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harmlos hatte es geklungen: Ein unabhängiger Veranstalter wollte die Räume der
Kasseler Kulturfabrik Salzmann am 14.7. für eine "Wave Party" mit Live-Musik anmieten.
Als sich allerdings vor dem Veranstaltungsort immer mehr Personen einfanden, die
vom Outfit und vom Gebaren eindeutig der rechtsextremen und neofaschistischen
Szene zuzuordnen waren, zeigte sich, was für ein Kuckucksei dem beliebten Kasseler
Kulturtreffpunkt ins Nest gelegt worden war. Die Vermutung verdichtete sich zur
Gewissheit, als man nähere Erkundungen über den Haupt-Act einzog. Die australische
Gothic-Band DEATH IN JUNE hat nämlich bei Neonazis Kultstatus: Der Bandname bezieht
sich auf die Ermordung von SA-Chef Ernst Röhm im Zusammenhang mit einem Machtkampf
zu Beginn des "Dritten Reiches". Die Band propagiert einen Faschismus in Tradition
der gefürchteten Kampftruppe SA, besingt schamlos die "Rose Clouds Of Holocaust"
und coverte sogar die Hymne der NSDAP, das Horst-Wessel-Lied, auf ihrem Album
"Brown Book" (!). Mit der Vorband OSTARA sollte eine weitere Band auftreten, die
sich eindeutig am Nazi-Gedankengut orientiert. Obwohl sich bis kurz vor Veranstaltungsbeginn
eine bedrohliche Masse zusammenfand, zogen die Veranstalter nun die Konsequenzen:
Sie verweigerten nun die Genehmigung und sagten das Konzert ab. Insgesamt 400
Besucher warteten kurz vor dem angesetzten Veranstaltungsbeginn vor der Tür. Neben
Neo-Nazis, die per Internet und Handy aus dem ganzen Bundesgebiet zusammengerufen
worden waren, hatten sich übrigens auch manche arglose Wave- und Gothicfans eingefunden,
die durch den unverfänglichen Titel der Veranstaltung getäuscht worden waren.
Viele traten bereits die Flucht an, als sie merkten, in welche Gesellschaft sie
hier geraten waren. Da sich ein großes Aufgebot von Polizeikräften eingefunden
hatten, gelang es, die Massen zu zerstreuen. Das Kasseler Bündnis gegen Rechts,
eine Gruppe von renommierten Organisationen aus dem kirchlichen, kulturellen und
politischen Bereich, hatte schon länger auf das geplante Konzert hingewiesen.
Auf Neonazi-Homepages war nämlich für einen Auftritt der Ernst-Röhm-Verehrer DEATH
IN JUNE an diesem Abend "irgendwo in Nordhessen" geworben wurde. Ursprünglich
wollte der Veranstalter - eine Gruppe mit dem Namen THAGLASZ - das Konzert in
der geschichtsträchtigen Kulisse der Burgruine Grebenstein durchführen. Weitere
erfolglose Anfragen hatte es in einer Gastwirtschaft in Nieste und in zwei Kasseler
Discotheken gegeben. Bei Salzmanns gelang es schließlich, sich unter Vorspiegelung
falscher Tatsachen einzuschleichen. Doch als klar wurde, worum es bei der "Wave
Party" eigentlich ging, zog man auch dort die Konsequenzen - ungeachtet etwaiger
juristischer Konsequenzen und wütender Drohungen der Täuscher! Der Vorgang ist
kein Einzelfall: Seit Jahren setzen die Vordenker der rechtsradikalen Szene auf
die ideologiebildende Kraft der Musik. Dabei geriet auch die DarkWave- und Gothic-Szene
ins Blickfeld. Die Blut- und Boden-Fanatiker sehen in den oft todesschwangeren
Klängen und mystischen Fantasien einen Anknüpfungspunkt für ihre Propaganda. Der
rechtsradikale Vordenker Roland Bubik formulierte dies in der Zeitung "Junge Freiheit"
(4/96) so: "Wenn das Mystische und Irrationale, der Wunsch nach anti-aufklärerischer
Innenschau und gelebter Transzendenz ihre Stimme in der Jugendkultur finden, ist
der ästhetische Konsens des Westens durchbrochen." Die Bezugspunkte "Mittelalter
und deutsche Geisteskultur" sollen einen Gegenpol zu "Love and Peace" bilden,
wodurch ein Gemisch von ungeahnter "Sprengkraft" entstehen könnte. Viele führende
Vertreter der Düster-Szene haben die Gefahr erkannt: Sie schlossen sich in Bündnissen
wie Gothic gegen Rechts und Grufties gegen Rechts zusammen. Darunter bekannte
Bands wie DEINE LAKAIEN, EINSTÜRZENDE Veranstalter. In einem Aufruf heißt es:
"Wir wollen nicht zu Versuchskaninchen von durchgeknallten Nazis und rassistischen
Spießern werden, für die unsere Sub-Kultur nur Mittel für ihre Zwecke ist!" Doch
das Problembewusstsein ist in der Szene noch nicht weit vorgedrungen: Eine stichprobenartige
Umfrage auf der Homepage der Gruppe "Gothic gegen Rechts" ergab, dass es 58% der
befragten Gothic-Fans egal war, wenn Rechtsextreme ihre Musik als Plattform benutzen
- eine erschreckende Gleichgültigkeit angesichts unzähliger fremdenfeindlicher
Brandanschläge, Überfälle und Morde! Die "Grufties gegen Rechts" problematisieren
auch, dass einige Bands durch martialisches Auftreten und nazi-ähnliche Symbolik
die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen: "Wenn ein Großteil des Publikums das
faschistoide Gehabe keineswegs als Provokation begreift, sondern als schick, aufregend,
männlich und mystisch, dann wäre es für diejenigen, die damit provozieren wollen
längst an der Zeit, sich davon zu distanzieren." Natürlich hat die Mehrheit der
"Gothics" keinerlei faschistisches Gedankengut im Sinn. Die Liebe zu melancholischen
Klängen, die Beschäftigung mit den Abgründen der menschlichen Seele und die Teilnahme
an einer Szene fernab vom Mainstream sind die Motive für ein Leben nach dem Motto
"Carpe noctem". Fakt ist aber auch, dass es in dieser Szene Gruppen gibt, die
mit faschistischen Ideologien und Symbolen kokettieren. Die Kasseler Kulturfabrik
hat ein Zeichen gesetzt, dass man solchen Aktivitäten auch unter Hinnahme wirtschaftlicher
Verluste mutig entgegentreten muss. (lj)
Mehr Infos unter: www.fortunecity.de/kraftwerk/bauhaus/149/
www.pc-easy.de/geister/index.html
www.geister-bremen.de;
www.is-kassel.de/bgr
Eine Broschüre zum Thema Gothic und Rechtsradikale gibt es unter dem Titel "Die
Geister, die ich rief" für DM 6,50 bei Grufties gegen Rechts, Kulturzentrum Schlachthof,
Findorffstr.51, 28215 Bremen
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