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Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 1 – Ein Ende mit Fernweh feat. Helgen

am 01 Dezember 2020 von Manfred Prescher

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 1 – Ein Ende mit Fernweh feat. Helgen

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 1: Ein Ende mit Fernweh feat. Helgen                 | (c) Spiralnebel Messier 101 – Creative Commons CC BY 4.0

 

Soll mich das jetzt trösten?

Zwischen halbvollem Latte-Macchiato-Glas und Müslischale liegt dieser ominöse Zettel: „Mach Dir um Himmels Willen keine Sorgen wegen des angebrannten Thermomixes. Dort, wo ich jetzt bin, sind die Teile ein paar tausend Baureihen weiter. Du kannst ihn ruhig verkaufen. Das Angebrannte geht übrigens mit Wasser, Essig und Backpulver leicht raus.“

Als ob ich das nicht wüsste. Was ich aber nicht weiß, ist, ob der Vormittag noch überraschender werden würde. Ich habe eine vage Vermutung, dass es noch kryptischer kommen könnte.

Die beste Liebespartnerin von allen…

Schließlich ist die beste Liebespartnerin von allen auch eine Meisterin des Geheimnisvollen. In ihrer Nähe ist das Leben eine spannende Angelegenheit. Sie ist sozusagen the female master of suspense. Aber wo ist sie eigentlich?

Das merkwürdige Schriftstück verheißt nichts Gutes, der überstürzte Aufbruch auch nicht: Als ich mit den Hunden von der sonntagvormittäglichen Gassirunde zurück komme, wirkt die Wohnung so, als hätte sich die Herzensdame direkt vom Frühstückstisch aus weggebeamt oder wegbeamen lassen.

Sogar Al Jarreaus „Glow“, die Platte, die sie zuletzt gehört hatte, rotiert noch in ihrer Auslaufrille vor sich hin: „So sieht wohl Unendlichkeit aus“, denke ich. Doch so romantisch-traurig ist die Szene nicht, hier dreht sich keine LP im stummen Kreis. Die Zeiten sind vorbei, also sage ich „Alexa, spiele den letzten Song noch mal – und zwar hoppigaloppi“.

Vielleicht steckt eine Botschaft in diesem speziellen Lied? Eine finale Nachricht? Denn irgendwie wirkt alles so endgültig. Außerdem kommunizierten wir oft über Musik miteinander. Ich erinnere mich da an…, aber das tut nichts zur Sache. Überhaupt geistern mir in den Bruchteilen eines Momentes die es braucht, bis Alexa den Song findet und startet, Erinnerungsfetzen durch die Denkmurmel.

Bevor ich diese Gedanken allerdings erwischen kann, sind sie schon weg und dann fängt Al Jarreau an zu singen: „It’s a little bit funny“ – ich stimme ihm zu, es ist funny, aber mehr als a little bit“. Wenn mir nur nach Lachen zumute wäre. Blöd nur, dass „this feeling inside“ eines von der heftig schmerzenden Art ist. Sie ist weg, verdammte Axt.

Worte hängen in den Rollos.

Noch mal von vorn: Was ist eigentlich geschehen? Worte hängen in den Rollos und Gardinen. Sie feiern hier ihr Erntedankfest. Worte, viele Worte. Verzweifelte Liebeserklärungen, Worte der Wortlosigkeit, Worte der Ungereimtheiten, Dichtung.

Das war doch eine gute Beziehung, nicht zweigleisig oder so. Eher wenig monogam von Zeit zu Zeit. Es waren viele Worte. Oft die falschen, selten die, die angebracht gewesen wären. Ob die wenigen richtigen Worte stehenbleiben können und sich halten werden?

Aber was ist richtig oder falsch? Ist ihr „Ich weiß“ als Antwort auf mein „Ich liebe Dich“ richtig? In den meisten Situationen schon. Und war mein „Furie eleison“ richtig? Als ich es im Streit ihrer Wut hinterherrief? Sicher nicht. Ewig währt die Ohnmacht, besonders in solchen Situationen: Wenn der Ausweg zu einem immer schmaler werdenden Tunnel schrumpft. Und es kein Entrinnen zu geben scheint.

