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Kinofilm "Der Fall Wilhelm Reich" - Interview mit Regisseur Antonin Svoboda

am 25 September 2013 von Thomas Bayer

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Kinofilm

Antonin Svoboda, Foto: Manfred Werner

Der Psychologe Wilhelm Reich (Klaus Maria Brandauer) flieht vor den Nazis nach Amerika. Hier – so meint er – kann er seinen Forschungen nachgehen.
Doch seine Erfindungen und Behandlungsmethoden bringen ihn ins Kreuzfeuer der Geheimdienste.  Im Interview sprach Regisseur Antonin Svoboda über seine Gedanken zu dem umstrittenen Wissenschaftler.

Für Sie ist Wilhelm Reich kein Unbekannter. Sie haben 2009 einen Dokumentarfilm über ihn gedreht. Was fasziniert, was beeindruckt Sie an diesem Mann?
Die Idee für den Spielfilm gab es vorher. Wilhelm Reich zu erarbeiten, macht in einem Spielfilm keinen Sinn.
Reich wurde ab dem Zeitpunkt, als er in die USA einreist, schnell als verrückt abgestempelt. Deshalb habe ich die Doku "Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?" gemacht. Sie beschreibt das gesamte Leben Reichs und kommt als Doppel-DVD auf den Markt.

Sie zeigen ja die beiden letzten Lebensjahre Reichs. Was war Ihnen dabei wichtig ?
Die wenigsten wissen, womit er sich in den letzten Jahren beschäftigt hat. Er war z. B. an dem Punkt, aufzuzeigen, dass die Atomenergie möglicherweise nicht die beste Energie ist. Darüber hat er auch mit Albert Einstein gesprochen. Er war der Meinung, dass wir sie nicht nutzen und vielleicht andere Energieformen finden sollten.

Damit hat er sich öffentlich gegen die amerikanischen Atomenergiebehörde gestellt?
Ja, er war so naiv, dass er all seine kritischen Berichte zur Atomenergie der Atombehörde geschickt hat. Er hat an die Menschen geglaubt und wollte sie vor Gefahren schützen.
Er war nicht paranoid oder hat Angst gehabt, er hat wirklich geglaubt, er muss das kommunizieren.


Er hat also an das Beste im Menschen geglaubt?

Absolut!

Wilhelm Reich wurde also von den amerikanischen Gesundheitsbehörden und vom Geheimdienst verfolgt/ beobachtet?
Das ist ja die Szene, wo der Anwalt, der gegen Reich ermittelt, den Brief vorliest. Und den gibt es ja wirklich. Es gab Glückwunschbriefe an den Anwalt nach der Verurteilung Wihelm Reichs. Von der pharmazeutischen Industrie, von der Atombehörde und von der FDA.
Slogan "Endlich ist der weg !", Wilhelm Reich war ein Dorn im Fleisch der amerikanischen Gesellschaft.

Das Leben ist Energie!
Das hat mich an Reich fasziniert, Jesus spricht nicht von Glauben oder Dogmen, er spricht von Energie und von Licht. Und heute entdecken wir, dass Licht eine Art von Intelligenz ist, die wir vielleicht nicht beschreiben können, aber es transportiert z. B. Informationen.

Also kann man Reich nachträglich Recht geben für seine Entdeckungen?
Recht? Es würde mich freuen, wenn die Leute neugierig auf Reich werden. Ich glaube, es ist wichtig, dass man versteht, dass man nicht die Türen vor Menschen zumachen soll, die sie aufstoßen und Fragen stellen. Man sollte sich daran erinnern, dass man als Kind auch neugierig war und das sollte man auch seinen Kindern nicht verbieten!

Reich wurde in den USA verfolgt, sogar seine Bücher wurden verbrannt (wie in Nazi-Deutschland!)
Genau! Mehr oder weniger ist er dort genauso behandelt worden. Wer aus dem nationalsozialistischen Europa flieht, hofft schon, dass es irgendwo in der Welt anders sein könnte.

