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Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 4 – Mach nicht so viel Wind mein Kind feat. Charlotte Brandi & Dirk von Lowtzow

am 10 Dezember 2020 von Manfred Prescher

Lesedauer: 6 Min.
Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 4 – Mach nicht so viel Wind mein Kind feat. Charlotte Brandi & Dirk von Lowtzow

Manfred Prescher: Dauernd passiert was – Subraumanomalien – Fundamentalteilchen 4/403: Mach nicht so viel Wind mein Kind feat. Charlotte Brandi & Dirk von Lowtzow |  (c) Free-Photos auf Pixabay

Gestern Vormittag ging es mir noch gut.

Mittags habe ich mir dann die Hecktür meines Autos in den Brustkorb gerammt. Seitdem frage mich erstens, wie das passieren konnte und zweitens, wie es möglich ist, dass so eine blecherne Kante einen blauen Fleck in Form des US-Bundesstaats Iowa erzeugen kann.

Aber bekanntlich gibt es „mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt“, heißt es in Shakespeares »Hamlet«.

Da brat mir doch einer ein Omelett, schön mit Schnittlauch, das stimmt wohl auch beim Kampf gegen die Tücken moderner Fortbewegung, da passieren Sachen, die würden weder Sir Isaac Newton noch Dr. Manuel Hobiger oder Ann Tsukamoto für möglich halten: „Ich hatte mal ’nen Kumpel“ (Alexander Bommes), dem ist es tatsächlich geunglückt, sich beide Ohren gleichzeitig in die Autotür zu quetschen. Ich hatte also noch mal Glück mit dem Kantenschlag.

Sowas passiert zwischen Himmel, Erde und der Ladekante. Es hätte mir, bleibt zu vermuten, vermutlich auch nichts genützt, wenn der PKW keine Hecktür, sondern eine Kofferraumklappe gehabt hätte, außer vielleicht meinem Geschmacksempfinden.

Denn ich finde Limousinen nun mal schöner finde als praktische Schrägheck-Fahrzeuge. Die Schmerzen wären stilvoller entstanden – und das läse sich doch, wenn schon nicht gut, dann doch fürnehmer: Der massive Kofferraumdeckel meines Jaguar MK X ist auf meiner linken Schulter eingeschlagen, gleich kommt der Rettungswagen.

Es sind schließlich oft die alltäglichen Malaisen, die unschön werden.

Es sind schließlich oft die alltäglichen Malaisen, die unschön werden. Wie dichtete Bertolt Brecht so schön? „Der Wind pfeift durch die Aborttür und eine Stimme schreit ‚Papier‘!“ Das ist zwar nicht vom großen BB, der in Wahrheit aber nur so groß war wie Prince – und damit 22 Zentimeter kleiner als ich, der diesen Reim in nächtelanger Kleinkunstarbeit ersann.

Als Dichter war Bertie echt ein Gigant, freilich einer, der natürlich auch „Klo-auf-dem-Treppenhaus-Lyrik“ so gut beherrschte, dass er meine Versuche locker vom drehbaren Bürohocker aus in den Schatten stellte. Aber lest selbst: „Frühling wird es allerorten, denn es stinkt von den Aborten“. Dieses fast schon Döblin’sche Statement Brechts, das in ähnlicher sprachlicher Brillanz auch Erich Kästner eingefallen ist, fasst natürlich gut zusammen, was damals, vor über 100 Jahren zwischen den Stockwerken geruchstechnisch los war.

Während mein Poem doch wieder nur ein privates Problem, freilich eines der drastischeren Art, beschreibt. Immerhin geht meinem in der Mitte und am Ende gereimten Kurzwerk jedwedes Spurenelement von Innerlichkeit ab. Um die individuelle Befindlichkeitsstruktur wird gern, oft und auch in dieser Kolumne, viel – zu viel – Gewese gemacht.

Das, was den Familienverband verband wird fortgeweht.