Diese kafkaesken Momente, wo plötzlich alle Emotion mit einem dicken schwarzen Pinsel übermalt wird – „I see a red door and I want to paint it black“. Bis die Türe so schwarz ist wie der Rest – und unsichtbar. Was wirklich kostbar ist, zerstört man.

 Der innere Donald Duck.

Wer wirklich wichtig ist, verletzt man. So sieht’s doch aus. Ist sie deshalb weg?  Gerade jetzt, wo ich mich in gewaltfreier Kommunikation übe und den inneren Donald Duck eben nicht nach außen lassen, ihn kontrollieren will. Weiß sie, was ich fühle? Natürlich, das sagte sie. Spielt es eine Rolle? Im Moment wohl eher nicht.

Jetzt weiß ich immer noch nicht, was eigentlich passiert ist. Ich stürze von einem Gefühlschaos ins nächste. Wie der kleine Holger der im Kinderparadies vom skandinavischen Einrichtungshaus immer wieder und mit Schmackes ins Bällebad rutscht. Bloß, dass der Bub Spaß dabeihat.

Ich gehe durch die Zimmer, vielleicht wartet irgendwo noch ein Zettel für mich. Ist sie mit dem Großen König Kalle Unwirsch abgehaun? Oder nur kurz zu ihrer Freundin, die „umme Ecke“ wohnt. Nein, letzteres kann ich ausschließen, weil die Wohnung so abschließend verlassen wirkt. Und weil ich den Thermomix weggeben darf. Vielleicht hat sie mir eine Abschiedsmail geschrieben? Ich denke an das Lied von Helgen.

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 1 – Ein Ende mit Fernweh feat. Helgen

Helgen – Die Bredouille | (c) Broken Silence

Nein, nicht Helge, sondern Helgen. Eine Band aus Hamburg. Helgen ist der Ort in einer Werft, wo direkt an den Schiffen herumgelötet oder genietet wird. Ich gäbe was dafür, wenn wir noch an unserer Beziehung herumlöten würden. Auf das Nieten verzichte ich, ich fühle mich grad eh wie die größte Niete von allen. Was hast Du verloren? Nichts? Stimmt nicht.

Vielleicht fällt Weltraummüll auf Dein Haus!

In Helgens Lied „Tschüss“ ist die Herzensdame auch weg, und er malt sich schlimme Sachen aus: „Vielleicht trifft Dich der Blitz, vielleicht fällt Weltraummüll auf Dein Haus, vielleicht lehnst du Dich zu weit aus dem Fenster raus, vielleicht geht Dein Fallschirm nicht auf“ – 50 selbstzerstörerische ways to leave your lover.

Der Sänger, der doch Helge heißt, aber nicht Schneider, sondern Schulz, hat eine Bitte: „Aber vorher, vorher ruf mich bitte nochmal an, damit ich dir Tschüss sagen kann.“ Sein Wunsch ist auch mein Wunsch.

Nein, die beste Liebespartnerin ist nicht vom Blitz getroffen oder heimtückisch umgebracht worden – da bin ich mir eigentlich sicher. Und zum großen König Kalle Unwirsch würde sie wohl auch nur gehen, wenn für sie feststünde, dass er längerfristig gut zu ihr ist. Die  vielen fatalen Erlebnisse – gerade mit Männern wie mir – hanem sie umsichtig werden lassen.

Vorbeugen ist schließlich besser als Nachhintenfallen und Vorsicht ist die Mutter des Hühnerstalls. „Sie ist weg“, seufze ich und rede mit mir selbst. Kunststück. Es ist ja sonst niemand mehr da. Selbst Al Jarreau ist mittlerweile stumm.

Sie ist weg!

