Ww-Interview mit Breiti
von den TOTEN HOSEN

"Wir müssen keinem Klischee entsprechen"










eutschlands Vorzeige-Punker DIE TOTEN HOSEN sind auch nach zwei Jahrzehnten munter wie eh und je. Der Wildwechsel interviewte am 4.5. in der Frankfurter Festhalle HOSEN-Gitarrist Michael "Breiti" Breitkopf zur gegenwärtigen Situation der Band. Das Interview führte Ww-Mitarbeiter Stefan Becker.

Ww: Auswärtsspiel heißt die neue CD der Toten Hosen. Laut Booklet ist das ganze Leben ein Auswärtsspiel. Als Fortuna Fans klingt das nach einem charmanten Loserbekenntnis. Wie schlimm waren die Niederlagen des Lebens für  die Hosen?

Breiti: Kommt drauf an, worüber man redet. Fußball ist manchmal wirkliches Leben. Wenn man dann mal One richtige Katastrophe erlebt, ist es auf einmal völlig unwichtig. An Katastrophen  des wirklichen Lebens haben wir genau die selbe Dosis gekriegt, wie andere Leute in unserem Alter. Sowohl innerhalb der Band, als auch jeder privat.

Ww: Woher nehmen die Hosen nach 16 Alben und 20 Jahren ihre Ideen? Keine Anzeichen von Müdigkeit?

Breiti: Das ist eine gute Frage. Tatsächlich wird es immer schwieriger, Ideen für neue Lieder zu finden. Wenn Du 20 Jahre lang in  der selben Kombination von Leuten, mehr oder weniger die selbe Art von Musik machst, misst Du dich natürlich immer selber an dem, was Du schon gemacht hast. Es soll immer mindestens genau so gut werden. Deshalb brauchen wir inzwischen viel mehr Ideen um so und so viele Lieder fertig zu bekommen, als es früher der Fall war. Früher wurde fast alles genommen und daraus ein Lied gemacht, was dann auf 'ner Platte gelandet ist. Inzwischen brauchen wir viel mehr Ideen, um genug Lieder fertig zu bekommen.

Ww: Wie motiviert man sich nach all den Jahren noch selbst, um den Bär auf der Bühne steppen zu lassen?

Breiti: Die Motivation sind ganz einfach die Leute, die vor der Bühne stehen. Das ist die beste Motivation, die es gibt. Und wenn es die nicht gäbe, dann gebe es auch die Band nicht mehr. So einfach ist das. Und dann haben wir auch so eine Fußballmannschafts-Mentalität, wenn wir auf  den Platz gehen. Egal, ob wir beim Roll-Hockey rumeiern, sonst was spielen oder eben auf die Bühne gehen: Dann wollen wir gewinnen, ganz einfach. Und mit unsern begrenzten Mittel so viel erreichen wie möglich. Dass wir außer Kuddel oder Vom, keine besonders begnadeten Musiker sind, das wissen wir selber. Dann müssen wir eben über Kampf zum Spiel finden.

Ww: Früher mussten nach dem Dreh Eurer Musikvideos Kirchen neu geweiht werden, Helgoland wurde von euch bereits 1986 erobert. Gebt uns einen Tipp, wo wir uns verstecken sollen.

Breiti: So genannte Skandale haben wir nie gesucht. Wenn es irgendwas in der Richtung gab, dann waren das meisten irgendwelche anderen, die sich provoziert fühlten. Irgendwelche Autoritäten oder was weiß ich wer... Aber wir haben danach nie gesucht oder wir haben das niemals um des Skandals Willen versucht zu provozieren. Deswegen kann ich Dir jetzt auch keinen Tipp geben, wo sich dann vielleicht das nächste Mal jemand auf den Schlips getreten fühlt.

Ww: Aus den kleinen Clubs sind längst große Hallen geworden, aus den lustigen Punkern von früher sind Popstars mit Vorbildfunktion geworden. Bleibt da einem nicht manchmal der Spaß in Halse stecken?

