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BIG BROTHER Unbedenklich oder
gefährlich? Wir haben dem Detmolder Diplom-Psychologen
und Psychotherapeuten Kurt A. Richter und den Kasseler Psychologieprofesser
Harald A. Euler um eine Stellungnahme zu folgenden Fragen gebeten:
- Was passiert mit den Beteiligten in dieser Situation von Isolation,
Beobachtung, extremer Konkurrenz und Bewertung? - Sind dabei nicht bedenkliche
psychische Folgen für die Beteiligten zu erwarten? - Und was macht den
Reiz aus, dass eine derartige Sendung einen so hohen Zuschauerkreis findet?
Hier sind die Antworten im Wortlaut: 1. Dipl. Psychologe Kurt A. Richter
(ISK, Detmold): Überlegungen zu "Big Brother" und seinen Folgen
Die Beteiligten in dieser Situation von Isolation, Beobachtung, extremer
Konkurrenz und Bewertung setzen sich einer hochgradig psychischen Gefährdung
aus, deren wirkliche Folgen sie im voraus selbst gar nicht abschätzen können.
Niemand kann im voraus wissen, wie er in dieser Ausnahmesituation reagieren wird.
Psychische Folgen können sein: Angst- und Panikstörungen
[ICD-10 F41] depressive Störungen [ICD-10 F32] posttraumatische
Belastungsstörung [ICD-10 F43] bis hin zu schweren psychoseartigen
Zuständen und Selbstmordversuch oder im Einzelfall sogar zu einer
"andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung" [ICD-10 F62].
evtl. Spätfolgen sind nicht abzuschätzen. Ich habe die
Diagnose-Nummern des ICD-10 (der Weltgesundheitsorganisation) mit angegeben, um
deutlich zu machen, dass es sich hierbei um klassifizierbare psychische Störungen
handelt, die behandlungsbedürftig sind. Wir haben zwar in unserer
Gesellschaft auch das Recht, uns selbst zu schädigen, dass jedoch Millionen
von Zuschauern diese Selbstschädigung unterstützen, dass die Medienmacher
diese Selbstschädigung aktiv unterstützen und die werbetreibenden Firmen
dieses verantwortungslose Experiment möglich machen, zeigt die teils (un)menschliche
Situation unserer derzeitigen Gesellschaft. Bei den Teilnehmern zeigt sich dieselbse
Einstellung, wie bei den Medienmachern und der Werbung treibenden Wirtschaft:
Die "FürGeldmachichalles"- Mentalität. Das Hauptmotiv
dürfte aber sein: die "In-die-Medien-um-jeden-Preis"-Mentalität. Plötzlich
erfährt man sich als "Held", nicht weil man etwas besonders menschlich Wertvolles
getan hat, sondern, weil man öffentliche Beachtung findet, egal wie! Die
Medienmacher und die werbetreibende Wirtschaft nutzen diese Bedürfnisse aus
und nehmen die Schädigungen billigend in Kauf. Nicht Appelle an Ethik und
Moral sind der Dreh- und Angelpunkt, um das Brutal-TV zu überwinden, sondern
die Werbeeinnahmen. Die Medienproduzenten reagieren sehr sensibel auf Werbeeinbußen
und sind bereit sich umzustellen; leider nur bei entspechendem öffentlichen
Druck! Ein weiteres Motiv könnte sein: schwierige Situationen zu meistern
und Herausforderungen zu bestehen. Zuschauer-Motive: - Spannung, Nervenkitzel
- Menschen zu sehen, die sich blamieren, um sich selbst überlegen zu fühlen
Langeweile zu überwinden - Suche nach starken Reizen, um von eigenen Problemen
abschalten zu können - Schlüsselloch-Mentalität (im Fernsehen es
zu sehen, ist erlaubt, was sonst verboten wäre) - Cave: Dies ist Reality-TV
mit Interaktionsmöglichkeiten d.h. es ist wie ein Videospiel, nur sind es
diesmal wirkliche Menschen !!! Jetzt macht sich der Zuschauer mitverantwortlich!
Durch derartige Sendungen werden archaische Triebe und Regungen angesprochen und
angeregt und legitimisiert. Die immer häufiger werdende Überschreitung
von Tabugrenzen ist besorgniserregend. Die Überflutung mit menschen-verachtenden
Inhalten in Form von spannender Unterhaltung kann langfristig nur dazu beitragen,
das Klima der Gewalt in unserer Gesellschaft noch zu verstärken. Entscheidende
Werte wie Mitgefühl, Toleranz, Verantwortungsbewußtsein und Zivilcourage
bleiben auf der Strecke. Meine persönliche Überzeugung:
Wenn TV-Sendungen nicht zu mehr Verantwortungsbewußtsein und Mitmenschlichkeit
anregen, dann haben sie ihre soziale Berechtigung im Fernsehen verloren. Die Medienanbieter
sind zu verpflichten, den Wert ihrer Produkte daraufhin zu überprüfen,
dass ihre Produkte nicht schädlich für den Konsumenten sind und dass
sie keine "psychische Umweltverschmutzung" betreiben. Die Beweislast dafür
muss bei den Medienanbietern liegen und nicht beim Verbraucher. Aufruf
zum Werbe-Verzicht in Big Brother Die Firmen, die "Big Brother" bewerben,
sollten öffentlich angeprangert werden. Diese Werbung sollte als menschenverachtend
und verantwortungslos geächtet werden! Die Firmen müssen an ihre Mitverantwortung
für unsere Gesellschaft erinnert werden. Säckeweise sollte Protestpost
an diese Firmen gehen mit dem Ziel, auf die imageschädigende Wirkung ihrer
Werbestrategie hinzuweisen. Es müsste bei den werbetreibenden Firmen Protestanrufe
hageln! Firmen, die "abspringen" bzw. ihre Werbezusagen zurückziehen, und
sich offen dazu bekennen "Big Brother" nicht zu bewerben, sollten besonders positiv
hervorgehoben werden. Werbe-Verzicht könnte die beste Werbung sein!
