATHEDRAL). Eigentlich ist das auch passiert,
»Diatribes« gleicht musikalisch keiner anderen ND, und ist
nah dran am Extrem. Aber hier werden die Riffs doch irgendwie zu locker
hingebrettert, die Songs haben nicht den letzten Kick, das ganze klingt
trotz aller Ideen nicht mehr von der eigenen Sache überzeugt. ND
haben eine neue Richtung gefunden, es lohnt sich auf jeden Fall, das Ergebnis
anzuhören. Doch ob die Band selbst damit zufrieden ist, ist fraglich.
Ich mache mir Sorgen über die Zukunft von ND. (ce)
NAPALM DEATH
Fear, Emptiness, Despair
Intercord
Kaum eine Band hat das Metalgenre mehr beeinflußt als NAPALM DEATH,
entsprechend hoch war die Erwartungshaltung an die neue Scheibe, vielerorts
vernahm man Enttäuschung, verächtlich war von Hardcore die Rede,
doch die Enttäuschung teile ich nicht. Vielmehr beweisen ND mit »Fear,
Emptiness, Despair«, daß sich dieser Zustand nicht auf die
Musiker bezieht, sondern daß ND nach wie vor die Alchemisten des
Extremmetal sind. Die aktuellen Trends haben Spuren in der Musik NDs hinterlassen,
doch viel augenfälliger ist der Stimmungswechsel, den die Musik durchgemacht
hat - vom gnadenlosen Ausleben pubertärer Aggressionshemmungen, vom
wilden, hemmungslosen Sich-einen-Weg-Bahnen hat sie zur Tragik gefunden.
ND klingen erschüttert und traurig, sinnloses Metzeln hat sich als
sinnlos erwiesen, jetzt besinnt man sich auf die Nachdenklichkeit, was
sich am stärksten in den leider kurzen Momenten zeigt, in denen ND
Sonic Youth-artige Melodien (ja Melodien) weben. Die restlichen Momente
bewegen sich mindestens im Up Tempo-Bereich, ND sind weiterhin der Brutalität
verpflichtet und erodieren die Gefühlswelt ihrer Hörer, bis
nichts als verzweifelter Haß übrigbleibt. Kein Monument, aber
ein reifes Spätwerk, das seine Klasse nicht sofort verrät. (ce)
NARO
Press Play
Interplanet Music
Für mich ist die kanadische Musikszene die beste der Welt. 2,5 Nasen
pro Quadratkilometer - und nicht eine schlechte Band! Vor allem der Melodic
Rock bescherte uns in den letzten Monaten etliche Perlen, die hierzulande
jedoch durchweg vor den Säuen landeten. NARO werden wohl dasselbe
Schicksal erleiden, aber das ist zum Glück Euer Verlust, nicht meiner!
Ich werde mich weiterhin am typischen, undefinierbaren Canadasound von
»Press Play« erfreuen; einem Album, das mit zunehmender Spieldauer
immer mehr in Fahrt kommt. Mit »I Am The Reason« und »Sweat
Better In The Dark« finden sich gleich zwei sichere Anwärter
für mein »Best of 1995«-Tape auf dieser tollen CD. Die
Refrains verfolgen mich seit Tagen bis in meine tiefsten Träume.
Die 12 durch originelle Spielereien aufgelockerten Stücke besitzen
reichlich Hitpotential, das sich mal früher, mal später entfaltet
und »Press Play« im Schacht Eures CD-Players festnagelt. Für
Musikliebhaber ein Mußkauf ohne Wenn und Aber. Canada rules! (ms)
NARO
Press Play
Interplanet Music
Für mich ist die kanadische Musikszene die beste der Welt. 2,5 Nasen
pro Quadratkilometer - und nicht eine schlechte Band! Vor allem der Melodic
Rock bescherte uns in den letzten Monaten etliche Perlen, die hierzulande
jedoch durchweg vor den Säuen landeten. NARO werden wohl dasselbe
Schicksal erleiden, aber das ist zum Glück Euer Verlust, nicht meiner!
Ich werde mich weiterhin am typischen, undefinierbaren Canadasound von
»Press Play« erfreuen; einem Album, das mit zunehmender Spieldauer
immer mehr in Fahrt kommt. Mit »I Am The Reason« und »Sweat
Better In The Dark« finden sich gleich zwei sichere Anwärter
für mein »Best of 1995«-Tape auf dieser tollen CD. Die
Refrains verfolgen mich seit Tagen bis in meine tiefsten Träume.
Die 12 durch originelle Spielereien aufgelockerten Stücke besitzen
reichlich Hitpotential, das sich mal früher, mal später entfaltet
und »Press Play« im Schacht Eures CD-Players festnagelt. Für
Musikliebhaber ein Mußkauf ohne Wenn und Aber. Canada rules! (ms)
NATIONALGALERIE
Meskalin
Sony
Seit ihrer letzten CD »Indiana« (1993) kursieren die Berliner
in der Szene als todsicherer Geheimtip. Sucht man Vergleiche, muß
man sich schon international umschauen. NATIONALGALERIE als allemanische
NIRVANA, SIMPLE MINDS oder U2 - und das mit deutschen Texten. Deren besonderes
Kennzeichen: kühne Metaphern, die manchmal Kitsch, manchmal Genialität
streifen, manchmal in Westernhagen-Manier nach dem Motto "Hauptsache dämlich!"
zusammengestoppelt sind, z.B. "...der Präsident um sein Leben rennt".
Immerhin: Originalität und Einprägsamkeit muß man den
lyrischen Ergüssen allemal bescheinigen. Oder liegt das vielleicht
an der stets originellen Phrasierung von Niels Freverts Gesang, der mal
cool knarrend, mal erotisch raunend, mal rotzend und kotzend oder auch
schreiend und tobend daherkommt? Fest steht: seit BAP und SPLIFF hat mir
keine andere deutschsprachige Band so verfänglich in den Ohren gelegen.
Dazu kommt, daß NATIONALGALERIE eine der wenigen deutschen Bands
ist, die nach der zweiten Platte einen erkennbaren musikalischen Stil
ausgeprägt haben, ohne daß die Vielseitigkeit der Kompositionen
darunter litte. Fazit: Diese CD ist ein glühend heißer Anwärter
auf die deutsche Platte des Jahres. (pw)
NE ZHDALI
Whatever Happends, Twist!
Rec Rec
Estland, kein Ort, dessen musikalische Ausgüsse Plattenschränke
bevölkern. Das könnte sich bei einigen Leuten demnächst
ändern. Zumindest liefern NE ZHDALI gute Gründe, den polyglotten
Charakter der CD-Sammlung zu stärken. Hinter dem Namen, der übersetzt
"das haben sie nicht erwartet" bedeutet, stehen fünf Musiker aus
dem kleinen Land an der Ostsee. Ihr musikalischer Werdegang ist bisweilen
abenteuerlich, da tauchen Militärkapellen, Feuerwehrorchester, Staatstheater
und klassische Ausbildungen auf. Genauso abenteuerlich klingen NE ZHDALI
auch, ein kunterbuntes Auf und Ab durch Jazz, Hardcore, Polka, Twist,
Don Kosaken und was die Musik sonst noch so hergibt. Kunterbuntes aber
irgendwie rockig und bestimmt nicht schlechtgelaunt. Man hat das Gefühl,
als müßten die gerade erst an den westlichen Kulturbetrieb
Angeschlossenen im Fast Forward die gesamte Entwicklung der Musik nachholen.
Daß sie bisweilen dabei stolpern bzw. nicht immer den geraden Weg
gehen, das macht NE ZHDALI so liebenswert. Eigentlich sind die fünf
die wahren LENINGRAD COWBOYS! (ce)
NEIL YOUNG
(feat. PEARL JAM)
Mirror Ball
Reprise
Eins vorweg: Es ist keine Platte von PEARL JAM. Alle Songs sind von Neil
Young geschrieben, Eddie Vedder kommt auf dem Album so gut wie nicht vor.
Bleibt also die Frage, was PEARL JAM überhaupt anderes haben einbringen
können als Youngs Abonnementmusiker von CRAZY HORSE. Grunge bleibt
es ja ohnehin, nur daß es (Forever-) Youngs Enkelkinder sind, die
hier in einer viertägigen Jamsession Großväterliches begleiten.
Eins steht fest, PEARL JAM haben in ihrem Leib- und Magenstudio in Seattle
das Tempo hochgeschraubt, keine Unplugged-Sounds zugelassen (abgesehen
von einer höchst ungewöhnlichen Drehorgel) und Youngs Gesang
gehörig heruntergemischt. Zuweilen leuchtet mal ein flüssiges
Gitarrensolo von Mike McCready neben Youngs Gestümpere auf, manchmal
klingen die Drums von Jack Irons etwas präsenter als gewohnt, aber
das war's auch schon. Kein schlechtes Album, Neil - aber es gab auch schon
Besseres von Dir. (pw)
NEIL YOUNG AND CRAZY
HORSE
Sleeps With Angels
Reprise Records
Wer NEIL YOUNG noch nie leiden konnte, sollte nicht meinen, ihn auf der
neuen CD für sich entdecken zu müssen. Seine unverkennbar wimmernde
Stimme hat sich so wenig verändert wie seine genial gestümperten
Gitarrensoli. Überraschend ist, daß NEIL YOUNG nach über
zwei Jahrzehnten ununterbrochenen schöpferischen und produktiven
Schaffens nicht die geringsten Ausfallerscheinungen erkennen läßt.
Im Gegenteil: Wer die neue CD hört, muß anerkennend feststellen,
daß seine Kompositionen unverbraucht und abwechslungsreich klingen,
ja, er parodiert sogar munter drauflos wie z.B. bei »Piece Of Crap«,
einer wilden Mischung aus typischen Rolling Stones-Riffs und Post-Punk-Gesang.
Ähnlich bei »Blue Eden«, einem futuristisch verfremdeten
Nebelhorn-Blues! Ansonsten aber greift die Platte konsequent auf Altbewährtes
zurück. So könnten »My Heart« und »Trans Am«
direkt der 15 Jahre zurückliegenden LP »Zuma« entnommen
sein, während »Driveby« der Heart-Of-Gold-Ära entstammen
könnte. Das gleiche gilt für »Change Your Mind«,
ein 15-Minuten-Stück, das im Wesentlichen aus endlosen Soli über
die Akkorde A-Moll und F-Dur besteht, mithin ein Zwillingsbruder von dem
1972er »Harvest«-Klassiker »Words«. Neu ist, daß
NEIL YOUNG höchst ungewohnte Instrumente zum Einsatz kommen läßt,
so z.B. eine avantgardistisch schräge Flöte, eine Marimba, ein
uralt-verstimmtes Barklavier. Insgesamt klingt die Platte wie eine gut
zusammengestellte "Best Of"-Kompilation ohne ein einziges der alten Stücke.
Ein Album, das unter Neil Young-Anhängern Klassiker-Status anmelden
darf. Besonderer Service: Textbeilage in deutscher Übersetzung. (pw)
NENA: Und alles dreht
sich (RMG)
Nichts mehr mit 99 Luftballons. Statt dessen 12 eher ruhige Songs, die
Single-Auskopplung »Hol mich zurück« ist noch das peppigste.
Trotzdem werden Nena-Fans nicht enttäuscht sein...
NEW CHARMS
The Perfect Mistake
Eigenvertrieb
Ausgerechnet die NEW CHARMS, ein Projekt des Paderborner Gitarristen Fred
Franger, werden von der örtlichen Presse als Hoffnungsschimmer am
Firnament gesehen. Warum das verwundert? Nun, es ist eben kein neuer Trend,
der hier angehimmelt wird, sondern beste Handarbeit. Während viele
mit ihrer Art der Rückbesinnung auf Größen a la Hendrix
und Co. reichlich Kohle machten, siehe Kravitz, wirkte ihr Sound oft nur
aufgesetzt. Ganz anders ist das bei den NEW CHARMS und ihrer Scheibe »The
Perfect Mistake«. Kein technischer Schnickschnack, der hier zur
kühlen Perfektion führt, keine musikalischen Zitate, die nicht
auch gelebt wurden. Déj -vu-Erlebnisse ergeben sich für Seventies-Fans
zu Hauf. So kommt einem die Urbesetzung von TYRANNOSAURUS REX in den Sinn,
kommen wohlige Erinnerungen an EXUMA (»Brother Fred's Rising Song«)
mit ihrem unverwechselbaren Voodoo-Sound oder an Werner Herzogs Klangzauberer
POPOL VUH (Love) ins Spiel. Die NEW CHARMS sind ein Genuß in ihrer
unverblümten Verspieltheit. (om)
NIK TURNER
Prophas of Time
Cleopatra
Altmeister "Captain" Nik Turner, Ex- HAWKWIND- und GONG-Mitspieler, wollte
sich angesichts des letzten HAWKWIND-Erfolges wohl nicht lumpen lassen
und brachte »Prophas of Time heraus«. Wer allerdings schon
beim Drücken der Play-Taste einfachen Abklatsch erwartet, sieht sich
schnell eines Besseren belehrt. »Prophecy« dient mit seinem
Psychedelic-Sound als guter Opener, während der Nachfolger »Watching
The Grass Grow« an beste HAWKWIND-Zeiten erinnert. Weitere 13 Titel
bringen größten Einfallsreichtum zu Gehör. Wer sich also
für Hippie-Psychedelic-Spacerock begeistern kann, ein Musikstil,
der seit geraumer Zeit fast alle Clubs Englands erobert, der sollte nicht
zögern, zum Recordshop zu stiefeln. (om)
NIRVANA
Unplugged in New York
Geffen
Lange angekündigt, nun ist sie endlich da, die wohl letzte NIRVANA
CD. Um bei dieser Scheibe die richtige Stimmung einzufangen, sollte man
sein Zimmer abdunkeln, ein paar Kerzen aufstellen und dieses einmalige
Unplugged-Konzert genießen. Zusätzlich zu dem MTV Gig findet
man hier noch zwei Stücke, die nicht über den Bildschirm gingen.
Wünderschöne Versionen der Antistars des Grunge sowie sauber
ausgesuchte Coverversionen anderer Künstler wie David Bowies unvergängliches
»The Man Who Sold The World« werden von Kurt Cobain
mit einer Melancholie und einem Weltschmerz vorgetragen, daß einem
in den Sinn kommt, Cobain hätte den Freitod-Gedanken schon lange
in sich getragen. Hier merkt man ganz deutlich, welcher Ausnahme-Musiker
der Rockwelt verlorengegangen ist. Wir werden Dich vermissen! (hs)
NRK
NRK
Magnetition Records
Klangkrebs wuchert, die Depression ist der einzig gültige Gemütszustand,
raunendes Tieftonfeedback nimmt die Luft zum Atmen. Auf Endzeitschrott
werden uralte Rituale rhythmisch begleitet. Siebzig Minuten lang zerfasert
die CD den Lebenswillen ihrer Hörer konsequent. Die Kasseler Band
NRK macht schwere, schleichende Musik, die Assoziationen weckt. Dröhnendes
Feedback von unglaublicher Dichte breitet sich aus den Boxen aus. Über
dem Ganzen hämmert Schrottpercussion, mit schamanischen Grooves scheint
sie das Klanggebilde langsam, unaufhaltsam auf sehnlichst erwartete erlösende
Höhepunkte zuzutreiben. Doch die kommen nicht. Ein Spiegel Kasseler
Gefühlswelten, ein Gefühlsgenerator ohne zu stocken. Kaufen
und die Schlaftabletten außer Reichweite bringen! (ce)
NUMB
Fixate
plan x
Flippt und zappelt Raves, it's frosted. NUMB breitet sich aus wie eine
Herde Küchenfliegen, doch die stürzen sich nur auf Essensreste,
NUMB ätzt sich in jede Faser deiner Eingeweide und beginnt mit der
langsamen Zersetzung deines Körpers nach den Theorien des Wahnsinns.
Trotzdem spürst du Freude am Leben, ohne dabei chronisch grinsen
zu müssen, deine Glieder zucken wild, der Hipe hinterläßt
Risse in deinem Gesicht. Inmitten einer Ohnmacht aus Schwerelosigkeit
und Trance vergißt du vollends deinen Wasserverlust. Aktivität
strudelt in alle Himmelsrichtungen und ein ~WirrwarrWasserrfaalll~ verhält
sich ähnlich anstrengend wie die Küchenfliegen. Doch dann...
Die Beats verlieren Tribe, verschieben sich gar ganz hinter schwadigen,
kristallenen, fiebrigen Wahnen, die dich wirbelnd in Ozonlochnähe
bringen. Du siehst dir alles von oben an, Sightseeing lost in space. Dein
Motorbike grast in Lichtjahren die saftigsten Mondlichter. In Zeitlupe
setzten sich sackweise monumentale Gestalten in zwielichter Manier auf
deinen Schoß und irgendwie bekommst du Angst. Leider ist die Platte
nicht allzu lang und so landest du unsanft auf einer kahlen blauen Wiese,
mit nichts als dir selbst. Erst hier florieren deine Ängste, und
du bist allein. Eine merkwürdige akustische Realität erfüllt
dich mit Unbarmherzigkeit, du suchst und findest. Geräuschsträucher,
Lebensdialoge, den Ursaft technotischen Terrors. And then, NUMB will haunt
you again. (tb)
OLIVER SERANO
Sterntaler
Sattva-Music
Phantasiegebilde, angelehnt an die östlichen Mythen und Sagenwelten,
gepaart mit Schlüsselwörtern wie Licht und Frieden, zieren die
Platten-, CD- und Kassettenhüllen. Hat man diese Musik früher
nur in Esoterikläden oder auf Festivals gefunden, so führt sie
heute fast jeder gut sortierte Platten- bzw. CD-Shop. Es ist unsere Sehnsucht
nach einer heilen, beseelten Welt, die mit dazu beiträgt, daß
ein Mann wie OLIVER ALVE SERANO alias Oliver Shanti heute eine führende
Kraft im Esoterikbreich ist. Seine letzte Arbeit, »Tai Chi«,
unbestritten ein Meisterstück der Weltmusik, hat meine Neugierde
geweckt. Geht es nur ums Geld? Wie glaubwürdig, wie ehrlich ist Seranos
Losung bezüglich seines Labels Sattva Art Music: »Instrument
zur unmittelbaren Verbesserung der Wirklichkeit?« Geht es um seine
oder unsere Wirklichkeit? Wirtschaftliche Nöte treiben ihn sicherlich
nicht. Mit 14 Jahren, im Jahre '62, auf Weltreise gegangen, von '63 bis
'69 alle Metropolen der Welt abgegrast, drei Jahre Studium der traditionellen
arabischen Musik im Mittleren Osten. Aufenthalte in Pakistan, Nepal und
Indien, wo er ein Entwicklungshilfeprojekt leitete und indische Ragas
studierte. Erst 1980 treibt es ihn wieder nach Europa, um '83 seine Sattva
Unique Sound Studios und sein erstes Bandprojekt »Inkarnation«
ins Leben zu rufen. Im Jahr 1987 folgt die erste Platte unter dem Namen
OLIVER SHANTI & FRIENDS, um einen flexibleren Rahmen bei der Wahl
der Musiker zu haben. Heute kann OLIVER SHANTI auf insgesamt neun Veröffentlichungen
zurückblicken, die unter seiner Regie entstanden sind, allesamt hörenswerte
Arbeiten, die der Losung gerecht werden. (om)
OLIVER SHANTI &
FRIENDS
Tai Chi
Sattva Music 1994
Selten geschieht es, daß mich Musik schon aus der Ferne so begeistert,
wie es mir bei Oliver Shanti alias Oliver Serano-Alve passierte. Während
des sonntäglichen Frühstücks bekam ich aus einer Nachbarwohnung
fernöstliche Klänge zu hören, die in mir Erinnerungen an
die Arbeiten von Andreas Vollenweider hervorriefen. Jetzt dreht sich der
Silberling in meinem Player und belehrt mich eines besseren. Oliver Shanti
& Friends, 27 Musiker aus 7 Ländern, bieten uns über die
Musik von »Tai Chi« die Möglichkeit, eine Reise in den
fernen Osten zu machen. Was diese Platte so außergewöhnlich
macht, ist die extrem umfangreiche instrumentale Bestückung. Um eine
der fernöstlichen Tradition adäpuate Atmosphäre zu schaffen,
fanden auf dieser CD neben herkömmlichen Musikinstrumenten wie
Saxophon oder Synthesizer vor allem in China, Japan oder Korea beheimatete
Instrumente Verwendung. Im einzelnen sind das so fantastische Gerätschaften
wie die japanische Wölbbrettzither Koto, die chinesische Violine
erh-hu, die seit dem 8. Jahrhundert bekannte Bambus-Kerbflöte Shakuhachi
und die koreanischen Kodo-Drums mit ihrem unnachahmlichen Klang. Gekrönt
wird diese Arbeit in den beiden Stücken "Chenresie, Flame Of Peace
And Compassion" sowie "Tara Mantra" durch Dechen Shak Dagsay, deren erstklassiger
Gesang für wohlige Schauer sorgt. Weitere gesangliche Unterstützung
erhält Oliver Shanti durch den Himalaya Mountain Chor. Eine Produktion,
die es verdient, nicht nur in den Charts der New Age-Hörer aufzutauchen.
Wer Probleme haben sollte, diese Platte im CD-Fachhandel zu erhalten,
der kann sie in Esoterik-Fachgeschäften oder direkt bei Sattva Music,
P.O.Box 33 06 44, 80066 München, Tel.: 089 / 260 38 14 bestellen.
(om)
Shanti
OLIVER SHANTI & FRIENDS
Well Balance
Sattva Music
Sein bisher größter kommerzieller Erfolg trägt den Namen
»Tai Chi«, der den Zuhörer staunend in das Land des Lächelns
entführt. Grenzüberschreitend führte OLIVER SERANO-ALVE
auf dieser Platte die Traditionen Chinas, Japans, Koreas und Vietnams
zusammen und schuf somit eine einzigartige Symbiose unter Einbeziehung
gemeinsamer Wurzeln. Schon längst hat sich das mittlerweile zehn
Jahre junge Lable Sattva Music aus den Schatten der Großen hervorgehoben,
um nun mit »Well Balance« ein weiteres Kunstwerk zu präsentieren.
Nicht einfach gesamplete Tondokumente, gepaart mit modernen Soundcollagen,
sind der Inhalt dieser Arbeit, sondern neue Einspielungen, unter Mitwirkung
von Musikern aus dem indianischen Kulturkreis, prägen diese Veröffentlichung.
Auch wenn mancher Song in seiner Schönheit etwas kitschig klingt,
so bietet sich uns doch ein gelungener Trip auf der Suche nach neuen Verständigungsformen
an. Der Lebensphilosophie von OLIVER SHANTI ist indes nichts weiter hinzuzufügen:
"Leben bedeutet Balance mit Mutter Erde - nicht nationales Gegeneinander,
sondern globales Miteinander". (om)
ONKEL HOTTES MÄRCHENSTUNDE
TEIL II
Spiel mir das Lied vom Zwerg
Rough Trade Records
Er ist aufgetaucht, der verlorengeglaubte zweite Teil von Onkel Hottes
Märchenstunden-Trilogie. Leider!!! Oliver Kalkofe hat es sich nicht
nehmen lassen, uns wieder einmal einen Sack Ordinäres zuzumuten.
Er soll ja Fans haben und findet sich selber bestimmt auch ganz toll,
aber was er da mal wieder von sich gibt, ist bodenlos niveaulos, ekelhaft,
geschmacklos, schlecht und billig - das ist zwar alles beabsichtigt und
soll typisch sein, ist dabei aber völlig (sprach)witzfrei. Wer auf
grunzende und furzende Männer steht und sich gerne dummes Zeug anhört,
soll es sich reinziehen oder eine Nacht in einer Ausnüchterungszelle
verbringen. Selten so wenig gelacht! (sh)
OVERKILL
W.F.O. (Wide Fucking Open)
Atlantic Records
OVER KILL sind seit Mitte der achtziger Jahre eine der etabliertesten
Speed-Metal-Bands. Aus dem Quartett, das damals für sehr geradlinige
Musik bekannt war, ist mit steter Entwicklung ein Quintett geworden, das
jetzt mit »W.F.O.« einen weiteren Schritt in die Geschichte
des Heavy-Metal geht. Die Songstrukturen der elf neuen Stücke sind
sehr komplex und gut arrangiert. Dazu kommt, daß OVERKILL wie immer
enorm viele Ideen, welche sowohl die Rhythmik als auch den melodischen
Aufbau der Stücke betreffen, entwickelt haben. Das neue Werk ist
wie auch der Vorgänger »Horrorscope« mit einem extrem
satten Sound produziert worden. Beim Neuling hat der Bass jedoch eine
völlig neue Rolle bekommen, denn D.D. Verni steht jetzt mit seinem
Instrument weitgehend deutlich im Vordergrund und gibt den Songs einen
noch tieferen, röhrenden Charakter. Eine Neuerung in diesem Musikstil,
die sich nach meinem Erachten auszahlt. Sänger Bobby Ellsworth erweitert
mit seiner ausgefallenen Stimme eindrucksvoll die Melodien, die von seinen
Bandkollegen geschaffen werden. Insgesamt eine hochwertige Produktion,
die wahrscheinlich nicht nur von absoluten OVERKILL-Fans gekauft wird.
(ar)
OZRIC TENTACLES
Arborescence
Dovetail Rec./Rough Trade
Aufgewachsen auf den Free-Festivals des britischen Königreichs, nicht
selten von der Polizei verjagt, zählen die OZRIC TENTACLES schon
lange zur Cr`eme de la Cr`eme der Elektronikszene. Sie kennen ihre Vorbilder
nicht nur von Platten her, sondern spielen noch heute mit Bands wie HAWKWIND
oder GONG auf den Festivals. Zwölf Alben sind das Ergebnis
der zurückliegenden 11 Jahre. Die nun vorliegende 13. Scheibe »Aborescence«
verfolgt den eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Auch wenn vieles an
die Vorgänger erinnert, so wird ihnen doch so schnell keine Band
den Thron streitig machen. (om)
PAGE PLANT
No Quarter
Phonogram
Als die Sensation des Musikjahres angekündigt: Die zwei Köpfe
der legendären LED ZEPPELIN haben sich nach über 14 Jahren wieder
zusammenraufen können, um gemeinsam wieder eine Bühne zu besteigen.
Jimmy Page und Robert Plant haben zehn alte Led Zep Songs in neue Soundgewänder
verpackt, zusätzlich befinden sich vier neue Stücke der CD.
