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Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 2 – Wenn der Kopf lahmt feat. The Electric Family

am 03 Dezember 2020 von Manfred Prescher

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 2 – Wenn der Kopf lahmt feat. The Electric Family

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 2: Wenn der Kopf lahmt feat. The Electric Family | (c) johnhain auf Pixabay

I can’t forget, but I don’t remember what

Das macht Hannes, der Barkeeper vom »A Thousand Miles to Dublin« öfter – oder doch zumindest dann, wenn er das Gefühl hat, der Gast müsste mal was vergessen.

Er tut was ins Bier. Hinterfotzig ist das, aber auch nötig. Warum? Da muss ich kurz mal meine sieben Zwetschgen sortieren und etwas ausholen: In “I can’t forget, but I don’t remember what”, besang Leonard Cohen den Zustand, wenn man nicht mehr genau weiß, was man eigentlich in der Denkmurmel an Erinnerungen mit sich herumschleppt.

That‘s the time you miss her most of all…

Der Zustand beschreibt das Gegenteil von Sinatras »In The Wee Small Hours«, also der Zeit vor dem Tagesanbruch. Wenn man kurz pinkeln war oder sowieso wegen ausgeprägter Schlaflosigkeit wach ist: Dann sind die Erinnerungen so präsent, dass sie wie ein Film in Farbe und Cinemascope hinter den Triefaugen ablaufen. „That‘s the time you miss her most of all“, konstatiert der lebenserfahrene Frankieboy völlig zurecht.

Speziell, wenn der Mond mehr zugenommen hat als Robbie Coltrane für seine Rolle des Dr. Eddie Fitzgerald in »Cracker«, wird die Vergangenheit auch noch extra ausgeleuchtet. Hannes weiß das, und er weiß auch, wie er seine Stammkunden über diese Momente der Sehnsucht hinwegbringt: Er mischt einfach in jedes Kilkenny eine ordentliche Prise Rausch hinein.

Wenn dann die Sperrstunde gemeinsam mit den »wee small hours« in Bierseligkeit vertrunken ist, und also der Tag kommt und Johnny Walker geht – oder besser heimwankt, sein Schlüsselloch sucht und dann in voller Ausgehmontur ins Koma fällt – dann hat Hannes seine Pflicht erfüllt.

Weil er sich rührend um Menschen sorgt, die gerade erst die beste Liebespartnerin von allen an einen fernen Stern oder an sonst was verloren haben, gibt er dem Gast, also mir, einen Begleitaffen und einen Schutzengel mit auf den Nachhauseweg: „Es könnte Dir ja sonst was passieren“, ruft er noch hinterher. „Sonst was“ hat sich als Doppelwort des vergangenen Abends erwiesen.

Ich blicke verschwommen auf die Szenerie.

Irgendwann wache ich wieder auf – und blicke verschwommen auf die Szenerie: Ein umgeworfener Stuhl, der wohl beim Wanken und Schwanken im Weg war, Spuren eines allerspätestens seit gestern vergangenen oder weggegangenen Lebens. Oder sonst was. Eben. Einer Erweckung kommt das nicht gerade gleich, aber ich wollte ja auch noch weiterschlafen. Aber da ist dieser Kater von löwenmäßiger Gestalt, der auf mir herumtrampelt.

Das kommt davon, wenn Hannes einem seine Geheimingredienz ins Bier rührt. Davon bekommt man unweigerlich im Nachgang eine Matschbirne. Früher, im Teenageralter, als ich dem Alkohol mehr zugeneigt war als heute und als für mich gut war, da hatte ich als ersten Song des Tages, in der Regel einen bestimmten, obskuren Countrysong, der mir sonst nie einfiel, in den Ohren: „What’s Wrong In Your Head, Fred“ von einem Typen, der schon mit Stetson durch Alabama ritt, als noch die Bisons in großer Zahl auf der örtlichen Wiese grasten.

Mit dem Fred konnte er schon mich gemeint haben, obwohl ich eigentlich gar nicht Manfred, sondern Jürgen hätte heißen sollen. Aber meine Mutter verlangte nach der Geburt in schwer gezeichnetem Zustand atemlos nach ihrem „Mann, Fred“, was die Krankenschwester als Aufforderung verstand, mich während einer Nottaufe »Manfred« nennen zu lassen.

Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, ob irgendwelches Weihwasser an mir herabgeflossen ist, aber den Namen trag ich mit mir herum. Den kann ich also nicht vergessen. Er erinnert mich an den Alkoholiker, den ich zum Vater hatte, obwohl er nicht mein Erzeuger war.

Wer jetzt denkt, der Apfel fällt auch dann nicht allzuweit vom Pferd, der irrt. Ich trinke praktisch nie oder nur sehr wenig. Hannes musste mir bislang auch noch nicht oft einen Rausch mit ins dunkle Nass mischen. Aber gestern war es wohl mal nötig. Warum? Ach, dazu lest halt den letzten Text, dann brauch ich mich nicht zu wiederholen.

Und nun?

Ich versuche das Katzentier abzuschütteln, aber die Gattung Felidae hat Krallen und hält sich hartnäckig fest. Plötzlich ist der erste Song des Tages da: Leise singt Tom »The Perc« Redecker zu mir „What’s In Your Head, Fred?“ – und das Lied ist deutlich besser als das Gegniedel des alten Hart.

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 2 – Wenn der Kopf lahmt feat. The Electric Family

Electric Family – What’s in your head, Fred? | (c) Zebralution

Während sich die wunderbare Melodie einen Weg durch die von Kopfschmerzen durchwühlten Ganglien sucht, erinnere ich mich an das Video zu »What’s in Your Head, Fred«: In mausgrauem Schwarzweiß zeigt sich eine zerstörte Welt. Es scheint so, als hätte »Fred« Redecker gerade mit Mühe, Not und mit nicht viel mehr als einer lustigen Norwegermütze bekleidet, einen schlimmen Krieg überlebt. Bevor er sich fragen kann, wie es weitergehen könnte, muss er sich erst mal aufraffen und sich die Zerstörung ansehen.

Oder spielt sich das alles nur in seinem Kopf ab? Mir geht es auf jeden Fall gerade so: Mein Kopf schmerzt und ich blicke auf das vergangene Leben wie durch eine Milchglasscheibe. Nehme ich alle Sinneseindrücke zusammen, dann schwebe ich wohl eher auf einem mit winzig-scharfen Glasscherben gespickten Riesenwattebausch durch die Zimmer.

Räume, in denen gestern noch gelacht, gehühnert, gestritten, getanzt, gegessen und gesonstwast wurde, wirken plötzlich unwirklich. Es ist kühl geworden, alles erscheint mir leer, kalt und in seiner Endgültigkeit sinnlos zu sein. Aber ich friere nicht, mich pieksen nur die Spitter.

„What’s In Your Head, Fred?“ Gute Frage, nächste Frage. Wo ist eigentlich der Affe von letzter Nacht? Der hätte doch wenigstens für Ordnung sorgen können in all dem Chaos des gestrigen Tages. Aber das Tier ist weg, wahrscheinlich zurück in den Wald, wahrscheinlich, weil man seiner Primatenfamilie die Kokosnüsse geklaut hat.

Ich verstehe das gut. Der Kater hat derweil Hunger, ich werde mir einen Rollmops mit ihm teilen. Das soll ja helfen. Danach braue ich mir einen dreistöckigen Espresso mit Zitrone, einer Prise Salz und etwas Zucker. Normalerweise beruhigt das das Pochen im Schädel. Das Rezept habe ich von Hannes. Der alte Magier vom »A Thousand Miles to Dublin« kennt schließlich für jeden Zaubertrank auch das passende Gegenmittel.

Ich gab ihm die CD der Electric Family…

Wie war das gestern noch gleich? Ich gab ihm die CD der Electric Family, »Echoes Don’t Lie« heißt die, er legte sie ein, und während er Biere zapfte, gefährliche Substanzen reinrührte, versuchte er mich auf andere Gedanken zu bringen: „Sie ist weg?“, fragte er und schob ein „Na und!“ hinterher.

„Du wirst sehen, es ist für irgendwas gut.“ Ich erinnere mich, dass ich kurz „genau – für Deine »Bizerba-Kasse«“ dachte. Er wartete nicht auf meine Antwort, die kannte er ja schon. Säße ich sonst hier? Würde ich sonst in mein Bier weinen? Natürlich nicht. Also nahm er sich die CD-Hülle der elektrischen Familie in die Hand.

Das ist doch Quatsch!

