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Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 6 – Haruki, Elvis und ich feat. Elvis Costello

am 17 Dezember 2020 von Manfred Prescher

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 6 – Haruki, Elvis und ich feat. Elvis Costello

Manfred Prescher: Dauernd passiert was – Subraumanomalien – Fundamentalteilchen 6/404: Haruki, Elvis und ich feat. Elvis Costello | (c) moritz320 auf Pixabay

Jeder von uns hat jemanden, von dem er nichts hören will,

und jeder hat auch jemanden, von dem er was hören will. Das Problem ist nur, sie dazu zu kriegen, zu merken, wer sie sind. Wenn ich das thematisiere, dann höre ich immer wieder mal von an und Pfirsich gar nicht so dummen Mitmenschen ganz unterschiedliche Scheinargumente: „Du kannst halt nicht loslassen!“

Doch, kann ich, fragt mal die Gießkanne, die mir beim Blumenwässern vom Balkon runter auf die trocknende Wäsche von Frau Suhrbier gefallen ist. „Du suchst Dir immer die falschen Freunde!“ Das stimmt auch nicht, es sind nur manchmal die richtigen Freunde im falschen Moment. Oder: „Du als Schriftsteller müsstest ‚das‘ (Platzhalter) doch klar und deutlich formulieren können“.

Sei doch kein Feigling!

Dieser Hinweis auf meine mehr oder minder ordentlich ausgeprägten und geschulten schreiberischen Fähigkeiten wird speziell von Zeitgenossen, die mir besonders nahestehen, oft noch mit unpassenden Ergänzungen versehen: „Du hast doch sonst so ne große Klappe!“, „Sei doch kein Feigling!“ Ich habe schon öfter mal nachgefragt, was denn nun Mut mit Talent oder Können zu tun haben würde. Gut, die Antworten waren ebenso identisch wie verblüffend – da hätte ich schon selbst draufkommen können – und wahr.

Sie passen aber halt nicht zur ganz oben im Text angerissenen Problemstellung: Mit etwas mehr Zutrauen und Mumm würde ich längst schon deutlich mehr geschrieben, veröffentlicht und verdient haben. Ich stehe mir also, das soll damit gesagt werden, selbst im Weg. Speziell im engen Flur. Während ich da an mir vorbei will, rede ich mit dem Hippie im Spiegel und erkläre ihm, dass er mal wieder zu »Jimmy Ray’s Barber Shop« müsste.

Es ist also was dran, an dem, was wohlmeinende Freunde so sagen.

Es geht darum, die eigene kritische Unvernunft mit der unkritischen Vernunft der Mitmenschen in Einklang zu bringen. Klappt das, will man von diesen Leuten – genau: mehr – hören.

Nehmen wir nur mal die ehemals beste Liebespartnerin von allen: Die bezeichnete mich öfter mal als »meinen« (also ihren) Murakami. So weit ich weiß, hat sie durchaus schon was von dem Schriftsteller gelesen, den nicht nur ich, sondern auch der Kollege Winterer, auch Elvis Costello und Teile des Nobelpreiskomitees für einen richtig Großen halten. Deshalb wurde ich bei so einer Formulierung trotz des liebevollen Approaches, der ihr zugrunde liegt, oft ganz klein.

Ich denke dann an die Handvoll Geschichten, die ich bislang geschrieben habe und möchte mich am liebsten ganz feige ins hinterletzte Eck oder wie Donald Duck nach Timbuktu verkriechen. Aber diese Stimmung hält gottlob nicht ewig. Denn ich will ja gar nicht Murakami werden, genauso wie ich als junger Radiomoderator den Spitznamen »Westentaschengottschalk« nicht wirklich goutieren konnte.

Wenn das Vorbild immer zur Beschreibung des eigenen Könnens herangezogen wird, steckt nicht nur Lob, sondern auch ein gewisser Spott in derselben Aktenmappe, die man mit sich herumschleppt. Also lassen wir Gottschalk sein und Murakami sollte auch Murakami bleiben. Denn dann haben wir vielleicht auch zukünftig was von den beiden Männern.

