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Abschalten bei Reality-TV?

Von wegen real!

„Weißer als weiß“. Mit diesem Slogan warb einst ein deutscher Waschmittelhersteller und versprach damit etwas, was gar nicht möglich ist. Auch beim so genannten Reality-TV wird gewaschen. Meist schmutzige Wäsche. Und auch hier wird etwas geboten, was es eigentlich gar nicht gibt: Eine Realität, die in Wirklichkeit zumeist rein fiktiv ist!


Eine Doku über eine Geschäftseröffnung wird mit einem großen Eifersuchtsdrama gespickt, in einem anderen Fall wird Personal für einen Laden gesucht, der gar nicht existiert! Wildwechsel sprach in den letzten Monaten mit 2 regionalen Geschäftsleuten, die sich im Reality-TV inszenieren ließen. Aufgrund ihrer Verträge dürfen sie sich öffentlich nicht zu den realen Bedingungen äußern. Ww gegenüber waren sie sich jedoch einig: 90% ihrer Doku war gefakt. Im Drehbuch kamen sie nicht gerade gut weg. Doch gut für‘s Geschäft war es trotzdem.

Einzelfälle? Leider nicht, im Fernsehen werden uns regelmäßig erfundene Stories aufgetischt. Was Fakt, Fiktion (oder gar gezielte Werbung) ist, kann nur sagen, wer beim Dreh dabei gewesen ist. Die Darsteller sind oft die Gehörnten: Im Extremfall müssen sie nach der Ausstrahlung gar den Wohnort wechseln.
Natürlich begeben sich viele naiv in die Hände der Fernsehmacher. Doch woher sollen sie auch wissen, was auf sie zukommt?

Das Bloßstellen funktioniert. Wir TV-Zuschauer sind nicht unschuldig daran. Aber was kann man tun? Die Formate meiden? Gar auf Verbote hoffen?
„Ich glaube, dass Zensur nicht das richtige Mittel ist“, sagt die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Tanja Thomas. Für ihre Arbeit schaute sie Germany‘s next Topmodel“ mit jungen Mädchen und stellte selbst bei der vermeintlich unwissenden Zielgruppe eine große Kritikfähigkeit fest, “und ich habe nicht nur mit Gymnasiasten geschaut“, so Thomas. Thomas ist für eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema und hält die Einführung des Fachs Medienkunde für wichtig.
“Eine öffentliche Debatte bringt mehr, als Geldbußen“, bestätigt auch Dr. Peter Widlok von der Landesanstalt für Medien in NRW.

Aufgrund des massiven öffentlichen Drucks bei der 1. Big Brohter-Staffel vor 10 Jahren, musste sich RTL II auf Verbesserungen, wie einem Zimmer ohne Kameras, einlassen. Lange kann das auch beim Reality-TV nicht mehr dauern. Denn: Wer lässt sich schon gerne beim Spannen verarschen? (sg)


Das 40%reale Leben der Jenny S.
...ist nie ausgewandert, hatte dies nicht konkret vor, war aber bei „Auf und davon“
... ist eine Freundin von Playboy-Wannabe-Model Daniela Katzenberger, war schon mal leicht bekleidet in der Bild und feierte mit Michael Ammer bei „Taff“
...beginnt ab März eine Berufsausbildung zur Bürokauffrau, diesmal wohl ohne Kameras, oder?


Jenny ist 22, hat nichts erreicht, zickt ständig rum und arbeiten überlässt sie lieber den anderen. Diesen Eindruck jedenfalls vermittelt uns die Auswanderer-Sendung „Auf und davon“. Jenny aus Ludwigshafen eignet sich somit hervorragend als Aufreger und somit als Quotenbringer. Auf Kosten ihres Rufes versteht sich.

Wieso hast du bei der Sendung mitgemacht?
Ich habe früher viel mit Daniela Katzenberger zu tun gehabt. Sie hat mich damals überzeugt, auch was für die Bild zu machen. Die Produktionsfirma, die für die Bild-Fotos zuständig war, ist dieselbe wie bei „Auf und davon“.
 
