Subraumanomalien - Fundamentalteilchen 11 - mit Manfred Prescher (c) Free-Photos auf Pixabay
Manfred Prescher: Dauernd passiert was – Subraumanomalien – Fundamentalteilchen 11/411: Panta rei feat. Sevdaliza

Der Abend war noch verdammt jung.

Wir verließen das »A Thousand Miles to Dublin«, und der Abend war noch verdammt jung. Fast wie ein frisch geschlüpftes Hundchen hatte er noch die Augen zu, denn die Sonne stand zwar schräg, aber noch grell in der Dämmerung.

Als ich auf die Straße trat und auf das hellbraune Holzportal des Nachbarhauses blickte, dachte ich an diesen Song von Funny van Dannen. In dem verließ ein Paar die intime Umgebung ihres Zuhauses – im Streit oder frisch getrennt: „Sie weinte und sie hielt ihn fest/Und er versuchte sich loszureißen/Und er schrie geh weg mit deiner Herzscheiße“.

Wie van Dannen zurecht anmerkte, war das Verhalten des Typen so grob, dass er selbst später noch oft an dieses »Herzscheiße« denken musste. Mir geht es jedenfalls fast immer so, speziell wenn ich gutgelaunt aus dem »Miles« komme und auf die hölzerne Tür dieses freundlich dunkelrosa gestrichenen Wohnhauses blicke: „Wenn jetzt ein Pärchen rausstürmen und er ihr ein wuchtiges ‚Herzscheiße‘ in die Seele brennen würde, dann wäre das kaum auszuhalten“, dachte ich.

Aber es blieb alles still…

Man müsste, ohne die Details des Streits zu kennen, glatt Partei ergreifen. Aber es blieb alles still an diesem spätsonnigen Abend im Herbst. Ich wagte nicht mal leise den üblichen Kilkenny-Seufzer auszurülpsen, so still war es.

„Hallo Erde, hier ist Alpha. Mampf, wo bist Du?“, unterbrach Horst diesen kostbaren Moment des Innehaltens. Rebekka und Nina waren schon weitergegangen. Hand in Hand schauten sie sich den Laden mit den buntbemalten Särgen an. „Wenn schon tot, dann im Hippiestyle. Man stirbt sowieso allein. Da liegt es doch nahe, sich hernach auch individuell wegräumen zu lassen“, meinte Rebekka.

Die beiden lachten und Nina hatte die Idee, für ein extravagantes Graffiti-Sargmodell. „Hey, schlag es doch dem Besitzer vor!“, riet Rebekka. Ich musste mich im Näherkommen einmischen, bevor Nina in den Arbeitseifermodus verfallen konnte: „Daraus wird nichts, der Laden geht zum Monatsende selbst den Gang alles Irdischen.“

Wir hatten inzwischen zu den Damen aufgeschlossen, und ich überlegte, ob ich mich bei Horst einhaken könnte. Mir wäre danach, aber wie würde er die Umsetzung empfinden? Passte das in sein derzeitiges Leidens-Fengshui? Egal, ich machte es einfach – und es fühlte sich trostreich an.

Wir kennen uns schließlich seit unserer gemeinsamen Zeit auf der Klippschule.

Wir kennen uns schließlich seit unserer gemeinsamen Zeit auf der Klippschule. Und die Zeiten, als wir nach getaner Sportlichkeit in Unterhosen duschten, weil wir Angst hatten, der Freund könnte einem was weggucken, waren lang vorbei. Er gab mir einen Schmatz, und ich hielt im auch noch die andere Wange hin.

„Mampf, Du bist einfach zu süß“, sagte Horst und Nina fing darob an, sich vor Lachen zu schütteln, was ich meinerseits mit meinem allercoolsten Thomas--Crown-Gesichtsausdruck und maximaler Ignoranz von mir fernhielt. „Das sagst Du doch zu allen Kerlen“, erwiderte ich. „Nur zu denen, von denen ich wissen will, was sie so auf meinem Boxspringbett alles draufhaben“, lachte Horst.

„Ich ziehe es vor, mein Lieber, wenigstens dieses Geheimnis nicht vor Dir zu lüften. Ich ziehe es außerdem vor, Dir mein geheimes Muttermal nicht zu offenbaren. Es reicht, dass Du meine Mutter mal kennenlernen durftest. Das war peinlich genug.“

Nun lachte Rebekka und Nina erinnerte sich an die Weltuntergangsdiskussion im Foucaultschen Sinne, die wir vorhin bei Hannes im Pub führten: „Wenn ich euch so zuhöre, bin übrigens sicher, dass die Welt nicht einfach so mit einem Donnerschlag untergehen wird. Sie wird an Blödheit veröden wie die Wüste Gobi nach zehn regenlosen Jahren.“

„Hey, Du vergisst, dass die Sandhölle, zumindest laut Walt Disney lebt. Da gibt es zum Beispiel, diese ebenso robusten wie tödlichen Viecher, die Alf als ‚Wüstenhummer‘ bezeichnet.” „Aber für uns arme kleine Menschlein ist die Wüste ein fast so lebensfeindliches Surroundings wie der Plärrer zur Rush Hour“, antwortete Nina, die auf alles eine sinnvolle Antwort wusste. Natürlich hatte sie recht.

