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  Lesedauer: 44 Minuten

Selig 2

 

Freitag, 12. Juli und Samstag, 13. Juli
Urban Mash Up Allstars
feat. Irma Miriam Bryant, Flo Mega, Fetsum, Matteo Capreoli
Die Eröffnung des Kulturzeltes im vergangenen Sommer war eine so große Freude, das Konzert Extraklasse – daher werden wir dieses Konzept in diesem Jahr fortsetzen. Diese beiden Abende werden schon ein Fest für sich!

Für die Worte Vielseitigkeit, Neugier und Arbeitseifer gibt es ein Synonym: Urban Mash Up Allstars. Eine munter in der Welt umherziehende Band mit Wurzeln in den verschiedensten Ländern und Kulturen. HipHop, Soul, Funk, alles bedacht, alles auf die Bühne gepackt. Als mächtig groovende Antriebseinheit stehen abermals die Jonny Blazers, Bläserfraktion bei Jan Delay auf der Bühne. Vor einem Wall-of- Sound bitten die Urban Mash Allstars die Creme de la Creme auf die Bühne und präsentieren eine ganze Revue intelligenter und gut gelaunter Musik. Dabei sind wieder und aus gutem Grund Matteo Capreoli und Fetsum. Die beiden sind das A und O dieses Konzeptes.

But Ladies first: Wer Künstlerinnen wie Zaz oder Ayo liebt, der wird sich mit Irma freuen: Die Wahlfranzösin bringt ihr Debüt „Letters to the Lord“ nach Deutschland – und beweist nebenbei, was das Internet zu leisten vermag. Irma stammt aus Kamerun, lebt nun in Frankreich. Irma, ist auf dem besten Weg, die großen Bühnen dieser Welt zu erobern – mit nichts anderem als ihrer Stimme, einer Gitarre und einem unerschöpflichen Vorrat an Spielspaß. So begann es: Irma singt „I want you back“ von den Jackson Five, „I try“ von Macy Gray, eben alles, was sie lockt. Schließlich wagt sie sich an „Au Suivant“, einem Chanson von Jacques Brel und ein Klassiker. Mit einem Klick auf „Ajouter une vidéo“ veröffentlicht sie das Ergebnis auf Youtube, und diese Entscheidung sollte ihr Leben verändern. Ihr Youtube-Kanal wird tausendfach aufgerufen. Als Michael Goldman auf ihre Brel-Interpretation stößt, bleibt er hängen. Goldman ist eine Institution von „My Major Company“ in Frankreich. Und er ist begeistert. Irma beherrscht nicht nur Gesang und Gitarre, sie spielt auch Schlagzeug, Bass und Klavier. Außerdem steuert sie einen Sampler per Fußpedal. So kann sie einzelne Instrumentalsparts, ein paar Takte geklopften Beat oder auch ihre eigene Stimme aufnehmen, und den Song Schicht für Schicht aus Details aufzubauen. Jeden Loop legt sie über den nächsten, es ist faszinierend. In aller Ohren ist „I Know“, das sie gemeinsam mit Mic Donet singt. Großartig.

Miriam Bryant ist das glückliche Ergebnis einer ungewöhnlichen Liebe zwischen einem englischen Bäcker und einer finnischen Lehrerin. Sie wuchs im schwedischen Göteborg mit dem Besten aus gleich drei Welten auf: Das musikalische Erbe ihres britischen Vaters vermischte sich in Schweden, dem Mutterland des Pop, mit der Melancholie ihrer finnischen Mutter. Soul trifft Beat. Und immer im Mittelpunkt: ihre einzigartige Stimme, die schon bei Studio-Aufnahmen begeistert, aber ihre volle Sogwirkung live ganz entfaltet. Miriam verblüfft mit ihrem roughen liebenswerten Charme, ihrem schier umwerfenden Gesang. In Schweden als ”#1 breakthrough artist of 2013” geadelt, bereitet sich Miriam Bryant für den Siegeszug durch Europa vor und veröffentlichte erst Anfang des Jahres ihre erste Single ”Finders Keepers” in Deutschland. Eine echte Entdeckung!

Flo Mega ist ein Soulman. Einer, der zum Himmel schreit, ein exzellenter Entertainer und begnadeter Performer. Einer, der sein Publikum um den Finger wickelt, zum Lachen bringt und dabei ganz tief berührt. Er liebt das Leben, er lebt den Blues. Mit viel Seele auf der Zunge und mit einem außergewöhnlichen Gespür für Texte und Töne ausgestattet, trotzt Flo Mega der eckigen deutschen Sprache und verknüpft seine fließende Lyrik geschickt mit dem stilsicheren Sound einer kreativen Persönlichkeit. Soulmusik hieß früher Rhythm & Blues, doch der Blues, den Flo Mega singt, hat weder breite Hutkrempe noch Slidegitarre. Er kommt auch nicht vom Mississippi. Flo Mega hat den Großstadtblues, er kommt aus den Bars und Nachtlokalen Bremens, Berlins und Kölns, urban und kraftvoll.

“Hut auf, gut drauf“ – Matteo Capreoli trägt die Kopfbedeckung mit Begeisterung. Bewegung, Wärme, Lebensfreude. Matteos Songs atmen diese Eigenschaften und versprühen dieselbe kreative Rastlosigkeit, die auch den Künstler umtreibt. Texte wie „Geh weiter“ spiegeln dies wieder: „Lass dich nicht halten, du kannst noch viel weiter gehen! Geh weiter, bis dir was von zuhause fehlt!“ heißt es da, begleitet vom eingängigen Rhythmus und der Soul-Stimme, die Matteo Capreoli ebenso auszeichnet wie sein zweites Markenzeichen: Der Lockenkopf. Matteo spielt und spielte mit Manumatei, Fola Dada, Fetsum, Chima, Cassandra Steen, Various Artists, Trijo. Heute wandert er mit deutschen Texten von Soul zu Pop, von Reggae zu Hip Hop.

Fetsum beschreibt seine Musik als Urbanfolk. Er hat Charisma, eine tolle Stimme und ein enormes Gefühl für den richtigen Beat. Das Licht der Welt erblickte der Eritreer in Ägypten. Später aufgewachsen in Italien und Deutschland, gewähren seine Texte Einblicke in die Seele eines Cosmopoliten. Das cosmopolitische als Ausdruck von Freiheit ist auch Fetsums stetiger Antrieb, es spricht aus seiner Musik und seinen Texten. Er schöpft mit genialer Stimmgewalt aus Soul, Rhythm and Blues, Jazz und Reggae. „Deutschlands Soul-Brother No. 1“, also? Die Konkurrenz, die Fetsum das Wasser reichen könnte, ist jedenfalls sehr, sehr rar.

 

Sonntag, 14. Juli
Selig (D)
Magma
Selig sind in das kollektive Gedächtnis der deutschen Grunge-Generation eingebrannt. Ende 1997, nachdem sie den Großteil der Filmmusik zu „Knockin‘ On Heaven’s Door“ eingespielt hatten, war eine künstlerische Pause wichtig. Zuviel Ruhm, zuviel Rummel. Bis 2007 dauerte das Sabbatical, dann ging es wieder los. Zwei erfolgreiche Alben und ganz euphorisiert vom neuen Ideenreichtum legen die Hanseaten Anfang 2013 den dritten Streich seit der Reunion nach. „Magma ist das Wort, das wir ewig gesucht haben, um die Energie zu beschreiben zu, die uns seit der Reunion umgibt.“ Bis dahin hatten Jan Plewka und Kollegen den langen Weg zu einer der wichtigsten deutschen Rockbands der Neunziger hingelegt. Natürlich sind Zusammenhänge wichtig. Aber hier und jetzt wollen wir für einen Moment mal alles beiseite legen und das neue Selig-Album betrachten, ohne an gestern oder morgen zu denken. Warum? »Magma« ist ein derart jetztzeitiges, frisches und vitales Album geworden, dass man nicht einen Moment lang auf die Idee kommt, hier einer Band zu lauschen, die bereits auf eine derartige Karriere zurückblickt wie Selig. Einer Band, der nun ausgerechnet im 20. Jahr ihres Bestehens ein ebenso wütendes wie introspektives, bisweilen clever ironisches, dann wieder klug den Zeitgeist analysierendes Monster von einem Album gelingt. Wir sind also mitten in der post Reunion der Selig-Geschichte.

Während »Und endlich unendlich« und das Folgealbum »Von Ewigkeit zu Ewigkeit« den Prozess der Selbstfindung dieser fünf ungleichen Freunde und Musiker reflektierten, richtet »Magma« den Blick nach vorne – und nach außen. Die selige Innenpolitik ist intakt, also fragen sie sich nun: „Was passiert in der sonstigen Welt?“ Aufgenommen hat die Band das neue Album in den East Midlands, in England. Nachdem die vorangegangenen Alben in eigener Regie entstanden waren, wollten Selig für »Magma« wieder mit einem Produzenten arbeiten. Schließlich kamen sie durch einen wunderbaren Zufall an den vermeintlichen „Rick Rubin von Europa“. Die Rede ist von Steve Power, der mit Blur und zahlreichen anderen Hochkarätern gearbeitet, vor allem aber gemeinsam mit Guy Chambers die entscheidenden ersten fünf Robbie-Williams-Alben produziert hat. Power könnte sich also mit einigem Recht entspannt zurücklehnen. Genau das tat er aber nicht. Er erkundigte sich über die Band und war begeistert . Sofort wollte er rüberkommen und die Musiker kennen lernen. »Und nur kurze Zeit später stand er dann tatsächlich bei uns im Studio«, erinnert sich Plewka lachend. So entstand ein Werk, dem man die Produktionsstätte durchaus anhört. „Ein Leben im Überflug, mit Leichtsinn und Selbstbetrug“ – Plewka und Selig kennen es. Der harten Grunge- und Alternative-Fixierung der früheren Jahre fügt die Band nun in einem zuweilen wilden Parcoursritt auch Einflüsse von Rock, Blues und Pop, Folk und Soul hinzu – ein fesselfreies Werk seit der Bandwiederbelebung: mutig, innovativ und frisch.

 

Montag, 15. Juli
Anna Depenbusch (D)
Sommer aus Papier
Anna Depenbusch hat Sonne im Herzen. An Piano und Flügel sitzt Anna Depenbusch nur zu gern. Ihre schönsten Lieder sind an diesen Instrumenten entstanden. Die ihres beeindruckenden Debüts „Die Mathematik der Anna Depenbusch“ und der gleichnamigen schwarz-weißen „Solo am Klavier“-Version. 2012 wird Anna gleich zweimal ausgezeichnet: mit dem Fred-Jay-Preis für ihre außergewöhnlichen Liedtexte und mit dem Deutschen Chanson Preis. Soweit, so gut, doch sind Piano und Flügel so fürchterlich groß und absolut unhandlich. Fürs Reisegepäck zu sperrig, fürs Handgepäck erst recht. „Was kannst du machen, wenn du noch dazu mit einem Seemann zusammen bist und ihm an die unmöglichsten Plätze dieser Welt hinterher reist, um dich dort mit ihm zu treffen?“. Rettung naht in Form eines viersaitigen Zupfinstrumentes, der Ukulele. „Die konnte überall mit hin und auf diesem magischen Instrument konnte ich wieder Musik machen, wann und wo ich wollte“ – Problem Reisegepäck gelöst.

Während Anna Depenbusch die Welt umrundet, erwächst nach und nach die zunächst unscharfe Vision für eine neue Platte. „Ich sehe bereits früh ein fertiges Album, das war bei allen vorherigen Alben genauso“, erzählt sie munter drauf los, „die Lieder müssen dabei noch nicht komplett sein. Doch weiß ich schon, wie sie klingen sollen. Wird die erste Vision zu einem tiefenscharfen Bild, dann geht die Arbeit los. Schärfe erfährt das Bild diesmal durch eine Hawaiitapete. „Ich sah sie und im gleichen Moment wusste ich, ich werde eine Kontrast-Platte zum Schwarz/Weiß-Album schaffen, sie wird bunt sein, so farbenfroh, wie die Hawaiitapete. Sie wird mit Sommer zu tun haben“. Dabei ist Anna Depenbusch gar kein Sommerkind. Sie liebt eher den Winter. Eine Zeit, in der sie am produktivsten ist. Doch bereits der erste Blick auf diese Hawaiitapete provoziert in ihr die Frage: „Was ist bloß los mit dem Sommer und mir? Ich muss das ergründen!“ Fortan begleitet diese Hawaiitapete Anna Depenbusch durch ihr Leben.

