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Public-Viewing 2010 in Kassel.

Als ich noch klein war, glaubte ich, dass alle ungeborenen Kinder sich bei Gott im Himmel ein Elternpaar aussuchen, das ihnen gefällt. Natürlich weiß ich heute, dass sich manche Kinder ihre Eltern mit Sicherheit nicht ausgesucht hätten. Genauso sucht sich niemand sein Geburtsland aus. Es ist reiner Zufall, welchen Eltern wir geboren werden und welche Nationalität sie haben.

Ich kann Patriotismus nicht verstehen. Überhaupt fällt es mir schwer, Stolz zu verstehen. Aufs Abi bin ich stolz, aufs Studium. Auf Leistungen. Aber habe ich etwas dazu beigetragen, dass mein Land ist, wie es ist, habe ich Berge und Seen gebaut oder meinen Mitmenschen ihre Mentalität verpasst?

„Patriot: Jemand, dem die Interessen eines Teils über die Interessen des Ganzen gehen. Der Gimpel der Politiker und das Werkzeug der Eroberer.“
Ambrose Gwinnett Bierce (1842 – 1914), US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist.


Natürlich suchen Menschen Gruppen und Zusammenhänge zwischen sich. Ständiges Sich-Definieren und -Einordnen gehört zum Menschsein dazu. Patriotismus bedeutete früher einmal nur „gemeinsame Abstammung“, wie beim Wort „Landsmann“. Erst mit der französischen Revolution begann sich die Bedeutung zu wandeln. Schwierig ist es, ihn vom Nationalismus oder Chauvinismus (=Glaube an Überlegenheit der eigenen Gruppe) abzugrenzen. Für Kritiker ist es dasselbe, auch die Nazis benutzten den Patriotismus für ihre Zwecke.

„Wer sonst gar nichts hat, der hat doch ein Vaterland. Patriotismus ist die Religion der ganz armen Schweine.“
Wiglaf Droste (*1961), dt. Satiriker


Deswegen war er in den letzten Jahrzehnten in Deutschland regelrecht verpöhnt. Man musste sich fast schämen, Deutscher zu sein. Erst bei der Fußball-WM im eigenen Land änderte sich das. Ein „unschuldiger“ und unpolitischer Grund war gefunden worden, um unbekümmert von einer Vergangenheit, die man nicht erlebt hat, „SCHLAAAAAND“-Fan zu sein.

In den USA dagegen ist Patriotismus üblich. Es gibt einen schulischen Flaggeneid, die Flagge kann man sogar beleidigen. In der Simpsons-Folge „Geächtet“ zeigt Bart den „Stars and Stripes“ versehentlich den nackten Hintern, worauf die ganze Familie ins Gefängnis geschickt wird.

„Ich liebe mein Vaterland nicht, weil es mein Vaterland ist, sondern weil ich es schön finde. Ich habe Heimatgefühl, aber keinen Patriotismus.“
Arthur Schnitzler (1862 – 1931), österreichischer Erzähler und Dramatiker.


Vielleicht verwunderte es die Chinesen, dass in Hongkong kräftig dagegen demonstriert wurde, dass ab 2013 in den Schulen „Moral und Nationale Erziehung“ unterrichtet werden soll. Denn in Rest-China ist dieses Fach üblich, inklusive Flaggenappel und Nationalhymne. Die New York Times zitierte einen Vertreter der Hongkonger pro-chinesischen Bildungsvereinigung: „Wenn es Probleme mit dem Gehirn gibt, muss man es waschen, genauso wie man schmutzige Kleidung oder eine kranke Niere waschen muss.“ Die Regierung stößt ins gleiche Horn, sie sagt laut Spiegel, wer protestiere, sei „Opfer westlicher Gehirnwäsche.“

Irgendwie wirkt es jedoch seltsam, dass man es bei den USA höchstens als „liebenswerte Schrulle“ eines Landes ansieht, dessen Einwanderer-Gesellschaft zusammenhalten muss, im kommunistischen China jedoch Böses vermutet, während es Deutschland dem Rest der Welt schuldet, nicht patriotisch zu sein. Oder nicht?

Von Maria Blömeke

Ehemaligen Ww-Redakteurin

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