Subraumanomalien - Fundamentalteilchen 15 - mit Manfred Prescher (c) Sarah Richter auf Pixabay
Manfred Prescher: Dauernd passiert was – Subraumanomalien – Fundamentalteilchen 15/415 – Das ewige Kommen und Gehen feat. Ava Vegas

Ich schlief in dieser Nacht ziemlich fest, aber ich wachte mit einem Brummschädel auf, wie man ihn normalerweise höchstens bekommt, wenn man Jim Beam aus dem randvollen Basketballstiefel von Dirk Nowitzki getrunken hat.

Ich kann mich nicht erinnern.

An einen solchen Exzess konnte ich mich aber nicht erinnern, was aber ebenfalls mit dem Brummschädel zu tun haben könnte. Ich zapfte mir einen Espresso, fügte reichlich Zitrone und Zucker hinzu. Dann trank ich das Gebräu und wartete, bis die Kopfschmerzen nachließen.

Irgendwann fiel mir wieder, erst in Bruchstücken dann in zusammenhängenden Trivialplatten, ein, wie der Abend verlaufen war – und ich fügte das Gedächtnispuzzle zusammen: Ich war mit Hannes, dem Wirt des »A Thousand Miles to Dublin«, dessen Freundin Jenny, mit Nina, Rebekka und Horst bei Herrn Lesch in der Sternwarte.

Wir haben auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest geschaut und darauf mit irischem Bier angestoßen. Dabei wurde uns immer dann melancholisch zumute, wenn wir an Verflossenes dachten. Ansonsten staunten wir Bauklötze, aus denen wir Gedankengebäude errichteten und diese dann – nach Fertigstellung – wieder einstürzen ließen.

Erst viel Arbeit, Geduld und vielleicht auch Spucke investieren…

Das wäre übrigens, meinte Rebekka, genau das, was Buddhisten mit ihren kunstfertigen Mandalas zu tun pflegen: Erst viel Arbeit, Geduld und vielleicht auch Spucke investieren und danach alles wieder zu Bruch hauen. Mich würde das eher an die unheilige Dreieinigkeit von Stadtentwicklung, Krieg und Wiederaufbau erinnern, gab ich zu Bedenken.

Aber Rebekka, die so schlau ist, dass sie sogar mit auf dem Rücken gebundenen Armen auf Milch schwimmen würde, schaute versonnen in den Milky Way, den Herr Lesch uns offerierte und sagte dann: Du verstehst wieder mal nur die Hälfte. Die Mönche machen das, weil sie wissen, dass alles auf der Welt…

Ein Ende hat? Außer der Wurst natürlich?, fragte Horst, der sich nun doch an unserem Abend beteiligte.
„Irgendwie schon, Dösbaddel“, entgegnete Rebekka, um seelenruhig erst ein Kilkenny zu köpfen, uns zuzuprosten und dann im Schneidersitz fortzufahren:

„Ihre Mandalas sind wie das Leben: Aus vielen Sandkörnern wird Neues geschaffen und wieder verworfen, um daraus wieder Neues zu schaffen. Neues, das immer anders als das Vergangene ist.“
„Was man aus Sand alles machen kann“, murmelte ich und Horst ergänzte
„Deine Spuren im Sand, die ich gestern noch fand, hat der Mönch fortgenommen.“

Es ist für sie ein unendlicher Vorgang des Werdens und Vergehens…

Wir lachten, und Herr Lesch klärte uns darüber auf, dass die Buddhisten 31 Ebenen der Existenz kennen würden. Also das Leben und den ganzen Rest hatten sie schon mal definiert, staunte ich.
„Aber wie sieht das mit dem Universum aus?“, fragte ich ihn.

„Das kennen sie auch. Es ist für sie ein unendlicher Vorgang des Werdens und Vergehens“, meinte er. Irgendwie wie bei Rebekkas sandiger Geschichte.

„Vielleicht ist das Sternengebilde da über uns auch eine Art Mandala, an dem ein Mönch gerade arbeitet“, sagte ich.

„Und wenn er fertig ist, verwischt er das Ganze und schafft sich ein neues Universum“, seufzte Horst.