Tauch mich ins Wasser und wasch mich rein.

„Wir sollten dringend runter zur Moms. Mal nachsehen, ob der Fluss noch Wasser führt“, schlug ich deshalb vor und dachte an »Take Me To The River« von den Talking Heads: „Bring mich zum Fluss, tauch mich ins Wasser und wasch mich rein.“ Die Moms ist mittlerweile dermaßen renaturiert, dass eine rituelle Waschung durchaus möglich und vielleicht sogar ziel-, mindestens aber wasserführend wäre.

Man geht sogar davon aus, dass die Sauberkeit des Gewässers reichen würde, um urzeitliche Piranhamesodon pinnatomus statt für Salziges für Süßes zu begeistern. Blöd nur, dass die Moms dann als Ort der Reinigung zu gefährlich wäre, denn bekanntlich hat nicht nur der Haifisch Zähne.

Im Gegensatz zu mir dachte Rebekka nicht an die Talking Heads, sondern an den Song, den der Radiomoderator ihres Vertrauens als persönlichem »Liebling der Woche« zelebrierte, weil es so Brauch war. „Diese iranisch-holländische Sängerin, diese Sevdaliza hat ein tolles Lied, das pass echt perfekt in die Stimmung!“, sagte sie „Wegenwarum?“, wollte Horst wissen. Er hatte sich noch nicht mit der Künstlerin und ihrem Liedgut beschäftigt.

Sevdaliza (c) Music on Vinyl & H'art
Das Cover der Album Shabrang von Sevdaliza (c) Music on Vinyl & H’art

„Der Song heißt »All Rivers At Once« – und das umfasst schon im Titel auch die Moms.“ Das mochte so angehen. Schließlich entfaltet unser kleiner Fluss auf nur 78 Kilometer Länge eine solche Pracht, dass man rein gar nicht an den Rhein zu denken oder gar dorthin zu fahren brauchte.

Ich musste dem alten Heraklit und seiner Denk- und Weltformel panta rhei rechtgeben. Tatsächlich war alles im Fließen, erst recht natürlich unser Flüsschen: Nicht einmal der Weltenlauf hält den Strom der Moms je auf. Längst hat das Wasser die Gespräche, die die ehemals beste Liebespartnerin von allen und ich bei unzähligen Spaziergängen führten, mit sich fortgetragen.

Nicht einmal Wortfetzen hingen noch in den Weiden am Ufer. Das hat was durchaus trostreiches, fand ich und wünschte Horst, dass es ihm mit seiner Ilona genauso gehen wird: „Lass das Wasser hinfließen, wo es hinfließen muss. Ich will keinen Schmerz fühlen“, singt Sevdaliza.

Lass das Wasser hinfließen, wo es hinfließen muss…

Während wir den nach unten vor sich hin mäandernden Weg zur Moms entlang gingen, erzählte ich, dass ich die Zeile „Lass das Wasser hinfließen, wo es hinfließen muss“ für eine schöne Umschreibung des immer wieder gepriesenen Loslassensollens oder -müssens halte.

Rebekka, die von uns mit Abstand über die meiste Allgemeinbildung verfügt und dies immer wieder auch mit Anstand zeigt, erklärte, dass die Botschaft des Liedes in seiner Bedeutung vollumfänglich auf Marcel Proust zurückgehen könnte. Sie zitiert aus dem randvollen Gedächtnis: „Loslassen – Setz dich an einen Bach und sei einfach da. Das Lied des Wassers wird deine Sorgen aufnehmen und sie hinab zum Meer tragen.“ Sie ignorierte Horsts kindisches Prusten nur, bis sie zu Ende rezitiert hatte.

„Du bist irre“, sagte sie und grinste. „Du gehörst wegen renitenter Bildungsfeindlichkeit in Behandlung! Warum bist Du eigentlich nicht in der Geschlossenen?“ „Ach, das ist alles geklärt. Meine Psychiater lassen mich im Zuge der Wiedereingliederung an dem Spaziergang teilnehmen. Ich bin für die Dauer unseres Marsches auf Freigang. Du bürgst mit Deiner Unterschrift auf der Bewirtungsquittung bei Hannes für mich“, flötete Horst in Richtung Rebekka.

„Na toll!“, sagte sie und gab ihm ein sachtes Küsschen. Ob Horst rot wurde, bleibt das Geheimnis des längst dunkler gewordenen Abends.

Der Spaziergang war dann übrigens wirklich auf anregende Weise so schön wie »Take Me To The River« von Al Green. Aber das ist eine andere Geschichte – und die erzähle ich nächstes Mal.

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