Wie viel Einfluss hattest du selbst?
Ein Drehbuch für mich gab es nicht. Aber in viele Situationen wurde ich einfach reingeschmissen und überrumpelt. Manchmal wenn ich was gesagt habe, kam  noch mal bei der Sendung mitgemacht?
Meine Redakteurin meinte, dass ich hohe Einschaltquoten hatte. Und na ja, ich hab negative und positive Kritik bekommen, ist klar, das hat jeder. Sie haben mich auch gefragt, worauf ich Lust hätte und mir mehrere Sachen vorgeschlagen. Ich wollte gerne was mit Tieren machen und in ein wärmeres Land, dann bin ich halt nach Teneriffa gegangen.

Hattest du denn wirklich vor, ein gutes Praktikumszeugnis zu bekommen, um später als Tierpflegerin zu arbeiten?
Es war schon ne Überlegung. Ich habe ja jetzt die Referenzen. Und es hat auch Spaß gemacht.

Was hast du gedacht, als es gesendet wurde?
Oh, Gott. Manchmal konnte ich selbst nicht glauben, was ich da gesagt oder getan habe.

Wie viel davon ist jetzt wirklich Jenny?
Ich sag mal 40%. Als ich nach Österreich gegangen bin, ging es mir z.B. wirklich schlecht.

Hat dir die Sendung im Nachhinein geschadet?
Ja, wenn man mich googelt... Ich denke schon.

Du wirst ja schon dargestellt wie...
Ein Vollidiot, ja. Ich wurde schon ziemlich runtergemacht. Ich hab mich auch selbst darüber geärgert. Das war nicht so das, was ich unbedingt wollte. Meine Mutter hat z.B. mit mir zusammen eine Bewerbung für die Stadtverwaltung geschrieben. Die Bewerbung war mir voll wichtig. Aber die haben mich natürlich gegoogelt...

Für den Zuschauer ist es natürlich auch schwer zu beurteilen, was da stimmt und was nicht...
Ich gucke keine Doku-Soaps mehr! Seit ich weiß, was da alles gefake d wird, kann ich mir das nicht mehr ansehen. Es gab auch eine Szene, da bin ich gestürzt und habe mir ziemlich wehgetan. Ich habe darum gebeten die Szene zu löschen, aber wurde sie natürlich nicht. Mir hat ja auch keiner aufgeholfen, als ich hingefallen bin. Es wurde einfach weitergefilmt.

Aber du wirst sicher auch noch angefragt für verschiedene Sachen?
Ja klar. Ich bin jetzt z.B. auf dem Cover von „Dream Machines“. Ich mache nicht mehr alles, aber Sachen, die ich als seriös empfinde mache ich schon. Sachen, wo ich denke, „jetzt tu ich mich nicht wieder in die Scheiße reinreiten!“

 

Eine kleine Geschichte der Doku-Soaps:

1948 gab es in den USA die erste Reality-Show: „Candit Camera“ Die Geburt der „versteckten Kamera“! Bis heute auch in Deutschland eines der beliebtesten realen TV-Formate.

1954 wurde die erste Castingshow im Fernsehen ausgetragen: Die Wahl zur Miss America! Läuft bis heute!

1961 wurden in der Sendung „Das Fernsehgericht tagt“ (ARD) reale Fälle vor Gericht verhandelt, „Richterin Barbara Salesch“ (SAT1) greift diese Idee 1999 wieder auf. Ihr bekanntester Fall: Regina Zindlers Nachbarschaftsstreit über einen Knallerbsenstrauch(!) der über ihren Maschendrahtzaun(!) ragt! Heute gibts nur noch erfundene Gerichtsshows.

1970 Geld oder Leben? Das „Millionenspiel“ war eine TV-Satire, die sich als echte Doku tarnte. Für eine Million Mark muss ein Kandidat sich eine Woche lang von Kopfgeldjägern verfolgen lassen. Ein Zuschauermagnet, bei dem sich tatsächlich Zuschauer als Kopfgeldjäger bewarben! Nach massiver Kritik verschwand die Sendung lange in der Versenkung.

1990. Talkshows erobern die Fernsehlandschaft und auch Reality-TV wird populär: MTV schickt „The Real World“ ins Rennen, eine Live-Sendung aus einer zusammengewürfelten WG. Eine der erfolgreichsten Reality-Formate überhaupt. Derzeit läuft die 22. Staffel. Auch die verschäfte Kopie, Big Brother (RTL II), wird zum Quotenhit!



