Archive | Dezember, 2000

Phantom der Oper

Cats & Co. - Ist der Musical-Boom zuende?

am 16 Dezember 2000 by Dr. Lothar Jahn

Cats & Co. - Ist der Musical-Boom zuende?

Phantom der Oper

Die ganze Familie pilgert gemeinsam zu einem riesigen Spektakel aus Musik, Tanz und perfekter Show: Das Musical erlebte in den 90ern einen beispiellosen Aufschwung. Doch nun machen die ersten Musical-Tempel dicht: Ist der Boom zu Ende?

Wenn wir heute von »Musical« sprechen, kommen wir an einem Mann nicht vorbei: Andrew Lloyd-Webber, dessen kometenhafter Aufstieg 1970 mit »Jesus Christ Superstar« begann. Von »Evita« - kürzlich wieder als Film mit Madonna erfolgreich - über »Cats« und »Starlight Express« bis hin zu »Phantom Of The Opera« gelang ihm eine Erfolgsserie ohne Beispiel: Er scheute sich nicht davor, ernste Themen und avancierte Klangspielereien mit Banalitäten und schwülstigen Melodien zu verbinden. Zum Erfolg trug vor allem eine neue Vermarktungstechnik bei: der Export der Originalinszenierung in speziell zu diesem Zweck eingerichtete Musicalhäuser.

In vielen Großstädten des deutschsprachigen Raums - z.B. Wien, Hamburg und Bochum - sind seine Werke heute täglich in hoher Qualität bei entsprechenden Eintrittspreisen zu erleben. In Zusammenarbeit mit Stadtverwaltungen, Hotels, Reisebüros und Busunternehmen wird die Attraktion Musical clever vermarktet und zum touristischen Glanzpunkt von Kurzreisen gemacht.

Cats & Co. - Ist der Musical-Boom zuende?

Les Misérables

Auf Lloyd-Webbers Spuren wandeln zwei weitere Erfolgskomponisten: Claude Schönberg, der mit seinen im Webber-Stil komponierten Stücken »Les Misérables« und »Miss Saigon« ebenfalls Kassenschlager schreiben konnte, und Eric Woolfson, der einst als Partner von Alan Parsons im legendären Alan Parsons Project die Orchesterarrangements erarbeitete. Seine Musicals »Gaudi«, »Gambler« und »Freudiana« sind große Erfolge. .

Die Musicals der Stella-Gruppe sind frühestens vier Tage im Voraus und bis zu vier Stunden vor Beginn der Vorstellung zu einem preiswerten Tarif bei ltur buchbar. Man kann bis zu 45 Prozent sparen.

Der Boom der letzten Jahre, als in Deutschland die Musical-Häuser wie Pilze aus dem Boden schossen, scheint allerdings seinem natürlichen Ende entgegenzugehen: Das Musical »Tommy« nach der Rock-Oper von Pete Townshend (THE WHO) wurde in Offenbach trotz hoher künstlerischer Qualität nach einjähriger Spielzeit abgebrochen. Satte Rockmusik, englische Texte - dem durchschnittlichen Musicalbesucher war das Ganze wohl zu laut und schrill, die Alt-68er hörten sich lieber ihre alten Woodstock-Platten zuhause an.

Nach nur einem guten Jahr Spielzeit musste Lloyd Webbers »Sunset Boulevard« in Niedernhausen bei Frankfurt dichtmachen - trotz brillanter Kritiken für Hauptdarstellerin Helen Schneider. Die Sunset-Musicalhäuser mussten auch in New York und London schließen - vielleicht war die Story um eine alternde Filmdiva zu trostlos. Man darf gespannt sein, ob noch weitere Häuser pleite machen. Die Folgen sind schlimm: In Niedernhausen wurden z.B. vom Techniker über den Musiker bis hin zum Schauspieler und Wirt über 300 Mitarbeiter arbeitslos.

Die neugebauten Musical-Kultstätten auf der grünen Wiese oder in Stadtzentren haben dazu geführt, daß auch die etablierten Theater versuchen, durch Musicals neue Besucher zu gewinnen - selbst die Hersfelder Festspiele holten sich »Hair« und »Cabaret« ins Programm. Klassiker wie »West Side Story«, »Oklahoma«, »My Fair Lady« und »Anatevka« gehören ebenso zum Theater-Repertoire wie neuere Stücke, z.B. "Der kleine Horrorladen«, »Non(n)sense« oder »Linie 1«, das bislang populärste deutsche Musical. Das in der U-Bahn angesiedelte Stück »Linie 1« stammt aus der Feder von Volker Ludwig und Birger Heymann vom Berliner Grips-Theater.

Doch bei aller Liebe zum Musical-Genre: Oft sind die einseitig ausgebildeten Darsteller und Sänger eines Stadttheaters kaum in der Lage, die vielfältigen Anforderungen an die Mitwirkenden zu bewältigen. Und die knappen Etats reichen ohnehin selten aus, um mit den perfekten Musicalhaus-Inszenierungen mitzuhalten. Gut, wer da in der Beschränkung zum Meister wird, und die kleine, aber feine Form kultiviert: Das Kasseler Staatstheater zum Beispiel hat in einer langjährigen Arbeit mit Inszenierungen so unterschiedlicher Stücke wie »Jesus Christ Superstar«, »Rocky Horror Show«, Tom Waits' Freischütz-Neufassung »The Black Rider«, dem Hippie-Epos »Hair« und dem Halbstarken-Musical »Grease« eine Praxis herausgebildet, die auf Beachtung bei den Kritikern und Begeisterung beim Publikum stößt.

Das Stadttheater Marburg wagte sich mit »Das Gespenst von Canterville« Ende der 90er Jahre sogar an eine Welt-Uraufführung heran. Neben Musicalhäusern und Stadttheatern gibt es auch eine Menge freier und kommerzieller Tourneetheater, die Musicals in Stadthallen und Bürgerhäuser bringen und dort für volle Häuser sorgen: Vom »Phantom der Oper« gibt es z.B. 4 ganz unterschiedliche Text- und Musikfassungen, die mit großem Erfolg auf Tour sind. Auch Musical-Galas mit den Highlights unterschiedlicher Produktionen erfreuen sich einer großen Beliebtheit.

Das Bremer Musical »Jekyll und Hyde« zählt zu den großen Gewinnern der letzten Jahre. Stevensons Story um das Doppelleben eines besessenen Wissenschaftlers wurde in einer atemberaubenden multimedialen Inszenierung auf die Bühne gebracht. Immer beliebt sind auch Musicals über vergangene Popstars: Buddy Holly, Falco, ABBA und natürlich die BEATLES wurden mit entsprechenden Musicals bedacht. (lj)

Eine Liste der großen Musicals mit festen Spielorten findet Ihr hier!

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