Castingshows ohne Ende
Alle suchen "Superstars"


Licht aus, Spot an. Heute stehst du nicht VOR, sondern AUF der Bühne. Alle Augen sind auf DICH gerichtet. Dies ist der Moment, auf den du dein Leben lang gewartet hast! Schweißnasse Hände, zittrige Knie, Frosch im Hals, aber du weißt: Jetzt musst du alles geben, denn dein Traum ist zum Greifen nahe! Wirklich?

icht aus, Spot an. Heute stehst du nicht VOR, sondern AUF der Bühne. Alle Augen sind auf DICH gerichtet. Dies ist der Moment, auf den du dein Leben lang gewartet hast! Schweißnasse Hände, zittrige Knie, Frosch im Hals, aber du weißt: Jetzt musst du alles geben, denn dein Traum ist zum Greifen nahe! Wirklich? Nach der Flut der Reality- und Gerichtshows ist nun eine neue Welle auf uns zu geschwappt - die der Castingshows. Nach »Popstars« (früher bei RTL 2, ab August auf Pro 7) und »Deutschland sucht den Superstar« (ab September zweite Staffel auf RTL) kommen nun auch noch »Star Search« (SAT 1), »Die Deutsche Stimme 2003« (ab August im ZDF) und »Comedy Champ« (ZDF). Viele vermeintliche Talente versuchen auf die Welle aufzuspringen. Für die meisten von ihnen ist eine unsanfte Landung vorprogrammiert. Styling zu langweilig, Hintern zu dick, Stimme zu dünn. Wichtig ist eine große Portion an Selbstvertrauen und Selbstüberschätzung. Knallhart wird in den Castings ausselektiert. Nun setzt die Emotionsmaschinerie ein. Zerstörte Illusionen, pure Verzweiflung bei den Ausgeschiedenen. Auf der anderen Seite: Freudenschreie und Tränen des Glücks. Diese Gefühlsausbrüche machen die Shows erst zu richtigen Quotenrennern und sind für die Sender äußerst lukrativ. Das voyeuristische Bedürfnis des Zuschauers will eben auch in den Zeiten nach "Big Brother" (RTL 2) befriedigt werden. Bei BB tat sich ein gewisser Zlatko hervor, bis dato ein unbekannter KFZ- Mechaniker. Nachdem er im Container die Medienmacher durch sein Macho - und Prollgehabe von seinem Unterhaltungstalent überzeugt hatte, wurde er erfolgreich zum Star aufgebauscht. Im Jahr 2000 konnte er sogar zwei Nr. Eins Hits in den deutschen Charts landen ("Ich vermiss dich" und "Großer Bruder" mit Kumpel Jürgen).

Nahe dem Größenwahn versuchte sich Zlatko erfolglos beim Grand-Prix-Vorentscheid 2001. Und auch als selbsternannter Filmstar hatte Zlatko keinen Erfolg. Sein bereits abgedrehter Film "Mr. Boogie" verschwand in der Versenkung, bevor er je im Kino auftauchte. Das lässt Hoffnung aufkommen. Es zählen also nicht NUR Dummheit und Skurrilität, obwohl man damit auch weit kommt - siehe Daniel Küblböck, Drittplatzierter beim DSDS-Finale, der täglich in bunter Verkleidung mit schrägen Tönen über den Bildschirm hopst. Seine Verrücktheit wirkt scheinbar ansteckend. Ein Ehemann forderte von seiner Frau die Entscheidung "Die Poster oder ich!?" Es waren die Poster. Und nun ziert der 17-Jährige nicht nur die Wohnzimmerwände, sondern auch ihren Oberarm in Form eines Tattoos.

Alexander Klaws, Gewinner und offizieller Träger des Titels "Deutschlands Superstar" und die Zweitplatzierte Juliette Schoppmann stehen in Daniels Schatten. Sie sind massenkompatibel und unkompliziert, haben ein Allerweltsgesicht und eine Stimme wie 1000 andere. Beste Voraussetzungen! Sie können noch in die "richtige" Form gezwängt werden. Eigenständige Künstler mit eigenen musikalischen Vorstellungen und authentische Songs sind unerwünscht. Professionelle Songwriter stellen sicher, dass nachher genau das gesungen wird, was auch von der breiten Masse gehört werden will. »We have a dream, music is our life« war das von Jury-Mitglied Dieter Bohlen auferlegte Motto der Show, das sich als Single fünf Wochen an der Spitze der deutschen Charts hielt. Mit dem Hit appellierte Bohlen an die Sehnsüchte von Tausenden. 10 Menschen kamen von der Straße auf die Bühne und konnten viel Geld verdienen. Die Millionen fließen tatsächlich. Allerdings nicht auf das Konto der Singwütigen, die pro Auftritt in der Samstagabendshow angeblich jeweils nur 150 EUR bekommen haben sollen. Simon Fuller, der amerikanische Erfinder der Show, kassierte das 1000-fache pro Abend.

Ist der eine out, kommt eben der nächste. 2001 begab sich erstmals in Deutschland RTL 2 auf die Suche nach Talenten. Mit den zwei Staffeln der Show »Popstars« hatte der Sender überdurchschnittlichen Erfolg. Aus ihnen gingen NO ANGELS (vier Nr. 1 Hits in Deutschland) und BRO'SIS (ein Nr. 1 Hit) hervor. Seit nun mehr als 2 Jahren haben die Bands mit jedem ihrer Songs einen Top-Ten Platz sicher. "Star sein" ist eben zu einem Berufsfeld mit Perspektive geworden. Wer will noch jahrelang die Schulbank drücken, um sich anschließend mit Zulassungsbeschränkungen herumzuquälen, wenn es so einfach geht? In den Vorcastings ist jeder herzlich willkommen. Auch gerade die, die nicht einen Ton treffen. Schadenfreude ist und bleibt nämlich die schönste Freude. In der SAT 1 Show »Star Search«muss man auch nicht mal singen können, um groß raus zukommen. Da reicht es schon gutaussehend oder komisch zu sein. Neben singenden Erwachsenen und singenden Kindern, werden hier auch Comedians und Fotomodelle gecastet. Diese müssen dann jeweils zu zweit vor die Jury treten und um deren und die Gunst der Zuschauer buhlen. Die direkten Duell-Situationen kosten die zukünftigen Stars besonders viele Nerven und sind auch für den Zuschauer Nervenkitzel pur. Das hat auch PRO 7 erkannt, wo ab dem 11. August die "Popstars - Das Duell" läuft. Hier werden gleich zwei Gruppen gecastet. Girlgroup vs. Boygroup. Vier Wochen touren die Jungs und Mädchen getrennt durchs Land, um sich dann schließlich im November im Finale wieder zu treffen. Die jugendlichen Fans und die Anzahl der bisherigen Plattenverkäufe (Money, Money...!) entscheiden dann über Sieg und Niederlage. Die Zielgruppe der ZDF Show "Die Deutsche Stimme 2003" liegt jenseits der zahnspangentragenden Teenies. Mit ausschließlich deutsch gesungenen Titeln soll das ergraute Stammpublikum überzeugt werden.

Eins ist gewiss: Schaffen kann es jeder, auch die weniger talentierten unter uns. Und damit auch jeder seine Chance bekommt, brauchen wir die ganzen Castingshows und vielleicht sogar noch ein, zwei mehr. Wie wäre es z. B. mit "Deutschlands nettester Schwiegersohn"? Auf diesen Titel hat auch Alexander Chancen. Vielleicht kann er damit bald eine zweite Karriere starten... (jh)