Erst hat sie eine Wand in ihrer Wohnung damit tapeziert. Dann ist sie überall hin mitgekommen: ins Studio, zum Fotoshooting und ihrem Auto liegt auch eine. Und natürlich war es auch die Tapete, die den Titel der neuen Platte von Anna Depenbusch provozierte, „Sommer aus Papier.“ Es ist der Sommer, den das Papier der Tapete zeigt. Der ist nicht wirklich da. Nicht echt. Es ist auch nicht wirklich Bikinizeit“, reflektiert sie die Metapher, „den bastle ich mir, aus Glanzpapier, damit aber ist er stets brüchig. Er kann kaputt gehen. Kann wegwehen. Passt aber in jede Hosentasche. Manch eins der Lieder wirkt zunächst wie ein leichtes Kinderlied und dann geht es plötzlich um sehr nachdenkliche Dinge. Mit einer knallgelben Ukulele in der Handtasche ist sie nun unterwegs. Bereit, überall und jederzeit den Sommer herbeizuspielen. Einen Flügel stellen wir ihr trotzdem hin – wenn sie fliegen möchte.

 

Mittwoch, 17. Juli
Youn Sun Nah & Ulf Wakenius (Korea / SE)
Lento
Dem Volksglauben nach treffen sich Jazz-Künstler in Clubs. Spielerisch findet dort das zusammen, was augenscheinlich zusammen gehört: Jazz in allen Interpretationen. Ähnlich war es auch bei Sängerin Youn Sun Nah und dem Gitarristen Ulf Wakenius: Die beiden trafen sich erstmals bei einem Jazzfestival in Dänemark und auf Anhieb war eins klar: Musikalisch funktioniert es zwischen dem Schweden und der Frankokoreanerin, die erst über Umwege zum Jazz gefunden hat – die Funken der Inspiration sprühten. Nach einigen gemeinsamen Sessions entstand ebenfalls in geradezu perfekter Kooperation Youn Sun Nahs siebtes Album „Lento“, das erstmals auf dem renommierten Jazzlabel ACT erschien und von der Kritik als ›Entdeckung des Jahres‹ gefeiert wurde. Selten hat eine Sängerin die Jazzwelt so im Sturm erobert. Mit dem Nachfolger ›Same Girl‹ und der ECHO Jazz Auszeichnung in der Kategorie ›Beste Künstlerin international‹ in der Tasche war es dann nicht mehr zu übersehen: Hier hat jemand mit Star-Qualität die Jazzszene betreten, jemand, der auf einzigartige Weise Brücken schlagen kann. Brücken zwischen Asien und Europa, zwischen Jazz, Chanson und Pop, zwischen höchster technischer Präzision und extremer musikalischer Freiheit, zwischen Minimalismus und Überschwang, zwischen Bekanntem und Unbekanntem. Über 150.000 verkaufte Exemplare von „Same girl“ – das ist heutzutage eine Sensation. „Lento“, die neueste Produktion, wird an diesen Erfolg anknüpfen.

Und mit Ulf Wakenius hat sie den idealen kreativen Partner gefunden. Sein unglaublich virtuoses und zugleich leichtfüßiges Gitarrenspiel gibt ihrer Stimme den Raum, den sie benötigt um sich auf diese ungeheuer grazile Weise zu entfalten. Live zeigen die beiden sich unschlagbar und verzichten gänzlich auf Schlagwerk und Bass. Im Duo mit dem Ex-Oscar-Peterson-Gitarristen Ulf Wakenius intoniert Youn Sun Nah schlicht ergreifende Musik – von „My Favorite Things“ (nur mit der Kalimba begleitet) bis „Enter Sandman“ (Metallica, aber mit akustischer Gitarre). Das ist mehr als nur „Vocal Jazz“. Das ist virtuos, schillernd, intelligent – und grenzenlos bezaubernd.
Hier trifft einer der virtuosesten Gitarristen auf eine der ungewöhnlichsten und charmantesten Sängerinnen der Gegenwart!

 

Donnerstag, 18. Juli
Manu Dibango (Kamerun)
Past Present Future
M-Ma-Se, M-Ma-Sa, Ma-Mako-Ssa“ – der weltbekannte Refrain wurde von Stars wie Michael Jackson, Jay-Z, Omar & Fred oder auch Rihanna benutzt. Urheber ist jedoch der kamerunische Saxophonist Manu Dibango. Seine musikalische Frühbildung im Kirchenchor. In seiner Schulzeit in Frankreich entdeckte Manu Dibango seine Liebe für den Jazz und lernte Klavier spielen, gab dann dem handlicheren Saxofon den Vorzug. „Soul Makossa“ brachte ihm den internationalen Durchbruch. Es folgten zahlreiche Plattenaufnahmen und die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Serge Gainsbourg, Peter Gabriel, Sting, Youssou N’Dour, Angelique Kidjo und Papa Wemba. 2010 wurde Manu Dibango zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Für die Musik des afrikanischen Pop-Patriarchen Manu Dibango gibt es keine Stil-Schublade. Der Multiinstrumentalist aus Kamerun, der hauptsächlich in Paris lebt, pfeift auf museumsreife ethnische Reinheit und mischt zusammen, was zwischen New York, der Karibik und Afrika die Menschen zum Tanzen bringt.

Manu ist ein Profi für die Fusion von Klängen unterschiedlichster stilistischer und geographischer Herkunft, seine Musik ein animierendes Gemisch aus hartem amerikanischem Electro-Funk und den zarten Tönen einer afrikanischen Kora-Harfe, aus Dibangos lakonischen Saxophon-Riffs und schwarzem Chorgesang, aus Soul, Jazz und afrokubanischem Trommel-Tamtam. Über die Jahrzehnte hat Manu Dibango einen musikalischen Stil kreiert, der heute junge Künstler, Musiker und Bands inspiriert. So stand der Herzblutmensch dann auch mit vielen Berühmtheiten auf Bühne und im Studio, er muss getrost zu den Größen der Musik des afrikanischen Kontinents wie Miriam Makeba und Femi Kuti gezählt werden. Kein Stillstand im künstlerischen Schaffen, Manu Dibangos Musik funktioniert im Club wie zum Sonnenuntergang, er ist eine stete Quelle der Inspiration. Und auch wenn er bereits über 70 Jahre alt ist , legt er das Saxofon nicht aus seinen Händen , lebt seine Musik und arbeitet mit einem jungen Produktionsteam zusammen, das gehörig elektrisches Feuer entfacht – vor allem live. Neu aufgenommene Hits, neue Features und viel frischer Wind der zum Tanzen und Feiern einlädt, eben das Beste aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

 

Freitag, 19. Juli
Tindersticks (UK)
The Something Rain
Bei ihren Auftritten tragen sie in der Regel Anzüge und ihre Sprache ist herrlich Upper-Class-Englisch – das ist aber auch schon alles, was versnobbt an den Tindersticks ist. Sie machen komplexe und intensive Lieder, die von poetischen Texten und Klarheit geprägt sind, getragen von murmelndem Gesang und melancholischer Orchestrierung. Nach vielen gefeierten Alben, Cooperationen mit Jarvis Cocker (Pulp), Kurt Wagner (Lambchop) und Calexico kehrt die legendäre Band nun wieder auf die Bühnen zurück. Ihren 20. Geburtstag haben sie unlängst gefeiert, und Stuart A. Staples sagt dazu: „We are still drinking, laughing, crying, fighting, fucking, making our music“. Dass ein stehts frischer und manchmal stürmischer Wind in der Band weht, zeigt sich an der Dichte der Auftritte und der Veröffentlichungen in den letzten Jahren: 2010 erscheint „Falling Down A Mountain“, im Februar 2012 „The Something Rain“. Nach zwei Studioalben treten die Tindersticks nun in eine neue Schaffensphase ein, die wunderbarer nicht sein könnte.

Stuart A. Staples, der alte Melancholie-Crooner, lässt sich Zeit, lässt erst die schweren Bass-Grooves heranrollen, bevor er anhebt: „Show Me Everything“, als hätte er immer noch nichts kapiert von der Liebe im besonderen und dem Leben im allgemeinen. Melancholie: es gilt dieses zarte, neurotische Pflänzchen auch zu verteidigen: als Miserable Way of Life, der unfassbar glücklich machen kann. Elegant, episch und sehr atmosphärisch ist das hier. Ganz egal, ob „Show me everything“ an Nick Cave erinnert, „This fire of autumn“ an die späten Blur und „Medicine“ an die verstörenden Devastations: Alles fließt zusammen, jede Note gehört genau an den ihr zugedachten Ort. So homogen und voller Selbstsicherheit haben Tindersticks schon seit ein paar Alben nicht mehr geklungen. „The Something Rain“ kommt mit solch ungeahnter Wucht daher marschiert, dass es als Ausrufezeichen einer Band angesehen werden darf, die es um jeden Preis noch einmal wissen will. Schon allein die Art und Weise, wie die sieben Tindersticks Pomp mit Pop kombinieren, Saxofone niemals schwülstig klingen lassen und Staples‘ Stimme gar zu den lieblichsten Songs einen spröde Gegenpart bildet, ist phänomenal. Happy being sad.

 

Samstag, 20 Juli
Quadro Nuevo (D)
End of the rainbow
Wie kommst du zum Ende des Regenbogens? Ein Realist würde sagen: gar nicht. Ein Philosoph würde sagen: durch deine Vorstellungskraft. Ein Theologe würde sagen: durch deinen Glauben. Ein Betrüger würde sagen: gib mir Geld und ich zeig dir den Weg. Eine Mutter würde sagen: in deinen Träumen. Ein Kind würde sagen: ist doch ganz einfach. Ein Tor würde sagen: hinter dem nächsten Hügel, da müsste es sein, das seh ich genau. Ein Musiker würde sagen: hör zu!

Quadro Nuevo lädt ein, mit dem Fliegenden Teppich zum sagenumwobenen Ende des Regenbogens zu schweben. Tangos, betörende Arabesken, Melodien aus dem alten Europa – mit Grandezza vorgetragen und intim beleuchtet. Fast schon verklungene Lieder, die es wert sind vor dem Vergessen bewahrt zu werden, bezaubernde Kleinode wie Charles Trenets „Que reste-t-il de nos amours“ oder der tiefgründige „Tango del Mare“. Die Intensität eines Astor Piazzolla trifft auf lustvolle Virtuosität. Nach der Weltmusik-Tour Grand Voyage wendet sich Quadro Nuevo hier wieder der tiefen Leidenschaft für den Tango zu. Der Reichtum am Ende des Regenbogens: er offenbart sich nicht in Form von Gold, sondern im Überschwang des Glücks, der in jedem Ton zu hören ist.

Quadro Nuevo ist die europäische Antwort auf den Argentinischen Tango. Arabesken, Balkan-Swing, Balladen, waghalsige Improvisationen, Melodien aus dem alten Europa und mediterrane Leichtigkeit verdichten sich zu märchenhaften Klangfabeln. Diese erzählen vom Vagabundenleben, den Erfahrungen und Begegnungen auf der großen Reise des Lebens, den kleinen Zufällen und den großen Momenten, von Zartheit und wildem Temperament, immer getrieben zwischen östlichen und westlichen Winden, zwischen verzehrender Sehnsucht und genussvoller Erfüllung – zwischen dem Bitteren und dem Süßen. Quadro Nuevo tourt seit 1996 durch die Länder der Welt und gab über 3000 Konzerte: Sidney, Montreal, Ottawa, Kuala Lumpur, Istanbul, New York, New Orleans, Mexiko City, Peking, Seoul, Singapur, Tunis, Tel Aviv.