Daß PAGE schon immer einen Hang zur arabischen und afrikanischen
Musik hatte, weiß man ja von älteren Alben der Zeppeline, hier
jedoch wird dem Zuhörer eine Menge zugemutet. Man musizierte u.a.
mit einem ägyptischen Ensemble oder Musikern in Marrakesch. Was im
Fernsehen bei MTV noch seinen Reiz hatte - in Afrika mit den verschiedensten
Musikern zu spielen -, hört sich auf CD doch sehr gewöhnungsbedürftig
an. Aber ein Dank an die alten Herren, den Song »Thank You«
nicht vergessen zu haben, war es doch unfaßbar, eines der besten
Stücke von LED ZEPPELIN nicht auf der »Remasters« CD-Box
zu finden. Hört erstmal rein! (hs)
PAINKILLER
Buried Secrets
(Roughtrade)
Bei Painkiller handelt es sich um eine der zur Zeit intressantesten Bands,
treffen in ihr doch mit John Zorn (Sax) und Bill Laswell (Bass) zwei der
innovativsten Jazz-Musiker auf den wohl besten Grindcore Drummer der Welt:
Mick Harris. Laswell, Zorn und Harris verschmelzen extremen Advantgarde-Jazz
mit extremen Grindcore zu wahnwitzigen, eklektischen "Songs", die vor
Innovation, Spannung und Atmosphäre nur so strotzen. Extrem ist ein
Begriff, der bei dieser Musik nicht greift, Painkiller ist so ungewohnt,
daß es lange dauert, bis man sich "reingehört" hat, doch selbst
dann offenbaren sich jedesmal neue Facetten. Gegenüber der EP hat
Painkiller eindeutige Fortschritte gemacht, ihr Zusammenspiel ist flüssiger,
der Sound durchsichtiger. Auf 2 Stücken erhalten sie Verstärkung
von Justin Broadrick und G. C. Green (Godflesh). Einen Kritikpunkt gibt
es trotzdem, die CD ist mit 27 min. etwa so lang wie eine Maxi, kostet
aber den vollen Preis. (ce)
PAINKILLER
Buried Secrets
(Roughtrade)
Bei Painkiller handelt es sich um eine der zur Zeit intressantesten Bands,
treffen in ihr doch mit John Zorn (Sax) und Bill Laswell (Bass) zwei der
innovativsten Jazz-Musiker auf den wohl besten Grindcore Drummer der Welt:
Mick Harris. Laswell, Zorn und Harris verschmelzen extremen Advantgarde-Jazz
mit extremen Grindcore zu wahnwitzigen, eklektischen "Songs", die vor
Innovation, Spannung und Atmosphäre nur so strotzen. Extrem ist ein
Begriff, der bei dieser Musik nicht greift, Painkiller ist so ungewohnt,
daß es lange dauert, bis man sich "reingehört" hat, doch selbst
dann offenbaren sich jedesmal neue Facetten. Gegenüber der EP hat
Painkiller eindeutige Fortschritte gemacht, ihr Zusammenspiel ist flüssiger,
der Sound durchsichtiger. Auf 2 Stücken erhalten sie Verstärkung
von Justin Broadrick und G. C. Green (Godflesh). Einen Kritikpunkt gibt
es trotzdem, die CD ist mit 27 min. etwa so lang wie eine Maxi, kostet
aber den vollen Preis. (ce)
PAPA BRITTLE
obey, consume, marry, reproduce
Network
Im drittklassigen Cover, das einen schon davon abhalten kann, die Platte
überhaupt anzuhören, steckt dann doch eine bessere zweitklassige
Band. PAPA BRITTLE versuchen Hip Hop/Techno-infizierte Drumcomputer-Grooves
und irgendwie Grunge/Noise-geschwängerte Hardrockriffs zu amalgieren.
Obendrein ist das Ganze mit gesungen/gerappten offensiv politischen Texten
versehen und schimpft sich Agit/Pop Rap. Musik, deren Ursprung man in
den USA vermutet, die aber aus England kommt. Ziemlich interessant ist
das schon, und es kann noch viel interessanter werden; man sollte mal
reinhören, denn abfahren kann man auf PAPA BRITTLE, aber man wird
das Gefühl nicht los, daß diese Art von Musik noch besser sein
könnte. So gesehen geben PAPA BRITTLE einen Ausblick auf das, was
kommen mag. (ce)
PAPA BRITTLE
obey, consume, marry, reproduce
Network
Im drittklassigen Cover, das einen schon davon abhalten kann, die Platte
überhaupt anzuhören, steckt dann doch eine bessere zweitklassige
Band. PAPA BRITTLE versuchen Hip Hop/Techno-infizierte Drumcomputer-Grooves
und irgendwie Grunge/Noise-geschwängerte Hardrockriffs zu amalgieren.
Obendrein ist das Ganze mit gesungen/gerappten offensiv politischen Texten
versehen und schimpft sich Agit/Pop Rap. Musik, deren Ursprung man in
den USA vermutet, die aber aus England kommt. Ziemlich interessant ist
das schon, und es kann noch viel interessanter werden; man sollte mal
reinhören, denn abfahren kann man auf PAPA BRITTLE, aber man wird
das Gefühl nicht los, daß diese Art von Musik noch besser sein
könnte. So gesehen geben PAPA BRITTLE einen Ausblick auf das, was
kommen mag. (ce)
PARADISE LOST: Icon
(inter)
PARADISE LOST produzieren keinen zwanghaften Metal mehr! Zwar könnte
man den Sound unweigerlich mit Metallica in Verbindung bringen, doch klingt
alles düster-verhangen und irgendwie gar nicht mal soo übel.
Der Anfall gothischer Verwirrtheit ist durchaus spürbar. Weiter so,
PARADISE LOST, vielleicht wird doch noch `ne gute Dunkel-Combo aus euch:
Wie wär's mit Paradise Goth?
PARMESAN
Volle Deckung
Long Island
In Süddeutschland gut angesagt, hat der Rest der Republik bislang
kaum Notiz von diesem talentierten Quintett genommen. Dies könnte
sich mit der zweiten CD von Grund auf ändern, denn verstecken müssen
sich PARMESAN »Volle Deckung« ganz und gar nicht. Von wegen
Käse - hier geht's ab! Frech, witzig, rockig. Und das Schönste:
Die Balinger sagen zwar, was sie meinen ("Der schwarze Theo dreht gnadenlos
am Steuerrad"), lassen dabei aber den Zeigefinger unten. Selbstverfreilich
lassen sich Ähnlichkeiten mit etablierten Deutschrock-Artisten heraushören,
aber was ist daran schlecht? Die Jungs ziehen herrlich unbekümmert
ihr Ding durch und scheren sich einen Dreck darum, was angesagt ist. Spaßfaktor
und Spielfreude sind so groß, daß der Funke sofort überspringt
und dem Hörer die wenig abwechslungsreichen Refrains zunächst
gar nicht auffallen. Anspieltips gibt's viele; insgesamt 13. Z.B. »Wirtschaftswunder«,
wo sperrige Versmelodien auf einen ultraeingängigen Refrain prallen.
Oder wie wäre es mit dem bösen »Harte Zeiten«? PARMESAN
können aber auch anders. Die Balladen können sich ohne weiteres
mit PUR messen. Ich fürchte jedoch, daß die Fünf für
PUR-Anbeter nicht trendy genug sind, um »Volle Deckung« anzutesten.
Mir egal, so muß ich die Platte wenigstens nicht mit allzu vielen
teilen. Wer die Thronfolger der RODGAU MONOTONES kennenlernen will, sperre
seine Ohren weit auf! (ms)
PASCAL COMELADE
Danses Et Chants De Syldavie
Les Disques Du Soleil Ez De L`Acier/ 99 Record
Was fällt dem Musikinteressierten ein, wenn er das Beiheft einer
CD aufschlägt und folgendes zur Instrumentierung liest: Großes
Piano, Spielzeug-Piano, Plastik-Gitarre und reduziertes Orchester? Meine
Gedanken bewegen sich dann zuerst in die flachen Gefilde der Unterhaltungs-
und Blödelmusik la Gebrüder Blattschuß, um
dann vielleicht noch auf ein Genie wie Holger Czukay (ehem. CAN) zu stoßen.
Der zuvor genannten Arbeitsgeräte bedient sich in diesem Fall jedoch
der Franzose Pascal Comelade, der ebenso wie Czukay einen großen
Hang zum Minimalismus sowie zur humoristischen Form von Musik hat. Auf
dem Silberling "Danses Et Chants De Syldavie" befinden sich lauter
Mikro-Coverversionen, meist nicht länger als eine Minute, die eine
Menge Schmunzler auslösen. So beispielweise das völlig schräge,
weil mit Spielzeugklavier und -trompete gespielte "Honky Tonk Women",
das im Walzertakt gespielte "It's All Over Now" oder das mit Spielzeugklavier
und Plastikgitarre vergewaltigte "Brand New Cadillac". Wer Humor hat und
seine Lieblingssongs in einer der wohl verrücktesten Interpretationen
überhaupt erleben möchte, dem empfehle ich die Scheibe wärmstens.
Übrigens, die Wahrscheinlichkeit, einen seiner Lieblinge aus der
Pop-und Rockwelt auf diesem Werk wiederzuentdecken ist hoch, denn es werden
derer fast 30 zur Auswahl angeboten. (om)
PATRICIA KAAS
Je te dis vous
Columbia
Diese CD läuft seit einer Woche Tag für Tag in der Ww-Redaktion
heiß. Patricia Kaas trifft den Schnittpunkt zwischen Chanson, Blues
und Rock mit Bravour: erstklassige Songs, nuancierte Interpretation, abwechslungsreiche
Arrangements. Mal mit dem Schmerz einer Piaf, dann mit dem Feeling einer
Janis Joplin oder gar der Schnoddrigkeit eines Westernhagen. Im Ernst:
Die Frau schreckt sogar vor einem Cover von "Ganz und gar" ("Glaubst du
deiner Mutter - sie steht auf gute Butter") nicht zurück. In drei
Sprachen, mit Gefühl und Sinnlichkeit behauptet sie sich in "a man's
world" und liefert ihre Bearbeitung des James-Brown-Klassikers gleich
mit. Einfach alles verwandelt sich unter ihren Händen und ihrer ausdrucksstarken
Stimme zu Gold! Übrigens gibt Chris Rea beim Blues-Klassiker "Out
Of The Rain" ein kleines Gitarren-Gastspiel. (lj)
PCP - Frankfurt Authem
startet bei 188 BPM und endet mit 1000 BPM. PCP sprengen alle Grenzen
und beweisen aufs neue, daß sie die härtesten Tracks der Welt
produzieren.
PEACE, LOVE AND PITBULLS:
Red Sonic Underwear (Play It Again Sam)
EBM meets Starkstromgitarren: nach dem Debüt nun ein Nachfolger,
der keine Entwicklung erkennen läßt.
PEARL JAM
Dissident (Maxi-CD)
Sony
Warum eine Maxi als CD-Besprechung? Ganz einfach: Diese Auskopplung besitzt
fast die Spieldauer einer gesamten CD! Und ist ein absolutes Schmankerl
für alle PEARL JAM Fans, denn die Seattler Kult-Grunger haben sich
etwas ganz Besonders einfallen lassen. Auf eine Single-Auskopplung noch
sechs (!) Livestücke mit draufzupacken. Das Gleiche wird bei den
nächsten beiden Singles folgen. Somit hat man dann das komplette
Atlanta Concert vom April 94! Wahrscheinlich werden sich alle Kritiker
wieder zu Wort melden, um Eddie Vedder und seine Jungs anzukreiden, sich
jetzt doch dem Kommerz auszuliefern. BULLSHIT!!! Freut sich doch jeder
Fan, wenn er auf einer Maxi ein unveröffentlichtes Stück seiner
Lieblingsband findet. Folglich ist diese Idee doch ein tolles Geschenk
an alle Anhänger. Mit über einer halben Stunde Spielzeit stimmt
auch noch das Preis-Leistungsverhältnis. Die nächsten beiden
Maxis sollen dann im Spätsommer erscheinen, wobei schon eine Auskopplung
aus dem demnächst erscheinenden Longplayer dabeisein wird. Spätestens
dann werden sie wohl auch endlich wieder unsere Hallen füllen, um
Ihre zweite Europatour zu absolvieren. PEARL JAM, wir können's kaum
noch erwarten! (hs)
PETE TOWNSHEND
Psychoderelict
Atlantic
Der kreative Kopf der legendären britischen Rockband THE WHO hatte
schon immer einen Hang zum Gesamtkunstwerk - siehe "Tommy" und "Quadrophenia".
Nun hat er das Hörspiel entdeckt: Es geht ums "Psycho-Wrack" Ray
Highsmith, einen abgehalfterten Rock-Star um die 50. "Das einzige, was
er noch schreibt, sind große Schecks an seinen Fuselhändler",
so spottet seine Gegenspielerin, die abgebrühte Journalistin Ruth.
Sie steht auf SM und treibt's mit Rays Manager, während Ray neue
Kraft daraus gewinnt, ein Rock-Teeny namens Rosalind zu fördern.
Ruth macht daraus einen schlüpfrigen Skandal - und ruckzuck verkaufen
sich Rays alte Platten. Die Story ist eine Kritik an den Mechanismen des
Show-Biz und an Rock-Opis, die's nicht lassen können. Doch so richtig
von der Stelle bewegt sich auch Mr. "Face The Face" nicht: Musikalisch
durchstreift er altbekannte Regionen, schreckt auch vor Who-Zitaten nicht
zurück. Am Schluß steht die berechtigte Frage: "Was ist mit
der Wahrheit passiert? Was ist mit dem Traum geschehen? Was wurde aus
dem ganzen schönen Hippie-Shit?" (lj)
PETER FRAMPTON
Relativity Records
"An seine früheren Alben reicht die nicht ran", war der Kommentar
des CD-Verkäufers eines bekannten Kassler Plattenladens. "Seine Stimme
ist'n bißchen kratziger geworden. Das kommt ganz gut." Mag die letzte
Feststellung noch einigermaßen zutreffen, so möchte ich bei
der ersten vehement widersprechen. Nicht nur, daß ich meine, daß
dies Peter Framptons beste Studio-Platte überhaupt ist, ich behaupte
sogar, daß hier eine neue Gitarrengröße vom Range eines
Eric Clapton heranwächst bzw. langsam erwachsen wird. Jeder Ton sitzt
bei ihm goldrichtig, seine Soli sprudeln vor Ideen und, was mir das Wichtigste
scheint: Peter Frampton ist vielseitig. Da brilliert er in dem hitverdächtigen
»Day In The Sun« mit seinen Bottleneckkünsten, macht
im Anschluß an »It All Comes Down To You« eine Minute
lang eben mal auf Jazz, gibt einem die klassischen Bluesschauer bei seinen
punktgenauen Einwürfen in »Can't Take That Away« und
nimmt einen bei den übrigen 9 Songs mit auf eine Reise durch den
Mainstreamrock der 70er und 80er Jahre. Zugegeben, er erschließt
mit dieser Platte keine neuen musikalischen Welten, aber wen kümmert's,
wenn sich einem bei jedem seiner Songs das Gefühl einstellt, es mit
einem Rockklassiker zu tun zu haben. Und seine Soli, die sind eben erste
Sahne. Das wird ihm auch Eric Clapton neidlos zugestehen müssen.
(pw)
PETER HORTON
Oceans Inside
Kreuz Verlag
»Meditative Musik für Gitarre« lautet der Untertitel
treffend. In knapp 55 Minuten Spielzeit wandert der einst auch als Schlager-
und Chansonsänger erfolgreiche geniale Gitarrist gekonnt auf dem
steilen Grat zwischen Jazz, Minimal- und Meditationsmusik, entführt
uns von diesen Höhen aus aufs Meer unserer eigenen Innenwelt, in
der wir rhythmisch atmend die Einsamkeits-Farben des Mondes, die Stille
der Wüste, die knisternd kitschige Atmosphäre eines Sonnenuntergangs
am Hafen der spanischen Metropole Barcelona oder Granada heraufbeschwören
können. Erstaunlich ist der unbestreitbare Erholungswert der CD,
die man am besten nach einem gestreßten Tag im Büro, der Schule
oder wo auch immer bei angenehmen Temperaturen in der Badewanne, auf einem
dicken Baumwollteppich oder schlicht im Bett liegend entspannt hören
sollte. (pw)
PINK FLOYD
Pulse
EMI (Do-CD)
Dieses Live-Album der Herren Gilmour, Mason und Wright - plus hochkarätigen
Background-Musikern, versteht sich - bündelt noch einmal in eiskalter
Präzision die größten Erfolge der einstmals innovativsten
Rockband der Welt. Alles ist da: die Original-Zuspielbänder mit allerlei
Geräuschwerk, die blubbernden und zirpenden Synthieschleifen, die
perlenden und zupackenden Gitarrensoli, die in den Bauch zielenden Heavy-Rhythmen,
die Frauenchöre und -schreie und die elegischen Orgeln und Pianos,
imposant wie eh und je. Und die Fans kennen die Texte so gut, daß
aus einem zerbrechlichen Akustikgitarren-Song wie »Wish you were
here« ohne Problem eine regelrechte Fußballer-Hymne wird!
Das hat sicher Größe, Pomp, Drive und dreifach-digitale Präzisions-Power.
Und doch führt uns die Volkswagen-Werbegemeinschaft nur eindrucksvoll
vor, daß eben alles nichts ist, wenn der klitzekleine göttliche
Funke fehlt. So besingt Gilmour als gealterter Zyniker gelangweilt den
Soundtrack seiner verlorenen Jugend. Schön muß es gewesen sein,
damals... (lj)
PINK FLOYD
The Division Bell
(BMI)
Offensichtlich war die letzte Platte doch nicht nur »A Momentary
Lapse of Reason«. Mit ihrem neuen Werk läuten PINK FLOYD unter
ungeheurem Werberummel eine weitere Runde aufgewärmter Kost aus früheren
Tagen ein. Es scheint, als sollte Roger Waters, Ex-Bassist und Sänger
der Band, mit seiner Befürchtung Recht behalten, daß jede neue
Platte unter dem alten Label dem Mythos von PINK FLOYD schade. Tatsächlich
sind weite Teile dieser Platte geeignet, in nicht allzu ferner Zeit als
Beruhigungsmusik für die bis dahin im Altersheim gelandeten 68er
zu dienen. PINK FLOYD wäre gut beraten, genau zu überlegen,
ob sie nicht mit ihren sphärischen Klängen und entstressenden
Harmonien ins Meditationsfach überwechseln sollten. Dies hat seinen
Grund insbesondere darin, daß der neuerdings erwachte Profilierungsdrang
der Herren Gilmore & Wright sich nicht mit dem kreativen Potential
deckt, das noch einem Roger Waters zur Verfügung stand. Gilmore,
der für das Gros der Titel verantwortlich ist, kopiert mehr schlecht
als recht die Einfälle und Arrangements früherer Alben. Aber
auch die Masse seiner Gitarrensoli hat die Klasse einstiger prägnanter
Wendungen verdrängt. Zu häufig sind Anleihen spürbar, beispielsweise
im Titelstück bei Eric Claptons »Layla« oder in »Marooned«
bei Pete Townshends »Quadrophenia«-Ouvertüre. Bei "Take
it Back" z.B. muß man schon genauer hinhören, um festzustellen,
daß es sich hier nicht um U2 handelt. Mitunter allerdings sind seine
Kompositionen, z.B. bei dem womöglich programmatisch zu verstehenden
Track "Coming Back To Life" nicht mehr als labbriges bis peinliches Pop-Geplemper.
Was bleibt? Wer immer an soften Sphärenklängen als Hintergrundmusik
Freude hat, könnte Spaß mit diesem Album haben. Pink Floyd-Fans
sind mit den alten Platten besser bedient. Forget Rich Rock (pw)
PITCH SHIFTER
Desensitized
rtd
Post-Hardcore Metal Vol.II: Gebannt lauschend auf die Boxen gaffend, in
Anbetracht des ersten Longplayers und der Beiträge auf dem Naive
Sampler sehe ich in PITCH SHIFTER eine Combo, welche mittels ihres fesselnden
Sounds ein nervöses Kribbeln in meine Füße zaubert und
meinen Kopf zahlreichen Implosionen aussetzt. Tausend wilde Gedanken jagen
mir durch Kopf und Bauch - ich fühle mich hilflos, finde mich im
Zentrum der Apokalypse. Ich sehe meine Rettung in einem Gummiboot jenseits
des großen grünen Meeres. Wasser dringt ein in meine Seele.
Wahrscheinlich wird sie endgültig ertrinken. Wahrlich: Overcross
voller Algen und blinder Augen, kann nicht schwimmen (»Seeing is
believing - I see blind«). Leider kann »Desensitized«
meine Psyche nicht stürzen wie es der erste Teil der PITCH-SHIFTER-Verdammnis
mit seiner psychedelischen zwar stimmungsvollen, aber mordlustigen Gewalt
immer und immer wieder zu tun pflegte. Ich vermisse das Brainstorming
mahlender Klampfen und den Zerstörungsgroove mit Flügeln auf
PITCH SHIFTER Part II, der irgendwie beiläufiger und logischer klingt
als das erste Werk. (tb)
PORNO FOR PYROS
Porno For Pyros
wea
Wem schrille pink-farbigeSounds Gehörgangorgasmen und mentale Glücksgefühle
bereiten, der sollte von der neuen Formation um Ex-JANE'S-ADDICTION-Frontmann
Perry Farrell kosten. Könnte man doch mit den Augen des Meisters
sehen und sich mitten in die Zentrale seiner paradoxen Klangwelt beamen,
eine andere Welt täte sich auf! Sex, Drugs und diese durchdringende,
im Ohr und Kleinhirn wirbelnde Musik sind mittendrin, hebeln dich aus,
tragen dich fort. Das »peace, love and happiness«-Feeling
ist allgegenwärtig, richtungsweisend - niemand spricht vom Federverlust
der Friedenstaube. Ein trance-ähnlicher Zustand stellt sich
ein, erzeugt durch die Melancholie der unerforschbaren Sounds und dahinfließenden
Stimmen lächelnder Frauen mit Telefonsexerfahrung. Ein Feeling wie
die zärtliche Reibung von warmer Haut an warmer Haut! Farrell duldet
keine Grenzen, läßt sich nicht kanalisieren vom alltäglichen
chaosähnlichen Zustand gesellschaftlicher Schwerkraft und Gebundenheit.
Der Hörer erfährt immer wieder neue stimulierende Hymnen an
den instinktiven Glauben an Ideale und ewiges Glück. Eine Platte,
die das Gute in dir weckt.Packt die Friedenspfeife aus! (tb)
POWER
Dedicated To The World Revolution
Play It Again Sam
Endlich, der Hip-Hop-Industrial-Cross- over. Geiler, fetter Flow, breite
Gitarren und radikal treffende Analysen und Forderungen aus dem Ghetto
- get it.
PROFOUND EFFECT
Lashing Out
Lost and Found
Hier wird derart penetrant auf den Power-Akkorden herumgeritten, daß
nur gutwilligste Harcorefans nach den glücklicherweise nur 30.02
Minuten nicht hemmungslos um Gnade wimmern werden. Insbesondere nervt
das Gorillakampfgebrüll aus New Yorks dichtestem Urwald, letzteres
immerhin sozialkritisch gefärbt. Da wird hemmungslos gegen Todesstrafe
und gegen Anpassung an die Normen der Wettbewerbsgesellschaft angedröhnt.
RAGE AGAINST THE MACHINE und SICK OF IT ALL haben fulminante Verstärkung
bekommen: Hier geht's um die Tiefenwirkung des Hasses und des Aufbegehrens.
Krieg wird ausgerufen gegen die machtgeile Gesellschaft, die einen "töten"
will. Klingt allerdings stimmlich und textlich oft ganz so, wie hierzulande
die Bands aus der ultrarechten Ecke, obwohl die Stoßrichtung
genau in die umgekehrte Richtung gehen soll. (pw)
PSYCHO MOTEL
State of Mind
Castle/Edel
Mit seinem eigenen Projekt »A.S.a.P.« fiel Adrian Smith 1989
böse auf die Nase. Das Album »Silver And Gold« hatte
zwar seine Momente, wirkte insgesamt aber einfach zu unentschlossen. Adrian
zog sich nach diesem Flop 2 Jahre lang völlig aus der Szenen zurück,
bis er durch Jamie Stewart (Ex-»The Cult«) wieder Spaß
am Musizieren fand. »Psycho Motel« und ihr Erstling »State
of Mind« dokumentieren einen beeindruckenden Reifeprozeß.
Adrian, der bei »Iron Maiden« stets introvertiert, ja schüchtern
wirkte, hat mächtig Selbstbewußtsein getankt, was dazu führt,
daß selbst die schwächsten Titel, »World's On Fire«
und »Rage«, das haben, was »Sag« über weite
Strecken abging: Dynamik! Bezeichnend, daß z.B. das schwere »Time
Is A Hunter«, nach dem sich andere die Finger lecken würden,
längst nicht die stärkste Nummer ist. Dieses Prädikat bleibt
dem Rausschmeißer »Excuse Me« vorbehalten. Das Ding
ist meisterhaft arrangiert, die Refrainzeile »Miss Delilah, where's
my heart and home?« geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Könnte
mein Song der Neunziger werden! (ms)
PUNGENT STENCH
Dirty Rhymes and Psychotic Beats
SPV
Ja also ähm, also erst mal das Cover, da gibt man sich wirklich Mühe
in Rekordzeit zensiert zu werden. Wieder mal ein gelungener Versuch sämtliche
Tabus zu brechen, echt eklig. Die Texte folgen diesem Schema, da ist alles
dabei um Otto Normalverbraucher auf die Barrikaden zu bringen. Ob diese
Provokationen unbedingt nötig sind, oder ob es sich hier nicht um
"geschicktes" Marketing handelt, daß sei dahingestellt. Ach ja die
Musik, die hatte ich fast vergessen. Ich hatte eigentlich übelsten
Knüppelcore erwartet, mit Gitarren die wie moduliertes statisches
Rauschen klingen, dazu das übliche Drumgeholze und halt nen paar
fiese Grunzer zwischendurch. Doch weit gefehlt, was Pungent Stench als
musikalische Untermalung zu ihren Perversionen anbieten paßt in
keine Schublade mehr. Mal ist es Grindcore, mal ist es Technolike (kein
Scheiß), mal Deathmäßig, mal Psychotisch.Die Scheibe
klingt nicht nach krampfhaften Crossover, sämtliche Songs erscheinen
in sich geschlossen und haben ihren Reiz. Das Beste aber sind die Songs
die wie eine Nintiesversion (nach der Deathexplosion) von AC/DC klingen,
da gehts wirklich zur Sache, kein Geknüppel oder so, sondern einfach
tierischer Rock. Pungent Stench Fans werden sich wundern wie vielseitig
die Band sein kann, aber keine Angst ihr werdet nicht entäuscht sein!
Allen anderen sei gesagt, daß man sich nicht vom Cover abschrecken
lassen soll (gibts eh nicht mehr lange), sondern Anspielen ist Pflicht.
R.E.M.
Monster
WEA
Es muß Glatzkopf Michael Stipe doch furchtbar genervt haben, mit
den beiden letzten Megaalben »Out Of Time« und »Automatic
For The People« in die Softrock-Ecke gedrängt worden zu sein.
Also werden die verzerrten Gitarren wieder ausgepackt und der gesamten
Weltpresse erzählt, daß es bei R.E.M. wieder wild zugeht! Aber
Jungs, so heftig ist das neue Werk nun auch wieder nicht. Nach 3 Knallern,
darunter das geile »What's The Frequency, Kenneth?«, wird
Monster schon wieder etwas ruhiger, sogar richtig mystisch, melancholisch
(»I Don't Sleep I Dream«). Die Ballade »Strange Currencies«
erinnert zwar etwas an »Everybody Hurts« von AUTOMATIC, hat
aber ihre Berechtigung auf der Scheibe. Ein absoluter Höhepunkt ist
»Bang And Blame«, eine Art Halbballade mit kräftigen
Schuß Rock pur. Textlich geht es diesmal nicht um den Tod, sondern
laut Interviews von Stipe um Sex. Das kann man beim bloßen Hören
nicht immer sagen, hat der Frontmann doch die lästige Angewohnheit,
viele Silben einfach zu verschlucken. Eine starke Alternativ-Scheibe,
die wie immer bei R.E.M. für Qualität bürgt! Man kann sich
schon jetzt auf die seit Jahren sehnsüchtig erwarteten Livekonzerte
freuen. Nächstes Jahr ist es endlich soweit. (hs)
RACHEL PORTMAN
Sirens/Die Drei Sirenen
Milan
Ohne Frage hat die Komponistin RACHEL PORTMAN gute Arbeit geleistet. Eingängige
Orchestereinlagen wechseln sich mit folkloristischen Titeln ab und bilden
somit sicherlich eine schöne Untermalung für eine von Erotik
geprägte Sittenkomödie. Leider ist es nur so, daß durch
die häufige Wiederholung des Leitthemas die ganze Platte wie eine
überlange Maxi wirkt. (Original Soundtrack) KinoSTART: 15.09.94!