Is it really real? Der Ww-Check:
Dokumentationen:
Zeigen gezielte Situationen zu einem bestimmten Thema, kein Drehbuch. Gezeigt werden verschiedene Orte und Personen. Je nach Thema kann der Stil sowohl emotional, als auch sachlich sein. Beispiel: Stern TV Reportage Realitätscheck: IIII

Dokumentationsdramen:
Dokumentiert wird das Leben einer bestimmten Familie („Frauentausch“) oder Berufsgruppe („Toto und Harry“) über einen bestimmten Zeitraum hinweg. Dramatik entsteht insbesondere durch den Schnitt. Genutzt werden besonders emotionale, dramatische Szenen oder besonders kuriose („Die Ludolfs“). Konflikte werden teilw. gezielt geschaffen (Gothik tauscht mit gläubigem Katholiken, „Frauentausch“). Teilw. gibt es Vorschläge für Themendrehs (Die Ludolfs fahren in Urlaub). Realitätscheck: III

Pseudo-Reality-Dokus:
Spielen dem Zuschauer vor, echte Menschen und deren echte Geschichte zu zeigen. Es gibt allerdings grundsätzlich ein Drehbuch. Entweder treten reale Personen mit echtem Namen, teilw. echtem Beruf und Wohnung auf und spielen aber eine Drehbuchgeschichte (z.B. Hure Trixie Hübschmann, „We are Family“) oder Darsteller spielen ein „realitätsnahes“ Drehbuch nach („Abschlussklasse“).Realitätscheck: I

Courtshows:
Gerichtsfälle werden verhandelt. Früher noch echte Fälle mit realen Personen, dann aber nur noch fiktive Fälle mit Laiendarstellern. Realitätscheck: 0

Reality-Spielshows:
Es geht um etwas (Geld bei „Big Brother“) oder jemanden (den Partner bei „Bauer sucht Frau“). Kandidaten über einen längeren Zeitraum von Kameras gefilmt. Teilw. werden Darsteller und Konfliktpotential eingebracht. Realitätscheck: III


Versteckte Kamera:
Personen werden hereingelegt und ihre Reaktionen darauf gezeigt. Der Zeitraum der Darstellung ist recht kurz. Zu solchen Shows zählen auch Formate wie „Borat“, in denen Schauspieler bewusst provozierende Szenen schaffen und die Reaktion ihres Gegenübers festhalten. Realitätscheck: IIII


Make over- und Helpshows:
Personen oder deren Besitztümer werden verschönert („Einsatz in 4 Wänden“, „10 Jahre Jünger“). Wichtig: Das Vorher-Nachher-Erlebnis. Helpshows stellen das Schicksal von Personen dar (überschuldet bei „Raus aus den Schulden“) und bieten Hilfe durch Coaches. Eine Mischform sind z.B. „Helfer mit Herz“. Hier werden persönlichen Probleme (Kinder schwer krank usw.) thematisiert. Geholfen wird durch Renovierung des Hauses, das eigentliche Problem wird nicht behandelt. Eine Talk- & Helpshow-Kombi (mit Schauspielern & Drehbuch) ist „Zwei bei Kallwass“. Realitätscheck: III


Fake-Dokus:
Lauern ständig und überall. Alle oben genannten Unterarten des Reality-TVs haben Fakes unter sich. Fakes sind solche Dokus, die dem Zuschauer verkaufen, das echte Leben zu zeigen, aber eine komplett konstruierte Story liefern. Anders gesagt: Dem Zuschauer werden Äpfel als Birnen verkauft. Wie lange lassen sie sich das noch gefallen?


Die Promi-Meinung:
Wie sieht die Zukunft des deutschen Fernsehens aus?
„Man kann dem deutschen Fernsehen für die Zukunft nur die Daumen drücken, viele Zuschauer haben sich schon verabschiedet. Das Öffentlich-rechtliche sollte sich wieder auf seine Qualitäten besinnen und das Privatfernsehen sich dort eine dicke Scheibe Qualität abschneiden. Wir müssen weg von Quoten- und Gewinnmaximierungs-Fernsehen!“

Michael Kessler, zeigt in „Switch Reloaded“, dass man selbst schlechtem TV noch etwas abgewinnen kann.


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