Also nochmal: „Sie ist weg!“. Mit gedachtem Ausrufezeichen. „Wie weg? Nur weg oder gleich weg weg?“, frage ich mich und kenne die Antwort: „Na weg weg!“

Ich will das Notebook starten, doch mein Blick fällt auf die Tastatur. Da liegt wieder ein Zettel, oder nein, das Teil wirkt eher wie ein Streifen allerdünsten Blechs oder Aluminiums. Ich nehme es in die Hand und entdecke feine Kerben. Das Ding sieht aus als sei es von der IBM Großrechenanlage System/370-165 ausgespuckt worden. Ich kann damit nichts anfangen, aber das muss ich auch nicht.

Denn abgesehen davon, dass ich grad einen Scheiß muss, höchstens drüben im „A Thousand Miles to Dublin“ ein Kilkenny trinken und ein paar Beruhigungsdarts werfen – die Erklärung nimmt mir mein Toshiba-Laptop ab. Der Rechner fährt wie von Geisterhand gesteuert hoch. Statt des Windows-Bildschirms, der mich als Administrator auffordert, das Passwort einzugeben, wird mir die Übersetzung angezeigt.

Das Blech kann reden, und ich bin nicht mehr der Administrator, bin nicht mehr der Superheld, der mit Worten Menschen zum Dahinschmelzen und Neubauten zum Einstürzen bringt. Ich kann nur noch reagieren, nein, selbst die Reaktion wird mir abgenommen. Denn was soll ich dazu sagen – und vor allem zu wem? Das glaubt mir sowieso kein Schwein.

Ich bin dann mal weg, Mampf.

„Ich bin dann mal weg, Mampf. Dort, wo ich jetzt bin“ … nun sag schon endlich, wohin es Dich verschlagen hat, wenn Du nicht den Mumm hast, mich nochmal anzurufen – „kann ich Dich leider nicht anrufen. Die Vorwahl wäre schon so lange, dass es zu unseren Lebzeiten kein Verbindungsaufbau möglich wäre. Ich habe mich dazu entschlossen, mit den friedlichen Leuten von Melmakzack mitzufliegen.

Du brauchst nicht zu folgen. Selbst mit Lichtgeschwindigkeit würdest Du mehrere tausend Jahre für die Strecke benötigen. Abgesehen davon: Ich habe es hier so gut, dass ich nicht mal einen Thermomix brauche. Mir fliegen quasi die gebratenen Tofustücke direkt in den Mund. Denn die Melmakzacker huldigen mir, wie ich es doch wohl verdient habe. Jedenfalls sind sie extra wegen mir den weiten Weg gekommen, weil ich unter all den Frauen, die es im All gibt, die optimale Königin bin.

Grüße die Hunde von mir!

Das hat das virtuelle Casting zweifelsfrei ergeben. Also mach Dir keine Sorgen, ich komme mit dem Job sehr gut zurecht. Danke für alles. Wenn es Dich tröstet: Du warst auf Deine unberechenbare Art sehr zuverlässig. Ich drück Dich. Grüße die Hunde von mir, sie werden mir fehlen.“

Weltraumschrott ist ihr also nicht auf den Kopf gefallen. Sie wurde vom Weltraumschrott aufgegabelt und mitgenommen. Obwohl, richtig schrottig kann das Raumschiff der Melmakzacker eigentlich nicht sein. Denn ihr Planet liegt, wenn ich Harald Lesch glaube, noch eine ganze Ecke hinter der Whirlpool-Galaxie Messier 101.

Melmakzacks next Superqueen

Und schon dahin kann man nicht einfach so mit den Adiletten hin spazieren, mal ganz davon abgesehen, dass die Luft auf dem Weg sehr dünn werden würde. Beruflich hat sie sich verbessert. Von wegen „Melmakzacks next Superqueen“ oder so. Und da sie gern ferne Länder bereist, wird doch irgendwie ein Pumps draus.

Schade, dass sie nicht „Tschüss“ sagen kann oder will. Ich hätte gern ihre Stimme noch einmal gehört – und diese wunderbaren Worte gehört, die nur sie so gekonnt aus dem jeweiligen Kontext reißt und in neue Zusammenhänge stellt. Aber die wären wohl sowieso unangemessen.