Es gab seltsame Umstände von Reichs Tod ...
Es wurde Formaldehyd in seinem Magen gefunden, was auf eine Vergiftung hindeutet. Auch zur Autopsie wurde damals Formaldehyd verwendet. Man weiß es nicht.
Eva Reich ist 2008 gestorben, Peter Reich lebt in Amerika und ich möchte den Film gemeinsam mit ihm ansehen.
Reich hat ja über Schitzophrenie und Krebs geforscht, heute würde man sagen, mit alternativen Ansätzen. Allein, was Reich über die Atemtherapie geforscht hat.
Es gibt immer solche Beobachter wie Reich. Figuren, die man nicht vergessen sollte!


Mich würde es nicht wundern, wenn der Film für den Oscar 2014 nominiert würde!

Als Nicht-Amerikaner darfst du keine Kritik an den USA üben. Die schauen dich an als wärst du verrückt.


Was hat Reich über den Begriff "Freiheit" gesagt, der ja in den 50er Jahren sicherlich anders zu verstehen war als in der heutigen Zeit?

Heute fühlen sich ja alle frei!

Die meisten sind aber Sklaven ihrer Handys/ Technik?

Ja, die Körperhaltung ist heute eher eine leicht gekrümmte.

Es gibt sogar einen Begriff wenn man in einer Runde von Leuten sitzt, die anderen nicht beachtet, und an seinem Handy herumspielt.
Ja, ein Wahnsinn. Ich bin Jahrgang 1969 und da gab es Zeiten, als man als Jugendlicher so komisch verträumt in die Luft geschaut hat oder "neugierig in die Welt". Und die Welt war eben lebendig!
Was heute passiert, wir sind Sklaven einer Technik geworden, die uns zu viel Freiheit und Zugang zu allem gewährt. Aber es ist eigentlich eine künstliche Welt. Es ist ein täglicher Kampf!
Man kommt gar nicht mehr zu einem ausgeglichenen Moment - zur Harmonie, weil heute zu viele verschiedene Dinge von einem gefordert werden.

Kinofilm

Filmausschnitt aus "Der Fall Wilhelm Reich"

Was dachte Reich über Erziehung?

Ich glaube auch was er in Bezug auf "erziehen" gemeint hat, war nicht die Kinder/ Jugendliche in unser System "herüberzuziehen", sondern eher "sich entfalten lassen".
Ihr eigenes Potenzial, das sie haben, in die Welt bringen und dann davon zu profitieren. Sie sind ja die nächste Generation.
Die "Alten Säcke" denken uns die Welt voraus. Das ist doch absurd, oder!

Was sagen Sie zum heutigen Wahlkampf in Deutschland?
Im jetzigen Wahlkampf bezieht komischerweise niemand - obwohl es genug Themen wie die Energiewende etc. gibt - wirklich Stellung.


Und wenn ich mich für das eine oder andere entscheide, muss ich auch nachdenken, wie entwickelt es sich in 20 Jahren.

Sie [Angela Merkel, Anm. der Red.] vertritt das offensichtlich eher emotional-mütterliche, aber sie ist eine Systemerhalterin. Peer Steinbrück kontert mit Zahlen und Fakten, offensichtlich sein Kompetenzbereich, aber damit ist unser verirrtes Gesellschaftssystem auch nicht zu korrigieren.
Um etwas zu verändern, müsste man sich im Reichschen Sinn das Gesundheitswesen und die Ausbildung hernehmen, damit würde dann ein Nährboden für viele andere Belange unserer Gesellschaft angereichert werden.
Ständig alles gleichzeitig bedienen zu glauben ist Wahnsinn.

Das Thema ihres Films kann man wunderbar auf die heutige Zeit (die NSA-Affäre) übertragen!
So war er auch gedacht. Ich wollte nicht zu modisch sein, aber zu einer Zeitreise einladen. Die Magie des Kinos darzustellen.

Was sagen sie zum NSA-Skandal?
Ich komme aus einem "Schlumpfland" - Österreich - deshalb habe ich ich kein Recht, mich da großartig einzumischen.
Aber als Beobachter (Betrachter von außen), war es für mich ein Schock, die erste Aufregung darüber, wie das bekannt wurde, und dieses Verebbenlassen und eigentlich totschweigen.

Natürlich hat die Bundesregierung Verträge mit den Geheimdiensten der USA gemacht!
Ja, das weiß man jetzt auch! Und die halten das für selbstverständlich!

