Flash Mobs
10 Minuten Spinnerei


Nichtsahnend bummelt man durch die Innenstadt, besichtigt ein berühmtes Gebäude oder steht an der Kasse im Kaufhaus. Und plötzlich sind sie da: Dutzende, Hunderte von Menschen, die kurz ein paar skurrile Dinge anstellen, um wenige Augenblicke später wieder im Nichts zu verschwinden. Ein in dieser Zeit weltweit zu beobachtendes Phänomen. Aber was ist das?

ew York: Rund 100 Menschen gruppieren sich in einem Kaufhaus um einen großen Teppich und erklären dem Verkäufer, sie seien auf der Suche nach einem neuen Liebesteppich für ihre Kommune. Tokio: Schwarz gekleidete Menschen mit dunklen Sonnenbrillen versammeln sich und spielen Szenen aus "Matrix Reloaded" nach. Wien: Am Stephansplatz formieren sich um exakt 17 Uhr einige Menschen, gehen im Kreis, setzen sich auf den Boden und jammern schließlich "nein, nein, nein". Köln: Vorm Dom treffen sich Menschen, strecken ihre Arme gen Himmel, drehen sich im Kreis und rufen dabei immer wieder "ecki ecki ecki". Die Wirklichkeit scheint für einen Moment aufgehoben, und zurückbleiben allerorts verwirrte und ratlose Mitmenschen.

Flash Mobs nennen sich diese scheinbar spontanen Menschenansammlungen auf Plätzen und in öffentlichen Gebäuden. Das Wort leitet sich aus den englischen Begriffen "Flash" (Blitz) und "Mob" (Menschenmenge) ab. Maximal 10 Minuten wird einer auffällig merkwürdigen, Aufsehen erregenden Beschäftigung nachgegangen. Die Planung hierfür erfolgt simpel. Eine Email oder eine SMS mit dem Hinweis zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein, wird an etliche Leute weitergeleitet, die Mitglied einer entsprechenden Internetgemeinschaft sind. Diese Communities bilden sich täglich in den aber tausenden Foren und Chats im Netz.

Benötigt werden nun lediglich noch eine möglichst absurde Idee und eine genau gehende Armbanduhr, denn Pünktlichkeit ist das A und O. Ihren Ursprung haben diese durchaus dadaistischen Aktionen in Amerika, wo sie sich durch Originalität und Qualität auszeichnen.

Von New York aus breiteten sie sich dann innerhalb weniger Wochen dank des World Wide Webs unter Spaßvögeln in der ganzen Welt aus. Aus der Idee eines unbekannten New Yorkers ist so ein neuer Freizeittrend geworden.

Sinn des Ganzen ist, dass es sinnfrei ist, denn ein politisches oder kommunizierbares Anliegen haben diese Aktionen scheinbar nicht. Je erstaunter die Außenstehenden, desto größer der Spaß der Beteiligten. Je größer der Spaß, desto größer der Erfolg. Andere jedoch vermuten hinter dem Mob-Konzept eine neue soziale Revolution. Flash Mobs zeigen die Fähigkeit größerer Menschengruppen mit gleichen Interessen, sich unverzüglich zusammenzufinden. Das ist allerdings nicht Neues: Antiglobalisierungsaktivisten oder aber Anhänger extremer Szenen organisieren ihre Proteste schon seit langem flexibel und vor allen Dingen unter Ausschuss der Öffentlichkeit per Internet und Handy.

Doch kein Trend ohne Kommerz: Die Presse ist, wenn möglich, zu gegen. Denn ein großer Fehler ist, dass die "geheimen" Treffpunkte oft zu frühzeitig im Internet bekanntgegeben werden. Des weiteren sehen Radiosender und Agenturen die Flashmobs als Werbemöglichkeiten. Hatte der z.B. der "Matrix" - Flash Mob in Tokio nicht etwa einen werbetechnischen Effekt?! Kritiker vermuten, dass sich die Flash Mobs bald durch ihre eigene Popularität selbst erledigen werden. Bis dahin sollen aber in fast allen größeren deutschen Städten weitere absurde Aktionen stattfinden. Auch für Paderborn und Kassel gibt es bereits Planungen. Also nicht wundern, wenn demnächst plötzlich dutzende von Menschen vor dem Rathaus auftauchen, ein paar Zeilen aus dem Gotteslob singen und genau so plötzlich, wie sie gekommen sind, wieder verschwinden. Das war bloß ein Flash Mob. (jh)

[www.flashmob.twoday.net]
Lesetipp: Howard Rheingold "The Virtual Community"