Vom beschaulichen Oberbayern über die Alpen bis Porto, von Dänemark über den Balkan bis zur Ukraine quer durch Europa. Immer unterwegs hat das Instrumental-Quartett abseits der gängigen Genre-Schubladen eine ganz eigene Sprache der Tonpoesie entwickelt. Das Geheimnis ist Hingabe: Selten hat man erlebt, dass Musik mit so viel Spannung, Verve und Einfühlungsvermögen in fremde Kulturen dargeboten wird. Die Auftrittsorte der vier Musiker sind so verschieden wie die Wurzeln ihrer Musik: Quadro Nuevo ist nicht nur in Konzertsälen und auf Festivals zu Gast. Die spielsüchtigen Virtuosen reisen auch als Straßenmusikanten durch südliche Städte und fordern als nächtliche Tango-Kapelle zum Tanz, sie konzertieren in Jazz-Clubs und in der New Yorker Carnegie Hall. Die CDs von Quadro Nuevo erhielten den Deutschen Jazz Award, kletterten in die Top Ten der Jazz- und Weltmusik-Charts und wurden in Paris mit dem Europäischen Phonopreis Impala ausgezeichnet. In den Jahren 2010 und 2011 erhielt Quadro Nuevo jeweils den ECHO Jazz als bester Live Act und wurde so mit dem höchsten Deutschen Musikpreis von der Deutschen Phono-Akademie geehrt.
Mulo Francel,Saxophone, klar; D.D. Lowka, bass, perc; Andreas Hinterseher, accordeon, vibrandoneon, bandoneon; Evelyn Huber: harp, salterio

 

Sonntag, 21. Juli
Michael Wollny Trio (D)
Wasted & Wanted 2013
Michael Wollny, geboren 1978, gilt als „stärkste Jazz-Musikerpersönlichkeit die Deutschland seit Albert Mangelsdorff hervorgebracht hat“ (Hamburger Abendblatt). Der zweifache ECHO Jazz Gewinner sorgt mit der so raffinierten wie energetischen Musik seines international gefeierten Trios „Michael Wollny’s [em]“ für Furore. Wie kaum eine andere Gruppe nach e.s.t., hat Michael Wollny´s [em] die Spielregeln des klassischen Jazz Piano Trios geändert und erweitert. Michael Wollny´s [em] hat einen neuen Maßstab gesetzt. Eigentlich sollte sich das Trio, das sich nach den Anfangsbuchstaben der Vornamen ihrer Mitglieder benannte, jetzt vorübergehend in Michael Wollny´s [tem] umtaufen. Denn: Eva Kruse ist in freudiger Erwartung eines zweiten Kindes und lässt ihren Bass deshalb ein Weilchen ruhen und für Pianist Michael Wollny und Schlagzeuger Eric Schaefer kam eigentlich nur eine würdige Vertretung in Frage: US-Bassist Tim Lefebvre, den sie 2010 im Rahmen einer überaus erfolgreichen JazzToday-Tour kennen gelernt haben. Damals teilten sich Michael Wollny´s [em] und die Band Rudder diverse Bühnen. Bei Michael, Eric und Tim war es Liebe auf den ersten Takt. Michael Wollny: „Eigentlich haben wir uns den Bassisten eingeladen, von dem wir am wenigsten erwarten, dass er die Dinge ersetzt, die Eva tut. Im Gegenteil. Tim wird uns alle überraschen, verblüffen, inspirieren und herausfordern – mehr können wir uns für die Babypause von [em] nun wirklich nicht wünschen.“

Der Amerikaner Tim Lefebvre spielte mit Uri Caine, Wayne Krantz, Donald Fagan, Bill Frisell und Neil Diamond, war Mitglied der „Saturday Night Live Show“, ist an der Musik zu Kultfernsehserien wie „The Sopranos“ oder „30 Rock“ beteiligt. In Michael Wollnys neuem Trio wird er übrigens auch Bassgitarre spielen – eine Novität. Aber auch durch die starke Persönlichkeit des Mannes aus Foxbury, Massachussetts wird sich das klangliche Profil dieses aufregenden Trios verändern.

Das sieht eigentlich überschaubar aus: Drei Musiker spielen zusammen und haben nicht unbeträchtlichen Erfolg. Es wäre aber ein Irrtum anzunehmen, dass ein Trio etwas Überschaubares ist, nur weil es weniger Mitglieder hat als eine Bigband. Was für ein Abendessen gilt oder für eine Busreise, gilt nicht unbedingt auch in der Musik. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass der mitteleuropäische Mensch entweder zur Individualisierung oder zur Paarbildung tendiert. Beiden Impulsen kann er, wenn er Jazzmusiker ist, in fast jeder Formation nachgehen. Nur nicht im Trio, außer wenn das Trio so organisiert ist, dass zwei Leute die Rhythmus- Gruppe für einen Solisten machen. Das ist kein echtes Trio. Ein echtes Trio hat drei Seiten, nicht zwei. Zwischen drei improvisierenden Musikern entsteht, und keiner weiß wie, etwas wie eine von allen geschaffene, aber niemandem allein gehörende Schnittmenge. Es ist wie ein schnelles Schere-Stein-Papier-Spiel (ohne Brunnen): Mal liegt der eine vorn, mal der andere, mal weiß niemand, wer vorn liegt, weil das Spiel so intensiv geworden ist. Und dass das, worauf man sich geeinigt hat, nicht nur Ergebnis, sondern auch gleich wieder Ausgangspunkt intensiver, mühevoller Prozesse ist. Ein Trio ist kein Spaß. Es ist, wenn es gelungen ist, eine Herausforderung. Wenn es das nicht mehr ist, altert es. Das Michael Wollny Trio ist definitiv ein sehr junges Trio.

 

Mittwoch, 24. Juli
Avishai Cohen Quartet (Israel)
Plugged
Ausverkaufte Konzertsäle weltweit, ein stets völlig begeistertes Publikum, Avishai Cohen ist ein Wunderkind! Die Musik Avishai Cohens hat viele Anlitze. Der Bassist, Komponist, Sänger und Pianist steht für multikulturellen Jazz höchster Qualität. Seine vielseitigen Stücke vereinen spanische, nahöstliche und afrikanische Klänge und erweisen zudem den Altmeistern der Klassik ihre Referenz. Viele musikalischen Sphären sind es, die der profilierteste Jazzbassist der Jetztzeit in seinem Konzert miteinander vereinen wird. So bewegt wie sein musikalisches Schaffen, ist auch die Lebensgeschichte des virtuosen Künstlers. Der in der Nähe von Jerusalem geborene Musiker kommt aus einer musikalisch versierten Familie: „Es war immer ein Piano im Haus und ich spielte auch ständig damit herum. Ich erfand kleine Melodien und benutzte Muscheln aus dem Meer, um damit die Tasten zu markieren. Das war meine Art, mir die Struktur der Melodien zu merken“.

Später in den USA entdeckt Cohen die Musik des Jazz-Bassisten Jaco Pastorius. Begeistert wechselt er von den Tasten an die Saiten des elektronischen Basses. Chick Corea wurde auf das junge Genie aufmerksam und holte den Bassisten in seine frischgegründete Gruppe Origin. In den letzten Jahren stand Avishai Cohen mit Größen wie Bobby McFerrin, Roy Hargrove, Herbie Hancock und Alicia Keys auf der Bühne. Man muss sein Instrument und die Musikliteratur schon sehr gut beherrschen um die Stücke derart glänzen zu lassen. Avishai Cohen, der 41jährige (nicht mehr ganz) Youngster, geht nicht über die alten, ausgetretenen Böden, es ist ein intensives Glück, ihn in seine Gefilde zu begleiten. Der deutsche Ausdruck: „bass erstaunt“, der passt. Der Ort, an dem sich Cohens Musik beständig erneuert, ist nicht das Studio, nicht das Komponistenzimmer. Die Bühne ist der Spielplatz für große und geniale Jungs. Seit Konzertgedenken dürfte es kein Jazzquartett gegeben haben, bei dem der Bass so viele Nuancen hervorgebracht hat. Avishai Cohen, der faunische Bass-Berserker, ist hemmungslos, seine kraftvolle Technik ist aberwitzig schnell – aber nie flüchtig. So viel vertrauensvolles und spontanes Schaffen aus dem Fundus der spieltechnischen Möglichkeiten erlebt man in der Musik nur bei den Größten. Dies gilt auch für seine kongenialen Begleiter.
Avishai Cohen, bass &voc; Eli Degibri , sax; Nitai Hershkovits, piano & e-keys; Ofri Nehemya, drums

 

Donnerstag, 25. Juli
Chilly Gonzales (CAN)
Solo Piano II
Er brachte sein Publikum über viele Jahre hinweg mit Elektro-Beats zum Tanzen, produzierte mehrere Grammy-nominierte Alben und veranstaltete mit einem Sinfonieorchester ein Rap-Konzert – Chilly Gonzales ist sicher eine der kreativsten und schillerndsten Persönlichkeiten im Musikzirkus.

„Entertainment ist Krieg“, sagt Chilly Gonzales. Diesen Krieg gewinnt der vielleicht beste Entertainer, den es im Moment gibt, bei jedem Konzert. Selbst nennt sich Gonzalez „musikalisches Genie“. Und das völlig zu Recht. Er ist ein begnadeter Pianist. Viel interessanter noch: Gonzales bewegt sich mit einer Leichtigkeit wie nur einige wenige sonst durch die verschiedenen musikalischen Genres. Der aus Toronto stammende Musiker ist der Prototyp des modernen Eklektikers, reißt die sowieso nur künstlichen Grenzen zwischen U- und E-Musik hemmungslos ein. Bei ihm ist alles echt und unecht zugleich, wahr und falsch, Zitat und genialischer Einfall. Er hat lange an irrwitziger elektronischer Musik gebastelt, wollte sich zum Präsidenten des Berliner Musik-Untergrunds wählen lassen und hat einen Weltrekord aufgestellt: das längste Klavierkonzert aller Zeiten, mehr als 27 Stunden am Stück, 300 Lieder. Der 40-Jährige verneint jede Hierarchie zwischen Hoch- und Popkultur – und legt damit vor allem die Intelligenz der Popkultur offen, als selbstbewusste, kreative Kraft. Konsequent ist es da, dass er sein gesamtes Leben als ästhetisches Spiel aufführt.

Chilly Gonzales, ist eine große, ironisch-phantastische Inszenierung, die ein großes Ziel hat: Du sollst nicht langweilen! Entertainment bei dem Genie Gonzales muss man auch als Denkvorgang beschreiben. Der Auftritt funktioniert als Symbiose zwischen dem Narzissten auf der Bühne und den Komplementärnarzissten im Publikum. Ob Pop, Hip-Hop, Jazz, Easy Listening – Gonzales nimmt’s leicht und begeistert sein Publikum mit seinem Humor und Einfallsreichtum, aber auch immer mit seiner Virtuosität. Ein glückliches Händchen hat er auch schon als Produzent von Leslie Feist , Mocky oder Jamie Lidell bewiesen. Am wohlsten fühlt er sich aber am Klavier, da hat er seine Studienzeit verbracht. Nach vielen verschiedenen und teils monumentalen Projekten ist das Aufsehen in der Solo-Performance groß: Da wagt es einer, Klavierminiaturen zur Popmusik zu erklären. Anmutig-beschwingte Klavierkleinode perlen so leidenschaftlich, bis Blut und Tränen fließen:„It’s entertaining, but if you listen the genius is in the arrangements“. Das „Part II“ in der subline lässt vermuten, dass Chilly es mit dem Sologang bei diesem Konzert heute nicht bewenden lässt. Und wir lassen uns überraschen.

 

Freitag, 26. Juli
The Notwist (D)
The Devil, You + Me
The Notwist, 1986 gegründet, haben den internationalen Ruf deutscher Popmusik in etwa so beeinflusst wie vor ihnen nur Kraftwerk und die Einstürzenden Neubauten – komisch, dass es aus Deutschland immer die Tüftler sind, die Sinnsucher. Die Band feilt insektenforscherisch an ihren Popsongs, die wie aus Facettenaugen in die Welt hinausschauen – eine Perspektive ist der Band nicht genug; da wären der Reichtum und die Poesie des Popsongs doch verschenkt. Auf dem epochalen Album „Neon Golden“ präparierten The Notwist damals zehn Lieder – so lang, bis ein mordskompliziertes Cello, ein Banjo, Geräusche und elektronische Beats, Streicher und Gitarren gleichzeitig zusammenpassten, und sich Gesamtkunstwerksound zusammenfügten. „Neon Golden“ verkaufte sich hundertfünfzigtausend Mal, die Band spielte weltweit in ausverkauften Clubs, alle jubelten, Kritiker und Publikum unisono.

Aber das mussten sie auch, weil ein Lied wie das letzte des Albums, „Consequence“, das klein beginnt, immer größer und größer wird und in den Zeilen „Leave me paralyzed … love“ gipfelt, unvergleichlich war – und unvergleichlich auch Markus Achers markante Stimme dazu. The Notwist spannen den Bogen von Hardcore bis zu elektronischen Einflüssen, und quasi nebenbei gibt es auch Jazzanklänge. Vor Jahren haben Depeche Mode den Tod der Gitarre erklärt, nur um danach mit gewaltigen Gitarren zurückzukommen. Auch The Notwist hatten auf ihre Weise die Gitarre dem Erdboden gleichgemacht, sie eingebettet als ein Instrument neben all den anderen. Jetzt, auf „The Devil, You + Me“, was ja schon ein bluesartiger Plattentitel ist, sind es die Gitarren, die vor allem den Ton angeben: When I woke up this morning …: eine akustisch, eine verzerrt, eine, die das Feedback verzehrt. Das sphärische ihrer Musik haben The Notwist jetzt sehr angenehm geerdet.
Markus Acher,voc & guit.; Micha Acher, bass, keys; Martin Gretschmann, electronics¸ Andi Haberl, drums & perc.; Karl Ivar Refseth, vibrafon & perc.; Max Ehwald, guit. &, keys

 

Samstag, 27. Juli
Jane Birkin (F/ GB/ Japan)
sings Gainsbourg via Japan
Im vergangenen Sommer musste das Konzert von Jane Birkin leider wegen Erkrankung ausfallen. Wir hoffen, die guten Wünsche haben gewirkt und holen das Konzert in diesem Sommer nach.
Den französischen Popstar Serge Gainsbourg lernt sie während eines Filmprojekts zuerst hassen, dann lieben. Gemeinsam veröffentlichen sie im prüden Frankreich des Jahres 1969 den lasziv gestöhnten Song “Je t’aime moi non plus”. Der misantrophische Gainsbourg und die zerbrechliche Birkin avancieren damit zur Legende in den Pariser Szene-Bars der 68er. Während der 70er veröffentlicht Jane Birkin mehrere Alben mit und ohne Serge Gainsbourg, spielt in etlichen Kinoproduktionen und erarbeitet sich einen exzellenten Ruf.