Sie ist weg? Na, das kommt in den besten Familien vor. Allerdings eher am Ende der jeweils gemeinsamen Zeit. Das, was den Familienverband verband wird fortgeweht. The Winds Of Change. Wem sowas passiert, der darf gern an den Song der im Sternzeichen der Skorpione geborenen Hannoveraner Band denken, ihn mitsingen oder mitpfeifen. Erst recht, wenn er oder sie die Hauptschuld an der Misere samt darauffolgender Trennung trägt.

Das Lied ist auf jeden Fall Strafe genug, erst recht, wenn der Text rosenkranzgleich in Endlosschleife, also gebetsmühlenartig, mitgemurmelt werden muss: „Take me to the magic of the moment/On a glory night salbader murmelmurmel salbader…“ Es gibt Menschen, die behaupten, dass der Song auf diese Weise, also als kollektives Strafmaß, zum Hit geworden sein muss. Irgendwann ging er nicht mehr raus. „Gegrüßet seist Du, Klaus Meine, voll der Gnade, Herr Schenker ist mit Dir, Du bist gebenedeit unter den Rockstars.“

Der Gerechte geht heim, doch sein Licht bleibt…

Man sollte tatsächlich nicht so viel Wind machen um alltägliche Dinge. Dass man sich zwei Ohren gleichzeitig in ein und dieselbe Tür klemmt, ist – bei Lichte betrachtet – aber tatsächlich unwahrscheinlicher, als dass jemand weggeht. Bei dem von mir ekstatisch geliebten Schriftsteller F.M. Dostojewski heißt es „der Gerechte geht heim, doch sein Licht bleibt.“ Das steht zu befürchten.

Sie ist weg und vermutlich leuchtet sie mir von ihrem neuen Zuhause aus immer wieder mal heim, was zumindest in Neumondnächten durchaus sicherheitsrelevant sein kann. Menschen gehen dauernd weg. Aus diesem Grund gibt es zwischen Neusiedler See und Cuxhaven-Duhnen so oft so viele ausgedehnte Staus.

Hans Fallada selig hatte recht mit seiner Behauptung „Jeder fährt für sich allein“. Das tun er und sie immer wieder: Sie verschwinden dahin, dorthin oder gern auch mal sonst wohin. Also zu »IKEA« oder zu Orten, zu denen der/die Hinterbliebene nach getaner Trauerarbeit nicht mehr »einfach so« nachreisen kann. Denn dort hält in der Regel kein Nachtbus.

Was hab‘ ich davon, ein Mensch zu sein?

Weil dem so ist, stellen klügere Menschen als ich einer bin so Fragen wie „Was hab‘ ich davon, ein Mensch zu sein?“ Charlotte Brandi, genau die vom Synthie-Pop Duo Me And My Drummer, erörterte das für sich vermutlich schon, bevor sie ihren Partner, den Schlagzeuger Matze Pröllochs, verlassen hatte. Solche Fragen führen häufig zu massiven Veränderungen des Lebens und zur Neudefinition der Daseinszwecke.

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 4 – Mach nicht so viel Wind mein Kind feat. Charlotte Brandi & Dirk von Lowtzow

Das Album An Das Angstland von Charlotte Brandi (c) Listenrecords

Erst im weiteren Verlauf merkt man irgendwann, dass es anderswo auch »kacke is«, wie man im Ruhrpott sagt – oder dass sich die Dinge auf der Welt noch nicht mal dann ändern, wenn man dauernd schwarze Klamotten trägt. Aber immerhin sieht der Style zu jedem Anlass würdig und daher recht aus.

Auf jeden Fall hat Charlotte Brandi dieses »Was hab‘ ich davon, ein Mensch zu sein?« zusammen mit dem Tocotronic-Dichterfürsten Dirk von Lowtzow vertont. Die Antwort fällt flach, es bleibt, wie immer bei den Fragen von universeller Tiefe, zwangsläufig bei der Zustandsbeschreibung.

