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Oh,
was waren das für harte Zeiten: Erst die Cola ins Glas, dann den Wodka!
Erst den Rum, dann den Energydrink! Schlimmer noch: Fruchtsaft, Mineralwasser
und Schnaps, womöglich noch die Zitronenscheibe obendrauf! Das war anstrengend,
raubte Zeit und es war schier unmöglich, immer wieder das selbe Mischverhältnis
hinzukriegen. Doch die Fron ist nun vorbei: "Ready To Drink" heißt die
Welle, mit der die Getränke-Industrie in den letzten Jahren ein riesiges
Umsatzplus erzielte. Auf deutsch: Der Mix kommt schon fertig in die Buddel,
bekommt einen trendigen Namen, eine unverwechselbare Flasche und ein cooles
Logo verpasst - und dann Prost! Darf auch ruhig etwas mehr kosten...
ür die Welle gibt's sogar schon eine Abkürzung: Die
Profis sprechen von »RTD«, wenn sie über Thekenstürmer wie »Puschkin Vibe«
oder »Bacardi Rigo« philosophieren. Nach Recherchen des Fachblattes »Disco-Magazin«
wurden Im Jahr 2002 weit über 250 Millionen Flaschen des "Getränkesegements
RTD" kosumiert. Praktisch für den Wirt: Der Mix wird meist auch gleich
aus der schicken Flasche konsumiert, Gläser spülen entfällt. Gerne wird
die Flasche auch mit auf die Tanzfläche genommen. Die neue RTD-Welle startete
im Jahr 2001 mit der Einführung von Smirnoff Ice, einer Mischung aus Wodka,
Zitronenwasser und Zucker, mit der eine geradezu unglaubliche Erfolgsgeschichte
eingeleitet wurde: Inzwischen wurde bereits die einhundertmillionste Flasche
ausgeliefert. "Die Erfolgsgeschichte von Smirnoff Ice ist das Ergebnis
einer beispielhaften Zusammenarbeit von Gastronomie, Handel und Hersteller,"
so betonte Uwe Schneider, Geschäftsführer des Smirnoff-Vermarkters Diageo
Deutschland gegenüber dem Disco-Magazin. Mit Parties und Events wurde
das Produkt gekonnt und peppig beworben. Auch in unserer Region ziehen
»Smirnoff Ice Parties« wie selbstverständlich die Massen an. Bacardi hatte
schon in den 90ern Vorarbeit geleistet: Damals hatte man das Getränk Bacardi
Breezer (Fruchtsaft, Rum, Kohlensäure) entwickelt - es war jedoch nur
im Getränkehandel erhältlich, spielte in der Gastronomie kaum eine Rolle.
Das sieht nun anders aus. Mit den Geschmacksrichtungen Cranberry, Lime
und Orange sollen nun auch Kneipen und Discos erobert werden. Im Geschäftsjahr
2002 verkaufte Breezer 8,5 Millionen Flaschen. Doch noch erfolgreicher
ist inzwischen Bacardi Rigo - eine Mischung aus Rum, Limette und Soda.
Der fertige Drink setzte allein zwischen April und September letzten Jahres
40 Millionen Flaschen ab. Andere angesagte Premix-Getränke sind Tanit
(Zitrusgeschmack, Absinth und Soda), Puschkin Vibe (Wodka & Fruchtsaft
in den Geschmacksrichtungen Blackberry, Bitter Sweet Oranges und Lime)
oder Sierra Slammer (Tequila mit Fruchtsaft oder Sekt). Auch den beliebten
Caipirinha aus brasilianischem Cachaça, Limettensaft und Soda gibt es
inzwischen in Ready-To-Drink-Versionen mit den Namen Sao und Caipi Chill.Der
höherprozentige Gorbi mischt dagegen wenig erfolgreich Wodka mit Sekt
(wird wohl bald abgesetzt), Strobe verbindet Wodka und Energizer. Cynthia
mischt die Energy-Drinks wiederum mit dem geheimnisumwobenen Absinth.
Und der Markt boomt weiter: Täglich kommen neue Namen hinzu. Eine besondere
Gruppe der RTDs sind die Produkte auf Malzbasis. Die können billiger angeboten
werden, weil die Steuern nicht so hoch sind wie bei den Spirituosen-Mixturen.