Breiti: Früher war auch nicht alles lustig! Wenn wir weiterhin vor 100 Leuten im Jugendzentrum spielen würden, dann gäbe es uns längst nicht mehr. Jetzt auf der Tour zum Beispiel genieße ich jede Minute. Sowohl was die Konzerte angeht, also die Zeit, die wir auf der Bühne verbringen, als auch das Rumfahren an sich. ...mit den Leuten, die hier arbeiten, mit denen wir teilweise schon seit Jahren unterwegs und befreundet sind. Das ist so ein kleiner Planet für sich. Und das macht mir teilweise genauso viel Spaß, wie vor 10 oder 15 Jahren. Und ich finde auch gut, dass sich was geändert hat. Man kann nicht ewig in dem selben Jugendzentrum wieder spielen. Es macht natürlich auch einen Reiz aus, wenn Du dich immer wieder auf neue Umstände einstellen musst. Wenn Du in anderen Ländern spielst oder die Hallen eben größer werden. Oder wenn wir jetzt nach der großen Hallentour, in Osteuropa vielleicht wieder in kleineren Clubs spielen. Vielleicht in Ländern, wo wir noch nie gewesen sind. Das macht ja den Reiz aus. Aber ist kein bisschen unlustiger geworden!

WW: Party-Mitsing-Hymnen oder Songs, die zum Nachdenken anregen -  Ihr  beherrscht beides. Was macht Dir persönlich mehr Spaß?

Breiti: Das kommt auf die Situation an. Genauso wenig, wie Du ständig als Clown durch die Gegend läufst und dumme Witze machst, genauso wenig hängst Du dauernd über ernsthaften Themen philosophierend irgendwo rum. Das Leben hat eine große Bandbreite ­ sie findet sich auch in unseren Liedern wieder. Zum Beispiel auf der neuen Platte zwischen »Nur zu Besuch« und »Kein Alkohol  ist auch keine Lösung« ist eine Menge Platz. Manchmal passt das eine besser  zu der Stimmung in der Du bist, manchmal das andere. Auf den Konzerten  funktioniert beides, wir spielen sowohl das eine, wie das andere. Und beides hat einen großen Reiz, das live zu spielen. Aber wir sind uns nach wie vor nicht zu blöd, ein Lied wie »Kein Alkohol ist auch keine Lösung« zu spielen. Wir müssen keinem Klischee entsprechen. Weder, dass wir vermeiden wollen, dass irgendeiner von der Zeitung schreibt: "Jetzt kommen Sie wieder mit einem Sauflied an!³ - noch dass wir meinen, irgendeiner Erwartung entsprechen zu müssen: "Macht doch mal wieder ein Sauflied!³. Wenn wir Bock drauf haben, machen wir¹s. Wenn wir eine Idee dafür haben, dann passiert¹s  eben und wenn nicht, dann nicht.

Ww: Bevor die Mauer fiel, gaben die Hosen in der DDR heimlich Konzerte. Keine ungefährliche Aktion, um vor 20 Leuten in einer Kirche zu spielen. Hat die Band dafür in den neuen Bundesländern ein Stein im Brett?

Breiti: Das waren sehr begrenzte Aktionen. Wie Du schon selber sagst, bei einem Konzert waren zum Beispiel nur 20 Leute da. Aus dem Grund, dass sie nicht wollten, dass irgendjemand dabei sein konnte, der vielleicht der Stasi was erzählen würde. Deswegen haben die den Kreis der Personen so begrenzt und deswegen hat sich daraus nie ein größerer Kultstatus ergeben. Ich weiß auch nicht, wie die Leute im Osten letztendlich ihre Vergangenheit verarbeiten, aber zum Beispiel in Polen oder in der Tschechischen Republik war es tatsächlich so, dass wir durch unsere Konzerte in den 80er Jahren,  lange vor dem Fall des eisernen Vorhangs, bei vielen Leuten einen  Riesenstein im Brett hatten. Aber in der Ex-DDR glaube ich, ist das nicht so.
 
