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"Dieter Hallervorden kann hier die ganze Bandbreite seines Könnens zeigen!" Interview zu "Sein letztes Rennen"

am 11 Oktober 2013 von Thomas Bayer

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Kilian Riedhof führte bei "Sein letztes Rennen" Regie. Der Film läuft u. a. im CineStar Fulda. Im Interview spricht er über seine Filmfiguren, Dieter Hallervorden und das Altwerden.

Wie kamen Sie auf die Idee, den Film "Sein letztes Rennen" zu machen?
Kilian Riedhof: Es war eine reale Zeitungsnotiz - eine Nachricht, die ich mal gelesen habe, ein 7-Zeiler: ein Mann wollte nicht mehr leben, und seine Ehefrau hat zu ihm gesagt "Du fängst jetzt an zu laufen, sonst verlasse ich dich!". Das war der ursprüngliche Anlass.
Ich habe dann die Geschichte darum herumgebaut, weil dieses Thema mich immer schon fasziniert hat: Wie gehe ich mit der Vergänglichkeit des Lebens um? Lasse ich mich hängen oder behalte ich den Kopf oben? Ich fand es sehr reizvoll die Geschichte zu erzählen. Wie Paul Averhoff in dieses Altenheim (Totenheim) kommt und es zum Leben erweckt.

Wie lange dauerte die Vorbereitungsphase auf den Film ?
Die Drehbuchentwicklung hat elf Jahre gedauert. Das hatte verschiedene Gründe. Auf der einen Seite, dass es ein sehr, sehr schwerer Stoff ist und man innerlich erst mal mitziehen muss. Man kann manche Sachen erst fertig schreiben, wenn man sie innerlich bewältigt hat. Das dauert manchmal etwas länger. Zum anderen war wichtig, die richtige Balance zwischen Ernst und Komik zu finden. Es hat zudem gedauert bis die Entscheidungsträger "Ja" dazu gesagt haben. Das Leben geht manchmal kuriose Wege bis ein solches Projekt zustande kommt!

Dieter Hallervorden in der Hauptrolle zieht natürlich das Publikum an!
Das haben wir auch festgestellt, dass Dieter Hallervorden eine unheimlich große Fangemeinde hat und ihn sehr viele Leute von früher kennen. Die freuen sich auf ein Comeback. Hallervorden ist eine Fernseh- und Komikerlegende in Deutschland. Er kann hier die ganze Bandbreite seines Könnens zeigen und das ist ihm wichtig. Er mag den "Didi" zwar,  aber er kann noch viel mehr. Und das zeigt er in unserem Film.

Dieter Hallervorden ist wie Paul Averhoff ein Mann, der für seinen Traum gekämpft hat, ein eigenes Theater aufzubauen. Dieter ist quasi Paul!
Das hat er immer wieder betont, dass der Film so nah an seiner Lebenssituation ist. Und dass er daran glaubt, immer öfter aufzustehen als hinzufallen. Deshalb liebte er das Drehbuch vom ersten Tag an, als er es gelesen hat.

Wie groß war das Film-Budget?
Das Budget war um die 2 Mio. Euro, also nicht sehr hoch. Das ist tatsächlich eher wenig, aber es ist uns trotzdem gelungen mit Hallervorden, Katrin Sass, Frederick Lau und Heike Makatsch einen hochkarätigen Cast zusammen zu bekommen.

Was für ein Film erwartete den Zuschauer? Es ist keine reine Komödie!
Es ist für mich ein Drama, aber mit sehr vielen komischen Tönen. Ich glaube, es ist ein wichtiger, dramatischer Film, der die Geschichte eines Unterdogs beschreibt. Die eines alten Mannes, an den keiner mehr glaubt. Und der sich mit allem Lebensmut zurück in die Mitte des Lebens läuft. Diese Figur sollte - und das war uns von Anfang an wichtig - den Schalk im Nacken haben. Das war auch ein ganz wesentlicher Grund, Dieter Hallervorden anzusprechen, weil es - was die bekannteren Schauspieler angeht - ganz schwer ist jemanden zu finden, dem man diese Komik abnimmt. Und die Art und Weise, wie Hallervorden es geschafft hat, die Komik eben nicht vordergründig anzulegen, sondern eher zu vergraben, so dass sie eben nur durchblitzt, finde ich ganz genial.