Nach zwölf gemeinsamen Jahren verlässt Jane Birkin 1981 den Popstar, ihre geistige Bande aber blieben bestehen – zwei verwandte Seelen. 1990 widmet Serge ihr sein letztes Album “Amours Des Feintes”. Ein Jahr darauf stirbt Frankreichs großes Musik-Idol. 21 Jahre ist Gainsbourg tot, und die Frau, mit der er eine lange Zeit verbracht hat, tritt mit seinen Liedern auf die Bühne. Doch nicht nur die Hommage an Serge Gainsbourg wird dieses Konzert besonders machen, auch die Wahl der besten Musiker Japans wird garantiert dazu beitragen, dass dieser Konzertabend etwas ganz besonderes wird. Aber erstrahlen wird der Saal durch die Frau, die hier und jetzt alles verbindet, die Frau, die eine tiefe Liebe für das Land der aufgehenden Sonne empfindet, wie auch vor vielen Jahren für den Mann, dessen Lieder sie nun singt – Jane Birkin und Serge via Japan!
Jane Birkin, voc; Nobuyuki Nakajima, piano; Hoshiko Yamane, viol.; Takuma Sakamoto, tromp.; Ichiro Onoe, perc.

 

Sonntag, 28. Juli
Wallis Bird (IRL)
Heartbeating City
„Die schier unglaubliche Energie dieser Musikerin könnte die Wirtschaft eines ganzen Staates aus der Krise kicken.“ Schrieb die Irish Times über Wallis Bird, eine coolere Version von Amy Macdonald und wie sie alle heissen. Im Gegensatz zu vielen anderen von den Medien hochgelobten Singer / Songwriterinnen, die jährlich als Neuentdeckungen an den Strand gespült und umso schneller wieder zurück ins offene Meer gezogen werden, besitzt die irische Sängerin Wallis Bird eine große Portion an Authentizität und Intelligenz die sie vor den „One Hit Wonder“-Fluten bewahrt. Die nach sechs Jahren in London soeben nach Berlin gezogene 29-jährige zweifache Gewinnerin des irischen Musikpreises (Meteor Awards) besitzt eine fulminante musikalische Bandbreite. Wallis Bird flüstert, sie schreit, sie ist zerbrechlich und sie kann auch wütend sein. Kaum eine andere irische Künstlerin versteht es so gut, sich mit viel Nachdruck Gehör zu verschaffen. Die gerade mal 1,60 m große Sängerin, Gitarristin und Songwriterin ist fürwahr ein unvergleichliches Temperamentsbündel, „eine der energetischsten Performer dieser Tage“, so der britische Daily Express, und für die französische Le Monde „die Entdeckung“ nach ihrem Auftritt beim hochkarätig besetzten Festival Rock en Seine.

Wallis verfügt über eine enorm ausdrucksvolle Stimme, deren Spektrum von zartem Flüstern bis hin zum explosiven Schreien reicht. Ihr extraordinäres Gitarrenspiel ist mal feinstes Handwerk, mal vulkanische Naturgewalt. Wallis Bird ist ein wahrer Derwisch an der Gitarre – mit der linkshändig seitenverkehrt gespielten Rechtshändergitarre hat sie zudem ihren ganz eigenen Stil entwickelt – expect anything from humming bird to strumming bird. Für ihr drittes Album – schlicht „Wallis Bird“ genannt – hat sich die 29-jährige Musikerin, die 2010 den Meteor Award, Irlands Pendant zum Echo, als beste irische Künstlerin gewann, viel Zeit gelassen und weite Wege zurückgelegt. Aktuell ist sie für den Choice Music Prize in ihrer irischen Heimat in der Kategorie „Bestes Album“ nominiert.

Im vergangenen Jahr erschien das dritte, selbstbetiteltes Album. Das Album des Energiebündels wurde sowohl in ihrer irischen Heimat, als auch in London und Berlin aufgenommen und produziert. Es ist ihr bisher erfolgreichstes Werk, mit Charteinstiegen u.a. in Deutschland, Österreich und in ihrer Heimat Irland. Nun spielt sie auch die großen Festivals und mit Bands wie Katzenjammer, Boy und The Gossip. Weitere Highlights in Deutschland waren Fernsehauftritte wie ZDF@Bauhaus und Bauerfeind. Im Oktober 2012 war sie zu Gast bei Ina’s Nacht und Ina Müller hat Wallis eingeladen, sie im Herbst auf ihre Tour durch die Arenen der Republik zu begleiten, danach folgte die erste US-Tour. Wer der Sängerin in ihrem wunderbaren Kurzfilm: „Encore the movie“. dabei zusieht, wie sie zu „Heartbeating City“ in Flip Flops auf einem roten Klapprad übers Kopfsteinpflaster fährt, der spürt: Hier kommt der Sommer. Und wer „Wallis Bird“ zum ersten Mal hört, der weiß: Ihre Musik ist aus dem Sommer nicht mehr wegzudenken. Und zwar in Wiederholungsschleife. The Bird has arrived – Band inclusive.

 

Mittwoch, 31. Juli
Acoustic Africa (Elfenbeinküste / Kamerun)
Three Voices all over the world
Drei Stimmen, drei Frauen aus der Elfenbeinküste und aus Kamerun mit ganz verschiedenen künstlerischen Einflüssen. Sie singen Lieder auf Zulu, Malinke, Wolof, Bete und Lingala. Es eint sie der Rhythmus und die Farben des afrikanischen Kontinentes. Ihr Weg ist nicht der globalisierte Sound, doch Einflüsse aus Funk, Blues und Rock sind willkommen. Selten ist der Spagat zwischen afrikanischen Wurzeln und europäischen Beats so gelungen. Manou Gallo gehört zum festen Ensemble von Zap Mama, sie sang mit den Tambours de Brazza und den Dissidenten. Die energiegeladene Schlagwerkerin und Sängerin aus der kleinen Stadt Divo in der Elfenbeinküste hat die großen Bühnen der Welt längst erobert. Die Kultur ihres Landes, die Immigranten-Einflüsse aus Liberia und Ghana – all dies geht eine moderne Synthese mit der elektronischen Musik Europas ein. Auch aus der Elfenbeinküste stammt Dobet Gnahorè. Ihr Traum ist ein panafrikanischer: ob kongolesische Rumba, Chorgesang der Zulu oder die Polyphonie des Pygmäengesanges. Die hochbegabte Künstlerin ist ein Multitalent und zieht alle Register, die ihre klassisch geschulte Altstimme mit Bravour meistert.

Mit ihrem Album „Na Afriki – mein Afrika“ brillierte die junge Sängerin in vielen Sprachen und tauchte tief in die Seele des Kontinentes ein. Kareyce Fotso aus Kamerun gilt als die neue große Stimme Afrikas und ist in ihrer Heimat eine Berühmtheit. Kraftvoll, energetisch und doch auch sanft und heiter ist ihre Bühnenpräsenz. Eine kraftvolle und unverkennbare Stimme, die leicht rauchig gefärbt ist und dem Blues der afrikanischen Tradition entstammt. Kareyce Fotso vertrat Kamerun bei den „Jeux de la Francophonie“ (Beirut, September 2009) und wurde dort mit der Silbermedaille ausgezeichnet. Sie zählt ebenfalls zu den drei Preisträgern des Wettbewerbs „Prix Découvertes RFI“ – Preis des französischen nationalen Radio France International. Und dann bringen noch drei gestandene männliche Musiker Rhythmus und Melodie in das Frauenensemble: Aly Keita stammt von der Elfenbeinküste und gilt als einer der großen Virtuosen des Balafons. Dieses afrikanische Xylophon mit Kalebassen wird von ihm auch konstruiert, um immer wieder neue Klangmöglichkeiten auszuloten. 1999 baute er das weltgrößte Balafon, mit dem er moderne Spielarten erforscht. Boris Tchango, der kongolesische Drummer, spielte schon für fast alle bekannten afrikanischen Bands. Zoumana Diarra stammt aus Mali und wuchs inmitten einer Musikerfamilie von Griots auf. Er spielte in Alfa Blondy’s Reggaeband Dafrasta, der Railband de Bamako, Super Biton de Segou, Super Djata und arbeitete viele Jahre mit Salif Keita zusamen. Er ist ein Virtuose auf der Gitarre und ist ein echter Multiinstrumentalist – so spielt er ausserdem Kora (African harp), Ngoni (four strings African Guitar), Balafon (wooden xylophone) und Djembé. Aufgewachsen mit den Roots der afrikanischen Musik, erweiterte er seine musikalischen Ausdruckmöglichkeiten um Ausflüge in den Jazz, Salsa und Rhytm n’ Blues.

Das Herz dieses Band-Projektes aber sind die drei Sängerinnen. Sie erfinden eine Musik, die ohne Zweifel als Musterbeispiel für moderne afrikanische Musik angesehen werden kann. In perfekter Balance zwischen Tradition und Moderne beweisen sie, dass die afrikanischen Musikerinnen längst ins musikalische Weltgeschehen eingreifen und dort einen bedeutenden Einfluss ausüben. Dass man die Texte nicht versteht, ist dabei unerheblich: Denn wenn ein Lied tausende Kilometer vom Entstehungsort entfernt noch eine solche emotionale Wirkung entfaltet, muss es gut sein – und ist im besten Sinne „Weltmusik“.

 

Donnerstag, 1. August
Tina Dico (DK)
Where do you go to disappear?
Fans der dänischen Songwriterin Tina Dico kamen in den letzten Jahren wahrlich auf ihre Kosten. Nach ihrem umjubelten Album „Count To Ten“ erfreute sich die Anhängerschaft über eine EP-Trilogie, eine Greatest Hits-Compilation, ein Live-Album und einen Soundtrack. Mit ihrem fünften Album „Where do you go to disappear?“ schließt sich der Kreis. Für ihr neues Schaffen nahm die Wahl-Isländerin die Dienste des isländischen Songwriters Helgi Jonsson in Anspruch, der nicht nur während des Songwriting-Prozesses mit Rat und Tat zur Seite stand sondern zudem auch noch als Co-Produzent fungierte. Es ist vor allem Tina Dicos weiche und Raum füllende Stimme, die die Dänin vom Gros ihrer Genre-Kolleginnen unterscheidet und ihr einen besonderen Platz innerhalb der Indie-Pop-Szene sichert. Tina, mehrfach platindekorierte Singer-Songwriterin mit Superstarstatus; in ihrer dänischen Heimat verdrängte in den dortigen Charts U2 und Coldplay von der Pole-Position. Außerdem heimste sie diverse Musikpreise als beste Songwriterin (beim Dänischen Grammy) sowie beste Komponistin (Danish Music Critics Award) ein.

„Ich habe diese Energie in mir, nie stehen bleiben zu wollen. Mich treibt nicht der Wunsch nach Perfektion voran. Als Songwriterin suche ich zwar nach dem perfekten Song, der die Idee, ein Gefühl oder einen Moment am intensivsten festhält. Doch es ist immer die Leidenschaft zur Musik, die alles in meinem Leben bewegt.“ Dieses Motto beschreibt Tinas Musikverständnis, vor allem ihre Passion als Songwriterin. Mit „Where do you go to disappear?“ erobert die Sängerin aus dem Stand die Spitze der Plattencharts. In Deutschland hat sie inzwischen einen Kultstatus. Es sind die feinen kleinen Sounds, die es so richtig interessant machen, Tina und ihrer Band zuzuhören. Wenn man die dänische Künstlerin Tina Dico in einem Satz beschreiben müsste, würde man wohl das Sprichwort „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ wählen. Denn sie liebt die Herausforderung, ist sich aber auch durchaus der damit verbundenen Risiken bewusst. Diesem Naturell entsprechend, machte die Sängerin den Schritt in eine Selbstständigkeit, die eine schnell erkennbare Wegrichtung eingeschlagen hat – steil nach Oben. Kreative Unruhe der Ausnahmekönnerin zeichnet nicht nur ihre Alben aus. Auch auf der Bühne begeistert Tina Dico mit der ihr eigenen charismatischen Performance, bei der sich introvertierte Momente mit expressiver Energie abwechseln.
Tina Dico, voc.,; Helgi Jonsson, voc. &piano; Dennis Ahlgren, guit.; Kristian Kold, bass; Poul Therkildsen, drums

 

Freitag, 2. August
Lee Fields & The Expressions (USA)
Faithful Man
Nach Sharon Jones und Charles Bradley beschert uns das Haus Daptone Records einen weiteren grandiosen Deep-Soul-Sänger! In der Welt des Pop gab es schon viele erstaunliche Erfolgsgeschichten, doch was Lee Fields erlebte, darf als besonders wundersam gelten. Lange war sein Name nur versierten Insidern bekannt, dank einiger obskurer Funk-Singles, die er in den Siebzigern veröffentlicht hatte. Zwanzig Jahre danach gelang ihm jedoch der Schritt hinaus in die Welt, als sich Daptones Records daran machten, Neues mit ihm zu produzieren. So wurde Lee Fields zur Gallionsfigur der Retro-Soul-Bewegung – wobei dieser Begriff kaum für jemand gelten kann, der seit 1969 Soulmusik macht und dessen frühe Vinyl-Scheiben hochgehandelte Raritäten sind. Nach drei Jahren Wartezeit erscheint nun sein neues Album „Faithful Man“ (Truth & Soul), der Nachfolger des Meisterwerks „My World“. Und diesen Sommer sind Lee Fields & The Expressions dann endlich in Deutschland auf Tour. In seiner langen Geschichte hat sich der Soul immer die Fähigkeit bewahrt, große Gefühle in Herz und Hüfte zu provozieren.

