Autorin erfindet Biografie
Durchs wilde Afrika


Die Schriftstellerin Ulla Ackermann ist der Karl May unserer Zeit. Ihr Buch »Mitten in Afrika« verkaufte innerhalb weniger Monate 25.000 Exemplare. Überall, wo Gefahr drohte und Abenteuer lockten, will sie dabei gewesen sein - genau wie einst Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi. Und wie damals ist leider fast alles frei erfunden.

OFFMANN & CAMPE, einer der traditionsreichen Verlage Deutschlands, war der angeblich so welterfahrenen Journalistin auf den Leim gegangen. Offenbar hatte sich kein Lektor die Mühe gemacht, die geschilderten Fakten auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Zu überzeugend war ihr Auftreten, zu spektakulär die von ihr geschilderten Erlebnisse "zwischen Paradies und Hölle", wie der Untertitel ihres Buches Afrika beschreibt Sie war angeblich live dabei, als in Ruanda die Handgranaten flogen und in Mogadischu die Jagd auf Journalisten eröffnet wurde. Sie stand zwischen Leichenbergen in Uganda, wo Idi Amins Truppen wüteten. Sie erlebte den Bürgerkrieg im Sudan und besuchte Al-Khaida-Ausbildungslager für Selbstmordattentäter in Somalia, und auch sonst war sie immer an der Front.

Deshalb war es relativ leicht für die Journalisten des SPIEGEL, der Schwindlerin auf die Schliche zu kommen. Es ging schon damit los, dass Ulla Ackermann in Ihrem Buch angab, für die TV-Sender CBT (England) und TRN (Italien) gearbeitet zu haben - Sender, die es überhaupt nicht gibt. Ihre dubiose Erklärung dazu lautete zunächst, sie hätte sich verpflichtet, die wahren Namen ihrer Arbeitgeber nicht zu nennen. Der SPIEGEL bohrte weiter und fand Erstaunliches heraus: So will sie Nelson Mandela (Foto unten) mehrfach interviewt haben. Zunächst auf der Gefängnisinsel Robben Island, wo er nach eigener Aussage überhaupt kein Interview gegeben hatte. Später im Gefängnis in Pretoria, wo er nachweislich überhaupt nicht inhaftiert war. Für das Gespräch mit Osama Bin Laden (Foto oben), der ihr angeblich seine Waffenarsenale (!) in Somalia gezeigt haben will, gibt es ebenfalls keine Zeugen. Überhaupt fand der SPIEGEL nicht einen einzigen Kollegen, der der umtriebigen Reporterin bei ihren Recherchen in Afrika begegnet war - in einer Region, wo westliche Journalisten Netzwerke bilden, um sich gegenseitig zu unterstützen, sind solche Alleingänge nahezu unmöglich. Eine moderne Baronin von Münchhausen, die auf jeder Kanonenkugel reitet und sich stets selbst am Schopf aus dem Sumpf zieht???

Bei aller überbordenden Fantasie und Sympathie für die Wärme Afrikas, die Natur und den "Geruch uralter, schwerer Erde" hat Ulla Ackermann offenbar auch noch miserabel recherchiert. "Jeder Journalist, der vor Ort gearbeitet hat, weiß, dass viele Ackermann-Behauptungen schlicht falsch sind," betonte der ARD-Korrepondent Michael Franzke Anfang Juni im SPIEGEL (23/2003). Michael Bitalla bezeichnete in der Süddeutschen Zeitung (26.5.) das Buch, "in dem kein einziger intelligenter Afrikaner vorkommt", als "baren Unsinn", geprägt von einer rassistischen und kolonialistischen Weltsicht. Ob es nun stimmt, dass ihre zweijährige Tochter an Malaria starb und ihr Kameramann bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, ja, ob sie Journalistik studierte, als Model arbeitete und einen römischen Adligen heiratete - wer wird das je erfahren? Die vielen atemberaubenden Filme, die sie angeblich gedreht haben will, sind jedenfalls nicht mehr aufzufinden. In Afrika war sie aber wohl mindesten einmal: Fotos im Internet belegen eine einjährige Afrikareise gemeinsam mit ihrem Freund Jochen Osterloh und einem Unimog von 1999 (Adresse s.u.): Die beiden sonnen sich allerdings an Stränden und genießen die Landschaft, statt sich in Krisenregionen zu begeben. Auch hier sind allerdings zu weiten Teilen der Reise die Fotos "auf dem Weg nach Europa verschollen. Die Spur verliert sich irgendwo," wie es auf der Website heißt. Außerdem schrieb sie gemeinsam mit anderen Autoren Reiseführer über Senegal, Gambia, Namibibia, Tansania und Südafrika (bei DU MONT, KOVAL und MERIAN).

Aber eine Kriegsreporterin war sie wohl nicht, auch wenn ihr Verlag noch einige Wochen zu ihr hielt und sie dem »Spiegel« rechtliche Schritte androhte. Ende Juni brach das Kartenhaus aber endgültig zusammen: HOFFMANN & CAMPE nahm das Buch und die inzwischen produzierte Hörbuch-CD vom Markt, stampfte die gesamte Auflage ein und kündigte an, enttäuschten Buchkäufern den vollen Preis von EUR 21,90 zurückzuerstatten. Die Erklärung: "Ulla Ackermann gibt zu, weite Teile ihrer Biografie frei erfunden zu haben. Sie hat nicht nur den Verlag, sondern offensichtlich auch seit vielen Jahren ihr privates Umfeld über ihre Lebensgeschichte getäuscht."

Und wie erging es damals Karl May? Dem gelang es nur kurze Zeit, den Schein aufrechtzuerhalten. Nachdem Widersacher ihn öffentlich als "Schummler" outeten, brach auch seine reales Leben wie ein Kartenhaus zusammen. Betrüger nutzten sein angeschlagenes Image, um ihn auch finanziell zu ruinieren. Obacht, Ulla! (lj)

Die Afrikareise von Ulla Ackermann:
[ www.schwarzaufweiss.de/afrikatour ]
Das Buch »Mitten in Afrika« gibt's nur noch antiquarisch.