Ja, er nimmt sich sehr zurück, und das gefällt mir sehr dass er kein "Nonstop Nonsense" daraus macht. Trotzdem fehlt der Humor nicht!
Das wird viele Leute sehr, sehr positiv überraschen, wenn sie Dieter im Film sehen. Da gibt es neue Aspekte, die man an ihm entdecken kann. Vor allem auch in der wirklich großartigen Ernsthaftigkeit, die er an vielen Stellen des Films hat. Und diese Mischung aus Komik und Ernsthaftigkeit finde ich ganz toll.

Ist Dieter Hallervorden vorher schon gelaufen?
Nein, er hat für den Film angefangen sich mit dem Thema zu beschäftigen. Er hat mit seinem Sohn ein halbes Jahr vor Drehstart zu trainieren begonnen und ist jeden Tag seine halbe Stunde gelaufen. Er kam sehr fit zum Drehen.
Das ist natürlich unglaublich wichtig für so einen Film, der über einen ehemaligen Sportler berichtet, dass das glaubwürdig vermittelt wird und man nicht denkt "Naja, der tut nur so!"
Wir hatten auch einen Laufberater am Set, der danach geschaut hat, dass alles absolut realistisch aussieht in der jeweiligen Stufe von Pauls Training. Und auch beim Marathon später im Film.

Mein absoluter Lieblingsdarsteller ist Frederick Lau (Das Leben ist nichts für Feiglinge/ Ummah - Unter Freunden). Wie wurden Sie auf ihn aufmerksam?
Frederick war ein Vorschlag unserer Casting-Frau Simone Bär. Ich kannte Frederick natürlich aus dem Film "Das Leben ist nichts für Feiglinge". Wir brauchten für den Altenpfleger Tobias einen Schauspieler, der das Herz am rechten Fleck hat, der aus dem Bauch heraus spielen kann. Tobias ist jemand, der nicht nachdenkt, sondern handelt.

Es ist toll wie er mit Paul Averhoff (D. Hallervorden) im Park ein Rennen veranstaltet und ihn später vom Bett befreit.
Was Frederick unheimlich gut kann, er spielt über den Körper und hat eine große Herzenswärme. Das ist für einen jungen Schauspieler ganz wichtig, dass er sich nicht hinter einer coolen Fassade versteckt, hinter Attitüden sondern dass er das, was er ist, auch zeigen kann.

Heike Makatsch spielt Averhoffs Tochter Birgit. Haben sie Verständnis dafür, dass sie ihre Eltern nicht bei sich aufnimmt, sondern ins Altenheim schickt und ihr Leben lebt?
Ja, klar! Unsere Generation hat sich spezialisiert und individualisiert. Hier prallen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite die alte Welt von Paul und auf der anderen Seite die Welt der Tochter, die schauen muss, dass sie ihr eigenes Leben auf die Reihe kriegt. Viele von uns kennen dieses Dilemma: Man will den Kontakt  zueinander nicht verlieren, man möchte füreinander da sein, aber man hat auch sein eigenes Leben. Und deswegen ist mir diese Figur der Birgit Averhoff (Heike Makatsch) ganz, ganz wichtig, weil man über sie das Thema des alten Helden noch mal von einer neuen, jungen Seite her betrachtet. Deshalb war Heike Makatsch als Besetzung wichtig, weil sie ein "Warmblüter" als Schauspielerin ist. Auch der Konflikt, wenn er (Paul) bei ihr (Birgit) einzieht und sich da etwas neues zwischen Vater und Tochter entwickelt, ist toll. Helden sind ja vielleicht Helden im großen öffentlichen Leben manchmal für die Kinder aber auch anstrengend.