Seit den Tagen, als Otis Redding ‚Pain In My Heart‘ gesungen hat, bis zu der Zeit, in der Anthony Hamilton ‚They Don’t Know‘ sang. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach den Debüts von James Brown und Aretha Franklin, weit nach den goldenen 70ern, dem Ende der Stax Records und des traditionellen Motown steht Lee Fields vor allem für eines: klassischen Soul der alten Schule. Wie so viele seiner Vorbilder, meldet sich der junge Lee Fields beim örtlichen Kirchenchor seiner Heimatstadt Wilson im US-Bundesstaat North Carolina. Geprägt von den Memphis-Sounds der 60er um Al Green, Otis Redding und Isaac Hayes, aber selbstverständlich auch von den Temptations, Eddie Floyd und dem Godfather Of Soul, singt er bei der Aufnahmeprüfung einen James Brown-Song. Schnell hat er den Spitznamen Little JB weg. Seine Musik ist klassischer, vom Staub befreiter Soul. Genau Lee Fields‘ Welt. Es fühlt es sich ausgezeichnet an, ein so dreckiges und lebendiges Soul-Album wie „Faithful Man“ in die Finger zu bekommen. Doch ist Lee Fields Retro? Der Mann ist seit vierzig Jahren im Geschäft und findet nun mit The Expressions erstmals wieder junge Musiker, die verstehen, worum es ihm beim Soul geht: Seele mit Wucht und Authentizität.

 

Samstag, 3. August
Schmidt (D)
Pop Noir
Schmidt ist ein Gesamtkunstwerk: jung, schön, mit einer rauchigen Stimme, glamorös inszeniert. Ihre Musik erinnert ein wenig an Katie Melua, manchmal an Adele oder auch Amy Winehouse, nur eleganter und zugleich verruchter. Ihren Stil nennt sie „Pop Noir“, und der ist vor allem eins: bezaubernd! „Ich bin all das, was Du in mir sehen willst“, sagt sie, durch den Rauchschleier ihrer Zigarette. Sanft, aber bestimmt. Mit einer Stimme wie ein Lockruf. Mit bildgewaltigen Anspielungen und Zitaten, optisch, atmosphärisch und musikalisch. Reminiszenzen an 20er Jahre- Dekadenz und Schwarz/Weiß-Ästhetik der 60er schmücken den Raum, in dem sie sich und ihren ‘Pop Noir’ inszeniert. Das ‘Pop’ darin atmet rauschhafte Lebenslust, abgehangenes Swingfeel und moderne Urbanität in ein und demselben Zug. Das ‘Noir’ entspringt ihrer Stimme und dem Dunklen, Lustvoll-Abgründigen, das sie besingt.

„Die Australien-Tournee mit Elton John war eine wirklich unglaubliche Geschichte, das Erlebte hat selbst meine kühnsten Erwartungen noch übertroffen – wie in einem Traum, fast irreal.“ So die
Schmidt herself. „Ich habe das sehr genossen und viel für mich mitgenommen, auch für meine eigenen Konzerte, selbst wenn der gesamte Saal jetzt oft kleiner sein wird als Elton Johns Bühne allein. Aber genau das hat seinen eigenen, besonderen Reiz: die Clubs, das Publikum ganz nah, manchmal sogar mit auf der Bühne. Ich liebe einfach dieses spezielle Knistern, das entsteht, wenn ich den Leuten, für die ich singe, in die Augen schauen kann – und nun kann ich auch die in der zweiten Reihe wieder erkennen.“

Nach einem Konzert in Los Angeles im vergangenen Jahr hat Elton John sie vom Fleck weg für seine Konzerte im Land Down Under engagiert. In diesem Sommer geht sie wieder den eigenen Weg. Dieser führt von Sin City, einem Trip durch Epochen und Bewusstseinszustände, über opulent orchestrierte Balladen wie Stay bis hin zu extraordinären, aber nicht minder hitverdächtigen Songs wie In The Photo Booth, Vodoo Eyes oder Boom Boom. In Alain Delon spielen SCHMIDT und Chambers gekonnt mit dem Thema der britischen Sixties-Kultserie The Persuaders! (dt. Die Zwei; mit Roger Moore und Tony Curtis), für das erstmals eine Textbearbeitung genehmigt wurde; und so, wie dieser Song zwischen vielen Stilen und Klangwelten oszilliert, ist er in einer Weise die klingende Quintessenz des gesamten Albums: Femme SCHMIDT, produziert von niemand geringerem als Guy Chambers’mit ersten vollverantwortlicher Produktion seit Robbie Williams’ Escapology Gemeinsam mit dem mehrfachen ECHO JAZZ -Preisträger Martin Tingvall schrieb SCHMIDT zuletzt den Titelsong „Heart Shaped Gun“ für den WDR-Tatort „Scheinwelten“. Der Song wurde einer der meist abgerufenen im ARD-Archiv.

 

Mittwoch, 7. August
The Brandt Brauer Frick Ensemble
Mr. Machine
“Emotionale Körpermusik” nennen sie ihren Sound, “der sich anhört als hätte man Steve Reich und Theo Parrish auf einen Nenner gebracht” (Groove Magazin) – genial. Stehende Ovationen und tosender Applaus allerorten: Brandt Brauer Frick spielen mit ihrem zehnköpfigen Orchesterensemble Techno im großen Stil – live und ganz ohne elektronische Hilfsmittel verbinden sie ihn mit Neuer Musik und Jazz. Eine House-Band ist schon eine feine Sache – wenn sie klingt, wie die Musiker von Brandt Brauer Frick, die mit ihrem Debütalbum einen großen Wurf landeten, der versammelte Popdiskurs geriet tatsächlich für einen Moment ins Stocken. Dass Tuba, Harfe und Posaune auch grooven können, beweisen Brandt Brauer Frick mit ihrem neuen Album „Mr. Machine“. Die zum Ensemble gewachsenen Shooting Stars lassen die Synthesizer ruhen, um Klassik und Techno zu fusionieren. Das Ensemble ist nun angetreten, die Demarkationslinie zwischen rhythmischer Beat-Plastik und Akustik zu besetzen. Auch wenn es noch immer Vorurteile gegenüber club-affiner Musik gibt, die sich der akustischen Instrumentierung bedient, so schlägt das Wahl-Berliner Trio Brandt Brauer Frick eben diese Richtung ein. Nach ihrem pittoresken Debüt „You Make Me Real“ greifen Daniel Brandt, Jan Brauer und Paul Frick nun zu Piano, Pauke und Posaune. Für die Klassikadaption wuchs ein Ensemble heran, das zehn Musiker umfasst.

Das Kollektiv macht Schluss mit der mechanischen Regentschaft und tauft das in fünf Tagen aufgenommen Zweitwerk dennoch „Mr. Machine“. Mensch oder Maschine, Elektronik oder Akustik – große Fragen. Keineswegs episch zieht das Tentett seine Arrangements auf, es sucht auch im Stillen den großen Knall. Durch Paukenschläge wird „Teufelsleiter“ in eine rasante Grundstimmung überführt, ehe Harfe, Tuba und Violine endgültig die Regie übernehmen – Paul Frick, so etwas wie der geheime Dirigent des Ensembles, klingt manchmal gar wie ein junger Dave Brubeck. Das Brandt Brauer Frick Ensemble reproduziert seine eigenen Ideen, da hört sich der Spagat zwischen Avantgarde und Klassik-motiviertem Techno überbordend an. Dass sie die Überfülle der orchestralen Möglichkeiten nicht ausschöpfen, ist nicht als Mangel, sondern als Entschlossenheit zur Filigranität zu deuten. Hier stellen die Jungs ihr anziehendes Talent für poly-rhythmische Sounds unter Beweis. Auf Platte super, live überragend.

 

Donnerstag, 8. August
Iyeoka (Nigeria/USA)
Say Yes
Iyeoka bedeutet frei übersetzt: „Respektiert mich!“. Aber das dürfte bei dieser Sängerin aus Boston mit nigerianischen Wurzeln sowieso nicht in Frage stehen. Mit Sadé wird sie verglichen, auch mit Amy Winehouse und dies deutet schon einmal auf die enorme Spannweite ihrer Stimme hin. Iyeoka Ivie Okoawo komponiert und textet ihre Lieder selbst. Funk, HipHop und Soul paaren sich mit Eleganz und einer Prise Motown. Die US- Sängerin schwimmt auf der Erfolgswelle ganz oben. Zu all den Auszeichnungen, die das Ausnahmetalent bereist ihr eigen nennen kann, gesellte sich nun ein Stipendium des TED (Technology, Entertainment, Design) Institute. Ihre Karriere begann sie im Kollektiv „ The Rock by Funk Tribe“. Hier wurde munter von Gospel über Jazz, HipHop und Blues bis zum elektronischen Funk experimentiert. Nach einigen Soloausflügen nahm Iyeoka mit Angelique Kidjo, Les Nubians, Sierra Leone´s Refugee All Stars sowie Viex Farka Toure die Compilation: “In The Name Of Love: Africa Celebrates U2” auf. Noch bevor ihr viertes Album überhaupt veröffentlicht wurde, spielte der Song “The Yellow Brick Road Song” in der, in den USA überaus populären HBO Serie, “How To Make It In America” , inzwischen ist er Titelthema der USA Network’s Show “Fairly Legal.” Nun ist es endlich soweit und der Electric Soul von Iyeoka schwappt über den Atlantik mitten ins old europe.

„Simply Falling“ heisst das offizielle Video zu ihrer neuesten Veröffentlichung „Say yes“. Neun Millionen Klicks, das kann sich hören lassen. Assoziationen an die elegante Opulenz alter James Bond Filme ruft diese Musik hervor, eine glamouröse, unwiderstehliche Soulballade. Iyeoka setzt nicht auf laute Effekte sondern ganz auf die beeindruckende Kraft ihrer Stimme. Beim Zuhören werden sich wechselweise Iyeokas Stimmgewalt, die an die Power-Balladen-Diven der achtziger Jahre erinnert, oder ihre minimalistisch-kühlen Soulanleihen im Stile von Sade in den Vordergrund drängen.Doch diese Musik will nach Gegenwart klingen, nach 2013 und nicht nach 1980. In Iyeokas Sound-Ökonomie bleibt die Spannung stets spürbar, weil sie sich nie in dramatische Gesangs-Kaskaden oder protzigen Instumental-Soli entlädt. Diese, so gar nicht kühle, Schönheit steckt voller großartiger Balladen und kluger Genreverschmelzungen. „Say Yes“ wirkt, als hätte man Sade weitergedacht, ihren Sound in eine kühlere, technizistischere Zeit teleportiert. Ganz leicht „over the top“ – und eben dieses augenzwinkernde Element charakterisiert auch ihre Anmut. Iyeoka wird Europa im Sturm erobern. Wir sind dabei und sagen ja!

 

Freitag, 9. August
Jan Josef Liefers & Oblivion (D)
Live 2013
Schon seit Monaten wispert und tuschelt es in den großen Fankreisen um Herrn Liefers und Oblivion: oh, sie arbeiten an einem neuen Programm – oh, wohl wieder etwas thematisches, und – oh, es soll „Radio Doria“ heißen. Was bedeutet denn das, vielleicht das Pendant zu Lindenbergs Andrea Doria? Und um es gleich vorweg zu sagen: nein, wir werden diese Frage nicht auflösen! Im Gegenteil, wir legen noch einen Scheit mehr aufs geheimnisvolle Feuer. Denn: Radio Doria soll im Untertitel „Freie Stimme der Schlaflosigkeit heißen“, tja…aber erst 2014. Bis dahin werden Jan Josef Liefers und seine Bandkollegen noch so manche schlaflose Nacht durcharbeiten und neue Ideen spinnen. Und wir sind live dabei. Denn in diesem Jahr sind die Oblivion-Konzerte etwas durchaus Besonderes: sie sind der Test für neue, nie gehörte Lieder, sie sind Labor und Experimentalküche, sie sind offenes Jam-Studio und Dank an die Fans in ganz Deutschland.