Ww: Die Band bezieht gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit klar Stellung. Wie schätzt Ihr die momentane Situation vor allem in Ostdeutschland ein?

Breiti: Das ist kein Problem der neuen Bundesländer. Das ist auch kein rein deutsches Problem, wie man jetzt deutlichst überall sieht. Ob in Dänemark, Holland, Frankreich, Österreich, Großbritannien oder sonst wo.  Es gibt einfach eine bestimmte Tradition des Denkens. Und die war in Deutschland oder sonst wo nicht 1933 plötzlich da und ist mit 1945 nicht erledigt gewesen. Das sind teilweise jahrzehnte- oder jahrhundertelange Traditionen des Antisemitismus. Die werden von Generation zu Generation weitergegeben, ohne dass sich die Leute dessen unbedingt bewusst sind. Es geht auch nicht nur darum zu verhindern, dass jetzt irgendein Schill oder jemand in der Richtung mal in ein Lokalparlament einzieht. Wenn das nicht passiert, lehnen sich alle wieder zufrieden zurück und sagen: "Ist doch alles gar nicht so schlimm." -  sondern man muss sich angucken, wie  Minderheiten bei uns behandelt werden, ob das Obdachlose sind, psychisch Kranke, Strafgefangene, Asylbewerber, denen ganz wichtige Menschenrechte vorenthalten werden. Du musst Dir angucken, dass der Abbau von Grundrechten beim Schröder genauso weiter ging, wie es unterm Kohl angefangen wurde. Und dass so Grundsätze wie Menschenrechte oder Ausbau der Demokratie immer mehr in den Hintergrund treten. Die Leute wollen ihr Geld auf dem Konto und die wollen irgendeine ominöse Sicherheit vor irgendwelchen Verbrechern oder Terroristen. Und im Namen dessen wird ungeheuer viel Schindluder getrieben.  Ich finde es einfach erstaunlich, wie die große Masse der Bevölkerung das so klaglos hinnimmt.
 
Ww: Learning English Lesson 1 - Eure Nachhilfestunde für alle kleinen Punker, die die Originale der Ramones & Co. nicht mehr mitbekommen haben.  Wann kommt endlich die Fortsetzung mit Lesson 2 ? Ihr müsst Euch beeilen,  Punkrocker sterben früher.

Breiti: Das war nicht unbedingt eine Nachhilfestunde für Leute, die die Ramones verpasst haben. Das war größtenteils eine Platte für uns selber. Einige Leute mit denen wir da aufgenommen haben, kannten wir schon bevor wir diese Platte gemacht haben. Anderes hat sich ergeben, während wir angefangen haben, diese Lieder aufzunehmen. Für uns war es einfach ein großartiges Erlebnis, die alle mal kennenzulernen, von deren Musik und Konzerten wie schon jahrelang Fans gewesen waren. Das war für uns das wichtigste an der Platte.  Lesson 2 wird es nicht geben. Sonst wäre die schon längst rausgekommen. Dieses grundsätzliche Erlebnis hatten wir schon damals und das wäre sicherlich nicht zu wiederholen gewesen, wenn wir jetzt noch ein zweites Mal so eine Platte gemacht hätten.
 
Ww: Die goldene Regel für Bands, die was vertragen: Kein Bier vorm Soundcheck. Ist das bei all den vielen Trinkliedern der Hosen durchzuhalten?