Und da gibt es die Handy-Generation, die das für völlig normal hält. Ich nicht, das sind persönliche Daten, die niemanden etwas angehen.

Wie kamen sie auf die Besetzung W. Reichs mit Klaus Maria Brandauer?

Klar wollte ich die Hauptrolle mit einem österreichischen Darsteller besetzen. Dort gibt es kaum Schauspieler seines Kalibers.
Da wir auf Englisch gedreht haben, war das optimal für Brandauer.
Man schickt ein Buch [Drehbuch, Anm. d. Red.] los und wartet. So war auch hier und es dauerte nicht einmal zwei Wochen und ich bekam einen Rückruf von ihm. Er war interessiert und dann dauerte es noch einmal zwei Jahre bis zur Umsetzung.

Reich ist die Paraderolle für Brandauer. Kenne ihn aus "Jenseits von Afrika", heute spielt er sehr viel Theater!
Es war eine Herausforderung für ihn, nicht auf seine bekannten Eigenschaften zu setzen, sondern etwas anderes zu spielen.

Er nimmt sich sehr zurück!

Ja, sehr! Es wäre ein leichtes gewesen, Reich als cholerischen, wütenden, als diabolischen Charakter darzustellen. Brandauer kann das alles.

Eine Lange Vorbereitungszeit also. Wie hoch war das Budget?
Ja. Das Budget lag bei 3,4 Mio. €. Für historische Filme eigentlich ein Witz.


Ich fand die Ausstattung des Film großartig! Er ist toll gedreht.

Danke! Das Thema braucht auch diesen Raum, diese Wertschätzung. Reich ausschließlich im Interview in einer Zelle abzufilmen wäre mir zu wenig gewesen.


Brandauer spielt Reich ganz wunderbar, sehr liebenswürdig, fast entspannt.

Es gibt eine Diskussion über Reich in den USA, obwohl die meisten nichts über ihn gelesen haben.
Ich wollte ihn anders zeigen, ich zeige ihn positiver, als er vielleicht als Mensch, als Charakter agiert hat.
Ich glaube, Wilhelm Reich ging es auch um Psychohygiene. Das bitte nicht als Schimpfwort oder falsch verstehen!
Wir vermanschen heute wirklich zu viel und glauben zu viele Informationen, Ausrichtungen und Meinungen gehen sich aus in einem selbst.

Wo entstanden die Szenen in der Wüste?
In Spanien, in Almerida.

Und die anderen Szenen, wie die am See?
In Österreich an einem Stausee. Ich war ja öfter in den USA und habe Peter und Eva Reich besucht und kennen gelernt.
Wilhelm Reich ist ja dorthin gezogen, weil es ihn an Österreich erinnert hat.

Gab es Kritik am Film?
Man bricht mit Sehgewohnheiten. Brandauer kennt man anders.

Es muss nicht jeder Film gut enden!
Ich habe nichts gegen angenehme Zustände im Leben. Aber diese Zustände sind meistens das Ergebnis von harter Arbeit, oft auch an sich selbst. Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist da oft ein wichtiger Faktor, und so ist es auch im Kino.

Der Film hat 36 Kopien, ein guter Arthouse-Schnitt also. Der Verleih Movienetfilm wählt nicht die leichtesten Filme aus. In der Schweiz läuft der Film bald an, das muss sich fortsetzen, europa- und weltweit

Wie sind die Reaktionen des Publikums?
Spannend, der Film berührt sie. Das Leuchten und die Freude in den Augen der Leute zu sehen, ist wunderbar. Zwei Std. [im Kino] eine Vision erlebt zu haben, die von der Nächstenliebe erzählt.
Die Reaktionen der Zeitungen waren gespalten, hauptsächlich gut. Manche natürlich auch negativ. Einige kritisierten die langsame Erzählweise des Films.

Das ist Quatsch, das ist wohltuend! Der Film nimmt sich Zeit eine Geschichte zu entwickeln. Wie waren die Dreharbeiten?
Die Stimmung beim Dreh war sehr gut. Brandauer war das Projekt wichtig.

Viele Glück für den Film und danke für das Gespräch!


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