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“Ich habe mich nie darum gekümmert, was gerade ‘in’ oder ‘out’ ist.” – Nicke Andersson von Imperial State Electric im Interview

am 10 Oktober 2016 von Matthias

Imperial State Electric

Markus Welby Schmidt, Gitarrist und Vocalist der Band Supercobra, interviewte (bereits zum zweiten Mal) Nicke Andersson zum neuen Album von IMPERIAL STATE ELECTRIC. 

Ich hatte die Gelegenheit, mit Nicke Andersson ein ausführliches Interview zum neuen Album „All Through The Night“ zu führen. Gut aufgelegt und freundlich hat er mir Fragen zur neuen Scheibe, Gitarren, zukünftigen Shows und – ja – auch zur Zukunft der Hellacopters beantwortet…

MARKUS WELBY SCHMIDT: Hallo Nicke, wie geht es dir, nachdem ihr monatelang auf Tour wart?
NICKE ANDERSSON: Eine monatelange Tour war es eigentlich nicht.

Ihr wart aber doch ordentlich unterwegs, auf Festivals in Schweden, England und Deutschland – und auf Tour mit Graveyard.
Das stimmt, aber für mich war das nicht annähernd genug. Ich würde da gerne viel mehr machen.

Trotzdem hattet ihr ihr sicher wenig Zeit für ein neues Album, das nur gut ein Jahr nach „Honk Machine“ erscheint. Aber du hast ja mal gesagt: „Wer vier Jahre für ein Rock ‘n’ Roll – Album braucht, macht etwas falsch.“
Stimmt genau – in den 60ies oder 70ies hat das ja auch nicht so lange gedauert – warum sollte man heute länger brauchen?

Wohl wahr! Trotzdem: Wie habt ihr das so schnell hingekriegt?
Na, ja. Zunächst schreibe ich nicht Songs für ein bestimmtes Album, sondern ich schreibe ständig neue Sachen. Wenn dann eine neue Platte ansteht, schauen wir erstmal, was an Songs schon da ist – meistens eine ganze Menge – und dann packen wir noch etwas drauf. So findet man dann sowohl brandneue Songs als auch ältere auf der Scheibe. Im Grunde hätten wir schon wieder genug Songs für die nächste Scheibe zusammen, aber weil es einige Shows gab und jeder viel um die Ohren hat – Familie und so – sind wir noch nicht dazu gekommen, die auch schon aufzunehmen. Musik ist einfach das, worauf ich stehe. Das mache ich am liebsten.

Die anderen ganz offensichtlich auch. Auf der Platte werden die Songs ja nicht nur von dir, sondern auch von Dolf De Borst oder Tobias Egge geschrieben und z.T. auch gesungen, der erste Song auch im Duett mit Tobias.
Ja, „No Sleeping“ ist von Dolf, „Over and Over“ von Tobias. Und beim dem ersten Song („Empire Of Fire“) schien es mir passend, uns abzuwechseln. Aber grundsätzlich ist es so: In der Zeit, wo Tobias zwei Nummern schreibt, haue ich zwanzig raus. Ich schreibe einfach mehr Songs und schneller als die beiden – ich hätte aber nichts dagegen, wenn auch von den anderen noch mehr dabei wäre und sie noch öfter singen würden – denn ich mag die Abwechslung, die dadurch entsteht und mag es, wie die beiden singen.

„All Through The Night ist halt einfach ein Rock ´n´ Roll Album.“

Wie schreibst du Songs? Fängt es mit einer Textidee an?
Nein, damit nie. Ich spiele Akkorde, summe eine Melodie dazu – oder singe erstmal Nonsense. Der Text kommt dann später. Ich nehme alles mit dem Telefon auf. Wenn mir etwas gut gefällt, nehmen wir ein Demo auf. Und wenn ich keine Texte schreiben müsste, würde ich wahrscheinlich 200 Songs im Jahr schaffen – aber Texte sind harte Arbeit für mich.

Und worum geht es in den Songs?
In „Would You Lie To Me“ eben ums Lügen – ganz allgemein – der „Boo Hoo Train“ handelt von Leuten, die zu viel rumjammern – und „Empire Of Fire“ ist eher ein politischer Song.

Du hast ja mal behauptet, du seist in der Band so eine Art Diktator – ist es diesmal eher ein Band-Album geworden?
Auf jeden Fall. Trotzdem muss ja einer den Ton angeben, die Sache vorantreiben, und den Kopf hinhalten – und das bin bei ISE eben ich. Das kann man Chef nennen, oder den Käpt´n – egal. So einen gibt es sicher in fast jeder Band. Und letztlich funktioniert es ja auch ganz gut.

Die ganze Platte ist stilistisch wieder sehr abwechslungsreich, fast noch stärker als die letzte. Es geht vom harten Rocksong über die Ballade bis hin zur Country-Nummer. Ist gerade das die künstlerische Freiheit, die du an ISE schätzt?
Also vor allem ist es erstmal ein Rock ‘n’ Roll-Album. Wenn man sich die Klassiker, z.B. von den Stones anhört, sind auch oft ganz unterschiedliche Sachen drauf – trotzdem ist es ein Stones-Album. So ist das auch bei uns – es ist einfach ein ISE-Album, selbst wenn dabei auch Nummern mit einem Country-Feeling drauf sind.

