»Big Brother« is watching
100 Tage Isolationsfolter

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100 Tage "Haft" in einem Wohncontainer, der wie ein Hochsicherheitstrakt bewacht wird: keine Zeitung, kein Fernsehen, kein Radio, keine Uhr, kein Kalender, kein Telefon, kein Kontakt zur Außenwelt!

ebensmittel und Medikamente werden in einer Versorgungsschleuse abgelegt. Jede Bewegung wird überwacht: 28 Kameras stehen bereit, kein Winkel bleibt unbeobachtet. Dazu gibt es Psycho-Stress rund um die Uhr, denn es gilt, aus zehn Eingesperrten "den Besten" zu ermitteln. Nein, es handelt sich hier um kein abschreckendes Beispiel aus dem Jahresbericht von »amnesty international« oder eine düstere Zukunftsvision à la Orwell, sondern um die schöne neue Medienwelt des Jahres 2000. Die Rede ist von »Big Brother«, einer Mischung aus Reality-Soap und Extrem-Gameshow, die beim holländischen Privatsender »Veronica« für Rekord-Einschaltquoten sorgt. Mit dabei sind zunächst zehn Mitspieler, doch nur einer kommt durch und kassiert am Ende eine Viertelmillion. Die anderen werden nach und nach durch Mehrheitsentscheidung der Beteiligten und des Publikums ausgesiebt. Per Internet kann der neugierige Zuschauer in jeder Sekunde dabeisein - sogar im Schlafzimmer und auf dem Klo wurden Kameras installiert! Ein Zusammenschnitt der Ereignisse des Tages ist dann Abend für Abend im Fernsehen zu erleben.

Nach dem großen Erfolg in Holland kommt die "Show" auch zu uns: RTL 2 will im März damit auf Sendung gehen. Noch nie hat es eine vergleichbare Resonanz auf einen Aufruf zur Mitwirkung gegeben: Mehr als Zwanzigtausend bewarben sich, um sich der hunderttägigen Tortur zu unterziehen! In zahlreichen Wettkämpfen von der Pantomime über den Sängerwettstreit bis zum Geländespiel wurden die endgültigen Kandidaten ermittelt. Man legte von vornherein Wert auf Konfliktpotenzial. "In Holland wurden die Kandidaten so zusammengestellt, dass sie eine relativ homogene Gruppe bildeten - in Deutschland werden wir das Gegenteil versuchen," so Rainer Laux, der verantwortliche Produzent der Firma Endemol (»Traumhochzeit«) im »Stern«. Man tut alles, um den Beteiligten die Zeit so schwer wie möglich zu machen: Sie müssen ihre Betten selber bauen, es gibt nur eine Stunde heißes Wasser am Tag, das Gemüse muss im Gewächshaus geerntet werden. Ab und zu heißt es sogar, ein Feuer im Garten 24 Stunden am Lodern zu halten oder den Kühlschrank mit einem Fahrradgenerator zu betreiben. Auch Beziehungs-Stress ist gewollt: Mindestens sechs Singles sind dabei, um für emotionale Verwicklungen zu sorgen. Vier Infrarotkameras stehen bereit, um selbst in der Dunkelheit alles aufzuzeichnen, was sich zwischen den Beteiligten entwickeln könnte.

Die Sendung ist ein Schritt weiter in die Richtung, die Wolfgang Menge bereits in den 70er Jahren in seinem »Millionenspiel« vorausgesagt hatte, als er in einer Fiktion einen Showkandidaten für eine Million Mark von Killern jagen ließ. Viele hielten das damals schon für echt und bewarben sich zur Teilnahme als Jäger oder Gejagter. Ganz so weit ist es noch nicht, doch der Trend geht deutlich zu einer Vermarktung von Menschen, die sich in Extremsituationen zum Opfer eines Voyeurismus machen, den die Römer einst schon in ihrem schrecklichen »Circus Maximus« bedienten. Im Gegensatz zu Sendekonzepten wie »Real World« (MTV), »Das wahre Leben« (Premiere) und »Die Fußbroichs« (WDR), die ebenfalls mit realen Akteuren arbeiteten, wird hier nicht nur ein bisschen Klatsch und Tratsch aus dem Leben echter Menschen zusammengetragen, um das Konzept der Seifenoper mit dem Hauch des Realen beleben. Nein, es wird ein medialer "Kampf ums Überleben" ausgetragen: Die gnadenlose Konkurrenzsituation und dauernde Beobachtung bedeuten einen immensen Stress für die Mitwirkenden. Gerade das scheint den Reiz auf die Zuschauer auszuüben. Auch die werbende Wirtschaft setzt auf den Erfolg der Sendung. In Holland ist die Sendung restlos ausgebucht, auch in Deutschland stehen die Werbekunden Schlange. RTL 2 rechnet bei der hochprofitablen Sendung mit geringen Produktionskosten gleich zum start mit 15% Marktanteil.