Oder vielleicht lasse ich hier mal den echten Haruki Murakami zu Wort kommen? Ok: 「冷蔵庫を開けると、豆腐、野菜、果物、牛乳、サンドイッチ、ハムなどの腐った食べ物が何とも言えない悪臭に襲われました。私はすべてを大きなゴミ袋に捨てて、地下のゴミ箱に持っていきました。それから彼は見上げた。 「アパートを元の状態に戻すには、3時間かかります。」

Auf gut Deutsch:

„Als ich den Kühlschrank öffnete, schlug mir ein unbeschreiblicher Gestank von verdorbenen Lebensmitteln entgegen: Tofu, Gemüse, Obst, Milch, Sandwiches, Schinken und solche Sachen. Ich warf alles in eine große Abfalltüte und brache sie zu den Müllcontainern im Keller.“ Der junge Mann griff nach seiner leeren Espressotasse und beachtete sie von allen Seiten. Dann blickte er auf. „Ich brauche drei Stunden, um die Wohnung wieder annähernd in ihren Ursprungszustand zu versetzen.“

Sie denken, dass das echt von mir sein könnte und verstehen somit, was die Ex mit »mein Murakami« meinte? Nun, das ist unfair dem Meister gegenüber. Denn er hat zwar mit durchaus Prescher-ähnlichen Worten beschrieben, wie es mir inmitten meines Chaos ging, nachdem die Beziehung die Milchstraße runter ging.

Aber Murakami hat so viele dichte und unglaublich schöne Bücher auf dem Kreativkonto, dass es unfair ist, ihn auf profane Prescher-Elemente wie „Kafuku war schon mit vielen Frauen im Auto mitgefahren. Er unterteilte sie grundsätzlich in zwei Typen: Die einen fuhren zu vorsichtig, die anderen zu waghalsig“ zu reduzieren.

Dieser Romananfang könnte glatt von mir sein…

…und Kafukus Ansicht in puncto weiblicher Autofahrerei stimmt. Ich kann ergänzen, dass praktisch alle Damen, mit denen ich in der Weltgeschichte herumfahren durfte, so ausgezeichnet mit ihrem Fahrzeug und den Herausforderungen des Verkehrsalltags zurechtgekommen sind, dass die meisten Männer im direkten Vergleich älter aussehen als Gandalf nach der Schlacht um Helms Klamm.

Um aber zu Murakami zurückzukommen: Ein großer Unterschied zwischen mir und ihm ist, dass er weniger zaudernd mit dem eigenen Können umgeht. Er sagte mal in einem »Aspekte«-Interview, dass er die Zweifel hinter sich lässt, sobald er sich auf eine Geschichte einlässt. Es gibt also bei ihm, ganz im biblischen Sinn, für alles eine passende Zeit.

Und Zweifel gehören zur Dichterseele. Wer nicht an sich zweifelt, mutiert am Ende gar noch zu Xavier Naidoo oder Attila »Hunnenkönig« Hildmann. Aber irgendwann muss einfach mal Schluss sein. Schluss mit Trauer, Schluss mit Jammern und Schluss mit den Zweifeln. Es ist alles eine Frage der Abwägung und – siehe »Hohelied der Liebe«, besser bekannt als „Turn! Turn! (To Everything There Is a Season)“ – des Zeitpunkts.

Es gibt Fälle, in denen vernünftig sein feige sein heißt.

Oder um die fast Murakami-große Marie von Ebner-Eschenbach zu zitieren: „Es gibt Fälle, in denen vernünftig sein feige sein heißt.“ Das gilt im persönlichen Bereich, etwa, wenn man erkennt, dass man nicht Murakami ist und ihm auch nicht das Wasser reichen kann. Als großer Mann kommt er aber ohne meine Hilfe an Glas und Karaffe, kann sich also selbst versorgen.