2. Prof. H. A. Euler Ph. D. (GhK Kassel) Überlegungen zu "Big
Brother" Bevor ich die Fragen beantworte, muss ich sie reflektieren:
Die erste Frage ("Was passiert mit den Beteiligten in dieser Situation von Isolation,
Beoabachtung, extremer Konkurrenz und Bewertung?") lässt vermuten, dass der
Fragesteller die Situation als schädlich bewertet. Mit der zweiten Frage
("Sind dabei nicht bedenkliche psychische Folgen für die Beteiligten zu erwarten?")
wird deutlich, dass der Fragesteller negative Folgen sieht und erwartet, dass
der befragte Wissenschaftler die Voreinstellung bestätigt. Mit der dritten
Frage tut der Fragesteller kund, dass er die Rezipienten dieser Sendung nicht
goutiert, zumindest nicht in ihrem Sehvergnügen. Ich bin Wissenschaftler
und behandle Fragen des Verhaltens und erlebens nicht unter ästhetisch-moralischer
Perspektive. Ob eine Sendung schön, sittlich, löblich oder verdammenswert
ist, sind wichtige Fragen, aber nicht Domäne der Wissenschaft.
Nun zu den Fragen. Aus vorangegangenen Beobachtungen (z.B. Polarexpeditionen,
Raumfahrt) weiß man, dass die Regulation von Distanz und Nähe ein Problem
werden kann. Andererseits spielen aber neben der Distanzregulation eine Reihe
anderer Bedingungen mit, die es nicht erlauben, aus diesen Kenntnisse auf die
hier in Frage stehende Sendung zu extrapolieren. Vor allem ist dies völlig
unangebracht, da weil diese Art von Sendung schon stattgefunden hat und, soweit
bekannt, keine problematischen Folgen aufgetreten sind. Im übrigen wäre
dies auch völlig irrelelevant. Die Teilnehmer dieser Sendung wissen, worauf
sie sich einlassen, werden sogar dafür bezahlt beziehungsweise dürfen
eine pekuniäre Gewinnerwartung hegen. Sie sind freiwillige Schauspieler in
einem Stück. Die Zuschauer sehen diese Sendung freiwillig, aus eigenem Ermessen.
Wenn ich selbst Teilnehmer oder Zuschauer der Sendung wäre, würde ich
mir den erhobenen Zeigefinger eines stellvertretenden Redaktionsleiters als Ober-Bedenkenträger
mit Nachdruck verbitten. Was mögliche "bedenkliche Folgen" anbelangt,
ist aus der niederländischen Sendung nichts bekannt, oder? Was könnten
die Folgen denn sein? Ich würde erst einmal an Folgendes denken: Dies ist
eine einmalige Erfahrung, die (1) zur Selbsterfahrung beitragen könnte, (2)
den eigenen Bekanntheitsgrad erheblich steigert, was zumindest selbstwertdienlich
sein kann, (3) eine Grenzerfahrung darstellen kann und damit eigene personale
Ressourcen testet, (4) eine öde, langweilige Angelegenheit darstellt, auf
die man ein zweites Mal gerne verzichtet, (5) einen Popularitätstest darstellt,
der für den Verlierer niederschmetternd, den Gewinner erhebend sein kann,
(6) usw. Ich will damit sagen, dass es auch jede Menge möglicher positiver
Folgen geben könnte. Aber wie gesagt, dies ist alles unerheblich, weil die
Teilnehmer aus eigener Entscheidung mitmachen. Der Reiz für den
Zuschauer ist naheliegend. Jedes Individuum vergleicht sich ständig mit anderen.
Dies ist für die Etablierung von Normen und Werten wichtig. Deswegen wird
auch geklatsch und getratscht, was eine wichtige soziale Funktion erfüllt.
Man will also immer gerne wissen, wie es bei Hintzes und Kuntzes zugeht, besonders,
wo es eine geschützte Privatsphäre gibt (die es in dem Maße in
früheren Zeitn nicht gab) und alle anderen Einblicke in die Privatsphären
anderer (z.B. Lindenstraße) nicht so authentisch sind. |