(om)
RAINBIRDS
In a different light
Phonogramm/Mercury
Es ist schon faszinierend, was Katharina Francke und Ulrike Haage auf
ihrer aktuellen Rainbirds-CD »In a different light« zum Besten
geben. Ganze 13 Titel wurden auf dieser Scheibe zu einem Musikteppich
von über 50 Minuten verwoben. Die Pop-Perlen, umrankt von dezenten
Soundeffekten und weltmusikalischen Klangcollagen, befriedigen auch anspruchsvollere
Gemüter. Von tanzbar bis träumerisch ist alles vertreten, ohne
auch nur einmal an anglo-amerikanischen Abklatsch zu erinnern. (om)
RED HOT CHILLI PEPPERS
One Hot Minute
Warner
Sänger Anthony Kiedis kann sich noch gut erinnern: "Jahrelang zogen
Flea und ich durch die Stadt und wußten nicht, wie wir etwas zum
Mittagessen bekommen sollten". Diese Zeiten sind bei den PEPPERS wohl
spätestens seit »Blood Sugar Sex Magic« endgültig
vorbei. Denn mit dem 1991 erschienenen Album sind sie in die Riege der
absoluten Superstars aufgestiegen, fast könnte man sagen, auch dank
MTV, die ihre Songs in endloser Heavy Rotation spielten. Mit ihrem sechsten
Album bleiben abgedrehten die Funkrocker ihrer musikalischen Linie treu:
Funkrhythmus meets Punkattitüde. »One Hot Minute« bietet
ein Spektrum von roh (»Warped«) bis zuckersüß,
wie mit »Falling Into Grace«. Hier kann man blind zugreifen.
Partypflichtmusik! (hs)
RED SUN/SAMULNORI
Then Comes The White Tiger
ECM
Jazz, aber was für welcher. Keine selbstverliebten Virtuoseneskapaden,
auch keine krampfhaften Polyrhythmiken oder ähnliches, was im Regelfall
nur Spezialisten zu Beifall bewegt. Doch auch diese werden an dieser Platte
Gefallen finden, auf der das vierköpfige koreanische Percussionensemble
SAMULNORI mit RED SUN, der Band um Saxophonist Wolfgang Puschnig, musiziert.
Rhythmik und Melodie nehmen einander an, bestimmen diese Platte. Bassist
Jamaaladeen Tacuma übernimmt energetisch die Rhythmen der Samulnori,
Gitarrist Iannacone und Puschnig am Sax weben daraus Melodien, und der
Gesang Linda Sharrocks ist keine Präsentation von Vokalakrobatik,
sondern subtil, sensibel, ...fesselnd. Eine durchgehend atmosphärische
Platte, die richtige Songs enthält und auch nach x-maligem Hören
noch überrascht und weitere Traumstellen offenbart (und ohne es zu
wollen psychedelisch ist). Eine gelungene pankulturelle Arbeit, in der
alle involvierten Kulturen ihre Berechtigung haben und nicht bloß
exotisches Beiwerk sind. "Then comes...", ist meine Herbst/Winter Platte
94 ! (ce)
LOU REED
Magic And Loss
(Warner Brothers)
Der WILDWECHSEL-"Chef vom Dienst" hat mir immer noch nicht meine MC von
"New York", LOU REEDs bislang genialster Platte (1989), zurückgegeben.
In der Zwischenzeit hat der ehemalige Sänger der Sixties-Kult-Combo
VELVET UNDERGROUND tatsächlich schon zwei weitere Meisterwerke abgeliefert.
Nach seiner Ode an Andy Warhol ("Songs For Drella") kommt nun mit "Magic
And Loss" der besinnliche Gegenpol zum anklagenden "New York": Gedanken
zum Sterben, zum Tod und zum Weiterleben nach dem Verlust geliebter Menschen.
In wirklich magischen Songs verarbeitet er den Tod zweier Freunde. Musikalisch
herrscht auch diesmal ein Minimalkonzept, in dem neben Reeds charakteristisch-sonorem
Gesang der Fretless-Baß Rob Wassermanns und die Synthie-Gitarre
Mike Rathkes Glanzpunkte setzen. Auch textlich wirkt das ganze nie weinerlich,
teilweise gibt es sogar einen ironischen Unterton, wenn Lou Reed Beerdigungsrituale
oder die moderne Medizin aufs Korn nimmt! (Marilyn L.)
REEF
Replenish
Sony
Alternativ-Rock, Independent oder Underground heißen die Zauberworte.
Alle Welt fährt zur Zeit drauf ab, jeder will ihn spielen, keiner
weiß überhaupt genau, welche Musikrichtung jetzt das eine oder
andere ist. Das ist auch das Schöne daran. Die Schublade ist groß,
man darf ausprobieren über Grenzen schreiten. Reef toben sich so
richtig aus! Viel Eigengewächs, Ausgeliehenes von Led Zeppelin bis
Aphrodites Child. Wild rockend bis psychedelisch abgedreht. Mit dieser
Mischung schaffen sie es bei mir zum Geheimtip des Monats! Mit einem Produzenten
wie Clive Martin (Echobelly, Les Negresses Vertes) und als Support
von Paul Weller könnten sie es schaffen. Anspieltip: »Good
Feeling« und »Choose To Live«. (hs)
Reiser
RIO REISER
Über alles
Columbia/Sony
Tja, was soll ich mehr dazu schreiben, als daß diese Platte von
Annette Humpe produziert wurde und 12 Titel umfaßt? Vielleicht,
daß Rio der Textkunst immer noch mächtig ist oder daß
Titel wie »Wart's Ab« oder »Neun99Zig« wirklich
hörbar sind. Aber sonst? Eventuell bin ich als alter Scherben-Fan
einfach zu stark vorbelastet, denn Liebeslieder gibt es nun wirklich genug
und Ausrutscher la »Nimmst Du mich mit« sowie
die »NEUfassung« von »Irrenanstalt« hätten
nun wirklich ins Archiv gehört. Schade nur, daß ausgerechnet
in Zeiten öffentlich ausgekochter Scheiße ein Rio Reiser in
seichten Gewässern planscht. Um's mit Rio zu sagen: »Der Traum
ist aus.« (om)
RIOT
The Brethren Of The Long House
Rising Sun/Semaphore
Unter den Power-Metallern sind RIOT die Eingängigsten und Melodiösesten,
was ihr neu(nt)er Output nachhaltig unter Beweis stellt. Inspiriert von
Michael Manns Neon-Version von »Der letzte Mohikaner« schufen
Ausnahmegitarrist Mark Reale und seine Gang ein brillantes Konzeptalbum
über die Eroberung des amerikanischen Kontinents. Zwar wird keine
zusammenhängende Story erzählt, doch die differenzierte, um
Subjektivität bemühte Betrachtung beider Seiten verdient allemal
Anerkennung. Zwischen Ohrwurmriffs - die entgegen der Arbeitsweise der
meisten Bands immer erst nach den Melodien entstehen - und indianischen
Rhythmen plazieren RIOT den Gary Moore-Hit »Out In The Fields«.
Darin geht es zwar um den Bürgerkrieg in Irland, aber wie bemerkte
Mark so treffend: "Jeder Krieg ist gleich verrückt. Nur die Schlachtfelder
wechseln." In limitierter Auflage übrigens als Doppel-CD mit zusätzlichem
Live-Album, das es sonst nur als höllenteuren Japan-Import gibt.
Take it! (ms)
RIOT: Nightbreaker
(SPV)
Power-Metal alter Schule in zeitgemäßem Gewand, wie (nicht
nur) das Remake des DEEP PURPLE-Klassikers »Burn« beweist.
Klassisch.
RÖDELHEIM HARTREIM
PROJEKT
Direkt aus Rödelheim
MCA/BMG
Wie jeder Süchtige haben auch wir Musikjunkies unsere Dealer, die
uns auf Edelsteine der Tonkunst hinweisen, welche uns ohne sie durch die
Lappen gingen. Zum härtesten Stoff der letzten Monate, den er mir
eben in meine Injektionsmaschine stopfte, ist ohne Frage das RÖDELHEIM
HARTREIM PROJEKT zu zählen. Auch wenn der Titel »Direkt aus
Rödelheim« es nicht vermuten läßt, diese Scheibe
enthält Deutsch-Rap härtester Gangart. Wer hierbei an die FANTASTISCHEN
4 denkt, sei gewarnt, denn was Martin Haas und Moses Pelham in den Frankfurter
U.S.P.-Studios zusammenreimten, ist nichts für die 4. Dimension.
Hier macht keiner Urlaub am Meer, hier wird ein Teil der Wirklichkeit
in Form von Dunkelheit, Blut, Haß und Wahnsinn sowie verworrener
Liebesqualen durch die Boxen in den Raum projeziert. Es gibt fast nichts,
was an dieser Produktion nicht stimmt: allerfeinste Texte an der Grenze
zur FSK, beste Samples, gekrönt durch ein hervorragend gestaltetes
Cover und Booklet. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt jedoch, da ich den
Texten nicht die politische Herkunft und Zielrichtung entnehmen kann.
Wer weiß, was die "Neue Rechte" zu leisten im Stande ist, der wird
verstehen, wovon ich rede. (om)
RODGAU MONOTONES
Eukalyptus Now
MMS
Bis heute war ich alles andere als ein fanatischer RM-Anhänger. Ehrlich
gesagt ist »Eukalyptus Now« die erste vollständige CD,
die ich von ihnen höre. Und die ist so...so...GEIL! Der Titel, das
Cover, die Songs - einfach alles! Solche Songwriterqualitäten hätte
ich den Deutschrockern nie zugetraut. Wahnsinn! Ganz egal, ob man sich
das zum Brüllen komische »Der endgültige Blues«,
das ernste »Mach' meinen Kumpel nicht an« (hier zeugen gerade
die humorigen Spitzen von großer Sensibilität) oder das kultige
»Sorry, isch bin Hesse...« antut: Alles 1a! Die größte
Stärke der MONOTONES aber sind bitterböse Nackenschläge
la »Guten Appetit« oder »Dumm gelaufen«. Im Moment
pendle ich zwischen letzterem, schwer hitverdächtigem Stück
und der ergreifenden Ballade »Ganz egal«, von Kerstin Pfau
intensivst interpretiert, hin und her. Ihr Gesang knallt diesem 20-Track-Straßenfeger
das Tüpfelchen auf's i, macht »Eukalyptus Now« zum besten
deutschen Produkt seit EXTRABREIT'S »Hotel Monopol«. Watch
out for the Koala-Krieger! (ms)
ROLLING STONES
Stripped
Virgin
Unplugged oder was? Nee, nee! Auf Barhocker in einer Reihe sitzen, da
stehen die Stones überhaupt nicht drauf, so Jagger. Aus diesem Grunde
werden zwar die alten Songs in neuer, abgespeckter Version zu Gehör
gebracht, aber den Stöpsel haben sie noch lange nicht gezogen. Auf
einigen Stücken tauchen zwar nur Akustikgitarren auf, aber es wird
auch noch gerockt. Nur, der Stadionbombast ist abgestreift worden. Ergebnis:
die Songs auf diese Weise klingen zu lassen, kommt einer Frischzellenkur
gleich. Man merkt förmlich die Freude, die die Rockväter bei
den Aufnahmen hatten. Für PC Besitzer birgt die CD doppelte Freuden,
zeigt sie im CD ROM Laufwerk zwei Videos der Band, wie auch andere Voodoo
Lounge Häppchen. Im Radio schallt es gerade wieder: "Like A Rolling
Stone". Den alten Dylan Klassiker, den die Stones zu neuen Charts Ehren
geführt haben. (hs)
ROUGH SILK: Walls
Of Never (Mausoleum/MMS)
Schneidige Gitarren, ausdrucksstarker Gesang, eine Hammerproduktion und
eine ganze Wagenladung affengeiler Songs. Noch Fragen?
Roverbeats
ROVERBEATS:
She's The One
(Butler-Records)
Ganz im Trend der Zeit liegen sie ja, die nordhessischen ROVERBEATS. Immerhin
sind Anspielungen auf die - goldenen? - Sechziger "in" wie schon lange
nicht mehr. Schön, daß es eine Gruppe, bei der immerhin zwei
Leute aus Hofgeismar mitspielen, auf eine beachtliche CD gebracht hat:
Fröhliche, druckvolle Rock-Songs mit Beat- oder Country-Touch - einfach
erfrischend! Mir als Fan von Gitarren-Zauberer Andreas Behle (ehemals
STUART-MAC-BAND) kommt dieser begnadete Saitenzupfer aber in den Arrangements
zu kurz. Und beim Anhören der druckvollen Drums fragt man sich unwillkürlich:
"Ist er's denn nun wirklich, der gute alte Thomas Bayer?" Der mit Effekten
vollgepackte Sound und die reduzierte Spielweise deuten eher auf einen
Drum- Computer hin! Und der Mix stimmt nicht ganz: Die höhenreichen,
eher dreckigen E-Gitarren passen kaum zum zeitgeistig aufgepeppten Drum,
die Background-Vocals sind - bei allem Respekt - doch etwas daneben. Schließlich
fehlt Fredy Haas, der ein prima Songwriter ist, der letzte Pfeffer bei
den Leadvocals! Trotzdem: Die ROVERBEATS bieten genau die richtige Dröhnung,
um morgens gut aus dem Bett zu kommen!
(Lothar J. )
RUBY
Salt Peter
Sony
Magisch monotone Grooves, quängelnde Gitarren, nervöser Frauengesang
- hier legt der Plattengigant Sony jedenfalls reichlich Ungewöhnliches
auf den CD-Teller. Mark Walk und Lesley Rankine produzieren Klänge,
als hätte man Joni Mitchell auf eine Folterbank gespannt und Brian
Eno die Schneidearbeit überlassen. Nicht zu vergessen die angesagtesten
Grooves aus dem schwärzesten Ghetto, die irgendjemand mit dem entsprechenden
-Blaster aus dem Hintergrund dazugibt - wahrscheinlich mit einem Billigmikro
abgenommen. Mal wird gewinselt, dann genörgelt, dann wieder auf so
unvollkommen dilettantische Art dann doch wieder irgendwie schön
gesungen. Dazu gibt es Effekte en masse, Botschaften aus Höhlen,
Unterwasserstationen und intergalaktischen Zentren: plingplangplong, bipbipbip,
jaijaja. So etwas Merkwürdiges und auf archaische Art Anrührendes
hat man seit »Neandertal Man« der HOT LEGS nicht mehr gehört.
Wahrscheinlich zu abgedreht für den großen Erfolg, aber heiß
zu empfehlen für alle mit offenen Ohren, großem Herzen und
aufnahmefähiger Seele. (lj)
RÜDIGER GLEISBERG
Chronicle 1986-93
ARDEMA-Musik
Er zählt zu den beständigen Größen der Elektronikscene,
und dies über unsere Landesgrenzen hinaus. Rüdiger Gleisberg,
Konstrukteur einer Klangwelt, die mit der Leichtigkeit eines Kinderliedes
daherkommt und doch oftmals mit Schwermut beladen ist, lädt uns ein
zu einer kleinen Reise in seine surrelistische Welt der Phantasie. Durch
die Bestädigkeit seines Tuns ist »Chronicle 1986 - 93«
keine lieblos zusammengezimmerte »Best-of«-Geschichte, sondern
vielmehr eine in sich geschlossene Essenz seiner Arbeit. Für alle,
die mal ausspannen möchten. (om)
RUN DMC:
Down with the King
Profile
Die neue Platte des Rap-Trios aus Queens/N.Y. verspricht viel: Mit ihrer
neuen Scheibe versuchen Run DMC, aus der ihnen so vertrauten Ghettoblaster-Area
herauszukommen. Nach ihrem Single-Erfolg mit "Walk this way" zusammen
mit Aerosmith versuchen die drei, an frühere Erfolge anzuknüpfen.
Und wie's im Moment aussieht, wird diese CD ein Renner unter Rapfreaks!
Ganz im Gegensatz zu ihren Kollegen, wie z.B. Ice-T, bleiben Run DMC auf
der gesamten CD recht seriös. Sie haben es halt nicht nötig,
mit abgegriffenen Ausdrücken la "Motherf..." Aufmerksamkeit
zu erregen! Manche Texte der drei überzeugen sogar durch durchdachte
Hintergründe. Bei RUN DMC hat sich viel verändert - wer sich
das Cover der neuen CD genau betrachtet, wird bemerken, daß nicht
mehr drei schmuddelige Boys mit viel zu großen Klamotten zu sehen
sind, sondern drei smarte Erscheinungen in schwarzer Kluft. Ebenso läßt
sich auch die Veränderung in ihrer neuen Musik beschreiben: Der überwiegende
Teil der CD-Titel zeigt ernstgemeinten Rap, der nicht nur auf dem Rassismus-Problem
herumhackt, sondern ganz locker irgendwelche Begebenheiten beschreibt.
Selbst die Bauart der Stücke geht von reinem Sprechgesang über
Hip-Hop bis hin zu reggaeartigen Kompositionen. Alles in allem eine Scheibe,
die nicht nur Rapper begeistern dürfte!!! (ja)
RYKER'S
Ground Zero
WEA
Das Major Debüt der RYKER'S ist da: Kassels heißester Hardcore-Act,
hat es geschafft, in die Oberliga aufzusteigen. In den vergangenen drei
Jahren haben die RYKER'S vom rapide wachsenden Hardcore Underground profitiert.
Was in den Jugendzentren als Alternative zum überteuerten und überlebten
(Metal) Musik Business begann, findet jetzt seinen Weg in den Big Business.
Hoffen wir, daß die Szene es überlebt. Den RYKER'S zumindest
hat es (noch) keinen Abbruch getan. »Ground Zero« ist eine
großartige Platte, 16 kompakte 2-Minuten-Statements jagen einander,
lassen keine Zeit zum Luftholen. Songs wie »Prove Yourself«,
»Ground Zero« oder »Loose Ends« dürfen ohne
weiteres als Meisterwerk der Brachial-Standpunktvertonung bezeichnet werden.
Trotz oder gerade wegen des neuen Gitarristen Grobi präsentieren
sich die vier als präzise ineinandergreifende Wuchtmaschine. Basser
Luft und Drummer Meff sind wohl die eingespielteste Rhythmsection dieser
Hardcore-Hemisphäre. Untrennbar verzahnt kriechen ihre Grooves in
Beine und Nacken - Beißen und Totschütteln lautet die Devise.
Einziges Manko: Der Sound kommt nicht mehr so fett und wuchtig wie noch
auf der letzten RYKER'S EP »First Blood«. Aber bei dieser
Scheibe gerät das spätestens nach dem ersten Song in Vergessenheit.
(ce)
RYKER'S
Brother Against Brother
Lost and Found
Vor etwa einem Jahr gaben die RYKERS ihr Debütkonzert in Immenhausen,
damals als Support der Bostoner HC-Legende SLAPSHOT, die sie mühelos
an die Wand spielten. Danach ging es mit Riesenschritten vorwärts
- Konzerte mit SICK OF IT ALL, eine Eurotournee mit PITBULL - die Band
etablierte sich als einzig ernstzunehmende Antwort auf die Flut der Ami-Combos.
Auf Platte allerdings machten sich die RYKERS rar, lediglich zwei EP's
sind erhältlich, die »Kickback«-EP, ihr Debüt, ist
schon zum Sammlerteil avanciert, »Payback Time«, der Nachfolger,
war auch nur appetitanregend. Zeit also für die langerwartete LP;
zwölf Tage Studioaufenthalt waren angesetzt, am ersten Tag waren
Bass und Schlagzeug im Kasten, die Gitarren brauchten nochmal drei bis
vier Tage, und Kid D nahm sich nochmal einen Tag, um die 14 Songs (!)
einzusingen. Lange Rede, kurzer Sinn, »Brother Against Brother«
ist ein Hammer. "Hardcore as it should be", sagt Basser Chris, und er
hat Recht, bei jedem Song spürt man die unzähligen Live-Auftritte,
die die Band zu einer Einheit werden ließen. Brachialität und
fetten Groove unterstellt man jeder besseren Band, bei den RYKERS findet
man diese Attribute in unvergleichlich optimierter Form. »Brother
Against Brother« läßt einen nicht stillsitzen, die Platte
packt und schüttelt einen, macht Hunger auf Liveauftritte, auf Slamdance-Orgien.
Trotzdem, ich sehe schon die selbsternannten Sittenwächter der lokalen
Hardcoreszene perplex dreinschauen, nicht jeder von ihnen wird mit »Brother
Against Brother« glücklich werden, denn als hervorragende Musiker
geben sich die RYKERS nicht mit den üblichen Klischees zufrieden.
(ce)
RYKER'S
First Blood
Lost & Found
Die RYKERS haben in die Hände gespuckt und 'ne EP in den Kasten geknüppelt.
Endlich wieder mit dem gleichen Feuer und der gleichen Kompromißlosigkeit
wie bei der legendäre "Kickback" Debüt Single. Packender, groovender
NY-Style Hatecore wirkt wie 'ne pure Adrenalininjektion, pumpt den Groove
in fetten Wellen durch den Leib...macht Spaß. Dazu kommt die superfette
Produktion, ein Hammersound, mit dem sonst nur amerikanische Produktionen
aufwarten! Das steht einer Band wie den RYKERS, die klares Superstarpotential
am Hardcorehimmel hat, ausgezeichnet. Und mit etwas reiferem Gesang kommen
sie da auch noch hin, verdient haben sie es! (ce)
SARAH K.
Tell me I'm not dreamin'
Chesky Records
Um es gleich vorwegzunehmen: Diese brillante Sängerin aus New Mexico
darf man sich getrost merken. Auch wenn sie mit ihren Songs und ihrer
Stimme klar an die Joni Mitchell der Mittsiebziger erinnert, unterscheidet
sie sich von ihr ebenso deutlich durch den Blues in ihrer Stimme, den
man sonst nur von schwarzen Sängerinnen wie Nina Simone oder Aretha
Franklin kennt. Wie sie in moderner Unplugged-Manier Greg Allmans »Whipping
Post« interpretiert, das kann sich allemal hören lassen. Allerdings:
einen Bärenanteil an der eindringlichen Wirkung der 13 Songs hat
der geniale Gitarrist Bruce Dunlap, der mit ebenso einfühlsamen wie
jazzig-swingenden akustischen Gitarrenarrangements dieser CD eine Aura
verleiht, die sie zu einem unverwechselbaren Diamant für jede Plattensammlung
macht. (pw)
SARGANT FURY
Turn The Page
Fresh Fruit/SPV
Schon bei der ersten Hörprobe wird klar: SARGANT FURY sind erwachsen
geworden, was ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis
nehme. »Little Fish«, das letzte Werk von HANNOVER'S FINEST,
tat ich mir immer wieder rein, nur um mich an den unglaublichen Refrains
zu ergötzen. Vor diesem Hintergrund bin ich traurig, daß sich
auf »Turn The Page« die Prioritäten ein wenig verschoben
haben. Nicht mehr ganz so heavy tönt's, obgleich die Scheibe etliche
knackige Abgehnummern zu bieten hat. Zweieinhalb Balladen, so toll sie
auch sein mögen, sind ein bißchen viel des Guten. Übertreibt's
nicht, Jungs! Der einzige Schwachpunkt der CD ist die unglückliche
Plazierung der beiden Coverversionen (Pos. 7 und 10). Andererseits ist
die eine das größte Plus von »Turn The Page«: Nach
ABBAs »Eagle« haben die FURIES das Kunststück geschafft,
erneut eine Klasse besser zu sein als das Original, in diesem Fall von
MICHAEL SEMBELLO. »Maniac« hat mit der klebrigen Synthie-Grütze
la »Flashdance« überhaupt nichts mehr gemein - Wahnsinn
auf Kufen! Das lehrt uns, daß manche Disco-Fuzzies mitunter echt
starkes Zeug schreiben. Aber kann mir mal jemand erklären, warum
sie sich anschließend alles selbst wieder kaputtkleistern?! (ms)
SASS JORDAN
Rats
Impact/EMI
»Trust In Me«, ihr Duett mit Joe Cocker, krönte den Bodyguard-Soundtrack.
Trotz dieser hochkarätigen Liaison ist der Name Sass Jordan dem Gros
der Musikfreunde kein Begriff. Sollte er aber sein. Die zierliche Kanadierin,
die mit Größen wie Tina Turner, Melissa Etheridge oder eben
Josef Koch verglichen wird, zieht mit ihrem rauchigen Organ jeden in ihren
Bann. Textlich geht es auf ihrem dritten Album »Rats« sprichwörtlich
um "Ratten im Keller". So beschreibt mein Anspieltip »Pissin' Down«
das Scheitern einer Beziehung an den Drogenproblemen des Partners. Man
sieht, Sass hat in den letzten Jahren einiges durchgemacht und verarbeitet
dies entsprechend. Zum Glück sind sie und ihr Gitarrist Stevie Salas
ein perfekt eingespieltes Songschreiberteam, so daß selbst Kracher
wie »Damaged« nie in stumpfes Gehacke ausarten. Einfach kerniger
Rock mit sensiblen Zwischentönen (»Sun's Gonna Rise«),
sozusagen die Ergänzung zur neuen Peter Frampton. Oh, und der Vorgänger
»Racine«, der mir sogar noch einen Tick besser gefällt,
wird jetzt endlich offiziell in Deutschland veröffentlicht. Wohl
getan, EMI! (ms)
SATCHEL
EDC
epic-sony music
Grunge, Rock, Heavy, Acid-Jazz oder gar Jazz? Man kriegt die Schublade
nicht zu, egal wo die Scheibe von SATCHEL rein soll. So viele Merkmale
wollen einfach nicht stimmen. Da ist zum einen die unübliche Stimmlage
von Shawn Smith oder zum anderen die romantischen Klavierparts, die einfach
nicht ins Bild passen wollen. Und dann wieder ist es das völlige
Abdrehen in experimentelle Gefilde, was den Reiz dieser Scheibe ausmacht.
Einfach unbeschreiblich und doch klasse. (om)
SAVATAGE
Handful Of Rain
Bullet Proof/IRS
Am 17. Oktober 1993 wurde der hochbegabte SAVATAGE-Gitarrist CRISS OLIVA
von einem besoffenen Truckdriver in Fetzen gefahren. Vielleicht ist das
der Grund dafür, daß auf »Handful Of Rain« das
epische Element stärker als sonst im Vordergrund steht. Finde ich
toll; darin sind SAVA einzigartig. Mit dem Opener »Taunting Cobras«
und »Nothing's Going On« gibt's natürlich auch stilvoll
auf die Glocke, aber bei der gigantischen Arie »Chance« können
auch Nicht-Metaller nur ergriffen lauschen. Zwar enthält fast jeder
Titel opernkompatible Passagen, aber hier kommt's echt geballt. Man kann
darüber streiten, ob Alex Skolnick, vormals Paddelschwinger bei TESTAMENT,
der einzige adäquate Ersatz für Criss ist, jedenfalls hat er
auf diesem Rundling hervorragende Arbeit geleistet. Ich hoffe zutiefst,
daß SAVATAGE, die seit ihrer Gründung 1978 unbeirrt ihren eigenen
Stil pflegen, mit »Handful Of Rain« endlich die längst
überfällige Anerkennung zuteil wird. Wer kann schon von sich
behaupten, bei acht Outputs sieben Klassiker hervorgebracht zu haben?
(ms)
Scorn
Deliverance
Scorn, das ist die Ur Napalm Death Besetzung, haben schon eine geniale
Lp (Vae Solis) veröfentlicht. Auf "Deliverance", einer 40 Minuten
langen Singel, machen Scorn da weiter wo der zweite experimentelle Teil
ihrer Lp aufhörte. Gespenstisch groovende Dub Noise Excursionen die
mit ihren Napalm Death Wurzeln nichts mehr zu tun haben. Vielmehr proflieren
sich Mick Harris und Co als geniale Sampel und Electronic Tüftler.
