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(Kassel) Ein Rentner sammelt Wissen gegen den drohenden Untergang, Jugendliche singen gegen die Regeln der Erwachsenen an, und im TiF trifft Brecht auf eine postfaktische Farce: Das Staatstheater Kassel verspricht einen abwechslungsreichen Theaterherbst. Vom 28. Oktober bis 24. November 2026 stehen literarische Entdeckungen, Rockmusical, Oper und Tanz auf dem Spielplan. Dazu kommen Konzerte in der Martinskirche und ein Familienstück mit einem ziemlich berüchtigten Kaffeemühlendieb.

Staatstheater Kassel: Was läuft in den nächsten vier Wochen?

Welche Aufführung passt zu Deinem nächsten freien Abend? Im Schauspielhaus stehen Max Frisch, Christoph Hein und neue Theatertexte im Mittelpunkt. Das INTERIM bietet Rockmusical, Oper und Tanz; im TiF – Theater im Fridericianum warten kleinere Bühnenformate und neue Stücke. Die folgenden Empfehlungen führen durch die nächsten vier Wochen. Über die Terminblöcke kommst Du zu den Veranstaltungsdetails; Karten findest Du auch im offiziellen Ticketshop.

»Der Mensch erscheint im Holozän«: Wissen gegen das Verschwinden

Seit Wochen regnet es, ein Erdrutsch schneidet das Tessiner Bergtal von der Außenwelt ab, der Strom fällt aus. Mittendrin sitzt Herr Geiser und versucht, seine Welt zusammenzuhalten. In Max Frischs »Der Mensch erscheint im Holozän« sammelt der Rentner Wissen aus Lexika, Geschichtsbüchern und der Bibel. Je bedrohlicher die Natur wird, desto dringlicher wird seine Suche nach Ordnung. Aber wie viel Halt geben Fakten, wenn das eigene Gedächtnis unsicher wird?

Kamila Polívková inszeniert den Text in einer gemeinsam mit Laura Ellersdorfer erarbeiteten Bühnenfassung. Bühne und Video stammen von Antonín Šilar, Musik und Sounddesign von Lyhre. Der Abend verbindet die konkrete Bedrohung eines Bergdorfs mit Fragen nach Erinnerung, Alter und der Stellung des Menschen in der Natur. Die Premiere am letzten Oktoberabend und die weitere Vorstellung Mitte November bieten Gelegenheit, Frischs Erzählung auf der Bühne neu zu entdecken.

»MOTOR«: Frankfurter Hauptschule antwortet auf Brecht und Müller

Wie lässt sich heute ein politisches Lehrstück spielen? Das Kunstkollektiv Frankfurter Hauptschule antwortet im TiF mit »MOTOR«. Die Uraufführung setzt sich mit Bertolt Brechts »Die Maßnahme« und Heiner Müllers »Mauser« auseinander: Beide Texte verhandeln Gewalt innerhalb revolutionärer Bewegungen. Das Kollektiv nimmt diese Auseinandersetzung in einer postfaktischen Farce auf und verantwortet neben der Regie auch Bühne, Kostüme und Video.

Die Premiere am 6. November ist laut Spielplan bereits ausverkauft. Eine weitere Vorstellung folgt am 13. November. Wer sich für politische Theaterformen und den Umgang mit ihren Widersprüchen interessiert, findet hier eine der neuen Arbeiten des Monats.


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»End of beginnings, Ich fühls!«: Eine Radioreise durch die Geister der Gegenwart

Welche Geister der Vergangenheit werden wir nicht los? In Sarah Frankes »End of beginnings, Ich fühls!« verwandelt sich das Schauspielhaus in eine Geisterbahn. Der fiktive Sender Ghost FM empfängt Stimmen, Lieder und Geschichten und schickt sie wieder auf Sendung. Thomas Manns Ansprachen treffen auf Elisabeth Selberts Einsatz für Gleichberechtigung; alte Hoffnungen und gesellschaftliche Versprechen kehren zurück.

Die performative Radioreise verbindet Texte der Regisseurin, des Ensembles und weiterer Stimmen. So entsteht ein Theaterabend über Geschichte, die in der Gegenwart nachhallt. Vier Vorstellungen liegen in der ersten Novemberhälfte. Der Sonntagnachmittag bietet auch denen eine Gelegenheit, für die ein später Theaterabend schlecht passt.

Rockmusical und Oper im INTERIM

»Spring Awakening«: Jugend zwischen Aufbruch und strenger Moral

Wendla soll nicht erfahren, woher Babys kommen. Moritz zerbricht am schulischen Leistungsdruck. Melchior will mehr wissen, als die Erwachsenen ihm zugestehen. »Spring Awakening« verwandelt Frank Wedekinds »Frühlings Erwachen« in ein Rockmusical über Jugendliche, deren Fragen an einer Mauer aus Moral und Verboten abprallen. Steven Sater und Duncan Sheik geben ihrem Aufbegehren einen direkten, musikalischen Ausdruck.

In der Kasseler Inszenierung führt Fabiola Kuonen Regie; Viktor Jugović leitet die Musik, Katja Wachter zeichnet für die Choreografie verantwortlich. Der Konflikt zwischen jugendlicher Neugier und der strengen Erwachsenenwelt prägt den Abend. Nach den Vorstellungen Ende Oktober kehrt das Musical innerhalb unseres Überblicks am 20. November ins INTERIM zurück. Hinweise zu sensiblen Inhalten stehen auf der offiziellen Stückseite.