Erst recht gelten die Worte von Ebner-Eschenbach auch für übergeordnete Zusammenhänge: Es ist vernünftig, feige zu sein, wenn man »an die Waffen« gerufen wird. Es ist vernünftig, feige zu sein, wenn man merkt, dass die Menschentraube auf der anderen Straße auf Krawall gebürstet ist. Und so weiter. Feigheit ist zwar keine Zier, aber manchmal überlebt man nur mit ihr. „Seid nicht feige, lasst mich hinter den Baum“ sang Ulrich Roski einst.

Weniger egoistischer wäre es natürlich, sich gemeinsam aus der Gefahrenzone zu ziehen und in einem sicheren Erdenwinkel aus den Werken von Marie, Haruki oder Manfred zu lesen. Lesen bildet, bilde ich mir ein. Auf jeden Fall ist es ein angenehmer Zeitvertreib, bei dem man allerhöchstens auf blöde Gedanken kommt. Blöde Handlungen sind – zumindest für die Momente des Buchstabierens– ausgeschlossen.

Es gibt dann natürlich auch wieder Zeiträume, in denen eine Flucht in die Bücherwelten eher schlecht für Leib und Leben ist: Zum Beispiel, wenn die Uruk-hai dabei sind, nach der Klammbrücke auch noch den Festungswall zu überwinden und dabei ein solches Getöse verursachen, dass einem die Worte Murakamis im blätternden Zeigefinger stecken bleiben. Dann sollte man längst feige die Flucht ergriffen haben, wie es Elvis Costello in seinem neuen Song »We Are All Cowards Now« besingt.

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 6 – Haruki, Elvis und ich feat. Elvis Costello

Album von Elvis Costello – Hey Clockface (c) Concord Records/Universal Music

Alle Menschen sind Feiglinge – manchmal zumindest. Und die, die es nicht sind, sollten es in Erwägung ziehen. Aber das Herumphilosophieren muss ein Ende haben: Ich setze mich auf das Sofa, meine beiden Hundlichkeiten links und rechts neben mir, vor mir ein schönes Glas Kilkenny.

Ich werde mich gleich in Murakamis »Wenn der Wind singt« vertiefen. Es ist seine Literatur, und er teilt sie mit mir, mit Costello und vielleicht sind auch Marie von Ebner-Eschenbach und meine Ex in der Lage, diese herrliche Poesie zu genießen.

Wo immer sie grad auch sein mögen, ich wünsche es ihnen.

Später telefoniere ich mit jemandem, der weder mich noch sich für Murakami hält, selbst aber wie Elvis Costello aussieht. Dieser Mensch heißt Godot, und wenn man lang genug wartet, kommt er sogar. Er gehört zu den Leuten, von denen ich hören will – und das nicht nur, weil er fast so gut singt und Guitarre spielt wie Elvis.

„Weißt Du, sie wird nicht zurückkommen“, sagte Godot
„Ich weiß“, antwortete ich
„Mir fehlt sie nicht“, sagte Godot
„Ich weiß“, antwortete ich
„Aber warum sie mir nicht fehlt, weißt Du nicht“, sagte Godot
„Ich weiß“, antwortete ich.
„Du bist ein Haubentaucher“, sagte Godot
„Ich weiß“, antwortete ich

Man sollte meinen, dass einer wie Godot etwas Feingefühl aufbringen könnte, aber ich war zu feige, ihm das zu stecken. »Nächstes Mal«, dachte ich, während wir redeten, werde ich nur eine WhatsApp-Nachricht schreiben. Aber das Telefonat wurde dann noch auf seine schlichte Art richtig ergreifend.

Wir vereinbarten uns zu treffen, über ganz besonders alte Zeiten zu plaudern, längst vergessene Texte aus den Tiefen der Vogesen herauszufischen, sie uns gegenseitig vorzulesen. Das waren echt mal Aussichten. „Den Müll nehme ich später mit runter, wenn die Hunde auf die nächtliche Walz wollen“, dachte ich und genoss den Abend.

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