Doch die Kritiker der Sendung haben gewichtige Argumente. Der Detmolder Psychologe Kurt A. Richter spricht gegenüber dem Wildwechsel von einer "hochgradig psychischen Gefährdung" der Beteiligten, "deren wirkliche Folgen sie im voraus selbst gar nicht abschätzen können". Er befürchtet "Angst- und Panikstörungen, depressive Störungen und posttraumatische Belastungsstörungen bis hin zu psychoseartigen Zuständen." Auch Spätfolgen und eine andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung seien möglich. Er fordert deshalb einen Boykott von Firmen, die in »Big Brother« Werbung schalten. Der Kasseler Psychologieprofessor Dr. Harald Euler sieht dagegen die Sache nicht so düster. Er betont gegenüber dem Ww, "dass es auch jede Menge positiver Folgen geben könnte" - z.B. die Selbst- und Grenzerfahrung durch ein einmaliges Erlebnis, bei dem man "eigene personale Ressourcen testet", und eine Steigerung des eigenen Bekanntheitsgrads, "was zumindest selbstwertdienlich sein kann". Er wendet sich gegen jeden "erhobenen Zeigefinger" und betont die Freiwilligkeit, mit der die Teilnehmer sich für eine Mitwirkung entschieden haben. (Den genauen Wortlaut der Stellungnahmen der beiden Psychologen siehe unten!)

Ganz anders sieht der SPD-Medienexperte Kurt Beck die Sache. Er fordert ein Verbot der Sendung wegen eines Verstoßes gegen elementare Programmgrundsätze des Rundfunkstaatsvertrags. Die zuständige Hessische Landesanstalt für Privaten Rundunk in Kassel betont aber, dass eine solche Vorab-Zensur nicht möglich sei, vor Ausstrahlung der Sendung gebe es keine Handhabe. Becks Bedenken werden allerdings vom Direktor der Sendeanstalt, Wolfgang Thaenert, geteilt: "Die angekündigte Sendeform zielt in einem Maß auf Voyeurismus ab, der die bisherigen Grenzen überschreitet." Und der Vorsitzende der IG Medien, Detlef Hensche, sieht zivilisatorische Errungenschaften wie Respekt und Rücksichtnahme in Gefahr. Doch »Big Brother« ist nur der Anfang: In vielen Ländern - allen voran die USA - gibt es bereits Sendekonzepte, in denen Menschen durch Städte gejagt werden oder auf einer entlegenen Insel ums Überleben müssen. In Schweden verkraftete ein Mitwirkender der Insel-Show »Expedition Robinson« nicht, dass er frühzeitig ausscheiden musste: Er brachte sich um. Den Sender RTL 2 irritiert aber auch das nicht: Im Herbst soll eine deutsche Fassung des dramatischen Insel-Wettkampfes unter dem Titel »Robinson« auf Sendung gehen.

Autor: Dr. Lothar Jahn


BIG BROTHER Unbedenklich oder gefährlich?
Wir haben dem Detmolder Diplom-Psychologen und Psychotherapeuten Kurt A. Richter und den Kasseler Psychologieprofesser Harald A. Euler um eine Stellungnahme zu folgenden Fragen gebeten:

- Was passiert mit den Beteiligten in dieser Situation von Isolation, Beobachtung, extremer Konkurrenz und Bewertung?
- Sind dabei nicht bedenkliche psychische Folgen für die Beteiligten zu erwarten?
- Und was macht den Reiz aus, dass eine derartige Sendung einen so hohen Zuschauerkreis findet?