„Gut möglich,” meinte Herr Lesch und verwies auf die Bierflasche in seiner Hand. „Wenn ich das Kilkenny hier geleert habe, wird das Gefäß einfach wieder aufgefüllt. Das nennt man dann, frei nach Platon, die metaphysische Ebene.“

„Oder die Mehrwegebene des Pfandsystems, frei nach Coca-Cola. Denn die haben das 1928 erfunden“, sagte Hannes, der Wirt unseres Vertrauens und sammelte die leeren Flaschen wieder ein. Wie gut es doch ist, dass Hannes vor dem Einschlafen immer wieder den Geschichtspodcast „Zeitsprung“ hört. Das bildet, bildete er sich zurecht ein.

Mir war das alles etwas zu metaphysisch, metaphorisch oder sonst irgendwie meta. Rebekka erklärte uns die Ebenen dann so, dass auch Begriffsstutzige wie ich schlauer wurden und bezog deshalb praktischerweise auch Horsts Verflossene mit in ihre Ausführungen ein.

Die Ebene der Formlosigkeit

Damit konnte ich dann natürlich auch etwas anfangen, zumindest hatte ich das, was sie sagte so verstanden: Meine Ex, weilt mittlerweile auf einem weit anderen Planeten, was irgendeiner Ebene zwischen 28 und 31 entspricht – also einer »Ebene der Formlosigkeit«. Zumindest für mich, der ich keine Vorstellung davon hatte, wie es dort, wo sie sich aufhielt, aussehen mochte, transzendierte sie ins Amorphe.

Für sie sah das vermutlich anders aus, ja behaglich aus: Vielleicht gingen jeden Morgen vier wunderbare Sonnen über einem türkisfarbenen Meer auf? Keine Ahnung. Mir bleibt also das Saṃvartasthāyikalpa, was einem leeren Universum entspricht.

Ich könnte hergehen und es mit Planeten erfüllen, wo jeden früh vier wunderbare Sonnen über einen türkisfarbenen Ozean aufgingen und ihr Tagwerk verrichteten. Das wäre möglich, wenn auch etwas kitschig. Doof ist in diesem Zusammenhang nur, dass ich kein Buddhist bin und vor allem bis zum heutigen Tag durch meine christliche Erziehung beeinflusst werde.

Diese Prägung hat zumindest dazu geführt, dass ich seit ungefähr meinem 14. Lebensjahr keine Unzucht mehr geübt habe. Die Hände blieben immer schön über der Decke. Also musste ich mir jetzt einfach den Kopf über das an diesem Abend Gehörte den Kopf zerbrechen. Dass der dann weh tun würde, war unvermeidlich.

Es ist ein Kommen und Gehen allüberall.

Wie die Quintessenz aussieht? Es ist ein Kommen und Gehen allüberall. Mal sieht man goldene Sterne blitzen, mal den Staub auf der Kommode sitzen. Und alles wird immer wieder von irgendwem weggewischt. Beim nächsten Blick in den Nachthimmel wird sich ein anderes Bild ergeben, und der Staub auf dem Möbel wird nächste Woche auch nicht derselbe sein.

Oder so: „Es wird ein Wein sein, und wir werden nimmer mehr sein. Aber auch der Wein wird nicht mehr sein, was er ist.“

Ich erinnerte mich an die letzten Worte, die ich Horst mit auf den Weg gab und hatte mit »Mein Mann« von Ava Vegas den Song dazu im Ohr. „Wenn Du Ilona irgendwann wiedersehen wirst, wirst Du die Frau erkennen, die Du geliebt hast. Aber sie wird Dir auch fremd sein.“
„Soll mich das jetzt trösten?“, fragte er.
„Nö,“ sagte ich und schickte ihm den Link zum Lied von Ava Vegas.

Mein Mann von Ava Vegas
Das Cover von einem der Lieder die Manfred Prescher in Fundamentalteilchen erwähnt: Mein Mann von Ava Vegas | (c) E Works Records

Ich wischte die Gedanken weg, zapfte noch einen Espresso und baute mir einen neuen Tag.

Die Musik zum aktuellen Teil »Fundamentalteilchen« von Manfred Prescher

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Playlist: Manfred Prescher: Fundamentalteilchen
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