Die Musik auf Deliverance lebt von ihren vielschichtigen Collagen, von
ihren unerwarteten Kehrtwendungen, vom versinken im Echoland, vor allen
Dingen aber von ihren genialen Grooves die Napalm Death Drummer Harris
zaubert. Hier werden sich die Techno und Sample Freaks wohl die eine oder
andere Scheibe abschneiden. Deliverance ist eine geniale Abfahrplatte,
aber vorher Reinhören ist Pflicht.
Scorn
White Irises Blind
RTD
Kaum haben uns Scorn mit der "Deliverance" EP bewiesen das sie die Grandmaster
des düsteren EBM Beats sind, schieben sie die nächste EP nach.
Auch diesmal regieren die Drumcomputer das Feld, allerdings meisterhaft
programmiert vom Herrscher der Grooves Mick Harris (ex Napalm Death).
Gitarren finden nur sparsam Verwendung, bleiben dann auch im Hintergrund.
Eine Rückkehr zum Industrial Grunge wie auf dem ersten Album steht
wohl erst mit der neuen LP "Colossus" ins Haus. "White Irises" besteht
aus düster Groovenden Industrial Klanggemälden, vollelektronisch
und monoton. Leider schleichen sich spannungslose Momente in den
ersten beiden Titeln (White Irises Blind u. WIB Mix) ein, die letzten
beiden Titel dagegen (Drained, Host of Scorpions) erweisen sich als qüalend
langsame, klaustrophobische Industrialtrips, die einen Gefangennehmen.
Keine vollständige Entschädigung für den Anfang denoch
lohned. Scorn ist sicherlich nicht jedermans Sache, doch wer auf dunkle
Trips steht sollte zuschlagen. 7-93
SCORN
Evandesence
RTD
Es ist wohl endgültig, SCORN haben sich dem Ambient Dub, dieser düsteren
Variante des Dancefloorsounds, die reichlich Stoff fürs Hirnkino
produziert, verschrieben. Angefangen hatte alles mit »Vae Solis«,
dem furiosen Debüt dieser Band, die aus der Urbesetzung der ersten
Napalm Death LP Scum besteht. Schon »Vae Solis« hatte mit
dem imposanten kopflosen Geholze von »Scum« wenig zu tun.
SCORN, und das heißt vor allen Dingen Drummer Mick Harris, brachten
unglaubliche Massen in elastisch brachiale Bewegung. Nach »Vae Solis«
folgten einige Maxis und der Longplayer »Colossus«, die alle
ohne Zutun des Godflesh Gitarristen Justin Broadrick enstanden. Hier regiert
Drum, Drumcomputer und Bass, Sampels wirken stimmungsbildend, und alles
groovt so einmalig drängend. Trotz dieser Einmaligkeit und der Stimmungsdichte
habe ich mir immer gewünscht, »Vae Solis« 2 zu hören,
doch das brachiale Brett braucht Harris wohl nicht mehr, er experimentiert
mit Rhythmen und Stimmungen, versucht seine düsteren Visionen tanzbar
zu machen. Und in der Tat - »Evandesence« pulsiert, die schwarz-weißen
Bilder im Kopf finden ihren Weg in die Beine. Getrieben tanzen kann man
zu »Evandesence« nicht, wohl aber gemächlich in Wallung
geraten, der evozierten Sentimentalität ritenhafte Bewegungen entgegensetzen,
die irgendwie befreiend wirken. (ce)
SECT
Telekinetic
(Roadrunner)
Vancouver, Brutstätte akustischer und visueller Elektronik. Fruchtbare
Szene, Ambiente in verlaufenden Farben und Signalen. FRONTLINE ASSEMBLY,
SKINNY PUPPY, Techno, House, Industrial - Vancouver. SECT, schleichend
& beunruhigend, dringt nicht nur durch die Lauschlappen in die Zentrale
für psychedelische Umstände, sondern verteilt sich vorerst unheimlich
im Raum. Das Sprachorgan klemmt, Münder bewegen sich in Stille, der
SECT hemmt. Gewisserweise, man edelt die monotonen Handbewegungen in verrauchten
Anti-Rauchhaus-Kommunen, zollt sich der SECTsche Trance als Opposition
zur Sprache, Blicke bespritzen sich einander mit der Feuchte der Hornhaut
und Füße scharren Striemen in die großen, schweren Metallplatten
der zahlreichen Factories, denn auch Schweigen ist Kommunikation. (Sogar
wohltuende, wenn man bedenkt, wozu unsere Sprache mutiert.) Doch
man könnte SECT auch anders betrachten. Movies wie AKIRA oder BLADE
RUNNER drängen sich ungerufen in den Geist und SECT schleicht durch
die Wege der Apocalypse im gelockerten Schneckentrab auf zum absehbaren
Ende. Futuretrance, absolut desillusionierend und wahrscheinlich, Perfektionisten
und Seher aus Vancouver und der Zukunft. (tb)
SELIG
Selig
Sony Music
Nun ist es endlich passiert. Mit ihrer gleichnamigen Scheibe bringen SELIG
die deutsche Antwort auf den Seattle-Rock in die Charts. Man kann es kaum
glauben, aber SELIG haben es geschafft, mit ihrem ersten Album eine professionelle
deutschsprachige Produktion auf den Markt zu bringen, die meines Erachtens
nach locker mit den deutschen Größen des Rock-Business mithalten
kann. Die Musik der Fünf zeichnet sich durch in sich geschlossene,
teils balladenartige Stücke aus, die zwar einprägsame, aber
keineswegs nervige oder eintönige Melodie- und Rhythmikstrukturen
aufweisen. Die Lieder erscheinen einerseits schwermütig und andererseits
wieder witzig und frech, so daß das Gesamtbild des Albums eine ausgewogene
Mischung an Stimmungen darbietet. Die Stimme des Sängers Jan Plewka
paßt ebenfalls gut in das gesamte Klangbild. Über 14 Songs
hinweg demonstriert er eindrucksvoll, wie lebhaft und doch weich man die
deutsche Sprache in den musikalischen Hintergrund einbetten kann. Er schafft
es mit geschicktem Betonen, den meist sehr mutigen Texten das richtige
Feeling zu geben. Wer es satt hat, sich deutsche Rockmusik anzuhören,
bei der man durch extremen Dialekt oder Sprachstörungen des Künstlers
sowieso kein Wort versteht, sollte sich die neue »Selig« holen.
(ar)
SELIG:
Hier
Epic
Deutschsprachiger Nuschel-Rock ist in wie lange nicht mehr: Jetzt also
auch eine neue Scheibe von SELIG. Musikalisch ein echter Hammer, der groovet
und knallt in einer Ecke irgendwo zwischen Seattle und Woodstock. Wie
bei so vielen aktuelle Bands mag man die DOORS gerne, auch seinen Hendrix
hat man studiert. Schade, daß der Gesang gegen die Gitarrenwände
keine Chance hat - hier fehlen aber auch Stimmvolumen und Artikulation.
Wovon die Texte handeln, kann man deshalb nur ahnen. Nur soviel: sehr
glücklich ist der Sänger nicht.So entfaltet die Scheibe eine
magische Monotonie, die bravourös den Herbst einläutet... (lj)
SHARON STONED
License To Confuse
Snoop Records
Vorsicht! Wer diese Scheibe noch nicht kennt, sollte erst die Lautstärke
runterfahren und dann auf Play drücken! Verzerrte Gitarren, Rückkopplungen
und andere "lntros", die einem die Haare zu Berge stehen lassen, gehören
zum Repertoire. Aber nicht nur die, SHARON STONED sind so originell wie
ihr Name. Insgesamt klingt die Musik nach britischem (isser aber nich)
Independent: schrammelige Gitarren, nölige Stimmen. Teilweise erinnern
sie ein bißchen an die Lemonheads oder an Blur, dann klingen sie
aber wieder ganz anders. Zur lockeren Mischung trägt zum Beispiel
so eine Art Heimorgel bei, die zweimal zum Einsatz kommt. Aber auch Gags
wie bei "Special Plans" (das Stück fängt zweimal an!) tragen
dazu bei, daß das Hören Spaß macht. Mal schneller, mal
langsamer steuern Sharon Stoned auf das "furiose Finale" zu. Bei "Shrug"
angelangt (zu deutsch: Achselzucken), fiel den Jungs wohl nix mehr ein,
und sie wollten noch mal was Neues ausprobieren. Was herausgekommen ist,
mutet etwas technomäßig an. Aber is ja au geil! Zu guter Letzt
klingt die Platte, die wirklich die Lizenz zum "konfusieren" verdient,
mit einem live-haftigen Stück aus: »Johanna«. Es hat
sich gelohnt! (sh)
SIELWOLF
Nachtstrom
Whats So Funny About
"Jäger und Sampler" schrieb die Spex und traf ins Schwarze. SIELWOLF
streifen durch die Nacht, greifen den allgegenwärtigen akustischen
Abfall der Zivilisation auf und ordnen ihm den einzig logischen Sinnzusammenhang
zu: der Brutalität. "Der Müll, die Stadt und der Tod" hieß
Faßbinders viel umstrittenes Stück - ein Titel, der das SIELWOLF-Feeling
illustriert: Überangebot, Überforderung, Resignation, letztendlich
Todessehnsucht. Harte, peitschende Beats zerfasern den letzten Halt, den
man in den brodelnden Sampels sucht. Alles ist mit diesem undefinierbaren
Rauschen umgeben, das eigentlich gar nichts ist und doch mit unglaublicher
Intensität Angst und Konfusion vermittelt. Texte, die sowohl an den
Grundfesten des Lebens als auch der Zivilisation nagen - Sielwolf ist
ein musikalischer Fleischwolf. (ce)
SILENT POETS
words and silence
bellissima/99
Schon bei »La Vie«, dem zweiten Titel auf der CD, drängen
die Beats den Körper zur Bewegung. »The Children Of The Future«,
ein Stück mit eindeutiger Roots-Reggea Ambitionen, verstärkt
diesen Effekt. Schier unerschöpflich scheinen die Kombinationsmöglichkeiten
der verwendeten Stilrichtungen. Besonders auffällig und gekonnt werden
Dub-Reggae-Elemente eingesetzt, die den Stücken eine intensive Räumlichkeit
verschaffen. Alles in Allem ein fesselndes Gemisch aus Cool-Jazz, Hip-Hop
und Reggae, mit dem die Sessionmusiker aus Tokio, Paris und London namens
SILENT POETS eindeutig auf Erfolgskurs sind. (om)
SILENT POETS: Potential
Meeting (99 Records)
Unterkühlter Jazz, ein bißchen Neotraditional, aber kein Klischeerecycling,
sondern fähige Musiker, die swingen. Ideal für zurückgelehntes,
entspanntes und dennoch aufmerksames Hören.
SIMPLE MINDS
Good News From The Next World
Virgin Records
Inzwischen scheint auch in der Pop-Szene Personal-Abbau Mode geworden
zu sein: Sänger Jim Kerr und Gitarrist Charlie Burchill haben Bassist
und Schlagzeuger gefeuert und versuchen ihr Glück nun mit diversen
Studiomusikern. Fraglich bleibt bei mehrmaligem Hören, ob das ihrer
Musik nach dem vorzüglichen letzen Album »The Real Life«
gut getan hat. Zwar gehen die kontrastreichen, manchmal geradezu hektischen
Rhythmen noch immer sofort in die Beine, und Jim Kerrs raunende Stimme,
die bei jedem Song herauspowert, was sie zu bieten hat, ist ganz unverändert
die alte. Auch Burchills groovende Gitarren- und Keyboardarrangements
sind gewohnt solide gearbeitet. Dennoch wirkt das alles zusammen recht
gleichförmig und - nach mehrmaligem Hören - ziemlich langweilig.
Ehemals mitreißender New Wave verplätschert nurmehr harmlos
am Strand der Konventionen, wenn auch mit viel Schaum. Aber das scheinen
die Fans zu mögen. Die Platte hat überall in Europa Spitzenplätze
erobert, nicht zuletzt wegen der eingängigen SIMPLE MINDS typischen
Single »She's A River«. Weiterhin hitverdächtig: »Great
Leap Forward« und »And The Band Played On«. (pw)
SIMPLY RED
The Colour Red
Flashback
Neben Jazzgrößen bietet das Jazz-Festival Montreux auch denen
ein Forum, die im Bereich der Pop- und Rockmusik durch besondere Live-Qualitäten
überzeugen. Zweifellos ein Grund, Mick Hucknall und seine Band SIMPLY
RED zu engagieren, die durch besten Soul-Pop überzeugen. Gäbe
es nicht Bootleg-Label wie FLASHBACK, so wüßten wir allerdings
nur vom "Hören-sagen" von diesem erstklassigen Konzert, das 1986
in Montreux stattfand und hier in Form einer Doppel-CD namens "The Colour
Red" (94:22) vorliegt. Wirklich gute Qualität! (om)
SLINT: Eponymus (EFA)
Instrumental-EP der Band, die sowohl Nirvana als auch den Rest der Schrammel-
und Grunge-Fraktion bedeutend beeinflußt hat: nettes, ruhiges Teil
mit Deprotouch. ****
SLOT: Slot (copycat)
CD-Debüt der Göttinger: routinierter und gefälliger Pop-Rock
mit Hip-Hop- und Jazz-Einsprengseln. Nette Produktion mit bildschönen
Gitarren- und Sax-Parts. Wermutstropfen: Schwächen im Drum-Sound
und -Groove, wenig mitreißender Gesang!
SMASHING PUMPKINS
Mellon Collie And The Infinite Sadness
Virgin
Ein Doppelalbum mit über zwei Stunden guter Musik? Das allein wäre
schon beachtenswert. Aber der Nachfolger des »Siamese Dream«
stellt ohne Zweifel den Höhepunkt im kreativen Schaffen des Billy
Corgan und seiner Kollegen dar. Der Despot mit der schweren Kindheit hat
fast im Alleingang 28 Stücke produziert, die vor allem im ersten
Teil »Dawn To Dusk« vom eigentümlichen Gegensatz seiner
Stimme zu den harten Gitarrenriffs leben. Er singt, als stünde er
unter Psychopharmaka, die aber seine Wutausbrüche nicht immer unterdrücken
können. (»Despite of my rage I am still just a rat in a cage«).
Die erste Scheibe »Dawn To Dusk« macht da weiter, wo »Siamese
Dream« aufgehört hat. Die zweite Scheibe »Twilight To
Starlight« ist insgesamt ein wenig ruhiger und überrascht mit
sonst so verpönten Instrumenten wie Samplern oder Drum-Computern.
Man darf gespannt sein, wie die PUMPKINS dieses umfassende Monumentalwerk
noch übertreffen wollen.
SOPHIE B. HAWKINS
Whaler
Sony Music
"Whaler" bedeutet Walfänger. Offenbar soll mit vorliegendem Album
der ganz dicke Fisch, sprich kommerzieller Erfolg, an Land gezogen werden.
Das Ergebnis: Die insgesamt recht fade Klangsuppe schmeckt im wesentlichen
nach einem dünnen Aufguß von Madonna, gewürzt mit einer
Prise Nena (!), Carly Simon, Sade, Edith Piaf und Josephine Baker. Alles
große Namen, zugegeben. Aber herausgekommen sind billige Kopien,
die sich vielleicht in der deutschen Schlagerbranche ganz gut ausnehmen
würden. Selbst die glatten Arrangements ihres Produzenten Stephen
Lipson können nicht über die oft bis zur Peinlichkeit abgenutzten
Texte ("only love can set us free/only love can bring us peace"), die
selbst bei den Reimen kein Klischee scheuen (worry/hurry), hinwegtäuschen.
Lipsons blutleere, wenn auch munter hüpfenden Synthiepop-Sounds decken
die wenigen passablen Kompositionen eher zu und sind nur dort ein Gewinn,
wo sie sich selbst zu ironisieren vermögen, z.B. in »Let Me
Love You Up«, dem wahrscheinlich ersten Song, der einen Reggae mit
Hilfe eines französischen Akkordeons zu parodieren versucht. Ansonsten
können aber Lipsons Künste kaum die kompositorischen Brüche
kitten, die durch Sophie B. Hawkins Ehrgeiz zu imitieren entstehen. Sie
hätte besser an einem eigenen Stil gearbeitet. Vielleicht gelingt
ihr dies mit den nächsten Alben. Für alle, die nach ihrem vielversprechenden
Debüt-Album »Tongues and Tails« und »Damn I Wish
I Was Your Lover« etwas Vergleichbares erwarteten, muß diese
CD eine böse Enttäuschung bleiben. (pw)
SOUNDTRACK
Dead Man Walking
Sony
Einer der herausragendsten Filme dieses Jahres lief im April mit »Dead
Man Walking« in unseren Kinos an. Der Ausnahmeregisseur Tim Robbins
zeigt einen bedrückenden Film über den letzten Gang eines zum
Tode verurteilten Mörders zum elektrischen Stuhl. Wie die schauspielerischen
Leistungen von Sean Penn und Susan Sarandon zeugt auch der Soundtrack
von oberster Qualität. Liedermacher (im weitesten Sinne) wie SPRINGSTEEN,
TOM WAITS, JOHNNY CASH, PATTI SMITH, SUZANNE VEGA oder EDDIE VEDDER ließen
sich von dem Film inspirieren und steuerten dem Streifen bisher unveröffentliche
Songs bei. Das Ergebnis ist beachtlich: Die Songs bringen die beklemmende
Stimmung des Films auf den Punkt. PEARL JAMs Eddie Vedder treibt den Zyklus
seiner Klagelieder im Duett mit dem arabischen Musiker NUSRAT FATEH
ALI KHAN gar auf die Spitze. Ein dickes Lob geht an LYLE LOVETT und TOM
WAITS - einfach klasse Arbeit! (hs)
SPIN DOCTORS
Turn It Upside Down
Sony Music
War ihr erstes Album »A Pocket Full Of Kryptonite« von fetzigen
Rock'n Roll-Stücken geprägt, so haben sich die New Yorker "Wirbel-Ärzte"
diesmal schwerpunktmäßig auf Funk verlegt. Die swingende Single-Auskopplung
»Cleopatra's Cat« ist da eher ein untypischer Track. Zudem
wird sie - trotz unverkennbarer Anklänge an GOLDEN EARRINGS Megahit
»Radar Love« - in Europa wohl kein Chartrenner werden, ist
doch der vertrackte Wortwitz für den Durchschnittshörer kaum
zugänglich. Dennoch: Was die Einzigartigkeit der chaotischen Pop-Philosophen
ausmacht, die auf jeder Fete ein Muß geworden sind, sind ja auch
nicht die Texte, sondern die zündenden Gitarrenriffs von Eric Schenkmann,
der hibbelige Gesang von Sänger Chris Barron und die variantenreichen,
treibenden Rhythmen von Schlagzeuger Aaron Comess. Die gibt's auf diesem
Album zwar wieder reichlich; überraschend sind für mich aber
besonders die letzten eher ruhigen 7 Stücke, in denen bei mir wehmütig-liebe
Erinnerungen an den Westcoastrock der 70er (z.B. GREATFUL DEAD, JEFFERSON
AIRPLANE, BYRDS u.ä.) wach werden. Hier zeigt sich ein gewichtiger
Unterschied zum Debüt-Album, den man beim Kauf berücksichtigen
sollte: Die SPIN DOCTORS dürfen noch immer als die erfrischend geistreichen
Anarchisten der Pop-Szene gelten, aber nicht nur an der Covergestaltung,
sondern auch musikalisch läßt sich ein Trend zu weniger Spontaneität
und mehr Übersichlichkeit erkennen, eine - wie ich finde - positive
Entwicklung, die das Album zwar nicht für die oberen Regionen der
Charts, um so mehr aber als echten Klassiker für jeden Plattenschrank
qualifiziert. (pw)
SPUNK:
Zwischen Gefühl und Verstand
Miracle-Records
SPUNK machen deutlich, warum soviele deutsche Gruppen vor deutschen Texten
zurückschrecken: Es ist nun mal ein Vabanque-Spiel, bei dem man leicht
abstürzen kann. Die mutigen 5 Knaben aus dem Ruhrgebiet stehen irgendwo
zwischen Puhdys, Pur und Purple Schulz. Ihre erste CD enthält 4 recht
lange Stücke, in denen die besinnlichen und zärtlichen Töne
dominieren. Das Ganze wurde in den FRANZ-K.-Studios sauber produziert
und streift manchmal leider die Bereiche Schlager und Stilblüte.
Trotzdem, ein Anspiel-Tip: Der Rausschmeißer "Vorbei" beeindruckt
durch seine rauhe Intensität! (lj)
STATION 17
Genau So
EFA
Schon vor zwei Jahren verschaffte uns Kai Boysen mit der ersten STATION-17-LP
einen Einblick in den musikalischen Gefühlsreichtum und die Kreativität
der Patienten der 17. Station. Mittlerweile ist die Gruppe der Mitwirkenden
auf 50 Personen angewachsen, die vorliegende CD zeigt Auschnitte aus dem
Schaffen dieses nicht als "Musiktherapie" verstandenen Projektes. Diese
Auschnitte sind schlichtweg faszinierend, zeigen unglaubliche Gefühlswärme.
Die teilweise spährischen, teilweise polyrythmisch groovenden Stücke,
zeugen von einem völlig anderem Zeit und Harmonieverständnis.
Die Musik ist avantgardistisch im guten Sinne des Wortes - sie klingt
zwar ungewöhnlich, ist aber trotzdem gut zugänglich. Und wenn
die Mitglieder der Station mit einfachen aber fesselnden Worten ihr Leben
beschreiben, dann ist das schlichtweg bezaubernd! "Genau So" blockiert
meinen CD-Player seit Wochen, sie ist mit Abstand die schönste CD
der letzten Zeit. Also: Kaufen und nebenbei ein hervorragendes Projekt
unterstüzen! (ce)
STEIN
Steinzeit
Rough Trade
Stein, das ist ein Projekt von FM Einheit ( Einstürzende Neubauten)
, Katharina Franck (Rainbirds) und Ulrike Haage. Theatermusik war
das Anliegen der vier, was dabei herauskam, liegt nun auf CD vor. Samples
aller möglichen Geräusche, Pianoklänge, das Zertrümmern
von Steinen und der herzzerreißende Gesang Katharina Francks. Das
alles fügt sich zu Soundtracks für Stücke von Brecht bis
Jelinek. Hochintellektueller Stoff also. Trotz aller Bedenken: Die Musik
funktioniert auch ohne direkten Bezug zum Theater. Beim Hören kam
mir mehr als einmal der Wunsch, bei der Aufführung der Stücke
dabeigewesen zu sein. Ein gelungenes Projekt also, vor dessen künstlerischem
Anspruch man nicht zurückschrecken sollte.
STEIN
Königzucker
RTD
Schon zweimal beglückten mich Katharina Francke (ja die wunderbare
Rainbirds-Sängerin, deren "Blueprint" noch in den Ohren klingt),
Ulrike Haage, ihres Zeichens Jazzpianistin (und mehr!), und FM Einheit,
die Schlagwerkkoryphäe der Einstürzenden Neubauten, mit CDs,
die unter dem gemeinsamen Namen "STEIN" erschienen. STEIN, das war und
ist Theatermusik, allerdings keine seichte, notwendige Untermalung des
auf der Bühne Dargebotenen, sondern ein Kaleidoskop an Musik und
Stimmungen, das auch ohne die Bühne funktioniert. Mit "Königzucker"
liegt das erste reinrassige Studioalbum von STEIN vor. Wieder einmal ein
anregungsreicher und bedeutungsschwangerer Trip, durch die unbeackerten
Weiten des Industrial-Chansons. Dessen Wege sind von Büchner, Brecht
und Weill gesäumt, treffen auch mal auf Polanski, und an deren Horizont
lauern immer tragisch-skurille Schatten. Eine Art multimorbide Dreigroschenoper,
instrumentiert mit Piano, Schlagwerk Gesang und Zuckerguß, überhaupt
spielt der Zucker allenthalben eine Rolle, ohne daß allerdings klar
wird, warum. »Königzucker« ist nicht ganz so dicht wie
der Vorgänger »Steinzeit«, »Königzucker«
ist eine Platte zum hören und denken, zum lauschen und rätseln,
eine Platte mit garantiert hoher Halbwertszeit. (ce)
DÍVERSE
Step To Another World Music
RecRec
Zum fünfzehnten Geburtstag veröffentlicht RecRec einen Sampler,
der das breit gefächerte Programm des Labels zeigt. Skurriles in
skurriler Zusammenstellung erwartet den Hörer, neben Fred Frith,
Bill Laswell (mit MASSACRA) und anderen Koryphäen der postmoderen
Musik findet man hier Bands wie CAMBERWELL NOW, die jeden Liebhaber lieblichen
Schrammelpops faszinieren dürften, oder THE EX, eine Punk-Band, die
mit dem Cellisten Tom Cora zusammenarbeitet. Dazwischen trifft man auf
musicalähnliche Beiträge, auf spacige Electronic Trips, auf
Weltmusik, die im Niemandsland zwischen den Grenzen der Genres entsteht.
Aus den 27 Titeln wird man früher oder später seine Favoriten
ermittelt haben und trotzdem immer wieder auf Interessantes stoßen.
»Step To Another...« ist nicht nur als Einstiegsdroge in die
Welt der anderen Weltmusik zu empfehlen, auch gestandene Polystilisten
können hier noch was entdecken, zumal das Ganze zum Preis einer Maxi-CD
zu haben ist. (ce)
STEREO COCKTAIL
Plattenmeister
Daß Norddeutsche einen merkwürdigen Humor haben, das bekomme
ich hier in Bremen täglich zu spüren. Gott (oderwemauchimmer)
sei Dank, können sie dabei auch noch über sich selber lachen,
was zuweilen merkwürdige Resultate zeitigt. In Tonträgerform
ist das letztes Jahr nicht nur im Norden, sondern in der ganzen Republik
bekannt geworden. FISCHMOB aus Hamburg bzw. Kiel besorgten verdrehte Beine
mit fettem Hip Hop. Das Hirn, Zwerchfell und Gesichtsmuskulatur verdrehten
sich ob der Texte. Ähnliche Folgen produzierten FLUGSCHÄDEL,
irgendwie auch assoziiert mit der ganzen Fischmob-Blase. Allerdings gab's
hier volles Gitarrenbrett dazu. Tja, und dann ist da noch ADOLF NOISE
mit »Wunden,s. Beine offen«, deren Chill-Out-Ambient-"Ich
plündere das kulturelle Kitschbewußtsein meiner Kindheit"-Abfahrscheibe
auch nicht zu vergessen ist (genial, unbedingt reinhören). Was das
alles mit STEREO COCKTAIL zu tun hat? STEREO COCKTAIL ist eine Easy Listening
Compilation, zusammengestellt durch den Projörktor, ein Flugschädel-Mitglied.
Hier gibt's 70 Minuten die Musik, die vor 30 Jahren im Kaufhaus lief,
die keinem wehtut, dahereiert und einfacht nichts sagt - genau deswegen
hört man sie dann, weil man keinem weh tut, dahereiert und einfach
nichts mehr zu sagen hat. In diesem Sinne "Tööro"! (ce)
STEVE LUKATHER: Candyman
(SONY)
Zweite Solo-Schleife des besten Studio-Gitarristen der Welt. Außer
Rock gibt's hier alles, wofür bei Steves Stammformation TOTO kein
Platz ist: Blues, Jazz und Obskuritäten. Überragend, natürlich.
