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(Marburg) Ein Dealer, der sein Gegenüber mit Worten umkreist. Eine Maklerin, die lieber Katze sein möchte. Und ein Mädchen, das auf der Suche nach dem Heimweg neue Freunde findet: Das Hessische Landestheater Marburg macht die dunklen Wochen vor Weihnachten zur Entdeckungsreise. Zwischen Gegenwartsdramatik, literarischen Grenzerfahrungen und Familienabenteuer liegen bis Ende Dezember sehr unterschiedliche Theaterabende.

Unser Blick auf die acht Wochen vom 31.10. bis 25.12.2026 führt zu drei Novemberpremieren und zu Inszenierungen, die bereits zum Repertoire gehören. Das Spielzeitmotto »Der morgige Tag ist uns allen« bekommt dabei viele Gesichter: Wie gelingt Zusammenleben? Was hält Menschen zusammen? Und was geschieht, wenn jemand aus den vertrauten Regeln ausbricht?

HLTM im November und Dezember: Drei Premieren, viele Perspektiven

Wer gern neue Stücke entdeckt, kann im November gleich dreimal fündig werden: Bernard-Marie Koltès trifft auf Caren Jeß, dazwischen führt Dorothy ins Land Oz. Die drei Premieren verteilen sich auf das Große Tasch, das Mini Tasch und das Erwin-Piscator-Haus. Gerade dieser Wechsel der Spielstätten macht den Überblick reizvoll: Vom konzentrierten Wortduell bis zur gemeinsamen Familienreise ist viel Raum für unterschiedliche Vorlieben.

»In der Einsamkeit der Baumwollfelder«: Ein Handel voller Rätsel

Was möchte der Kunde eigentlich kaufen? Und was hat der Dealer anzubieten? In »In der Einsamkeit der Baumwollfelder« bleibt ausgerechnet die vermeintliche Grundlage des Geschäfts offen. Zwei Fremde begegnen sich und beginnen ein sprachliches Kräftemessen. Nähe und Misstrauen, Verlockung und Drohung liegen dabei dicht beieinander.

Bernard-Marie Koltès macht aus dieser Begegnung eine Versuchsanordnung über menschliche Beziehungen: Wer braucht wen, wer setzt die Bedingungen, wer behält die Kontrolle? Georg Santner und David Zico spielen Dealer und Kunde; Joachim Gottfried Goller führt Regie. Wer poetische Sprache und das genaue Abtasten zweier Figuren mag, findet hier einen spannenden Ansatzpunkt.

Die Premiere ist für 14. November, 19.30 Uhr, im Großen Tasch angekündigt, mit Einführung um 19 Uhr und anschließender Premierenfeier. Das HLTM empfiehlt den Abend ab 15 Jahren. Weitere Vorstellungen reichen bis in den Dezember; die Produktionsseite nennt auch 2-für-1-Termine.

»Der Zauberer von Oz«: Mit Dorothy durch den Advent

Ein Wirbelsturm reißt Dorothy aus dem grauen Kansas und bringt sie in eine Welt, in der fast alles möglich scheint. Doch das größte Abenteuer ist der Weg zurück. In »Der Zauberer von Oz« schließen sich ihr Strohmann, Blechmann und Löwe an – drei Gefährten, die etwas zu vermissen glauben, das sich vielleicht längst in ihnen verbirgt.

Das Familienstück ab sechs Jahren nach Lyman Frank Baum erzählt von Freundschaft, Mut und dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Carola Unser-Leichtweiß inszeniert, Greta Plenkers spielt Dorothy. Die Musik stammt von Kathrin Ost und Gregor Sonnenberg. Das gibt Familien einen gemeinsamen Ausflugstipp für die Wochen, in denen der Adventskalender sonst schnell den Tagesrhythmus bestimmt.

Premiere ist am 22. November um 15 Uhr im Erwin-Piscator-Haus. Im Dezember folgen öffentliche Nachmittagsvorstellungen; für den 19. Dezember ist Audiodeskription angekündigt. Daneben gibt es Schulvorstellungen, deren Buchung gesondert erfolgt. Auf der Produktionsseite findest Du außerdem Gruppen- und Familienangebote.

Familienvorstellungen von »Der Zauberer von Oz«

»Die Katze Eleonore«: Aussteigen auf vier Pfoten

Eleonore Garazzo hat einen Beruf, finanzielle Sicherheit – und plötzlich die Gewissheit, eine Katze zu sein. Die Immobilienmaklerin lässt sich ein Fell anfertigen und verabschiedet sich Schritt für Schritt von ihrem menschlichen Alltag. Während ihre Umgebung irritiert reagiert, wird die neue Existenz für sie immer selbstverständlicher.

Caren Jeß legt mit »Die Katze Eleonore« einen Monolog vor, dessen Ausgangsidee erst einmal zum Schmunzeln einlädt. Dahinter steckt eine ernsthafte Frage: Wie viel Freiheit gewinnt ein Mensch, der sich aus dem gesellschaftlichen Miteinander zurückzieht – und was geht dabei verloren? Der radikale Rollenwechsel führt direkt zu den Erwartungen, die andere an uns richten.