„»Echoes Don’t Lie«? Na, das ist doch Quatsch!“ Ich verstand nicht gleich und wollte es auch nicht verstehen. Trotzdem fragte ich nach: „Was meinst Du? Ich kann Dir nicht folgen. Ich bin da oben schon ein bisschen eingerostet, Miss Elsa.“ Hannes mochte zwar den Film »Casablanca«, aber er fand es stets unschicklich, wenn ihn jemand “Miss Elsa” nannte.

Dieses Mal überhörte er es – überhörte mich – aber: „Nimm mal an, Du würdest nicht »wie heißt der Bürgermeister von Wesel« rufen, sondern irgendeine Lüge. Kann dann das Echo plötzlich zur Wahrheit werden? Doch wohl nicht.“ Hannes hatte Recht: „Stimmt, schon bei der unverfänglichen Frage nach dem Bürgermeister der Kleinstadt in En-Er-Weh lügt das Echo. Und ich sag Dir auch warum. Der Obermufti des Ortes heißt nämlich nicht Esel, sondern Westkamp und mit Vornamen Ulrike. Es ist außerdem eine BürgermeisterIN. So sieht’s aus.“

Die CD gefiel uns trotzdem – und auch die Gäste, die sonst Beautiful South, Dubliners oder Pogues zu hören bekamen, fragten neugierig, was denn da Schönes aus den Boxen herauskam und ihren Ohren schmeichelte. Es steht somit also fest, dass The Electric Family auch die Herzen der hartgesottensten Knights des Heiligen Kilkenny erreichten.

Eine Antwort […] habe ich allerdings immer noch nicht.

Und nun hat mich »What’s In Your Head, Fred?« fest im Griff. Eine Antwort auf die wiederholt vorgetragene Frage von »The Perc« habe ich allerdings immer noch nicht. Ich murmle „nicht viel“ und widme mich dem Espresso. Schmeckt komisch, das Zeug.

Vielleicht habe ich zu viel Zitronensaft ins Koffein? Ach, runter damit. Das Leben ist süß, Zitruskaffee grausam. Oder ist es genau andersherum? Der Frage widme ich mich erst, wenn der Wattebausch weg ist und ich wieder klarsehe. Vielleicht frage ich später doch lieber Hannes? Der weiß auf alles die richtige Antwort: „Sie ist weg?“ – „Na und!“

Web-Links zum Text:

 

Prechers Fundamentalteilchen – die Kolumne

» Fundamentalteilchen - Alle Teile der Kolumne lesen!

 

Youtube Playlist: Manfred Prescher »Fundamentalteilchen«

 

Manfred Prescher – Bio des Autors:

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 2 – Wenn der Kopf lahmt feat. The Electric Family

Manfred Prescher | (c) Dominik Ultes

(* 17. Juli 1961 in Nürnberg) ist ein deutscher Journalist, Buchautor und Radiomoderator.

Wenn man seinen Nachnamen nur hört, ist es schwierig, zu verstehen, ob es “Brescher” oder “Prescher” heißen soll. Denn Manfred Prescher ist Nürnberger.

Und wie »sein« Ex-Oberbürgermeister Maly kann er einfach nicht zwischen harten und weichen Mitlauten differenzieren. Da hilft ihm weder seine langjährige Erfahrung als Radiomoderator noch der Umzug ins Ländle des Herrn Kretschmann.

Geboren wurde Manfred Prescher am 17. Juli 1961 direkt auf der Stadtgrenze von Nürnberg und Fürth, mit dem Schreiben begann er kurz darauf: Erste Gedichte verfasste er im Alter von zehn Jahren, was danach folgte, war und ist eine Mischung aus Leidenschaft, wachsender Professionalität und Neugier für spannende Themen.

Er war unter anderem Chefredakteur beim Münchner Stadtmagazin, Redaktionsleiter einer großen PR-Agentur und für diverse Magazine tätig.

Von 2005 bis zum Sommer 2020 widmete Prescher sich – mit Unterbrechungen – bei  evolver.at  und Kolumnen.de 400 Mal der Kolumne „Miststück der Woche“. Gemeinsam mit dem Grazer Journalisten Günther Fischer ein halbes Dutzend mehrere “literarischer Sachbücher” zur Pop- und Rockmusik veröffentlicht.

Seine letzten Solo-Veröffentlichungen: »Es geht voran – die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik« und »Es war nicht alles schlecht« (60 ausgewählte Miststücke aus 15 Jahren). Zur Zeit warten einige Bücher darauf, unter das lesende Volk gebracht zu werden.

 

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 1 – Ein Ende mit Fernweh feat. Helgen


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