STEVE MARTLAND
Patrol
Catalyst/BMG
Der englische Komponist STEVE MARTLAND wandelt auf den Spuren der Minimal
Music Stars PHIL GLASS, STEVE REICH und TERRY RILEY. Auf »Patrol«
versammelt er seine Erfolgswerke aus den letzten Jahren: Die streng vom
Rhythmus dominierten Stücke »Danceworks« und »Principia«
wurden mit seiner eigenen Band eingespielt, die vor allem von Saxophonen,
Blechbläsern und Pianoklängen bestimmt wird. Wobei »Principia«
seinen besonderen Reiz dadurch gewinnt, daß ein typisches Rock-Drumset
den konsequenten Aufbau minimalistischer Strukturen mitvollzieht. Bei
aller bewundernswerter rhythmischer Stringens und punktgenauer Musizierweise
hätte ein wenig Mut zur Improvisation oder zur fantasievollen Ausschweifung
den Stücken mehr Leben eingehaucht. Anders als bei STEVE REICH hört
man hier vor allem die Kompositionsweise und weniger die Musik: hörbare
Mathematik, deren Rhythmik einen aber trotzdem packt. Im Kontrast dazu
steht das meditative Streichquartett »Patrol«, das hier vom
SMITH QUARTET eingespielt wurde: Das Werk, das mal archaisch und mal hypermodern
klingt, lädt ein zu Sphärentrips und quälerischer Selbstbespiegelung.
(lj)
STEVE VAI
Sex & Religion
Relativity
Steve Vai - früher wurde mir warm um's Herz, wenn ich diesen Namen
hörte, selig die Zeiten um 84/85, VAI hatte gerade Zappa verlassen
und avancierte durch erste eigene Produktionen zum Geheimtip. Höhepunkt
war das Bootleg »An Evening Of Indulgent Guitar Music«. Mit
unnachahmlicher Spielfreude und viel Humor drang VAI in die Tiefen von
Musik und Stimmung vor, am Ende stand eine Version "Star Sprangeld Banner",
wie man sie seit Hendrix nicht mehr gehört hatte. Doch seit Zeiten
mit Whitesnake und Alice Cooper steht VAI mit beiden Füßen
fest auf der Basis des Mainstream, hat 'nen wirren Kopf und flinke Finger.
Aus Mainstream-Perspektive avantgardistisch, aber mehr auch nicht. Außerdem
hat STEVE wohl den Image-Berater gewechselt. Jetzt trägt man Piercings
und Texte über Peace, Love and Happiness müssen Platz machen
für Schmerz und Pein. Passende Staffage dazu ist ein von einer "Industrialband"
ausgeliehener Sänger. Bleibt zu hoffen, daß STEVE sein Talent
bald wieder für mehr verwendet. (ce)
STILTSKIN
The Mind's Eye
Virgin
Wozu doch ein Werbespot gut sein kann... Dank Levi's Promotion-Gag stürmte
die völlig unbekannte nordenglische Gruppe STILTSKIN bereits im Mai
dieses Jahres mit ihrer Single »Inside« die Spitze der britischen
Charts. Melancholische Melodiefetzen wechseln mit explosionsartigen Rockausbrüchen,
daß die Wände wackeln. Stimmig das Ganze, und eingängig
wie SIMPLE MINDS, NIRVANA oder U2, die bei dieser Band offenbar Pate gestanden
haben. Gitarrist Peter Lawler hat neben dem Hit noch weitere knallhart
zündende Riffs zu bieten, eingebettet in Ray Wilsons raunend-beschwörendenden
Gesang, der an Intensität dem Jim Morrisons kaum nachsteht. Allerdings
wiederholt sich dieses Muster gnadenlos - und nicht nur in den ersten
drei Songs. Daneben gibt's noch zwei angefolkte Songs und beinahe 4 Minuten
langes nichtssagendes Synthesizer-Geplätscher. Ein bißchen
mehr hätte man von einem derart hochpromoteten Debütalbum, das
gerade mal 40 Minuten umfaßt, schon erwarten können. (pw)
STONE TEMPLE PILOTS
Purple
EMI Virgin
Die neue LP der STONE TEMPLE PILOTS spiegelt eindrucksvoll die momentane
Entwicklung moderner Rockmusik auf Grunge-Spuren wieder. »Purple«
hört sich durchweg angenehm an und wird der Band wahrscheinlich viele
neue Fans bescheren. Eine ausgefallene Stimme, gute Melodien, ein paar
extravagante Schlagzeugrhythmen - und schon hat man eine verkaufsfähige
Produktion: eine gelungene Mischung aus gefühlvollen Songs und peppigen
Stücken, die mit einer gut verzerrten Gitarre gespielt werden! Eine
Überraschung der besonderen Art haben sich die PILOTS noch mit dem
letzten Song einfallen lassen. Viel Spaß! (ar)
STONEHANGE
Death Is The Crown Of All
(SPV)
STONEHANGE dürfte einige von euch besonders Intressieren, klingen
sie doch wie eine bösartige Mischung aus BLACK SABBATH und MINISTRY.
Sehr dunkeler, sehr böser, schleppender Doom trifft auf treibende
Technodrums ala Ministry. Jedoch kommt hier kein Drumcomputer zun Einsatz,
sondern ein echter Drummer, was das ganze etwas lebendiger macht. Die
Songs, deren Riffs teilweise echte Ohrwürmer sind,glänzen durch
fiese Breaks und gleiten immer wieder in schwebende Gefilde ab. Diese
spärischen Parts finden jedoch häufig ihr jähes Ende durch
die unvermittelt einsetzenden Drums. Auch gesanglich hat man einige Perversionen
zu bieten, die Texte sind komplett zensiert und mit tiefer Gänsehautstimme
vorgetragen. Hervorzuheben ist Andy Claasens kristallklare Produktion.
Eine echte Abfahrplatte, nichts für schwache Gemüter.
bitte in 3-93 abdrucken ce
STONEHANGE dürfte
einige von euch besonders Intressieren, klingen sie doch wie eine bösartige
Mischung aus BLACK SABBATH und MINISTRY. Sehr dunkeler, sehr böser,
schleppender Doom trifft auf treibende Technodrums ala Ministry. Jedoch
kommt hier kein Drumcomputer zun Einsatz, sondern ein echter Drummer,
was das ganze etwas lebendiger macht. Die Songs, deren Riffs teilweise
echte Ohrwürmer sind,glänzen durch fiese Breaks und gleiten
immer wieder in schwebende Gefilde ab. Diese spärischen Parts finden
jedoch häufig ihr jähes Ende durch die unvermittelt einsetzenden
Drums. Auch gesanglich hat man einige Perversionen zu bieten, die Texte
sind komplett zensiert und mit tiefer Gänsehautstimme vorgetragen.
Hervorzuheben ist Andy Claasens kristallklare Produktion. Eine echte Abfahrplatte,
nichts für schwache Gemüter. (ce)
SUBWAY TO SALLY
MCMXCV
EFA
"Der Schädel knirschend spaltet sich, zwei Hälften Hirn für
Dich und mich. Kein Galgen auf der weiten Welt ernährt uns wie das
weite Feld." Was klingt wie ein Auszug aus den Kinderbüchern Freddy
Krügers, stammt von einer der wohl ungewöhnlichsten und vielseitigsten
neuen deutschen Bands. Und so auch die CD. Textlich schwankt das Ganze
von deftig bis lyrisch, vertont wurde das Werk mit Dudelsäcken, Schalmeien,
Violinen und Mandolinen. Aber keine Angst, auch Bass, Drums und Co. kommen
zum Zuge. Einordnen läßt sich »MCMXCV« allerdings
nicht, am ehesten ist die Scheibe wohl als mittelalterlicher Psycho-Folkrock
zu bezeichnen. Auf jeden Fall 12 Stücke, die musikalisch absolut
frisch und interessant klingen und deren Texte zeigen, daß die deutsche
Sprache nicht mit dem Schlager unterging. Noch 'ne Kostprobe: "Hat Dein
Mann kein' Zahn im Maul, und schielt auf fremde Brüste, tu ihm was
in den Kaffee und fort sind die Gelüste." (mgs)
Suicidal Tendencies
"Art Of Rebellion"
Midtempo-Songs und Balladen, noch einen Schritt weg vom Hardcore zum Trash.
Langweilig!
SUN
XXXX
Gun/BMG
German Grungerock? Mit deutschen Texten hat es uns SELIG doch überraschender
und dabei noch guter Weise gezeigt, daß auch dies möglich ist.
Im englischen Sprachgewand tritt SUN heran. Doch so ganz alternativ grungig
klingen sie nicht immer. Heftige Gitarren lassen beim Opener schon an
die etwas seichtere Form PANTERAS denken. Die markante Stimme von Jörg
Schröder, die teilweise nörgelnd, meist aber kräftig, bissig
durch die Boxen dröhnt, steht immer einen Tick über den dominanten
Gitarren. Sein Organ liegt irgendwo zwischen dem STONE TEMPLE PILOT Chris
Weilands Stimmbändern und deren von SOUNDGARDENS Chris Cornell. Dort
fühlen sich SUN auch musikalisch gar nicht falsch, ist die überaus
gute Ballade »Discharge« doch sehr von den Pilots beeinflußt.
Beim letzten stark angehauchten Psychedelic Stück »Family Affairs«
standen denn die Überväter von LED ZEPPELIN Pate. Doch die findet
man ja auch in unzähligen Amibands als Vorbild. Eine deutsche Band,
die mit diesem Album durchaus auch international gemessen werden kann.
(hs)
Vega
SUZANNE VEGA
99,9 F
(A & M) Zum vierten Mal kommt ein Album der unterkühlt-weichen
Folk-Sängerin auf den Markt. Die Tatsache, daß ihr bislang
größter Hit - »Tom's Diner« - erst im raffiniert
aufbereiteten Dance-Mix zur Nr. 1 wurde, hat ihr offensichtlich zu Denken
gegeben. Zwar ist auch 99,9 F ein eigenwilliges Album mit nachdenklichen
Balladen und intensiv-lebensfrohen Songs voller Hintergründigkeit.
Doch spielt die rhythmische Komponente eine weit größere Rolle
als bei früheren Platten - wenn der Groove sich mit Tiefgang mischt,
dann bleibt wenig zu wünschen übrig! Dreizehn neue Songs, die
den Fankreis der Amerikanerin weiter vergrößern werden. (lj)
SWIMMING THE NILE
Into Temptation
WEA
Was kann Pop-Musik auch schön sein! Neben schnulzigem, tristen Pop
bietet diese Band eine willkommene Abwechslung. Sie war bereits 1991 Vorgruppe
von den "Furies". Bereits da zeigten sie ihre Stärke und Können.
Jetzt erschien ihr zweites Album, das noch ausgefeilter klingt. Ihr Bekanntheitsgrad
nimmt langsam durch kleinere Konzerte, Auftritte in "Elf 99" und Open-Air-Festivals
zu. Bleibt zu hoffen, daß sie weiter an sich arbeiten und nicht
in den Alltagspop abgleiten. (mk)
SWOONS
Klein und faul
Langstrumpf
Willkommen im Land der Hobby-Punks und Schoko-Vampire: Die SWOONS holen
uns ab zu einer verspielten Reise unter dem Motto »Klein und faul«.
16 Songs lang, von klitzekleinen High Lights wie »Tom tonk blues«
(War Cotton Eye Joe ein Punker?) und »French Dressing« (ah
oui) bis hin zum ausgedehntem Concept-Punk der Abschlußhymne »Moonlight«
(klingen da tatsächlich Geigen?). Punktgenaues Gedresche und Gedröhne
mit mal süßlichem, mal arg angeschrägten Girliegesäusel:
so naiv, hart und herzlich mag man die Wolfhager Pracht-Combo. Zumal kleine
ironische Brüche und nette Soundwechsel die Arrangements würzen!
SWOONS hören, das ist wie saure Drops lutschen, die Beine baumeln
lassen und auf den Sommer warten. Kein Wunder, daß die Pflicht-Cover-Version
Rudi Carells "Wann wird's mal wieder richtig Sommer" gewidmet ist: Da
stimmen in diesen naßkalten Zeiten alle gern mit ein! Bei den SWOONS
scheint aber eine bonbonrosa Sonne ohnehin das ganze Jahr und schenkt
uns Wärme und Spaß. Ach, könnte eine derart ausgelassene,
quirlig wilde Jugendzeit doch ewig dauern - also los: Freie Limonade für
die Rock'n-Roll-Kids! (lj)
TAKARA: Eternal Faith
(Long Island)
Mit seinem neuen Projekt erreicht Meistersänger Jeff Scott Soto nicht
ganz den sonst von ihm gewohnten Standard. Trotzdem eine starke Scheibe
mit einigen AOR-Juwelen. Anspieltip: »Restless Heart«.
TALISMAN:
Genesis
(Biem)
Die schwedische Gruppe TALISMAN stellt sich mit "Genesis" vor -
doch trotz vieldeutig künstlerisch gestalteten Covers und Triobesetzung
haben die Drei mit der Musik der britischen Supergroup gar nichts im Sinn.
Ihre Wurzeln liegen vielmehr im kompromißlosen Hardrock vom Kaliber
Deep Purple (Marke "Burn") und Whitesnake. Keyboards gesellen sich allerdings
nur ausnahmsweise hinzu, dafür dröhnen die Marshalls umso lauter,
und der Solo- und Satzgesang fetzt nach allen Regeln der Kunst. Gute Arbeit,
zweifellos; nur fehlt der Band das Einzigartige, das sie aus der Masse
heraushebt. Und: Ich bin ja auch ein großer Freund von Zerrgitarren
- aber daß sie manchmal soweit im Vordergrund stehen, daß
Schlagzeug und Gesang kaum noch zu hören sind, muß ja nun auch
nicht sein! Man freut sich jedenfalls, wenn das erste Mal ein Klavier
zur obligatorischen Ballade ansetzt und die E-Gitarre kurz Pause macht.
(lj)
TALISMAN: Humanimal
(Polydor)
Mit neuen Einflüssen vermischter Melodic Rock, garniert mit tollen
Hooklines und sattem Klang. Ein Kulleraugenmacher. Haben!
TATTOO RODEO
Skin
Mausoleum/MMS
Hinter einem Cover, das nach nichts aussieht, hart an der Grenze zur Häßlichkeit,
verbirgt sich ein heimliches Highlight der Saison. Logo, Sir Arthur Payson,
der einzige mir bekannte adlige Produzent und ebenso vielseitig wie qualitätsbewußt,
verschwendet seine Zeit nicht mit Dilettanten. TATTOO RODEO weisen Parallelen
zu THUNDER auf, vor allem Sänger Dennis Churchill-Dries erinnert
an einen gut aufgelegten Danny Bowes. Doch während die Briten stadionkompatibel
sind, kann ich mir TR eher in einem verrauchten Club vorstellen. »Too
Daze Gone« markiert einen gelungenen Einstieg, ist jedoch gemessen
an dem, was noch kommen soll, nur ein (freilich äußerst schmackhafter)
Appetizer. »Feels Like Love« steht ganz in der Tradition von
LED ZEPPELIN - ergreifend! Im Gegensatz zu 99,9% aller Bands sind die
RODEOS jedoch am besten, wenn sie Eigenständigkeit beweisen. Bei
»Chamber Of Mary's Gun«, »Charity«, »Sure
Enough« und »Waiting For You« zerplatzen dicke Bluesperlen,
in denen sich alle Farben des Regenbogens in gleißendem Licht spiegeln,
um im nächsten Augenblick noch größer, noch schillernder
wieder aufzutauchen. Letztgenannter Titel wäre bei einer bekannteren
Kapelle ein Mörderhit, Soul in seiner ganzen Intensität. Wie
schleichendes Gift, geil für Kopf und Bauch. An diesem Meisterwerk
zeitlos schöner Rockmusik stört nur die dürftige Spielzeit
von 39.15 Minuten. Ich will mehr, mehr, mehr!!! (ms)
TENEBRA
Tenebra
D & S
Trashcore, wie TENEBRA ihren Stil nennen, ist nicht unbedingt die Musik,
die ich mir 24 Stunden am Tag einfahre. Und, zugegeben, zuerst habe ich
das Scheibchen nur deshalb immer wieder aufgelegt, weil es mich freut,
in dieser musikalischen Einöde eine Band zu entdecken, die unbeirrt
ihr eigenes Ding durchzieht. Natürlich ist das Bielefelder Quartett
noch lange nicht perfekt, aber die Ansätze sind äußerst
vielversprechend. Vor allem die technischen Fertigkeiten und das routinierte
Zusammenspiel stechen heraus. Beim Songwriting hapert es dagegen noch;
zuviele der 12 Songs sind nur Durchschnitt. Dazu gibt es, von einzelnen
Passagen abgesehen, ununterbrochen auf die Glocke. Recht eintönig,
wie die Gruppe mittlerweile selbst erkannt hat, so daß es schwerfällt,
die Platte bis zum Ende durchzuhören. Auch der Gesang könnte
variabler sein, obwohl es bei dem Tempo schwierig ist, vertrackte Melodien
zu singen. Doch zumindest »Hurt«, »Mother's Gate«
und »Lost« sollte jeder Freund harter Klänge gehört
haben. Angeblich klingen die neuen Sachen wesentlich differenzierter.
Sollte mich freuen, denn wenn sich TENEBRA in die »Hurt«-Richtung
weiterentwickeln, kann man von den Jungs noch Sonne und Mond erwarten.
Sollte diese als erste Visitenkarte sehr beachtliche CD im Laden nicht
zu finden sein, sende man DM 25,- (plus P + V) an Heiko Schröer,
Neuhäuser Str. 48, 33102 Paderborn. (ms)
TERMINAL POWER COMPANY:
Red Skin Eclipse (spv)
Low-budget EBM ohne Faszinationsfaktor.
Hoax
TERRY HOAX
Splinterproof
Metronome
TERRY HOAX, die Dritte! Glaubt man manchen Kritikern, ist die dritte CD
einer Band der Scheideweg zwischen Durchbruch oder dem weiteren Dahindümpeln!
Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel! Um es gleich vorwegzunehmen:
TERRY HOAX hätten mit »Splinterproof« die besten Chancen,
in Deutschlands oberste Rockliga aufzusteigen. Die mittlerweile MTV-erprobten
Hannoveraner, die mit dem DEPECHE MODE-Cover »Policy Of Truth«
oder »Insanity« von ihrer genialen »Freedom Circus«-CD
den Sprung in die "Heavy Rotation" schafften, legen mit ihrem neuen, wesentlich
weiterentwickelten Album solch geniale Songs vor wie das Independent-angehauchte
»Grashopper« (1. Single-Auskopplung), die groovige Halbballade
»Living On My Back« oder das überaus powervolle »Pale
Soul« (heißester Anwärter zum Liveklassiker). Eben kein
08/15-Hardrock! Beim ersten Hinhören gibt die Scheibe ihre Qualität
noch nicht ganz preis, bei jedem weiteren Mal wächst das Album. Kein
Rock für's Stadion, eher für den Club! Das bewiesen die Jungs
kürzlich auch mal wieder im Felsenkeller! (hs)
DIE ZWIEBELBAUERN
Mist
08/15
DIE ZWIEBELBAUERN, die sich bereits 1987 zu einer 5-köpfigen (damals)
Cover-Band zusammengefunden haben, beweisen mit ihrer Debüt-CD »Mist«,
daß die Zeiten, in denen man nur Stücke der Toten Hosen oder
Goldenen Zitronen nachspielte, endgültig vorbei sind. Die Formation
hat ihren ureigenen Stil gefunden: Wenn der stimmgewaltige Hafensänger
Missing zu den herrlich unbeholfenen Versuchen des musikalischen Begleitquartetts
das Mikrofon ergreift, kommt zu 100% der Spaß rüber, den die
Combo nun schon seit 7 (!) Jahren beim Spielen hat. Ohrwürmer wie
»Karussel« oder »Mein Müll« garantieren Partystimmung,
ebenso geht »die Pest ab«, wenn die Essener Kultfigur »Thomas
Schwab« besungen wird. Klare Worte zu »Skinheads« findet
die Band in einer äußerst gelungenen Version von Westernhagens
»Dicke«. Ob nun der Inhalt jedoch die Erwartungen der auf
der Verpackung mit »Mist« deklarierten Ware erfüllt,
bleibt fraglich. (pm)
THE CASSANDRA COMPLEX
Work 1.0
Play It Again Sam Records
Nachdem CASSANDRA COMPLEX seit fast zehn Jahren existiert, wenn auch in
verschiedenen Besetzungen, dokumentiert "Work 1.0" - Best-Of-Compilation
und zehntes Album - nun den Werdegang der Band mit allen wichtigen Highlights.
Vom ersten Album "Grenade" (1986), z.B. vertreten mit "March 86", bis
zu "Sex & Death" (1994), von dem u.a. "Mouth Of Heaven" stammt, ist
die Band ihrem Stil treu geblieben. Die 15 Songs beweisen aber, daß
dabei keine Langeweile aufkommen muß. Rodney Orpheus und seine wechselnde
Besatzung variierten ihren Stil immer wieder. Düstere, treibende
ElectricBeats, manchmal fast mystisch beschwörend, dazu diese leicht
gequält klingende Stimme... Die neueren Stücke zeigen, daß
sogar die sogenannte "elektronische Musik" richtig heavy klingen kann.
Nichts für Freunde seichter Popmusik also, dafür aber ein echter
Leckerbissen für treue Fans! (sh)
THE ALLMANN BROTHERS
BAND
Where It All Begins
Epic
Wie? Eine neue Scheibe der ALLMAN BROTHERS? Die gibt's immer noch? Sicher
nur eine von diesen Reunions, die die Kassen ehemaliger Helden wieder
füllen soll. Doch dann, beim ersten Anhören, springt der Funke
sofort wieder über: diese Nonstop-Virtuosität, die geniale Mischung
aus tiefschwarzem Blues und weizenblonder Country-Folklore! Mit der von
ihnen kreierten Variante der Rockmusik, dem Southern Rock, starteten die
Allman Brothers 1969 ihren Siegeszug mit Hits wie »Jessica«
und »Ramblin Man« von Jacksonville/Florida aus um die ganze
Welt. Nach unglücklichen Todesfällen, Drogen, viel Zank und
Streit und nicht immer geglückten Comebacks erscheint pünktlich
zum 25-jährigen Jubiläum das neue Machwerk. Mit Dicky Bett,
Gregg Allman, Jaimoe und Butch Trucks sind alle noch lebenden Gründungsmitglieder
wieder an Bord. Und sie zeigen alles, was ihren Southern Rock schon früher
ausmachte: jede Menge Slide- und Rhythmusguitars, Hammond B3 Organ und
drei (!) Drums, die einen dermaßen komplexen Rhythmusteppich erzeugen,
daß alle Gedanken an die Geld-Reunion sofort wieder verblassen!
Herausragend sind »Change My Way Of Living« mit herrlichen
Slideguitars, »Soulshine«, gesungen von Gregg Allman,
und der Dauerbrenner auf AFN »No Where To Run With«. Neueinsteiger
dieser Band sind wohl mit dem genialen »Live At Filmore East«
von '71 etwas besser bedient, zählt diese LP doch noch heute zu den
besten Live-Alben aller Zeiten. Junge Bluesrock-Bands wie BAREFOOT SERVANTS,
CRY OF LOVE oder PRIDE & GLORY, die sich alle am Southern der Allmans
orientieren, zeigen doch auch, daß diese Musikrichtung wieder stark
im Kommen ist! Und da kommt das Album der Väter ja zur richtigen
Zeit! (aw)
THE AUTOMANIC
The Automanic
Bellaphon
Nachdem die Frankfurter Hard-Rocker THE AUTOMANIC 1993 den Bundes-Rockwettbewerb
gewannen und schon bei der Vorausscheidung im AKKU Immenhausen durch ungeheure
Bühnenpräsenz beeindruckten, liegt jetzt die erste CD der Gruppe
um den Wirbelwind Niedereichholz vor. Der stets korrekt mit Anzug und
Schlips gekleidete Lead-Vocalist verfügt über eine Rock-Röhre
allererster Güte. Bass, Drum und Gitarre legen unter die erlittenen
Gesänge ein massives Powerfundament, bis die Songs in geradezu hymnischen
Refrains zu sich selbst finden. Wüste Breaks und überraschende
Wendungen geben dem Ganzen eine ganz eigene Qualität. Leid, aber
auch Lust des Großstadtlebens werden von THE AUTOMANIC hektisch
und aggressiv auf den Punkt gebracht. Und das ganz ohne modisches Grunge-Geröhre!
Die rohe Urgewalt der Musik und die direkte Produktion kann sich aber
durchaus mit Seattle-Qualitäten messen. Eine ungeschliffene Perle
von wilder Schönheit! (lj)
THE BACKBEAT BAND:
Backbeat (Original Soundtrack)
Virgin
Nun ist er da, der etwas andere BEATLES-Film, ganz aus der Sicht des unbekannten
fünften Beatles Stuart Sutciffle. Die Songs hingegen sind nicht unbekannt,
aber »irgendwie anders«. Zum Glück griff man nicht zu
den alten Beatlesschinken, sondern schickte einige junge Grunger ins Studio,
um ein explosives Rockalbum einzuspielen. Außer den altbekannten
BEATLES-Faves finden sich auch andere Rockklassiker auf dem Album wieder.
THE BACKBEAT-BAND, so der Projektname, ziert so bekannte Namen wie: Dave
Pirner (SOUL ASYLUM), Mike Mills (R.E.M.) oder Dave Grohl (NIRVANA). Der
Soundtrack fiel um einiges rockiger (»dreckiger«) aus als
die Tralala-Songs der vergangenen BEATLES-Tage, was wahrscheinlich daran
liegt, daß die Studiosongs komplett live eingespielt wurden. Gerade
um das Aufbruchsfeeling der vergangenen Tage einzufangen, wurden die jungen
Wilden der Grungeszene wohl engagiert. Live haben sie auch schon ganz
groß abgeräumt, wie man bei den MTV Movie Awards 94 sehen konnte.
Insgesamt ein Album, das jede Party retten dürfte. (hs)
THE BATES
The Bates
Virgin Records
Na bitte. Die Bates zeigen mit ihrem Debüt bei Virgin, daß
einheimische Bands durchaus noch lukrative Deals an Land ziehen können
und wie man obendrein ein Album macht, das man vorn bis hinten durchhören
kann, ohne irgendwelche vermeintlich schlechten Songs zu überspringen;
es gibt nämlich keine. Packend, mitreißend, wunderbar abgefahren
und angenehm kurzweilig! Als wären alle Stücke an einem Tag
eingespielt worden, eben wie aus einem Guß. Die Jungs pflegen ihren
gewohnt poppig-punkigen Stil und bleiben durch ruhige, manchmal fast melancholische
Einschübe erfrischend abwechslungsreich; Herz, was willst Du mehr?
12 Songs, darunter Coverversionen von Morricone, dem Mundorgel-Kanon "Heo,
spann den Wagen an" und "Hello" von Shakespeare's Sister. Letzteres in
einer mitreißenden Mitgröhl-Version, die inzwischen als Singele
ausgekoppelt wurde. Auch die Eigenkompositionen lassen keine Wünsche
offen (Anspiel-Tips: "Off", "Bubblegum Trash", "No Place to go"). Weiter
so! (mgs)
THE BLACK CROWES
Amorica
American Rec.