Auf der letzten Tour („Soundtrack meiner Kindheit“) hatten Liefers und Oblivion den gewaltigen Versuch unternommen, einer ganzen Epoche nachzuhören. Es ging nicht um simples Nachspielen alter Songs (noch dazu etwas aus der Mode gekommener DDR-Oldies), nicht um Nostalgie oder Ostalgie, sondern um viel mehr: die Rekonstruktion einer Kindheit, einer Jugend und des sie umgebenden Lebensgefühls. Vor allem des musikalischen. So spielten Liefers und seine Oblivion-Kollegen Johann Weiß, Christian Adameit, Timon Fenner, Jens Nickel und Gunter Papperitz vor allem Songs der 70er und 80er Jahre aus Liefers‘ ostdeutscher Heimat. Nicht die großen, mittlerweile schon arg strapazierten Hits vom alten Baum bis zu den sieben Brücken, sondern die anderen, die etwas knarzigen, rockigen oder auch leisen Songs, deren Klang sich eben ganz unbewusst im kindlichen oder jugendlichen Ohr verankert hat, ohne Name und ohne Gesicht, aber mit mächtig viel Gefühl.

Dass Liefers eigentlich ein ganz ausgemachter Rocker ist, hat er nicht nur in zahlreichen Theater- und Fernsehrollen gezeigt, sondern eben auch und ganz besonders mit seiner Musik. Denn schon lange vor dem Soundtrack-Projekt warfen er und seine Mannen 2002 ihr Debütalbum auf den Markt und mit ihm eine ebenso kunst- wie druckvolle Variante des Britpop, gemischt mit rockigen Elementen a la Bruce Springsteen. Betrachtet man diese Musik zusammen mit dem retrospektiven Soundtrack-Projekt, dann kann man sagen: Da vervollständigt sich langsam ein mosaikartiges Bild, ein rockiger, anspruchsvoller Konzeptgedanke. Und nun eben: Radio Doria. Noch wissen wir nicht, was dies für ein Stein im Musikgebäude von Herrn Liefers sein wird, aber wir können dabei sein, wenn er gemeisselt wird. Denn genau das verspricht die Ankündigung für dieses Jahr: ein echtes gemeinsames Musikfest, mit Songs aus den letzten Oblivion-Jahren, wie auch einer ganzen Tüte voll Ideen für die Zukunft. Wir sind gespannt. Und jammen gerne mit.

 

Samstag, 10. August
Johannes Oerding (D)
Für immer ab jetzt
Ein Mann und seine Gitarre. Und einen Rucksack voll Lieder. Mehr braucht es ja – zum Glück – nicht, um gute Musik zu machen. Johannes Oerding nahm sich diese einfache Formel schon vor Jahren zu Herzen und bereicherte damit die erfreulich angewachsene Riege deutscher Singer/Songwriter um ein ziemlich markantes Kapitel. Denn Johannes Oerding nennt eine Stimme zu eigen, wie man sie hierzulande lange nicht gehört hat: eine rauchige, leicht brüchige und trotzdem einschmeichelnde Stimme, meilenweit entfernt vom sahnigen Soul eines Xavier Naidoo, dessen unzählige Kopien jahrelang das deutsche Liedgut beherrschten. Oerdings Stimme ist weit erdiger, eine, die direkt vom prasselnden Lagerfeuer um die Ecke zu kommen scheint. Und mit ihr singt er denn auch von klassischen Lagerfeuerthemen, von Fernweh, von unerfüllter (und erfüllter) Liebe, vom Leben allgemein oder auch schlicht: vom Sommer. Das ist bester, großer Folkpop, und so eigentümlich nah und intim, dass selbst Studioaufnahmen klingen, als säße Oerding direkt auf dem Schoß des Zuhörers. Mit der Klampfe in der Hand, natürlich.

Es versteht sich von selbst, dass auch ein Johannes Oerding seine Musikerkarriere nicht an den Lagerfeuerplätzen der Republik starten konnte. Im Gegenteil, für ihn kann es gar nicht groß genug sein. Das Jahr 2013 startete er als Support für den großen alten Gott der Reibeisenstimme, Mr. Joe Cocker himself, vor bis zu 50.000 Zuhörern. Möglicherweise liegt hier das Geheimnis der Nähe und Intimität in Oerdings Songs: er ist schlicht und einfach eine echte Rampensau. Im besten Sinne. Einer, der Konzerte und Publikum braucht wie andere die Luft zum Atmen, oder die fricklige Ruhe des privaten Musikstudios. Sei es nun das heimelige Lagerfeuer oder die große Mega-Arena, Johannes Oerding ohne Ohren, die zuhören, und Hände, die klatschen, das geht scheinbar gar nicht.

Auf dieser Symbiose hat Johannes Oerding auch seine gesamte Musikerlaufbahn aufgebaut. Aus dem heimischen Geldern am Niederrhein, wo es naturgemäß viel Vieh und Landschaft gibt, aber wenige Ohren und Hände zum Klatschen, pendelte er schon Ende der 1990er Jahre, im zarten Alter von 17 regelmäßig nach Hamburg, um als Musiker zu arbeiten und die Umgegend in echten Ochsentouren komplett zu besingen. Und erst viel später, nachdem er dort bei nahezu jeder Milchkanne einmal vorbei geschaut hatte, machte er sich ganz gemächlich daran, auch im Studio zu arbeiten und ein eigenes Album aufzuzeichnen. Erst 2009, fast zehn Jahre nach den ersten Konzerten, erschien schließlich die erste Oerding-Platte „Erste Wahl“. Und – er machte da weiter, wo er aufgehört hatte, bei den Konzerten. Mehr als hundert Gigs im Jahr, zwei weitere Alben, Touren mit Künstlern wie Simply Red oder Stefanie Heinzmann – Johannes Oerding hat es geschafft, sein ganz privates Lagerfeuer ziemlich zu erweitern.

 

Sonntag, 11. August
Glen Hansard (IRL)
Rhythm and Repose
Seitdem wir den Film Once sahen, wollten wir Glen Hansard engagieren. Weil es sich am Ende des Films anfühlte, als ob nun ein guter Freund geht und in der Ferne sein Glück versucht. Und sicher mit neuen Liedern zurückkehrt.

Man braucht sich nur einmal das Cover von „Rhythm and Response“ anzuschauen. Glen Hansard ist nun wirklich nicht der Typ mit Bart und wirrer Frisur, vor dem man sich fürchten muss. Der Ire wirkt wie die Sanftheit in Person, selbst wenn er jeden Anflug von Emotion in seinen Songs in die Welt herauszubrüllen pflegt. Seine echten Rockertage mit The Frames sind in guter Erinnerung, an den Oscar für „Falling slowly“ erinnert man sich, an The Swell Season sowieso.

Glen Hansard ist ein Künstler mit Haut und Knochen. Sein Auftritt bei den Oscars 2008 ist geradezu legendär. Der frisch gebackene Oscar-Gewinner in der Kategorie „beste Filmmusik“ – für „Falling Slowly“, den zentralen Song seiner Kompositionen für den zauberhaften irischen Underground-Film „Once“ – leierte keine endlose ‚Dankeschön’-Liste herunter, sondern rief stattdessen mit aller Macht aus: „Make art! Make art!“. Das passt zu ihm und erklärt so manches.

Das erste Album seiner Rockband The Frames erschien bereits 1991, im gleichen Jahr übernahm er die Rolle des Outspan Foster in Alan Parkers Musikdrama „The Commitments“. Der Anfang einer von Kunst und großen Song-Momenten geprägten Karriere war gemacht. Bis 2006 veröffentlichten The Frames mit enormen Erfolg sechs Studio- und zwei Live-Alben. Sie standen mit Bob Dylan und Pearl Jam auf den internationalen Bühnen. Daneben begann Glen Hansard ein zweites Projekt: Gemeinsam mit der tschechischen Sängerin und Multi-Instrumentalistin Markéta Irglová gründete er das Folk-Duo The Swell Season.

Auf das erste Album folgte das Angebot, die Musik für den irischen Indie-Film „Once“ zu komponieren. Die beiden schrieben nicht nur den Soundtrack zu dieser entzückenden Romanze, sondern übernahmen auch die Hauptrollen und wurden selbst im wahren Leben ein Paar. Ob Hansard singt oder sich gar die Seele aus dem Leib schreit – den Ton trifft er immer. Und es ist egal, ob er das alltägliche Melodrama besingt oder versucht, auch mal entspannte Vibes auszusenden: spannungsgeladen ist hier trotzdem alles. Warum sollte jemand mit dem Stimmvolumen und den Talenten, kurz jemand mit Hansards Stimme, Zeilen wie „Love is gonna find us again! Love is gonna find us, we gotta be ready then!“ cool interpretieren – Verse wie diese brauchen keine falsche Bescheidenheit, manchmal brauchen sie einfach genau das, was Hansard mit ihnen macht. Glen Hansard macht das, was er vom Leben fordert: Kunst! Kann das gutgehen? Es kann. Geradezu bestens.

Begleitet wird er von den Frames und noch viel mehr Musikern – große Band!

 

Mittwoch, 14. August
Sophie Hunger (CH)
The Danger of Light
Alles handgemacht, mit Soul und Folk, dazu ein Schuss Punk. Und natürlich Sophie Hungers intensive, zwischen kraftvoll, donnernd und zart wechselnde Stimme, die Zorn, Wehmut, aber ebenso Hoffnung und Lebensfreude zelebriert. Kammerpop. Sophie Hunger brilliert mit smartem Indie-Pop, der poetisch mäandert. Mit ihren oft melancholisch grundierten Songs und den vertrackten, verrätselten Texten in Englisch, Französisch, Deutsch und Schwyzerdütsch ist sie vor sechs Jahren über Nacht zum Star geworden. Sie ist nicht nur sprachlich vielseitig, sondern auch musikalisch: Ihre Lieder changieren irgendwo zwischen Folk, Jazz, Rock und Chanson, sie selbst singt nicht nur, sondern spielt auch Gitarre und Klavier. Nach einer ersten, noch in ihrer Wohnung in Zürich aufgenommenen Platte, schossen ihre beiden ersten offiziellen Alben „Monday’s ghost“ und „1983“ an die Spitze der Schweizer Charts. Beim größten britischen Rock-Festival in Glastonbury hatte sie 2010 als erste Schweizer Künstlerin überhaupt einen Auftritt, neben Pop-Giganten wie U2 oder den Pet Shop Boys. In Deutschland, wo man zuletzt als Schweizer Pop-Export vor Jahren den grusligen „Eurodance“ von „DJ Bobo“ ertragen musste, ist Hunger zum Liebling der Feuilletons geworden.

Sie begeistert junge Hipster in den urbanen Zentren mit Musik, die sich simplen Kategorisierungen entzieht und dennoch keine Avantgardekunst für wenige Bescheidwisser ist. So ist «The Danger of Light» auch eine Sammlung fiktiver, aber doch realitätsnaher Zeitkommentare. Nur, die Schlüsse sind offen, die Botschaften verloren. «So you tell me when you see me, can you see yourself? / How much do we share? / And how much do I care?»: So heisst es einmal, und klar, das könnten die Fragen einer Liebenden sein. Oder ebenso gut die Aufforderung der Sängerin an ihre Zuhörer, sich in ihrem Leben doch bitte selbst zu orientieren. Was Sophie Hunger aus dem Meer der zeitgenössischen Songschreiberinnen hervorhebt, ist die Kombination von Integrität und Reife, die sie auf „Danger of light“ beweist.

Deshalb greifen Vergleiche mit vielen anderen Repräsentantinnen dieses Genres auch ins Leere: Sophie Hunger ist keine neue Norah Jones und will es auch gar nicht sein. Eine musikalisch-geistige Verwandtschaft besteht da schon sehr viel eher zur Kanadierin Leslie Feist, deren phänomenalen Erfolg bei Kritik und Publikum man auch nur schwer erklären kann. Sophie Hunger hat ihre eigene Nische gefunden und trifft mit ihrer Musik, wie bejubelte Konzerte weltweit zeigen, offenbar den Nerv ihres großen Publikums mit den mal sanften, mal schlauen, mal ruppigen, aber immer poetischen Popsongs. Faszinierend auch ihre Band!
Sophie Hunger, voc., electric & acoustic guit, piano, harmonica; Alexis Anérilles, keys, bass, voc & flügelhorn; Simon Gerber, bass & voc.; Alberto Malo : drums & perc,; Sara Oswald, cello

 

Donnerstag, 15. August
Leslie Clio (D)
Live 2013
„I Couldn’t Care Less“ – Schluss mit den ständigen Grübeleien, dem ewigen Hin- und Her! Mit Leslie Clio kommt endlich mal wieder aus Deutschland eine neue aufregende Künstlerin mit frischer Musik zwischen Retro-Soul und bester Pop-Allüre, die in ihrer erfrischenden Authentizität ihresgleichen sucht. Sie legt ein Debütalbum vor, das britischen Soul-Kolleginnen in Aufrichtigkeit und lässiger Coolness in gar nichts nachsteht. Die bereits im September veröffentlichte erste Single „Told You So“ stieg schnurstracks in die deutschen Charts ein. Das dazugehörige Video wurde allein auf YouTube über eine Million Mal angeklickt. Der „Blue-Eyed Soul“ –Soulmusik von weißen europäischen Sängerinnen, der ebenso tief in den Wurzeln dieses Stils verankert ist, wie der ihrer schwarzen US-Kolleginnen – hat eine lange Tradition auf dem Kontinent. Dusty Springfield, Petula Clark, Joss Stone, zuletzt Duffy oder Adele: In England finden sich für jede Generation neue Rollenmodelle für diese besonders geschmeidige Form emanzipatorischer Behauptung zwischen Sexyness, Selbstbestimmung und zeitlos guter Soulmusik.