Saskia Boden-Dilling spielt Eleonore, Tjana Thiessenhusen führt Regie. Die Premiere für Menschen ab 14 Jahren findet am 28. November um 19.30 Uhr im Mini Tasch statt; die Einführung beginnt um 19 Uhr. Auch im Dezember gibt es Gelegenheit, dieser ungewöhnlichen Verwandlung zu folgen.

»Der öffentliche Raum«: Wenn das Netz bis in die Wohnung reicht

Der gerade erst im Oktober herausgekommene Abend »Der öffentliche Raum« von Ulrike Syha setzt mitten in einer nervösen Gegenwart an. Ein Paar verliert sich zwischen digitaler Öffentlichkeit, politischen Lagern und wachsendem Misstrauen. Der Mann reagiert auf seine Verunsicherung mit Sicherheitstechnik, die Frau gerät über Internetforen immer tiefer in fremde Gedankenwelten.

Beide suchen Orientierung und geraten doch zunehmend in Strukturen, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Anne Decker inszeniert die deutsche Erstaufführung im Kleinen Tasch; Bibiana Malay und Christian Simon spielen das Paar. Der Abend ab 15 Jahren dauert laut Theater etwa 90 Minuten. Er bietet sich besonders für alle an, die über die Macht digitaler Räume und den Verlust gemeinsamer Wirklichkeiten nachdenken möchten.

Schon am 1. November um 16 Uhr steht das Stück wieder auf dem Spielplan. Weitere Vorstellungen folgen im November und Anfang Dezember. Zum Termin am 4. November sind ein Publikumsgespräch und ein 2-für-1-Angebot angekündigt.

»Der Prozess«: Kafka lässt Josef K. nicht los

Eine Verhaftung ohne erkennbare Anklage, ein Alltag unter fremden Regeln: Franz Kafkas »Der Prozess« zieht Josef K. in ein System hinein, dessen Funktionsweise ihm verborgen bleibt. Je dringlicher er Antworten sucht, desto enger wird das Labyrinth. Gerade neben »Der öffentliche Raum« entsteht daraus eine reizvolle Verbindung zwischen literarischer Moderne und heutiger Verunsicherung.

Die Bühnenfassung stammt von Bettina Rehm und Cornelius Edlefsen, Rehm führt auch Regie. Tobias Neumann übernimmt die Rolle Josef K.s. Am 24. November um 19.30 Uhr im Großen Tasch ist die Inszenierung ab 14 Jahren wieder zu sehen. Eine Einführung um 19 Uhr und ein anschließendes Publikumsgespräch öffnen zusätzliche Zugänge zu Kafkas Welt.

»Die Welt im Rücken«: Erzählen gegen den Kontrollverlust

Thomas Melles autobiografischer Roman führt in die Erfahrung einer bipolaren Störung. »Die Welt im Rücken« erzählt von extremen Zuständen und von dem Versuch, die eigene Geschichte wieder zusammenzufügen. Wie lässt sich ein Leben beschreiben, wenn sich Wahrnehmung und Selbstbild immer wieder verschieben?

In Eva Langes Inszenierung nach der Bühnenfassung von Christin Ihle stehen Mechthild Grabner, Zenzi Huber und Christian Simon auf der Bühne. Der Abend im Kleinen Tasch richtet sich an Menschen ab 15 Jahren. Im Betrachtungszeitraum sind Vorstellungen im November und am 19. Dezember vorgesehen; Einführungen und Publikumsgespräche begleiten die angesetzten Termine.

Mehr als Vorstellungen: Gespräche und Begegnungen

Wer Theater auch als Treffpunkt erleben möchte, findet im November weitere Anlässe: Der Theatertalk des Freundeskreises widmet sich am 2. November dem Schauspielstudio. Am 26. November steht »Pink Butch Inn« in der Kantine am Schwanhof im Spielplan. Einen Tag später beteiligt sich die Theaterkasse in der Oberstadt an »Marburg by Night«. Einzelheiten zu den Formaten und mögliche Ergänzungen findest Du im offiziellen Spielplan.

So planst Du Deinen Theaterbesuch in Marburg

Achte beim Kartenkauf auf die genaue Spielstätte: Die Tasch-Bühnen liegen am Schwanhof, »Der Zauberer von Oz« ist im Erwin-Piscator-Haus zu erleben. Außerdem führt der HLTM-Spielplan Gastspiele in anderen Städten auf. Nicht jede dort gelistete Vorstellung findet also in Marburg statt.

Die Theaterkasse in der Oberstadt findest Du in der Neustadt 7. Sie ist regulär montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 15 Uhr geöffnet; telefonisch erreichst Du sie unter 06421 990270. Karten gibt es auch im offiziellen Online-Ticketshop. Prüfe dort vor dem Besuch die aktuelle Verfügbarkeit und mögliche Änderungen.

Die nächsten Veranstaltungen im Hessischen Landestheater Marburg

Hier findest Du kommende Termine der Marburger Bühnen. Für den vollständigen Spielplan einschließlich Schulvorstellungen und kurzfristiger Ergänzungen lohnt sich zusätzlich der Blick auf die Website des HLTM.

Nützliche Links: Spielplan, Stücke und Tickets


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Von Fedor Waldschmidt

Inhaber und Herausgeber des Magazin Wildwechsel

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