Sie laufen nicht nur so rum wie in den Siebzigern, sie zelebrieren auch
den Sound dieser Ära vom Feinsten. Die BLACK CROWES legen mit ihrem
dritten Werk ein gnadenlos gutes Rockalbum vor. Bedient wird sich fleißig
bei den alten Vorbildern, aber nichts klingt so, daß man sagen müßte:
»Schon tausendmal gehört!«. Die schwarzen Krähen
verstehen es perfekt, alle Einflüsse in ihre Musik aufzunehmen und
es so verschmelzen zu lassen, daß man glauben möchte, die Jungs
veröffentlichen hier ihr 20. Album! Zu den beiden Vorgängern
ist »Amorica« um einiges ruhiger, nur wenige Rocker, wie die
1. Single »A Conspiracy« sind zu finden. Einige Midtempo Stücke
und Balladen halten hier die Oberhand. Klingt die CD beim ersten Mal noch
sehr kantig, wächst sie bei mehrmaligem Hören in einen regelrechten
Rock'n-Roll Genuß. Diese CD hat mehr Groove als sich manch alte
Herren der Rockliga bei sich selbst wünschen würden! Wer übrigens
die CROWES noch nicht live erlebt hat, sollte sie im Januar auf ihrer
Deutschland Tour auf keinen Fall verpassen. (hs)
THE CHARLATANS
Between 10th And 11th
spv
"The Only One I Know" war noch ein erfrischender Start in ungewohnte Gewässer
- SPOT kürte das Stück zur "Single des Jahres 90" -, und ihre
Debüt-LP "Some Friendly" stürmte die britischen LP-Charts im
Nu. Ungewöhnlich genug für eine Band aus dem Indie-Sektor! Wohl,
weil die CHARLATANS als Trendsetter der Rave-Welle galten und einen großen
Schritt zur Neuaneignung der Sixties-Traditionen wagten. Leider ruht sich
die Band aus Manchester auf diesen Lorbeeren aus - die Single "Weirdo"
ist noch das überzeugendste aus dem 2. Album. Ein paar nett-schmutzige
Hammond-Orgelsounds, ansonsten Wiederholungen zuhauf, der Kahn hat sich
schon festgefahren im Sumpf abgestandener Beat-Revival-Klischees. Ausschau
halten nach neuen Ufern! Marilyn L.
THE CONNELLS
Ring
TVT Records/Intercord
Hätten Simon and Garfunkel ehedem zur E-Gitarre gegriffen und in
einer lauen Sommernacht eine Session mit einer dieser Indie-Gitarren-Bands
von der britischen Insel gespielt, dann wären die CONNELS wahrscheinlich
schon einige Jahre früher aus der Taufe gehoben worden. Weil aber
trotz Toyota-Werbung nicht alles unmöglich ist, mußten die
US-Musiker ihr Schicksal schon selbst in die Hand nehmen. Und das hat
ganz offensichtlich funktioniert. Ihr Debüt-Album »Ring«
liegt seit Wochen in den Läden, die Single-Auskopplung »74-75«
katapultierte sie im Nu in die MTV-Charts. Zweifelsohne ist die Ballade
eines der besten Stücke auf dem Longplayer, sie zeigt aber beileibe
nicht alles, was die Band zu bieten hat. Treibende Gitarren wechseln sich
ab mit bestem "Unplugged"-Sound, dazu ein Schuß Folk-Rock und allem
voran die markante Stimme von Sänger MIKE CONNEL - melodiöse
Musik für den Sonnenschein, egal ob zu zweit oder allein. Für
Freunde guten Rocks der etwas langsameren Gangart allemal empfehlenswert.
Und man darf seinen Hut
darauf verwetten, daß »Slackjawed« als nächstes
ausgekoppelt wird. Weitere Anspieltips: »Burden«, »Logan
Street«, »Any Day Now« - kontrastreicher geht's kaum
noch. (tl)
THE CONVENT
Tales From The Frozen Forest
strange ways/indigo
Bitte, Freunde der Sisters, Héroes, Armys und wie sie alle heißen,
hier kommt Independent für's Volk, die Band für Euch! Sensible
Songs voll spannender Kraft, mit fesselnder Intensität und in leidenschaftlicher
Atmosphäre versprühen süße Sagen, lockeres Grinsen
und Vertrauen in die Dunkelheit. THE CONVENT vereinen eine weite stilistische
Bandbreite, innovativ und in jedem Song auf's Neue, aber mit der simplen
Eingängigkeit von Popmusik. Mindestens fünf der dreizehn Stücke
könnten bei verschiedenen Bands zu EP-Ehren gelangen, da sie so differenziert
strukturiert sind, daß man jeweils eine andere Band vermuten würde.
Sodann avanciert »King Of Rain« zu der Düsterkelle schlechthin
- DAS »San Diego« des kommenden Jahres! »Tales From
The Frozen Forest« offenbart gewaltiges Potential und Ideenreichtum,
auch wenn ich Perfektion im Detail noch vermisse. Ebenso könnte alles
noch mehr harmonieren, vielleicht liegt es an der Produktion oder der
Spielweise, irgendwas machen die Jungs noch falsch. Trotzdem kaufen! (tb)
THE CURE
Show/Paris
Metronome
Einige Wochen nach Veröffentlichung der Doppel-CD »Show«
kam nun mit »Paris« ein weiterer Livemitschnitt zur Vervollständigung
einer hörenswerten 3-CD-CURE-Livedokumentation. Während auf
»Show« größtenteils Stücke der letzten CURE-Werke
»Disintigration« und »Wish« in obergeiler Soundqualität
Beachtung fanden und tosenden Beifall ernteten (man hört die kleinen
Mädchen förmlich in Ohnmacht fallen), präsentiert die Band
in erneut bombastischer Spiellaune auf »Paris« ihre Hymnen
wie "One Hundred Years" oder "Close To Me" aus längst vergangenen
Tagen. Eigentlich spricht alles für sich selbst. Die Frage über
das Kommerzielle an der Sache lassen wir am besten gleich unter den Tisch
fallen. Die Songs, das Drum und Dran und die Qualität strotzen vor
etwas arroganter Perfektion. Zu beanstanden hätte ich höchstens,
daß der Höhepunkt eines jeden CURE-Gigs, Smith schließt
die Augen und verkauft seine Seele als Zugabe den Klängen von "Faith",
nicht berücksichtigt wurde. Obergeile Kommerzkacke! (tb)
THE CURE
The Laughing Soup Dish
Flashback
Nach dem Lob gleich ein Tadel für die selbe Firma: Veröffentlichungen
wie "The Laughing Soup Dish" der Firma Flashback dürften maßgeblich
für den schlechten Ruf von unautorisierten Live-Mitschnitten verantwortlich
sein. Weder die Spielzeit von über 140 Minuten der beiden CD`s noch
die Aktualität der '92er-Touraufnahme von THE CURE kann über
die schlechte Qualität dieser Bootleg-Aufzeichnung hinwegtäuschen.
Haarsträubend! (om)
THE DICE: Dawning
Day (Koch)
Stimmungsvoller Marburger Gitarren-Beat mit Doors-Feeling und gitarristischen
Glanzlichtern. Im Gegensatz zum aktuellen Live-Line-Up des Rock'n-Region-Siegers
mit Orgel-Tupfern, die den Sound abrunden. Gelungene Debüt-Produktion!
THE DOORS WITH EDDY
VEDDER
Maxi - live 1993
The Swinging Pig
Fast hatte ich das Label Swinging Pig schon abgeschrieben, da flatterte
mir ein neues Newsletter ins Haus. The Doors - live 1993 - mit Eddie Vedder
als Sänger? Diese Zeilen zu lesen ist schon fast unglaublich, aber
die Mini-CD zu hören ist noch viel unglaublicher. Manzarek, Krieger
und Densmore spielen, als hätten Sie nie pausiert, und ein Eddie
Vedder singt, daß Jim seine Freude haben dürfte. Vedder (Pearl
Jam) scheint fast wie ausgewechselt, energiegeladen und mit einer Morrison-typischen
Aggression ausgestattet. Oh, ihr dämlichen Plattenmultis, und so
etwas straft ihr mit Ignoranz? Eine Gänsehautscheibe erster Güte?
Gott sei Dank, daß das Schwein wieder tanzt. (om)
THE HITCHIN POST
Death Valley Junction
Glitterhouse Records
Die heimliche Platte des Monats kommt aus, ich hätte es selbst nicht
geglaubt, Hann Münden. Einfühlige Gitarrenmusik, irgendwo verloren
zwischen Folk und Country, zwischen den Nits und Crosby, Stills Nash and
Young und all denen, die die Sehnsucht nach Weite, das Gefühl des
nie Ankommens in diese kleinen, doch irgendwie schönen Songs verpacken,
die im Ohr bleiben und den Mut zum weitermachen geben. Irgendwie auch
sehr britisch, aber was rede ich, geht hin, kauft Euch "Death Valley Junction"
und geniest die Musik an regnerischen Tagen und bei sonnigen Autoausflügen.
(ce)
THE HITCHIN' POST
Roadmap
Glitterhouse Rec.
Die Hann. Mündener schlagen wieder zu. Nach ihrem überaus gelungenen
Debüt »Death Valley Junction« liegt nun das Folgewerk
in den Läden. Schön arrangierte Country-Rock Titel, teils mit
einem Schlag Alternative als Zutat. Spiegelte sich im Debüt noch
die Eindrücke ihres US-Aufenthaltes wieder, klingt »Roadmap«
wesentlich euroäpischer. Kritische Texte und einfach schöne
Titel zum Zuhören, könnten den Erfolg erahnen lassen. Leider
fehltder Scheibe nur ein Hit, um auch die größere Masse auf
sich aufmerksam zu machen. Getrost kann aber hier der Country Freak genauso
zupacken, wie auch der Hardrocker mit Toleranz in andere Musikrichtungen!
Gute Musik braucht keine Schublade! (hs)
THE JAMES BLOOD ULMER
BLUES EXPERINCE
Live at the Bayerischen Hof
IN+OUT Rec.
Endlich mal wieder eine Scheibe, bei der der Titel wirklich Programm ist.
Der Gitarrist Jams "Blood" Ulmer selbst zu seiner Veröffentlichung:
"Es ist das erste Live-Album innnerhalb von zehn Jahren und ich bin Glücklich
darüber, denn in dieser einen Nacht im Bayrischen Hof in München
war die Band in einer großartigen Form." Und daß kann ohne
umschweife bestätigt werden. Funk, Blues und Jazz gehen, wie es sich
gehört, eine untrennbare Fusion ein. In einem spielt Ulmer klare,
saubere Jazzläufe, um im nächsten Moment das komplette Stück
mit verzerrten Riffs zu sezieren. (om)
THE LONGJOHNS
Auri Sacras Fames
(Alibi SPV)
Ihre Wurzeln liegen in den 60ern und in England, Liverpool läßt
grüßen. In Süddeutschland, ganz speziell in ihrer Heimatstadt
Mannheim, sind sie ein angesagter Act mit ihren eingängigen Pop 'n'
Roll Melodien und dem vierstimmigen Harmoniegesang. Für wahr kein
leichtes Unterfangen, aber jeder einzelne Musiker verfügt über
eine klassische Ausbildung und über handwerkliches Können. Die
Musik lebt von ihren gradlinigen Melodien, vom phantasievollen Einsatz
der Gitarren und von der leichten Eingängigkeit der einzelnen Songs.
Von den Longjohns könnte man demnächst noch einiges hören.
(ksch
THE RIVER BOYS: Twilight
Moon (Eastwest/Warner)
Gesanglich sind sie etwa dort einzuordnen, wo auch die Rembrandts zuhause
sind. Musik der etwas ruhigeren Art entgegen allen wüsten BPM's.
»Dont't Fear The Reaper« ist sicherlich das Zugpferd des Albums«.
THE SWOONS
Klaus is dead
MC (Kontakt)
"James Brown is dead" folgt nun "Klaus is dead": Titelstück der gleichnamigen
ersten SWOONS-Kassette. Aber keine Angst, außer dem Titel gibt es
keine Ähnlichkeiten. In Wolfhagen gehören SWOONS schon lange
zu den Live-Geheimtips. Zum Tape: einmal abgespielt, geht der Kinski-Vermächtnis-Song
direkt ins Ohr. Bestechend neben dem typischen Trash-Noise-Pop sind die
Stimmen von den "Neuzugängen" Christina Reitze und Tanja Schultz.
Dieser Hart-Weich-Kontrast gibt dem Song Leben. Ein Ohrwurm. Weiterer
Anspieltip: "No Time". Neben den Sängerinnen kommt hier auch die
eindrucksvolle Stimme von Songwriter Stefan Becker zu Tage, früher
alleiniger Vokalist. Mit einem langsamen Part versehen, entwickeln die
vier SWOONS-Songs im Refrain ihr eigentliches Tempo, ohne ins Punkklischee
abzurutschen. 15 Minuten ideenreicher Speedmusik, die Lust auf mehr machen.
Stefan B.
THE TEA PARTY
Splendor solis
EMI
Da gibt die Plattenindustrie Hunderte von Millionen für die Rockopas
aus, während sie Geniestreiche wie diesen im Regal versauern lassen.
Straighter Art-Rock, der wie in alten Tagen vom akustischen Gitarrensound
getragen wird. Stück für Stück gespickt mit vertrackten
Rhythmen, gepaart mit heavy groovenden E-Gitarren, ergänzt durch
einen wirklich erstklassigen Gesang. Schon allein das Cover wäre
im Vinylzeitalter ein Kaufargument gewesen. Was soll ich noch schreiben:
LED ZEPPELIN, ROBERT PLANT, JADE WARRIOR? Alles Namen, die diesem Album
nicht gerecht werden und doch verwandt sind. Hört's Euch an, bevor
das Album wieder verschwindet. Anspieltips: »Midsummer Day«,
»In This Time«, »Raven Skies« oder das wunderbare
»Haze On The Hills«?! Oder einfach alle. (om)
THE VISION
Instrumental Healing
Fünfundvierzig
Ausgezeichnet produzierten, erstaunlich frischen und vitalen Dubreggae
präsentieren THE VISION auf ihrer letzten CD »Instrumental
Healing«. Die Band aus Hannover existiert seit 1987 und wird musikalisch
auf nunmehr sechs eigenen Produktionen vom Rootsreggae der späten
70er Jahre und der britischen Dubszene beeinflußt. Der letzte Streich
besteht zum Teil aus Dub-Versionen von Titeln der vorangegangenen »Mental
Healing« CD, welche verwähnten Ohren auch gleich nahegelegt
sein (vor allem das exzellente »Chill Out«!). So wird »Fire
& Ice« zu »Dub Fire«, »No Comment« zu
»Comment Roots« und »Mental Healing« zu »Instrumental
Healing«. Letzteres mag als charakteristisch für die Produktion
gelten: die Vocal-Parts treten zurück und lassen den Instrumenten
mehr Raum. Ergänzt um einige Effekte breiten sich diese zu einem
72-minütigen Klangteppich aus. Insgesant ist Natalie, Felix und Boffy
eine Dub-Reggae-Produktion vom Feinsten gelungen! Anspieltips »Reaction
Dub« (!!!) und »Seeking Dub«. (kf)
THE YOUNG GODS
Only Heaven
Play It Again Sam
Über diese Platte kann man eigentlich nur sagen, was sie nicht ist,
weil sie irgendwie zuviel ist. Zumindest ist sie kein Industrial, obwohl
sie stark dahin tendiert. Sie ist auch kein Ambient, auch wenn sie manchmal
so klingt. Sie ist kein Independent-Rock, trotzdem wird sie die Indie-Charts
anführen, auch ist sie kein Doom-Rock, obwohl sogar Black Sabbath
Fans an ihr Freude haben dürften, genausowenig hat sie was mit U2
zu tun, was sie nicht daran hindert, mächtig von »Achtung Baby«
inspiriert zu sein. Sie mit Pink Floyds Frühwerken zu vergleichen,
wäre vermessen und trotzdem nötigt sie den Hörer dazu.
Genau wie sich der Gedanke an Trip-Hop und PORTISHEAD aufdrängt,
obwohl das auch unzutreffend ist. Man könnte die Liste unendlich
weiterführen und man würde »Only Heaven« nicht gerecht.
Diese Platte birgt unglaublich viel in sich, ohne auch nur einmal das
Gefühl zu vermitteln, ein Plagiat zu sein. Hier ist das Ganze mehr
als die Summe seiner Teile und das Ganze ist erhaben, gibt der Welt, die
es verarbeitet hat, seine eigene Perspektive. Bleibt festzuhalten, das
»Only Heaven« das souveränste Stück (Pop-?!?)Musik
ist, das in den letzten zwei Jahren das Licht der Welt erblickt hat. (ce)
THOMAS BRECKHEIMER/FRANK
DOES
Oasis
Aurilli
Harfe und Gitarre im Duett - eine ungewöhnliche Kombination. Der
Aachener Harfenspieler THOMAS BRECKHEIMER, dessen Können bereits
mit der CD »O' Carolan's Celtic Harp« (1991) deutlich wurde,
wagte sich 1992 mit der CD »Secret Service Project« auf das
Gebiet von Jazz und Avantgarde vor. Nach der Zusammenarbeit mit TOM WAITS
beim Stück »Alice«, das im Thalia-Theater Hamburg aufgeführt
wurde und bundesweit Schlagzeilen machte, ist es diesmal der Neusser Gitarrist
FRANK DOES, mit dem sich BRECKHEIMER zusammengetan hat, um mit ihm ihren
Instrumenten berückend meditative Klänge zu entlocken, die irgendwo
zwischen Jazz, Folk und Avantgarde eingeordnet werden können. Die
beiden nehmen den Hörer bei ihren akustischen Reisen tatsächlich
mit in oasengleiche Klangwelten: Im Titelstück beschwören perlende
Klangmyriaden beinahe konventionell arabische Stimmung. Zwischen weißgekalkten
Häusern sehen wir Kamele gravitätisch liegen, versenken uns
in das sternbesäte flackernde Himmelsgewölbe Libyens, erleben
bedrohliche Fremdheit ebenso wie One-World-Euphorie. In »Sighwater«
tränt dumpf-wohlige Melancholie in heißen Wüstensand,
dagegen irren in »Doppelaraber« zwei brüchige morgenländische
Melodiefetzen ziellos durch die stechende Tunis-Mittagssonne und finden
sich erst 4 Stücke später in »Lydia II« wieder.
Ein durchweg anheimelndes und zugleich exotisches Album für den kommenden
Winter, das einen einsamen (oder zweisamen) Nachmittag bei einer gemütlichen
Tasse Tee zum relaxten Erlebnis machen kann. (pw)
THROW THAT BEAT IN
THE GARBAGECAN
Cool
(EMI)
Kinderzimmer-Pop zum Vierten: Jedes der drei Vorgängeralben hat die
Nürnberger Combo -zum leichteren Verständnis von ihrer Firma
kurz TTB genannt - ein Stück erwachsener werden lassen. "Cool", ihr
aktuelles Werk setzt noch eins drauf, ganz besonders, was die spielerische
Selbstverständlichkeit angeht. Einfache und eingängige Beat-Pop-Songs,
immer mal wieder den Altmeistern abgeknüpft, aber durch überraschende
Breaks mit aktuellen Klängen zu originellen Songs verarbeitet. Nach
ihren Erfolgen als Support-Act während der letzten Phillip Boa-Tour
müßte mit "Cool" (14 Songs = 14 Hits) jetzt der Durchbruch
gelingen. (K. Sch.)
TIAMAT
Wildhoney
SPV
Als PINK FLOYD der 90er lassen sie sich vermarkten: TIAMAT aus Schweden!
In der Tat erwarten uns Geräuscheinspielungen, schwerfällige
Rhythmen und schwerblütige Chöre, wie wir sie seit »Atom
Heart Mother« und »Dark Side Of The Moon« nicht mehr
vernommen haben. Eigentlich erstaunlich, daß man sich erst in letzter
Zeit wieder verstärkt an die längst noch nicht ausgespielten
Stilmittel der 70er wagt! Das ganze wird gut verquirlt mit mahlenden Metalgitarren
und gruftigem Grunge-Geröhre, zwischendurch blitzen zarte Akustikklampfenklänge
auf! Das ganze klingt mal gruselig, mal spacig, mal meditativ und ist
genau das Richtige für dämmrig durchwachte Nächte. Die
müde Gilmour-Veteranentruppe von 1994 spielen TIAMAT problemlos an
die Wand. Sonderlich innovativ ist das Ganze allerdings nicht - doch ist
es nicht schon nett, mal wieder eins dieser unnachahmlichen Crumar-Strings
zu hören, deren Sound genau am Schnittpunkt zwischen Rasierapparat
und Streichorchester liegt? (lj)
TOM COCHRANE
Ragged ass Road
Emi
Keine Ahnung, ob dieser Mann einmal mit Tom Petty in einer Wiege gelegen
hat, oder ob er vielleicht der Schwager von Rod Stewart ist? Des letzteren
Stimme scheint man hier und da zu hören, obwohl die rauchige Kehle
eigentlich zu TOM COCHRANE gehört. Und die Gemeinsamkeiten mit Tom
Petty sind nicht zu überhören, sowohl vom musikalischen Stil
als auch vom Gitarrenspiel betrachtet. Den Ohrwurm »Life is a highway«
noch im Ohr - dieser hat's sogar auf die in diesem Jahr erschienene Harley-Davidson-Compilation
gebracht - wird der Silberling hoffnungsvoll in den CD-Player gelegt.
Doch, oh weh! Der Highway-Cowboy scheint eine Ausfahrt erwischt zu haben,
zumindest steckt er im Stau. Besseres Mittelmaß - mehr mag man dieser
Scheibe nicht zuschreiben. Doch, es sind schöne Gitarrenballaden
drauf, schöner US-Folk, fetzige Rhythmen und guter Rock'n' Roll mit
untergemischtem Mundharmonika-Blues - aber ohne neue Ideen, als hätte
man's irgendwo schon mal gehört. Wie bei Tom Petty eben - nicht mehr,
allerdings auch nicht weniger. Anspieltips und Höhepunkte: »Just
scream« und »Best waste of time«. (tl)
TOM WASINGER AND
JIM HARVEY Track To Bumbliwa
SILVERPLANET / 99 Rec.
Wieder eine dieser Scheiben, die uns die Widersprüchlichkeit unseres
Handelns vor Augen führt. In klarsten Tönen bringt uns dieses
Ding, gelesen und korrigiert durch einen hochintegrierten Rechner mit
Laseraugen, Geräusche aus dem tiefsten Inneren unseres Heimatplaneten
zu Gehör. Das aus dem Ast eines Eukalyptusbusches gefertigte Didjeridoo
sorgt für die Intensität der einzelnen Stücke, während
die feinfühlig eingesetzte Technik alles zu einer Einheit verschmelzen
läßt. Tom Wasinger und Jim Harvey bieten uns eine dreiviertel
Stunde lang die Möglichkeit, zurückgelehnt an wohl längst
vergangene Tage zu denken, um uns das "Hier und Jetzt" machbarer zu gestalten.
(om)
TORI AMOS
Boys For Pele
eastwest/Atlantic
Gewöhnlich ist es die dritte Platte, an der sich ablesen läßt,
ob ein(e) Künstler(in) genügend Substanz hat, oder ob die Schaffenskraft
ausgeschöpft ist. Diese Probe besteht Tori Amos mit Bravour, ja,
sie liefert uns gar einen 70-minütigen (!) schlagenden Beweis ihrer
Songschreiber- und instrumentalen Qualitäten. So subtil, zugleich
düster waren ihre Kompositionen noch nie. Aber ohne das blasphemisch-perverse
Element in ihrer Persönlichkeit ("Father Lucifer") wären ihre
- übrigens vorzüglich produzierten - Songs nur halb so interessant.
Dennoch: Ein kommerzieller Erfolg wird diesem introvertierten Album wohl
kaum beschieden sein, dazu sind die Refrains nicht eingängig, die
Rhythmen nicht zwingend genug. »Boys For Pele« erschließt
sich erst nach intensivem Hören, die leisen Klänge ihres Bösendorfer-Flügels
hallen dafür aber umso länger nach. (pw)
TORI AMOS
Under the Pink
eastwest
Beim ersten Anhören meint man, eine laue Mischung aus Kate Bush,
Joni Mitchell, Sam Brown und Melanie Safka vor sich zu haben. Allerdings
unter fast völligem Verzicht auf eingängige Rhythmen und nicht
nur sparsam, sondern geradezu ärmlich instrumentiert! Kaum ein Schlagzeug,
erst recht kein Drum-Computer sorgen für den üblichen Drive,
das gängige Kompositionsschema "nach 2 Strophen ein fetziger Refrain"
wird nur selten bemüht. Bei mehrmaligem Wiederhören schlägt
diese eigenartige, geradezu zauberhafte Musik trotzdem unfehlbar in Bann.
Sind es die rätselhaft-mystischen Texte? Da werden Metaphern und
Bilder assoziativ gekoppelt, verdichtet und bilden mit den betörenden
Melodien eine merkwürdig funktionierende Einheit. Die leise, ausdruckstarke
Stimme und die in allen Klangfarben virtuos gemeisterten Klavierthemen
versetzen in angenehm meditative, aber auch heiter-melancholische Stimmungen.
Daß da häufig Anklänge an Joni Mitchells frühe Platten
zu hören sind, stört nicht. Tori Amos hat sich mit diesem zweiten
eigenwilligen und unkonventionellen Album bereits als neuer selbständiger
Stern am internationalen Liedermacherhimmel etabliert. Daß ihr mit
der Single "Cornflake Girl" der Sprung in die Top-20 der englischen Charts
gelungen ist, ist ihr mehr als zu gönnen. Ihren Namen wird man sich
merken müssen! (pw)
TOWNES VAN ZANDT
Road Songs
Bmg/Chlodwig
Niemals hätte ich gedacht, mich einmal mit Country/Folkmusik zu beschäftigen,
dafür saß mir der Truck Stop-Schrott einfach zu sehr im Kopf.
Was uns häufig als Country verkauft wird, habe ich immer mit unserer
jetzigen "Volksmusik" verglichen, bei der es sich nur noch um den schunkelnden
Kommerz mit einhergehender Verdummung dreht. Natürlich ist es schwierig,
im Jahr 9 vor der Jahrtausendwende echte Märchenerzähler oder
umherreisende Arbeiter zu finden, die erfahrenes Leid und überkommende
Freude in Worte kleiden. Aber wenn sich schon einer der Vertonung von
Volksweisen beruflich widmet, dann bitte so wie Townes van Zandt. Ihm
nimmt man schon nach dem ersten Stück "Ire Hayes" den Titel seiner
Platte "Road Songs" ab. Seit Jahren schon zählt van Zandt zu den
Geheimtips in den USA, und immer mehr Country- und auch Rockgrößen
wie Emmelou Harris oder die Go-Betweens greifen auf das Repertoir des
eigenwilligen Songwriters zurück. Jetzt hat van Zandt den Spieß
umgedreht und seinerseits Songs bekannter Songwriter aufgenommen, die
ihn auf seinen Wegen durch die Staaten begleitet haben. Weder Lighnin'
Hopkins noch Joe Ely oder T.C. Ashley hätten einen besseren Interpreten
für ihre Songs finden können. (om)
TRUE VISION
Man of A Thousand Dreams
Blue Triangle Records
Hinter TRUE VISION verbirgt sich Ludger Kreutzheide aus Paderborn, der
für sein Debütalbum »Man Of A Thousand Dreams« fast
30 Musiker um sich versammelte. Gemeinsam mit Komponist Detlef Blanke
und Produzent Matthias Mersch entwarf der "Paderborner Parsons" in anderthalbjähriger
Kleinarbeit seine Vision eines intelligenten und gefühlvollen Pop-Rock.
Bemerkenswert ist die abwechslungsreiche Instrumentation: Fetzige Bläser,
verträumte Pianos, singende Zerrgitarren, klangschöne Background-Chöre,
ja selbst klassische Gitarren und barocke Flöten illustrieren die
englischsprachigen Songs um Sehnsucht, Hoffnung und Träume. Kreutzheide
gestaltet aus Elementen, die er mit Vorliebe der Rockmusik der 70er entlehnt,
geradezu liebevolle Sound-Gemälde voller Melancholie und orchestraler
Weite. Positiv schlagen die Qualität der Musiker und die Sorgfalt
bei Arrangement und Mix zu Buche: Da paßt jedes Element zum anderen!
TRUE VISION - das ist die richtige Musik, um an langen Winterabenden die
Seele baumeln zu lassen. Krönung des ganzen: die Ballade "Hold on
me" mit ihrem zeitlos schönen Gitarren-Intro und der raffinierten
Steigerung! (lj)
TYPE O' NEGATIVE:
Bloody Kisses (Roadrunner)
Der zweite Longplayer des berüchtigten neo-barbarischen Metal-Clubs.