Auf der Countrynummer macht eine alte Bekannte von dir mit, die schon bei deiner Soulband „THE SOLUTION“ gesungen hat, Linn Segolson. Wie kam das zustande?
Na ja, im Grunde war es natürlich ein Spaß – schließlich sind wir keine Country-Band und sie ist keine Country-Sängerin – sie macht mehr Rhythm and Blues. Aber ich habe die Nummer geschrieben, und wir haben uns zusammen mit der Band überlegt, ob wir das einfach mal ausprobieren wollen. Und dann haben wir gesagt: „Klar, lasst es uns machen – lasst uns einen finden, der Pedalsteel spielt (Ola Gustafsson) und lasst es uns tun.“ Es gibt bestimmt ein paar Typen, die das nicht mögen – aber uns gefällt´s.

Warum nicht? Die Stones haben ja auch Nummern wie „Dead Flowers“ gemacht. Apropos Pedalsteel-Guitar: Du spielst auf der Bühne eigentlich nie Fender-Gitarren – aber hier klingt es verdächtig danach – was war es?
Na ja, hier habe ich tatsächlich eine Telecaster gespielt – das musste bei der Nummer einfach sein.

Die erste Nummer auf der Scheibe ist für mich eine sehr spannende Mischung zwischen völlig unterschiedlichen Bands. Während die Riffs zu Beginn und die Gitarren durchaus an Lynyrd Skynyrd erinnern, geht´s danach in einen Teil, der etwas von David Bowie aus der „Space Oddity“-Zeit hat.
Für mich ist das unser Blue Öyster Cult Song. Aber egal, ich mag sowohl Lynyrd Skynyrd als auch Bowie. Also, warum nicht?

Wie nehmt ihr so eine Platt eigentlich auf? Spielt ihr live, oder Stück für Stück?
Das kommt ganz darauf an, wer grade Zeit hat, und wo wir gerade sind. Steht mein Studio zur Verfügung, hilft uns das natürlich. Wir haben auch einige Nummern live eingespielt – andere sind nach und nach entstanden. Wir haben diese Platte jedenfalls nicht an einem Stück eingespielt.

Der Sound ist vintage, aber zugleich modern und druckvoll. Gibt´s da einen Trick?
Na ja, zum einen ist es das Equipment, die speziellen Gitarren – das klingt eben, wie es klingt. Zum anderen haben wir uns diesmal den Luxus gegönnt, dass wir nicht alles selbst gemacht haben, sondern haben Frans Hägglund an die Regler gesetzt, der das auch schon für Bands wie die Hives gemacht hat. Das ist gut, weil man so nochmal eine Person außerhalb der Band hat, die sich um die Platte und den Sound kümmert. Dadurch klingt das Album auch anders. Wenn ich genug Kohle hätte, würde ich für jedes Album einen Produzenten holen. Ich würde dann den Kram nur einspielen und die anderen könnten sich um den Rest kümmern. Vielleicht beim nächsten Mal ;-)

Im Beipackzettel zur Platte heißt es, im Fokus stünde Musik, wie sie zwischen 67 und 78 gemacht worden sei – warum gerade dieser Zeitraum?
Ich habe das nicht geschrieben – aber letztlich soll es wohl eigentlich darum gehen, dass es zeitlos ist. Eben Rock ‘n’ Roll. Nicht das trendigste Ding zur Zeit – aber vielleicht irgendwann wieder. Ich habe mich nie darum gekümmert, was gerade „in“ oder „out“ ist. Denn wenn man versucht, einem Trend zu folgen, ist man letztlich ja immer schon zu spät.

Ganz so untrendig ist Rock ‘n’ Roll ja gottseidank im Moment gar nicht; ich habe dich in Köln mit Graveyard gesehen – und da waren sicher rund 1000 Leute.
Das stimmt – aber zu Graveyard müssten eigentlich 10000 kommen, so gut wie die sind. Aber viele Leute gucken sich leider lieber einen Typen mit einem Computer an.

Hast du auf der Tour auch jüngere, neue Bands kennengelernt, die du empfehlen kannst?
Es sind oft sehr spannende Bands dabei, aber im Moment fällt mir da vor allem HONEYMOON DISEASE ein. Und DOOJIMAN & THE EXPLODERS – die sind klasse!

Ihr habt beim Sweden-Rock-Festival gespielt. Wie war´s?
Ein tolles Festival – und wir hatten eine gute Show.

Und alle wollen natürlich gerne wissen, wie deine andere Show auf dem Sweden-Rock gelaufen ist – die Reunion der Hellacopters!
Es war gut. Ich bin froh, dass wir das gemacht haben.

Gibt´s also eine Chance, dass man die Hellacopters nochmal sieht?
Ja. Wir werden wohl ein paar Gigs spielen im nächsten Jahr, zum Beispiel bei einem Festival in Belgien (Sjock-Festival).

Gut zu wissen. Wie sieht es mit ISE aus, wann und wo spielt ihr?
Anfang 2017 wird es wohl eine Tour unter anderem in Deutschland geben, bei der wir als Headliner und vor allem in Clubs spielen werden. Wer weiß, vielleicht sind ja HONEYMOON DISEASE mal als Support dabei.

Und wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus? Ein neues ISE-Album, oder etwas Neues von The Solution – oder eher Death Breath?
Ich werde auf jeden Fall zwei Shows mit Entombed spielen – auf einer Death-Metal-Cruise bei Finnland. Und mit ISE werden wird in Skandinavien und auch in Deutschland touren, hoffentlich auch auf ein paar Festivals.

Ein guter Ausblick – danke für das Interview.
Danke auch!

Die Plattenkritik zum neuen Album von ISE, ebenfalls von Markus Welby Schmidt verfasst, findet sich hier


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