Wagners »Holländer«, »Hänsel und Gretel« und »Die Fledermaus«

Wer einen Opernabend sucht, hat im INTERIM gleich mehrere Möglichkeiten. Wagners »Der fliegende Holländer« steht am letzten Oktoberabend und zweimal in der ersten Novemberhälfte auf dem Programm. Engelbert Humperdincks »Hänsel und Gretel« bringt das bekannte Märchen als Oper+ auf die Bühne. Die Vorstellung am 21. November ist als Theatertag angekündigt.

Johann Strauss’ »Die Fledermaus« verbindet am 22. November Operette mit dem Angebot »Drinks and Drama«: Laut Spielplan sind Getränke-Flatrate und Snacks im Ticketpreis enthalten. Wer Theater gern mit einem geselligen Abend verbindet, sollte sich dieses Angebot und seine Bedingungen im Ticketshop ansehen.

Tanz: Andrea Peñas neues »Unfinished Requiem«

Der Körper kann verletzt und schutzbedürftig sein – und zugleich Kraft entwickeln, sich widersetzen, selbst handeln. Diesem Spannungsfeld widmet sich Andrea Peña in »Unfinished Requiem_in the Gut of Humanity«. Nach »Let’s Talk About Trance – Transmuted Symphony« arbeitet die Choreografin erneut mit TANZ_KASSEL. Ausgangspunkt ist das Bild eines gehaltenen, verletzten Körpers, aus dem Bewegung und Widerstand gegen Erstarrung entstehen.

Der neue Tanzabend feiert im INTERIM Premiere; ein Sneak In ermöglicht zuvor einen Einblick. Giulia Glennon übernimmt die musikalische Leitung, Milla Clarke die Bühne. Eine weitere Tanzfarbe setzt Robozees »SEASON 5: Let’s Talk About Blossom & Decay« im TiF. Mehrere Vorstellungen liegen im November, einige sind bereits ausverkauft. Prüfe deshalb vor der Planung den aktuellen Kartenstand.


What’s up Kassel? – Aktuelle Eventbeiträge

Für Familien: Räuber Hotzenplotz und Musik zum Mitentdecken

Großmutters Kaffeemühle kann Musik spielen – und weckt damit die Begehrlichkeit des falschen Besuchers. Als Räuber Hotzenplotz mit dem Geburtstagsgeschenk verschwindet, nehmen Kasperl und Seppl die Verfolgung auf. Olivia Müller-Elmau inszeniert Otfried Preußlers Geschichte als Familienstück ab sechs Jahren im Schauspielhaus. Die Premiere am 19. November und die beiden Vorstellungen am Folgetag sind laut Spielplan bereits ausverkauft. Eine Alternative bieten die Vormittagsvorstellungen am 24. November; die Verfügbarkeit zeigt der Ticketshop.

Für jüngere Musikentdecker gibt es das Kinderkonzert »Sommersonnenklänge und Schneeflockentanz« ab fünf Jahren. Die Orchester-Rallye lädt zur musikalischen Schnitzeljagd ein. Mit »Das NEINhorn und die SchLANGEWEILE« gastiert außerdem das Wolfhager Figurentheater Junior im TiF. Achte bei der Auswahl auf Altersempfehlung und Uhrzeit: Ein Teil des Programms findet vormittags statt.

Konzerte und weitere Schauspieltipps

Das 2. Sinfoniekonzert / Bußtagskonzert »Seelenherbst« führt am 18. und 19. November in die Martinskirche. Unter Clemens Fieguth stehen Werke von Spohr, Tschaikowsky, Glazunow, Grieg und Brahms auf dem Programm. Schon am 29. Oktober erklingt dort Marianna Martines’ Oratorium »Isacco« im Rahmen der Kasseler Musiktage. Das 2. Kammerkonzert im Foyer des INTERIM schlägt Anfang November unter dem Motto »Six in the mix« den Bogen von Bach bis Blues.

Für Jazzinteressierte stehen außerdem das Nathan Ott 4tett mit »Coltrane 100« im TiF und Baby Sommer’s Brother & Sisterhood im Schauspielhaus auf dem Programm. Im Schauspiel reicht die Auswahl von »FAUST GRETCHEN« über Rainald Grebes »Revolution ist machbar, Herr Nachbar!« bis zu »TRUTZ« nach Christoph Hein. Letzteres erzählt von Erinnerung und politischer Verfolgung im 20. Jahrhundert.

Das künstlerische Leitungsteam des Staatstheaters Kassel auf dem Dach des INTERIM
Das künstlerische Leitungsteam zur Spielzeit 2026/27 auf dem Dach des INTERIM. | (c) Anja Pawliczek

Wichtig für Deinen Besuch: Ausfälle, Beginn und Tickets

Zwei Vorstellungen entfallen: »Staatszirkus« am 31. Oktober wird abgesagt; ein Ersatztermin für das Abo soll bekanntgegeben werden. Das Chorgastspiel »How to Kammerchor« am 1. November entfällt ersatzlos.

Bei »König Lear« am 21. November weist das Theater ausdrücklich auf den geänderten Beginn um 18 Uhr hin. Auch mehrere TiF-Vorstellungen sind schon ausverkauft, darunter »Zur schönen Aussicht« am 15. und »Welcome to THE BATES Motel« am 21. November. Maßgeblich ist der aktuelle Kartenstand im offiziellen Ticketshop.

Die Theaterkasse erreichst Du unter 0561 1094-222 oder karten@staatstheater-kassel.de. Sie öffnet montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags von 10 bis 15 Uhr. Prüfe vor der Anfahrt Deinen Spielort: Neben Schauspielhaus und TiF gehören das INTERIM und bei den genannten Konzerten die Martinskirche zu den Veranstaltungsorten. Kartenstände und kurzfristige Änderungen findest Du im offiziellen Spielplan.


Nützliche Links zum Staatstheater Kassel


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Von Fedor Waldschmidt

Inhaber und Herausgeber des Magazin Wildwechsel

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