Der Sound der "BLOODY KISSES" bezeichnet ein eher romantisches Gemälde
und läßt dich in herzzerreißenden Frauengeschichten absaufen.
Leidenschaft wird reflektiert in melancholischen Gesangsparts, die Combo
streift das Gebiet des Gothic auf ihrer Reise durch die Welt zeitgenössischer
Metal-Klang-Skulpturen.
UFO:
Highstakes And Dangerous Men
(Essential)
Prince Kajuku's back in town! Die Jungs von UFO haben es noch nicht verlernt,
deshalb wollen sie wieder mitmischen: Ehrlicher Hard-Rock, bei dem ab
und zu auch ein kleiner poppiger Kitzel im Arrangement aufhorchen läßt!
Neben der Pflicht - erdige Riffs und schnelle, vorwärtstreibende
Soli - bietet Gitarrist Laurence Archer auch eine unerwartete Kür
mit interessanten Phaser-Pickings oder Slide-Einlagen, die den Brachial-Sound
auflockern. Clive Edwards' Drums und Pete Ways Baß sitzen goldrichtig,
doch hier schadet der neue Studioglanz eher: Das - unvollkommene? - Gescheppere
und Gedröhne auf den unvergessenen Frühwerken tat dem Ufo-Sound
besser. Abgerundet und zusammengehalten wird die fliegende Untertasse
nach wie vor durch Phil Moggs kernig-psychedelische Lead Vocals. Da stimmt
man am Schluß gerne ein: "Oh, oh, oh, let the good times roll..."
(Lothar J.)
ULLI BÖGERSHAUSEN
Ageless Guitar Solos
Laika
Da sind sie endlich: »The Greatest Hits of Guitar Pickings«.
Ulli Bögershausen hat sie alle versammelt, ob das nun Klaus Weilands
»Loch in der Banane« ist oder Davy Grahams »Angie«,
Leo Kottkes »The Fisherman« oder Mason Williams »Classical
Gas«. Zwar sind die Standards in sklavischer Werktreue interpretiert
worden, aber zugleich flüssig und mit brilliantem Gespür für
die jeweiligen Nuancen der verschiedenen Pickingtechniken und -stile.
Ulli Bögershausen mag vielleicht nur als Epigone der Picking-Gründerjahre
Anerkennung finden, aber er hat mit dieser Sammlung zeitloser »Best
of«-Solos sein Meisterstück abgeliefert. Sein zwei eigenen
Stücke lassen die Hoffnung zu, daß von diesem ungekrönten
Gitarrenkönig noch einiges an spannenden Klängen zu hören
sein wird. (pw)
ULTRAHIGH
Albern, was sich die members von ULTRAHIGH unter Trance vorstellen, was
man bei dem Namen und Zustand der armen Irren vielleicht entschuldigen
kann, denn nach so ultravielen Blubbers kommt einem Kitschiges schon mal
tierisch witzig vor, und vielleicht sind sie sich Ihres Abklatsches gar
nicht bewußt. Wie das beim Techno halt so ist, pocht das dann permanent,
und bollert, und die Samples ändern sich dann und wann, wenn denn
mal einer der beiden zufrieden grinsend abläßt von seinem Lieblingsinstrument,
um die nächsten Sequenzen zu aktivieren und sich danach wieder seinen
lieben kleinen Kinderchen zu widmen. So wird das dann noch schön
eingepackt, Logo drauf, und schon kann man sich wieder zurückziehen,
und bei Kerzenschein genießen, und auf die Früchte der "Arbeit"
warten. Denkste! Bis auf den Namen ersäuft die Band im Riesenrummel
der monotonen Trommler, es trancet nicht, es nervt. Nichts scheint auch
nur annähernd neu oder wenigstens originell. Ich denke an eine Spule,
und so mitten in den Gedanken überholt mich mein Lieblings-GSI-Fahrer,
die getönte Scheibe sportlich geöffnet, und sein Alpine schreit
mich an: "08/15, schlag mich tot, 08/15 schlag mich tot". Doch die wahren
kahlen Raver werden mich für Judas halten, und sich am geklonten
Sound zu erlaben wissen. "Gib mir mehr von dem was ich habe und bin!"
- "No, fuck off! Ecstasy your own." (tb)
US 3
hand on the torch
blue note
Blue Note, das wohl renommierteste Jazzlabel hält die Fackel hoch
(der Freiheitsstatue?), die einzig überzeugende Fusion von Hip Hop
und schwarzem Jazz, irgentwie cool und soo groovy! Mit dabei "Cantaloop"
das in der "Schweppes" Werbung Geschichte machte.
DIVERSE
Notes
Indigo
Sampler sind eigentlich selten etwas wert, außer man möchte
den ganzen Einheitbrei als Konzentrat der Charts im Ragal horten. Wie
gesagt, eigentlich Gott sei Dank, gibt es auch noch Ausnahmen wie die
neue Serie des INDIGO-Tonträgervertriebs "Notes Vol. 1" beweist.
Für schlappe 4,95 DM gibts geballte 60 Minuten Querbeat durch das
Indigo-Repertoire. Auf dem Erstling steht somit neben KNIG TUBBY gleich
DIGIDUB, findet der geneigte Hörer den Liedermacher HANS SÖLLNER
genauso wie den Funk & Soul-Star CUNNIE WILLIAMS des Hamburger Top-Labels
Yo Mama. Die ausführlichen Info's im Booklet werden zudem oft in
der hauseigenen, kostenlos ausliegenden Zeitschrift gleichen Namens (NOTES)
weiter vertieft. Wer keinen vernünftigen Plattenladen in der Nähe
hat, der kann gegen einen geringen Betrag beides im Verbund abonieren.
Ein großes Lob an INDIGO in Hamburg. (om)
VARIETY PAC
Laber mir kein Ohr
Riw And Raw
Direkt aus der Mainmetropole kommen VARIETY PAC mit ihrem ureigenen Stil
der Hip Hop Beats, Jazz Effects und Reality Lyrics, kombiniert mit Einflüssen
aus verschiedenen Kulturen. Die Formation besteht aus den Rappern FAST
H (als Sohn marokkanischer Eltern in Deutschland geboren) und TRUMPET
(in Zaire zur Welt gekommen) sowie dem aus Griechenland stammenden DJ
RELEASE, der bei VARIETY PAC's Liveauftritten an den Plattenspielern steht.
Der erste VARIETY PAC Longplayer läßt sich in keine Schublade
stecken und bringt Reimkunst mit einfacher Rhythmik (Einflüsse: Gang
Starr, Ice Cube) zusammen, rauh und klar kicken FAST H. und TRUMPET Lyrics.
"Bum Bang, wir kicken Frankfurt Slang" ist das Motto, Tracks wie »Brüder
Schwestern«, »Gib Dir richtig« oder »Laber mir
kein Ohr« sprechen für sich. Als Gäste sind Rapper EBONY
PRINCE (»Gib mir das Mikrophon«), CODX (»Direkt aus
der Frankstadt«) und Sängerin ESTHER dabei. Reggae und Dancehall
vibes (»Girl You Lie«, »Respect«) kommen von den
Jamaikanern MARION B. und KING CHAIRMAN. (pk)
DIVERSE
Weltfestival der Laute
Network
Dieses 3-CD-Set trägt den Untertitel "Eine Raum-Zeit-Reise durch
die Welt der Laute" - eine Bezeichnung, die kaum noch einer Ergänzung
bedarf! Die Aufzeichnungen entstanden in Zusammenarbeit mit dem Radiosender
"Deutsche Welle" während der "3. Internationalen Lautentage". Dieses
Festival fand im August 1992 in der Alten Oper zu Frankfurt statt und
dauerte vier Tage. In dieser Zeit fanden sich Künstler aus Persien,
Afghanistan, Indien, China, Japan, Ägypten, Spanien, Frankreich,
Deutschland, Italien, England und aus den Niederlanden ein, die "auf höchstem
Niveau den langen Weg der Laute durch die Welt bis nach Europa" veranschaulichten.
Auch wer erstmalig seine Ohren in Richtung Weltmusik lenkt, wird über
das Beiheft bestens informiert und braucht somit keine Scheu zu haben.
Kaum, daß diese Aufnahme auf CD erschienen ist, hat sie den "Preis
der Deutschen Schallplattenkritik" erhalten. (om)
DIVERSE
Stone Free - A Tribute To Jimi Hendrix
Reprise
Als mir vor 23 Jahren einer meiner Freunde erschüttert mitteilte,
daß Jimi Hendrix tot sei, zuckte ich damals nur verständnislos
mit den Schultern. Inzwischen kommt kein Rock-Gitarrist mehr an ihm vorbei,
der auch nur das Geringste auf sich hält. Im Dezemberheft 1993 der
Musikzeitschrift "Musikexpress/Sounds" findet sich im Rahmen einer Zusammenstellung
der 100 Meisterwerke der Rockmusik Jimi Hendrix gleich mit drei (!) Platten
auf dem Siegertreppchen vertreten. Jetzt haben es Hendrix-Kenner John
McDermott und Warner-Produzent Jeff Gold geschafft, illustre Namen auf
einem bezaubernden Album zusammenzubringen: Gitarristen von Rang und Namen
wie Eric Clapton, Jeff Beck, Slash, Pat Metheny, Buddy Guy, Mike McCready
von PEARL JAM, aber auch so merkwürdig kontrastierende Bands wie
THE CURE, PRETENDERS, SPIN DOCTORS oder BODY COUNT, ja, sogar das "enfant
terrible" der Klassik-Violine Nigel Kennedy - alle geben sich ein hörenswertes
Stelldichein! Erstaunlich, wie offenbar nicht nur Hendrix' Gitarrenspiel,
sondern auch seine Stimme und Songs mit unverkennbarem, wenn auch stets
experimentell erweitertem Sound prägend gewirkt haben! Wie einfallslos
werktreu (BODY COUNT, Clapton, PRETENDERS) oder wie genial verfremdend
(CURE, Nigel Kennedy, P.M.DAWN) sich die Künstler in ihren Interpretationen
auch immer mit Hendrix auseinandergesetzt haben, herausgekommen ist ein
Denkmal, daß weit mehr hält, als das unscheinbare graue Cover
verspricht. (pw)
DIVERSE
White Cloud
White Cloud/Aris
Auf dieser 1993 zusammengestellten Compilation stellt sich das gleichnamige
Label White Cloud nun auch im deutschen Lande vor. Das aus Neuseeland
stammende Label hat sich vorgenommen, positive Beiträge zu unserem
Dasein zu liefern. Wer jetzt allerdings belanglosen Einheitsbrei erwartet,
der sieht sich enttäuscht. Der überwiegende Teil des Samplers
präsentiert Künstler wie JOHN MARK oder CELIA BRIAR, die Ihre
Roots in der Folklore haben. Daneben gibt es noch PETER PRITCHARD, der
mit seiner harmonischen Art des Klavierspiels oftmals an THILO VON WESTERNHAGEN
erinnert. DAVID ANTONY CLARK, DAVID DOWNES und auch PETER BLAKE gehören
zur Elektronikfraktion des Labels. Sie samplen Elemente der verschiedensten
Stilrichtungen zu oftmals "relaxenden" Sounds. Alles in allem handelt
es sich bei dieser Zusammenstellung um eine der schönsten, die bisher
in meinem Player landeten. (om)
DIVERSE
Musiques Pour Les Plantes Veretes
F Communications
Der Titel dieses musikalischen Experiments des französischen Labels
von Star-DJ Laurent Garnier ist etwas irreführend, da es sich hier
nicht um Musik für Pflanzen handelt (oder wurden in Gen-Labors etwa
schon hörende Pflanzen entwickelt?), sondern um die Idee, Musik den
Pflanzen gleich Teil der Wohnungseinrichtung werden zu lassen. Diese CD
soll also ständig abgespielt werden, um einem Raum neben Beleuchtung,
Möbeln und Farben ein bestimmtes Ambiente zu verschaffen. Die Idee
ist interessant, ob das Experiment gelingt, ist eher fraglich, denn wir
sind es doch gewohnt, ab und zu auf die Musik zu achten und sie nicht
ausschließlich unterbewußt als Stimmung wahrzunehmen. Vielleicht
ist es aber nur deshalb so schwierig, weil die verschiedenen französischen
Musiker aus der Technoszene, die hier beauftragt wurden, oft nur nervendes
Geklimpere statt beruhigender Ambient-Klänge zu bieten haben. Melancholie
oder Fröhlichkeit ist zwar hier und da zu spüren, es mangelt
aber einfach an musikalischer Qualität. Da gibt es wesentlich bessere
Ambient-Platten, die Stimmungen erzeugen oder widerspiegeln. (md)
VERSTÖRTE KIDS
Frischmilch
Langstrumpf Records
Endlich wieder Frischmilch für alle Flaschenkinder der trinkfreudigen
Punk-Szene: Die VERSTÖRTEN KIDS aus Brilon schlagen zu. Da gibt es
deutschsprachigen Punk in feinster HOSEN- und FEHLFARBEN-Tradition genauso
wie punkige Ausflüge ins HipHop-Land und locker eingestreute Kurz-Zitate
aus Pop, Rock, ja sogar Jazz. Nicht nur ihr frischer, zupackender und
trotzdem abwechslungsreicher Stil besticht - auch die exzellente Produktion:
dreckig genug, um Dampf abzulassen, sauber genug, um alle Nuancen herüberzubringen.
Das wurde oft probiert und gelang selten genug! Die Texte verlassen die
ausgelatschten Pfade von Fun- und Protest-Punk-Klischees, sind verspielt,
ironisch und vieldeutig. So ist »Frischmilch« nicht nur eine
Quelle reinster Pogo-Lust, sondern auch Stoff zum Sich-treiben-Lassen,
Mit-Hören, Nach-Denken. Neben den deutschsprachigen Eigenkompositionen
gibt es auch eine englische Cover-Version von »Think small«
der Tall Dwarfs. Dabei erstaunt der für Punk ungewöhnlich schöne
Gesang zweier im Oktavabstand gefühlvoll intonierender Stimmen und
der spannungsreiche Aufbau. Aber vor der Aufnahme gezupfter Passagen sollte
man doch die E-Gitarren mal nachstimmen, oder? Ansonsten kann man nur
noch über die viel zu kurze 27 Minuten Spielzeit meckern: Milch macht
müde Männer munter! (lj)
VICIOUS RUMOURS:
Word of Mouth (SPV)
Das wahrscheinlich abwechslungsreichste Power-Metal-Werk des Jahres. 12
begeisternde Arien im Stil der vier Jahreszeiten: Jeder anders als der
andere, dabei trotzdem eine Einheit bildend. Muß man hören,
um's zu glauben.
VIRGIN STEELE
The Marriage Of Heaven And Hell - Part 1
T&T/Rough Trade
Mit »Noble Savage« schufen VIRGIN STEELE 1986 ein wegweisendes
bis heute unerreichtes Album und zugleich eine neue Musikrichtung: Symphonic
Metal. War ihr letzter Streich »Life Among The Ruins« eine
abenteuerliche Reise zu den LED ZEPPELIN-Rock'n'Roll-Wurzeln der Band,
braucht »The Marriage...« nur eine Fußbank, um an »NS«
heranzukommen. Überragend wie immer der kleinwüchsige Sänger
DAVID DE FEIS mit inbrünstigem Pathos und seinen unmenschlichen Schreien.
Bei »Last Supper«, einer kongenialen Vertonung des Letzten
Abendmahls, verdrehten sich mir die Augen vor Wonne. Und so geht das über
70 Minuten!!! Mehr über dieses Spitzenprodukt zu schreiben ist verlorene
Zeit. Vom Lesen habt ihr nichts, Anhören bringt viel mehr! (ms)
VIRGIN STEELE
The Marriage Of Heaven And Hell Pt. 2
T&T/Modern Music
Was ich nie für möglich gehalten hätte, ist doch tatsächlich
eingetreten: Die Fußbank, die dem ersten Teil zum Klassiker »Noble
Savage« fehlte, kickt der Nachfolger in hohem Bogen in die Ecke.
Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, was auf dieser Superscheibe
abgeht. Aber eins weiß ich sicher: Diese beiden Alben sind die Verwirklichung
einer Vision. Leider ist David DeFeis nicht nur ein Dreieinhalb-Oktaven-Rambo,
sondern hat obendrein Komposition studiert. So können 99% aller Konsumenten
mit den »Marriage«-Zwillingen nichts anfangen. Für das
verbleibende 1% gibt es beide Platten auch als streng limitierte Doppel-CD.
Der fehlen zwar die hintergründigen Texte, aber dafür wird die
Geschichte und Philosophie von VIRGIN STEELE äußerst anschaulich
erklärt. Man erfährt dort z.B., daß Metallica und Queensryche
zu den dienstältesten VS-Fans zählen. Auch ein Verkaufsargument!
(ms)
VOYAGE
Kelimdance
Blue Flame
VOYAGE, drei Musiker aus dem Hause Blue Flame, ordnen ihre Arbeiten unter
"world percussion" ein. Und sie versprechen nicht zuviel. Auf ihrer aktuellen
CD gibt es daher auch Rhythmen aus allen Teilen der Welt zu hören.
Sie selbst sehen ihre Spielweise durch orientalische, afrikanische, andalusische,
japanische, ballinesische und indische Klänge beeinflußt. Besonderer
Pluspunkt der Blue Flame-Veröffentlichungen sind die deutschsprachigen
Booklets, in denen zu jedem Titel eine kleine Geschichte auftaucht. (om)
WARPATH
Against Everyone
SPV
Maßstäbesetzend und hitverdächtig ist sie geraten, mittendrin
in der Region, in Andy Claasens Stage One Studio in Bühne, ist sie
enstanden, die dritte Warpath-CD. Mit "Against Everyone" erfinden die
vier Hamburger den Heavy Metal neu, sie benutzen dazu, auf unverschämt
eigenständige und unverwechselbare Art, das Brachialmusikvokabular
der Neunziger: Death, Hardcore und Trash. Damit teilen sie uns das mit,
was den Heavy Metal seit jeher ausmacht: Hass, Aggression und die ultimative
Fuck-you-, leave-me-alone- and care-about-your-own-shit-Einstellung. Wahnsinnig
fett und brutal und teilweise mächtig schnell, dann aber wieder abgrundtief
doomig, trotzdem immer eingängig und mit hohem Mitgröhlpotential
sind die Songs, zu denen man gemeinsam "Against Everyone" sein kann. Die
Heavys werdens lieben und die Hardcorekids, denen man das Teil unterjubelt,
werden sich wundern (heimlich werden sie es mögen müssen). (ce)
WARPATH
When War Begins, Truth Disappears
(SPV)
Das Bühner WVR-Label hat in seinem Programm einige wirkliche Juwelen
vorzuweisen. Ein besonders glänzendes Juwel ist WARPATH, die man
getrost als eine der besten Newcomerbands des letzten Jahres bezeichnen
kann. Die Band besteht aus fünf Musikern, allen voran der Sänger
"Dicker", dessen kraftvoller, emotionsgeladener Gesang den hohen Wiedererkennungswert
der Band sichert. WARPATH bieten kraftvollen Power-Trash, der einem wirklich
an die Eingeweide geht. Ausgefeilte Riffs und mächtige Grooves, gepaart
mit dieser gewaltigen Stimme, die ein wenig an Pete O`Stele (TYPE O`NEGATIVE)
erinnert, das ist Warpath. Unbedingt 'reinhören! Anspieltip: Wardance
(etwas länger laufen lassen). ce
WARPATH
Against Everyone
SPV
Maßstäbesetzend und hitverdächtig ist sie geraten, mittendrin
in der Region, in Andy Claasens Stage One Studio in Bühne, ist sie
enstanden, die dritte Warpath-CD. Mit "Against Everyone" erfinden die
vier Hamburger den Heavy Metal neu, sie benutzen dazu, auf unverschämt
eigenständige und unverwechselbare Art, das Brachialmusikvokabular
der Neunziger: Death, Hardcore und Trash. Damit teilen sie uns das mit,
was den Heavy Metal seit jeher ausmacht: Hass, Aggression und die ultimative
Fuck-you-, leave-me-alone- and care-about-your-own-shit-Einstellung. Wahnsinnig
fett und brutal und teilweise mächtig schnell, dann aber wieder abgrundtief
doomig, trotzdem immer eingängig und mit hohem Mitgröhlpotential
sind die Songs, zu denen man gemeinsam "Against Everyone" sein kann. Die
Heavys werdens lieben und die Hardcorekids, denen man das Teil unterjubelt,
werden sich wundern (heimlich werden sie es mögen müssen). (ce)
WEEP NOT CHILD
From Hoyerswehrda To Rostock
indigo/buback
WEEP NOT CHILD ist der Name einer jungen antirassistischen Band, die in
ihren Raps die Geschehnisse von Rostock und Hoyerswehrda bitter verurteilt
(»One Racist, One Bullet«). Der Faschistenhaß läßt
sich sehr jazzig nieder und wird musikalisch zumeist durch ein gemaches
Feeling illustriert. Das mieseste Cover seit Jesse James -komisch blau
und öde - und lächerliche 20 Minuten Spielzeit lassen das Ganze
allerdings nicht gerade wichtig erscheinen. Sehr schade, denn der Sound
hätte allemal mehr support verdient. Aber auch ohne interessantes,
geschmackvolles, besonders brutales oder wenigstens hübsches Cover
groovt der Sound und rennt in Windeseile davon. Auch die langsamen Parts,
die gelegentlich etwas an Gangstars Jazzmatazz erinnern, ziehen sich andächtig
von einem Kanal zum anderen, haben aber immer die richtige Länge
und klingen nach drei Boys von der Sonne, die ihre Instrumente beherrschen
und damit fröhliche (aber ernstzunehmende) Musik machen. No drum-machine
is used here! Only handmade sounds. (tb)
WESTERNHAGEN: Affentheater
(wea)
Marius reitet wieder: die guten alten Klischees vom schmutzigen Rock'n-Roll-Loser.
Wer nimmt das dem Multi-Millionär noch ab??? Viele, viele, viele.
Ein Mega-Seller war's schon, bevor irgendein Müller-Jünger auch
nur einen Ton kannte. Erdige Rock-Riffs, schnodd'rige Songs sind einfach
unersetzbar als Background verrauchter Kneipen und Feten.
WITTHÜSER &
WESTRUPP
Die W & W CD-Collection
OHR/ZYX-RECORDS
Die dritte Jahreszeit ist für viele der Beginn langer Abende, die
sich vortrefflich zur Erholung von den Sommerstrapazen eignen. Während
die einen sich vor die Glotze hängen, ist für andere die Zeit
der Berichte aus vergangenen Tagen gekommen, die uns in Königshäuser
(»Das Märchen vom Königssohn«), Fabeln (»Karlchen«/»Der
Rat der Motten«) oder Traumwelten (»Tripponova«/»Illusion
1«) führen. Zu vorgerückter Zeit, so zwischen Knecht und
Krippe, sollte dann so mancher einmal »Der Jesuspilz« auflegen
und W & W's »Musik aus dem Evangelium« lauschen. Wem der
Sinn allerdings nicht nach »Erleuchtung und Berufung« oder
dem »Bekenntnis« steht, wer der dunklen Welt und dessen Treiben
zugetan, dem sei Bernd Witthüser's Erstling »Lieder von Vampiren,
Nonnen und Toten« an die erblaßte Brust gelegt. Hier saugt
»Dracula« die weiße Schöne an, preist man »Das
stille Grab«, läßt Verblichene (»Ich bin dahin«)
erzählen, während ein Mönch vergangene Schönheiten
in seine Klosterkammer ruft (»Die Beschwörung«). Für
ewig Unentschlossene sowie Neugierige gibt es als Kostprobe eine 75-minütige
»W & W - CD-Collection«, während die Fans sich schon
jetzt auf die baldige CD-Veröffentlichung von »Live '68-'73«
freuen dürfen. Also, schöne Abende! (om)
WOLF MAAHN
Direkt ins Blut
(Un)plugged
(EMI Elektrola)
Man mag ja mittlerweile über dieses ganze "Unplugged-Ding" denken
wie man möchte, aber doch gerade hier beweisen viele Künstler
ihr ganzes musikalisches Können - wie zum Beispiel Eric Clapton,
um nur einen zu nennen. Wobei Wolf Maahn sich keineswegs vor Veröffentlichungen
seiner Akustik-Kollegen verstecken muß. "Direkt ins Blut" nennt
sich sein (halb)-akustisches Werk, denn es wird stellenweise durch eine
E-Gitarre mit kleinem Kofferverstärker bereichert. "Das gehört
halt zum Rock'n'Roll", so Wolf Maahn. Zusätzlich verbreitet Ashley
Reed mit seinem Geigenspiel ein ganz besonderes Flair. Aufgenommen im
Dierks-Studio vor 70 Leuten ist "Direkt ins Blut" (und das kann man wörtlich
nehmen) ein erstklassiges Live-Album, das eine Atmosphäre versprüht,
die ihresgleichen sucht. Man hat das Gefühl, direkt mit auf der Bühne
zu sitzen. Über 76 Minuten pure Leidenschaft in Songs wie "Fieber",
"Rosen im Asphalt", dem Reggae "Deine Küsse" und den emotionalen
Balladen "Schiffe ohne Häfen" und "Total verliebt in Dich". Man kann
Wolf Maahn nur gönnen, daß er mit diesem Album endlich so viel
Beachtung geschenkt bekommt wie manche seiner deutschen Kollegen. Ach
ja, bleibt nur noch eins: Zurücklehnen, zwei Kerzen anzünden,
Kopfhörer auf und GENIESSEN. (hs)
WOLF MAAHN
Libero
Emi Electrola
Eins vorweg. Nach dem über jede Kriktik erhabenen Unplugged-Album
ist dies Wolf Maahns beste Scheibe! Frisch, peppig, mitfühlend, mit
anspruchsvollen Texte: Die Themen sind Ausländerfeindlichkeit, das
Entfliehen im Technorausch oder das einmalige Loblied auf Bremen - wie
schon seinerzeit Herbert Bochum hochleben ließ!. Wolf gibt sich
wieder rockiger, beeinflußt vor allem von den Stones. Bei "Fuck
Off" jedoch, hat der Kölner zu offentsichtlich geklaut. Zusammengeschustert
aus "Friday On My Mind", Furys "Every Generation" und zum guten Schluß
ein Deep-Purple-Abspann, kann man bei diesem Stück geteilter Meinung
sein, es hat trotzdem noch was. Insgesamt bleibt es ein geiles deutsches
Album. Unser aller Marius sollte auch mal besser Back to the Roots gehen.
An Libero kann er sich gleich zwei Scheiben abschneiden! (hs)
DER TOBI & DAS
BO
Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander
Yo Mama Records
Der Titel trifft's! Manchmal klingen sie wie irgendeine x-beliebige Schüler-Blödel-Band,
aber: alles Absicht. Daß sie in der Szene nicht unbekannt sind,
spricht für ihr Können. Die Jungs haben einfach Spaß an
sich selbst und beweisen, daß Hip Hop auch witzig sein kann. In
regelmäßigem Wechsel geben sich Jokes und grooviger Sound die
Klinke in die Hand (so kommen sie am Ende auch auf 27 (!) Stücke!).
Fernab jeglicher Mother-Fucker-Mucke widmen sie sich lieber Texten wie:
"Mitdemfischanderwandindenputz...". Allerdings nicht immer, teils lassen
sie auch ernste Klänge hören - die bleiben jedoch eindeutig
in der Minderheit. Ihre eingespielten Texte älterer medialer Werke,
ihre Interview-Fragmente und auch andere Kleinigkeiten mögen vielleicht
manche an die frühen Fantastischen Vier erinnern, aber den TOBI &
das BO sollte man nun wirklich nicht mit anderen in einen Topf werfen.