Seit die beste Liebespartnerin von allen auf Arte eine Dokumentation über Wiliamina Fleming, Henrietta Swan Leavitt, Annie Jump Cannon und die anderen Frauen gesehen hat, die im späten 19. Jahrhundert am Harvard College Observatory mittels Foto- und Spektrografie die Sterne exakt kartografiert haben, ist sie von fernen Galaxien begeistert.

Schönen Tag noch, Blödmann!

Und nun wandelt sie quasi auf den Warp-Signaturen von Captain Janeways Raumschiff Voyager. Und ich? Ich muss einen anderen Weg finden, um „Tschüss“ zu sagen, loszulassen und abzuschließen. Zunächst werde ich den Thermomix weggeben. Oder nein, ich gehe jetzt erstmal ins „A Thousand Miles to Dublin“.

Und Du, Alexa, „spiele bitte was anderes“
„Spezifiziere bitte ‚was anderes‘!“
„Mir egal, ach, halt einfach für heute die Klappe!“
„Ich bin jetzt eingeschnappt. Schönen Tag noch, Blödmann!“
„Sorry! Alexa, spiel ‚Cecila‘ von Simon & Garfunkel“

Kurz darauf sitze ich trübsinnig im Pub, rede halb mit mir selbst und halb mit Hannes, dem Barkeeper, der dabei Gläser spült und dunkle Biere zapft: „Wir waren ein paar Jahre zusammen. In der letzten Zeit hörte sie auf, mich zu lieben und wurde immer unglücklicher.

Ich liebe sie immer noch, also lasse ich sie ziehen. Es ist besser für sie. Und weil ich sie liebe, muss ich das tun.“ Dass mir die Entfernung zu Melmakzack gar keine andere Wahl ließ, verschweige ich lieber.

Denn erstens klingt das so viel heroischer und zweitens glaubt mir die Geschichte sowieso kein Schwein. Geschweige denn ein lebenserfahrener Barkeeper wie Hannes…

Web-Links zum Text:

 

Prechers Fundamentalteilchen – die Kolumne

» Fundamentalteilchen - Alle Teile der Kolumne lesen!

 

Youtube Playlist: Manfred Prescher »Fundamentalteilchen«

 

Manfred Prescher – Bio des Autors:

Manfred Prescher: Fundamentalteilchen 1 – Ein Ende mit Fernweh feat. Helgen

Manfred Prescher | (c) Dominik Ultes

(* 17. Juli 1961 in Nürnberg) ist ein deutscher Journalist, Buchautor und Radiomoderator.

Wenn man seinen Nachnamen nur hört, ist es schwierig, zu verstehen, ob es “Brescher” oder “Prescher” heißen soll. Denn Manfred Prescher ist Nürnberger.

Und wie »sein« Ex-Oberbürgermeister Maly kann er einfach nicht zwischen harten und weichen Mitlauten differenzieren. Da hilft ihm weder seine langjährige Erfahrung als Radiomoderator noch der Umzug ins Ländle des Herrn Kretschmann.

Geboren wurde Manfred Prescher am 17. Juli 1961 direkt auf der Stadtgrenze von Nürnberg und Fürth, mit dem Schreiben begann er kurz darauf: Erste Gedichte verfasste er im Alter von zehn Jahren, was danach folgte, war und ist eine Mischung aus Leidenschaft, wachsender Professionalität und Neugier für spannende Themen.

Er war unter anderem Chefredakteur beim Münchner Stadtmagazin, Redaktionsleiter einer großen PR-Agentur und für diverse Magazine tätig.

Von 2005 bis zum Sommer 2020 widmete Prescher sich – mit Unterbrechungen – bei  evolver.at  und Kolumnen.de 400 Mal der Kolumne „Miststück der Woche“. Gemeinsam mit dem Grazer Journalisten Günther Fischer ein halbes Dutzend mehrere “literarischer Sachbücher” zur Pop- und Rockmusik veröffentlicht.

Seine letzten Solo-Veröffentlichungen: »Es geht voran – die Geschichte der deutschsprachigen Popmusik« und »Es war nicht alles schlecht« (60 ausgewählte Miststücke aus 15 Jahren). Zur Zeit warten einige Bücher darauf, unter das lesende Volk gebracht zu werden.

 


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