Mit Leslie Clio findet die hiesige Szene endlich ein höchst gelungenes Pendant zu den Soul-Ladies der britischen Insel. Schon zu hören auf gemeinsamen Tourneen mit Michael Kiwanuka, Keane und Joss Stone. Leslie zelebriert einen Stil, den sie selbst als „modern soul-pop with a touch of retro“ beschreibt. Dabei geht sie durchaus unkonventionell vor und spinnt aus feinen Beobachtungen illustre Geschichten voller Liebe, Hoffnung und Witz, die sie in leichtfüßigen, aber niemals leichtfertigen Soul mit einer guten Prise 60s-Feeling verpackt. Als Beispiel höre man ihre Single „I Couldn’t Care Less“, Clios Aufforderung, die kleinen Dramen des Alltags nicht so schwer zu nehmen und sich mehr auf die schönen Seiten des Lebens zu schlagen. Clio, ein Verweis auf die griechischen Mythologie:

Dort stellt Klio, Tochter von Zeus und der Mnemosyne, eine der neun Musen. Mit ihren Attributen Papyrusrolle und Griffel zeigt sie sich für Heldendichtung und Geschichtsschreibung zuständig. Merkmale, die passen. Leslie Clio zählt zu einem neuen Typus junger Künstlerinnen, die sich ohne einen Stab von Hit- und Marketing-Experten völlig autark stilistisch selbst erfinden und definieren. Hinter ihrer Musik und ihrer Attitüde stecken weder Strategie noch Berechnung, die freche, frische, junge Frau ist einfach ganz sie selbst und lässt die Musik für sich sprechen. „Told You So“ geriet zum veritablen Radiohit, und so wird es weiter gehen auf den Erfolgstreppen – nach oben versteht sich, das ist sicher.

 

Freitag, 16. August
Lukas Graham (DK)
Drunk in the morning
Das nächste große Ding im Fach jugendlicher Soul-Pop kann den Macho geben wie ein ausgewachsener Ghetto-Rapper und erinnert in seiner stimmlichen Leichtigkeit an einen sehr entspannten Jay Kay von Jamiroquai. Mit gerade einmal 23 ist das ordentlich. Lukas Graham ist in seiner Heimat Dänemark bereits ein Star. Das selbstbetitelte Debüt erreichte Platz eins und Platin. The Duke, The Captain, Mr. Lovestick und Magnum nennen sie sich, mit bürgerlichem Namen heißen sie Lukas Graham Forchhammer, Kasper Daugaard , Mark Falgren und Magnus Larsson. Sie kommen aus der Kommune Christiania, einer alternative Wohnsiedlung in Kopenhagen, in der leichte Drogen frei gehandelt werden. Vom Gras singen sie gar nicht selten in ihren Songs, öfters aber von der Liebe und noch öfters, ja sehr viel öfters vom Alkohol, vom Bier.

Es ist eines dieser Werke, die den Glauben daran wieder bestärken, dass die Lebensumstände die Kunst vielleicht doch prägen – dass Städte, Regionen und Kietze einen eigenen Sound haben. „Lukas Graham“, das Album, kommt mit viel Leichtigkeit, groovt fantastisch, schwelgt hingebungsvoll. Es klingt musikalisch unfassbar reif für das Alter der Musiker. Und es klingt beeindruckend schwarz für einen weißen Youngster. Hoch und voller Kraft mit absolut sauberem Ansatz kann er einen großen Raum füllen.

Die Chancen stehen gut, dass Lukas Graham einer der herausragenden Nachwuchskünstler der nächsten Jahre wird, das Potential hat er schon jetzt. „Ghetto-Pop“ nennen Lukas Graham ( die ganze Band nennt sich praktischer Weise so) das, was sie jetzt machen. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine eingängige Mischung aus HipHop, Funk und ganz viel Soul. Egal, ob langsame und ruhige Balladen wie „Moving Alone“ oder tanzbare Up-tempo-Stücke wie „Ordinary Things“ – Lukas Graham, das ist klar, beherrschen das gesamte Pop-Repertoire. Und sie haben das Zeug dazu, mehr zu sein als nur ein One-Hit-Wonder: „Drunk In The Morning „ heißt ihr Erfolgssong; aber man sollte es jetzt nicht falsch interpretieren, ordinäre Musik ist nämlich nichts für diese Dänen. „Fucking Ohrwurm“, schwärmen die Fans im Netz: Der Indie-Soul von Lukas Graham erobert Herzen in aller Welt. Das Süddeutsche Zeitung Portal bezeichnet ihn als „Next Level Shit“ aus Skandinavien:
„Der längst zum schillernden Discosound herabgesunkene Soul trifft bei Lukas Graham aufs leicht dreckige, auf Christiania, aufs Vogelfreie. Das hat sich der Soul nicht bloß verdient – das ist hier wirklich großartig gemacht.“

 

Samstag. 17. August
Manu Katché Quartet (F)
Manu Katché
Auf seinem vierten Album für ECM, schlicht „Manu Katché“ betitelt, gibt der Franzose mit den afrikanischen Wurzeln den Rahmen und die Richtung mit seinem unverwechselbaren Schlagzeugspiel vor, wobei seine Kompositionen und Arrangements förmlich aus den Rhythmus-Mustern herausstrahlen. Sein kraftvoll vorwärtstreibender und dabei doch entspannter Groove unterscheidet sich von dem aller anderen Schlagzeuger und trägt die Solisten in neue Höhen.

Zur Besetzung der Katché-Band gehören derzeit auch der Norweger Tore Brunborg, der in den 1980er Jahren in der Band Masqualero erstmals auf ECM zu hören war. Der britische Keyboarder Jim Watson beeindruckt gleichermaßen mit seinem minimalistisch-beharrlichen, und doch lyrischen Klavier – wie auch mit seinem süffigen, wirbelnden Orgelspiel. Kaum zu glauben, welchen Rang ein Schlagzeuger einnimmt, der seit fast dreißig Jahren Musikern aus Pop, Rock und Jazz die rhythmische Basis geliefert hat – und jetzt eine neue Produktion unter eigenem Namen herausgebracht hat, die man freilich unter die Meisterwerke des Jazz einreihen muss: Manu Katché. Alles, was im Jazz herausragendes Handwerk eines Schlagzeugers seit Gene Krupa und über Elvin Jones vereint. Man fragt sich, woher dieser Drive und diese Intensität kommen. Entspannt entspinnen sich die sketchartigen Kompositionen Katchés. Sein luzides Schlagwerk drängt sich nie in den Vordergrund. Ohne die ungeheuer einfühlsamen, aber dennoch stets groovenden Schlagzeugkünste Manu Katchés wäre die Popwelt (und nicht nur die) deutlich ärmer.

Katché trat zwar schon Ende der 70er Jahre mit Größen wie der damals in Paris lebenden brasilianischen Pianistin und Sängerin Tânia Maria oder dem Jazzpianisten Bobby Few auf, ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit geriet er aber eigentlich erst ab 1986, nachdem er an der Einspielung von Peter Gabriels Pop-Klassiker „So“ mitgewirkt hatte. Seitdem hat Katché mit zahllosen Größen der internationalen Musikwelt zusammengespielt: Sting, Joni Mitchell, Dire Straits, Simple Minds, Tears For Fears, und und und… Schon dieser gekürzte Auszug aus der Liste der Künstler, die Katché in beinahe zwanzig Jahren begleitete, zeigt zum einen seine geradezu universelle Vielfältigkeit als Drummer, zum anderen aber auch, daß er bei der Auswahl der Musiker, mit denen er zusammenarbeitet, hohe Qualitätsstandards setzt. Das Schlagzeug Manu Katchès scheint zu singen, er verfügt über eine filigrane und elegante Spielkultur, eine poetische Einfühlsamkeit. Seinen Schlagzeug-Stil bezeichnete Katché selbst einmal als ein „Amalgam aus afrikanischen Rhythmuskonzepten und klassischem Schlagzeugspiel, illuminiert durch die ad hoc entstehende Interaktion des Jazz“. Manu Katché lässt spüren, dass das, was er spielt, nur den Bruchteil seines Könnens darstellt. Darunter ist ein Vulkan verborgen.
Luca Aquino, tp; Tore Brunborg, sax; Jim Watson, piano; Manu Katche, drums

 

Mittwoch, 21. August
Polica (USA)
Give You The Ghost
„I’ve been listening to this band Poliça from Minneapolis lately. They’re the best band I’ve ever heard.“ Gesagt wurde dieser Superlativsatz von keinem Geringeren als Justin Vernon, dem Kopf von Bon Iver und einem der besten Singer/Songwriter, den die amerikanische Musiklandschaft aktuell zu bieten hat. Der Mann meint also, Polica ist das Beste, was er je gehört hat. Ist das zu fassen? Ja, ist es! Von Minneapolis aus verbreitet sich die Kunde dieser jungen Band. Gerade ein Jahr gibt es Poliça, das erste Album „Give You The Ghost“ erschien Mitte des letzten Jahres in Deutschland, und längst sind sich die Blogger, Radiomacher, Zeitungskritiker und Musikerkollegen einig, dass da etwas Großes kommt. Das beste Debüt des Jahres urteilte die ZEIT. Polica, Ableger des umtriebigen Künstlergroßkollektivs Gayngs, unter Regie der Produzenten Ryan Olsen und Jim Eno (Spoon), bestehend aus zwei Drummern, einem Bassisten und der Sängerin Channy Leaneagh (Casselle), treiben ein verblüffendes Spiel mit Stimmungen und widersprüchlichen Emotionen, mit elektronischen Effekten und organischen Klängen. „Tremble at the taste of“: Auch der Konzertbesucher staunt ob dieser atemberaubenden Kompositionen, die angesichts der Fülle an Rohheit und Gefühl, an Präzision, an Synthesizer-Loops und Schlagzeug-Opulenz zu vibrieren scheinen.

Die virtuosen Steigerungen, die Spannungsbögen, die die Band entwickelt, die filigranen und doch fulminanten Soundgebilde münden in einer berauschenden Klangsprache. Der grösste gemeinsame Nenner dieser Musik: fette, raumgreifende Synthieloops, die so gewaltig und brachial, so vielschichtig und verschränkt daherkommen, wie man es so kunstvoll sonst nur von Portishead oder Massive Attack kennt. Die Rückbesinnung auf HipHop und R&B der 90er heben Polica deutlich ab von anderen Neo-R&B-Acts der Gegenwart wie The Weekend oder Drake. Polica verwenden stets zwei Drumsets im Studio und auch live und sie setzen konsequent auf Autotune. Channy Leanagh benutzt aber ihr TC Helicon-Effektgerät nicht, um sich dahinter zu verstecken: „Ich benutze es, um meine Stimme zu verändern und zu bearbeiten. Es fängt die Noten meiner Stimme so ein, dass es mich an eine Oboe oder ein Instrument aus dem Mittleren Osten erinnert. Es geht da um dieses sanfte, süße Karma, das sich irgendwie um die Melodien der Instrumente schlängelt. Es gefällt mir, Autotune genau so zu nutzen.“ Ihre Musik driftet manchmal in Richtung Punk, dann wieder in Richtung R&B. Immer wendig und total aufregend. In ihren Konzerten feiern Polica Trip-Hop, R’n’B, Postpunk, Indierock, Elektronika und dabei gleichzeitig die Quellen des Folk – aber wer braucht denn hier noch Genrezuordnungen. Hingehen!

 

Donnerstag, 22. August
Caravan Palace (F)
Panic
Die Euphorie und Lebenslust der Swing-Ära wird von dieser Band ins 21. Jahrhundert katapultiert: treibender Electro-Swing, der ohne Umschweife in die Beine fährt. Caravan Palace bringen die Überschwänglichkeit des Gypsy-Swing à la Django Reinhardt mit der Energie moderner Dancefloor-Beats zusammen – dies Band ist eine Naturgewalt!