Wenn Paul Averhoffs Frau ihn nicht unterstützen und antreiben würde, würde das nicht funktionieren. Im Leben stehen hinter "Helden" immer starke Frauen oder Männer.
Richtig, er braucht seine Frau Margot, das ist seine wichtigste Stütze. Tatja Seibt war übrigens ein Vorschlag von Dieter Hallervorden. Sie spielt fantastisch, man denkt, beide seien seit 60 Jahren zusammen. Was toll ist!

Laufen ist Pauls Leben! Wie ein Schauspieler, der ohne Arbeit sterben würde. Siehe Johannes Hesters!
Genau, so ist Paul Averhoff auch. Laufen ist sein Leben. Laufen bedeutet auch Leben für ihn. Das ist im Grunde auch die Kurformel unseres Films. Auch für die Bewohner des Altersheimes ist das eine Wiederbelebung, eine Art Erweckung.

Stillstand im Leben bedeutet also Tod?
Ja, Stillstand bedeutet Tod. Das ist kein Film, der sich gegen das Altwerden richtet. Um Gottes Willen! Es geht darum, wie man alt wird. Dass man das mit Würde tut.
Da fällt mir die Geschichte einer 100-jährigen Frau ein, die ich interviewt habe. Sie lebt in Hamburg im Altersheim. Die meinte, das Problem an Altersheimen sind die Laufstangen in den Gängen,an denen sich alte Menschen festhalten können, damit sie nicht hinfallen. Wenn man zu lange daran läuft, wird der Buckel krumm man geht mit gesenktem Kopf. Aber das wichtigste im Leben sei doch den Kopf oben zu behalten.
Das fand ich ganz schlau, dass dem alten Menschen wirklich abtrainiert wird, mit erhobenem Kopf ins Ziel zu kommen. Dabei ist das doch gerade wichtig!

Trotz aller Niederschläge muss man im Leben immer wieder aufstehen und an seine Träume glauben. So wie Sie, sonst hätte es ihren Film wahrscheinlich nicht gegeben. Oder?
Ja, richtig! In elf Jahren hat man schon Momente wo man denkt:  "Ich lass es sein, das quält zu sehr." Es war so, dass die Filmfiguren angefangen haben, mit mir zu reden. Vorneweg Paul Averhoff, der zu mir sagte "Vergiss uns nicht!". Das ist mir auch noch nie passiert. Man muss weiter machen und daran glauben, dass es weitergeht.

Wie finanziert man die lange Zeit?
Ich habe auch andere Sachen gedreht, habe viel Fernsehen gemacht u. a. Tatort, die Kultserien "Dr. Psycho" und "Bloch" und den Film Homevideo. Trotzdem hat mich "Sein letztes Rennen" immer innerlich beschäftigt.

Ihr Film wird sicherlich sein Publukm finden!
Wir sind sehr zuversichtlich was die Zuschauerzahlen betrifft. Wir haben zwar einen Film, der sich mit dem Thema Vergänglichkeit und Altsein beschäftigt, der aber vor allem eine ungeheure Zuversicht ausstrahlt. Und der in der Art, wie D. Hallervorden es spielt klar macht: es geht weiter. Es ist nicht vorbei. Egal, was man im Leben verliert - der Lebensmut ist immer größer.

Altenheime verkommen oftmals zu einer Art "Verwahranstalt", Leute warten dort auf den Tod.
Man kann das sicherlich nicht pauschalisieren. Es gibt immer wieder Altenheime, die gut geführt sind, in denen der menschliche Umgang im Vordergrund steht. Was fehlt ist oftmals Empathie. Nach 19 Uhr wirken viele Heime wie ein Planet der Seelenlosen. Das liegt sehr daran, wie viel Pflegepersonal pro Bewohner aufgewendet wird. Je kleiner die Heime sind, desto persönlicher ist es für die alten Menschen. In großen Heimen z. B. stürzen alte Menschen prozentual häufiger. Der persönliche Umgang ist alles. Gut ist, wenn man sich eingebunden fühlt und nicht am Ende der Welt wohnt. Viele Altersheime sind zwar im Grünen aber ich frage mich immer: was mache ich da außer, dass ich vor mich hindämmere?
Es gibt tolle Altenheim-Projekte, bei denen ein Austausch mit Kindergärten stattfindet, eine Offenheit zum Stadtviertel gegeben ist und nicht ghettoisiert wird. Die Ghettoisierung alter Menschen ist immer noch sehr groß. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und hat damit zu tun, dass wir den Tod am liebsten wegblenden wollen. Und alte Menschen erinnern uns eben mehr an Tod als ein kleines Kind, deswegen parkt man sie an einem anderen Ort.
Ich wohne im Schanzenviertel in Hamburg, hier gibt es gefühlt noch zehn alte Leute. Das ist schade, weil alte Menschen ein "Schatz" sind für uns alle und für die Gesellschaft.