Hier ist besonders Salitos Ice zu erwähnen, geschmacklich dem Wodka Lemon
verwandt. Der alte englische Klassiker Hooper's Hooch - neuerdings auch
in der Variante Hooch Ice erhältich - versucht sich ebenfalls am deutschen
Markt durch zusetzen. Die englische Spezialität in den Geschmacksrichtungen
Orange, Lemon, Blackcurrant und Strawberry ist übrigens kein echtes Mixgetränk,
sondern entsteht durch echte Gärung wie auch Two Dogs. Erwähnen sollte
man auch die diversen Flavoured-Biere. Was mit Desperados (Bier mit Tequilla-Flaveur)
begann, setzte über diverse Cola-Biere mit z.T. seltsamen Zusätzen (wer
weiß schon was der Zusatz "Dragonfruit" im Cola-Bier CAP ist) fort. Es
folgten immer neue Mixturen wie Bindings Guarana Verde, das geschmacklich
einer Waldmeisterbowle ähnelt. Ganz neu: DCide enthält Coffein und wird
auf Cider-Basis hergestellt. Wurde gerade auf der Internorga vorgestellt
und gilt als Geheimtipp. Der Erfolg der RTDs beschäftigt auch die Wissenschaft.
Eine Studie der »Gesellschaft für Innovative Marktforschung« (GIM) vom
Dezember 2002 hat drei Hauptgründe festgemacht: Erstens gibt es eine "Neudefinition
der Flasche". Der RTD-Konsument setzt sich mit der trendigen Flasche vom
"biertrinkenden Normalo" ab: "Er demonstriert seine Kenntnis vom neuerdings
gebräuchlichen Habitus. Die Flasche ist für den Konsumenten nicht nur
Getränk, sondern auch ein geläufiges Rüstzeug (haptischer Schmeichler)
und ein Werkzeug, das den Gesten mehr Ausdruck verleiht (Organ)." Zweitens
werden die RTDs laut GIM in der Regel nicht getrunken, um sich zu alkoholisieren.
Sie sind erfrischende Durstlöscher mit fruchtigem Geschmack, sie "markieren
die Besonderheit des Augenblicks". Drittens schließlich dienen sie als
"Mittel zur Identifikation": Dank der Vielfalt an individuell gestalteten
Marken finde jeder Konsument bzw. jede Subkultur das passende RTD. Fazit
der Marktforscher: "Für die einzelnen Marken sind deshalb ein Design in
Topqualität und eine unique, zielgruppennahe Positionierung von größter
Wichtigkeit, schließlich ist der RTD-Konsum in erster Linie imagegeleitet."
Die Verpackung ist also mehr als die halbe Miete - offenbar wichtiger
als der Geschmack, denn selbst das dem Trend aufgeschlossene »Disco Magazin«
konstatiert einen großen Qualitätsunterschied: "Einige RTDs schmecken
erstaunlich künstlich". Ziel der trendigen Imagekampagnen sind hauptsächlich
junge, ja oft noch jugendliche Konsumenten. Die alkoholhaltigen Mixgetränke
sind überall da präsent, wo Teeny-Publikum erwartet wird. Die entsprechend
schrille Werbung, abgestimmt auf die junge Zielgruppe, läuft auf »Viva«,
auch im Internet zielen die Spirituosenhersteller durch Aufmachung und
Sprache aufs Teeny-Publikum. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wirft
der Alkoholindustrie deshalb vor, sie würde "Jugendliche bewusst zu Gewohnheitstrinkern
machen" und sie über den Umweg der RTDs nach und nach an ihre härteren
Produkte heranführen. Als besonders gefährlich stuft man hier die Mischungen
von Alkohol und Fruchtsäften ein - hier werde die Schwelle zum Alkoholkonsum
herabgesetzt. RTDs dürfen auch schon mit 16 konsumiert werden, denn der
Alkoholgehalt ist relativ niedrig. Er liegt meist um die 5 %, geht nur
bei wenigen Getränken über die 10% hinaus. Doch die Jugend säuft seit
Jahrhunderten. Dank der neuen RTDs holt sich der Nachwuchs seinen Schwips
nur ein wenig stilvoller als früher mit Bier, Korn oder Persico. Trends
kommen und gehen: Welcher der RTDs wirklich das Zeug zum Klassiker hat
und auch bestehen kann, wenn die Welle vorbeigeschwappt ist, wird erst
die Zukunft zeigen. (lj)
[
www.disco-magazin.de
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