Breiti: Das ist durchzuhalten, wenn Du in Hallen wie in der Festhalle spielst. Wenn du weißt, jeden Abend sind 10.000 Leute da, die für ihr Ticket bezahlt haben.  Obwohl, so ist es noch nicht mal: "die haben bezahlt und wollen was sehen". Sondern: Die kommen mit der Erwartungshaltung, dass wir Vollgas geben. Und wenn wir dann sehen, wie die auch Vollgas geben - das ist ja so ein Wechselspiel - dann möchtest Du dir das nicht dadurch versauen, dass Du dich den Abend vorher bis 8, 9 in irgendeinem Club oder Hotelzimmer bis zur Besinnungslosigkeit hast vollaufen lassen. Das haben wir alles schon gemacht. Wir mussten auch schon Konzerte vor einigen tausend Leuten nach 20 Minuten abbrechen, die das dann sogar noch
  mit Humor genommen haben. Aber sowas willst Du als Band nie wieder erleben. Du willst immer zeigen, was du drauf hast. Deswegen feiert du eben, wenn Du am Tag danach kein Konzert hast.

Ww: Ist nach dem 11. September bei den Hosen auch nichts mehr wie es einmal war?

Breiti: Alles ist so oder das meiste ist so, wie es vor dem 11. September war: Leute gucken die selben dämlichen Fernsehprogramme, Leute lassen sich noch mehr von den Regierungen ins Boxhorn jagen mit dem Spruch: "Es müsste was gegen Terror getan werden!" ­ und dadurch werden noch ein paar Freiheiten zurückgeschraubt. Oder wann immer es beliebt, auf irgendein Land einzuschlagen, ist das dann auch wieder die Ausrede. Insofern ist es  vielleicht nicht ganz so, wie es vor dem 11. September war, sondern es ist den Regierungen noch einfacher gemacht worden, mal eben die Rute rauszuholen. Egal, ob gegen die eigenen Leute oder gegen andere Länder - wie es gerade passt. Aber was hat sich für dich privat geändert? Gar nichts.

Ww: Und für die Band? Geht die Band an Dinge anders heran?

Breiti: Nein. Sagen wir so, wenn sowas passiert wie in Erfurt - wir wollten an diesem Tag eigentlich dort ein Konzert geben - dann haben wir es  abgesagt. Und am 11. September hätte es auch nicht viel Sinn gemacht, ein Konzert zu spielen, weil die Leute mit ihren Gedanken einfach ganz woanders waren. Da gingen bestimmte Sachen nicht. Aber die Langzeitauswirkungen sind andere, als dass das jetzt Einfluss auf unser Leben als Band oder im Privatleben hätte.

Ww: Wie geht es weiter? Was kann man von Euch demnächst erwarten?

Breiti: Das kann ich Dir nicht beantworten, weil wir erstmal bis zum Ende des Jahres auf Tour gehen. Und auf Tour gehen, ist das, was wir am allerliebsten machen als Band. Dann müssen wir mal gucken, wie es weiter geht: Wo drauf wir dann Lust haben, ob wir überhaupt noch Lust haben, was ich schon glaube, was uns dann wieder einfällt und ob uns noch was einfällt.

AUSWÄRTSSPIEL:
DIE TOTEN HOSEN LIVE

20.06.2002 FINNLAND  HIMOS FESTIVAL
21.06.2002
STRALSUND  BRAUEREIHOFFEST 2002
23.06.2002
COBURG  SCHLOSSPLATZ OPEN AIR
28.06.2002
BERLIN  WUHLHEIDE (ausverk.)
29.06.2002
BERLIN  WUHLHEIDE
30.06.2002
ERFURT  MESSEHALLE (verschoben vom 27.04.)
06.07.2002
DRESDEN  ELBUFER
07.07.2002
A - WIESEN  FORESTGLADE FESTIVAL
20.07.2002
CH - BERN  GURTEN FESTIVAL
21.07.2002
ROTHENBURG  TAUBERTAL OPEN AIR
03.08.2002
AURICH  TANNENHAUSEN
04.08.2002
BUDAPEST  SZIGET-FESTIVAL
10.08.2002
SYLT  FLUGHAFENHALLE 401 (Last-Minute-Tour)
18.08.2002
WEEZE  BIZARRE-FESTIVAL
31.08.2002
KONSTANZ  ROCK AM SEE
07.09.2002
LORELEY  FREILICHTBÜHNE (Grillparty)

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