Was ist eine Gesellschaft ohne alte Menschen?
Nichts!

Wir vergessen unsere Geschichte? Die Geschichten der Alten!
Absolut! Das ist genau das, was mir auch wichtig war. Dass man in den alten Menschen die Geschichten entdeckt. Wir sind ja sehr geschichtslos. Heute sind wir eher "im Moment", im Event. Dahinter steckt die Angst, dass es Geschichte gibt, aber Geschichte ist nichts schlimmes. Man muss sich da hineinlegen wie in eine Hängematte, es hilft nichts. Wir vergehen jeden Tag, aber das tolle ist, wir erleben dadurch auch Dinge. Wenn man das annimmt, hat man viel mehr Spaß und Freude im Leben, als wenn man sich dagegen stemmt oder es auszublenden versucht.

Paul Averhoff bringt die Abläufe im Altersheim durcheinander.
Ja, aber er macht das nicht bewusst, Eigentlich will er nur laufen. Und damit löst er eine Lawine von Emotionen bei den Heimbewohnern aus. Paul ist Sportler, kein Prophet, aber alle springen auf ihn an, entdecken ihr Leben, ihre Würde und ihre Geschichte wieder. Und werden dadurch wieder lebendig.

Katrin Sass als nörgelnde Heimleiterin Rita ist toll!
Es war mir wichtig, dass man das System Altersheim nicht pauschal verurteilt. Es gibt in den Heimen natürlich Mitarbeiter, die unter einem unheimlichen Druck arbeiten und die gar nicht mehr anders können. In ihnen steckt natürlich ein gutes Herz, das sich aber vielleicht nicht mehr äußern darf, weil die Abläufe sie zu Robotern gemacht hat. So ein Fall ist Pflegedienstleiterin Rita (Katrin Sass), die als Roboter ihr Herz entdeckt.

Wie wollen sie Alt werden?
Ich möchte nicht alleine alt werden und sterben! Ich könnte mir vorstellen, dass man sich in Wohngemeinschaften zusammen tut. Also in kleinen Einheiten. Dass man das rechtzeitig organisiert, sich Pflegekräfte dazuholt. Dass die Freunde und Lebenspartner/innen dabei sind. Und wenn jemand stirbt mit dem man eng verbunden war, dass dann die anderen da sind, die einen auffangen. In einen "Massenbetrieb" zu gehen ist sicherlich ein Rotes Tuch für mich.

Wie haben sie den Drehort des Altersheimes gefunden?
Das war ein reales Altersheim in Berlin! Allerdings nur von außen. Für die Innaufnahmen haben wir insgesamt 8 Orte kombiniert, weil es das Heim so, wie wir es im Film haben wollten, nicht gab.

Und die Marathonaufnahmen in Berlin?
Es hat sich immer auf wunderbare Weise vermischt. Natürlich haben die Menschen am Straßenrand Dieter Hallervorden erkant. Aber es war ja nicht schlimm, weil die Leute den Paul Averhoff erkennen können. Und deshalb haben wir das mit eingebaut. Es war für mich genau so, wie es sein soll. Der Mythos Paul Averhoff und der Mythos Dieter Hallervorden vermischen sich. Den Berlin-Marathon zu drehen war logistisch gar nicht so leicht. Irgendwann schwimmt man auf dem großen Strom mit, der da stattfindet .

Lieben Dank für das schöne Interview !


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