Ihr explosiver Elektro-Swing Stil sorgt für Tanzgarantie, Bombenstimmung und schlicht und einfach Lebensfreude. In Frankreich gelten Caravan Palace landauf landab als Phänomen und auch in Deutschland rocken sie die Bühnen, egal ob es Elektro-/Jazz-/Weltmusik- oder Rockfestivals waren, stets begeisterten Caravan Palace. Ihre Musik klingt nach spielerischer Leichtigkeit, locker und sehr eingängig, dabei ist sie anspruchsvoll und virtuos mit jeder Menge Swing. Mit großer Natürlichkeit verschmelzen Beats aus Drum Maschinen mit Geige, Kontrabass, Posaune, Klarinette, Gipsy Gitarre, Percussions und Keyboard zu tanzbaren Songs, die nicht zuletzt von der großartigen Stimme der charismatischen Sängerin Colotis Zoé getragen werden, die sich irgendwo zwischen der kabarettistischen Ethel Waters und der tiefgehenden Billie Holiday trifft. Manchmal lohnt es sich, in der Musikhistorie zu kramen. Die Pariser Formation Caravan Palace tut dies mit viel Erfolg und Gefühl, denn sie entstaubt den Swing der Dreißiger und Vierziger. Angereichert mit zeitgenössischen Elektro-Grooves aus Hip Hop, Dub und House zieht der Hype von dereinst wieder munter durch die Clubs, ohne dabei an Flair zu verlieren.

Im vergangenen Jahr erschien das lange erwartete zweite Album der Band mit dem erneut Tanzhysterie versprechenden Titel „Panic“. Caravan Palace ist keine Band für gemütliche Stunden auf der Couch. Caravan hört man am besten laut, bei Sonne und vor einer vor Leben nur so brummender Kulisse. Im Vordergrund stehen aber die hochbegabten Musiker, die zu den Beats Geige, Kontrabass, Posaune, Klarinette, Gipsy Gitarre, Percussions und Keyboard live einspielen. Die enorm tanzbaren Songs und die große Bühnenpräsenz der im Zazou-Stil der 30er Jahre gekleideten Band versprühen eine Energie, die den ganzen Saal ergreift. So wie Gotan Project den Tango entrümpelt hat, blasen Caravan Palace frischen Wind in Swing und Folk und rasen mit der Genre-Achterbahn über die Bühnenbretter. Gypsy-Swing meets Dancefloor-Beats.

 

Freitag, 23. August
Edgar Knecht Trio (D)
Dance on deep water
„Vielleicht war Jazz schon lange nicht mehr so originell und anregend“ schrieb die Kritik zu seinem letzten Kulturzeltkonzert. „Was sich da vor uns ausbreitet an Musik, ist schlichtweg grandios“, schwärmt auch das Jazzpodium und die Frankfurter Allgemeine Zeitung meint: „Eine solche Musik hat die Welt wohl noch nicht gehört“. Und tatsächlich gelingt dem deutschen Pianisten Edgar Knecht gemeinsam mit Bassist Rolf Denecke und den Schlagzeugern Stephan Emig und Tobias Schulte etwas, was man so noch nicht erlebt hat: Die Lebendigkeit von Jazz und Weltmusik und die Raffinesse klassischer Kompositonsweisen mit der Tiefe und Klarheit alter Volksliedmelodien zu verbinden.

Wie man mit Empathie und großer emotionaler Kraft dem angestaubten deutschen Volkslied zu neuer Blüte verhilft, demonstrierte Edgar Knecht 2010 auf seinem Debütalbum ‚Good Morning Lilofee‘. Gleich mit dieser ersten Trioeinspielung wurden der Komponist und sein Quartett auf bedeutende internationale Festivals eingeladen. Dort spielten sie neben Weltstars wie John Scofield, Buena Vista Social Club, Pat Metheny oder Dave Holland und eroberten Publikum und Kritik unisono.

Mit der neuen CD ‚Dance On Deep Waters‘ setzt das brillante Ensemble seinen Streifzug durch das „Old German Songbook“ nun fort. Bedeutende Volkslieder der Romantik, wie das mit swingendem Latin-Flair daherkommende „Gedankenfreiheit“ oder das in rasanten Bebop-Tempi strahlende „Frühling“, werden von berührender musikalischer Tiefe und atemberaubender Grandezza durchdrungen. Kontemplation und Groove feiern ein unter die Haut gehendes, berauschendes Sinnenfest.

Edgar Knecht hat mit seinem erfrischenden Zugang zur verloren geglaubten Tradition längst Maßstäbe gesetzt. Dass seine detailreichen Kompositionen dabei Innigkeit und Tiefgang mit südlicher Wärme und vitalen tänzerischen Impulsen verbinden, ist eines der Wunder in Knechts Musik. Seine Lieder werden durch ihre leichte spielerische Magie und ihre Erzählkunst zu Orten, an denen fesselnde Imaginationen angestoßen werden und man immer wieder vor Spannung den Atem anhält. Da erfährt „Der wilde Wassermann“ eine trotz seiner Reduziertheit klassisch anmutende Opulenz, während sich in der tragischen Liebesgeschichte „Es waren zwei Königskinder“ Raum und Zeit aufzuheben scheinen. Und das Wiegenlied „Guten Abend, gute Nacht“, das mit der Melodie von Johannes Brahms fast jeder kennt, mündet in eine ebenso zarte wie tief empfundene Jazz-Ballade. Auf den Wellen der tiefen Wasser tanzen Klavier, Bass und Schlagzeug, formen sich Rhythmen und Melodien zu furiosen Klangfeuerwerken. „Und das geschieht“ so die Hessische Allgemeine, „mit so viel Innigkeit, ausgelassenem Spielwitz, Improvisationsfreude und Spontanität, dass es bisweilen fast zum Weinen schön ist.“ Eine Frischzellenkur aus Jazz und Weltmusik.
Edgar Knecht, piano, Komposition; Rolf Denecke, bass; Tobias Schulte, drums, perc.

 

Samstag, 24. August
Get Well Soon (D)
The Scarlet Beast O‘Seven Heads

Als Konstantin Gropper das neue Get Well Soon Werk als seine „Sommerplatte“ vorstellte, dachten wir erst, er scherzt, nur gelacht hat er nicht. Fakt ist, dass das nebulös betitelte „The Scarlet Beast O‘Seven Heads“ tatsächlich die erste Get Well Soon Platte ist, die nicht im Januar erschien, sondern im knalle-heißen August des vergangenen Jahres. Und auch musikalisch stimmt das mit der „Sommerplatte“, aber auf eine ganze eigene, verspielte und natürlich trotzdem morbide Weise. Nichts da mit wahlweise: Eis am Stiel, Lagerfeuerromantik oder Ferienstimmung. Der Groppersche Sommer ist ein fiebriger Trip im Halbschlaf, in dem man von Visconti und Donald Sutherland träumt und überhitzt aufwacht. Obwohl, laut Gropper, das Album von dem verzweifelten Versuch handelt, „kein Album über den Weltuntergang zu machen“, ist ihm das offensichtlich nur zur Hälfte geglückt.

Zuerst sei noch mal zur Beruhigung versichert: Konstantin Gropper mag nicht weg vom Breitwand-Format und vom Weltschmerz, und das ist gut so, ob er nun für Wim Wenders Filme oder für ARTE „high-brow Porno Miniserien“ Musik schreibt, oder ob er sich seinem eigenen, melancholischen Pop-Epos widmet. Es klingt immer alles groß. Selbst die stillsten Momente haben diese Größe. Und trotz allem schwebt der Pomp bei Get Well Soon nicht sinnlos wie eine Scorpions-Orchester-Blase im luftleeren Raum, sondern steht auf unverwüstlichen Füßen.
Um den Künstler nochmals zu zitieren: „Ich dachte mir, ich löse mal ein, was ich mit dem zweiten Album zwar propagiert, aber nicht unbedingt ausgelebt habe: Ich mache mich locker. Mal schön fluffig aus der Hüfte, dachte ich, und hab mal ein bisschen Dolce Vita zugelassen. Aber nur ein bisschen“.

Doch die Musik auf die hier und da ausgelösten Schlüsselreize „Italien“ bzw. „Filmmusik“ herunter zu brechen, wäre zu kurz gedacht. Das wäre dann auch nicht Get Well Soon. Wenn man also diese Zeilen liest, dann ins Konzert geht und sich auf einen blümerant vor sich hin swingenden Strand-Abend freut („…meine Sommerplatte“), dann würde man wahrscheinlich bereits von dem als „Prologue“ dienenden, und folgerichtig so genannten ersten Titel, verwirrt . Sehr viel melancholischer kann Get Well Soon eigentlich nicht starten. Die gewohnte Opulenz kommt schon noch. Es folgt eine leicht ironische Verballhornung des Weltuntergangs-Hypes, aber eben mit den Mitteln des italienischen Easy-Listening- Instrumentals. Und so geht es munter weiter mit einer komplexen Anti-Zynismus-Hymne. Weiter geht die Reise durch den „Gropperschen Themenpark“ und last not least der großartigen Disco Hymne, die sich vor all den „troubled women“ aus Hitchcocks großen Filmen verneigt. Klar wird es bei Get Well Soon auch romantisch, schließlich wollte die Gruppe nach eigenem Bekunden einmal die Lücke, die einst die Flippers hinterließen, füllen, und natürlich blitzt da die Ironie auf. „The Scarlet Beast O`Seven Heads“ – wer sich in der Bibel auskennt weiß, dass das Ungeheuer die Apokalypse ankündigt. Was für ein Tanzrausch!

 

Sonntag, 25. August
17 Hippies (D)
Metamorphosos
Nach ihrer Tour durch Mexiko haben sich die 17 Hippies in ihr heimisches Labor im Prenzlauer Berg in Berlin zurück gezogen und zaubern an einer großen Zusammenarbeit mit internationalen Künstlern. „Metamorphosis“ heißt dieses Projekt, zu dem die Band Musiker versammelt, die sie in den letzten 10 Jahren auf ihren Reisen durch die Welt getroffen hat. Das 17 Hippies-Repertoire wird zu einem Schmelztiegel von Klängen, Stimmen und Sprachen. Das dazugehörige Album erscheint Ende dieses Jahres. Desweiteren nehmen sie gerade „17 Hippies für Kinder“ auf, welches ebenfalls diesen Sommer auf CD erscheinen wird …

Für das alljährliche Konzert im Kulturzelt stellen die 12 Musiker der 17 Hippies ein besonderes Programm zusammen. Dies wird auch dieses Jahr wieder ein rasanter Querschnitt durch das illustre Leben der Berliner sein. Kommen, hören, staunen und beglückt in den Restsommer gehen. Wenn die 17 Hippies aus dem Rest der Welt zurückkehren, haben sie meist mehr im Gepäck als beim Auftakt der Reise. Allerdings sind es kaum kitschige Staubfänger, die Koffer und Taschen füllen. Vielmehr bevölkern neue Klänge und Melodien die zwölf kreativen Köpfe. Nach Wochen der Live-Performances auf den Bühnen in Europa, Asien und Amerika warten unzählige Rhythmen, Melodien und Instrumente darauf, in neuen Stücken verarbeitet zu werden. Ihre Musik steckt in den Klängen türkischer Straßenmusiker oder lässt sich auch mal von einem javanesischen Schattenspieler im eigenen Viertel inspirieren.Genre-Bezeichnungen wie Weltmusik reichen nicht aus, um zu beschreiben, wie die vielköpfige Band ihre musikalischen Stärken in den letzten siebzehn Jahren zur Höchstform gebracht hat.

Apropos Musikeranzahl: zählen ist zwecklos! 17 klingt einfach gut und bedeutet nicht unbedingt das, was einem als erstes in den Sinn kommt … oder was man auf der Bühne sieht. Das Repertoire der 17 Hippies umfasst mehr als die Summe aller identifizierbaren Komponenten. Alles begann mit der Idee, Musik auf so einen kleinen gemeinsamen Nenner zu bringen, dass möglichst viele Musiker mitspielen können. Anfänglich wurden eingängige Melodien und Grooves traditioneller Musik naher Nachbarländer für den eigenen Gebrauch arrangiert. Balkanrhythmen haben dem anglo-amerikanischen Rock/Pop/Jazz-Background der Mitglieder neue Impulse gegeben. Ganz auf die einzelnen Musiker und ihr akustisches Instrumentarium abgestimmt, hat sich die Musik der 17 Hippies im Gesamtbild zu einem turbulenten Sound verdichtet. Aber das müssen wir hierzulande wohl keinem mehr erklären!

Von Wildwechsel

Online-Redaktion des Printmagazin Wildwechsel. Wildwechsel erscheint seit 1986 (Ausgabe Kassel/Marburg seit 1994). Auf Wildwechsel.de veröffentlichen wir ausgewählte Artikel der Printausgaben sowie Artikel die speziell für den Online-Auftritt geschrieben wurden.

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