| Napster Killed The Music
Star!? MP3 als Chance? | |
|
| |
|
Dass dem so nicht ist, davon erfährt man, wenn man den Firmengründer von "Pegasus Originals" über seine Kundinnen reden hört. "Sie sind Hausfrauen, und sie sind Hacker. Es ist mir egal, ob sie Kinder haben. Es ist mir egal, dass es Großmütter sind. Sie bootleggen uns aus dem Geschäft", erzürnte sich Jim Hedgepath gegenüber der Los Angeles Times. Was war geschehen? "Pagasus Originals" musste seit 1997 Umsatzeinbußen von 40 Prozent hinnehmen. Ursache: Die lieben Omas hatten die Stickmuster eingescannt und sie über Mailinglisten getauscht. Nun bekommen die technisch versierten Omis die Großoffensive der Stickmusterindustrie zu spüren. Einschlägige Mailinglisten wurden eilig geschlossen und die Stickmusterhersteller füllen derweil die Kriegskassen für mögliche juristische Auseinandersetzungen. Doch die Geschichte vom Kampf der Stickwarenindustrie gegen die bootleggende Großmutter ist nicht mehr als eine Fußnote der durch das Internet veränderten Ökonomie, zur selben Zeit tobt ein ungleich lauterer Kampf um die Verletzung von Urheberrechten, den Diebstahl geistigen Eigentums. Hierbei geht es nicht um Stickmuster, sondern um dem Austausch von Musikdateien über virtuelle Tauschdienste wie Napster oder Gnutella. Die populärsten Kontrahenten: Die »Recording Industry Association of America« gegen die MP3-Tauschbörse »Napster«. Der Streitwert geht in die zig Millionen Dollar und der Rechtsstreit vor amerikanischen Gerichten wird sich vermutlich über Jahre hinziehen. Der Ausgang bleibt zudem offen. Wäre dem nicht so, Napster-Gründer Shawn Fanning hätte seine Firma im Juli sicherlich nicht für runde 15 Millionen Dollar verkaufen können. Womit der bislang kostenlose Tauschdienst zukünftig Geld verdienen will, bleibt Spekulation. Von Downloadgebühren ist die Rede und von einer Übernahme durch einen noch ungenannten Internetprovider. Für letzteren dürfte sich das Geschäft rechnen: Allein im September diesen Jahres verzeichnete Napster in den USA 6,7 Millionen Nutzer. Worüber derzeit so vehement gestritten wird, ist nicht allein die Frage, ob das "Tauschen" von Musikdateien eine Verletzung der Urheberrechte der Künstler darstellt. Es geht vielmehr darum, dass die Musikindustrie zur Kenntnis nehmen muss, dass Internetportale und -provider immer mehr Einfluss auf den Erfolg von Musikproduktionen erhalten. Aus diesem Grund will sie das Argument der Anwälte von Napster nicht gelten lassen, wonach das Tauschen durch den so genannten »Audio Home Recording Act« gedeckt sei. Nach diesem Gesetz ist es erlaubt, privat genutzte Kopien von einem selbst erworbenen Tonträger herzustellen. Diese Kopien können sogar weitergegeben werden, wenn dies nicht unter kommerziellen Aspekten geschieht. Würde das auch für den privaten Austausch via Internet gelten, steht die Geschäftsgrundlage der Musikindustrie infrage. Die Musikindustrie hat es verschlafen, sich rechtzeitig Gedanken darüber zu machen, wie sie die Kontrolle über die digitale Distribution erlangen kann. Sie rechnet deshalb mit Umsatzeinbußen. Doch bislang bleiben diese aus: So hat beispielsweise die deutsche Musikbranche allein im ersten Halbjahr diesen Jahres über 120 Millionen Tonträger verkauft und damit ihren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent gesteigert. Ähnliche Zahlen verzeichnen die Tonträgergiganten in den USA. Da erscheint es grotesk, wenn der Rapper Dr. Dre lamentiert: "Napster stiehlt meinen Kindern das Brot vom Teller". Auch die Aktion von METALLICA wirkt auf diesem Hintergrund überzogen: Die Metal-Multimillionäre ließen per einstweiliger Verfügung jene 300.000 Nutzer auf dem Napster-Server sperren, die es gewagt hatten, sich über diesen Weg METALLICA-Songs zu besorgen. Andere Künstler sehen im Bereitstellen von kostenlosen MP3-Downloads Promotion und Fanarbeit. Vorbild hierfür dürfte Madonna sein. Als eine Rohfassung ihrer neuen Single »Music« bereits Monate vor der eigentlichen Veröffentlichung über Napster unter den Fans kursierte, schickte Madonna nicht ihre Anwälte los. Sie bot den Song kurzerhand selbst für einige Zeit auf ihrer Homepage zum Download an. Dass sich die gleichnamige Platte trotz - oder gerade wegen - dieses selbstlosen Aktes hervorragend verkauft, muss man nicht extra erwähnen. Auch andere folgen diesem Beispiel mit werbewirksamen Vorabveröffentlichungen: LIMP BIZKIT, U2, THE OFFSPRING oder Björk (»I've Seen It All«). Und wenn die SMASHING PUMPKINS ein komplettes Album ("Machina/The Friends & Enemies of Modern Music") ins Netz stellen, dann ist dies durchaus als ein Racheakt gegenüber der allmächtigen Plattenindustrie zu verstehen. Courtney Love hat eine ähnliche Denkhaltung. "Die Plattenfirmen haben uns Musiker gehalten wie auf einer Baumwollplantage", gibt sie zu Protokoll und beglückt ihre Fans mit über 50 Gratis-Songs auf der Homepage ihrer Band HOLE. Darunter auch ein Duett mit Kurt Cobain! Auch viele kleine Labels beginnen die Vorteile des Internets zu erkennen. Rembert Stiewe von "Glitterhouse" spricht davon, dass unabhängige Firmen durch das Netz ihre Bekanntheit und ihren Umsatz vergrößern können. Ein kleines Lehrstück für Napster arrangierte THE OFFSPRING. Die Band nutzte selbst das Internet und verkaufte auf ihrer Homepage T-Shirts mit dem Napster-Logo. Napster klagte gegen den Markenzeichen-Klau. Erst als Napster von Fans darauf hingewiesen wurde, wie uncool man auf die RetourKutsche reagiert hatte, einigte man sich außergerichtlich. Eine absurde Einigung gab es kürzlich zwischen den Betreibern der Homepage MP3.com und der amerikanischen Plattenindustrie: Dort darf in Zukunft nur noch jeder MP3-Files herunterladen, der die entsprechende Original-CD im CD-Rom-Fach liegen hat. Da muss sich die Plattenindustrie schon mehr einfallen lassen, um im Netz zu bestehen. (ks/lj)
| |