Hier sind die Antworten im Wortlaut: 1. Dipl. Psychologe Kurt A. Richter (ISK, Detmold):
Überlegungen zu "Big Brother" und seinen Folgen


Die Beteiligten in dieser Situation von Isolation, Beobachtung, extremer Konkurrenz und Bewertung setzen sich einer hochgradig psychischen Gefährdung aus, deren wirkliche Folgen sie im voraus selbst gar nicht abschätzen können. Niemand kann im voraus wissen, wie er in dieser Ausnahmesituation reagieren wird. Psychische Folgen können sein:
– Angst- und Panikstörungen [ICD-10 F41]
– depressive Störungen [ICD-10 F32]
– posttraumatische Belastungsstörung [ICD-10 F43]
– bis hin zu schweren psychoseartigen Zuständen und Selbstmordversuch
– oder im Einzelfall sogar zu einer "andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung" [ICD-10 F62].
– evtl. Spätfolgen sind nicht abzuschätzen.
Ich habe die Diagnose-Nummern des ICD-10 (der Weltgesundheitsorganisation) mit angegeben, um deutlich zu machen, dass es sich hierbei um klassifizierbare psychische Störungen handelt, die behandlungsbedürftig sind.

Wir haben zwar in unserer Gesellschaft auch das Recht, uns selbst zu schädigen, dass jedoch Millionen von Zuschauern diese Selbstschädigung unterstützen, dass die Medienmacher diese Selbstschädigung aktiv unterstützen und die werbetreibenden Firmen dieses verantwortungslose Experiment möglich machen, zeigt die teils (un)menschliche Situation unserer derzeitigen Gesellschaft. Bei den Teilnehmern zeigt sich dieselbse Einstellung, wie bei den Medienmachern und der Werbung treibenden Wirtschaft: Die "Für–Geld–mach–ich–alles"- Mentalität. Das Hauptmotiv dürfte aber sein: die "In-die-Medien-um-jeden-Preis"-Mentalität. Plötzlich erfährt man sich als "Held", nicht weil man etwas besonders menschlich Wertvolles getan hat, sondern, weil man öffentliche Beachtung findet, egal wie! Die Medienmacher und die werbetreibende Wirtschaft nutzen diese Bedürfnisse aus und nehmen die Schädigungen billigend in Kauf. Nicht Appelle an Ethik und Moral sind der Dreh- und Angelpunkt, um das Brutal-TV zu überwinden, sondern die Werbeeinnahmen. Die Medienproduzenten reagieren sehr sensibel auf Werbeeinbußen und sind bereit sich umzustellen; leider nur bei entspechendem öffentlichen Druck! Ein weiteres Motiv könnte sein: schwierige Situationen zu meistern und Herausforderungen zu bestehen. Zuschauer-Motive: - Spannung, Nervenkitzel - Menschen zu sehen, die sich blamieren, um sich selbst überlegen zu fühlen Langeweile zu überwinden - Suche nach starken Reizen, um von eigenen Problemen abschalten zu können - Schlüsselloch-Mentalität (im Fernsehen es zu sehen, ist erlaubt, was sonst verboten wäre) - Cave: Dies ist Reality-TV mit Interaktionsmöglichkeiten d.h. es ist wie ein Videospiel, nur sind es diesmal wirkliche Menschen !!! Jetzt macht sich der Zuschauer mitverantwortlich! Durch derartige Sendungen werden archaische Triebe und Regungen angesprochen und angeregt und legitimisiert. Die immer häufiger werdende Überschreitung von Tabugrenzen ist besorgniserregend. Die Überflutung mit menschen-verachtenden Inhalten in Form von spannender Unterhaltung kann langfristig nur dazu beitragen, das Klima der Gewalt in unserer Gesellschaft noch zu verstärken. Entscheidende Werte wie Mitgefühl, Toleranz, Verantwortungsbewußtsein und Zivilcourage bleiben auf der Strecke.

Meine persönliche Überzeugung:
Wenn TV-Sendungen nicht zu mehr Verantwortungsbewußtsein und Mitmenschlichkeit anregen, dann haben sie ihre soziale Berechtigung im Fernsehen verloren. Die Medienanbieter sind zu verpflichten, den Wert ihrer Produkte daraufhin zu überprüfen, dass ihre Produkte nicht schädlich für den Konsumenten sind und dass sie keine "psychische Umweltverschmutzung" betreiben. Die Beweislast dafür muss bei den Medienanbietern liegen und nicht beim Verbraucher.