Macht so etwas denn Sinn?

Wenn Lowtzow sich bei sich selbst erkundigt, was er davon habe, ein Mann zu sein, dann fällt dem ansonsten Wortgewaltigen nur ein, dass er altersbedingt Falten auf der Stirn bekommen hat. Macht so etwas denn Sinn? Nein, tut es nicht! Außer für die Botox-Industrie.

Ansonsten ist es allemal besser, sich von freundlichen Aliens zum Planeten Melmakzack mitnehmen zu lassen, wie es die ehemals beste Liebespartnerin von allen gemacht hat. Vermutlich hat es »da draußen« – ob von oben oder von unten kann man angesichts der unbedeutenden Lage unseres Planeten nicht mit Bestimmtheit reden – wunderbare Antifaltenkrems. Die Vereinigung von Körper, Seele und Geist lässt sich vermutlich via neuronaler Netzwerk-App dauerhaft herstellen.

Wir erinnern uns, als wenn es gestern gewesen wäre.

Ihr Verschwinden ist noch nicht so lange her, aber mir kommt es vor, als sei es kurz nach der ersten Mondlandung gewesen. Wir erinnern uns, als wenn es gestern gewesen wäre: Perry Rhodan verließ die Rakete, die bekanntlich »Stardust« hieß. Es war ein verdammt staubiger Schritt für diesen Menschen. Wer wirklich zu neuen Ufern aufbrechen will, muss solche Gelegenheiten nutzen, der Staub lässt sich ja abklopfen.

Wahrscheinlich wurden noch nicht so vielen Menschen das Privileg zuteil, in einer entfernten Galaxie leben zu dürfen. „Schließlich hat kein noch so teurer Tesla genug Saft für eine solche Reise durch Zeit und Raum“, denke ich. Und während ich auf den Nachtbus warte, schaue ich in den Sternenhimmel. Vielleicht leuchtet sie gerade jetzt auf die Erde nieder.

Dorthin, wo wir Menschen sind. Das kann man nie wissen. Rein rechnerisch ist es allerdings unwahrscheinlich, dass ich zeitlebens etwas davon mitbekommen werde. Denn wie lange braucht das Licht für solche Entfernungen? Abgesehen davon: Was würde mir dieses von weitentfernt ausgestrahlte Gefunzel überhaupt bringen? Damit kann man nicht mal den Schlüssel zur Außentoilette finden, wenn einem der im Dunkeln irgendwo auf dem Pflaster des Vierkanthofes verschütt gegangen ist.

„Mist verdammter, was hab‘ ich davon, ein Mensch zu sein?“ Eines vielleicht: Ich habe ein Smartphone und mit dessen Taschenlampenfunktion geht das Suchen besser, weil das Finden einfacher ist. Aber holla die Sternenfee, der Nachtbus kommt – „so you take the plane, but I‘ll take the bus this time“ (Jonathan Richman, anno 1990) – und der rattert so monoton vor sich hin, dass ich richtig rammdösig werde.

In den kurzen Momenten vor dem Einschlafen schaue ich aus dem Fenster ins dunkle Nichts. Vielleicht ziehen sie gerade Obereinherz oder Nobodyville vorbei? Schwer zu sagen. Also sage ich’s auch nicht, sondern sehne ich mich nach Träumen, die wahr werden und freue mich über die Wahrheiten, die zu Träumen wurden. Denn das ist ganz oft besser so. Speziell, wenn es sich um schmerzhafte Kontakte mit Autoheckklappen handelt.

Da leg ich mich doch lieber hin, denn so hat alles keinen Sinn…

singt Annette Humpe zur Ideal-Zeit. Das mache ich auch und lass die Sterne dann leuchten, wie sie wollen oder sollen.

Web-Links zum Text

…bei Youtube:

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