Sie sind eigenständig, einzigartig. Es haben sich zwar schon einige
am deutschen Hip-Hop-Humor versucht, aber nicht viele haben es geschafft.
Mit dabei sind übrigens auch "liebe Gäste" von FETTES BROT -
das spricht für sich! (sh)
YADA YADA
Subculture
99 Records
»Subculture« ist eine von den Platten, die einen zunächst
einladen, einen Ausgang aus der Realität zu finden, einen mittels
Groove an die Hand nehmen und dabei beständig melodische Vibes in
Hirn pumpen. Da trudelt man zwischen swingendem Easy Listening und Acid
Jazz hin und her, wird von Santana-artigen Samba Sounds umwabert und findet
sich unvermittelt zwischen dezenten Techno-Beats wieder - so ganz selbstverständlich.
Warm und strömend! »Subculture« fängt ein, versetzt
in swingende Rhythmen, mal gelassen, mal fordernd aber harmoniebedürftig.
Schuld an solchen Zuständen sind Mick Talbot und Chris Bangs, beides
bekannte Gesichter in der Clubszene. Talbot kann auf Zusammenarbeit mit
STYLE COUNCIL und GALLIANO zurückblicken und GALLIANO war auch eine
von Bangs' Karrierestationen. »Subculture« ist ihr erstes
gemeinsames Werk, und es ist fast rundum gelungen. Nur der Anfang der
CD ist ein wenig dürftig. Doch nach spätestens zehn Minuten
hat man das vergessen und ist mittendrin im Fluß von gelassenstem
Ambient Acid Jazz. (ce)
Yaki Kandru
Music From The Tropical Rainforest And Other Magic Places
(Network/zweitausendeins)
Yaki Kandru, das ist eine Gruppe mit wechselnder Besetzung um den als
Tenor ausgebildeten Jorge Lopez, die sich zur Aufgabe gemacht hat das
Musikalische Erbe der indianischen Kulturen Amerikas zu erhalten. Yaki
Kandru bedeutet "Ich habe Hunger" und der Hunger nach neuer intressanter
Musik wird mit dieser Aufnahme nicht gestillt sondern eher angeregt. Denn
was Lopez an Klangwelten zusammengetragen hat ist atemberaubend. Die Musik
der amerikanischen Ureinwohner erweist sich als ungeheuer Vielseitig,
allein schon die Instrumentierung und die Sounds auf dieser Scheibe sind
mehr als hörenswert. Die Stücke sind bis auf wenige Ausnahmen
(Hochzeits und Kriegstänze) atmospharisch, mehr noch hypnotisch getragen
und offenbaren immer wieder neue Facetten. Musik die eine Ruhe und Harmonie
vermittelt die geworden selten ist. Schön! Die CD gehört zu
einer Serie von 14 CDs die unter Regie des WDR zusammengetragen worden
sind. Auf jeder dieser CD wird eine andere Kultur vorgestellt, eine akustische
Weltkarte. Wer Intresse hat sollte den Network Katalog anfordern, es lohnt
sich.
YO LA TENGO
Painful
city slang/efa
Irgendwie hat mir diese Ohrenlektüre voller lieblicher wunderschöner
Klanggedanken die Ohren verschmalzt und vorerst voll und ganz die Sprache
verschlagen. Früh notiertes Gedankengut las sich schrammelig
und war für Rezensionen schlicht unbrauchbar. Zur Musik: Da ist es
wieder, das Problem, einen verständlichen Text zu Sounds zu verfassen,
die man wohl niemals anhand von Sprache illustrieren kann. Lest meine
Gedanken, Leute! rrrhozuplfyxvbejfanaziler po,defolunnetsihcsafhupsbackwardnegalhcsrez
Ernsthaft (...) SONIC YOUTH-orientiert, aber dennoch anders, zeichnen
YO LA TENGO die wunderschönsten Harmoniebögen ans Himmelreich,
die mich seit den "DOORS" zu Tränen gerührt haben. Monotonie
wird zur Kunstform, diese Musik braucht weder Gesang noch Groove, Feedbacks
werden neu entdeckt und formieren sich zu traumtänzelnden Einschlafgeschichten
einer liebenden Mutti am Bett eines 5-jährigen. Glück und Trauer
suchen den gemeinsamen Nenner, Melancholie und mehr geben dem Kind einen
süßen Schlaf und lassen hoffen auf ein Erwachen im Land, wo
Milch und Honig fließen. Außerdem finde ich es immer wieder
abgefahren, zu dieser Platte Sex zu haben. Noch Fragen? (tb)
MARK KNOPFLER
Screenplaying
Phonogramm
Eine ganz andere Seite des Dire- Straits-Gitarristen ist auf diesem neuen
Sampler zu hören. Auf der neuen Scheibe »Screenplaying«
finden sich ausschließlich Film-Musiken. Geboten werden über
70 Minuten selbstkomponierte Musik aus den Filmen »Cal«, »Local
Hero«, »The Princess Bride« und »Last Exit Brooklyn«.
Einige der Tracks gefallen durch Knopflers filigranes Gitarrenspiel, andere
zeigen den Musiker als orchestralen Komponisten, ganz ohne die geliebte
Gitarre. Wer die Filme gesehen hat, weiß wie eindrucksvoll die Musik
Handlung und Bilder untermalt. Aber auch ohne bewegte Bilder verbreitet
"Screenplaying" eine überaus schöne und ruhige Atmosphäre,
die zum Entspannen und Träumen einlädt, ohne die sonst üblichen
"Klings" und "Klongs". Wer den typischen Dire-Straits-Sound liebt, wird
hier allerdings vergeblich danach suchen. (tr)
YOKO ONO
Rising
Capitol Records
Eines vorweg: Singen kann sie nicht. Dafür sind Yokos Stimmeruptionen
so vielseitig wie die Kompositionen ihrer CD. Mal stöhnt sie genüßlich
("I'm just doing it!") und lautstark, dann wieder lamentierend, anklagend,
verzweifelt kämpfend. Insgesamt aber überwiegt Sprechgesang
- der bestenfalls an Grace Jones erinnert - in den mal funkigen, mal punkigen,
mal auch schlicht stinklangweiligen Tonstücken (besonders beim 11-minütigen
Titelsong). Es ist, als würde Yoko Ono den ganzen Frust ihrer letzten
Jahre ohne John Lennon herauskotzen, von sich stoßen. Dabei ist
aber dennoch die musikalische Bandbreite bemerkenswert: Die Teenie-Band
ihres Sohnes Sean (»IMA«) zaubert erstaunlich vielseitige
und durchdachte Arrangements hervor, ja, hier liegt sogar die eigentliche
Stärke des ganzen Albums, das insgesamt durch Intensität und
Originalität zu bestechen versteht. (pw)
ZAM HELGA
Zolo In Zulu
Deshima/spv
Ganz gleich, ob es sich um eine Ballade oder eine geradlinige Rocknummer
handelt, immer wieder fasziniert die Stimme des Ex-Helga Pictures-Frontmannes
ZAM HELGA. Hier wird kein gängiger Abklatsch verbraten, sondern moderne
Rockmusik in Verbindung mit deren Wurzeln geboten. Ohne ein billiges Plagiat
zu bilden, erkennt man ZAM'S Begeisterung für den Art-Rock
la Marillion oder Genesis, findet der Hörer Bruchstücke aus
den 70's in den Nummern. Räumliche und atmosphärische Dichte
wurde zudem durch Verwendung eindrucksvoller Samples realisiert, die auch
Ausflüge in ethnische Gefielde beinhalten. Es sind Träumereien
und Phantasien, die der "moderne Spiritualist" ZAM HELGA auf »Zolo
In Zulu« zum Besten gibt und die wieder hoffen lassen. Wer sich
live von ZAM HELGA überzeugen möchte, der sollte dies am 2.9.
in der Kulturwerkstatt in Paderborn tun. (om)
DIVERSE
Buy British
Sony
SUEDE, TEENAGE FANCLUB, OASIS,... - die englischen Schrammelgitarren haben
längst die Herzen deutscher Fans erobert. So mancher Hit der Briten
ist mittlerweile radiofähig. Die Aufforderung "buy british" muß
da nicht allzu oft ausgesprochen werden. Damit sich auch der kleine Geldbeutel
an den Prototypen der "fine contemporary british pop and rock music" erfreuen
kann, gibt's die als gesammelte Werke auf einer Doppel-CD. Mit dabei sind
auch die MANIC STREET PREACHERS, PRIMAL SCREAM, MISSION, JAMIROQUAI und
viele andere. Eine harmonische Mischung, durch und durch britisch - auch
bei kritischem Publikum partyfähig! (sh)
ZENTRIFUGAL
Poesiealbum
Indigo
Das Bremer Duo ZENTRIFUGAL begibt sich auf die Spuren der deutschsprachigen
Hip-Hop-Elite. Und tatsächlich, zwischen Fanta 4 und Rödelheim
liegen noch einige unerforschte Regionen! Großes Plus: satter Sound,
abwechslungsreiche Arrangements und originelle Samples aus dem Repertoire
des Hörfunks. Schätze des Bildungsbürgertums vom sonoren
Kommentar bis zum ergriffenen Gedichtvortrag werden einer neuen Verwendung
zugeführt. Auch die Covergestaltung macht Freude: Das Album ist wirklich
ein Poesiealbum, nicht nur alle Texte sind in Schönschrift abgedruckt,
auch an ein Bändchen als Lesezeichen wurde gedacht. Ein gelungenes
Debüt also, keine Frage! Verbesserungswürdig ist allerdings
die Vortragsweise: der Rap-Tonfall variiert zuwenig, das wirkt auf die
Dauer ein wenig ermüdend. Auch hätte man sich mehr Wortwitz
gewünscht und dafür etwas weniger Moralisieren und Lamentieren.
Doch ZENTRIFUGAL haben Potential ohne Zahl, ideal, keine Wahl: hey, das
hört man noch einmal... (lj)
ZODIAC MINDWARP
One More Knife
Fresh Fruit/SPV
Zody is back! Der Schlingel ließ sich bereits sein bestes Stück
be-ringen, als das Wort »Piercing« noch keiner gehört
hatte. Auch musikalisch scheint er seiner Zeit voraus zu sein, denn sein
letzter Streich »Hoodlum Thunder« wurde 1991 böse verrissen
und floppte fürchterlich. Keinen Blassen, wieso; das Teil hatte Pep
und war obendrein tanzbar. Egal auch, mit »One More Knife«
greift Zody nochmal an - und wie! Seinen eigenen Stil kann dem Burschen
niemand absprechen, und den kultiviert er fleißig weiter. Dazu gehören
auch Samples, mit denen er es manchmal allerdings übertreibt. Dadurch
wirkt die Musik etwas steril, so daß es einige Zeit braucht, um
mit der Platte warm zu werden. Nimmt man sich diese, bleibt einem die
Klasse solcher Kracher wie »Storm Of Steel« oder »Cleopatra
Rising« nicht lange verborgen. Zudem ist »One More Knife«
mit mehr Biß ausgestatt als der Vorgänger. Das erleichtert
den Einstieg. Trotzdem gewöhnungsbedürftig. Aber der Schritt
zur Sucht ist ein kurzer... (ms)
ZZ TOP
Antenna
(RCA)
Zurück zu den Wurzeln, weg von Disco- und Maschinenbeats, so die
aktuelle Richtung des texanischen Trios ZZ TOP. Auf ihrer neuen Scheibe
»Antenna« frönen die Drei wieder dem Sound der frühnen
Tage. Zeitweise verknüpften sie in letzter Zeit die fast schon legendäre
Spielweise alter Nummern mit den technisch raffinierten Tricks ihrer LP
»Eliminator«, ohne dabei an Bodenständigkeit zu verlieren.
Doch Bassist Dusty Hill sagt inzwischen: "Uns ist klar geworden, daß
Gitarren und Verstärker im Grunde voll und ganz ausreichen, um unsere
Musik zu machen, nämlich Rock'n Roll!" Damit scheint auch sicher
zu sein, daß die drei Amerikaner ihren Ruf als Top-Adresse in der
großen weiten Rock'n-Roll-Landschaft weiter festigen wollen. Bewußt
schlicht die Texte, in denen sich wieder einmal alles um schnieke Girls
und schnelle Autos auf dem "Pacific Coast Highway" dreht. Neben fetzigen
Rock'n-Roll-Nummern findet man mit "Cover Your Rig" auch ein Ballade im
Geiste von Robert Johnson und Howlin' Wolf. Insgesamt ein klasse Scheibe
- Boogie, Blues und Rock'n Roll pur! (jü)
VIRGIN STEELE
The Marriage Of Heaven And Hell Pt. 2
T&T/Modern Music
Was ich nie für möglich gehalten hätte, ist doch tatsächlich
eingetreten: Die Fußbank, die dem ersten Teil zum Klassiker »Noble
Savage« fehlte, kickt der Nachfolger in hohem Bogen in die Ecke.
Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, was auf dieser Superscheibe
abgeht. Aber eins weiß ich sicher: Diese beiden Alben sind die Verwirklichung
einer Vision. Leider ist David DeFeis nicht nur ein Dreieinhalb-Oktaven-Rambo,
sondern hat obendrein Komposition studiert. So können 99% aller Konsumenten
mit den »Marriage«-Zwillingen nichts anfangen. Für das
verbleibende 1% gibt es beide Platten auch als streng limitierte Doppel-CD.
Der fehlen zwar die hintergründigen Texte, aber dafür wird die
Geschichte und Philosophie von VIRGIN STEELE äußerst anschaulich
erklärt. Man erfährt dort z.B., daß Metallica und Queensryche
zu den dienstältesten VS-Fans zählen. Auch ein Verkaufsargument!
(ms)
BRIGHTSIDE
Punchline
Lost&Found
"Oops, Schnellschuß", hätte ich beinahe gesagt. Knapp anderthalb
Jahre ist es her, daß BRIGHTSIDE ihre Debüt-Mini-CD »Face
The Truth« veröffentlichten und gleich anschließend mit
Detroits Hardcore-Helden Pitbull auf Tour gingen. Binnen zwei Monaten
hatten sich BRIGHTSIDE als zweiter großer Hoffnungsträger der
Kassler Hardcoreszene etabliert, die gerade mit den Ryker's eine überragende
Band ausgespuckt hatte. »Face The Truth« war eine kleine feine
HC-Scheibe, gerade die richtige Mischung aus Brett, Groove und diesen
netten Melodien, die das Ganze so eingängig machten. Genau das aber
bringt »Punchline« nicht. Klar, hier geht's zur Sache. Old
School HC mit 90ies Frischzellenkur. Viel Message, viel Groove, geht ins
Blut und an den entsprechenden Stellen wird Mitgrölen leicht gemacht.
But, where's the melody? Wo ist diese augenzwinkernde Mitsummgeschichte
von »Face The Truth«? Immerhin 'ne gute Scheibe, aber vielleicht
sind BRIGHTSIDE den Ryker's doch ähnlicher als man denkt. Deren erste
komplette LP war auch nicht so genial wie sämtliche Singles und Mini-CDs
vorher und nachher. (ce)
LORIAN
Virginal Mind
Tricolor/Edel
Stolze 2 Jahre gingen ins Land, bis diese fabelhafte CD endlich das Licht
der Welt erblickte. Für LORIAN brachte das langwierige Vertragsdilemma
immerhin den Vorteil, daß alle Songs nochmal gründlich überarbeitet
werden konnten, so daß beim Ergebnis der Begriff "Perfektion" angemessen
ist. Hier sitzt jeder Part, jedes Break, jede Note - jede Sekunde hat
ihre Berechtigung. Auf »Virginal Mind« stimmt einfach alles
von vorne bis hinten, Schwachstellen lassen sich nichtmal mit der Lupe
und viel bösem Willen ausmachen. Abgerundet wird das Hörvergnügen
durch anspruchsvolle, verträumte Texte, ein Spitzencover und einen
kristallklaren Sound, der alles zunagelt. Moderne Rockmusik in Vollendung.
Schon lange sind mir 65 Minuten nicht mehr so kurz vorgekommen. Kontakt:
Christian Göwert, Am Waldessaum 10 b, 49811 Lingen. Tel. 0591-76686.
(ms)
DIVERSE
BritPop (Vol. 1)
Sony
Nachdem OASIS es nun endlich geschafft haben, wirkt der BritPop-Hype ein
wenig glaubwürdiger. Um die englische Musikszene nach jahrelangem
Dahindümpeln in der Welt wieder zu etwas zu machen, dienen dann auch
solche Sampler. Diesen kann man aber aus zwei Blickrichtungen betrachten.
Auf CD 1 findet man zwar noch die jungen Brit-Pop-Bands der Stunde (OASIS,
BLUR, ECHOBELLY oder ELASTICA), auf CD 2 hingegen findet man Gruppen mit
Hits aus vergangenen Tagen (EMF, JESUS JONES, SHAMEN oder NEW ORDER),
die mit der heutigen BritPop-Bewegung reichlich wenig zu tun haben. Aufgrund
der wirklich guten Zusammenstellung der Songs, mit Hits, die man schon
immer mal auf einer Scheibe haben wollte, kann man aber über den
»Ausverkauf« hinwegsehen! (hs)
RIOT
The Brethren Of The Long House
Rising Sun/Semaphore
Unter den Power-Metallern sind RIOT die Eingängigsten und Melodiösesten,
was ihr neu(nt)er Output nachhaltig unter Beweis stellt. Inspiriert von
Michael Manns Neon-Version von »Der letzte Mohikaner« schufen
Ausnahmegitarrist Mark Reale und seine Gang ein brillantes Konzeptalbum
über die Eroberung des amerikanischen Kontinents. Zwar wird keine
zusammenhängende Story erzählt, doch die differenzierte, um
Subjektivität bemühte Betrachtung beider Seiten verdient allemal
Anerkennung. Zwischen Ohrwurmriffs - die entgegen der Arbeitsweise der
meisten Bands immer erst nach den Melodien entstehen - und indianischen
Rhythmen plazieren RIOT den Gary Moore-Hit »Out In The Fields«.
Darin geht es zwar um den Bürgerkrieg in Irland, aber wie bemerkte
Mark so treffend: "Jeder Krieg ist gleich verrückt. Nur die Schlachtfelder
wechseln." In limitierter Auflage übrigens als Doppel-CD mit zusätzlichem
Live-Album, das es sonst nur als höllenteuren Japan-Import gibt.
Take it! (ms)
FANTASYY FACTORYY
Ode To Life
Ohrwaschl Rec.
Hendrix wird nie sterben. Zu groß war sein Einfluß auf die
Rockszene! Auch bei den Paderborner Psychedelic-Rockern von FANTASYY FACTORYY
hat das Gitarrengenie seine Spuren hinterlassen - große Spuren:
"Watching You" könnte spieltechnisch wahrlich aus Jimis flinken Fingern
stammen. Soll aber noch lange nicht heißen, daß "Ode To Life"
ein weiterer Hendrix-Abklatsch ist. Das in den Londoner Sun Dial Studios
aufgenommene Album entpuppt sich als eine interessante Psychedelic-Scheibe.
Fans dieser Spartenmusik dürfte es auf jeden Fall ein Aufhorchen
wert sein, auch Liebhaber von Pink Floyd aus früheren Tagen sollten
ihm ruhig mal ein Ohr leihen ("Spooky"). Einziges Manko: der Gesang Alan
Teppers ist stellenweise doch gewöhnungsbedürftig. (hs)
INSTANT KARMA
Grammy
BMG
Der abgewandelte "Buy British" Aufkleber am Cover zeigt, daß die
Osnabrücker Briten einen ausgeprägten Humor haben. Könnten
doch gerade sie von der Gitarrenpop-Welle aus Great Britain profitieren.
Die ausgewanderten Gebrüder Ivison (gleich 3!) präsentieren
überdurchschnittliches Songmaterial mit dem letzten fehlenden Quentchen
zum Hit. Groovepotential hingegen ist genügend vorhanden, welches
besonders bei Livekonzerten ständig zum Tanzen auffordert. Ihre Livequalitäten
konnten sie erst kürzlich in Texas mit SELIG und RAUSCH unter Beweis
stellen. Würde auf "Grammy" eine echte Hitsingle vertreten sein,
würden INSTANT KARMA andere Weihen zu Gute kommen! Jeder, der dem
Britpop zugeneigt ist, sollte mindestens mal reingehört haben. Anspieltips?
"Tattoo", "Silver Whale" oder "Invertebrate". Mehr Infos gibts im web:
http://www.rock.de\karma\karma.htm (hs)
HAREM SCAREM
Voice Of Reason
Wea
Bei keiner der bisher 3 Veröffentlichungen dieser außergewöhnlichen
Kanadier weiß man vorher, was einen erwartet. War das Debüt
eine klassische AOR-Scheibe (aber sooo gut!!), ging's auf dem Nachfolger
»Mood Swings« erheblich heftiger zur Sache. Nun hat das Quartett
seine Markenzeichen in ein leicht düsteres Gewand gehüllt, diese
zugleich jedoch so verfeinert, daß Musiker und Zuhörer noch
rechtzeitig die Kurve kriegen. Der Harmoniegesang hat eine Perfektion
erreicht, die mehr als einmal QUEEN-eske Dimensionen annimmt. Überhaupt
die Vocals: Was Ideenreichtum und Raffinesse betrifft, könnten z.B.
DIE PRINZEN von diesen Arrangements eine Menge lernen. So schleicht sich
irgendwann jeder Song langsam, aber umso sicherer in die Gehörgänge.
HAREM SCAREM's zweiter Trumpf ist Gitarrist Peter Lesperance, ein Monster
bei den Soli (»The Paint Thins«!), ein vorwitziger Lausbub
bei den zahllosen Gags zwischendurch. Die sind das Salz in der Suppe,
da stets zum Wohle des jeweiligen Titels. Es gibt immer wieder neue Details
hörend zu entdecken. Klasseteil! (ms)
BE
Bold
EMI
Da endlich ist das Album, auf das wir so lange warten mußten: Die
90er reichen ihre Hand zum Brückenschlag in die 70er. Sicher, die
Zeit war überreif für BE, dieses ultimative Crossover aus Hannover.
Knallharter HipHop, cool relaxter Acid Jazz und satte Samples saugen an
süffigen Sounds, Hendrix-Soli und irrisierenden Mustern voll Melancholie
und Magie. Shout-Raps und DJ-Scratches krallen sich Seventies Funk und
dröhnige Gitarren-Riffs. Dazwischen blitzt eine sanft gedämpfte
Miles-Davis-Trompete auf, oder Pappa Zappa läßt grüßen:
Das ist der Stoff, der süchtig macht. Schon der Opener »Black
Rain« zwingt in seiner abgeklärten J.J.Cale-Coolness über
psychedelischen Piano-Repetitionen und treibenden Grooves zum dauernden
NeuSTART. Das Ganze ist abwechslungsreich bis zum Zweifel, ob es sich
hier nicht um eine Best-Of-Crossover-Compilation handelt. Schließlich
wagt man sich gar an den Klassiker »Castles Made Of Sand«
heran: Ja, covert der gute alte nöhlige Bob Dylan hier Hendrix mit
Pearl Jam als Begleitband??? Ist schon das Album ein Geniestreich, so
sollen BE mit irrem Outfit und explosiver Show live noch einen draufsetzen.
Don't dream it, BE it! (lj)
GHOSTHOUSE
Thing Called Life
Semaphore
Man werfe HOOTIE AND THE BLOWFISH und die WALKABOUTS in einen Topf, gebe
eine ganz leichte Prise R.E.M. hinzu und rühre das Ganze ein wenig.
Zum Abschmecken noch einen Hauch Country, und fertig ist ein schmackhaftes
Hauptgericht namens GHOSTHOUSE. Eine amerikanische Neofolk-Formation,
die zwar nicht viel neues auf "Thing Called Life" bietet, uns aber dafür
mit zeitlos schönen Ohrwürmern beschenkt. Folkrock wie er in
den - meist trendsetzenden - US-College-Radios rauf und runter gespielt
wird. Nur GHOSTHOUSE halt nicht! Absolut fraglich, warum Majorfirmen bei
dem jetztigen Boom von Neofolkmusik eine solch begabte Band einfach übersieht!
Wahrscheinlich bleibt auch diese Scheibe wieder unendeckt. An potentiellen
Hitsingles kann es hingegen nicht scheitern. Überzeugt Euch selbst:
"Quicksand", "Confession Of A Killer" oder dem Titelsong spreche ich höchste
Radiotauglichkeit zu. (hs)
KISS
MTV Unplugged
Mercury
Die amerikanischen Großmäuler proben den Aufstand! Die 70er
Jahre Glam-Hardrocker sind doch tatsächlich der Meinung, es wäre
Zeit für ihre Reunion. Sie wollen es jeder kleinen Möchtegern-Band
nochmal zeigen, so Langzunge Simmons. Mit den verschollenen Frehley und
Criss und natürlich mit Masken und diesen Kostümen
la Gary Glitter werden sie erneut auf Welttournee gehen. Um wieder in
aller Munde zu kommen, nutzte man die Unplugged Serie auf MTV. Dieser
Gig liegt jetzt als Album vor. Leider! Ohne ihre Riesenbühnenshow
und den Bombast-Hardrock kann man diese abgespeckte Version ihrer Songs
schlicht als katastrophal, plump und ohne jegliche Atmosphäre bezeichnen.
Dabei hätten sie doch nur auf ihrem eigenen Tributalbum nachschauen
können, um zu sehen, was man aus einem "Rock And Roll All Nite",
gespielt von TODD THE WET SPROCKET, machen kann. Legt erst mal wieder
ein gutes Rockalbum vor, um so 'ne dicke Lippe zu riskieren! (hs)
SCORPIONS
Pure Instinct
eastwest
Jawoll, es gibt sie immer noch! Und sie wollen partout nicht aufhören!
Deutschlands erfolgreichster Exportschlager in Sachen Rockmusik, einst
trendsetzend (sogar in den USA), legt heuer mehr Wert darauf, sich selbst
zum x-ten Mal zu kopieren! Nicht nur, daß Hardrock la
SCORPIONS längst megaout ist (trotzdem kann er ja immer noch
gut sein), aber die Hannoveraner geben dem Genre nicht mal den Hauch eines
Impulses. Geschielt wird nur auf Hitsingles in Balladenform. Dem Phil-Collins-Konsumenten
fällt's nicht auf. Der Ausverkauf im eigenen Haus. Schrecklich! (Vom
Cover ganz zu schweigen.) Wie beginnt doch gleich der Text der ersten
Singleauskopplung »You And I«, da beginnt Meine zu summen:
"I lose control...", unweigerlich wandert der Finger auf die Stopptaste,
und im Gedankengang schwirrt der Satz vorbei: Das Gefühl hab' ich
auch! (hs)
T.C.A.
Vendetta
Day-Glo
Die T.C.A. Microphone Mafia ist da! »Vendetta« ist angesagt,
wenn die viersprachigen Rapper loslegen. Doch keine Angst, hier wartet
nicht eine neue Spielart unerträglichen Gangsta Raps mit brutaler
Macho-Attitüde und gezogenem Colt. Im Gegenteil: T.C.A. spielen voll
Satire und Witz mit den bekannten Mafia-Klischees. Da wird in einem aberwitzigen
Räuber-und-Gendarm-Spiel persifliert und zitiert, daß es eine
wahre Freude ist. Musikalisch gibt es dazu eine groovige Mischung mit
Zitaten aus Ethno- und Filmmusik, die aber auch den im Genre eher ungewöhnlichen
Sound knallig angezerrter E-Gitarren nicht scheut. Gerapt wird in deutsch,
englisch, türkisch und italienisch, und das mit einer solchen Musikalität
und einem Gefühl für Rhythmus und Stil, wie es in der boomenden
German Hip Hop Szene mehr als selten ist. Grandios! (lj)
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