Aufruf zum Werbe-Verzicht in Big Brother
Die Firmen, die "Big Brother" bewerben, sollten öffentlich angeprangert werden. Diese Werbung sollte als menschenverachtend und verantwortungslos geächtet werden! Die Firmen müssen an ihre Mitverantwortung für unsere Gesellschaft erinnert werden. Säckeweise sollte Protestpost an diese Firmen gehen mit dem Ziel, auf die imageschädigende Wirkung ihrer Werbestrategie hinzuweisen. Es müsste bei den werbetreibenden Firmen Protestanrufe hageln! Firmen, die "abspringen" bzw. ihre Werbezusagen zurückziehen, und sich offen dazu bekennen "Big Brother" nicht zu bewerben, sollten besonders positiv hervorgehoben werden. Werbe-Verzicht könnte die beste Werbung sein!

2. Prof. H. A. Euler Ph. D. (GhK Kassel)
Überlegungen zu "Big Brother"

Bevor ich die Fragen beantworte, muss ich sie reflektieren: Die erste Frage ("Was passiert mit den Beteiligten in dieser Situation von Isolation, Beoabachtung, extremer Konkurrenz und Bewertung?") lässt vermuten, dass der Fragesteller die Situation als schädlich bewertet. Mit der zweiten Frage ("Sind dabei nicht bedenkliche psychische Folgen für die Beteiligten zu erwarten?") wird deutlich, dass der Fragesteller negative Folgen sieht und erwartet, dass der befragte Wissenschaftler die Voreinstellung bestätigt. Mit der dritten Frage tut der Fragesteller kund, dass er die Rezipienten dieser Sendung nicht goutiert, zumindest nicht in ihrem Sehvergnügen. Ich bin Wissenschaftler und behandle Fragen des Verhaltens und erlebens nicht unter ästhetisch-moralischer Perspektive. Ob eine Sendung schön, sittlich, löblich oder verdammenswert ist, sind wichtige Fragen, aber nicht Domäne der Wissenschaft.

Nun zu den Fragen. Aus vorangegangenen Beobachtungen (z.B. Polarexpeditionen, Raumfahrt) weiß man, dass die Regulation von Distanz und Nähe ein Problem werden kann. Andererseits spielen aber neben der Distanzregulation eine Reihe anderer Bedingungen mit, die es nicht erlauben, aus diesen Kenntnisse auf die hier in Frage stehende Sendung zu extrapolieren. Vor allem ist dies völlig unangebracht, da weil diese Art von Sendung schon stattgefunden hat und, soweit bekannt, keine problematischen Folgen aufgetreten sind. Im übrigen wäre dies auch völlig irrelelevant. Die Teilnehmer dieser Sendung wissen, worauf sie sich einlassen, werden sogar dafür bezahlt beziehungsweise dürfen eine pekuniäre Gewinnerwartung hegen. Sie sind freiwillige Schauspieler in einem Stück. Die Zuschauer sehen diese Sendung freiwillig, aus eigenem Ermessen. Wenn ich selbst Teilnehmer oder Zuschauer der Sendung wäre, würde ich mir den erhobenen Zeigefinger eines stellvertretenden Redaktionsleiters als Ober-Bedenkenträger mit Nachdruck verbitten.

Was mögliche "bedenkliche Folgen" anbelangt, ist aus der niederländischen Sendung nichts bekannt, oder? Was könnten die Folgen denn sein? Ich würde erst einmal an Folgendes denken: Dies ist eine einmalige Erfahrung, die (1) zur Selbsterfahrung beitragen könnte, (2) den eigenen Bekanntheitsgrad erheblich steigert, was zumindest selbstwertdienlich sein kann, (3) eine Grenzerfahrung darstellen kann und damit eigene personale Ressourcen testet, (4) eine öde, langweilige Angelegenheit darstellt, auf die man ein zweites Mal gerne verzichtet, (5) einen Popularitätstest darstellt, der für den Verlierer niederschmetternd, den Gewinner erhebend sein kann, (6) usw. Ich will damit sagen, dass es auch jede Menge möglicher positiver Folgen geben könnte. Aber wie gesagt, dies ist alles unerheblich, weil die Teilnehmer aus eigener Entscheidung mitmachen.

Der Reiz für den Zuschauer ist naheliegend. Jedes Individuum vergleicht sich ständig mit anderen. Dies ist für die Etablierung von Normen und Werten wichtig. Deswegen wird auch geklatsch und getratscht, was eine wichtige soziale Funktion erfüllt. Man will also immer gerne wissen, wie es bei Hintzes und Kuntzes zugeht, besonders, wo es eine geschützte Privatsphäre gibt (die es in dem Maße in früheren Zeitn nicht gab) und alle anderen Einblicke in die Privatsphären anderer (z.B. Lindenstraße) nicht so authentisch sind.

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